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Lesereise Vietnam: Aufsteigender Drache am Roten Fluss
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eBook117 Seiten1 Stunde

Lesereise Vietnam: Aufsteigender Drache am Roten Fluss

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Über dieses E-Book

Elle Macchietto della Rossa, profunde Vietnamkennerin, besucht eine Familie aus dem Volk der Giarai, das matriarchalisch regiert wird, erzählt von den Partisanenfrauen, die in den sechziger Jahren den Ho-Chi-Minh-Pfad verteidigt haben, und frönt Gaumenfreuden, die an die Kaiserzeit erinnern. Als Beobachterin des vietnamesischen Lebens stellt die Autorin das Land und seine Eckpfeiler Kultur, Krieg, Kommerz und Kommunismus aus einem ganz persönlichen Blickwinkel dar. Den Hintergrund dafür bilden Vietnamesen wie Lô van Minh, der mit seinen Dokumentarfilmen trotz Zensur durch die vietnamesischen Behörden internationale Preise gewinnt, oder Duong Thu Huong, die Schriftstellerin und Dissidentin, deren Bücher im eigenen Land verboten sind, im Ausland jedoch hohe Auszeichnungen erhalten. Die Autorin berichtet vom Reisanbau, der Vietnam von einem hungernden Land zu einem der weltweit größten Reisexporteure gemacht hat und den fruchtbaren Kaffeeanbaugebieten des Hochlands, wo die Mehrzahl der vietnamesischen Minderheitenvölker in Armut lebt. Es sind Berichte aus einem wirtschaftlich boomenden, jedoch politisch noch immer restriktiven Land, das sich in rasendem Wandel befindet.
SpracheDeutsch
HerausgeberPicus Verlag
Erscheinungsdatum18. Feb. 2014
ISBN9783711752086
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    Buchvorschau

    Lesereise Vietnam - Elle Macchietto della Rossa

    Kultur

    Hanoi ist eine Dame

    Hanoi ist eine Dame – stark, stolz, gebildet, elegant, zurückhaltend. Hanoi ist Architektur des Ostens, vermählt mit den Stilen des Westens. Hanoi ist eine gepinselte Kalligrafie im Morgennebel. Hanoi ist Garküche auf Schultern und Pariser Café. Hanoi ist warmes Nieseln im Frühling, Zikadenzirpen im Sommer, liebkosender Windhauch im Herbst und Holzkohlengeruch im Winter. Hanoi ist autoritäres Regime und kapitalistischer Umsturz. Hanoi ist tausend Jahre Kultur und Geschichte im Wandel. »Hanoi Oi« ist ein Liebeslied an diese Stadt. Diese Stadt ist eine Dame.

    Beharrlich schwelt ein dröhnender Lärm in der Stadt. Autos, zwischen ihnen Motorräder, davor und dahinter Mopeds, Busse, Lastwagen. Die Verkehrssituation ist eng, laut, anstrengend und ermüdend; dennoch verhalten sich die Verkehrsteilnehmer in diesem Chaos gemäß ihren eigenen Regeln diszipliniert. Mit der anhaltend guten Wirtschaftsentwicklung des Landes sind Fahrräder nur mehr vereinzelt als Transportmittel zu sehen. Der nervenaufreibende Verkehr, über den sich die Einwohner tagtäglich beschweren und für den es von den Regierenden keine Lösung gibt, hat der einst so hübschen Dame Hanoi einen etwas fahlen Teint verliehen. Hanoi wirkt grau, egal ob bei Sonne oder Regen. Eines funktioniert aber nach wie vor: Flott gehe ich über die vierspurige Straße zwischen den schnell daherkommenden Autos hindurch, halte an, lasse passieren, warte auf die nächste Chance am Mittelstreifen und gehe nie zu langsam, nie zu schnell, immer den Augenkontakt aller entgegenkommenden Fahrer suchend, geradewegs auf die gegenüberliegende Straßenseite zu. Das besorgt mir einen ordentlichen Kick Abenteuer: Ich bin wieder da, in meinem geliebten Land.

    Der Tarif am Taxameter richtet sich nach der Größe des gelben Taxis. Eines bringt mich in Hanois Zentrum am Hoan-Kiem-See, denn so wie früher mit dem eigenen Motorrad zu fahren, wäre glatter Selbstmord. 6,4 Millionen Einwohner hat der Stadtstaat Hanoi, ist zugleich Hauptstadt des Landes und zweitgrößte Metropole. Hier im Zentrum leben dicht gedrängt zweieinhalb Millionen Menschen. Nirgends sonst ist Hanoi so vietnamesisch, aber auch so französisch. Trotz voranschreitender Globalisierung und enorm großer Veränderungen hat sich erfreulicherweise etwas bewahrt: Traditionsverhaftet treffen sich am von Bäumen gesäumten, gepflasterten Ufer des kleinen Hoan-Kiem-Sees, den eine Einbahnstraße umringt, noch zu jeder Jahreszeit mit Sonnenaufgang agile Frühaufsteher jeder Altersstufe. Sie üben tai chi chuan – Schattenboxen oder Federballspiel, Musikgymnastik, machen Liegestütze oder tanzen. Noch vor ein paar Jahren wurden die sportlichen Aktivitäten von Musik aus Lautsprechern begleitet, die an den Bäumen des Seeufers befestigt waren. Nun haben die verschiedenen Sportgruppen ihre eigenen CD-Player dabei.

    Der Frühverkehr gleicht eher einem Ringkampf, um acht Uhr herrscht Chaos. Die Marktfrauen kommen in überladenen Mopeds zum Markt und verschwinden hinter den zahlreichen Kisten voller Gemüse und Obst, die am Beifahrersitz hoch über sie selbst hinausragen, und deren Last sie nur schwer balancieren können. Die an den Füßen zusammengebundenen und am Lenker baumelnden Enten und Hühner ahnen noch nicht, dass dies ihre letzte Reise ist. Viele Marktverkäufer kommen über die Long-Bien-Brücke aus der Provinz nach Hanoi. Die Brücke ist mehr als nur eine wichtige Verbindung der beiden Seiten des Roten Flusses. Vielmehr ist sie ein historischer Überrest des modernen Vietnam. Die Brücke war eine strategisch wichtige Verbindungslinie zwischen dem Süden und dem Norden. Deshalb wurde sie 1965 in einer zwölfwöchigen Angriffsserie vom amerikanischen Militär attackiert, jedoch nie vollkommen zerstört. Alle Eisenbahn- und Lastwagentransporte aus China mussten über diese Brücke nach Hanoi und über sie führte die Eisenbahnverbindung zum Hafen in Haiphong. Ohne die Brücke wären Versorgungsengpässe entstanden. Dies ist bis heute so geblieben. Geändert haben sich nur die Verkehrsteilnehmer: Heute überqueren nur noch Züge, Fußgänger und wenige Fahrräder die alte Brücke. Personen- und Lastwagen sowie Zweiräder benutzen die neue und robustere Chuong-Duong-Brücke, die gut sechshundert Meter entfernt erbaut wurde. Auf der anderen Seite des Roten Flusses, Hanoi gegenüberliegend, befindet sich die Provinz Gia Lam. Hunderte Händler und Handwerker kommen von dort jeden Tag über den Roten Fluss in die Hauptstadt. Manche bringen dicke Bündel taufrischer Rosen mit scharfen Dornen und betörendem Duft in die Stadt. Speziell für den Vollmondtag werden Blumen gebraucht, denn traditionellerweise besuchen die Vietnamesen dann Tempel und Pagoden und bringen Blumen für die Götter mit. Zu Vollmond verkaufen die geschäftstüchtigen Händler die Ware zum doppelten Preis. Neben den Rosen, den bevorzugten Blumen für einen Tempelbesuch, opfern die Gläubigen auch Räucherstäbchen und allerlei Gaben: Miniaturkleidung aus buntem Seidenpapier, aus Karton gefaltete Mopeds, Autos, Häuser, Mobiltelefone und neuerdings iPads. Denn in Vietnam herrscht der Glaube, dass der Geist eines Verstorbenen in ein neues Leben im Jenseits eintritt. Dort benötigt er die gleichen materiellen Güter, wie er sie bereits im Diesseits kannte, aber meistens nicht besaß. Um den Verstorbenen ein angenehmes Leben nach dem Tod zu bereiten, opfern die Angehörigen diese Geschenke in Papierform.

    Besonders wichtig ist dabei auch Geld, damit sich die Toten ein bequemes Leben in der Nachwelt finanzieren können. Das aus der Höllenbank stammende »Hell Money« trägt den Aufdruck »Hell Bank Note«, Höllenkreditkarten gibt es selbstverständlich auch. Missionare brachten ursprünglich das Wort »Hölle« nach China und von dort nach Vietnam. Denjenigen, die nicht bereit waren, zum christlichen Glauben zu konvertieren, versuchte man mit einem Leben in der Hölle zu drohen. Das ängstigte die Vietnamesen gar nicht, denn mit Hölle verbanden sie nichts Schlimmes, sondern nur das Leben im Jenseits. Somit wurde das Geld für die Nachwelt zum Hell Money.

    Vom Flughafen führt der Weg nach Hanoi über den Roten Fluss. Den vierspurigen stark befahrenen Highway teilen sich Autos, Lastwagen, Mopeds, Viehkarren und Fußgänger, die hinter trockenen Staubwolken verschwinden. Betonhäuser säumen die Straße, die Räume im Erdgeschoss sind meistens Geschäftslokale. Auf Werbetafeln mit lateinischen Buchstaben steht »Com Pho«, Reis, Suppe, eine Bezeichnung für einfache Straßenrestaurants. Eine andere Tafel sticht im Straßenbild besonders hervor: »Xe May« steht darauf geschrieben, Moped. Jeder Vietnamese versteht, dass es sich um eine Mopedwerkstatt handelt. Jeder andere weiß schon nach wenigen Kilometern Fahrt auf dieser Straße, dass das Moped das wichtigste Fortbewegungsmittel im Land ist und oft die vierköpfige Familie transportiert. Wo früher saftig grüne Reisfelder standen, ragen neue kalkweiße Stadtviertel mit protzigen Triumphbögen aus dem Boden – die Frucht der Immobilienspekulation. Die Mieten für die leer stehenden Hochhäuser kann sich freilich (noch) niemand leisten.

    Hanoi ist seit tausend Jahren das politische und kulturelle Zentrum Vietnams. König Ly Thai To, der Begründer der vor tausend Jahren regierenden Ly-Dynastie, wollte seine Hauptstadt Hoa Lu aus der Provinz Ninh Binh an einen leichter erreichbaren Ort verlegen. Dai La, das heutige Hanoi, erschien ihm als Regierungszentrum seines Reiches vorzüglich geeignet, denn es lag im Herzen des Landes. Die Stadt in Form eines eingerollten Drachens sei aus allen vier Himmelsrichtungen gleich weit von den Grenzen entfernt und vorteilhaft nach Bergen und Flüssen ausgerichtet. Der weite, flache Ort liege auf einer Erhöhung und schütze die Bevölkerung vor Überschwemmungen. Alles blühe und gedeihe. Es sei der schönste Ort, der Menschen und Reichtümer zusammenbringe. Dai La gebe eine exzellente Hauptstadt für die königliche Dynastie der folgenden zehntausend Generationen. Daher beschloss der König, die Vorzüge dieses Ortes zu nutzen, und errichtete die neue Hauptstadt Thang Long, »aufsteigender Drache«, Symbol von Stärke und Wohlstand, dort, wo sie sich heute noch befindet. Nur ihr Name ist heute ein anderer, »Stadt innerhalb des Flusses«, Hà Nội. Von hier wird autoritär über die Geschicke der Nation bestimmt, hier lebt aber auch die geistige, kulturelle und intellektuelle Elite des Landes.

    Das Stadtzentrum umfasst vier Bezirke: Der Kern ist am Hoan-Kiem-See, das Gassengewirr des Geschäftsviertels liegt in der Altstadt nördlich davon, im Osten der Deiche des Roten Flusses und im Westen von einer Zitadelle begrenzt, erhebt sich das Regierungsviertel am Ba-Dinh-Platz. Südlich davon befindet sich das ehemalige französische Viertel nahe des Ho-Chi-Minh-Mausoleums. Hanois Aussehen veränderte sich tiefgreifend, als die Stadt 1886 unter französische Herrschaft kam. Architekturstile vietnamesischer Tradition verbanden sich harmonisch mit französisch-kolonialen. In den letzten Jahren hat sich der seit 1955 fast unveränderte

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