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Ein Gott der Liebe?: Wie Theologen die Bibel verfälschen
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eBook394 Seiten5 Stunden

Ein Gott der Liebe?: Wie Theologen die Bibel verfälschen

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Über dieses E-Book

Was würden Sie von einem Gott halten, der zu Eroberungskriegen und zügelloser Gewalt aufruft, der den Mord an kleinen Kindern nicht nur gutheißt, sondern sogar anordnet, und der Andersgläubige gnadenlos verfolgt und mit dem Tode bedroht? Die Rede ist nicht von einem Aztekengott, sondern dem Gott der Christen. denen die dunklen Seiten ihres Gottes meist nicht bewusst sind. Selbst fromme Christen kennen ihre Bibel nur bruchstückhaft und klammern sich in der Regel an die schönen Stellen. Jörn Seinsch lenkt den Blick auf die unbekannten und dunklen Seiten der Bibel, über die in den Kirchen nicht gepredigt wird und die auch sonst gerne totgeschwiegen werden. Und mehr noch fragt der Autor danach, was Professoren der Theologie in ihren Bibelkommentaren aus solch inhumanen Zeilen machen, denn sie müssen sich ihnen ja irgendwie stellen. Wie sie dies tun, zeigt der Autor in diesem Buch kundig und entlarvend. Er weist nach, dass es nicht bei Strategien der Verharmlosung, vagen Entschuldigungen und wortreichem Umdeuten bleibt. Wenn Gott es befiehlt und der Aufruf dazu in der Heiligen Schrift steht, wird Mord und Gewalt in den Kommentaren sogar gerechtfertigt.
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum10. Juni 2015
ISBN9783828862272
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    Buchvorschau

    Ein Gott der Liebe? - Jörn Seinsch

    Jörn Seinsch

    Ein Gott der Liebe?

    Jörn Seinsch

    Ein Gott der Liebe?

    Wie Theologen die Bibel verfälschen

    Tectum Verlag

    Jörn Seinsch

    Ein Gott der Liebe? Wie Theologen die Bibel verfälschen

    © Tectum Verlag Marburg, 2015

    ISBN: 978-3-8288-6227-2

    (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Buch unter

    der ISBN 978-3-8288-3456-9 im Tectum Verlag erschienen.)

    Umschlagabbildung: Renate Seinsch

    Besuchen Sie uns im Internet

    www.tectum-verlag.de

    Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek

    Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

    Einer und Allen

    Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen,

    und die Wahrheit wird euch befreien.

    (Das Evangelium des Johannes 8,32)

    Inhaltsverzeichnis

    Vorwort

    Ezechiel

    Die Landnahme

    Esau und Jakob

    Mitleid und Barmherzigkeit

    Der Psalter

    Die Tiere

    Die Offenbarung des Johannes

    Nachwort: Eine Groteske

    Abkürzungsverzeichnis

    Zitierte Literatur

    VORWORT

    Im Jahre 2010 war Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen. Die beiden Bewerber um das Amt des Ministerpräsidenten – Amtsinhaber und Christdemokrat Jürgen Rüttgers (katholisch) sowie Herausforderin und Sozialdemokratin Hannelore Kraft (evangelisch) – trennte vieles, aber in einem waren sie sich einig: Beide wollten die Bibel als Urlaubslektüre mitnehmen (ideaSpektrum Regional 14/2010). Auch die beiden Spitzenkandidaten für die Nachfolge von Rüttgers als Landesparteivorsitzender der CDU, Armin Laschet und Norbert Röttgen, hatten die Bibel dabei (Kölnische Rundschau 25.10.2010). Ob sie inzwischen gelesen wurde? – Kaum. Der angesehene Theologe Gerhard von Rad (1901-1971) schrieb schon vor mehr als 40 Jahren:

    (Die Bibel) ist auch bei den Menschen, die gerne lesen, völlig an den Rand geschoben. Die Wahrheit ist, daß auch die Belesensten und Gebildetsten unter uns sie kaum mehr kennen. (Das Buch der Bücher, Altes Testament S 11)

    Das Erstaunliche aber ist, dass es selbst bei den Theologen nicht viel anders aussieht. Ich habe mich wiederholt mit Theologiestudenten unterhalten. Sie lesen durchaus eine Menge während ihres Studiums, eine Menge Sekundärliteratur! Von der Bibel selbst sind es meistens nur die Bücher Genesis, Exodus, Ijob, Psalter, Jesaja, das Evangelium, die Apostelgeschichte und der eine oder andere Paulusbrief. Doch selbst wenn diese Bücher vollständig gelesen wurden, was bei den Psalmen und Jesaja sicher die Ausnahme ist, hat man erst ein Viertel der Heiligen Schrift erfasst. Die ganz überwiegende Mehrheit der Christen kennt aber noch viel weniger, weil sie in der Schule, der Kirche oder bei Ansprachen nur die Verse zu hören bekommt, die der Redner ausgewählt hat.

    Ich fragte einmal einen erfahrenen Hochschullehrer, wie viele der „Profis", also der fertigen Theologen, die in der einen oder anderen Weise ihren Beruf ausüben, seiner Einschätzung nach die Bibel vollständig gelesen hätten. Seine Antwort: fünf Prozent.

    *

    Was folgt daraus? Muss man wirklich 40.000 Verse mit vielen verschrobenen Geschichten und so manchen altbackenen Sprüchen lesen, wenn die zentralen Inhalte – Wahrer Gott, ethische Gebote, ewiges Leben – allgemein bekannt sind? Bekannt ist vor allem auch die grenzenlose, umfassende Liebe und Barmherzigkeit, die zum Markenzeichen des biblischen Gottes gekürt wurde. Höchste Stellen und fachkundige Autoritäten haben das, wie wir noch sehen werden, immer wieder hervorgehoben.

    Doch gesetzt, eine weltweit angesehene Organisation verspräche uns gegen entsprechende Pflichten die Erfüllung unserer Sehnsüchte und Sicherheitsbedürfnisse: Wäre es nicht angebracht, den Vertrag sorgfältig zu studieren? Freilich ist das Lesen umfangreicher Verträge sowie anderer Grundlagentexte nicht jedermanns Sache, und der Soziologe C. Northcote Parkinson („Parkinsons Gesetz") hat auf den eigenartigen Umstand hingewiesen, dass der zeitliche Aufwand, den wir einer Angelegenheit widmen, oft im reziproken Verhältnis zu ihrer Bedeutung steht.

    Bekanntlich hat sich aus dieser Verlegenheit von alters her ein ganzer Berufsstand entwickelt. Keine Institution, kein größeres Unternehmen ohne Vertreter, Vermittler, Instrukteure. Allerdings: Je geringer die Sachkenntnis des „Kunden", umso höher ist der nötige Vertrauensvorschuss; denn rational entscheiden über die Objektivität und Lauterkeit des Mittlers hieße ja, sachverständiger als der Sachverständige zu sein.

    In dem vorliegenden Buch wird der Leser deshalb nicht nur eine Bibel kennenlernen, wie er sie von Kanzel und Katheder nicht vernommen hat, er wird auch die spannende Frage verfolgen können, wie die berufenen Vertreter, also jene zumeist akademischen Lehrer, die die Bibel im Einzelnen erläutert und kommentiert haben, damit umgehen.

    *

    Die sieben Kapitel des Buches sind in den Jahren 2010-2013 entstanden und in der Reihenfolge ihrer Entstehung abgedruckt. Sie sind unabhängig voneinander und können in beliebiger Folge gelesen werden. Da die drei Kapitel EZECHIEL, DER PSALTER und DIE OFFENBARUNG DES JOHANNES sich auf einzelne Bücher der Bibel beziehen, die anderen Stücke, also DIE LANDNAHME, ESAU UND JAKOB, MITLEID UND BARMHERZIGKEIT sowie DIE TIERE übergreifende Themen abhandeln, kommt es in wenigen Fällen zu Überschneidungen bzw. der Wiederholung bereits zitierter Verse.

    Der erste Abschnitt über Ezechiel war ursprünglich nicht als Auftakt zu einem Buch über die Bibel geplant, sondern entsprang dem Wunsch, es einmal genauer zu wissen. Ich hatte so konsternierende Dinge gelesen, dass der Punkt erreicht war, wo ich es nicht mehr beim üblichen Halb- und Viertelverstehen belassen wollte. War das alles so zu nehmen, wie es da steht, oder handelt es sich um Chiffren für etwas ganz anderes? Was sagen die Fachleute, die Exegeten und Kommentatoren? - Die Antwort gibt das erste Kapitel. Die Themen der sechs anderen Stücke stellten sich nach diesem „Erweckungserlebnis" fast von selbst ein. Erschöpft sind damit die in Frage kommenden Gegenstände bei Weitem nicht. Z.B. verdient das bei festlichen Anlässen gern zitierte Buch Jesaja eine eigene Betrachtung; doch habe ich davon abgesehen, weil eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Furor Ezechiels den Leser vielleicht ermüdet hätte. Es lohnt sich aber allemal, bei der öffentlichen Erwähnung von Jesaja-Versen die Bibel aufzuschlagen und den Kontext nachzulesen.

    *

    Die Zitierung von Bibelversen legt regelmäßig die Einheitsübersetzung zugrunde, obwohl diese z.T. geglättet und weniger schroff ist als etwa die Lutherbibel, die wie auch andere Übersetzungen im Einzelfall herangezogen wurden, wenn sie deutlicher waren. Auch die Schreibweise von Namen ist, um eine einheitliche Grundlage zu haben, der Einheitsübersetzung entnommen, so dass z.B. „Hiob als „Ijob erscheint und „Nebukadnezar oder „Nebukadrezzar als „Nebukadnezzar".

    Zur Zitierweise:

    Bei der Zitierung von Bibelversen wird wie allgemein üblich zuerst die Nummer des Kapitels und anschließend, durch ein Komma getrennt, die des Verses vermerkt. Mehrere Verse werden durch Punkte getrennt, ggf. auch mit Bindestrich zusammengefasst.

    14,8 heißt also: Kapitel 14 Vers 8

    14,8.11 heißt: Kapitel 14 Verse 8 und 11

    14,8-11 heißt: Kapitel 14 Verse 8 bis 11

    Bei Abschnitten meines Buches mit übergreifenden Themen wird vor den Kapitelnummern das betreffende Buch der Bibel in der üblichen Abkürzung angegeben (siehe Abkürzungsverzeichnis), bei Abschnitten über ein bestimmtes Buch der Bibel ist das entbehrlich.

    Bei der Zitierung von Sekundärliteratur erscheint im laufenden Text der Name des Verfassers und die Seitenzahl. Wird aus mehreren Büchern eines Autors zitiert, ist zusätzlich noch die Kurzbezeichnung des Schriftstückes angegeben.

    Eine Besonderheit liegt mit dem seit 1974 bei der Württembergischen Bibelanstalt Stuttgart erscheinenden, umfangreichen Band „Lutherbibel erklärt vor, da die Erklärungen nicht von einem einzelnen Autor, sondern einem Kollektiv aus 51 Theologen stammen. Wegen seiner weiten Verbreitung im evangelisch-lutherischen Raum kann man die Schrift als offiziöses oder auch EKD-nahes Standardwerk für die bibellesende Gemeinde bezeichnen. Zwar will das Buch selbst kein Kommentar sein, zumal – wie es im Vorwort heißt – die Bibel keiner Erklärung bedarf, weil sie in ihren Grundaussagen jedem Leser einsichtig sei. Doch da die Heilige Schrift durchgehend, wenn auch mit Lücken an brenzligen Stellen, erläutert wird, ist die Bezeichnung „Kommentar durchaus angebracht. Zur Vereinfachung wird das Werk daher ohne Angabe des Verfassers als „Lutherbibel-Kommentar" zitiert.

    Und noch etwas: Wenn im vorliegenden Buch von Studenten, Christen oder Theologen die Rede ist, sind Menschen gemeint, nicht etwa Männer, da es sich zuerst um Gattungsbegriffe handelt, nicht um eine Art dieser Gattungen. Frauen sind also selbstverständlich eingeschlossen. Mit der „geschlechtergerechten Sprache", also dem Partizip Präsens (Studierende), dem unsäglichen Binnen-I (ChristInnen) oder der jeweiligen Angabe zweier Genera (Theologen und Theologinnen) wäre zwar die quantitative Imposanz des Buches gewachsen, aber das wollte ich meinen Lesern (sic!) nicht zumuten.

    *

    Herrn Stephan Schenk und Frau Embla Dencker danke ich für Hinweise und Korrekturen, Herrn Guido Hackelbusch von der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Augustin für seine Hilfe bei der Literatur-Recherche. Nicht genug danken kann ich Herrn Dieter Langel, der als Studiendirektor für Deutsch der ideale Lektor war. Er hat den Text mehrmals durchgearbeitet und mich auf Rechtschreibfehler und stilistische Mängel aufmerksam gemacht. Dennoch etwa verbliebene Fehler sind allein von mir zu verantworten. Für die Aufnahme des Buches in das Programm des Tectum Verlages gilt mein Dank Herrn Dr. Heinz-Werner Kubitza, für die freundliche Zusammenarbeit seiner Projektbetreuerin, Frau Ina Beneke. Schließlich danke ich meiner Frau, die die Reinschrift des Manuskripts übernommen hat und bei der jahrelangen gemeinsamen Bibellektüre mein erster Gesprächspartner war.

    *    *    *

    EZECHIEL

    Der Begriff „Israel im engeren Sinn bezieht sich auf das im Jahr 931 v.Chr., nach dem Zerfall des salomonischen Reiches, entstandene Nordreich, im Unterschied zum Südreich Juda; im weiteren Sinn meint „Israel das gesamte Land und Volk Israel, also Israel im engeren Sinn und Juda zusammen.

    Wenn man im ersten Stock der Bonner Universität das Philosophische Seminar verlässt und an der Treppe vorbei zehn Meter geradeaus läuft, stößt man auf eine Tür, über der in großen weißen Buchstaben „Evangelisch-Theologisches Seminar" steht. Jahrzehntelang habe ich diese Tür nicht wahrgenommen. Lag es an einer Verengung des Blickfeldes, oder hingen die Gedanken noch an den eben gewälzten philosophischen Problemen? Ich weiß es nicht, ich weiß nur, dass es im Frühjahr 2003 anders war, und warum es anders war, das lag an Ezechiel!

    Ezechiel, oder eingedeutscht Hesekiel, ist neben Jesaja und Jeremia einer der drei großen Propheten des Alten Testaments. Im Jahr 597 v.Chr. wurde er mit seinem König Jojachin und vielen anderen von Nebukadnezzar nach Babylonien verschleppt und bei Tel Abib an einem Euphrat-Kanal angesiedelt. Dort lebten sie anscheinend unbehelligt, aber voller Sehnsucht nach Jerusalem. Jojachins Vater, König Jojakim, hatte sich im Jahr 604 Nebukadnezzar unterworfen, war aber drei Jahre später wieder abgefallen, so dass der babylonische Herrscher 597 nach Jerusalem zog und die judäische Oberschicht deportierte.

    Doch die Daheimgebliebenen fielen unter ihrem neuen König Zidkija (Zedekia) im Jahr 589 wieder von Babylon ab, worauf Nebukadnezzar erneut gegen Jerusalem zog und die Stadt nach eineinhalbjähriger Belagerung eroberte. Diesmal kannte er keine Gnade. Die Stadt samt Tempel wurde zerstört, Zidkija, der noch versucht hatte zu fliehen, geblendet und mit den Überlebenden nach Babylonien verschleppt.

    Inzwischen, d.h. noch vor der Vernichtung Jerusalems, war Ezechiel von Jahwe zum Propheten berufen worden und zeigte sich als würdiges Sprachrohr seines Gottes. Wie seine Vorgänger Jesaja und Jeremia verfügte er über ein enormes Schimpf- und Drohpotenzial. Ob seine Worte wirklich v o r den Ereignissen verkündet oder nachträglich rückdatiert wurden, sei dahingestellt. Recht hatten die Propheten à la longue immer: Im Frieden prophezeiten sie wegen des Verfalls der Sitten großes Unglück; und Krieg oder andere Katastrophen waren die Strafe Gottes.

    Wer aber nun erwartet, Jahwe hätte durch Ezechiel nach der ersten Vertreibung Worte des Trostes und der Hoffnung an das gebeutelte Volk gerichtet, sieht sich getäuscht, denn er beschließt die totale Vernichtung und lässt einen Sturm von Flüchen und Verwünschungen auf die Judäer niederprasseln.

    Nachstehend einige Kostproben zur Einstimmung.

    Darum sollen in deiner Mitte Väter ihre Kinder und Kinder ihre Väter fressen; (5,10)

    Es soll ein Drittel von dir an der Pest sterben und durch Hunger

    vernichtet werden in deiner Mitte, und das zweite Drittel soll durchs Schwert fallen rings um dich her, und das letzte Drittel will ich in alle Winde zerstreuen und will hinter ihnen her das Schwert ziehen. (5,12)

    Hungersnot und wilde Tiere schicke ich gegen dich, damit sie dir deine Kinder rauben. Pest und Blutvergießen sollen über dich kommen. (5,17)

    Mein Auge zeigt kein Mitleid, und ich übe keine Schonung, (7,4.9)

    Und weil alle schuldig sind, wird keiner sein Leben festhalten können. (7,13)

    … mein glühender Zorn trifft das ganze Volk. (7,14)

    Ich führe die schlimmsten Völker herbei, (7,24)

    … schlagt zu! Euer Auge soll kein Mitleid zeigen, gewährt keine Schonung! Alt und jung, Mädchen, Kinder und Frauen sollt ihr erschlagen und umbringen. (9,6)

    … um Mensch und Tier in einem Blutbad zu vernichten, (14,19)

    … dann wird sie, auch wenn sie dem Feuer entkommen, das Feuer verzehren. (15,7)

    Ich mache das Land zur Wüste; (15,8)

    Und sie sollen … dich steinigen und mit ihren Schwertern zerhauen … (16,40)

    Ich will Feuer an dich legen, … Alle Gesichter sollen … versengt werden, … (21,3)

    Verdoppelt wird das Schwert, ja verdreifacht. Ein Schwert zum Morden ist es, zum Morden, das gewaltige Schwert, das sie durchbohrt. (21,19)

    Ich liefere dich grausamen Menschen aus, die ihr mörderisches Handwerk verstehen. (21,36)

    Wie man Silber, Kupfer, Eisen, Blei und Zinn im Schmelzofen zusammentut und darunter das Feuer anzündet, um alles zum Schmelzen zu bringen, so will ich euch in meinem Zorn und Grimm zusammentun, will euch in den Ofen legen und euch zum Schmelzen bringen. (22,20)

    … sie sollen mißhandelt und ausgeraubt werden. Die Volksversammlung soll sie steinigen und mit Schwertern in Stücke hauen.Ihre Söhne und Töchter soll man töten und ihre Häuser verbrennen. (23,46.47)

    Obwohl nach Vollstreckung dieses „Gerichts fast alle tot sein müssen, ist „Gottes Zorn noch nicht verraucht, sondern richtig in Fahrt gekommen. In einem gewaltigen Rundumschlag rückt er auch allen Nachbarn Israels zu Leibe. Die einen werden ausgerottet, die anderen vernichtet, die dritten ausgemerzt. So geht es gegen Ammon, Moab, Edom, die Philister, Kereter und übrigen Küstenvölker, gegen Tyrus, Sidon und Ägypten. Das ganze Arsenal der Grausamkeiten und gegen Israel bewährten Todesarten wie Feuer, Schwert, Pest, wilde Tiere usw. wird auch gegen die genannten Länder aufgeboten, bereichert um die dauerhafte Verwüstung der Lebensgrundlagen und die Verfolgung bis in die Unterwelt.

    Auffällig ist, dass mit Babylonien der Hauptfeind, der Zerstörer Jerusalems und Liquidator Judas fehlt, vermutlich weil Ezechiel schlecht Stimmung gegen seinen aktuellen Zwingherrn machen kann. Außerdem braucht Jahwe ein irdisches Vernichtungswerkzeug. Geradezu rührend sorgt er für Nebukadnezzar, als dieser bei dem Versuch scheitert, Tyrus, die der Küste vorgelagerte Inselstadt, zu erobern:

    Menschensohn! (d.i. Ezechiel, JS) Nebukadnezzar, der König von Babel, hat sein Heer vor Tyrus schwere Arbeit verrichten lassen; alle Köpfe wurden kahl, und jede Schulter war zerschunden. Aber Tyrus hat ihn und sein Heer nicht belohnt für die Arbeit, die sie geleistet haben. Darum – so spricht Gott, der Herr: Ich gebe Nebukadnezzar, dem König von Babel, das Land Ägypten. Er wird seine Schätze wegschleppen; er wird alles plündern und reiche Beute machen. Das wird der Lohn seines Heeres sein. Als Belohnung für seine Arbeit gebe ich ihm Ägypten; denn sie haben für mich gearbeitet – Spruch Gottes, des Herrn. (29,18-20)

    Was sind die Gründe für diese exorbitante Bestrafung der Nachbarn? „Götzendienst" wie in Israel kann es ja nicht sein. Nun, neben der immer wieder zu lesenden Anschuldigung, diese Völker seien bei der sogenannten Landnahme, also der Eroberung ihres eigenen Landes vor rund 600 Jahren, nicht kooperativ gewesen, treten noch alle möglichen Vorwürfe. Doch plausibel sind sie nicht, vielmehr an den Haaren herbeigezogen.

    Sicher, es ist schäbig, sich am Leid anderer zu delektieren, Schadenfreude zu bekunden oder wirtschaftliche Vorteile einzustreichen. Aber ist es nicht auch verständlich, wenn man immer wieder von Israel zu hören bekam: Wir sind das auserwählte Volk! Wir stehen unter dem Schutz unseres Gottes, der der Größte ist und alle anderen in den Sack tut. Wir wohnen in Städten, die wir nicht gebaut haben, weil Jahwe uns dieses Land gegeben hat. – Ist es da nicht geradezu menschlich, Haha zu schreien (25,3)?

    Allerdings scheinen nicht alle diese verfluchten Nachbarvölker sofort vom Erdboden verschwunden zu sein; Gott denkt in anderen zeitlichen Dimensionen, wie man oben im Zusammenhang mit der 600 Jahre lang aufgesparten Rache sehen konnte. Deshalb kann z.B. der Lutherbibel-Kommentar im Fall Tyrus mit hörbarer Befriedigung feststellen:

    Diese Drohung ist später durch Alexander von Mazedonien (333 v.Chr.) erfüllt worden; 250 Jahre wartete Gott! (S 1311)

    Ab Kapitel 33 scheint sich Jahwe allmählich zu beruhigen. Als aber am fünften Tag des zehnten Monats im elften Jahr nach der ersten Verschleppung ein Flüchtling in Babylonien eintrifft und die Zerstörung Jerusalems mitteilt – Ezechiel weist beflissentlich darauf hin, die Nachricht schon am Vorabend durch die Hand des Herrn erhalten zu haben – holt Jahwe nochmals aus und befiehlt seinem Propheten:

    Darum sag zu ihnen: So spricht Gott, der Herr: So wahr ich lebe, wer in den Ruinen ist, fällt unter dem Schwert, wer auf dem freien Feld ist, den werfe ich den wilden Tieren zum Fraß vor, und wer sich in den Burgen und Höhlen aufhält, stirbt an der Pest. (33,27)

    Doch auch die wilden Tiere haben es nicht leicht. Bekamen sie soeben noch Menschenfleisch satt, so beschließt Jahwe nun in einem neuen Friedensbund:

    Ich rotte die wilden Tiere im Land aus. Dann kann man in der Steppe sicher wohnen und in den Wäldern schlafen. (34,25)

    Die Frage ist nur, wer noch da sein soll, um zu wohnen und zu schlafen. Aber davon lässt sich der Herr nicht beirren. Geradezu euphorisch schwärmt er vom neuen messianischen Reich, in dem die Israeliten in einem Garten des Heils leben, in Sicherheit vor anderen Völkern und Tieren, wo die Bäume und Felder fruchtbar sind, weil er immer für rechtzeitigen Regen sorgt.

    Nach so vielen Schalmeienklängen ist es Zeit, wieder einen Kontrapunkt zu setzen. Unvermittelt wird Edom attackiert und das Kriegsziel mit wünschenswerter Klarheit umrissen:

    Ich … vernichte alles, was sich dort bewegt und regt. (35,7)

    Sollte die Devise moderner Kriegsführung – Schießen auf alles, was sich bewegt! – hierher stammen?

    Nachdem Jahwe sich gegenüber Israels Nachbarn Luft gemacht hat, wird er wieder gnädig zu seinem Volk und will ihm sogar mehr Gutes erweisen als je zuvor, allerdings nicht um Israels willen, sondern ad maiorem Dei gloriam (36,22).

    Hält er damit dem kategorischen Imperativ stand? – Kant: Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.

    Aber Jahwe ist mit solchen Kriterien nicht zu fassen. Er ist nicht nur allgütig, sondern auch allmächtig. Sogar die Toten weckt er wieder auf – freilich nur die des Hauses Israel – , schließt einen neuen Friedensbund, der diesmal ewig halten soll, verspricht die Wiedervereinigung des geteilten Landes sowie viele Kinder und blühende Landschaften.

    Doch bevor das neue Israel besiegelt wird, holt Jahwe noch einmal die Kriegsfuchtel hervor. Weit entfernt, im äußersten Norden, hat er mit dem Fürsten Gog aus dem Land Magog einen Feind ausgemacht, der Israel eines Tages gefährlich werden könnte. Gog weiß zwar noch nichts von den eigenen finsteren Absichten, aber Jahwe schlägt Haken in Gogs Kinnbacken, um ihn auf die Spur zu setzen, provoziert und lockt ihn samt seiner ganzen Heeresmacht sowie verschiedenen weiteren Völkern nach Israel; denn alle sollen erkennen, wenn Er sich vor ihren Augen als heilig erweist.

    In Israel werden sie von einem göttlichen Erdbeben empfangen. Verwirrt durch berstende Berge und stürzende Felsen schlachten sie sich gegenseitig ab. Neben Strömen von Blut sorgt Jahwe noch für die Pest, Wolkenbrüche, Hagel, Feuer und Schwefel, damit nichts schief geht. Schließlich wird Ezechiel beauftragt, alle Vögel und wilden Tiere herbeizurufen, um bei der Entsorgung zu helfen:

    … kommt, und freßt Fleisch und trinkt Blut! Das Fleisch der Helden sollt ihr fressen, das Blut der Fürsten der Erde sollt ihr trinken. … Freßt euch satt am Fett, und berauscht euch am Blut meines Opfers, das ich für euch geschlachtet habe. … So zeige ich unter den Völkern meine Herrlichkeit. (39,17-21)

    Die letzten neun Kapitel sind dem Aufbau des neuen Israel gewidmet mit erstaunlich detaillierten Anweisungen über den Bau des Tempels, den Kult und die Verteilung des Landes.

    Wie man göttliche Massaker bewältigt

    Wenn man das Buch Ezechiel unvoreingenommen gelesen hat und erschlagen ist von den Ungeheuerlichkeiten eines Wesens, das so gar nichts mit dem übermittelten Gottesbild zu tun hat, dann liegt die Frage nahe: Was steht eigentlich in den vielen Büchern, die es über die Bibel gibt, bzw. was sagen heutige Theologen dazu?

    Ich habe vier verfügbare Kommentare eingesehen, zwei populärwissenschaftliche über die gesamte Bibel bzw. das Alte Testament und zwei fachwissenschaftliche speziell zum Buch Ezechiel, wovon der zweite neueste noch nicht vollständig ist und nur die Kapitel 1-24 erläutert, d.h. noch nicht die Drohsprüche gegen die fremden Völker.

    Das 1970 erschienene Werk „Das Buch der Bücher – Altes Testament, Einführungen, Texte, Kommentare ist eine Gemeinschaftsarbeit mehrerer Wissenschaftler, eingeleitet durch den renommierten Theologen Gerhard von Rad. Auf 571 eng beschriebenen Seiten werden „die wichtigsten Texte des Alten Testaments abgedruckt und erläutert. Immerhin 15 Seiten (Bibeltext und Kommentar) entfallen davon auf das Buch Ezechiel.

    Was sagen nun die Interpreten zu dem göttlichen Amoklauf, der sich über mehr als die Hälfte der 48 Kapitel des Buches Ezechiel erstreckt? Die Antwort ist einfach: Nichts! Zwar wird die Schuld Israels erwähnt, seine Sünden, die die Strafen Jahwes nach sich ziehen; aber über die maßlose, unbarmherzige Grausamkeit und Brutalität dieser Strafen wird kein Wort verloren. Schon die Auswahl des wiedergegebenen Bibeltextes ist merkwürdig. Dass es nur Teile aus 12 von 48 Kapiteln sind, mag dem geplanten Umfang des Werkes geschuldet sein. Dass aber gerade jene Kapitel fehlen, in denen die Strafen ausgebreitet werden, ist bezeichnend.

    Diese einseitige Auswahl ist die häufigste, eleganteste, aber auch verlogenste Art der Bewältigung.

    *

    „Luther-Bibel erklärt. Die Heilige Schrift in der Übersetzung Martin Luthers mit Erläuterungen für die bibellesende Gemeinde heißt der voluminöse Band, den wir jetzt zu Rate ziehen wollen. Von über 2000 Seiten (Text und Erklärung) entfallen 86 auf Hesekiel (Ezechiel), und da die Erläuterungen jeweils seitlich neben dem Bibeltext angeordnet sind, liegen vom äußeren Rahmen her gute Voraussetzungen dafür vor, dass auch das zur Sprache kommt, was verniedlichend gern der „Zorn Gottes genannt wird.

    Und in der Tat: Die Kommentatoren gehen in manchen Fällen nicht darüber hinweg. Nachstehend einige Beispiele bzw. Stichworte:

    Zu den Versen 5,10-17, wo nach Jahwes Willen Väter ihre Kinder und Kinder ihre Väter fressen sollen, und wo er expressis verbis mitleid- und gnadenlos alle einem grausamen Tod durch Hunger, Pest, Schwert oder wilde Tiere weiht, heißt es lapidar:

    Wer die Härte des Gerichts unerträglich findet (wer wohl? JS), denke an Jesu Kreuz! (S 1275)

    Zu Kapitel 6, in dem wie in den folgenden das Wüten Jahwes weitergeht, lesen wir:

    Im grauenvollen Gericht soll der lebendige Gott erkannt und erfahren werden. (S 1276)

    Und:

    Wir … sind den Gefahren preisgegeben, wenn Gott seine Hand abzieht. (S 1276)

    Wird die Sache damit nicht auf den Kopf gestellt?

    In den Bemerkungen zu Kapitel 8 ist sogar von „Greuel(n)" die Rede. Aber es sind nicht die Greuel, die Jahwes Hand über die Kinder Israel kommen lässt, sondern deren Götzendienst.

    Zu Kapitel 11 heißt es, Jahwe werde „eine durch Gerichte gereinigte Gemeinde sammeln, also nachdem Schmutz und Ungeziefer erbarmungslos ausgerottet sind. Das kommt uns bekannt vor, wie auch zu Kapitel 12 der Begriff „Auswanderung für den Vorgang der Verschleppung mit gezücktem Schwert im Rücken.

    Zu dem Vorwurf in Kapitel 13,19, wo Jahwe den Israeliten vorhält, Menschen verschont zu haben, die nicht am Leben bleiben sollten, schweigt der Kommentar leider.

    Zu Kapitel 14, wo „ausmerzen, vernichten, ausrotten die hervorstechenden Vokabeln sind, wo von einem göttlichen Blutbad für Mensch und Tier die Rede ist, hält der Exeget den „Trost bereit, „daß Gottes Gericht nicht ungerecht war"!

    Dass Jerusalem keine israelische Gründung war, sondern von David erobert wurde (1 Chr 11,4), wird in Kapitel 16 angedeutet, im Kommentar vernebelt und mit dem schönen Satz angereichert:

    Ohne Gottes Gnade wäre es (das Volk Israel, JS) nicht besser als die Heiden. (S 1289)

    Im Übrigen heben die Interpreten wiederholt darauf ab, Gottes Gerichte seien nicht das letzte Wort, d.h. er lässt Israel und Jerusalem nicht völlig untergehen, auch wenn fast alle grausam vernichtet werden. Auf die Institutionen kommt es an, nicht auf die Menschen. Diese sind ersetzbar.

    Unbeirrt von dem soeben noch vernommenen kollektiven Verdammungsurteil (17,21) oder dem in Kapitel 21,8 folgenden Vers:

    Ich ziehe mein Schwert aus der Scheide und rotte bei dir die Gerechten ebenso wie die Schuldigen aus.

    wird die Erläuterung von Kapitel 18 mit der Feststellung eingeleitet:

    Gott richtet jeden nach seinem Tun und fordert Umkehr. (S 1295)

    Im Kapitel 20 gibt es mit den Versen 25 und 26 insofern eine Besonderheit, als der Allmächtige, Allgütige und Allweise sich selbst den Boden unter den Füßen wegzieht, indem er seine Verantwortung für schlechte Gesetze und sogar für Kinderopfer einräumt, was den Kommentator sichtlich irritiert, obwohl auch für Kinder bei den obigen Vernichtungsorgien keine Ausnahme gemacht wurde (ich komme darauf zurück).

    Dafür fällt ihm zu Kapitel 21, in dem es wieder richtig zur Sache geht, eine geniale apologetische Argumentationsfigur ein:

    Wir fragen in Notzeiten: Wie kann Gott das zulassen? Wir sollten eher in Zeiten des Abfalls fragen: Wie kann Gott bei aller Lästerung so lange schweigen? (S 1301)

    Nebenbei bemerkt: „zulassen" hört sich nach Indolenz an. Davon kann keine Rede sein. Jahwe ist geradezu überaktiv, er befiehlt und handelt, auch wenn er sich etwa eines Nebukadnezzars als Henker bedient, denn:

    Das Henkersschwert vollführt Gottes Gericht. (S 1302)

    In der Erläuterung zu Kapitel 22 stehen, die Vorwürfe gegen Jerusalem betreffend, drei kurze Sätze, die an Dreistigkeit schwer zu überbieten sind:

    Götzendienst und Mord sind nur zu oft Schwestern. (S 1304)

    Dass e i n e Religion der anderen Götzendienst vorwirft, ist eine bekannte Erscheinung. Im Judentum kapriziert sich das gegenüber den Christen auf die Person Jesus, der nicht als Messias anerkannt und im Talmud wüst beschimpft wird. Der

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