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Zielperson unbekannt

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Zielperson unbekannt

Länge:
321 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
3. März 2015
ISBN:
9783958656864
Format:
Buch

Beschreibung

Vier Topagenten eines deutschen Geheimdienstes fühlen sich unwohl. Man hat sie aufs Abstellgleis geschoben. Aber statt sinnlose Aktenvermerke anzulegen, planen die Geheimdienstler eine spektakuläre Aktion, platziert im Fadenkreuz von Terrorismus und Atomkraft. Plötzlich jedoch gerät die brisante Inszenierung aus den Fugen — und die Nation an den Rand einer Katastrophe.

Drei Jahre hat Jürgen Alberts recherchiert. Er ist Affären nachgegangen, hat in Archiven geforscht und sich mit Agenten mehrerer Geheimdienste unterhalten. Er war der einzige westdeutsche Journalist, der mit Hansjoachim Tiedge ausführlich sprechen konnte. Aus der Fülle des gesammelten Materials wurde ein Roman. Ein Realitätsthriller. Es ist der Stoff, aus dem die politischen Skandale sind. Als Buch knisternd, spannend, phantastisch; in Wirklichkeit ein Alptraum.
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3. März 2015
ISBN:
9783958656864
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Buch

Über den Autor


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Zielperson unbekannt - Jürgen Alberts

Chandler)

Kurzinhalt

Vier Topagenten eines deutschen Geheimdienstes fühlen sich unwohl. Man hat sie aufs Abstellgleis geschoben. Aber statt sinnlose Aktenvermerke anzulegen, planen die Geheimdienstler eine spektakuläre Aktion, platziert im Fadenkreuz von Terrorismus und Atomkraft. Plötzlich jedoch gerät die brisante Inszenierung aus den Fugen — und die Nation an den Rand einer Katastrophe.

Drei Jahre hat Jürgen Alberts recherchiert. Er ist Affären nachgegangen, hat in Archiven geforscht und sich mit Agenten mehrerer Geheimdienste unterhalten. Er war der einzige westdeutsche Journalist, der mit Hansjoachim Tiedge ausführlich sprechen konnte. Aus der Fülle des gesammelten Materials wurde ein Roman. Ein Realitätsthriller. Es ist der Stoff, aus dem die politischen Skandale sind. Als Buch knisternd, spannend, phantastisch; in Wirklichkeit ein Alptraum.

Der Autor

Jürgen Alberts, geb. 1946, Studium in Tübingen und Bremen, Promotion über die BILD-Zeitung, lebt als Schriftsteller und Journalist in Bremen. Seine zahlreichen Romane, darunter auch Krimis, sind mehrfach ausgezeichnet worden. 

1

»Hohlkopf drei Strich siebzehn«, die dunkle Stimme legte eine Pause ein, »keinen blassen Schimmer.«

»Soweit bin ich noch nicht«, antwortete Helmut Tappert, der an diesem Morgen Kaiser werden wollte. »Was ist mit Zehennagel vier halb zwölf?«

»Das ist doch ganz einfach, denk an Sonnenschein im Winter«, kam es prompt zurück.

»Ach ja, klar«, Tappert schrieb das Wort hin.

»Ich komme wieder. Roger.«

Immer die alten Töne vom alten Bach. Er saß vier Büros weiter, war zwei Gehaltsstufen über ihm und stand kurz vor der Pensionierung. Helmut Tappert konzentrierte sich wieder auf den laufenden Wettbewerb. Wie immer hatten sie den Konspi abgestellt, um sich ganz dieser Aufgabe widmen zu können. Das machte zwar keinen guten Eindruck, wenn dauernd die Leitung besetzt war, aber wer würde sie schon anrufen. Vielleicht würde man sie sogar loben, dass sie so früh am Morgen eine Aktivität entfalteten. Da gab es ganz andere Gestalten, die um die Zeit im Büro nichts als die Morgenlektüre erledigten. Hatte doch ein früherer Präsident gesagt: »Jeder meiner Männer muss mindestens fünf Tageszeitungen lesen.« Er hatte diesem öffentlich geäußerten Begehren jedoch keine Dienstanweisung folgen lassen. Der Hörer lag neben dem Konspi. Durch das Wählen einer Nummer war er zum Schweigen gebracht.

Das Telefon klingelte. Die hausinterne Amtsleitung. »Schulterstück ganz oben?«, fragte eine krächzende Stimme.

»Ja, hab ich, sag ich aber nicht«, gab Tappert zurück, »nur so viel: ein Maikäfer im April.«

»Das zählt nicht als Hinweis, Helmut, Hinweise müssen konkret sein, sonst zahlst du in die Kasse, ist das klar?« Gönnerwein konnte einen widerlichen, militärischen Tonfall anschlagen, so dass Tappert den Hörer ein wenig vom Ohr nahm.

»Gut, gut, ich sag mal weißer Schimmel«, er wusste, dass damit alles verraten war.

»Danke, Kamerad. Und immer daran denken, die Parole muss stimmen. Ist das klar?«

Tappert legte den Hörer sacht auf die Gabel, ohne zu antworten. Er mochte diesen Gönnerwein nicht, sein ganzes Gehabe, sein Auftrumpfen, wenn er von der Aktion sprach. DER Aktion, wie er sie nannte.

Kurt Gönnerwein lebte nicht wie die anderen. Familie, Eigenheim, bescheidenes Auto. Er war und blieb Einzelkämpfer. Befriedigte gelegentliche Bedürfnisse in luxuriösen Bordellen oder, was auch vorgekommen war, nach Dienstschluss im Amt. Das hatte bei einigen zu seiner Reputation hinzugetan. Tappert griff zum Hörer und wählte die Nummer von Nutzke. Der war noch nie Kaiser geworden, weil er einfach den Kopf nicht dazu hatte.

Erst nach mehrmaligem Ruf nahm Nutzke ab. »Nutbohm«, sagte er.

»Quatsch, Fritz! Ich bin's, Helmut. Was macht denn Brust-bein Mitte hoch zwei?«

»Wart mal«, Nutzke zögerte. Tappert wusste, dass sein jüngerer Kollege erst mal in die Verschlüsselung schauen musste, um zu wissen, was er gefragt worden war.

»Brillenschlange«, kicherte Nutzke.

»Oh, danke, Fritz, sehr liebenswürdig.« Tappert füllte die Buchstaben ein. Hatte ihm der Rollschuhfahrer tatsächlich das Lösungswort verraten, anstatt, wie es üblich war, einen Hinweis zu geben. Jetzt fehlten ihm nur noch drei Worte.

Fritz Nutzke hatte eine steile Karriere hinter sich, obwohl er erst siebenundzwanzig Jahre war. Er hätte es zu etwas bringen können. Nicht nur, weil er der einzige war, der morgens mit Rollschuhen ins Amt kam. Er ließ sich von seiner Frau am Hauptbahnhof absetzen, schnallte die teuren Skates unter und sauste dann in Höchstgeschwindigkeit bis zur Inneren Kanalstraße. Autofahrer, die ihm zu folgen versuchten, hatten stets das Nachsehen. Außerdem besaß Fritz Nutzke einen schwarzen Neufundländer, dessen rosa Zunge zur Seite hing und triefte. Man hatte ihn trotz dieser Panne in Frankfurt zum Regierungsoberinspektor befördert, A 10. Aber diese Gehaltsstufe konnte auch schon die letzte sein. Nur ungern dachte Fritz Nutzke an seine Niederlage zurück. Als sie ihn in dieser Wohnung eingesperrt hatten. Als sie ihn stundenlang verhörten. Als er auf diese Frau hereingefallen war. Als er alles zugab. Als sie ihm dann geraten hatten, sofort aus Frankfurt zu verschwinden. »Beim nächsten Mal, wenn wir dich erwischen, gibt's einen dauerhaften Knochenbruch.« Dieser Satz klang ihm im Ohr. Das Ende eines V-Mannes, der behauptete, aus Süddeutschland zu kommen, aber dessen Ruhrgebiets-Dialekt schon beim Husten zu erkennen war. Der V-Mann, der ein Auto mit Kölner Kennzeichen fuhr, obwohl er vorgab, aus Freiburg zu stammen. Der V-Mann Fritz Nutzke, der sich zum Wochenende bei seinen Genossen abmeldete, um zu den Eltern zu fahren, dann aber seinen zu teuren Wagen nach Köln steuerte, weil dort Frau und Fußballklub auf ihn warteten. Es waren einfach zu viele Fehler. Trotz der Pannen blieb er zwei weitere Jahre in der Abteilung III, Linksextremismus. Er sollte Quellen in alternativen Stadtzeitungen anwerben. Bis man ihn dann endlich abschieben konnte. Das Telefon klingelte. Tappert nahm den Hörer ab.

»Sag mal, Helmut, hab ich dir vorhin die Auflösung mitgeteilt? Das wäre ja fürchterlich...«

Auch dieser Verstoß führte dazu, dass einer der vier Mitspieler Geld in die gemeinsame Kasse abführen musste.

»Nein, nein, Fritz«, beruhigte ihr ihn Tappert, »ich sag's niemand weiter.«

»Danke, Helmut. Du bist ein echter Kumpel.«

Sie verabschiedeten sich.

Dem Regierungsamtmann fehlten nur noch zwei Worte. Aber er konnte sich die Lösung nicht vorstellen. War wie blockiert. Jede Sekunde würde das Telefon läuten und einer der Konkurrenten sagen: »Bingo!« Seit es die vertrackten Rätsel in dem Wochenmagazin gab, hatten sie die lächerlichen Riesen-rätsel aus den Heftchen aufgegeben.

Sein ärgster Konkurrent war Armin Bach. Der hatte viele Abteilungen hinter sich. Regierungsoberamtsrat, das klang nach etwas, aber für einen 63jährigen war der gehobene Dienst nicht gerade ein Ruhmesblatt. Nur die hundertprozentige Pension konnte die Aussicht auf den Ruhestand verschönen. Armin Bach war »Differenzler«, so nannte man die schon pensionierten Offiziere im Amt, denen es erlaubt war, sich die restlichen fünfundzwanzig Prozent zur Pension hinzuzuverdienen. Sie alle waren zwischen 1910 und 1920 geboren, hatten den gleichen Fasson-Haarschnitt, waren schlank, manche hager, andere mit kantigem Gesicht. Da machte Armin Bach eine Ausnahme. Zu bestimmten Zeiten leuchtete sein Kopf wie ein roter Vollmond. Man nannte diesen Haufen im Amt auch »Rentnerband« oder »Kalkgeschwader«. Die letzte Stelle vor seiner letzten Umsetzung hatte Armin Bach in der Abteilung V absolviert: Sicherheitsüberprüfungen. Nicht erst seit dem Radikalenerlass 1972 prüfte das Amt die Gesinnung von Beamten und Angestellten in sicherheitsempfindlichen Bereichen. So führte das Engagement für linke Ideen dazu, dass Entlassungen aufgrund getarnter Sicherheitsüberprüfungen ausgesprochen wurden. Wenn es an die abschließende Stellungnahme ging, schrieb er in das Formular: »Obwohl Angehöriger der SPD, dürfte der Überprüfte auf dem Boden des Grundgesetzes stehen.« Oder: »Trotz seiner gewerkschaftlichen Orientierung dürfte er den gestellten Anforderungen gerecht werden.« Oder er formulierte: »Nahkampfspange - Gewähr für Staatstreue.« Oder auch schon mal: »Ritterkreuzträger haben ein abgewogenes Urteil.« Die eigentlichen Höhepunkte seiner Arbeit feierte Armin Bach immer dann, wenn er jemand ablehnen konnte. Aus politischen Gründen. Aber auch, weil der Überprüfte trank, schwatzhaft oder sexuell hörig war. Der Abteilungsleiter V hatte die Arbeit so umschrieben: »Die Sicherheitsüberprüfungen arbeiten nach dem Prinzip der chemischen Reinigung. Wir garantieren nicht den Erfolg der Fleckenbeseitigung. Wir garantieren nur die Gleichbehandlung aller Fälle.«

»Bingo«, kam es durch das Telefon. Gönnerwein war an diesem Donnerstag Kaiser geworden. Tappert war deprimiert. So kurz vor dem Ziel. Und dann auch noch Gönnerwein. Wie immer legte er den Hörer des Konspi auf, erhob sich langsam von seinem Bürostuhl, schraubte den Füller zu. Nächste Woche gab es Revanche. Irgendwie schaffte es dieser Gönnerwein immer wieder, als erster das Rätsel zu lösen. Aber jetzt würden sie genau überprüfen, ob er auch nicht geschummelt hatte. Schon häufiger musste jemand den Sieg zurückgeben, weil er Buchstaben doppelt verwandte oder einfach abgeschrieben hatte.

Kurt Gönnerwein war der einzige von ihnen, der schon immer in der Abteilung IV, Spionageabwehr, gearbeitet hatte. Auch schon, als es das Amt noch gar nicht gab. Damals hieß seine Dienststelle Abwehr fremder Dienste, Abwehrstelle Niederlande. Ein Außenposten des Reichssicherungshauptamtes. Und was für ein Posten war das gewesen. Tappert brauchte nur ein geringes Stichwort zu sagen, und schon sprudelte Gönnerwein hervor, wie damals DIE Aktion abgelaufen war. Von Mal zu Mal hatte er seinen Auftritt größer gemacht, als habe er selbst das »Unternehmen Nordpol« geplant. Damals hatten sie die Tommies hereingelegt. Es gab keine größere Aktion als diese. Gönnerwein wurde nicht müde zu erzählen. Wie sie die Funkstationen der Engländer angepeilt und ausgehoben haben. Wie sie diese illegalen Sender zurückspielten und damit Zeichen nach London gaben, auf dass die Briten erst Material, später dann Hunderte von Spionen per Fallschirm abwarfen. Wie sie Tote und Verwundete nach London meldeten, die friedlich im Gefängnis saßen. Wie sie in holländischen Zeitungen Falschmeldungen lancierten. Wie sie einen Sender sprengten, damit die Tommies dachten, diese Aktion hätten ihre eigenen Leute vollbracht. »Es war DIE Aktion meines Lebens«, betonte Gönnerwein, »es gab nie eine größere.« Helmut Tappert hatte mal nachgerechnet: Gönnerwein konnte höchstens Anfang zwanzig gewesen sein, als das »Unternehmen Nordpol« 1943/44 in Holland durchgeführt wurde. Wahrscheinlich war er einer von den kleinen Mitläufern, die nachts eine Lichterkette am Boden bilden mussten, damit die englischen Flieger dachten, dies sei die vereinbarte Landestelle für ihre Spione. Denn von diesen Nächten erzählte Gönnerwein immer besonders ausführlich. Überhaupt nicht vertragen konnte er, wenn jemand sagte, bei diesen Aktionen seien auf beiden Seiten Menschenleben geopfert worden. Das war zwar nicht Tapperts Meinung, aber anders konnte er ihn oft nicht stoppen. Dann wurde Gönnerwein richtig fuchtig.

Die Stimmung war gut in Gönnerweins Büro, das genauso aussah wie die anderen: billiger Holzschreibtisch, Gummibaum, zwei Stühle, Aktenböcke, Stahlschrank SG 2, zwei Telefone auf dem Tisch, Schreibtischlampe in Schwarz, Garderobenschrank.

»Dem Kaiser, was des Kaisers gebührt«, schnarrte Gönnerwein, der schon die Gläser auf dem Tisch füllte.

»Ist zwar nicht richtig zitiert, Kurt, aber lass erst mal die Lösung sehen.« Bach nahm ihm die Fotokopie aus der Hand. Dann verglichen sie ihre Eintragungen. Es stimmte. Gönnerwein hatte alles richtig gelöst. Er schenkte eine Runde Genever aus. Tradition muss sein.

Sie hoben das Glas.

Tranken ex.

»Wenn ich daran denke, wie wir damals in Holland gesoffen haben, nur vom feinsten, Champagner aus Frankreich, Grand cru, Aquavit aus Dänemark, russischen Wodka. Mein Gott, das hätte ewig so weitergehen können.« Gönnerweins Vollmond leuchtete. Es war nicht der erste Genever, den er an diesem Donnerstagmorgen zu sich nahm. Das Telefon schrillte. Es war der Konspi. Gönnerwein ließ ihn lange läuten. Obwohl alle Gespräche verstummt waren, sah er auf den Apparat.

»Ich bin heute Kaiser geworden, da kann mich niemand stören. Schon gar nicht vor neun, meine Herren. Trinken wir noch einen.«

Die zweite Lage schmeckte auch nicht schlechter. Gönnerwein hatte einige Freunde im niederländischen Geheim-dienst, die ihn regelmäßig mit Genever versorgten. Und was er im Dienst trank, das brauchte er am Abend nicht in die Kneipe zu tragen.

Helmut Tappert verabschiedete sich als erster, um in die Kantine zu gehen. »Mal sehen, was wir noch aus diesem Tag machen können«, er versuchte einen flotten Spruch, weil er dem siegesbewussten Gönnerwein nicht mehr zuschauen wollte. Er legte in seinem Büro die Fotokopie des Rätsels unter die Schreibplatte, schloss seinen SG 2 mit dem fünfzehn Zentimeter langen Schlüssel ab, damit das VS-Material nicht offen zugänglich war. Das konnte einen Eintrag in die Personalakte bedeuten. Dann goss er den Gummibaum, dessen kleine rote Spitze noch unentschieden war, ob sie weiterwachsen sollte. Was war dieser Gönnerwein doch für ein Angeber! Hätte nicht heute Nutzke das Rätsel gewinnen können oder sogar Bach, aber nicht dieser verhinderte Canaris-Ersatz.

Zum wiederholten Male nahm sich Tappert vor, einen Anlauf zu nehmen, um aus dem Sachgebiet 105, »Fälle ohne nachrichtendienstlichen Hintergrund«, versetzt zu werden. Wenn nicht diese andere Aufgabe gewesen wäre, er hätte es geschafft. Aber diese Aufgabe hielt ihn zurück. Er ging in den fünften Stock, wo die Kantine im Altbau lag. Ein nüchterner Raum, mit großen Fenstern auf der Straßenseite, vierzig Meter lang und knapp zehn Meter breit. An der Längsseite war die Essenausgabe. Der vormalige Pächter Zweipfennig hatte die Kantine als »Essensabfertigungshalle« bezeichnet. Helmut Tappert ging zur Theke und erstand eine Marke für das billigere Gericht. Schmecken würden sie beide nicht. Dann kaufte er zwei Flaschen Bier für den Vormittag. Von ferne winkte sein Gruppenleiter. Dem wollte er lieber nicht begegnen, auch wenn er einen neuen Stasi-Witz gehört hatte.

Der schwergewichtige Gruppenleiter erhob sich und brüllte durch den ganzen Saal: »Tappert, Alkohol vor zehn, kann nicht gut gehn!«

Tappert rief zurück: »Und selbst, noch ganz gesund?« Der Gruppenleiter drohte ihm. Die Hand erhoben, den Zeigefinger ausgestreckt.

Die mit ekelhaft riechendem Putzmittel gesäuberten Resopaltische, meistens für vier, aber auch für sechs und acht Personen, füllten sich erst kurz nach elf. Jetzt saßen nur einige Beamte aus dem höheren Dienst an einzelnen Tischen. Tranken Kaffee und lasen Zeitung.

Der Gruppenleiter kam auf Tappert zu.

»Wollen Sie einen ausgeben?«

»Nein, nein«, Tappert schüttelte den Kopf, »ich muss die Akten bewässern, die sind sooo trocken.«

»Und was macht die Kunst des Witzes?«, fragte der Gruppenleiter und fasste eine der beiden Bierflaschen an.

Na gut, dachte Tappert, dann erzähl ich ihn eben jetzt.

»Also, da kriegt Onkel Otto eine Postkarte aus Erfurt, da steht drauf: 'Wenn ich die rote Fahne raushänge, kannst du die Bombe liefern, Gruß Erich.' Eine Woche später schickt Erich eine zweite Karte an Onkel Otto: 'Kannst jetzt die Blumenzwiebeln liefern, der Stasi hat meinen Garten umgegraben.'« Der Gruppenleiter fiel beinahe auseinander vor Lachen.

»Der ist gut, der ist gut«, keuchte er, »den muss ich gleich weitererzählen. Aus Ihnen wird nochmal was, Tappert, muss ich schon sagen. Für Beschaffung eines guten Witzes... Aber jetzt wieder an die Arbeit, los.«

Noch im Flur hörte Tappert, wie sein Gruppenleiter lachte. Wahrscheinlich würde der Witz schon mittags die Präsidentensuite erreicht haben.

Helmut Tappert beeilte sich nicht besonders. Was sollte schon in den Akten zu finden sein.

Wie anders waren damals die schönen Observationen verlaufen. Als sie bei der Aktion »Orkan« am Flughafen in Köln-Wahn standen und die Stasi-Mitarbeiter aufklärten. Immer zu sechs Observanten, die dann einem »Kundschafter«, wie die sich nannten, bis zu seiner Wohnung folgten. Am nächsten Morgen mussten sie zur Bestätigung nochmal nachsehen, ob der Mann aus der gleichen Wohnung kam und in welches Auto er stieg. Oder die Observation einer Agentin in der Sauna. Sie hatte keine Ahnung, dass sie unter Bewachung stand. Was für ein prickelndes Gefühl! Er saß genau hinter ihr, auf der nächsten Stufe. Sie schwitzte ganz ordentlich. Eine tolle Frau. Sie hatte ihm gefallen. Auch wenn sie vom gegnerischen Dienst war. Oder damals die Verfolgung der drei sowjetischen Residenten, die auf dem Bonner Petersberg endete. Sie waren ihnen in das Restaurant nachgeeilt. Setzten sich ein paar Tische weiter. Bis dann der Ober kam und ihnen randvolle Gläser mit Wodka hinstellte, mit der Bemerkung: »Von den Herren dort drüben.« Sie hatten sich zugeprostet.

Und dann war dieser Unfall gekommen. Betrunken im Dienst. Das wäre nicht das Schlimmste gewesen. Es war ein Dienstfahrzeug, das er mit hohem Tempo in die Schaufensterscheibe eines Bettengeschäftes gesetzt hatte. Anstatt abzuhauen, war er stehengeblieben. Die Betten sahen so einladend aus. Als die Polizei kam, hatte er sofort seinen Dienstausweis gezückt, wollte es kollegial regeln. Aber die beiden Streifenpolizisten waren von der falschen Fakultät, meinten, es sei besonders verwerflich, wenn ein Beamter, und dann auch noch einer, der in diesem Amt, die könnten sich wohl alles, er werde schon sehen. Helmut Tapperts Pech war, dass er schon etwas auf seinem Konto hatte: eine kleine Spesenschieberei, wie sie im Außendienst häufiger vorkam.

Als er sein Büro betrat, den Tresor aufschloss und das dicke Paket mit Akten auf den Tisch wuchtete, wusste er nur eins, dieser Tag war schon gelaufen, obwohl der Dienst gerade erst begann.

2

Ein großes »M« und ein kleines »alk« standen in akkurater Schrift mit grüner Präsidententinte auf einem weißen Blatt. Das »M« tauchte in den letzten Monaten häufiger auf. Seit jenem Gespräch mit dem Innenminister, der in einer lauen Abendstunde davon gesprochen hatte, wie sehr doch die her-ausgehobenen Persönlichkeiten des Staates auf einem Seil tanzten. Wie schnell sie stürzen konnten. »Absturz inklusive.«

Der Präsident hatte seinem Innenminister gelauscht, ohne etwas zu sagen. Aber er wusste, so ein Gespräch beginnt niemand, der nicht etwas damit ausdrücken will. Der Innenminister hatte sich zu einer Theorie verstiegen über das Hoch und das Tief, über das Kletternde und das Fallende, über die Geschwindigkeit des Aufstiegs und das Tempo des Niederstürzens. Sie tranken nur Mineralwasser, weil der Innenminister am Abend zuvor mit einem Botschafter versackt war. Der Präsident trank, was sein Vorgesetzter offerierte.

Seit jenem Abend machte er sich Gedanken, was er wohl in seine Memoiren schreiben konnte. Auf keinen Fall wollte er sich verbreiten über jenen peinlichen Augenblick der Amtsübergabe vor vier Jahren. Ein Montag. Der Präsident hatte ihn den Stachel-Montag genannt. Nicht, weil der Innenminister beinahe über ein Fernsehkabel gestürzt wäre. Und das vor den Augen von mehr als hundert dunkel gekleideten Würdenträgern, der erlesensten Schar der obersten Verfassungsschützer. Die Feier zum 25. Jubiläum des Amtes stand an. Es wurde hinter vorgehaltener Hand sogar von einer »BfV-Fete« gesprochen. Alle sicherheitsrelevanten Männer der Republik waren geladen und beäugten sich misstrauisch: BKA überwachte BND, BND überwachte MAD, MAD überwachte BfV, BfV war Gastgeber und gewährte keine Einblicke.

Der Präsident hatte sich seinen Auftritt als ein Feuerwerk vorgestellt, als eine Abrechnung mit Fehlern seines Vorgängers. Aber dann sprach sein Vorgänger zuerst und teilte aus wie ein angeschlagener Boxer. Er schlug so fest zu, dass die kampfgewohnten Männer zusammenzuckten. Der Vorgänger hatte allen Grund dazu: Er war geopfert worden in jener Affäre, die auch den Kanzler stürzen ließ. »Absturz inklusive«, hatte der Innenminister gesagt. Der Präsident wollte dem Stachel-Montag in seinen Memoiren kaum ein paar Zeilen widmen. Am besten war es, ihn ganz zu unterschlagen. Wer würde sich daran erinnern?

Über die Chefanlage hatte er dem Vorzimmer bestellen lassen, dass er in den nächsten zwei Stunden nicht gestört werden wolle. Ganz gleich, wer nach ihm verlange.

»Zwei Stunden?« hatte die Sekretärin nachgefragt. Der Präsident bestätigte die Zeitangabe. Dann zog er das maschinengeschriebene Manuskript hervor, in das er sich zu vertiefen gedachte.

Der Autor war ebenfalls ein Präsident gewesen. Allerdings eines eher verfeindeten Dienstes. Im eigenen Land. Der Autor hatte immerhin eine bewegte Vergangenheit, war über den kleinen Umweg des Andienens bei den amerikanischen Freunden wieder in Amt und Würden gelangt, hatte sogar als Leiter eine Organisation befehligt, die seinen Namen trug, bis sie dann offiziell umbenannt wurde. Nur die Richtung der Arbeit war über all die Jahrzehnte die gleiche geblieben. Immer stur gegen Osten.

Der Präsident dachte darüber nach, was er wohl über seine langweilige Vergangenheit in seinen Memoiren schreiben konnte. Ein paar bisher geheim gehaltene Aktenstücke über die leidige Abhöraffäre würde er schon bieten müssen. Aber die war ja kein Erfolg gewesen. Er brauchte ein paar Erfolge. Wenigstens lief die Aktion »Ummeldung« auf vollen Touren; immer wieder konnten sie beim Durchsieben der Karteien der Einwohnermeldeämter auf verdächtige Personen stoßen. Allein in Bonn zogen sie siebzigtausend Namen aus der Kartei. Die Beamten fielen Freitagnachts in die Meldebehörde ein und arbeiteten durch bis Montag früh. Nur die Amtsleiter wussten Bescheid. Ein Bürgermeister aus dem Bergischen Land hatte seine Genehmigung, trotz wiederholter Aufforderung aus Düsseldorf, versagt. Aber das blieb der einzige Miesepeter. Man hatte sich seinen Namen gemerkt.

In den letzten Jahren habe ich oft erleben müssen, dass die Unsicherheit unter den Bediensteten im Sicherheitsbereich, auch bei Beamten und Soldaten in hohen Dienststellungen, zur Resignation, ja an den Rand der Verzweiflung geführt hat. Dies war vor allem dann der Fall, wenn im Verlaufe der Diffamierungskampagnen infame Vergleiche mit Methoden gezogen wurden, die unsere Sicherheitsorgane in die Nähe der hitlerischen Gestapo rückten. Indessen ließen sich Verunglimpfungen und Verleumdungen dieser niedersten Qualität noch am leichtesten als Produkte staatsfeindlicher Giftküchen anprangern. Für ungleich gefährlicher halte ich jene 'Offenlegungen' neuesten Datums, die moderne Methoden unserer Abwehrorgane einschließen. Die öffentliche 'Bekanntmachung' technischer Hilfsmittel der Polizei bedeutet zugleich die Herabsetzung oder gar die Ausschaltung ihrer Wirksamkeit. Wer jedoch Fahndungsmaßnahmen gegen

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