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Szenisches Verstehen: Zur Erkenntnis des Unbewussten

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Szenisches Verstehen: Zur Erkenntnis des Unbewussten

Länge:
260 Seiten
3 Stunden
Freigegeben:
Aug 20, 2013
ISBN:
9783828856240
Format:
Buch

Beschreibung

Alfred Lorenzer hat das psychoanalytische Verstehen erforscht: Wieso kann das Sprechen in der therapeutischen Situation körperliche Symptome beeinflussen, Leiden mildern, Krankheiten heilen? Es geht aber auch um das Alltagsbewusstsein: Warum sind Menschen manipulierbar? Die scharfsinnigen Analysen des Sozialpsychologen und Mediziners zeigen, wie wir Einsicht in das individuelle und kollektive Unbewusste gewinnen können. Sie zeigen auch, dass aus solchem Verständnis Kreativität und Handlungschancen erwachsen.
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Aug 20, 2013
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9783828856240
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Buchvorschau

Szenisches Verstehen - Alfred Lorenzer

Psychoanalyse

Einleitung

Alfred Lorenzer und die Perspektiven einer grenzüberschreitenden Psychoanalyse

In einem 1926 publizierten Artikel für die renommierte Enzyklopedia Britannica wagt Sigmund Freud eine kühne Prognose: „Die Zukunft wird wahrscheinlich urteilen, daß die Bedeutung der Psychoanalyse als Wissenschaft vom Unbewußten ihre therapeutische Wirkung weit übertrifft." (16) Wenn es ein Werk gibt, das seine Konturen vor allem in der Umsetzung dieser Option gewonnen hat, dann ist es das des Frankfurter Psychoanalytikers und Sozialwissenschaftlers Alfred Lorenzer.

Die Voraussetzungen, Einsichten der Psychoanalyse über die engeren Grenzen der therapeutischen Aufgabe hinaus für humanwissenschaftliche Erkenntnis fruchtbar zu machen, hat Lorenzer in seiner eigenen Biographie mitgebracht: Er begann seine wissenschaftliche Laufbahn als Psychiater an der von Ernst Kretschmer geleiteten Tübinger Universitätsnervenklinik, wandte sich noch in den fünfziger Jahren der Psychoanalyse zu, um seine Lehranalyse bei Felix Schottlaender in Stuttgart zu absolvieren, bevor er in den Kreis um Alexander Mitscherlich eintrat. Hier profilierte er sich bereits als Sozialpsychologe, publizierte Ende der 60er Jahre Studien zum Extremtrauma, zur Architektur, um dann von Beginn der Siebziger an mit grundlegenden Arbeiten zum Verstehens- und Erkenntnisprozess der Psychoanalyse auf sich aufmerksam zu machen. Von 1974 an bis zu seinem plötzlichen krankheitsbedingten Ausscheiden aus allen Arbeitszusammenhängen im Februar 1990 an der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität lehrend, war Lorenzer der einzige Psychoanalytiker in Deutschland, der einen Lehrstuhl für Soziologie bekleidete.

Lorenzer hat dem in der frühen Frankfurter Schule begründeten Projekt, kritische Gesellschaftstheorie mit der Perspektive Freudscher Erkenntnis zu verbinden, eine neue eigenständige Gestalt gegeben: Seine programmatische „Metatheorie der Psychoanalyse verfolgte drei Ziele: Zum einen kam es darauf an, auch der nicht-psychoanalytischen Scientific Community Einsicht in die Eigenart des psychoanalytischen Verfahrens zu vermitteln. Lorenzers Schlüsselbegriff des „szenischen Verstehens, zuerst entfaltet in der zentralen Studie „Sprachzerstörung und Rekonstruktion (1970), war hierfür die Grundlage. - Zum anderen ging es darum, Aporien innerhalb der Freudschen Theoriebildung selbst zu überwinden, ohne dabei deren Erfahrungsgehalt preiszugeben. Beispiele hierfür waren Weichenstellungen in der Symbolfrage („Zur Kritik des psychoanalytischen Symbolbegriffs,1970), vor allem aber die Übersetzung der Freudschen triebtheoretischen Auffassung in das Konzept der „Interaktionsformen, das zum Gelenkstück der von Lorenzer eigenständig begründeten und in den siebziger Jahren breit rezipierten Sozialisationstheorie avancierte („Zur Begründung einer materialistischen Sozialisationstheorie, 1972; „Die Wahrheit der psychoanalytischen Erkenntnis, 1974; „Sprachspiel und Interaktionsformen, 1976). - Der dritte Schwerpunkt metatheoretischer Arbeit war darauf angelegt, Psychoanalyse über den Rahmen ihrer therapeutischen Aufgabe hinaus für gesellschafts- und kulturkritisch eingreifendes Denken fruchtbar zu machen, und dies methodologisch reflektiert, vor allem in Abgrenzung gegen tradierte Muster einer bloß angewandten Psychoanalyse, die immer nur findet, was in den Begriffen bereits enthalten ist. Die groß angelegte Untersuchung „Das Konzil der Buchhalter. Die Zerstörung der Sinnlichkeit (1981) führte unmittelbar ins Terrain einer zugleich psychoanalytisch wie sozialwissenschaftlich orientierten Kulturforschung, deren methodologische Grundlegung in der weit verzweigten Modellskizze „Tiefenhermeneutische Kulturanalyse (1986) erfolgte.

Dass mit der soeben versuchten Übersicht die Vielfalt der in Lorenzers Werk enthaltenen Perspektiven noch keineswegs erschlossen ist, zeigt gerade die hier vorgelegte Sammlung der Aufsätze aus den 80er Jahren: Die zehn Studien repräsentieren zehn unterschiedliche Themenschwerpunkte. Jeder Aufsatz bietet, für sich genommen, eine eigenständige Perspektive an, die mit den anderen thematischen Zentren und Perspektiven zwar über die Intention des oben bezeichneten Projekts verbunden ist, dabei aber ihre je eigene Aussagekraft behält und – auf unverwechselbare Weise – zur Geltung bringt.

Gleichwohl ist eine Zuordnung der einzelnen Aufsätze zu den großen Arbeitsfeldern möglich; sie soll hier auch deshalb vorgenommen werden, weil sie den sich neu mit Lorenzer befassenden Leserinnen und Lesern eine erste Orientierung zu geben vermag:

Repräsentativ für das Projekt einer Metatheorie der Psychoanalyse sind die Aufsätze über das Erkenntnismedium des „Szenischen Verstehens (1), über den Vergleich zwischen Analytiker und Detektiv (3), in dem das Unbewusste als das Nicht-Lizensierte, aus dem Konsens Ausgeschlossene im Mittelpunkt der Betrachtung steht, wie auch die Studie zur Bestimmung des Wissenschaftscharakters der Psychoanalyse als einer „Hermeneutik des Leibes (8).

Dass Lorenzer nicht nur ein begrifflich ambitionierter Erkenntnistheoretiker der Psychoanalyse war, sondern auch ein faszinierender Freud-Interpret, beweisen seine Studien zur Problemgeschichte der Freudschen Wissenschaft vom Unbewussten: Hierzu gehört der Aufsatz ,,...gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide (6), der die Kerngedanken seiner größeren Studie „Intimität und soziales Leid. Archäologie der Psychoanalyse (1984) auf den Begriff bringt und ein Beispiel dafür liefert, wie sich eine problemgeschichtliche Freud-Interpretation als Einspruchnahme gegen aktuelle Tendenzen der Rezeption lesen läßt, die aus Lorenzers Sicht etwa mit dem Abrücken vom Triebbegriff die Anstößigkeit Freudscher Erkenntnis preisgibt. – Von der Eigenart der Lorenzerschen Freud-Interpretation zeugt auch die Studie über „Die Geschichtlichkeit menschlicher Lebensentwürfe" (7), in der Freuds Mythen von der Urgeschichte als Verbildlichung der eigenen sozialisationstheoretischen Grundannahmen wahr-, ernst- und angenommen werden.

Wie sehr Lorenzer darum bemüht war, die Essentials der Freudschen Wissenschaft vom Unbewussten den anderen Wissensdisziplinen nahe zu bringen, verraten die Arbeiten zur Kontroverse zwischen Bloch und Freud (2) – hier zeigt sich auch Lorenzers Ambition, die Traditionslinien der Freud-Marx-Debatte mit seinem eigenen Ansatz zu konfrontieren – wie jene die Aufsatzsammlung abschließende Studie zum „Der Symbolbegriff und seine Problematik in der Psychoanalyse (10), in der Lorenzer die Brücke zu schlagen versteht zwischen den Anfängen seiner metatheoretischen Denkbewegung zum aktuell erreichten Stand der Auseinandersetzung zwischen seiner psychoanalytischen Subjekttheorie und den Nachbardisziplinen. Dass die originäre Gestalt der Kritischen Theorie, der Ansatz von Horkheimer und Adorno, Lorenzer selbst Orientierung bot für das interdisziplinäre Gespräch, ist dem Aufsatz zu entnehmen, dessen Titel Lorenzers Wegbeschreibung programmatisch kennzeichnet: „Psychoanalyse als kritische Theorie (5).

Lorenzers kulturanalytisches Projekt, für das die beiden noch nicht genannten Aufsätze stehen – „Die Zerstörung der Sinnlichkeit (4) als Repräsentanz der religions- und symbolkritischen Arbeit „Konzil der Buchhalter und „Verführung zur Selbstpreisgabe" (9) als Beispiel tiefenhermeneutischer Textinterpretation – steht nicht im Widerspruch zu den ideologiekritischen Intentionen der Kritischen Theorie; es zielt vielmehr darauf ab, Ideologiekritik zu versinnlichen, sie auf die Ausgangssituation zurückzuführen: auf das leidende und aufbegehrende leibliche Subjekt.

Wovon sich jede Leserin, jeder Leser rasch überzeugen kann: Lorenzers Werk ist in vielerlei Hinsicht provokativ, stößt vor den Kopf: so die These vom Unbewußten als einem nichtsprachlichen Sinn- und Wirkungsgefüge, anschaulich entfaltet in dem erst kurz vor seinem Tode erschienen Band „Die Sprache, der Sinn, das Unbewußte, der auf eine Mitte der achtziger Jahre in Costa Rica gehaltene Vorlesungsreihe zurückgeht. Lorenzers spannende Rehabilitierung der Freudschen Metapsychologie ist darauf ausgerichtet, die Problematik des Leibes als Matrix und Mitte des Erlebens ins Zentrum zu rücken: Das Ineinander von Leiblichkeit und Sozialität kennzeichne den Kern der Freudschen Entdeckungen und lasse die Vision einer „Hermeneutik des Leibes aufscheinen, die, jenseits der starren Grenzziehungen zwischen den Natur- und Sozialwissenschaften, den Weg zeigen könne, wie der eine Bereich – nichtsprachliche Praxis, ausgegrenzte Leiblichkeit – im Zentrum des anderen, ihm scheinbar entgegengesetzten – Sprache, kulturelle Objektivationen – aufgefunden werden kann. – Lorenzers Kulturanalysen basieren auf dieser Perspektivenverschränkung, hierbei der Eigenbedeutung jener Lebensszenarien in Alltagsästhetik und Kunst auf der Spur, die den Konflikten zwischen Wünschen und Werten, unbewußten Phantasien, leiblich zentrierten Affekten zu kollektivem, „sinnlich-symbolischen Ausdruck verhelfen. – Dass sich eine derart grenzüberschreitende Wissenschaft nicht wegbewegt vom psychoanalytischen Untersuchungs- und Erkenntnisgegenstand – der Frage der Subjektivität und der Auseinandersetzung mit psychophysischem Leid – , das hat Lorenzer in seinem Beitrag zur Festschrift für Margarete Mitscherlich (1987) klargestellt. Er schließtmit der Überzeugung, dass „wir unsere Patienten auch in der Analyse nicht zureichend verstehen, wenn wir den Zusammenhang ihres individuellen Erlebens mit den kulturellen Bewegungen der Zeit nicht zu sehen vermögen, wenn wir nicht die gesellschaftlichen Verbote und Gebote in ihnen und uns beim Namen nennen können.

Denselben Gedanken hat Lorenzer dann in die erweiterte erkenntnisleitende Perspektive gerückt, die Subjekt- und Kulturanalyse inwendig aufeinander bezieht. Formuliert ist sie in einem Vortrag zum Wiener Symposium 1989 aus Anlass des 50. Todestages von Sigmund Freud (Lorenzers Teilnahme am Symposium war einer seiner letzten öffentlichen Auftritte). Die Botschaft ist deshalb sein Vermächtnis geworden und bleibt eine Herausforderung nicht nur für die aktuelle Psychoanalyse: „Der Konflikt zwischen den Normen und Werten des Bewußtseins einerseits und den unbewußten Lebensentwürfen andererseits ist kein bloßes individuelles Schicksal. Psychoanalytische Aufklärung muß sich des Zusammenhangs mit gesellschaftlicher Aufklärung versichern. Die Frage nach dem Unbewußten ist zugleich auch die Frage nach dem sozial Ausgeschlossenen, dem Noch-nicht-Bewußten, der noch-nicht bewußtseinsfähigen gesellschaftlichen Praxis."

ALFRED LORENZER

Sprache, Lebenspraxis und szenisches Verstehen in der psychoanalytischen Therapie

¹

Übersicht: Freud sagt vom Verdrängt-Unbewußten, eskomme durch Trennung der »Sach-« von den »Wortvorstellungen« zustande. Lorenzer streift dieser Terminologie durch das Heranziehen weiterer Freud-Texte dendinglichen Schein ab. Die »Sach«-Vorstellungen sind Erinnerungsspuren (noch) sprachloser Interaktionen, also Niederschläge erlebter und Modelle künftiger Handlungen. Das szenische Verstehen, das - auf der Basis der Teilnahme des Therapeuten am Spiel des Patienten - sämtliche vom Patienten dargebotenen Materialien nach Analogie der Traumdeutung behandelt, ist darum die viaregia zum Unbewußten.

Aussagen über die Struktur der psychoanalytischen Theorie und Praxis müssen metatheoretisch-metapraktisch begründet werden.. Das heißt, es darf weder (nach Positivisten-Art) dem Verfahren eine inhaltsfremde, durchformalisierte Methodologie übergestülpt werden, noch darf der Erkenntnisgegenstand auf dem Boden einer protoscience aus vorweg aufgestellten Axiomen zusammengebaut werden. Vielmehr müssen die Aussagen aus der psychoanalytischen Praxis und deren Theorie herausdestilliert werden. Ein solcher Ansatz an der Praxis verbietet aber, Erkenntnisverfahren und Erkenntnisgegenstand auseinandzureißen. Beide Seiten sind in einem einzigen Ansatz aufzugreifen. Es ist der Punkt zu treffen, an dem die Methode und ihr Gegenstand zusammenhängen, und das ist bei der Psychoanalyse, wenn wir Freud folgen, das Problem »Sprache«. In den »Vorlesungen« schreibt er zum Verfahren:

»In der analytischen Behandlung geht nichts anderes vorals ein Austausch von Worten zwischen dem Analysierten und dem Arzt. Der Patient spricht, erzählt von vergangenen Erlebnissen und gegenwärtigen Eindrücken,klagt, bekennt seine Wünsche und Gefühlsregungen. Der Arzt hört zu, sucht die Gedankengänge des Patienten zu dirigieren, mahnt, drängt seine Aufmerksamkeit nach gewissen Richtungen, gibt ihm Aufklärungen und beobachtet die Reaktion von Verständnis oder von Ablehnung, welche er so beim Kranken hervorruft. Die ungebildeten Angehörigen unserer Kranken, denen nur Sichtbares und Greifbares imponiert, am liebsten Handlungen, wie man sie im Kinotheater sieht, versäumen es auch nie, ihre Zweifel zu äußern, wie man durch bloße Reden etwas gegen die Krankheit ausrichten kann« (1916/17).

Zum Gegenstand des psychoanalytischen Erkennens und Handelns aber heißt es schon in den »Studien über Hysterie«:

»Ich bin nicht immer Psychotherapeut gewesen, sondern bin bei Lokaldiagnosen und Elektrodiagnostik erzogen worden wie andere Neuropathologen, und es berührt mich selbst noch eigentümlich, daß die Krankengeschichten, die ich schreibe, wie Novellen zu lesen sind, und daß sie sozusagen des ernsten Gepräges der. Wissenschaftlichkeit entbehren. Ich muß mich damit trösten, daß für dieses Ergebnis die Natur des Gegenstandes offenbar eher verantwortlich zu machen ist als meine Vorliebe; Lokaldiagnostik und elektrische Reaktionen kommen bei dem Studium der Hysterie eben nicht zur Geltung, während eine eingehende Darstellung derseelischen Vorgänge, wie sie vom Dichter zu erhalten gewöhnt ist, mir gestattet, bei Anwendung einiger weniger psychologischer Formeln doch eine Art von Einsicht in den Hergang einer Hysterie zu gewinnen« (1895, S. 227).

Die »Natur des Gegenstandes« verlangt eine Darstellung ..., wie man sie vom Dichter zu erhalten gewöhnt« ist: »Novellen«, Erzählungen-Sprachwerk, so können wir allgemeiner sagen. Allerdings ist die »sprachliche« Natur von Verfahren und Gegenstand nicht nur ein Grundmerkmal der Psychoanalyse, sondern auch, Grundproblem. Denn weil das Erkenntnisziel der Psychoanalyse Unbewußte ist, geraten wir in eine merkwürdige Widersprüchlichkeit: Psychoanalyse sucht mit Sprachmitteln das Nichtsprachliche zu erkunden. Oder, anders ausgedrückt: Sie sucht das Nichtverständliche zu verstehen. Eine recht ausweglose Lage. Schon 1927 ist Hartmann in einer umfänglichen Untersuchung der psychoanalytischen Erkenntnis zu dem Ergebnis gekommen: »Das Unbewußte (bildet) generell eine Schranke des Verstehens« (S. 39). Nun mag man sich darüber streiten, wie Verstehen, Sprache und Bewußtsein zusammengehören und ob sie sich in ihrem Geltungsbereich jeweils genau decken. Auf dem Boden der Psychoanalyse sollte jedenfalls eindeutig sein, daß Sprache und Unbewußtes einander ausschließen. Schon Freud (1915, S. 300) drückte das so aus:

»Was wir die bewußte Objektvorstellung heißen durften, zerlegt sich uns jetzt in die Wortvorstellung und in die Sachvorstellung, die in der Besetzung, wenn nicht der direkten Sacherinnerungsbilder, doch entfernter und von ihnen abgeleiteter Erinnerungsspuren besteht. Mit einem Male glauben wir nun zu wissen, wodurch sich eine bewußte Vorstellung von einer unbewußten unterscheidet. Die beiden sind nicht, wir gemeint haben, verschiedene Niederschriften desselben Inhaltes an verschiedenen psychischen Orten, auch nicht verschiedene funktionelle Besetzungszustände an demselben Orte, sondern die bewußte Vorstellung umfaßt die Sachvorstellung plus der zugehörigen Wortvorstelllung, die unbewußte ist die Sachvorstellung allein. Das System Ubw enthält die Sachbesetzungen der Objekte, die ersten und eigentlichen Objektbesetzungen; das System Vbw entsteht, indem diese Sachvorstellung durch die Verknüpfung mit den ihr entsprechenden Wortvorstellungen überbesetztwird. Solche Überbesetzungen, können wir vermuten, sind es, welche eine höhere psychische Organisation herbeiführen und die Ablösung des Primärvorganges durch den im Vbw herrschenden Sekundärvorgang ermöglichen.«

Das heißt unzweideutig: Sprache und Bewußtsein gehören ebenso zusammen, wie Sprache und Unbewußtes auseinanderliegen. Da die Psychoanalyse aber eine Sprachoperation ist, gilt die Frage: Wie kommt man mit Sprache in das Terrain der Sprachlosigkeit? Wie wird das Verstehen von Unbewußtem möglich?

Halten wir uns zunächst an den berühmten Freudschen Programmsatz: »Die Traumdeutung aber ist die via regia zur Kenntnis des unbewußten Seelenlebens« (1900, S. 613), unterlassen wir aber nicht, sofort zu fragen: Was befähigt die Traumdeutung, als via regia zur Kenntnis des unbewußten Seelenlebens zu dienen? Wie kann die Sprachoperation »Traumdeutung« das sprachlich Unbewußte erreichen?

Versucht man dieser Frage nachzugehen (statt sie bloß faktisch hinzunehmen), so wird man einige Umwege nicht scheuen dürfen. Um dabei vom vertrauten psychoanalytischen Grunde her zu argumentieren, setze ich bei dem vorstehenden Freud-Zitat an und zwar bei der Aussage:

»Die bewußte Vorstellung umfaßt die Sachvorstellung plus der zugehörigen Wortvorstellung, die unbewußte ist die Sachvorstellung allein.«

Von diesem Satz her wollen wir unsere Überlegungen aufbauen, wobei wir allerdings an zwei Stellen eine Kritik anbringen müssen: Bei dem Begriff Sachvorstellung und Sachvorstellung.

Zunächst zum ersteren: Selbst wenn wir die Rede von »Vorstellungen« auch für das tierische Erlebnis gelten lassen (als Wahrnehmungskomplexe), meint »Vorstellung« doch, allemal hochorganisierte, zentralnervös zusammengefaßte Prozesse. Der Begriff grenzt also die »niederen« Organisate des Stammhirns, der Reflexbögen oder gar peripherer Lokalisation aus. Der Begriff verführt, ja, nötigt dazu, alle vor der Anlage der höheren Zentren einsozialisierten Einschreibungen von Lebenseindrücken zu übergehen, also jene »Niederschläge« unbeachtet zu lassen, an die Freud ja durchaus gedacht hat, als er bei den »Sacherinnerungsbildern« »Erinnerungsspuren« mit einbezog. Radikalisieren wir also Freud mit Freud und ersetzen wir von vornherein den Begriff »Vorstellung« durch »Erinnerungsspur«. Stellen wir fest: die Erinnerungsspuren sind Niederschlage von Lebenspraxis, die (von »außen« oder von »innen« in Gang gesetzt) das Verhalten der Menschen in einer vorgegebenen Welt in konkret ausgeführten »Formeln« festhalten. Da diese Erinnerungsspuren ja ausdrücklich von Freud als die Inhalte des Unbewußten und d. h. des »Triebes« vorgestellt werden, versteht es sich von selbst, daß diese Einzeichnungen vergangenen Lebens zugleich dynamische Entwürfe, ja, virulente Faktoren zukünftiger Lebenspraxis bilden. Die Erinnerungsspuren sind mithin die »Blaupausen« des Lebensplanes und die Potentiale seiner Verwirklichung.

Der Hinweis auf früheste, elementare, auf niederstem Organisationsniveau ein-»gezeichnete« Praxisentwürfe führt Lins zum anderen Kritikpunkt, der sich aus dem »Grundauftrag« der Psychoanalyse zwangsläufig ergibt, zu den Wurzeln der Lebenserfahrung vorzudringen, den Aufbau der menschlichen Persönlichkeit zurückzuverfolgen bis zur »Basis«, bis zu den grundlegenden Lebenserfahrungen. Wenn wir auch hier Freud so radikal nehmen, wie es sein muß, so müssen wir hinter die Aufspaltung des Erlebens in Ich und Nicht-Ich, Selbst und Objekt zurückdenken auf die »narzißtische Ungeschiedenheit«, auf jene »Ursituation« also, in der der Erlebende und sein Erlebnis- »Gegenstand« noch untrennbar ein und alles waren. Auch bei dieser Radikalisierung haben wir keine Mühe, ein Anschlußzitat bei Freud selbst zu finden. Er schreibt (freilich dreizehn Jahre nach seiner Formulierung der »Sachvorstellungen«) vom Muttererlebnis des Fötus, daß die Mutter »als Objekt dem durchaus narzißtischen Fötus völlig unbekannt ist« (1926, S. 161). Nicht Gegenstände und Sachvorstellungen stehen mithin zur Debatte, sondern Interaktionserfahrungen. Die Erinnerungsspuren sind geronnene Interaktionsformeln.

Aber nicht nur der Blick auf die Fundamente der Erfahrung verlangt eine Auflösung der »vergegenständlichenden« Betrachtungsweise, also die Ersetzung des Begriffs »Sach-Vorstellung« durch den Begriff »Interakionsform«. Auch wenn für alle späteren Entwicklungen von Objektbeziehungen zu sprechen ist, so richtet sich der psychoanalytische Blick doch stets auf die Objektbeziehungen, geht es allemal um Liebesverhältnisse, »kommt ganz regelmäßig der Andere . . . in Betracht« (Freud, 1921, S. 73). Kurzum, die Erinnerungsspuren sind keine Sach-, sondern Situationsrepräsentanzen, sind Spuren abgelaufener

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