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Zweiland

Zweiland

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Zweiland

Länge:
264 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 24, 2014
ISBN:
9783944737768
Format:
Buch

Beschreibung

Vom Tellerwäscher zum Assistenten eines Milliardärs ... Als Lyle den Job bei Deacon Snyder annimmt, ahnt er nicht, dass er sich damit auf die Abschussliste der geldgierigen Tante seines Arbeitgebers setzt. Plötzlich findet er sich zusammen mit Deacon auf einer einsamen Insel wieder - ausgesetzt. Es beginnt ein Kampf ums Überleben.
Gay Romance
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 24, 2014
ISBN:
9783944737768
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Zweiland - Sandra Busch

Sandra Busch

Zweiland

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2014

http://www.deadsoft.de

© the author

Cover: Irene Repp

http://daylinart.webnode.com/

Bildrechte:

© determined – fotolia.com

1. Auflage

ISBN 978-3-944737-75-1 (print)

ISBN 978-3-944737-76-8 (epub)

$$ Kapitel 1 $$

Heute sind wir alle voneinander abhängig, niemand kann sich mehr in seine persönliche Festung zurückziehen, ein Inseldasein pflegen.

(Dalai Lama)

Lyle zupfte an der dunkelblauen Uniform herum, in der er sich ein bisschen eingeengt fühlte. Vielleicht gewöhnte er sich irgendwann daran, denn er trug sie noch nicht lange. Besonders der steife Stehkragen störte. Mit der Uniform beschäftigt, wurde er erst auf die neuen Gäste aufmerksam, als Mr. Connelly wie eine Glühbirne zu strahlen begann. Der Concierge rückte seine eckige schwarze Brille zurecht und stürzte regelrecht hinter der Rezeption hervor, um überschwänglich einen jungen Mann und eine Blondine zu begrüßen, die von zwei Kerlen begleitet wurden. Von der Optik her konnten sie nichts anderes als Bodyguards sein.

„Mr. Snyder, Mrs. Patterson, willkommen im Sun. Ich freue mich, Sie hier wieder begrüßen zu dürfen. Die Fürsten- und die Imperial-Suite stehen für Sie bereit."

Das also war der angekündigte Geldsack Deacon Snyder. Lyle hatte aus irgendeinem Grund geglaubt, der Milliardär wäre um die Fünfzig. Doch der Mann in dem maßgeschneiderten schwarzen Anzug und mit dem hellbraunen Haar konnte nur wenig älter als er selbst sein und Lyle war gerade mal zweiundzwanzig. Vom Getratsche der Reinigungskräfte wusste er, dass Mr. Snyder von seiner Tante begleitet wurde. Genau wie der Milliardär war auch die Tante in seiner Vorstellung deutlich betagter gewesen. Die heranstolzierende Blondine mochte dagegen um die Vierzig sein, obwohl sie sich Mühe gab, jünger zu wirken. Ihr Name war Hailey Patterson. Sie trug einen grellroten Lippenstift, passend zu der Farbe ihrer viel zu langen künstlichen Krallen. Außerdem stöckelte sie auf Absätzen daher, die als lebensgefährlich eingestuft werden mussten. Sie und dieser Snyder lebten nach dem tragischen Absturz des Privatjets und dem damit verbundenen Tod seiner Eltern zusammen. Die beiden glatzköpfigen Bodyguards steckten in braunen Anzügen, die bei jeder Bewegung an den breiten Schultern spannten. Sie waren Gestalt gewordene Klischees ihrer Branche.

„Bagagist! Das Gepäck der Herrschaften."

Bagagist? Oh ja, damit war er gemeint. Lyle setzte sich rasch in Bewegung und schnappte sich einen Kofferwagen, mit dem er zu der Limousine der vornehmen Gäste eilte. Vom Tellerwäscher eines kleinen Diners war er zum Bagagisten des Nobelhotels Sun in Philadelphia aufgestiegen. Das hatte er der alten Mrs. Irving zu verdanken, die seit mehr als dreißig Jahren Stammgast im Sun war. Ihr Afghane war ihr davongelaufen und er hatte der netten Dame den Hund zurückbringen können, bevor das Tier Opfer eines Taxis werden konnte. Zum Dank setzte sich Mrs. Irving dafür ein, dass er in dem Hotel einen Job bekam. Allein mit den Trinkgeldern verdiente er nun mehr, als zuvor als Tellerwäscher.

Mit den Koffern fuhr er im Lastenaufzug zu den Suiten hinauf. Mrs. Patterson war in ihren Räumen nicht zu entdecken. Lediglich die beiden Gorillas standen dort herum und starrten ihn finster an. Komisch. Sollten die nicht eher den Milliardär bewachen? Lyle stellte die Koffer der Lady ab. Hier ging er leer aus. Das war nichts Neues. Je reicher die vornehmen Schnösel desto geiziger waren sie meistens auch. Eine Lektion, die er gleich als Erstes gelernt hatte.

Lyle betrat die Fürstensuite, die elegant in Blau und Silber gehalten war. Deacon Snyder hatte sein Sakko abgeworfen und die Ärmel seines türkisfarbenen Hemdes aufgerollt. Das Hemd selbst war aufgeknöpft und gab den Blick auf mehrere Anhänger frei, die an einem Lederband hingen und nicht so recht zu einem Milliardär passen wollten. Ein silberner Engelsflügel, ein Kreuz und zwei Ringe, von denen einer mit einem funkelnden Stein besetzt war. Das war eine merkwürdige Zusammensetzung, wie Lyle fand. Deacon bemerkte von seiner Musterung nichts. Er saß auf einem nachtblauen Sofa, hatte sich aus der Obstschale einen grünen Apfel ausgesucht, der furchtbar sauer aussah, und war damit beschäftigt, ihn mit einem Tuch auf Hochglanz zu polieren.

„Wo darf ich Ihre Koffer abstellen, Sir?", fragte er.

„Am besten neben das Bett."

„Gerne, Sir." Lyle schleppte die mit Wackersteinen gefüllten Koffer in das angrenzende Schlafzimmer. Himmel! Waren die Dinger schwer.

„Bist du neu im Sun?" Deacon war ihm gefolgt und versperrte ihm jetzt den Weg hinaus, denn er stand mitten im Türrahmen.

„Ich arbeite seit zwei Wochen im Sun, Sir."

„Und? Gefällt es dir?"

„Ich habe keinen Grund zur Klage."

Hallo! Trinkgeld, bitte sehr, und dann lass mich gehen. Doch offenbar war Deacon noch nicht mit ihm fertig.

„Wie heißt du?"

„Cox, Mr. Snyder, Lyle Cox." Nervös trat er von einem Fuß auf den anderen. Mr. Connelly würde bestimmt schon auf ihn warten.

„Ich hätte gerne eine Packung Kaugummi, Lyle. Pfefferminz, egal welche Sorte."

„Gerne, Sir. Ich werde dem Service sofort Bescheid geben."

Deacon schüttelte den Kopf. „Nein, du hast das falsch verstanden. Ich möchte, dass du sie mir bringst."

Lyle nickte stumm. Er hatte keine Ahnung, was das sollte, aber eines war ihm gleich am ersten Tag eingebläut worden: Der Gast war König. Endlich trat der reiche Kerl einen Schritt zur Seite, sodass er sich an ihm vorbeidrängen konnte und in den Genuss von Körperkontakt kam.

„Hoppla", murmelte Deacon, während Lyle wie gefangen von dessen Aftershave war. Holzig und warm … Gerne hätte er für einen kurzen Moment seine Nase in den fremden Hemdkragen gedrückt und geschnuppert. Stattdessen brachte er eine Entschuldigung hervor und rannte nahezu hinaus, um den Kaugummi zu besorgen.

Mit einem kleinen Lächeln schaute Deacon dem Bagagisten hinterher.

Heiß, fuhr es ihm durch den Kopf und aus seinem Lächeln wurde ein Grinsen, das allmählich in ein Seufzen überging. Er schlenderte zum Balkon und lehnte sich im warmen Sonnenschein an das Geländer. Herzhaft biss er in den Apfel. Auch wenn Tante Hailey ständig hinter ihm her scharwenzelte und er Umgang mit netten Leuten in seinem Polo-Club hatte, war er tatsächlich einsam. Wirkliche Freunde hatte er keine, lediglich Bekannte, Geschäftspartner und Schickimickis aus der oberen Gesellschaftsschicht. Die meisten waren oberflächlich, die anderen hatten bloß Geld im Kopf. Die Übrigen waren oberflächlich und dachten nur ans Geld. Ihm fehlte ein richtiger Freund, mit dem er lachen und rumalbern konnte. Genau wie damals in dem Privatinternat mit Tyler. Mit ihm hatte er sogar seine ersten sexuellen Erfahrungen gesammelt. Heute war Tyler verheiratet und hatte ein kleines Mädchen adoptiert. Wenn er nicht in dem Bankimperium seines Vaters arbeitete, rollte er mit seinem afroamerikanischen Liebhaber durch die Betten. Deacon seufzte erneut. Bald war er vierundzwanzig. Dann konnte er selbst über seine Konten verfügen und wäre Tante Hailey als Vormund los. Er würde frei sein und anfangen, sein Leben zu genießen.

„Mr. Snyder?"

Ah, Lyle war zurück. Eine schöne warme, dunkle Stimme hatte er. Wie der wohl ihm Bett klang?

Reiß dich zusammen, Deacon, befahl er sich.

„Auf dem Balkon", rief er. Gleich darauf stand Lyle vor ihm, das Gesicht leicht erhitzt.

„Ihr Kaugummi, Sir."

Deacon nahm das Päckchen entgegen und legte es achtlos auf das Geländer. Er war mehr an Lyles blaugrauen Augen interessiert.

„Bist du verheiratet, Lyle?"

„Nein, Sir."

„In festen Händen?"

Der Bagagist zögerte kaum merklich. „Ich denke nicht. Nein, Sir."

„Das klingt, als würde es kriseln."

„So könnte man es ausdrücken", murmelte Lyle und studierte die Spitzen seiner auf Hochglanz polierten Schuhe.

„Woran liegt es?" Deacon war nun richtig neugierig.

„Er interessiert sich mehr für andere, als für mich."

Deacon stockte der Atem. Lyle hatte er gesagt, es schien ihm gar nicht bewusst zu sein. Der heiße Feger war schwul!

„Entschuldigen Sie, Sir. Wenn Sie mich nicht mehr brauchen …"

Deacon zog einen Schein aus der Tasche. Verflixt, es war lediglich eine Ein-Dollar-Note, wie er feststellte, als er den Schein in die Hand des Bagagisten drückte. Zu seiner Überraschung legte Lyle den Dollar auf den Teakholztisch, der auf dem Balkon stand.

„Tut mir leid, Sir, den kann ich Ihnen nicht wechseln." Sprach’s und verschwand. Deacon begann zu lachen. Wunderbar, der Süße hatte Schneid.

$$$$

„Lyle!"

„Mr. Connelly?"

„Schicken Sie einen Boten zu sich nach Hause und lassen Sie sich Garderobe für alle möglichen anfallenden Gelegenheiten bringen. Mr. Snyder hat soeben angerufen und verlangt Ihre uneingeschränkten Dienste während seines Aufenthalts hier."

„Was?" Lyle erstarrte.

„Wie bitte", verbesserte Mr. Connelly pikiert.

„Aber Mr. Connelly, ich bin bloß Bagagist …"

„Das habe ich Mr. Snyder ebenfalls erklärt, trotzdem besteht er darauf. Und der Gast …"

„… ist König", beendete Lyle seufzend den Satz. Das würde ihn zumindest davon entbinden, täglich mit den fünf schrecklichen Nuttenpinschern von Mrs. Finch Gassi gehen zu müssen.

„Ist da etwas zwischen Ihnen und Mr. Snyder vorgefallen? Gab es einen Anlass, dass er Sie anfordert?"

„Nein. Er ist nur neugierig und löchert mich ständig mit irgendwelchen Fragen."

Überraschend lächelte ihn der Concierge an. „Ich denke, er freut sich über ein wenig gleichaltrige Gesellschaft. Es ist bestimmt ziemlich anstrengend, den ganzen Tag mit dieser exzentrischen Lady zu verbringen."

Lyle bekam beinahe den Mund nicht mehr zu. Mr. Connelly konnte ja richtig Mensch sein und nicht bloß das Argus-Auge des Hotels, das Portiers, Grooms, Liftiers, Voituriers und Bagagisten überwachte und die Marotten sämtlicher Gäste kannte.

„Die Dame ist zweifache Witwe und hat jedes Mal reich geerbt. Man munkelt, dass sie im Rotlichtbezirk von New York an der Stange getanzt hat. Stellen Sie sich das vor. Offenbar ging Mr. Connelly soeben auf, was für Gerüchte er da weitertratschte, denn er räusperte sich und fuhr verlegen über seine Halbglatze. „Seien Sie höflich, diskret und stets die Gelassenheit in Person, verstehen Sie? Und falls es Schwierigkeiten geben sollte, kommen Sie damit zu mir. – Ah, Mrs. und Mr. Waterbiggs, ich habe zwei fantastische Theaterkarten für Sie … Der Concierge ging routiniert zu seiner Arbeit über und Lyle beauftragte einen der anderen Bagagisten, seine Klamotten zu holen. Toll fand er das nicht gerade, Fremde in seiner Wäsche herumwühlen zu lassen, leider war er ab sofort wegen des werten Mr. Snyder im Hotel unabkömmlich. Sobald der Milliardär pfiff, würde er rennen dürfen. Lyle seufzte. Und das alles für einen Dollar Trinkgeld. Er wäre der Brüller der Woche, wenn die anderen Kollegen davon erfuhren.

„Lyle? Mr. Snyder für Sie!"

Die nächsten Stunden war Lyle tatsächlich am Rennen. Er sollte Schuhe putzen, einen Anzug zum Aufbügeln bringen, Zeitung und ein gekochtes Ei holen. Ein gekochtes Ei? Egal. Er dachte über die zahlreichen Wünsche des Milliardärs nicht weiter nach. Deacon befand sich allein in seiner Suite, weil sich die beiden Bodyguards ausschließlich bei Mrs. Patterson aufhielten. Lyle raffte seinen ganzen Mut zusammen und erkundigte sich bei Deacon danach.

„Möchtest du diese beiden Schränke dauernd im Nacken haben?, fragte der zurück. „Ich jedenfalls nicht. Allerdings besteht Tante Hailey auf diese Gorillas. Sie ist selbst nicht arm und will verhindern, dass sie entführt wird. Deacon zwinkerte ihm zu. „Glaube mir, wenn die Kidnapper auch nur einen Tag mit ihr verbracht haben, werden die dafür bezahlen, um sie wieder loszuwerden."

Lyle musste lachen.

„Oh, gibt es einen speziellen Grund für einen derartigen Heiterkeitsausbruch?" Mrs. Patterson stand plötzlich in der Fürstensuite, gekleidet in einer goldenen Seidenbluse und einem schwarzen Spitzenrock, der weit über dem Knie endete, als wäre dem Designer der Stoff ausgegangen.

„Tante Hailey, ich habe dich bereits tausendmal gebeten anzuklopfen."

„Und du sollst mich nicht ständig Tante nennen. Das macht alt." Und mit dem Alter schien Mrs. Patterson ein Problem zu haben. An ihre Nase und den Brüsten hatten definitiv Ärzte herumgewerkelt, die Haare waren blondiert und dem unbeweglichen Gesicht nach machte sie selbst vor Botox nicht halt.

„Hast du dir die Unterlagen für morgen angesehen?", wollte sie wissen.

„Ich bin dabei. Wir sollten das Angebot für die Weinberge annehmen. Die Kunden wollen zurück zu Produkten aus traditioneller Handarbeit. Daher habe ich ein gutes Gefühl bei der Sache", antwortete Deacon. Mrs. Patterson tätschelte ihm wie einem kleinen Jungen die Wange.

„Ein Gespür hast du … Ganz wie dein Vater, Deacon, mein Lieber. Aber eigentlich bin ich hier, weil der Scotch in meiner Hausbar alle ist. Kannst du mir aushelfen?"

„Ich sorge dafür, dass sofort nachgefüllt wird, Mrs. Patterson", versprach Lyle und setzte sich in Bewegung.

„Tun Sie das."

Er spürte die kalten Blicke der blonden Witwe in seinem Rücken, die ihm regelrecht Löcher in die Haut brannten.

„Mit dieser Frau wird es garantiert noch Ärger geben", murmelte Lyle.

Deacon rief ihn erst am späten Abend wieder. Lyle hatte gerade das winzige Loch im Keller des Hotels aufsuchen wollen, das eine der Behelfsunterkünfte für die Angestellten darstellen sollte. Schnell schlüpfte er in die Jacke seiner Bagagistenuniform und rannte durch das Treppenhaus für das Personal zur Fürstensuite hinauf. Deacon erwartete ihn in den flauschigen Bademantel des Hotels gekleidet und mit einem grimmigen Gesicht. Seine Laune schien in den letzten Stunden mächtig gesunken zu sein.

„Was kann ich für Sie tun, Sir?" Lyle setzte ein Lächeln auf, von dem er hoffte, dass es gelassen wirkte. Außerdem musste er sich zwingen, nicht auf die behaarten Beine des Milliardärs zu starren. Muskulöse Beine mit ausgeprägten Waden.

„Mein Gesicht ist weiter oben, Lyle."

„Entschuldigen Sie, Sir." Hitze flammte in Lyles Wangen auf.

„Bestell Mr. Roalstad aus der Agentur Secrets zu mir."

Damit war Lyle entlassen. Verärgert stiefelte er zu Mr. Connelly an der Rezeption hinunter. Dafür hatte er die ganzen Treppen hinauf hecheln müssen? Hätte dieser reiche Trottel nicht direkt den Concierge anrufen können, um bei Secrets … Moment mal! Mitten auf der Treppe blieb Lyle stehen. Sein Mund klappte auf und er hörte sich selbst tief Atem holen. In seinem Freundeskreis hatten sie vor einem Jahr ihre Barschaft zusammengeschmissen, um dem schüchternen Teddy für drei Stunden einen Luxus-Callboy zu ordern. Lyle war sich sicher, dass der zur Agentur Secrets gehört hatte. Er schaute die Treppe hinauf, als würde er am oberen Absatz Deacon entdecken können. War der Milliardär ebenfalls schwul? Ethan, fiel es Lyle ein und er stöhnte auf. Er hatte Deacon von seinem Fast-nicht-mehr-Freund erzählt, völlig gedankenlos, wie es ihm hinterher aufgegangen war. Damit hatte er quasi eingestanden, homosexuell zu sein. War die Bitte, einen Callboy kommen zu lassen, bewusst über einen Umweg erfolgt, damit er, Lyle, erfuhr, dass Deacon schwul war? Hoffentlich wurden die Aufträge des Herrn Milliardär nicht noch spezieller. Lyle lief weiter und versuchte sich vorzustellen, wie er reagieren würde, sollte ihm Mr. Snyder Geld für horizontale Gästebetreuung anbieten. Bisher hatte er nie darüber nachgedacht, ob es für ihn ab einer gewissen Summe keine Hemmschwelle mehr geben würde. Warum auch? Schmutzige Teller machten einem keine unseriösen Angebote.

„Was grüble ich hier eigentlich?", knurrte er und steuerte auf die Rezeption zu. „Mr. Snyder wünscht einen Mr. Roalstad von Secrets auf sein Zimmer", sagte er zu Mr. Connelly. Der zog eine Braue in die Höhe, griff allerdings sofort zum Telefon, um gleich darauf einen Termin zu vereinbaren. In der nächsten Sekunde informierte er den Milliardär über den Hausanschluss, dass Mr. Roalstad pünktlich um zehn erscheinen würde.

„Kein Wort zu irgendjemandem", wurde Lyle gleich darauf gewarnt, nachdem der Concierge den Hörer auflegte. „Mr. Snyder ist Stammkunde im Secrets und der angeforderte Herr kennt sich aus. Das fällt unter die oberste Diskretion, verstanden?"

„Selbstverständlich, Mr. Connelly."

„Ich denke, dann können Sie schlafen gehen. Gute Nacht, Lyle."

„Gute Nacht."

Schlafen? Jetzt? Zumindest diesen Mr. Roalstad wollte Lyle unter die Lupe nehmen.

Knapp eineinhalb Stunden später lag Lyle auf dem schmalen Klappbett in seiner engen Kammer und starrte in die Dunkelheit hinauf. Seine Neugier, was den Callboy betraf, war gestillt. Blond, gebräunt, großgewachsen, fitnessgestählt und derartig gepflegt, als würde er den ganzen Tag im Schönheitssalon verbringen, war der Kerl gewesen. Nicht einfach nur schlank und mit dunkelbraunen Haaren beschenkt, wie er es war.

Was die beiden im Moment wohl treiben? Unruhig drehte er sich um und umklammerte sein Kissen.

„Na, was schon, brummte er in den weißen Bezug, der angenehm nach Weichspüler roch. „Dieser stinkreiche Typ kann sich eben mit Geld alles kaufen. Trotzdem schien Deacon nicht sonderlich fröhlich zu sein. Er lachte durchaus, aber Lyle hatte bemerkt, dass das Lachen nicht bei seinen Augen ankam. Die blickten immer ein wenig verloren.

$$$$

Noch nicht ganz wach griff Deacon blindlings nach dem Telefon, das sich auf dem Schränkchen neben seinem Bett befand.

„Fürstensuite, murmelte er nach dem fröhlichen Morgengruß in seinem Ohr. „Lyle soll mir mein Frühstück bringen. Ja, wie üblich. Er legte auf und zog die Decke über den Kopf. Was für eine Nacht! Die Nummer mit dem Callboy war bereits nach zwanzig Minuten erledigt gewesen. Deacon hatte dabei feststellen müssen, dass ihn der Kerl zu langweilen begann, dabei hatte Roalstad ihn eigentlich auf andere Gedanken bringen sollen. Wie ein dressierter Pudel tat er, was Deacon wollte, nichts wurde hinterfragt und Eigeninitiative war ebenfalls fehl am Platz. Das künstliche Dauergrinsen ging ihm besonders auf die Nerven.

„Du willst eine Beziehung und keinen bezahlten Sex", grummelte er in einem Anflug von Selbsterkenntnis ins Laken. Mit Hailey im Nacken ein Ding der Unmöglichkeit.

Nachdem Mr. Sonnenschein gegangen war – sichtlich beleidigt, weil Deacon ihn nicht wie sonst bis zum Morgen hatte bleiben lassen –, hatte er die ganze Zeit über an Lyle denken müssen. Der Bagagist schien nicht auf den Mund gefallen zu sein, wie seine Erwiderung auf das magere Trinkgeld bewiesen hatte. Das gefiel Deacon. Der Süße traute sich etwas. Die meisten Menschen glaubten, dass sich die reiche Bevölkerung Unverschämtheiten erlauben konnte, und nahmen lächelnd und katzbuckelnd Unarten und Demütigungen hin, die sie bei einem Gleichgestellten mit einem ordentlichen Fausthieb beantwortet hätten.

Es klopfte.

„Ist offen", murmelte Deacon.

Es klopfte erneut.

„OFFEN!" Matt ließ er sich nach dem Schrei zurück auf die Matratze fallen. Nebenan wurde ein Servierwagen in die Suite geschoben.

„Guten Morgen, Mr. Snyder. Wo wünschen Sie Ihr Frühstück einzunehmen?"

Deacon drehte sich zu der Stimme um. Lyle wirkte etwas übernächtigt und war sich offenbar nicht bewusst, dass er seinen Nacken knetete.

„Schmerzen?"

Sofort stellte Lyle das Kneten ein. „Besondere Umstände zwangen mich, die Nacht auf einer unbequemen Liege zu verbringen, Sir. Ich bin lediglich ein wenig steif."

Hörte er da einen Vorwurf heraus? Beinahe hätte Deacon gegrinst.

„Das Frühstück, Sir?"

„Ich esse im Bett." Er richtete sich auf und stopfte sich ein Kissen in den Rücken, während Lyle den Servierwagen heranschob, das Tablett davon abhob und auf Deacons Schoß platzierte.

„Wenn es recht ist, hole ich den Wagen in einer Stunde ab?"

„In einer halben Stunde. Hast du etwas Lässiges zum Anziehen hier? Ich würde ganz gerne mit dir durch die Stadt schlendern."

„Oh!"

„Ist das ein Problem?" Deacon öffnete seinen Joghurtbecher und schaute Lyle fragend an.

„Ich werde mich bei Mr. Connelly erkundigen müssen, Sir.

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