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Im Tunnel

Im Tunnel

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Im Tunnel

Länge:
602 Seiten
8 Stunden
Freigegeben:
Feb 23, 2015
ISBN:
9783627022242
Format:
Buch

Beschreibung

Paul Zakowski sitzt seit dem frühen Morgen in der Abgangszelle seines Gefängnisses, in dem er ein paar Jahre verbracht hat, und hofft und flucht und betet. Er wartet auf seine Entlassung. Aber die darf eigentlich nicht sein. Nicht, dass er ein Unhold wäre oder ein Gewalttäter. Nein, Zakowski ist Einbrecher, erfolgreicher Einbrecher, und das hat ihm der Staat mit insgesamt acht Jahren und vier Monaten Haft vergolten. Allerdings in drei verschiedenen Prozessen. Von der ersten Strafe hat er inzwischen zwei Drittel verbüßt, der Rest wurde zur Bewährung ausgesetzt. Eigentlich müsste die Staatsanwaltschaft jetzt die anderen beiden Strafen in Vollzug setzen. Zakowski ist sich im Klaren, dass die Telefondrähte in der Anstalt heiß laufen. Jeder will verhindern, dass er freikommt. Bis 17.00 Uhr haben sie Zeit, dann müssen sie ihn rauslassen. In der Abgangszelle, neben dem großen Tor in die Freiheit, harrt Zakowski aus. Während sich draußen die Weichen für seine Zukunft stellen, gerät Zakowski in den Sog seiner Erinnerung: Unerhörte Geschichten und Ereignisse aus seinem Leben steigen in ihm auf, und seine nicht gerade tadellose Vergangenheit fliegt an ihm vorbei.
Freigegeben:
Feb 23, 2015
ISBN:
9783627022242
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Im Tunnel - Peter Zingler

Über dieses Buch:

Paul Zakowski soll aus dem Gefängnis entlassen werden, er ist Einbrecher, erfolgreicher Einbrecher, und das hat ihm der Staat mit insgesamt acht Jahren und vier Monaten Haft vergolten. Von der ersten Strafe hat er zwei Drittel abgesessen, und ein Richter hat ihm am 23. Dezember den Rest zur Bewährung ausgesetzt. Dem müsste die Staatsanwaltschaft zustimmen oder es ablehnen, genauso wie sie die anderen beiden Strafen jetzt sofort in Vollzug setzen müsste, um ihn für weitere Jahre hinter Gitter zu bringen. Doch kein Staatsanwalt arbeitet über die Feiertage und die wenigen Brückentage. Nun sitzt Zakowski in der Abgangszelle neben dem großen Tor in die Freiheit und hofft und flucht. Kommt er frei, will er sich nach Jamaika absetzen. Er ist sich im Klaren, dass die Telefondrähte in der Anstalt heiß laufen. Bis 17 Uhr haben sie Zeit, dann müssen sie ihn rauslassen. Wartend gerät Paul in den Sog seiner Erinnerungen und erzählt uns seine fast unglaubliche, abenteuerliche Lebensgeschichte.

Peter Zingler, der bekannte Drehbuchautor und Grimme-Preisträger, hat einen großen autobiografischen Roman geschrieben. Turbulent, spannend, amüsant und lehrreich erzählt Zingler mit seinem Alter Ego Paul Zakowski von »der brutalen Kunst des Überlebens« (FAZ), wie er als Vierjähriger im harten Nachkriegswinter 1947 für Tabakschmuggler anschaffte und in der Trümmerlandschaft von Köln ›fringsen‹ ging. Womit eine wahrhaft abenteuerliche Karriere als ›Intensivtäter‹ begann.

Titel

1. TEIL:

IM KLEINEN KREIS

Im Gefängnishof befinden sich ein großer und ein kleiner Kreis. Im großen Kreis laufen während der Freistunde die Gefangenen alleine oder in Gruppen und können miteinander kommunizieren.

Im kleinen Kreis, inmitten des großen, laufen nur die Abgesonderten, Ausbrecher, Renitente und Psychopathen, mit denen niemand kommunizieren darf. Es gilt das absolute Sprechverbot.

Lebenslauf: Lauf ums Leben

Erst lief mein Vater davon

Dann, vielleicht, Tränen meiner Mutter

Später lief sie mit mir im Bauch

Aus dem brennenden Haus in die Bombennacht

In die Evakuierung

Lief im letzten Moment ins Hospital

Zur Entbindung

Danach lief sie davon

Vor der Schande

Und der Verpflichtung

Ließ mich zurück bis

Nach langen Monaten meine Oma kam

Und mit mir floh

Vor den Russen

Und als ich selber laufen lernte

Lief ich gleich

Vor den Bauern davon

Drei Kartoffeln in der Tasche

Vor den Bahnpolizisten

Mit Kohlen im Rucksack

Vor den Nachbarn

Gestohlene Äpfel in der Hand

Oder vor andern Kindern

Die mich Zwerg Nase nannten

In der Schule lief es

Normal

Bis ich richtig laufen lernte, weglaufen

Vor der Familie

Vor der Polizei

Vor der Realität

Vor mir selbst

Ich lauf heute noch weg

Das Ziel kann nicht mehr weit sein

Neulich sah ich Marathonläufer ins Ziel kommen

Sie brachen zusammen

DER LÄNGSTE TAG

Montag, 30.12., 6.00 Uhr

Die Vorfreude gilt als die schönste Freude, weil man sich auf etwas freut, was es eventuell nicht gibt, aber dennoch die Phantasie beflügelt.

Niemand, aber auch niemand, weder der Papst noch der Dalai Lama oder irgendeiner dieser Gottesvertreter, Gurus, Wahrsager, Sternedeuter oder Esoteriker kann voraussagen, was das Leben in der nächsten Stunde für einen bereithält. Und auch ein Bauer weiß nur: Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder es bleibt, wie es ist.

Natürlich versuchen Menschen, seitdem es sie gibt, in die Zukunft zu schauen. Alleine aus Angst, dass sich etwas zusammenbraut, was gefährlich werden könnte. Auch Paul hatte diese Angst, als ihm morgens um sechs, beim Frühstück auf dem Gefängnisflur der Abteilungsbeamte die erwarteten Worte zurief: »Zakowski, schon gepackt? Gleich geht’s zur Kammer, Sie werden heute entlassen.« Er grinste dabei. Das sollte wohl bedeuten, dass auch er sich freute, einen wie Paul von der Abteilung wegzukriegen. Aber was auch immer der Beamte wirklich dachte, interessierte niemanden, höchstens seine Frau, wenn er denn eine hatte.

Natürlich hatte Paul gepackt, obwohl er allen Regularien gemäß gar nicht hätte entlassen werden dürfen. Das war ihm klar, und deshalb hatte er sich schon einige Tage lang mit Vorhersagen beschäftigt, die ihm natürlich vor allem Schlaflosigkeit einbrachten. Was war passiert?

Vor einer Woche, am 23. Dezember, hatte ihm doch tatsächlich ein Richter der Vollstreckungskammer Darmstadt den Rest seiner zweijährigen Haftstrafe des Landgerichts München zur Bewährung ausgesetzt. Üblicherweise dauert es eine Woche, bis ein solcher Beschluss rechtskräftig wird, um der Staatsanwaltschaft Gelegenheit zu geben, Einspruch einzulegen. Doch bisher war nichts geschehen.

Aber die Sache war noch viel komplizierter. Die zwei Jahre waren nicht die einzige Strafe, die Paul Zakowski absitzen musste. Nach dem Ende der jetzigen warteten weitere zwei Jahre und vier Monate des Landgerichts Bonn und noch mal vier Jahre des Landgerichts Frankfurt auf ihn. Doch für keine dieser Strafen lag ein wirksamer Vollstreckungsbefehl vor, weil alle damit rechneten, dass Paul Zakowski noch bis zum nächsten Juli für die Strafe aus München einsitzen musste. Denn warum sollte man ihm Bewährung geben, wenn er eh nicht rauskam?

Pauls großes Pech, dass diese drei Strafen nicht zu einer einzigen zusammengezogen werden konnten, was mit den Verurteilungszeiten zusammenhing, erwies sich nun für ihn – zumindest vorübergehend – als eine Chance auf Freiheit. Aber für wie lange?

Der Vollstreckungsrichter hatte sich intensiv mit Paul unterhalten. Paul hatte ihm in der ihm eigenen Art einige Geschichten aus seinem Leben erzählt, die den Richter beeindruckten. Natürlich wusste er von den weiteren Verurteilungen, aber er wollte sich von anderen nicht unter Druck setzen lassen, unter diesen Umständen eine Strafaussetzung zur Bewährung zu verweigern, von der er überzeugt war, dass er sie geben musste. Das war am 23. Dezember.

Heute war Montag, der 30. Dezember. Dienstag ist Silvester und Mittwoch Neujahr. Also drei Tage Zeit zu verschwinden, dachte Paul, wobei ihm klar war, dass eine wirkliche Flucht, die ihn erst nach zehn Jahren mit Verfolgungsverjährung belohnen würde, nicht in Frage kam.

Paul war weit gereist und wusste, im Grunde konnte ihn kein Land der Welt gebrauchen. Ganoven hatten sie alle selbst genug. Außerdem war für ihn Deutschland nicht nur Heimat, sondern auch der beste Ort zum Leben.

In Privatkleidern, mit seinem kleinen Koffer in der Hand, führte ihn der Kammerbeamte über den Hof in die Entlassungszelle neben der Außenpforte.

Es war noch früh. Die Geschäftsstelle, in der Paul den Entlassungsschein, seine Personalpapiere und sein Geld bekommen sollte, öffnete erst um acht. Also setzte er sich in die Ecke der Zelle, ein ungastlicher Raum, der überwiegend dazu diente, Besucher auf harten Bänken warten zu lassen, bis sie in die eigentlichen Besuchsräume geführt werden konnten.

Paul kamen heute die kahlen Wände, das hochgelegene vergitterte Fenster, die kargen Tische vor wie das Wartezimmer zum Himmel, falls es dafür ein Wartezimmer gab. Er lehnte sich zurück und schaute auf seine Uhr, sieben Uhr fünfzehn. Um acht würden ihn also die Schreibtischgeier rufen, um ihn auszuzahlen. Laut Pauls Vorstellung konnte es sich nur um wenige Hundert Mark handeln, aber das Wichtigste war der Entlassungsschein.

Paul drehte sich eine Zigarette, lehnte sich zurück und schloss die Augen. Jetzt nur nicht daran denken, dass er später noch mal in den Knast zurück musste. Die Tür öffnete sich, der Pfortenbeamte schaute herein: »Zakowski? SIE sollen entlassen werden?« Er grinste hämisch. »Wer’s glaubt, wird selig!« Er warf die Tür wieder zu. Paul schloss die Augen und sah dieses arrogante, wohlgenährte Gesicht unter der Dienstmütze vor sich. Er kannte ihn.

In diesem kleinen Knast kannten sich eh fast alle. Vierhundert Gefangene und hundertfünfzig Bedienstete konnten über Jahre nicht so einfach aneinander vorbeilaufen. Der Typ war ein besonders prächtiges Exemplar von Staatsdiener. Ein Bauernsohn aus dem Odenwald, als letzte Chance, mit fünfunddreißig Jahren, aufgesprungen ins Beamtenleben, als Sicherheit für den Rest des Lebens. Seine neue Klientel, Menschen in Haft, behandelte er wie früher seine Kartoffeln und Zuckerrüben. Der Typ hatte mal eine Woche lang den Werkmeister in dem Betrieb vertreten, in dem Paul Telefonapparate zusammenbaute. Der Mann hatte mit seiner barschen Art unter den Gefangenen fast eine Revolte ausgelöst. Paul versuchte zu schlichten, sprach mit dem Odenwälder Dickschädel, bis er merkte, dass das den gar nicht interessierte. Die Gefangenen gingen ihm schlicht am Arsch vorbei.

Sein Gesicht hatte Paul schon immer an jemanden erinnert. Und jetzt, hier, in der Zelle sitzend, fiel es ihm wieder ein. Mit seiner Dienstmütze sah er genauso aus wie der erste Polizist, mit dem Paul zu tun hatte, einem belgischen Militärpolizisten, als er vier Jahre alt war. Damals, in der schlechten Zeit direkt nach dem Krieg, waren alle Menschen hager bis dürr, dieser Belgier aber war als Besatzer gut genährt und hatte einen dicken Schädel, so wie dieser Odenwaldbauer in Uniform.

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Die Hamstertour

Francesco war der Vater aller Dinge. Das galt für unsere Familie, für Mutter, Sophie und Eva, meine Schwestern, meinen kleinen Neffen Gino und mich, wie für unsere kleine dunkle Welt im Kellergeschoss des zerbombten Hauses. Francesco war ein schöner Mann. Schwarzes dichtes Haar, garniert mit grauen Fäden, ein buschiger Schnurrbart, die stets dunkel getönte Haut, gepaart mit warmen Augen und einem heiteren Mund, machten ihn zu aller Freund. Obwohl er nicht mein Vater war, blieb er für mich immer ansprechbar. In seinem harten Deutsch erklärte er mir alles, was ich wissen wollte, und drückte sich vor keiner Frage. Kam er mit der Sprache nicht weiter, benutzte er Arme, Beine und wie Lieder klingende italienische Laute. Auch Mutter hielt große Stücke auf ihn. »Ein guter Italiener. Nicht so ein verräterischer Itaker wie die anderen!«

Francesco hatte die Wende von 1943 in Italien nicht mitgemacht, war nach Deutschland gegangen und hatte sich hier zur SS gemeldet, statt wie seine Landsleute im Süden bereits den Frieden zu genießen. Er und Sophie waren verheiratet und hatten ein gemeinsames Baby.

Das Wichtigste: Er ernährte uns alle. Francesco war Schuster von Beruf. In einer Zeit, in der Geld nichts galt und nur Ware zählte, schnitt, nähte, nagelte, klebte und band er die schönsten bunten Fußbekleidungen für Damen, die ich je gesehen habe. Irgendwoher hatte er sich ein Schustereisen organisiert, Hammer, Schere, Ahle und Kordel. Nur Nägel waren knapp. So sammelte ich tagsüber auf der Straße benutzte Streichhölzer, die Francesco mit einer Rasierklinge halbierte, anspitzte und, bevor er sie durch Leder und Gummi trieb, anfeuchtete, damit sie später aufquollen.

Er arbeitete im »Flur«, in der ehemaligen Waschküche. Da der Treppenaufgang verschüttet war, benutzten wir die Waschküchentür, um ins Freie zu gelangen. Auf dem dunklen Betonfußboden, der sich zum Gully hin senkte, stand außer seiner Werkecke noch der Waschkessel, in dem das Wasser für unser wöchentliches Bad erhitzt wurde. Unter der Decke war im Zickzack eine Drahtwäscheleine gespannt, auf der ständig Windeln meines kleinen Neffen hingen. Der Raum besaß nur ein kleines Fenster zur Außentreppe. Deshalb arbeitete Francesco stets im gelben Dämmerschein einer drahtverkleideten Kellerlampe. Er selbst verließ das Haus nie, zumindest nicht am Tage, wenn ich wach war. Daher mussten Mutter und Sophie seine Produktion im Tausch gegen Essbares unters Volk bringen. Hamstern nannte man das damals, und es ging die Kunde, die Bauern würden ihre schmutzigen Gummistiefel bereits auf die vierte Lage persischer Seidenteppiche stellen, während ihre Frauen durch viele Brillantringe beim Melken behindert seien.

Ich war stets mit Mutter unterwegs, sie und Sophie gingen immer getrennt. Die größere Streuung versprach bessere Ausbeute. Eines Tages fuhren wir nach Porz, um von dort ins Bergische Land zu laufen. Ich trug einen Kinderrucksack, der mir trotz seines Namens viel zu groß war und mit seinem unteren Ende in meinen Kniekehlen scheuerte. War er beladen, drückten die Tragschlaufen so hart auf meine Schultern, dass sich abends rote Striemen auf der Haut zeigten, die erst Tage später verschwanden. Ich klagte nie. Ich war vier Jahre alt und stolz darauf, zum Unterhalt der Familie beitragen zu dürfen.

Am frühen Abend waren wir zurück am Bahnhof Porz, Taschen und Rucksäcke gefüllt. Wir erwarteten den letzten Zug. Als er einlief, war er wie immer hoffnungslos überfüllt. Auf Dächern, Puffern, sogar auf dem Loktender saßen Leute, störten sich nicht an Ruß und Staub, sondern versuchten noch vor dem Absteigen, heimlich ein paar »schwarze Diamanten« mitzunehmen.

Mindestens vierzig Leute wollten hier mitfahren. Mutter rannte mit mir an der Hand den Zug entlang und spähte nach Bekannten. Es gab keine. An einem offenen Fenster saß ein älterer Mann. Mutter sprach mit ihm, hob mich hoch, und er nahm mich an und setzte mich samt Rucksack ins Gepäcknetz. Sie versuchte sich in irgendeine Tür zu drängeln. Es gab wirklich keinen Platz mehr. Die Menschen standen wie Spargel im Bund. Ich hätte die Fahrt sicher gut überstanden, wäre nicht jene Frau erschienen, die sich unter Einsatz all ihrer Ellbogen bis an unser Fenster vorgearbeitet hatte. Sie trug eine schwere Tasche an die Brust gepresst, für die kein Platz war. Ihr Blick fiel auf mich. Mit links holte sie mich runter, setzte mich einfach auf die Köpfe der Menge und hievte ihr Gepäck an den von mir verlassenen Platz.

Der Mensch unter meinem Gewicht brummte, doch ich fiel einfach nicht zu Boden, weil es keinen Platz dafür gab. Schließlich murrte mein Untermann ganz laut. Die Frau hob mich an und fragte in die Runde: »Wem ist der?« Niemand meldete sich. »Das gibt’s doch nicht. So ein kleiner Junge ohne Begleitung. Wer hat ihn denn da oben reingesetzt?« Jetzt regte sich der Alte. »Ich. Eine Frau hat ihn mir durchs Fenster reingegeben. Sie versucht es durch die Tür.«

»Was?«, schrie die Frau, die mir immer unsympathischer wurde. »Und wenn sie nicht reinkommt? Dann haben wir diesen Bengel am Hals.« Sprach’s, hielt mich an den Armen aus dem Fenster, bis meine kurzen Beinchen einen halben Meter über dem Bahnsteig schwebten, und ließ mich los. Ich fiel nach hinten auf den Rucksack. In dem Moment fuhr der Zug an. Ich lag da, völlig überrascht auf dem Rucksack wie ein Käfer auf dem Rücken, hilflos, und sah dem verschwindenden Zug hinterher. Der Bahnsteig war leer. Jetzt bekam ich Angst, und die ersten Tränen kullerten über meine Wangen. In dem Moment rief mich der Wirt der Bahnhofskneipe durchs Fenster an: »He, du da, Kleiner, ja, dich mein ich. Wartest du auf jemanden? Heut kommt kein Zug mehr.« Ich rappelte mich mühsam auf die Füße, ging zu ihm hin, wollte erklären und wurde prompt missverstanden. »Was ist denn das für eine Rabenmutter«, rief er aus, »die ihren Sohn einfach zurücklässt?« Ich versuchte zu erklären, dass es nicht die Schuld der Mutter gewesen sei, doch er hörte nicht zu. Außerdem wurde meine Stimme quäkig, und ich begann zu weinen. Diese böse Situation und dann noch das Missverständnis. Meine liebe, liebe Mama! Der Wirt schickte den Kellner zur Bahnhofsverwaltung. Zwei Männer kamen zurück. Einer trug die blaue Reichsbahnuniform, der andere war ein olivgrün bekleideter belgischer Soldat. Sie hörten mich an und trugen dem Wirt auf, mich in seine Obhut zu nehmen. »Wir kümmern uns um dich«, tätschelte der Soldat mein Gesicht, bevor er ging.

»Hast du Hunger?«, fragte der Wirt. »Heute gibt’s Fleischbrühe, magst du die?« Meine Tränen versiegten. Fleischbrühe? Mensch, das war was! Schnell holte ich mein Geld aus der Tasche. Wie die meisten Kinder jener Zeit konnte ich damit schon umgehen. Ich hielt mein ganzes Vermögen hoch. Es war ein Fünfzigpfennigschein, klein wie eine Streichholzschachtel. Der Kellner murrte: »Fleischbrühe kostet nur dreißig, aber plus Fleischmarke.« Enttäuscht zog ich den Geldschein zurück. Eine Fleischmarke besaß ich nicht. Diese blöden Lebensmittelmarken, nie gab es genug davon. Immer war ihretwegen Streit in der Familie, und satt wurde auch keiner davon. Ich hasste sie mit der ganzen Kraft meines kleinen Herzens. Der Kellner war findig. Rasch tastete er meinen Rucksack ab, und schon kam sein Vorschlag: »Fünfzig Pfennig und die Kartoffeln. Ich geb dann die Marke aus meiner eigenen Tasche dazu.« »Nein!« Selbst wenn das Angebot verlockender gewesen wäre, meine Kartoffeln gab ich nicht her. Der Wirt machte der Schacherei ein Ende. Mit einem bösen Blick auf den Kellner rief er zur Küche. »Eine Fleischbrühe ohne Berechnung.«

Ich schlürfte noch diese köstlich heiße, von Fettaugen bedeckte Suppe, da erschienen zwei Soldaten und setzten sich zu mir. Es waren Belgier. Einer von ihnen musste Offizier sein, das erkannte ich an den vielen Streifen. Beide trugen die Armbinde der Militärpolizei und Mützen mit Silberrand. »Du weißt, wo du wohnst?«, fragte der Offizier. Ich nickte und rasselte die Adresse herunter: »Sachsenweg 5 im Keller!« Die beiden schienen zufrieden. »Kannst du uns auch zeigen, wo der Sachsenweg ist?« Ich nickte. Wir verließen den Bahnhof und stiegen in einen offenen Jeep. Der Offizier setzte sich hinten zu mir, zog seine Uniformjacke aus und legte sie über meine nackten Beine. Wir überquerten den Rhein auf einer Behelfsbrücke. Ich kannte sie nicht; bei uns in der Stadt war die Brücke zerstört, und wir nahmen immer das kleine Fährboot. So kamen wir aus einer Richtung in die Stadt, die ich nicht kannte. Außerdem setzte die Dunkelheit ein. Ich war mit meiner Ortskenntnis am Ende und schämte mich. Der Fahrer stoppte und sprach in sein Funkgerät. Ich verstand die Sprache nicht, hatte aber erfahren, dass die Stimme durch Gerät und Antenne in die Luft ging. Ich sah die meterlange Antenne empor, konnte die Worte aber nicht sehen. Das wunderte mich. Es ging weiter. Plötzlich erkannte ich die Großmarkthalle. »Da, da«, rief ich aufgeregt. »Jetzt links und wir sind da!«

Mutter und Sophie drückten und küssten mich vor Freude, und Sophie umarmte auch die beiden Soldaten. Man bat sie, Platz zu nehmen. Sie ließen sich überreden, einen selbstgebrannten »Knolly Brandy« zu trinken. Sie scherzten in ihrer Sprache und legten ein dickes Paket Belga-Zigaretten auf den Tisch. Der Offizier griff mehrmals nach Sophies Hand und strich ihr auch übers Haar. Alle rauchten, es wurde eine richtige kleine Feier. Bis Francesco erschien. Er kam aus dem hinteren Kellerraum, öffnete die Tür zur Küche, sah erstaunt auf die Soldaten und wollte sich wieder zurückziehen. Sophie rief ihn. »Francesco!« Er zögerte erneut, gab sich einen Ruck, schloss die Tür, setzte sich zu uns an den Tisch und blieb schweigsam. So hatte ich ihn noch nie erlebt. Nicht mal eine Zigarette nahm er, obwohl er sonst die von mir gesammelten Kippen rauchte, bis sie ihm die Finger verbrannten. Auch die beiden Soldaten waren ruhiger geworden.

Der Offizier wirkte komisch. Ich wusste damals noch nicht, dass es wohl Enttäuschung war, weil er gehofft hatte, Sophie lebe ohne Mann, für mich aber war’s nur komisch. »Wer sind Sie?«, fragte der Offizier und deutete auf Francesco. Der tat, als habe er nicht verstanden. Daher sagte Sophie: »Er ist mein Mann, ein Italiener. Wir sind verheiratet.« »Ein Italiener? So?« Die beiden Militärpolizisten diskutierten in ihrer Sprache. Der Offizier wurde immer wortkarger, blieb kurz und knapp, der andere schien begütigend auf ihn einzureden. Dann schüttelte der Offizier den Kopf und fragte weiter: »Wie kommen Sie als Italiener hierher? Sind Sie schon lange hier?« Francesco tat wieder, als verstehe er nicht, doch meine Schwester sagte: »Wir sind schon seit vierundvierzig verheiratet.« Francesco wandte sein Gesicht zu ihr, und ich entdeckte, was ich noch nie an ihm gesehen hatte: Wut.

Der Soldat drängte zum Aufbruch, doch der Offizier wies ihn an zu bleiben. »Besitzen Sie einen Ausweis?« »Einen Ausweis?«, fragte Sophie. »Ja, einen Ausweis, den die Besatzungsmacht ausgibt.« Francesco schüttelte den Kopf und sprach erstmals. »Ich bin Italiener, brauch keinen Ausweis der Besatzungstruppen.« »Haben Sie denn einen italienischen Pass oder ein ähnliches Dokument?« »Nein.« Sophie stand auf. »Ich suche Ihnen die Heiratsurkunde heraus. Einen Moment bitte.« Keiner sprach. Der Offizier nahm sogar die Zigaretten vom Tisch und steckte sie ein. Dann sah er auf den Zettel, den Sophie ihm hinlegte, deutete auf den Hakenkreuzstempel, blickte auf und fragte: »Sie heißen Francesco Baldoni?« Francesco nickte. »Und Sie haben, außer dieser Urkunde, kein Identitätsdokument?« Francesco erklärte: »Als unser Haus brannte, ist alles verlorengegangen. Ich habe schon nach Rom geschrieben.« »Wann?« »Vor einem halben Jahr.« »Kopie?« »Was?« »Kopie Ihres Schreibens?« »Nein.« Wieder berieten die Belgier.

Wieder schienen sie nicht einig. Dann setzte der Offizier eine strenge Miene auf, und der andere schwieg. »Wir müssen das überprüfen. Wir leben hier in der belgischen Besatzungszone. Wären Sie legal hier, besäßen Sie einen Notausweis. Bitte kommen Sie mit.« Keiner sagte was. Keiner bewegte sich. Francesco war nicht mehr braun im Gesicht, er war kalkweiß. Dann sah er Sophie, Mutter und mich an. Sein Blick war traurig und trotzig zugleich, und ich machte mir erste Vorwürfe, die Soldaten hergebracht zu haben. Der Offizier erhob sich. »Na los. Wir bringen Sie zur zuständigen Stadtkommandantur. Wenn alles klar ist, sind Sie morgen früh wieder zu Hause.« Francesco stand auf. »Willst du noch etwas essen?«, fragte Mutter. Ihre Stimme war voller Besorgnis. Francesco schüttelte müde den Kopf, zog nicht mal eine Jacke an und schlich geduckt zwischen den Militärpolizisten hinaus.

Nachts wurde ich wach, weil ich glaubte, etwas gehört zu haben. Ich rief »Francesco!« und lief barfuß durch den Keller. Francesco war nicht da. Ich setzte mich auf seinen Schusterschemel und wartete. Dabei weinte ich. Ich war an allem schuld.

Francesco kam nicht am Morgen und auch nicht am Mittag. Meine Schwester weinte und sagte, was ich mir selbst die ganze Nacht vorgeworfen hatte: »Wenn du doch nur die Soldaten nicht mitgebracht hättest.« Mutter murmelte: »Da stimmt was nicht. Da stimmt was nicht. Ja, ja, diese Italiener.« Ich hielt es nicht aus, lief auf die Straße und suchte Streichholzreste und Zigarettenkippen. Francesco sollte zu rauchen haben, wenn er zurückkehrte. Das war ich ihm schuldig. Ich kam mit einer vollen Hosentasche Kippen zurück, doch Francesco war nicht da. Ich ging an seinen Arbeitstisch, pulte die Asche von den Kippen, trennte das Papier ab, häufte den Tabak in Francescos Blechdose und gab, wie er es auch immer tat, eine frische Kartoffelschale dazu.

Am späten Abend erschienen drei Soldaten, zwei Belgier und ein Engländer, holten meine Schwester ab und brachten sie eine Stunde später zurück. Sie weinte mehr als zuvor. »Ich durfte ihn nicht sehen. Aber irgendetwas stimmt nicht. Sie wollten von mir wissen, seit wann ich ihn kenne, ob er hier Freunde hat, die ihn besuchen oder die er besucht. Ansonsten sagten sie mir nichts.«

Diesmal wartete ich die ganze Nacht neben Francescos Schustereisen. Als der Morgen braungrau durchs Fenster kroch, schlich ich enttäuscht ins Bett. Mittags kamen zwei Männer in Zivil. Mutter sagte später, einer sei Amerikaner gewesen, sie hätten Francescos Fingerabdrücke nach Bari geschickt, weil Francesco Baldoni in den italienischen Armeelisten als gefallen verzeichnet sei. Mutter murmelte: »Tja, diese Italiener, man kann ihnen nicht trauen. Ich hab dich ja immer gewarnt.« »Was erzählst du da«, Sophie wurde ärgerlich. »In Italien glauben sie eben, er sei gefallen. Es ist alles in Ordnung. Morgen kommt er wieder.« Ich sammelte noch mehr Kippen. Die Blechdose wurde randvoll. Ich war stolz. Wenn er kam, konnte er wieder die dünnen Papierseiten aus dem Gebetbuch reißen und damit Zigaretten drehen und mir alles erzählen, was er erlebt hatte. Er kam nicht.

Am übernächsten Tag erschien wieder der Mann, von dem Sophie behauptete, er sei Amerikaner. Aber er sprach Deutsch und hieß Schulz, wie komisch, und Kaugummi hatte er auch keinen. Er sagte: »Frau Baldoni, ich habe Ihnen eine wichtige Mitteilung zu machen. Francesco Baldoni ist nicht Francesco Baldoni. Er hat sich diesen Namen von einem gefallenen Soldaten, der auch aus Bari stammt, sozusagen ausgeborgt. Sein richtiger Name lautet Francesco d’Allonzo. Er ist Faschist und seit Februar 1944 von einem alliierten Militärgericht wegen Kriegsverbrechen in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Wir fliegen ihn morgen nach Bari.« Sophie sah starr auf den Amerikaner. Mutter sah starr auf die Tischplatte. Mr. Schulz räusperte sich. »Wenn’s ein Trost für Sie ist. Heute, drei Jahre nach dem Kriege, wird dort niemand mehr hingerichtet.« Er machte eine Pause, stand auf, ging zwei Schritte zur Tür, sah sich um und sagte: »Übrigens, unter seinem richtigen Namen war er verheiratet und hat zwei Kinder. Es war also Bigamie. Ihre Ehe ist ungültig, Sie sind frei.« Er verschwand. Mutter murmelte: »So was hab ich mir gleich gedacht. Dieser dreckige Itaker. Lump und Betrüger, der er war!« Ich verstand Mutter nicht. Ich verstand auch die Erklärungen des Mr. Schulz nicht. Ich verstand nur: Francesco würde nicht mehr kommen.

Montag, 30.12., 7.30 Uhr

Paul schreckt hoch. Er war an die Wand gelehnt im Stehen eingenickt. Er stieß sich von der Wand ab und lief durch die Zelle. Durch das Oberlicht über der Außentür konnte er bis zur Außenpforte sehen. Er sah auf seine Armbanduhr. Es war sieben Uhr dreißig. Die Zeit verging überhaupt nicht. Er setzte sich hin und drehte sich erneut eine Zigarette. Francesco, tja …

Gino hatte seinen Vater nie wirklich erlebt, aber Paul konnte ihn nicht vergessen. Erst nachdem Gino im Alter von zwanzig Jahren einen Einberufungsbefehl des italienischen Militärs erhalten hatte, war klar, dass er Italiener war. Keiner hatte das bedacht. Später, als er Deutscher wurde, war auch der letzte gültige Name Francescos zu Tage gekommen: Rapisarda. Aus Acireale in Sizilien sollte er stammen.

1977 ist Paul dann nach Sizilien gereist. Er hätte viel darum gegeben, Francesco wiederzusehen. In Acireale gab es so viele Rapisardas wie Schmitz in Köln. Fakt war wohl, dass Francesco, als die Italiener 1943 die Fronten wechselten und zu den Alliierten überliefen, in Deutschland im Lazarett lag und Angst hatte, interniert zu werden oder ins KZ zu kommen. Deshalb nahm er den Namen eines ihm bekannten Faschisten an und wurde in die SS aufgenommen. Nur um zu überleben!

»Überleben«: überhaupt ein wichtiges Wort. Auch für die Menschen im Gefängnis. Wie überlebt man das? Paul war da Profi. Er hatte im Leben oft und lange im Gefängnis gesessen. Paul war zwar erst Mitte dreißig, aber schon mit fünfzehn kam er das erste Mal ins Jugendgefängnis. In den letzten zwanzig Jahren war er fast die Hälfte der Zeit im Knast gewesen. Er wusste, ohne es erklären zu können, dass der Rückzug ins eigene Ich der einzige Schutz war.

Die, die gegen die Inhaftierung protestierten und mit dem Kopf gegen die Wand liefen, brachten sich entweder schleichend um oder wurden irgendwann in der Beruhigungszelle erschlagen. Andere passten sich total an. Das war die Mehrzahl.

Paul war sich sicher, dass achtzig Prozent seiner Knastkollegen gar nicht in den Knast gehörten, sondern eigentlich in eine andere soziale Einrichtung. Sie waren einfach nur lebensunfähig und, ohne es sich selbst gegenüber zuzugeben, sogar gerne im Knast. Hier im Knast waren die Regeln einfach und durchschaubar: Sie bekamen drei Mahlzeiten am Tag, mussten arbeiten, durften eine Stunde am Tag an die frische Luft und hatten null Verantwortung. Draußen war das Leben weit schwerer. Deswegen kamen die meisten zurück. Und insgeheim waren sie dann auch noch über das Wort »kriminell« stolz. Sie waren wenigstens kriminell und nicht nur »Sozialpenner«!

Aber ihre Kriminalität hielt sich wirklich in Grenzen. Während sie drinnen voller Stolz Geschichten von Banküberfällen und ähnlichen Gelderoberungsaktionen erzählten, hatten sie sich in Wahrheit mit immer wiederholtem Kleinkram in die Nesseln gesetzt. Aber auch das zählt bei der Justiz. Wiederholungstäter! Und ist die Beute noch so klein, sperrt ihn ein, sperrt ihn ein.

Jede Verurteilung wird addiert, und jedes Mal gibt’s mehr Knast bis zur vielbeschworenen Sicherungsverwahrung. Dann nämlich, wenn er schon zehnmal oder mehr oder weniger vor dem Richter gestanden hat, und er ihnen lästig wurde, gab’s die SV, auch »Rucksack« genannt.

Die nach dem Ende der Strafe abzusitzende Sicherungsverwahrung, die bis zu neun Jahren dauert, war zwar in der Nazizeit ins Strafgesetzbuch gekommen, aber auch die bundesdeutsche Justiz nutzt den Paragraphen auch heute noch sehr gerne, um jemanden, ohne dass er speziell etwas getan hat, einfach länger festzuhalten: »Sicherungsverwahrung«.

So etwas mag verständlich sein, wenn ein Täter andere verletzt oder getötet oder massive sexuelle Übergriffe auf dem Konto hatte, aber das hatten die wenigsten in der Sicherungsverwahrung auf dem Zettel. Die meisten sitzen, weil sie immer wieder sitzen.

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Addiert und multipliziert

Auf meiner Knastabteilung liegen dreißig Gefangene

Abzüglich der Sittenstrolche, der Schläger, der Drogenheinis und der Alimentenverweigerer bleiben etwa zwanzig als Eigentumsdelikttäter

Betrüger, Räuber, Einbrecher

Von dreihundert Knackis im ganzen Haus also zweihundert

Nur ein Einziger von den zweihundert wäre in der Lage, vom Ergebnis seiner Straftaten draußen gut zu leben.

Die Übrigen: Eierdiebe!

Durchschnittsbeute nach Einsicht in viele Akten pro Straftat: 190 Mark.

Addiert und multipliziert …

Mit circa 6.000 Inhaftierten in Hessen und

Circa 60.000 in der gesamten Bundesrepublik

Ergibt das eine Summe,

Sie entsprach OHNE Trick,

Nicht mal der Hälfte dessen, was Flick …

Im Gegensatz zu den meisten Knastkollegen fühlte Paul sich zwar nicht wohl im Knast, aber er jammerte auch nicht ewig rum und machte alle anderen dafür verantwortlich. Er wusste, er war Erwerbskrimineller, ein Einbrecher mit Erfolg, er konnte eine Zeitlang gut davon leben, davon zeugten elegante Eigentumswohnungen, Weltreisen und schicke Autos, Porsche oder Ferrari zum Beispiel. Problematisch war nur, dass die Polizei ihn als hochkarätigen Intensivtäter erkannt hatte und ihn daher ununterbrochen überprüfte und verdächtigte, alles, aber auch alles verbrochen zu haben, und ihn mit Festnahmen und Telefonüberwachungen einschränkte und belästigte.

Dabei war es doch ganz einfach: Wenn er beim Juwelier Wempe eingebrochen wäre, ihm aber der Einbruch bei Uhren Christ angelastet wurde, so war er ganz einfach UNSCHULDIG. Aber immer wieder fanden die Bullen einen Richter, der ihn einbuchtete. Und viele Versuche Pauls, auszusteigen und etwas anderes zu machen, wurden schon im Ansatz zerstört. Der Klassiker: eine Kneipe. Paul hatte sie gepachtet, die erste Frau die Konzession bekommen, und es sah aus, als werde alles gut, damals in der Altstadt von Bonn. Aber kaum begannen sie zu arbeiten, standen die Bullen an der Theke und stellten ihm ein Ultimatum: Entweder sie sorgten für Konzessionsentzug, weil er die Frau nur vorgeschoben habe und er als Vorbestrafter gar keine Gaststätte betreiben dürfe. Andererseits würden sie »ein Auge zudrücken«, wenn er bereit wäre, umfassend über seine Milieukollegen auszusagen. Das Lokal wurde geschlossen.

Paul hatte für sich eine gute Methode entwickelt, im Knast zurecht zu kommen: Nach jeder Festnahme war die Katastrophe da. Alles, was er draußen aufgebaut hatte, alles, was in der nächsten Zeit anstand, brach zusammen. Auch die Liebesbeziehungen, egal ob verheiratet oder nur verliebt. Und es dauerte etwa zwei Monate, bis sich Paul so weit erholt hatte, um sich im Knastalltag verstecken zu können. Er dachte dann kaum noch an draußen und befasste sich stattdessen mit dem Alltag drinnen. Wie sieht die Arbeit aus? Wer liegt mit auf der Abteilung? Wer ist interessant für ein Gespräch? Wer nicht? Wann gibt’s Einkauf? Wann Besuch? Wer von den Beamten ist erträglich? Wer ein Arsch? Und von wem könnte man wirklich Hilfe erhoffen, wenn es denn nötig war?

Das Draußen war für ihn nach einiger Zeit so weit weg, dass er auch jedes Zeitgefühl verlor. So benutzte er bei Gesprächen häufig den Ausdruck: NEULICH! Gemeint war aber der Zeitpunkt der Inhaftierung vor zwei Jahren und davon ausgehend NEULICH.

Am liebsten plünderte Paul die Gefängnisbibliotheken, die durchaus reichhaltig ausgestattet waren. Er las gerne, so wie schon als Kind.

Als Schüler war Paul Mitglied der katholischen Stadtbücherei und ein eifriger Leser. Sein Glück, dass die Bibliotheksleiterin lange Zeit krank war. Paul nahm sich, was er haben wollte, und brachte es gelesen zurück. Bis zu jenem Tag, als er mit den ausgesuchten Büchern an die Theke trat, um sie auf seine Karte eintragen zu lassen. Die Bibliothekarin warf einen Blick auf die Titel, dann auf Paul und fragte entrüstet: »Sag mal, wie alt bist du denn?« »Zehn.«

Entschlossen schnappte sie die Bücher und sagte im Weggehen: »So was darfst du noch gar nicht lesen! Da drüben, Enid Blyton, such dir so was aus!«

Paul kochte. »Die dumme Kuh!«, schimpfte er innerlich. Enid Blyton hatte er schon vor Jahren gelesen. So ein Kinderkram. Er wollte andere Sachen lesen. Leon Uris, Updike, Norman Mailer, John Steinbeck. Oder die Russen, Tolstoi und Scholochow oder Dostojewski. Und er musste zugeben, Raskolnikow, der Mörder aus Schuld und Sühne, war ihm sehr, sehr sympathisch. Den konnte er total verstehen. Und er wollte mehr davon. Heute hatte er sich Der Idiot von Dostojewski ausleihen wollen, sowie Von Mäusen und Menschen von John Steinbeck.

Die Bibliothekarin kam mit einem Stapel Kinder- und Jugendbücher zurück: »Hier, das ist was für dich!«

Paul zog seine Karte zurück, auf der sie die Bücher eintragen wollte, und sagte: »Die kenn ich schon alle!« – »Na, dann nicht!«, sagte sie kalt und legte die Bücher hinter sich.

Gott sei Dank hatte sich während ihrer Diskussion eine kleine Schlange hinter Paul gebildet und die Bibliothekarin war beschäftigt. Paul flitzte zurück in die Bücherei, holte sich die Bücher, die er sich ausgesucht hatte, wieder aus dem Regal, steckte sie in seine Schultasche und flitzte schnell an der Registrierstelle vorbei. Wieder war er gezwungen zu klauen, so dachte Paul damals, nie wollte man ihm geben, was er brauchte.

Natürlich hat Paul die Bücher immer wieder zurückgebracht. Genauso heimlich, wie er sie entwendet hatte.

Im Knast war das nicht nötig gewesen. Hier konnte er die ganze Weltliteratur rauf und runter lesen. Bei einem Knastaufenthalt war es ihm sogar gelungen, als Helfer des Gefängnislehrers in der Bibliothek zu arbeiten. Da war ihm der Stoff nie ausgegangen.

Montag, 30.12., 7.38 Uhr

Paul schaute wieder auf die Uhr. Verdammt. Er sah sich in der Zelle um. Man merkte, dass hier kein Knacki wohnte. Die Wände waren sauber, der Boden auch und kein einziges Graffito. Nix wie Alles ist vergänglich, auch lebenslänglich oder Du findest eher bei einer Hure die Unschuld, als bei der Justiz Gerechtigkeit. Auch keine abgestrichenen Tage, Monate und Jahre. Nix. Einfach nix. Aber hier wohnte ja auch keiner. Außer ihm im Moment. Aber nicht mehr lange. Bald würde er rauskommen. Oder? Ein bisschen mulmig war ihm schon. Kein Einspruch aus München, obwohl sie ihm dort alles andere als freundlich gesinnt waren.

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Sympathie

VERHANDLUNGSPAUSE im Landgericht München

Der Staatsanwalt tritt auf sie zu

Anwalt und Angeklagter sind irritiert

Kennen Sie den Unterschied,

Fragt der Staatsanwalt,

Zwischen einem Terroristen und

Einem preußischen Einbrecher in Bayern?

Anwalt und Angeklagter begreifen nicht

Was will der?

Der Staatsanwalt grinst breit

Terroristen haben Sympathisanten

Kein Joke, zwei Jahre Knast

Damals, als Kind, musste er hamstern, klauen und wurde gar, wie seine Freunde und Kollegen aus der Nachbarschaft, von Erwachsenen auf einen LKW geladen und zur Himmelsleiter gefahren. Eine Straße an der belgischen Grenze. Dort wurden ihre kleinen Rucksäcke mit Kupfer, Blei, Messing und anderem Buntmetall aus den Ruinen vollgepackt. Dann schickte man sie durch den Wald, über die Grenze, nach Belgien.

Unter vierzehn Jahren ist man strafunmündig. Das hat Paul damals schon begriffen. Daher hätte ein Erwischen durch die deutschen Zollbeamten nur den Verlust des Rucksackes nach sich gezogen.

Auf dem Hinweg war der Rucksack immer sehr schwer, auf dem Rückweg waren nur ein Pfund Kaffee, Marke Mokka, oder ein, zwei Schachteln Belga-Zigaretten drin. Aber egal, ob Hin- oder Rückweg, es war gruselig, durch diesen zerschossenen Hürtgenwald zu laufen. Manchmal über Leichen zu stolpern, an den Bergen von Munition vorbei, die zwar eingesammelt, aber noch nicht abtransportiert und entschärft worden waren.

Es ging die Kunde, dass schon einige Rabatzer, so hießen die Jungs damals, die über die Grenze flitzten, von Minen zerfetzt worden waren.

Paul war einmal über einen Ast gestolpert, der sich im Nachhinein als Unterarmknochen in einer Uniformjacke entpuppt hatte.

Wichtig war: Jede Beute, jede Zigarette, jede Kippe, jedes gestohlene Ei, jede Kartoffel, jedes Brikett wurde zu Hause bejubelt. Und Paul kriegte so viel Dankbarkeit, Liebe und Wärme, dass diese Freibeutergesinnung in ihm ein fester Bestandteil seines Lebens werden sollte.

So fest, dass dreißig Jahre später ein Frankfurter Richter genau dieses Wort benutzte, um Paul zu charakterisieren: »Freibeutergesinnung«.

Montag 30.12., 7.50 Uhr

Auf dem Hof, vor der Zelle, viele Geräusche. Paul stand auf und versuchte, etwas zu entdecken.

Er zog den Tisch ans Fenster, stieg drauf und konnte sehen, wie etliche Angestellte ins Gefängnis kamen. Er erkannte die Werkmeister, die Sozialarbeiter und die beiden jungen Frauen von der Geschäftsstelle. Die anderen kannte er nicht. Jetzt öffnete sich das große automatische Schiebetor und ein LKW fuhr ein, Küchenlieferung.

Bevor das Tor wieder zufuhr, sah Paul einen Moment lang das seltsame Warnschild am Anschlagpfosten des Tores: Durchgang bei geöffnetem Tor verboten.

Jahre später würde es der Titel eines Buches der Sammlung Luchterhand werden mit Texten Inhaftierter, darunter auch einer von Paul.

Er stieg vom Tisch, setzte sich auf den Stuhl und drehte sich erneut eine Zigarette. Ah, jetzt wird’s bald losgehen, dachte er und schaute auf seine Armbanduhr. Ein edles Stück, eine weißgoldene Rolex, die er ganz offiziell in einem Juweliergeschäft gekauft hatte, weil er natürlich nicht so blöd war, eine der Hunderte von Uhren zu behalten, die er einige Jahre zuvor mit einem Kumpel in einem Laden erbeutet hatte.

Paul musste jetzt noch zufrieden schmunzeln, als er daran dachte. Er kannte das Uhrengeschäft seit Kindertagen, aber es war stets gut gesichert gewesen und lag auch in der Fußgängerzone, so dass ein Angriff, zumindest ein frontaler, schwer möglich war. Und dann wurde eines Tages das Haus eingerüstet, um die Außenfassade zu renovieren.

Paul und sein Frankfurter Kumpel Hubsi betrachteten vom gegenüberliegenden Café aus genau, was sich tat. Nach halb sieben verließen die beiden männlichen und drei weiblichen Angestellten das Geschäft.

Sorgfältig schlossen sie die Eingangstüre ab, machten die Alarmanlage scharf, zogen das Außengitter herunter und verriegelten es.

Da niemand sonst in dem Haus zu wohnen schien, war es Paul nicht möglich gewesen, den Flur zu inspizieren, um herauszufinden, ob der Laden vielleicht von hinten zu räumen wäre.

Aber es gab in der Nachbarstraße eine Kneipe mit Toiletten im Hof. Von dort aus war Paul über die Mauer geklettert und hatte sich dem Geschäft von hinten genähert. Es war dort genauso armiert wie vorne.

Hubsi und Paul hatten lange überlegt und dann beschlossen, es zu versuchen.

Da es in der realen Ganovenwelt selten so klappt wie im Kino, ist man gewohnt, dass höchstens jeder dritte Versuch Erfolg bringt. Also, öfter türmen als stürmen. Aber, warum nicht probieren?

Nun war in dieser Fußgängerzone auch am Abend noch sehr viel Betrieb, direkt neben dem Juwelierladen war eine Kneipe, schräg gegenüber eine andere. Und überhaupt gab es verschiedene Cafés und Imbisse, die auch spät noch Kundschaft hatten. Also verlegten Paul und Hubsi ihren Einbruch in die ganz späte Nacht, das heißt, in die frühe Morgenstunde.

Gegen vier hangelte sich Hubsi an dem Gerüst empor, war schnell im ersten Stock, schaute durchs Fenster, dann rauf zum zweiten Stock und schon hörte Paul ein leichtes Klatschgeräusch. Hubsi hatte die Scheibe eingedrückt. Dann suchte er Pauls Blick und winkte.

Paul schaute rechts, links, niemand da. Geschwind wie ein Affe kletterte er jetzt auch, seinen Utensilienrucksack auf dem Rücken, das Gerüst hoch und stand neben Hubsi vor dem offenen Fenster.

Wie üblich hatte Hubsi drei, vier Klebestreifen auf die Scheibe gesetzt, damit auch ja kein Splitter herabfallen und Krach machen konnte.

Sie stiegen ein und befanden sich im Treppenhaus.

Aufgrund der vorherigen Beobachtungen war klar, dass sich niemand nachts in dem Haus aufhielt. Nie hatten sie irgendeinen Lichtschein gesehen. Das hieß: Paul und Hubsi waren mit ihrer zukünftigen Beute und ihrer Angst, erwischt zu werden, allein im Haus.

Sie gingen ins Erdgeschoss und standen vor dem Flureingang des Juwelierladens. Die Tür hatte nur ein einziges Zylinderschloss, stellte also kein Problem dar. Alarmsicherung war von außen nicht zu sehen. Aber Paul ging davon aus, dass es innen Kontakt- oder Bewegungsmelder gab. Hubsi und Paul schauten sich an: »Gehen wir auf Risiko – ja oder nein?« Hubsi schüttelte den Kopf. Sie gingen wieder hinauf zum Fenster.

Die Straße lag ruhig und friedlich da. Nichts zu sehen. Sie holten aus Pauls Rucksack das, was sie für solche Fälle brauchten, ein Styroporteil, das normalerweise zum Verpacken empfindlicher Geräte verwendet wurde. Sie hatten es so zusammengeklebt, dass es genau auf die rotierenden Rotlichtlampen von Alarmanlagen passte. Die Lampe war einen Stock tiefer an der Hauswand befestigt, genau wie die Alarmsirene.

»Wo kriegen wir jetzt Wasser her?«, flüsterte Hubsi. Paul nickte beruhigend: »Im Keller gibt’s immer Wasser, die Tür stand offen.« Er holte die Sahnespritze aus dem Rucksack und schaute rein. Die entsprechende Menge Gips war bereits im Spritzsack.

Paul kletterte zurück ins Treppenhaus und lief nach unten in den Keller. Tatsächlich, auch die Tür zur Waschküche stand offen. Der Hahn tröpfelte zwar mehr, als dass er lief, aber es reichte. Paul füllte die Sahnespritze zur Hälfte mit Wasser. Während er sie zuhielt und schüttelte, damit sich der Gips mit dem Wasser mischte, lief er flott nach oben zu Hubsi, der in der Zwischenzeit das Styropor über die Rotlichtlampe gestülpt hatte und ihm bereits die Hand entgegenstreckte. Paul gab ihm die Spritze. Hubsi schüttelte sie noch mal kräftig, dann hielt er die Spitze der Spritze an die Lamellen der Alarmsirene und drückte den weichen Gips in die Klingel, bis die Spritze leer war. Er reichte sie Paul, der verpackte sie wieder im Rucksack. Jetzt mussten sie warten, bis der Gips hart wurde.

Das Zylinderschloss verursachte keine Schwierigkeiten. Paul musste es nicht mal anschrauben, es stand so weit vor, dass ein Zehnerschlüssel genügte, es abzubrechen, die äußere Hälfte rauszuholen und dann mit einem Schraubenzieher aufzuschließen. »Jetzt kommt der Moment, wo der Frosch ins Wasser springt«, pflegte Hubsi zu sagen. Sie hatten vorsorglich auch die Tür zum Garten geknackt, um, falls der Alarm losging, hinten raus, über die Mauer in den Hof der Kneipe flüchten zu können.

Die Tür ging auf. Angstvolle Sekunden. Doch weder die Glocke schrillte, noch ging sonst ein Alarm los. Erst später, als sie von innen Stück um Stück die Schaufenster ausräumten, sah Paul unter der Styroporabdeckung die Alarmleuchte blinzeln. Der Alarm war also doch angesprungen, aber die Glocke konnte wegen des Gipses nicht schrillen.

Ein direkter Polizeialarm war ausgeschlossen, weil Paul den Laden zwanzig Minuten vor dem Einbruch aus einer nahen Telefonzelle angerufen und den Hörer abgeschnitten hatte. Das Amt war also besetzt. Die ganze Nacht lang. Zudem klopfte Hubsi noch einen Keil von innen unter die Ladentür, falls von vorne Gefahr drohen sollte. Hier kam keiner durch, bis sie weg waren.

Die Beute war richtig klasse, 900.000 Mark Verkaufspreis, zwei halbe Mülltüten voll. Mülltüten deshalb, weil, hätte sie einer angesprochen, warum sie das Zeug durch die Stadt schleppen würden, sie immer hätten sagen können, sie würden ihren Müll wegschaffen. Aber das war dieses Mal gar nicht nötig. Sie trugen die Tüten in ihren, auf einem nahen Parkplatz abgestellten Wagen, fuhren aber auf gar keinen Fall jetzt um sechs Uhr morgens los. Das war viel zu gefährlich. Zu wenig Verkehr, und die Polizei hätte ja auf die Idee kommen können, zwei dunkle Gestalten in einem Auto mit fremdem Kennzeichen einfach mal zu kontrollieren. Nein, das wollten sie auf gar keinen Fall riskieren. Günstig war es, erst ab sieben Uhr loszufahren, wenn die Polizeischicht wechselte, oder ab acht bis neun und sich dann in den Berufsverkehr einzufädeln.

Das Café gegenüber vom Uhrenladen hatte sehr früh geöffnet, und sie setzten sich rein, mit Blick auf den Laden. Tranken einen Kaffee, einen zweiten. Und kurz nach acht sahen sie, teils amüsiert, aber auch gespannt zu, wie die Angestellten kamen und das Fallgitter hochschoben, ihren Schlüssel in die Tür steckten, sie aber nicht öffnen konnten. Sie merkten, dass was nicht stimmte, deuteten auf die Auslage und eine Frau lief zur Telefonzelle. Dann kam auch schon der erste Streifenwagen. Aufgeregt zeigten alle auf die mit Styropor verkleidete Alarmleuchte. Das war für Paul und Hubsi das Zeichen zum Aufbruch. Sie zahlten mit gutem Trinkgeld, liefen langsam und gemütlich zum Parkplatz, setzten sich in ihr Auto und fuhren frohen Herzens heim.

Paul und Hubsi ging es richtig gut. Sie hatten fette Beute gemacht. Aber trotzdem war Paul nicht so leichtsinnig, auch nur eine der Uhren aus dem Raub zu behalten. Irgendwann später kaufte er sich dann ganz legal die Weißgold-Rolex für 9.500 Mark. Das hatte kaum was mit Show zu tun, wie viele glauben, wenn sie sehen, dass Jungs aus dem Milieu behangen sind wie Weihnachtsbäume. Das ist nichts anderes als ein Zeichen von Bonität. Normale Menschen haben Konten und Kontoauszüge, das kann sich aus verständlichen Gründen kein Ganove leisten, er wäre sofort geliefert, wenn die Polizei davon Wind bekäme. Daher tragen die Jungs dicke Goldketten, Brillantringe an Hand und Ohr, die gebündelten Tausender gerollt in der Tasche und fahren Ferrari. Und die Rolex ist wichtig, jedes Pfandhaus legt sofort so viel Geld auf die Theke, dass es für eine schnelle Flucht reicht.

Der Arm mit der Rolex war Paul vom Schoß auf die Seite gerutscht, als er aufschreckte. Der Schlüssel bewegte sich in der Tür. Ein Geräusch, das er tausendfach kannte. Und auch jetzt war seine Reaktion entsprechend. Er erhob sich, weil er wusste, da wollte jemand was von ihm.

Das Ding mit dem Schlüssel war schon sehr seltsam. Manche Knackis behaupten, nachdem sie zehn Jahre im Knast waren, wären sie vor jeder Tür stehen geblieben und hätten darauf gewartet, dass ihnen jemand öffnet. Paul bezweifelte

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