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Europa und das Ende des Kalten Krieges

Europa und das Ende des Kalten Krieges

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Europa und das Ende des Kalten Krieges

Länge:
84 Seiten
53 Minuten
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 1, 2012
ISBN:
9783711751010
Format:
Buch

Beschreibung

1989 ist das dynamischste Epochenjahr der europäischen Geschichte seit Ende des Zweiten Weltkriegs und wirkt zugleich heute nur als umstrittener und großteils 'kalter' Erinnerungsort. Ausgehend von einer Rekonstruktion der Gründe für die Interaktion zwischen gesellschaftlichen Bewegungen und politischen Akteuren sowie einer Analyse der zentralen Entscheidungsabläufe und Interessenskonstellationen, die zum Ende des Kalten Krieges führten, werden die Ursachen für die ambivalente Rezeption in der Gegenwart reflektiert.Ein internationaler Vergleich der öffentlichen Inszenierungen dieses Jahrestages zeigt gravierende Unterschiede in der Auseinandersetzung mit einem Schlüsselereignis der Weltgeschichte in den nationalstaatlichen Arenen der Geschichtspolitik. Vor dem Hintergrund der beginnenden Globalisierung wurde ein unerwartetes Zeitfenster in der Geschichte genützt, zwanzig Jahre später sind Eiserner Vorhang und Berliner Mauer historische Artefakte geworden, deren Nachwirkungen auf die Gegenwart aber unterschätzt werden.
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 1, 2012
ISBN:
9783711751010
Format:
Buch

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Europa und das Ende des Kalten Krieges - Oliver Rathkolb

Ehalt

Oliver Rathkolb

Europa und das Ende des Kalten Krieges

1989 ist das dynamischste Epochenjahr der Europäischen Geschichte seit Ende des Zweiten Weltkriegs und wirkt trotzdem heute nur als umstrittener und großteils bereits »kalter« Erinnerungsort in der öffentlichen Debatte in Europa. Ausgehend von einer Rekonstruktion der Gründe für die Interaktion zwischen gesellschaftlichen Bewegungen und politischen Akteuren sowie einer Analyse der zentralen Entscheidungsabläufe und Interessenskonstellationen, die zum Ende des Kalten Krieges führten, werden im Folgenden die Ursachen für die ambivalente Rezeption in der Gegenwart reflektiert. Ein internationaler Vergleich der öffentlichen Inszenierungen dieses Jahrestags zeigt gravierende Unterschiede in der Auseinandersetzung mit einem Schlüsselereignis der Weltgeschichte in den nationalstaatlichen Arenen der Geschichtspolitik. Vor dem Hintergrund der beginnenden Globalisierung wurde ein unerwartetes Zeitfenster in der Geschichte genützt, zwanzig Jahre später sind Eiserner Vorhang und Berliner Mauer historische Artefakte geworden, deren Nachwirkungen auf die Gegenwart aber unterschätzt werden.

Rückblende zur Ereignisgeschichte des »Falls der Berliner Mauer« am 9./10. November 1989

Am 9. November 1989 um 18:57 Uhr präsentierte der für Information zuständige »erste Sekretär« des Zentralkomitees (ZKs) der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), Günter Schabowski, im DDR-Fernsehen eine überraschende Erklärung auf die Frage des Journalisten Riccardo Ehrman von der italienischen Nachrichtenagentur ANSA bezüglich einer neuen Regelung für »Auslandsreisen«.

Auf die Nachfrage eines anderen Medienvertreters, ab wann denn die neue Weisung gelte, antwortete Schabowski: »Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich«, um dann noch präziser nachzulegen: »Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse) beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Die zuständigen Abteilungen Paß- und Meldewesen der Volkspolizeikreisämter in der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen, ohne daß dafür noch die Voraussetzungen für eine ständige Ausreise vorliegen müssen. […]«¹

Ehrman habe zuvor einen vertraulichen Hinweis von einem ranghohen SED-Funktionär bekommen, nach diesem neuen Reisegesetz zu fragen. Schabowski wurde hier letztlich ein Opfer des allgemeinen Drucks der Ereignisse, denn diese Erklärung war noch nicht von der Regierung endgültig abgesegnet worden und sollte erst um vier Uhr am frühen Morgen kundgemacht werden. Doch ab dem Zeitpunkt dieser Fernsehausstrahlung gab es kein Halten mehr. Die DDR-Grenzsoldaten hielten dem Druck der herbeigeeilten Massen nicht stand, versuchten aber einige Zeit durch eine »Schleusenlösung« (durch den Stempel im Pass sollte gleichzeitig die Ausbürgerung dokumentiert und vollzogen werden) noch formal den Status quo aufrechtzuerhalten, scheiterten aber aufgrund massiven Andrangs an der Berliner Mauer. Die ORF-Korrespondentin Barbara Coudenhove-Kalergi², die sich damals in Ost-Berlin befand, berichtete in einem Gespräch mit dem Autor dieses Textes, dass nach der Erklärung eine »Totenstille« in Ost-Berlin an der Mauer geherrscht habe, ehe sich die Ereignisse nach dieser bürokratischen Fehl- und Frühmeldung überschlugen. Die Bilder über die jubelnden Menschen auf der Berliner Mauer sind erst Stunden später entstanden.

Als »defining moment« für die Öffnung der DDR-Grenzen bezeichnete Frau Coudenhove-Kalergi aber zu Recht die Demonstrationen in Leipzig vom 9. Oktober 1989, da zu diesem Zeitpunkt durchaus eine »chinesische Lösung« befürchtet wurde, das heißt, dass die DDR-Führung ähnlich wie die chinesische Führung am »Platz des Himmlischen Friedens«, am Tian’anmen-Platz, in Peking am 4. Juni 1989 mit brutalster Militärgewalt die Demonstrationen niederwalzen lässt.

Im Folgenden werde ich versuchen, die Entwicklungen des Jahres auf der Basis der inzwischen reichlich vorhandenen Quellenmaterialien von politischen Entscheidungsträgern sowie deren Memoirenliteratur und diversen nachträglichen Interviews zu rekonstruieren und auf die zentralen Hintergründe zu verdichten. Trotz der Menge des Materials gibt es bei entscheidenden Bewertungen große Unterschiede zwischen den Aussagen in diesen Quellengattungen.

Meine erste Ausgangsfrage betrifft die gesellschaftliche Dynamik der Entwicklungen im kommunistischen Ostblock und in der DDR im Jahre 1989, die die geopolitischen Strategien und Überlegungen vieler zentraler politischer Akteure überholte und zentrale Nachkriegsdoktrinen obsolet werden ließ: Die Politiker hatten bis Ende 1989 eigentlich keinen klaren politischen Plan, um diesen gesellschaftlichen Druck aufzufangen, der lange vor dem eigentlichen Schlüsseljahr begonnen hatte.

Leider wurde bei den diversen Inszenierungen in Europa der zentrale auslösende Faktor des Falls der Berliner Mauer und der Erosion des Eisernen Vorhangs, die Zivilgesellschaft und die Massenbewegungen hinter den Spitzenakteuren, versteckt und als Hintergrundmusik marginalisiert. Tatsache ist aber, dass in diesem Jahr die Zivilgesellschaft in vielen osteuropäischen kommunistischen Staaten die tragende Rolle übernommen hat.

In weiterer Folge versuche ich, mich der zweiten Frage zu nähern: Woher kam dieser gesellschaftliche Druck, der einen scheinbar monolithischen Block – den kommunistischen Ostblock unter sowjetischer Führung – innerhalb kurzer Zeit zerbrechen ließ – eine Entwicklung, die Anfang 1989 niemand wirklich realistisch prognostiziert

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