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Rimini Protokoll: ABCD

Rimini Protokoll: ABCD

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Rimini Protokoll: ABCD

Länge:
304 Seiten
3 Stunden
Freigegeben:
Jan 4, 2013
ISBN:
9783943881431
Format:
Buch

Beschreibung

RECHERCHEN 100 - Die Reihe Recherchen, in der bereits zahlreiche namhafte Künstler und Wissenschaftler auf Expedition in das Theater des 21. Jahrhunderts gegangen sind, feiert seinen hundertsten Band mit einem außergewöhnlichen Buch, in dem das Theater neu buchstabiert wird - das ABCD von Rimini Protokoll.

Das Berliner Regiekollektiv, bestehend aus Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel, tritt hier erstmals als Experte seiner selbst auf und definiert zentrale Begriffe der eigenen Arbeit für und über das Theater: von A wie Applaus und Authentizität über Präsenz, Publikum, Repräsentation bis hin zu Z wie Zugabe, Zweifel und Zukunft.

Das ABCD von Rimini Protokoll basiert auf Vorträgen im Rahmen der 1. Poetikdozentur für Dramatik an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken. Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel haben hier im Winter 2011/12 Projekte aus ihrer mehr als zehnjährigen Zusammenarbeit vorgestellt und über ihr Theaterkonzept reflektiert. Aus den Vorträgen haben sie ein ABCDarium entwickelt, eine Form, die dem vernetzten und stets in Bewegung befindlichen Denken und Arbeiten des Kollektivs entspricht. Das ABCD - komisch, spannend und erkenntnisreich - lädt den Leser auf charmante Weise dazu ein, sich auf verschlungenen Pfaden durch die Welt von Rimini Protokoll führen zu lassen.

AUTHENTIZITÄT
danach wird oft gefragt. Wenn darauf immer das Gleiche geantwortet wird,
ist dann die Antwort nicht mehr authentisch?

ZUGABE
in der Musik oft der Moment, in dem das größte Risiko möglich wäre, weil
jetzt ohnehin schon alle auf der Seite der Band sind, in dem aber meistens
das Bekannteste und Populistischste gespielt wird. Im Theater und in
Poetikvorlesungen eher selten.
Freigegeben:
Jan 4, 2013
ISBN:
9783943881431
Format:
Buch

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Rimini Protokoll - Verlag Theater der Zeit

Dieses Buch ist all den Menschen gewidmet, die für und mit uns gesucht, gedacht, gebastelt, geschrieben, produziert, geschuftet, gekämpft, gewagt, gezaubert, verloren und gehofft haben. Sie sind Rimini Protokoll.

A

ABCD– Versuch einer Bestandsaufnahme nach zwölf Jahren. Nicht alles. Dazu wird die → Erinnerung nicht reichen. Aber einige Maschen im Netz. Gebrauchsanweisung? Überflüssig. Oft, wenn wir in eine neue Stadt kommen, gehen → wir in drei verschiedene Richtungen los. Unterwegs kommen wir an vielen Abzweigungen und Wegweisern vorbei. Jeder → Parcours ist möglich. Also mutig → vorwärts. Vorbei an Gedanken, Projektbeschreibungen, Requisiten … Wer sich auf den Weg macht, wird schon einen Eindruck vom Gelände bekommen. → Perspektive

ABWESENHEIT → Funktionieren

ACTOR – Handelnder. Das bessere Wort als → Schauspieler. Aufführung nicht als Abbildung, sondern als Tätigkeit. → Best Before

AHA – Effekt. → Wiederholung

AIRPORT KIDS (Arias/Kaegi, 2008) – Zwischen internationalen Klosterschulen, der Nestlé-Zentrale und dem Olympischen Komitee finden sich in Lausanne Nomaden von heute: Kinder von Eltern, die in den Kadern multinationaler Konzerne arbeiten, heute Singapur, nächstes Jahr Lausanne; Kinder auf den Flughäfen der Welt; zwei- und dreisprachige Kinder, die nach einer eigenen Sprache suchen. „Third Culture Kids" werden diese Kinder von Soziologen genannt: keine Migranten, aber immer bereit zum Aufbruch. Sie kommen aus Rumänien, Afrika, China, Brasilien. Sie lernen neue Sprachen und diplomatische Codes, damit sie weder Schweizer, Kanadier noch Japaner werden. Acht dieser jungen Nomaden sprechen auf der Bühne in einem Bühnenbild aus Umzugskartons und Containern über ihre Zukunft. Wie wird die Welt aussehen, wenn sie erwachsen sind? Wie viele werden Manager von internationalen Firmen? Wie viele Flüchtlinge, Obdachlose, Botschafter? → Genug

AMA – Schönstes Kürzel aus der Theatersprache von → Stadttheatern. Wörtlich: Alles mit Allem – das Theater probt den Ernstfall. Vor der ersten und zweiten Hauptprobe (HP1 und HP2) und der Generalprobe (GP) wird nicht mehr angedeutet. – Bei unseren Arbeiten müssen wir häufig vermitteln zwischen dem Apparat, der das so gewohnt ist, und unserem Prozess, bei dem auch von Aufführung zu Aufführung noch weitergearbeitet wird.

ANALYSE – In diesem Text kommt das Wort Text 74 Mal vor, Autor 13 Mal. Diejenigen, die einem entgegentreten, werden hier 15 Mal als Performer benannt, 46 Mal als Darsteller, 19 Mal als Protagonisten, 25 Mal als Experten und je ein Mal als → Helden des Alltags und → Realitätszombies.

ANDERE – Wir stehen selbst nie auf der Bühne, sondern suchen das → Versteck. Aber während der Proben spielen wir mit: Wir spielen Publikum. Wir sitzen zu dritt in einem Zuschauerraum und tun so, als wären wir andere, die das Stück noch nicht kennen und nichts ahnen. Vielleicht die größte → Fiktion.

ANGST → Anwesenheit

ANONYMITÄT – Die Aufhebung derselben geschieht, wenn im Zuschauerraum während der Inszenierung das Licht angeht. Zum Beispiel in → Wallenstein, → Karl Marx: Das Kapital, Erster Band oder → 100% Stadt. Plötzlich treffen sich die Blicke. Jetzt wird zurückgeschaut.

ANWALT – Als die Daimler AG davon erfährt, dass wir planen, Theaterzuschauer, zur → Hauptversammlung 2009 einzuladen, bekommen wir Besuch von zwei Anwälten, die versuchen zu verstehen, was wir vorhaben. Sie rechnen mit Politaktivismus und Agitprop. Doch wir versichern: Unser Theater besteht darin, zuzuschauen. → Eskapismus

ANWESENHEIT – Für wen ist es gefährlich, auf der Bühne zu stehen? (Zu diesem Stichwort fände unser Herausgeber mehr Erläuterung spannend: „Z. B. als Gegenkonzept zur Repräsentation etc.", schreibt er in den Kommentar des Google-Dokuments, in dem dieser Text von mehreren → Autoren gleichzeitig online geschrieben wurde.) → Risiko

APPARAT BERLIN (Haug/Wetzel, 2001) – Das erste Passierscheinabkommen zwischen West-Berlin und der DDR erlaubte West-Berliner Bürgern an einigen Tagen im Dezember 1963 und Januar 1964, ihre Verwandten im Ostteil der Stadt für einen Tag zu besuchen. Bis dahin war jeglicher Kontakt seit dem Mauerbau 1961 unmöglich gewesen. Wir fanden im Archiv von DeutschlandRadio Berlin eine unbeachtete Kiste Tonbänder mit Mitschnitten von Sondersendungen des Rundfunks im Amerikanischen Sektor (RIAS), bei denen Hörerfragen zum Verfahren im Mittelpunkt standen. Bis auf ein Statement eines der Moderatoren, Peter Herz, entstand das Hörstück ausschließlich aus Elementen der Bänder. Für Apparat Berlin wurden diese Archiv-Funde und Montagen erweitert um Szenen und Texte zu Massenmanagement, Panikforschung und dem Pekannuss-Phänomen. → Tourist des Tages → Spielregeln

APPLAUS – Lärm, der durch das wiederholte Zusammenschlagen von Händen am Ende von Aufführungen entsteht: in Südamerika zehn bis zwanzig Sekunden, in Frankreich bis zu zehn Minuten lang. In Indien inmitten der Aufführung, bei besonders schönen Lichteffekten, am Ende dagegen nicht, weil das Publikum den Saal schon verlässt, wenn sich das Ende der Handlung andeutet. Von ägyptischen Muezzins als unanständig empfunden. Von belgischem Flugpersonal auf unserer Bühne gerne durch persönliches Danke sagen am Ausgang des Theaters ergänzt (→ Sabenation). Am Ende von → Sonde Hannover stellen sich Passanten zu den Performern und verbeugen sich mit, obwohl sie weder das Publikum sehen, noch wissen, dass sie Teil eines Theaterstücks sind. Die Zuschauer wissen auch nicht mehr, wer dort unten Bescheid weiß und wer sich einfach nur verbeugt, weil es absurd genug erscheint, um mal gemacht zu werden.

AUFFALLEN – Von einhundert Menschen, die in 100% Stadt ihre Stadt auf der Bühne vertreten, sagen wenig mehr als fünfzig, dass sie sich gern bemerkbar machen (Braunschweig und Berlin: 55 Prozent, Wien 67 Prozent). → 100% Stadt. Das ist eine hohe Quote, verglichen mit den Stücken, bei denen weniger Menschen auf der Bühne stehen. Gerne mal auf der Bühne stehen zu wollen, ist häufig ein Hindernis auf dem Weg zum Experten-Theater-Darsteller. → Verstecken

AUFFÜHRUNG – Eine Stunde stillsitzen. Zwei Stunden Klappe halten. Neunzig Minuten Handy ausschalten und bei Menschen sein. Nicht zappen. Lange auf etwas gucken und damit fertigwerden, dass es da ist, dass es etwas Getrenntes von dir ist. Dass es etwas ist, was ohne dich nicht existiert, und was dir trotzdem nicht gehorcht. Etwas, das einmal tot sein wird, wenn du noch lebst. Oder umgekehrt. → Warum

AUFKLÄRUNG – Beim Wort Aufklärung mussten wir in der Grundschule immer kichern, weil wir das, was die uns erzählen wollten, schon wussten. Später haben wir Kant gelesen und uns über den kategorischen Imperativ geärgert. Dass einer nur tun können soll, was alle tun können, schien uns uniformierend. Auch bei Schiller hatte das einen säuerlich normierenden Ton. Wir sind froh über Menschen, die Meinungen haben. Wir hören ihnen gerne zu und merken, wie wir sie dabei verunsichern. Lustigerweise ist dabei der Begriff → Theater ein wunderbarer Katalysator. Die längste Zeit unserer Recherchen verbringen wir damit, Menschen in Büros, Operationssälen und an Ladentischen zu besuchen und mit ihnen zu überlegen, was für ein Stück Theater sie in ihrem Leben spielen. Da ist Schiller sehr weit weg. Jeder kennt das Gefühl, in der täglichen Erfindung seines Lebenswegs eine → Rolle zu spielen: eine soziale, eine selbst erfundene oder die eigene. Eine nie geprobte und doch eine sich irgendwie immer wiederholende. Man muss ja dauernd seine → Erinnerungen erfinden.

AUFLEGEN

AUFTRITT – Der eines Politikers, der eines Chefarztes, eines → Diplomaten, eines CEOs – Auftritte von denjenigen, die lange an ihrer Repräsentation gearbeitet und geprobt haben, aber auch der eines Ghostwriters, der aus der Unsichtbarkeit ins Helle tritt, eines Lokführers, der über seine Rolle in der Gesellschaft, über seine Perspektive, zu reflektieren beginnt. → Midnight Special Agency

AUFWACHEN – 1) Eine große Möglichkeit des Theaters. Oft fürs Große in Aussicht gestellt, allermeistens nur im Kleinen eine Chance (Andrzej Wirth: Der Unterschied zwischen einem guten und einem mittelmäßigen Theaterkritiker liegt darin, wann sie aufwachen). → Schlaf

2) Eine große Möglichkeit des Theaters, wenn es auf der Bühne selbst geschieht: Kreuzworträtsel Boxenstopp, unser erstes gemeinsames Stück, zeigte vier Frauen, die älter als achtzig Jahre alt waren. Es ging um die Formel-1-Saison, aber auch um das Leben im benachbarten Altenwohnstift.

Meta Nicolai lebte dort und hatte die Rolle der Streckenphilosophin im Stück. Sie sprach über Wetterfühligkeit und Beweglichkeit, Bewegung und gefühlte Geschwindigkeit. Aber die vom Scheinwerferlicht warme Bühne machte sie dämmrig, sie schlief oft mitten auf der Bühne in ihrem Stuhl ein. Manchmal schreckte sie plötzlich auf. Man konnte ihrem Gesicht dabei zusehen, wie aus Verwunderung in mehreren Stufen Gewissheit darüber wurde, wo sie sich befand. Aufwachen ins Theater hinein, auf die Bühne. Erstaunte, fragende Blicke, nach links, rechts, ins Gegenlicht nach vorn, dann die Frage im Gesicht, ob sie schon gesprochen hatte, und was? In welchem Teil waren wir? Eine große und berechenbare Szene, bei der die Grenze überschritten war. Es machte ihr keinen Spaß. Zwei Tage vor der Premiere mussten wir sie ziehen lassen – und hatten zu Beginn einer bis heute anhaltenden Serie von Projekten mit dem Experten-Theater keine andere Wahl als den Gang zur Darstelleragentur. Frau Zerda wurde ermittelt, sie besuchte Frau Nicolai nebenan, besah die aus Raummangel abgesägte Kuckucksuhr und die anderen Requisiten aus Nicolais Text.

Aus Nicolais spontanen Erörterungen zu Geschwindigkeit und Bewegung wurde ein ausgefeilter Text, und Frau Zerda kriegte die meisten Zuschauer damit dran, dass sie eben Frau Nicolai sei, ganz im Gegensatz zur anderen Schauspielerin auf der Bühne, Martha Marbo, die den Frankfurtern als Boulevardgröße bekannt war und wegen ihres Niki- Lauda-Akzents die Rennkommentatorin geben durfte. Spaß ist übrigens nicht unbedingt der primäre Grund, weswegen Leute bei unseren Projekten mitmachen, sollte er aber ausbleiben, ein triftiger für uns, um einen Ausstieg, auch noch mittendrin, hinzunehmen. → Therapie → Aussteiger

AUFWÄRMEN – Hilft nichts im Fall der Proben, die wir machen. Bei Stücken mit Leuten, die auf der Bühne sich selbst spielen, kann es die Verkrampfungen lockern, den Missverständnissen vorbeugen. Aufgewärmte müffeln immer auch ein bisschen nach Schweiß. → Energie

AUSBILDUNG – Vor einigen Jahren zeigten und kommentierten wir in Krakau Videos von früheren Arbeiten: eine Audiotour (→ Kirchner), ein Bundestagsynchronsprechen (→ Deutschland 2), ein Stück, das über Feldstecher und Kopfhörer funktioniert (→ Sonde Hannover), und ein anderes, in dem argentinische Pförtner auf einer Straße einem Publikum hinter Glas ihren Arbeitsplatz vorführen (→ Torero Portero). Wir kamen gut voran. Trotz stockender Konsekutivübersetzung folgte das Publikum unserer Erzählung mit dieser großen Ernsthaftigkeit, die dem Theater in Polen allgemein entgegengebracht wird … Da meldete sich ein junger Mann in der drittletzten Reihe und sagte: „Das ist alles lustig und irgendwie packend, aber das ist kein Theater! Das ist keine Kunst!"

„Interessant, fanden wir und fragten nach. Es stellte sich heraus, dass er als Schauspielschüler täglich acht bis zwölf Stunden daran arbeitete, gewisse Sprech- und Bewegungstechniken auf einen Punkt zu bringen, die seinen Lehrern als die Perfektion von Theater erschien. Davon konnte er in unseren Arbeiten nichts wiederfinden. „Das kann ja jeder, schien er sagen zu wollen. Wir atmeten einmal tief durch.

Wir mussten nicht nur eingestehen, dass mindestens einer von uns keinerlei höheres Studium zu Ende gebracht hatte, sondern auch, dass unsere Arbeiten vor allem dadurch entstehen, dass wir telefonieren, Zug fahren, in ein Notizbuch kritzeln, Waffenfabriken oder Tierhandlungen besuchen, Zeitungsanzeigen aufgeben, E-Mails schreiben und vor allem zuhören. „Erst ganz am Ende gehen wir manchmal auf Theaterproben, in denen aber so gut wie nie daran gefeilt wird, wie genau etwas ausgesprochen oder wie überzeugend etwas gespielt wird. In vielem", erklärten wir ihm, „ähnelt unser Beruf eher dem eines Redenschreibers, eines Journalisten, eines Politikers, eines Produzenten, eines Architekten oder eines Logistikers als dem eines → Autors oder Regisseurs, wie er ihn sich für seine Arbeit wünschte. Aber nicht trotz, sondern genau deswegen sind solche Projekte Kunst, fuhren wir fort: „weil sie nicht recht einstudiert und erst recht nicht virtuos ausgeführt sind. Weil sie ihre Regeln selber suchen. Weil wir nichts gelernt haben und auch nichts können. Weil es keine Vorbilder gibt. Weil → Kunst nicht von Können kommt. Vielleicht hat der Schauspielschüler am nächsten Tag seine Lehrer beschimpft und seine Schule verlassen.

AUSGANGSFRAGE – Manchmal gibt es auch mehrere: Sie sind wie ein Rucksack, der umgeschnallt wird und die Notversorgung durch die Recherche sichert. → Behauptung

AUTHENTIZITÄT – Danach wird oft gefragt. Wenn darauf immer das Gleiche geantwortet wird, ist dann die Antwort nicht mehr authentisch? Fußball-Fachleute benutzen ,authentisch‘ zur Beschreibung herausragender Spieler. Zur Not kann man sich den Begriff leihen, wenn es gar nicht anders geht, um einen Mario-Basler-Moment beim Lavieren zwischen Spiel und Nicht-Spiel zu benennen. Es wird dann genickt und ein Moment der Klarheit genossen, so kurz und undurchsichtig, dass er eigentlich nichts gebracht hat, außer eine knappe Regung der Befriedigung, so wie ein Stück von einem Riegel Schokolade. Wer ein bisschen Theorie-Schokolade möchte: Die Nachricht bedarf ihrer Authentifizierung seit es Nachrichten gibt, des unverkennbaren Siegels, des Beweises, dass der Absender tatsächlich der Absender sei. Wenn Mario Basler ein Tor schießt, ist das dann authentisch ein Basler-Tor, wenn man’s ihm zuschreiben kann? (Nochmal nachfragen bei diesen anderen Theaterleuten, die Fußball mögen.) → Ich

AUTOR – Bei der Registrierung im Hotel die schnellste und einfachste Antwort auf die Frage nach dem Beruf. In unserer Arbeitspraxis aber nur einer der Bereiche, die wir ausfüllen. Die Geschichten selbst müssen nicht erfunden werden, es gilt, sie einzurahmen, auszuwählen und zu fokussieren, zu verbinden, sodass das Publikum sie selbst mit dem eigenen Hermeneutik-Mikroskop durchleuchten kann.

B

BANANEN – Bonner Bananen-Monopol: Wenn ein zweiter Händler auf dem Wochenmarkt vor dem Bonner Rathaus glaubt, er könne auch Bananen anbieten, dann geht der Bananenstand mit dem Preis unter den Einkaufspreis runter, und wenn der Gegner hartnäckig ist, dann werden die Dinger eben ein paar Tage lang verschenkt. Aber auch dann, wenn er der einzige Bananenhändler auf dem Markt ist, müssen die Leute auf die Idee kommen, Bananen zu kaufen. Daher der simple Ruf „Bananen!, weit greifend, über den ganzen Platz, sobald die letzte Stunde begonnen hat, in der das Ruf-Verbot nicht kontrolliert wird. Dann mischen sich die anderen Stimmen dazu: „Schöne Napoleonkirschenhier! – „Schnittfestetomatenkilo Eineurojetzt! – „Eineurohier! – „Schnittfestetomaten Kiloeineuro! – „Eineuro! – „Schnittfestetomaten Kiloeineurohier! – „Ananas Eineuro! Süßeaprikosen! Mutter Limbach ruft: „Schöne, feste Ware an Tomaten. Gegenüber der billige Jakob: „Preise wie vor hundert Jahren – Eineuro! Hassan Mohamed unter dem grünweiß gestreiften Baldachin: „Eineuro! Sein Sohn: „Zweikilopaprikazweieuro! Wie Vögel spornen sich die Rufer gegenseitig an. Hassan Mohamed: „Honigmelone! Zweistück Eineuro! Kilokirscheneineuro! Willi Hörnig: „Süße Kirschen! Süße Kirschen! Peter Deborée: „Kirschen! Kilokirschennurnochviereuro! Viereurodiekirschenhier! – „Schöne, feste Ware an Tomaten! Schnittfestetomaten Kiloeineuro! – „Dreikilobananeneineuro! Tagsüber verkauft Sven, der Bananennachwuchs. Zum Finale kommt der Alte dazu. Seine Rufe klingen oft wie Klagelaute: „Eineurojetzt! – Eineurohier! Eineurooo!Markt der Märkte

BAUPROBE – 1) Was kann man Monate vor der Premiere simulieren und in einer Bauprobe technisch überprüfen, wenn so viel auf den Prozess und die gemeinsame Entwicklungs- und Erfindungskraft gesetzt wird? Am Düsseldorfer Schauspielhaus waren wir anlässlich einer solchen Bauprobe einmal in einer großen Zwangslage und hatten schlicht noch nichts aufzubauen oder auszuprobieren. Eine Bauprobe ist aber auch eine Versammlung der künftigen Mitarbeiter der Produktion aus allen Abteilungen des Hauses, die sich über das Bevorstehende informieren wollen. Also haben wir einen Zauberer angeheuert, der Tricks mit Karten und Bällchen vorführte. Die Behauptung des Unmöglichen hat uns dann veranlasst, das Stück → Der Zauberlehrling zu entwickeln. → Werkstattbesprechung

2) In einer Seitenstraße entdecken wir bei den Recherchen für → Herr Dagaçar und die goldene Tektonik des Mülls das Drahtmodell einer Moschee.

BEHAUPTUNG → Ausgangsfrage

BESCHATTUNG – Insgesamt → 50 Aktenkilometer lagern im zentralen Archiv der Stasi-Unterlagen-Behörde in der Ruschestraße, Berlin-Lichtenberg. Weitere siebzig Kilometer verwalten die Außenstellen in den Neuen Bundesländern, unter anderem: Protokolle über Handlungen, Begegnungen, Besuche, Gespräche, verbunden mit bestimmten lokalisierbaren Orten. Ein Beispiel:

„16.07 Uhr wurde ,246816‘ nach Verlassen der GÜST Bahnhof Friedrichstraße zur Beobachtung aufgenommen. Die zu beobachtende Person begab sich zum Zeitungskiosk in der oberen Bahnhofshalle und kaufte eine Freie Welt, ein Neues Deutschland und eine Berliner Zeitung. Danach lief das Objekt im Bahnhof suchend umher.

16.15 Uhr begrüßt ,246816‘ in der oberen Bahnhofshalle eine weibliche Person mit Handschlag und Wangenkuss. Diese weibliche Person erhält den Decknamen ,Kappe‘.

,Kappe‘ trug eine dunkelbraune Umhängetasche. Beide verließen den Bahnhof und gingen, sich unterhaltend, zum Berliner Ensemble am Brechtplatz.

16.25 Uhr betraten beide die Gaststätte Ganymed Berlin-Mitte Am Schiffbauerdamm.

Nach circa zwei Minuten verließen die zu beobachtenden Personen die Gaststätte und gingen über die Friedrichstraße, Unter den Linden zum Operncafé.

16.52 Uhr betraten ,246816‘ und ,Kappe‘ die Gaststätte Operncafé, Berlin-Mitte, Unter den Linden.

Sie nahmen im Café Platz und tranken Kaffee.

18.45 Uhr bis 20.40 Uhr sahen sich beide interessiert den Fackelzug zu Ehren des dreißigsten Jahrestages der DDR an. Anschließend gingen ,246816‘ und ,Kappe‘ über die Straße Unter den Linden, Friedrichstraße zur Straße Am Schiffbauerdamm.

21.10 Uhr betraten sie dort die Gaststätte Ganymed. In der Gaststätte standen sie nicht unter Kontrolle.

23.50 Uhr verließen beide die gastronomische Einrichtung und begaben sich auf direktem Weg zur Ausreisehalle der GÜST Bahnhof Friedrichstraße, die sie 23.55 Uhr betraten. ,Kappe‘ wurde an die HA VI zur Dokumentation übergeben. Die Beobachtung wurde beendet."

BESCHIMPFUNG

BESETZUNGSZETTEL – Hauptversammlung der Daimler AG vom achten April 2009 (aus dem Rimini Protokoll-Programmheft zu → Hauptversammlung)

BEST BEFORE (Haug/Kaegi, 2010) – In Vancouver, der Hauptstadt der Spiele-Programmierer, entsteht unser Projekt als erstes Multi-Player-Videospiel für 200 Theaterzuschauer. Jeder Zuschauer wird ausgestattet mit einem → Game-Controller und beginnt, seine Avatare fernzusteuern. 200 Zuschauer fällen so Entscheidungen. Das Publikum spielt jeden Abend ein Spiel mit offenem Ausgang, in dem Bewohner aufwachsen, um über persönliche, gesellschaftliche und politische Fragen in ihrer neuen Welt – „Bestland" – zu entscheiden. Sie prallen aufeinander, arbeiten zusammen und messen ihre Kräfte im Entstehen ihrer eigenen Realität. Auf der Bühne moderieren ein Gametester, eine Verkehrslotsin, ein Politiker und eine Programmiererin den Prozess, aber die eigentlichen Hauptdarsteller sind die Zuschauer. → Identifikation

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