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Der 16. Fragebogen: Prosa III

Der 16. Fragebogen: Prosa III

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Der 16. Fragebogen: Prosa III

Länge:
392 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Dec 12, 2014
ISBN:
9783990470152
Format:
Buch

Beschreibung

Das literarische und essayistische Œuvre des Schriftstellers, Intellektuellen und Diplomaten Jiří Gruša (1938-2011) lässt sich dezidiert als ein Werk von europäischem Format beschreiben. Dies gilt in einem doppelten Sinn: im Hinblick auf seine ästhetische Qualität wie auch hinsichtlich seiner zukunftsweisenden transnationalen Diktion und Dimension.

Das Werk des 1938 in Pardubice geborenen, 1981 ausgebürgerten und 2011 in Deutschland verstorbenen Autors umfasst ein heterogenes Werk, das in zwei Sprachen - Deutsch und Tschechisch - verfasst ist und das mehrere Kontexte aufweist: einen tschechischen, einen deutschen, einen österreichischen und einen europäischen. Die kritische Sichtung vieler unpublizierter Texte sowie die lektorierte Neuausgabe seiner Romane und seiner Lyrik bilden das Zentrum der Klagenfurter Werkausgabe, die Sabine Gruša zusammen mit einer Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Tschechien, Österreich und Deutschland unter Leitung von Hans Dieter Zimmermann und Dalibor Dobiaš initiiert hat. Dabei geht es nicht nur um die unbestreitbare Tatsache, dass seine Romane, Gedichte, Vorträge und Aufsätze Teil eines gemeinsamen europäischen Gedächtnisses vor und nach der Wende von 1989 sind, und auch nicht nur um die Sicherung eines hervorragenden literarischen Werkes, sondern um die maßgeblichen Impulse, die von Grušas wegweisendem transnationalen und nationalitätskritischen Denken ausgehen und die mit einem bestimmten Habitus verbunden verbunden sind, den man als "europäisch" bezeichnen kann.
Herausgeber:
Freigegeben:
Dec 12, 2014
ISBN:
9783990470152
Format:
Buch

Über den Autor


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Der 16. Fragebogen - Jiří Gruša

Kopecký)

I. Granit 01

Am 19. September 197… suchte ich in der Stadt Prag, d. h. hier und nicht etwa in Chlumec, die Fa. GRANIT auf, bereits den sechzehnten Betrieb während der letzten zwei Jahre, und erhielt von Gen. (= Genosse oder Bundesgenosse, im Bund mit anderen Genossen) Pavlenda im zweiten Stock, Zimmer 102, meinen sechzehnten Fragebogen.

Im Unterschied zu den vorherigen Fragebögen stand hier, rechts oben, mit Tintenstift und höchstwahrscheinlich von der Hand des Gen. Pavlenda, in Blockschrift: NICHT DURCHSTREICHEN, d. h. eine vielsagende Mitteilung, denn auf den früheren Exemplaren war so etwas nicht vorgekommen. Ich hielt diese Tatsache für so wichtig, dass ich mich sogleich entschloss, den Fragebogen noch einmal auszufüllen, obgleich mich zuvor, als ich ihn von Gen. Pavlenda entgegennahm, ja, als ich ihn nur in seiner Hand erblickte, alle Hoffnung verließ.

Nun aber stand hier eine direkte Botschaft. Keiner der Gen., mit denen ich zuvor in Verhandlungen getreten war, hatte die Notwendigkeit verspürt, die schroffen Fragen zu glossieren oder gar die Art und Weise vorzuschreiben, wie ich mein x-x-x zu machen hätte. Ihnen genügte es, dass ich den Fragebogen abgab. Im Gegenzug schickten sie mir gewöhnlich nach drei Wochen eine kurze Benachrichtigung, dass meine Bewerbung abgelehnt sei.

Ich hatte jedoch in allen früheren Fragebögen einiges durchgestrichen, z. B. in der Rubrik 19, öffentliche Funktionen, den/die Laienrichter(in) ausgeixt, der/die ich niemals gewesen war, denn ich neigte nicht im Geringsten zu einer solchen Mission. Auch Rubrik 27, Namen von Personen im Ausland, hatte ich gestrichen und natürlich etliche weitere Spalten, jedoch immer solche, die entweder die Zeit vor meiner Geburt oder die Zeit meiner Kindheit betrafen, da ich schon aus physischen Gründen an manchen Aktionen gar nicht teilgenommen haben konnte. Dennoch hatte ich mich dem Ausfüllen jedes Mal mit reinem Gewissen unterzogen und stets wahrheitsgemäß erklärt, nichts verheimlicht zu haben, und dies am Schluss vorschriftsgemäß mit eigenhändiger Unterschrift bescheinigt.

Das hier war jedoch eine Aufforderung.

Die blaugrünen Augen dieses Pavlenda, und auch wie er sich bückte, um sich den Stuhl unter den Hintern zu schieben, wie er sich dann zu mir vorneigte, der ich saß (nur einmal hatte man mich aufgefordert, mich zu setzen), und wie er mir dieses Papier Nr. 01-240-0 aus Stráž bei Pilsen (ich wusste über meinen Fragebogen sogar schon, wo er gedruckt wurde) über das Marmortischchen zuschob, und wie mir fast ins Gesicht geatmet wurde, als der Gen. Pavlenda lächelte …, das war vielversprechend.

Und vom Gang kam eine Frau mit einer Unterschriftenmappe herein, und als sie die Tür aufmachte, flog dieses Papier, das sich schon fast meinem Mittelfinger genähert hatte, hoch, schwebte in der Luft, bis es mit Loopingbewegungen gleitend auf dem Büroteppich landete.

Wir standen auf, ich und Gen. Pavlenda, verneigten uns tief vor der eingetretenen Frau, denn zu ihren Füßen lag der Fragebogen, doch Gen. Pavlenda war schneller als ich, griff früher nach dem Papier. Dabei schob sich seine Krawatte heraus und sein Scheitel verrutschte. Ich betrachtete ihn so entbehördlicht, er war ein rötlich angelaufener Albino, etwa in meinem Alter. Aber bereits Genosse. Auch das war vielversprechend.

Und er lächelte ein zweites Mal.

Ich nahm dieses Lächeln gleichzeitig mit dem Formular entgegen.

Dann brach ich auf, ging neben der Frau mit der Unterschriftenmappe über die granitenen Treppen von GRANIT, um den Traum oder die Vision oder die Vorahnung zu haben – auf meine Art:

Die Frau mit der Mappe – oder besser: nur diese Frau, der ich nicht ins Gesicht gesehen hatte, obgleich ich überhaupt nicht daran zweifelte, dass es die gleiche Person ist, die in das Büro des Gen. Pavlenda hereingekommen war und mir diesen Durchzug beschert hatte, diese Frau wartete an dem ersten Treppenabsatz, wo sie mir sagte, dass ich in den Aufzug einsteigen sollte, obgleich GRANIT nur ein zweistöckiges Rokokopalästchen ist. Dann fuhren wir in die obere Etage und stiegen direkt aus dem Fahrstuhl in eine Apotheke voll mit Fläschchen und Gläsern. Die Arzneien waren mit lateinischen und griechischen Schildern beschriftet und bei aller Kostbarkeit offensichtlich für einen Pappenstiel zu haben, zumindest dieser Frau nach, die sie (immer noch gesichtslos) umfüllte und umschüttete, um schließlich nach einem grünen, phosphoreszierenden Flakon mit einer einfarbigen Flüssigkeit mit der Bezeichnung

Pharmakon athanasias

zu greifen, doch kaum wollte sie mir davon eingießen, schrie ich auf und bat sie, aufzuhören, weil in jenem Fläschchen auch ich war – als Homunkulus. Die Frau aber goss mir die Lake rücksichtslos weiter ein, bis ich spürte, dass ich ersticken würde wie ein Fisch, dass ich nach Luft schnappe, dass mir völlig die Luft ausgeht.

Ich ging also zu Olin, der mein Vetter ist und, was den Altersunterschied anbelangt, eher mein Onkel sein könnte, und ihn bat ich um Auslegung. Er ist nämlich zugleich mein Traumdeuter und Enträtsler meiner Vorahnungen und überhaupt mein Wahrsager in allen Dingen. Doch diesmal lehnte er ab und empfahl mir spöttisch, ich solle, um besser schlafen zu können, auf dem Kopf stehen lernen. Ich überging das und fragte ihn, ob auch er glaube, dass das vielversprechend sei.

»Ja«, stimmt er mir zu, »du fängst an zu spinnen.«

»Da hast du recht, Olin. Weißt du, was mir eingefallen ist? Dass ich das falsch ausfülle. Etwa das mit dem Laienrichter.«

»Laien… was?«

»Laienrichter«, sage ich, »den habe ich immer ausgeixt. Aber damit habe ich mir Chancen verbaut, verstehst du?«

Ich blicke Olin an, und zu meinem Erstaunen will mir scheinen, dass er diesmal meinen Gedanken nicht folgen kann.

»Sie haben immer daraus entnommen, dass ich kein Laienrichter sein will, dass ich es rundweg ablehne. Warum sollten sie sonst diesen Fragebogen behalten, wenn sie mich niemals nehmen?«

»Weil du kein Anrecht hast«, sagt Olin.

(Kein Anrecht haben = eine Olin’sche Redensart, die die absolute Stufe des Unzulässigseins ausdrückt.)

»Auf der anderen Seite«, sagt Olin, »wenn sie ein Exemplar nach dem anderen nehmen und die Bewegung deiner IXEREI nachvollziehen, müssen sie erkennen, dass du dich besserst.«

»So ist dieses Papier tatsächlich eine Botschaft«, sage ich, »damit deutet man mir eigentlich an …«

»Geh schlafen«, sagt Olin, »genug mit dem Blödsinn!«

Ich gehe schlafen, ohne dass mir mein Traum ausgelegt wurde, aber ich gehe betrunken und ganz erschlagen, wie immer, wenn ich mit Olin zusammen bin und er zu trinken und zu singen beginnt … und Träume deutet, vor allem seine eigenen, die völlig anders sind als meine. In seinen Träumen kommt entweder ein Fluss vor oder Licht oder ein Weib, das es in sich hat und das weiß und dabei von Olin Notiz nimmt, und er macht sich’s in ihr schön. In meinen Träumen kommt immer ein Kreis vor (irgendetwas Kreisförmiges), und immer dreht er sich.

Vielleicht hätte ich auch das in dem Fragebogen anführen sollen. Oder zumindest im Lebenslauf. Aber den habe ich den Formularen bisher immer ganz stereotyp beigefügt – als maschinengeschriebene Vervielfältigung – ohne die geringste Änderung. Ich sollte dort über den Traum von dem KREIS schreiben. Wie er sich dreht, und wie mich gesichtslose Frauen begleiten oder solche, deren Gesicht sich aus rosaroten Blättchen zusammensetzt, und ich reiße die Blättchen ab, um die Gesichtszüge zu ergründen, aber die Blättchen sind endlos, bodenlos, und wieder kreisen sie, wenn sie fallen.

Mein Gott, es ist nicht so, dass ich unter diesen Träumen zusammenbreche, eher ersaufe ich oder besaufe mich.

Aber manchmal ist mir, als stürbe ich in diesem Traum. Item: Nächstens werde ich nichts durchstreichen.

Mag da auch dieses Laub in Jíveň sein, als Pluto in den Löwen eintrat und der Neumond nahte, dort unweit von Chlumec, am Donnerstag, dem zwanzigsten Oktober. Mein Bald-Vater Edvín (ach, dieser Name!) ist anfangs umsichtig und denkt nicht daran, mich zu machen. Er, immer vorsichtiger, zumindest im Vergleich zu Mama … zögert jetzt noch.

Nicht, dass er nicht wollte, er ist Soldat – er ist Korporal, über dem linken Arm hat er den Mantel – selbst bei der Nasskälte –, rechts im Arm Alice, meine Mutter, in meinem Vorgedächtnis ist der Widerschein eines herbstlichen Wölkchens genau eingeprägt, wie es ihr aus dem Mund stieg, wenn sie lachte oder wenn sie vergnügt diesen Edvín anredete, der sie zwischen Jíveň und Vrát ins Laub führt, eigentlich in die Illegalität, denn beide fliehen. Edvín aus der Kaserne und Alice vor ihrer Pflegemutter, der Tante Vlačihová. Die hatte Edvín schon einmal von der Polizei aufgreifen lassen, und so treffen sich die Meinen jetzt auf halbem Weg, Edvín kommt aus Hrádek angefahren und Mama aus Chlumec, in Jíveň ist es, als würden ihre Züge einander verschlingen, aber in diesem Zwischenraum, der hinter ihnen zurückbleibt, stehen Edvín und Alice, die Gesichter einander zugewandt, sie überqueren die Geleise und haken sich unter. Ich höre die Handtasche, wie sie Mama an die Beine schlägt, ich spüre das Wehen des Rockes, aber mir ist überhaupt nicht kalt. Edvín hat in der Manteltasche das české slovo zusammengefaltet, doch das Datum lässt sich gut lesen, und darum merke ich es mir. Hinter Jíveň, bereits außer Sichtweite, zögert Edvín ein letztes Mal: »Und was, wenn sie uns wieder verpfeift?« Alice sagt jedoch: »Und wenn schon!«

Sie hat sich ein für alle Mal für mich entschieden.

Ich schweige derweil, aber ich beobachte alles aufmerksam und erstatte von allem ausführlich Bericht. So fiel z. B., Gen. Pavlenda, als dieser Mantel ausgebreitet wurde, diese Zeitung heraus, und ich sah, dass dort über ihre Partei geschrieben wird. Sie wurde soeben verboten. Edvín hatte es gelesen und war ruhig darüber hinweggegangen (er war niemals politisch organisiert, siehe Rubrik 7 und 23), d. h., ruhig hatte er sich weiter auf den Weg nach Jíveň gemacht, war ruhig von der Bank aufgestanden, zur Ausgangstür gegangen und hatte auf dem Weg die Zeitung in die Manteltasche gesteckt, aus der sie erst jetzt herausfiel, während meiner Zeugung.

Ich entstand jedoch in Freude und gewissermaßen beiläufig, nicht zu dem einzigen Zweck, will sagen, ich war Alice und Edvín nicht Selbstzweck; so soll es sein. Mama blieben in den Haaren Disteln, also ölhaltige Kletten hängen, als sie bei der Suche nach dem weitestgeöffneten Liegen vom Mantel abrutschte und mit dem Kopf, dem locker gewordenen (und gleichzeitig kupfern schimmernden) Haar die Kletten streifte, die gleich zuschnappten und ganz fest hängen blieben.

Sie ließen sich nicht auskämmen. Nicht einmal abends, als Alice (Frl. Váchalová) von Tante Ludmila eine Ohrfeige bekam – für diese Kletten. Ich wurde bei diesem Schlag durchgeschaukelt und hörte, dass die Tante Mama beschimpfte, aber ich konnte nicht zuhören, noch mich übermäßig umschauen in dem Čepíner Haus, ich hatte gerade zu tun, um nicht während des Aufpralls herauszufallen. Das war schon die zweite Gefährdung meines Lebens, und das innerhalb so kurzer Zeit; einen Monat zuvor hätte ich zusammen mit Edvín fallen können, wenn sich der Krieg nicht verschoben hätte und wenn ich nicht ganz so weit in Böhmen dringewesen wäre. Glücklicherweise hörte ich jedoch auch während der Schaukelei nach der Ohrfeige der Tante diese Allee hinter Vrát, sie verfärbte sich gelb, und ihr Laub raschelte unter den Füßen, und ebenso hörte ich, wie Edvín es unter seinem Militärmantel zusammenscharrte, damit er Mama höher und weicher betten konnte, und wie das Rascheln dieses Laubs dann von dort vernehmbar war, wo sie es miteinander machten, d. h., in meiner nächsten Nähe, sodass es sich mir nachhaltig ins Gedächtnis eingegraben hat, noch heute ist es da, und ich liebe das Oktoberende oder den Novemberanfang, ich stapfe in Parkanlagen im Laub herum und erinnere mich an jenes Rufen, welches damals Edvín, als er schon zurückziehen wollte, zwang, sich festzusaugen und zuzustoßen, damit ich von dort, aus dem Kaulquappenuniversum, wo ich noch war (umherirrte), hinunterstieg in diesen Schoß, mich dort verfing und festhielt wie die Häkchen der Kletten in Alices Haar, unumstößlich und nicht wegzuohrfeigen.

Doch auch Edvín, als er sah, dass es sein musste, ließ sich nicht durch unnötige Zurückhaltung um das Spritzen bringen, das beglückt, sondern er drückte sich bis an Mamas Schambein (so weit es ging, in das völlig Offene) und spürte dort, wie sich innen all dies Weiche, Atmende, dies Saftige zusammenzieht und frei macht, das dann auf den Fingern trocknet oder brennt, das aber gleichzeitig erregt, du lieber Gott, bis zur Glückseligkeit. Bis zum Unsinnigen jedoch, zumindest sprach Edvín so davon, wenn es abtaute und er den Herrgott bat, ihm das Wohlgefallen daran zu vergeben.

Er war Katholik, es nagte an ihm, dass er während des Vögelns sogar den Namen Gottes aussprach. Er betete darum zu Gott dem Herrn, ihm zu vergeben. Und der Herr tat dies höchstwahrscheinlich, was sollte Er letzten Endes mit Edvín machen, wenn Er von all Seinen Gaben Vater am reichlichsten mit Schönheit beschenkt hatte, mit Liebreiz und der Lust, gerade das zu tun? Diesen Edvín’schen Liebreiz mochte Mama bestimmt am liebsten, Tränen traten ihr in die Augen, wenn er, schon leer gesprudelt und von den letzten Wellen dort unten mitgerissen, mit seinem Kopf in der Höhle ihres Schlüsselbeins lag und zu Mama sagte, sie sei seine Alička – oder Alka, wie Alke, dieser nordische Schwimmvogel, von dem Edvín nicht die geringste Vorstellung hatte, aber es gefiel ihm sein mollgetönter Name. Mama strich ihm dabei durchs Haar, und da sich aus seinem Namen kein einigermaßen annehmbares Verkleinerungswort formen ließ, sagte sie du zu ihm. Aber es bedeutete indessen auch ich, das Wesen im Laub, der Samen des Samens.

Ich ging gerade von einem Aggregatzustand in den anderen über, in dieses Laubwesen, nein, kein nebenbei Hingefickter, sondern ein Kind der Liebe, Alice war siebzehn, sie verpatzte sich damit das Leben, mit mir im Bauch würde sie unter die Mitschüler des Chlumecer Gymnasiums müssen …, und Edvín verschafft ihr außer diesem Lieben nichts Besseres. Meine weiteren Schicksale, genauer gesagt, meine Beteiligung am Widerstand im Lande (am Widerstand außer Landes habe ich mich nicht direkt beteiligt), setzt sich aus diesen Tatsachen zusammen:

Ich lehnte mich, wie schon angeführt, gegen Ludmila Vlačihová auf, als sie Mama eine Ohrfeige gab und mit mir alles schwankte, und ferner siegte ich über die Tante in dem Streit, ob ich umgebracht werden sollte. Sie fürchtete sich vor der Chlumecer Schande mehr als meine Mutter. Sie suchte Blanka Jeništová, die Hebamme, auf, und überredete sie, zur Engelmacherin zu werden. Alice gab sie den Rat, mich durch Hopsen oder das Tragen schwerer Lasten herauszuschütteln, aber Mama sagte, dass sie es sich nicht nehmen ließe (damals sprach sie von mir wie von etwas, das heißt, sie benutzte für mich die Bezeichnung Es), und die Tante gab auf. Selbst sie wollte mich nicht grundlos erschlagen lassen, doch sie erfüllte ein Versprechen ihrer Schwester (meiner seligen Großmutter), sich um Alice zu kümmern, und jetzt schien es, dass sie es nicht gerade besonders gut gemacht hatte, dass Alička ja eine schwangere Waise sei und überhaupt, dass sich alles seltsam verquirlte. Und danach (gleich danach) hatte ich Schwierigkeiten mit der Gestapo (Anm.: eine deutsche Polizei-Art). Am vierten April kamen sie in die Schokoladenfabrik, in der Edvín Betriebsleiter war, nicht etwa um Vater einzusperren, sie wollten sich nur ein bisschen mit ihm unterhalten. Wir wohnten, also bereits wir drei, d. h. Alice + Edvín + ich, in der Tuchmachergasse in einem Hatuš-Wohnheim, es war das einzige moderne Haus in der alten Stadt, und diese Polizisten brauchten in Chlumec ein hübsches Quartier. Sie kamen, als wollten sie das mit Papa vereinbaren, dabei aber schnappten sie sich ihn, nur so, um ihn dann mit zerzausten Federn wieder aus der Hand lassen zu können.

Auf diese Weise zerzaust, kehrte er nach Hause zurück zu Mama und mir in ihr, die wir in der Essecke bei Tisch saßen, ich mit dem Kopf direkt gegen die offene Schublade, Mama ordnete dort die blank geputzten Silbermesser, ein Hochzeitsgeschenk (Anm.: Eigentumsverhältnisse gehören jedoch erst in Rubr. 10), und diese Messer funkelten, mit Putzwatte und bislang auch mit Zigarettenasche poliert, als Edvín eintrat und sagte:

»Sie sind hinter uns her!«

»Wer?«, fragte Mama und schaute mit ihren jüdischen Augen auf.

»Die Deutschen«, sagte er, und ich, wahrscheinlich aufgerüttelt von der Heftigkeit in Vaters Stimme, ich stemmte mich mit den Beinen gegen die Wand meiner damaligen Wohnstätte, schnellte empor, sodass Mamas Bauch mit einer Wellenbewegung diese herausgeschobene Schublade zustieß, eins, zwei schloss sie sie, und Edvín stürzte zu Boden.

Diese beiden Schläge, mit denen ich meine Widerstands-Aktivität zum Ausdruck brachte, sind genau aufgezeichnet.

Der erste rasselte nur metallisch, seine Vibration durchzitterte den Raum, auch dann noch, als die Schublade zuschnappte. Der zweite war hohl, kurz – howgh.

Edvín, das wollte ich nicht, wirklich, ich bitte dich vielmals um Entschuldigung!

Aber Mama erschrak auch, fasste nach mir, drückte mich zurück, brachte mich zurück in mein Schwimmen, dieses Wandern im Inneren ihres Körpers, das, wie ich zu bestätigen bereit bin, noch weit komplizierter war als meine späteren Fahrten, und es kam ihr in den Sinn, was für ein unendlich empfindliches Organ doch die Gebärmutter ist, sie hielt mich wieder an dem ursprünglichen Platz fest, dann hob sie mich ein wenig mit den Händen an, um sich nicht allzu sehr zu belasten, oder sie hob ein wenig den Bauch an, als sie sich zu Edvín niederkniete, Papa auf seine hohe Stirn küsste und mit diesen Küssen ihn wieder zum Leben erweckte, wie eine Märchenprinzessin den Prinzen, nein, wie meine Mama, denn jede andere Hausfrau hätte Wasser oder Riechsalz geholt, während sie ihn küsste und liebkoste, bis Edvín aus der Ohnmacht zu erwachen begann, die Augen aufmachte und den Satz aller Prinzen vorbrachte:

»Ach, wo bin ich denn?«

Und Mama sagt ihm, er sei in Chlumec und bei ihr.

»Schließlich wird es ganz prima, wenn wir nicht im Hatuš-Haus wohnen werden.«

»Hm«, sagt Edvín, »wir werden Am Tälchen wohnen, gegenüber vom Sportplatz, da ist eine Wohnung zu vermieten.«

»Ja«, sagt Alice, »dort werden wir wohnen«, denn Alice weiß, dass es bejahende und ablehnende Augenblicke gibt, sie hält sie genau auseinander, und dann denkt sie erneut daran, was für ein empfindliches Organ die Gebärmutter ist, denn Edvín hat schon die Lippen bis zu Mamas Adamsapfel angehoben …, ich muss ihn wohl ranlassen.

Und sie lässt ihn ran. Dort auf dem Fußboden, gleich da, wo er gestürzt ist, selbst wenn ich wütend werde, selbst wenn ich zu strampeln anfange. Und so geben sie mir zu trinken, damit ich mich nicht ärgere. Sie machen mich betrunken mit Hagebuttenwein und etwas, das VIGNAC MEDICINAL heißt und das der Chlumecer Drogist Gode & Söhne herstellt.

Ich höre, wie sie miteinander anstoßen, und da schlafe ich schon fast, trete nicht mehr.

Und sie schlafen auch und schmiegen sich im Traum aneinander wie in Wirklichkeit.

Es ist nicht ausgeschlossen, fällt mir ein, dass diese Trunkenheit den größten Feind der Neugeborenen vertreiben hilft: die Frühgeburt.

Ich schlafe, ich singe und spüre keine Schmerzen.

Noch 77 Tage, und ich werde sein.

II.

Anadyomene

In diesen siebenundsiebzig Tagen läuft Olin, d. h. Oldřich Vlačiha, der Sohn von Tante Ludmila, davon, sodass ich ihn im Leben nicht früher sehe als in meinem sechsten Lebensjahr. Aber er wird in der libyschen Wüste eine Erscheinung haben.

Auch Sie, Gen. Pavlenda, beeilen Sie sich, besorgen Sie sich eine Mutter, damit Sie in meinem Kielwasser als Skorpion zur Welt kommen.

Ich gehe durch die Stadt, werde getragen; ich errege nicht einmal Ärgernis, wie Tante Ludmila befürchtete, jeder hat seine eigenen Sorgen, um einen Bauch kümmert sich niemand. Das Einzige, was wir in diesen 77 Tagen Schmachvolles ertragen müssen, ist eine Vier vom Kuruc. Er rächte sich an uns für den schönen Bauch, er unterrichtete Mama in Französisch, er schaute sie hämisch an, stellte sich vor ihr auf die Fußspitzen, wiegte sich vor und zurück, schnaubte und schmatzte, ständig prüfte er sie im passé composé der unregelmäßigen Verben, sie musste ihm eine Geschichte aus dem Lehrbuch nacherzählen, die Les noces au village hieß, wo erzählt wird, dass die Braut in die Kirche tritt, entra à l’église au bras de son père, jedoch nicht angebumst und keine Waise, bis Alička einmal so giftig wurde, dass sie diesen Kuruc an seinem Anhänger an der Hose packte, der ihm dort baumelte wie eine Uhrkette, aber hier dran hing der Rübezahl aus dem Riesengebirge, weil Kuruc – der Winzling – Sportler war und in Pumphosen mit Skiern den Berg hinunterfuhr. Und dieser Anhänger baumelte dort anstelle seines eigenen Gliedes (d. h. Schwanzes), weil der so unberechenbar war, sodass der Winzling sich lieber diesen klimpernden Anhänger hinhängte, um sicherzugehen, dass ihm auf den Bergen bei stärkeren Frösten sein eigenes Winzding nicht ganz in den Körper hineinschrumpfte, und diesen Kuruc erwischte Mama an den Aufschlägen seines Mantels, in dem er seinen Beruf ausübte, sie packte ihn und schüttelte ihn hin und her, bis er rot wurde, und kastrierte ihm das Bimmelding weg. So mir nichts, dir nichts, zuerst hatte sie se laver konjugiert und es bis zu nous nous étions lavés gebracht, ohne jede Warnung packte sie ihn am Revers und dann, während das Gesicht des Winzlings die Farbe seines Mantels annahm, d. h. bläulich anlief, griff sie ihm unten mit einer eleganten schnellen Bewegung in die Daseinsmitte. Die Geste war schamanisch und zeugte davon, dass die, die zugriff, dieses schöne angebumste Mädchen, wusste, was sie fände, wenn hier etwa Edvín stehen würde (und Edvín würde er stehen), und dass sie viel liebenswürdiger sein könnte, wenn sie die Liebkosung gewählt hätte statt der Kastration! So! Mit einem Mal riss sie dem Winzling seinen Winzling ab, und Kuruc fiel in Ohnmacht.

Als der ihm abfiel, wurde er ganz und gar blau und brach neben dem Katheder zusammen; meine Mama, Alka, hob sich über ihm ab mit dem Bauch, schritt über ihn hinweg wie ein Elefantenweibchen und kehrte zurück an ihren Platz in der zweiten Bankreihe beim Fenster (rechts). Andere Schülerinnen liefen den Hm. Direktor holen, während A. Vâchalovâ, kaum hatte sie sich gesetzt, zu weinen begann. Ihr Weinen warf mich herum, darum begann ich zu kraulen, damit sie sich an mich erinnerte; sie kreuzte die Hände über mir und beruhigte mich, eigentlich beruhigten wir uns gegenseitig, wir wollten uns nicht die Lage verderben, vor der irregulären hatten wir große Angst.

Woher denn, das könnte ich Mama nicht antun! Sie hatte darüber so viele Geschichten von Gebärenden gehört, dass sie sehr böse auf mich wäre, wenn ich irgendwie dumm runterrutschte. So legte sie also die Hände dorthin, wo ich am meisten hervortrat und wo unter der Plazenta mein Hinterteil war, und tröstete mich. Sie dachte, dass ich mich dort mit dem Kopf hinauswölbe, sie war überzeugt davon, dass sie mir fast übers Haar strich und dass sie mich liebkoste, als sei sie meine Liebe, sie sprach zu meinem Hinterteil und beruhigte mich und legte den Finger an die Lippen: Pssst!

Aber meine Lage war völlig normal, mit dem Kopf lag ich nach unten, ich hatte ihn direkt dem Ausgang gegenüber …, mit abgerundetem Scheitel so zweckmäßig platziert, einfach vorbereitet, um mit leichtem Drehen und mit eiligem Durchschleudern herauszuschlüpfen – ohne weiteren Verzug. Nicht einmal der Stand der Gestirne war schlecht (zumindest nach Olins späterem Nachrechnen, siehe seine Rekonstruktion in dem beigelegten Horoskop), der Mond trat in die Jungfrau. Mama fuhr nach Čepín. Es liegt ein Stückchen von Chlumec entfernt, gehört deshalb nicht mehr zu Chlumec, sondern ist eine zerfallene Burg, und unterhalb von ihr befindet sich eine Brauerei mit zwei Schornsteinen, ein Gutshof, Hütten, das Wirtshaus Unter dem Lindenbaum und Tante Ludmilas Haus mit dem Walmdach, wo Alice diese Ohrfeige bekommen hatte.

Es dunkelte, als die Tante Mama unten von der Haltestelle kommen sah, um das Klán’sche Haus herum, und Mamas Bauch glänzte matt in dem abendlichen Halblicht, er ähnelte dem Bauch der Jungfrau Maria aus den Abbildungen im »Goldenen Himmelsschlüssel«, wo gleichfalls aus dem schwangeren Leib Strahlen herausschießen, während die himmlische Muttergottes, die Arme sanft ausgebreitet, die Wölbung der Leibesfrucht bewahrend, lächelnd auf das Licht inmitten ihres Körpers blickt und in diesen Anblick ganz versunken ist. Alice hat es ihr abgeschaut, sie schreitet hinauf von der Haltestelle zu dem Haus der Vlačihas, und von ferne grüßen sie ehrerbietig Herr Vostárek, der hiesige Mälzer, und Herr Klán mit seiner hübschen Frau, die sich gleich auch so einen Bauch wünscht, und es sieht sie auch Tante Ludmila, und sie beginnt zu zittern, erschrickt sehr, bedauert, dass sie je an meinen Tod gedacht hat, denn jetzt bin ich auffallend lebendig, und sie bemerkt das. Sie bittet Frau Jeništová um Verzeihung und zugleich um ihre Patenschaft, damit das irgendwie weggewischt und vergessen wird, worum sie sie zuvor gebeten hatte. Frau Jeništová verspricht mir ihre Patenschaft, und ich begrüße das. Sie ist die beste Assistentin von Dr. Brázda, sie lässt es sich angelegen sein, dass ich Mama nicht zusätzlich übermäßig wehtue.

Dann bekomme ich mein Zeugnis, meine erste schlechte Note in sittlichem Betragen – und in Französisch. Aber darüber lächeln Alice und ich nur.

Auch besuche ich an Mariä Heimsuchung zum ersten Mal die Kirche St. Barbara in Chlumec. Vor dem Besuch schwanke ich jedoch ein wenig, Mama will nicht so gern mit mir in meinem gegenwärtigen Zustand dort hin, erst als Edvín nickt, er würde neben diesem Bauch immer als sein Urheber hergehen, betreten wir die Kirche, und wir alle beten.

Am sündhaftesten jedoch Tante Ludmila. Sie verspricht mich durch die Vermittlung der hl. Barbara der Jungfr. Maria, und als sei sie sicher, ich würde priesterlichen Geschlechts sein, bietet sie mich ihr als Priester an. Ich bin böse. Warum fragt sie mich nicht? Warum übergeht sie mich so offenkundig? Gott erhört sie dafür nicht und macht mich nur zum Chrysostomos. Gold gibt er mir in den Mund, aber sonst erhöht er mich nicht. Noch zu Hause – in meinem dritten Zuhause (wenn ich als das erste die Čepíner Wohnung rechne, wo wir die Ohrfeige bekamen) bin ich empört, wieder strample ich, sodass Alice sich ans Pianino setzt, dort in dem Zimmer mit dem Fenster zur Straße (Am Tälchen Nr. 1278 – nach dem Jahr der Schlacht auf dem Marchfeld), und ein Menuett spielt. Es ist eines der drei Stücke, die Mama auf dem Klavier spielen kann, geschrieben von dem Komponisten Polívka, ich lausche versunken, und mein Zorn vergeht.

Oder ich monde mich mit Mama, so bezeichne ich unser Sonnen im Mondlicht. Mama geht hinaus in den Garten (d. h. zwischen drei Apfelbäume, Stachelbeersträucher und Fliederbüsche, bis hinten zu dem Kaninchenstall). In dieser Schwüle kann man sowieso nicht schlafen, Alička deckt sich nur mit einem Bettuch zu, doch wenn das Leinentuch wegrutscht und Mama keine Lust mehr hat, noch einmal bis tausend zu zählen, wickelt sie ihren nackten Körper in einen langen Morgenrock und geht hinaus. Der Morgenrock ist japanisch, wie es Mode war, als Tante Ludmila Oldřich Vlačiha in sich trug, auf dem Morgenrock plustert sich ein Pfau, Mama setzt sich auf die Bank, die Beine ein wenig von sich gestreckt – wegen des Bauches –, die Arme lässt sie frei am Körper herabsinken. Der Morgenrock geht auf, damit Licht einfallen kann, ein Regen von Licht, denn so kommt meiner Mama der Mondschein vor, wenn er ihr kühlend über den

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