Genießen Sie diesen Titel jetzt und Millionen mehr, in einer kostenlosen Testversion

Nur $9.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

Die Tochter des Buchhändlers: Roman

Die Tochter des Buchhändlers: Roman

Vorschau lesen

Die Tochter des Buchhändlers: Roman

Länge:
121 Seiten
1 Stunde
Herausgeber:
Freigegeben:
Dec 1, 2011
ISBN:
9783711750709
Format:
Buch

Beschreibung

Ein Buchhändler in einer mittelgroßen Stadt ist zu früh gestorben. Ein Buchhändler mit Leib und Seele, leidenschaftlich, aber hoch verschuldet. Seine Tochter Alice steht nun vor der Entscheidung, seinen Laden und damit auch sein Lebenswerk weiterzuführen oder einen Schlussstrich zu ziehen. Sie steht gleichsam vor der Frage, ob Leidenschaft und Vernunft sich in ihrem Leben verbinden lassen werden.
"Wer glaubt, die Wahl zu haben, ist schon bereit, sich selbst zu verleugnen", meint der Schriftsteller Paul, der ebenso wie Alice ein Suchender ist. Beide suchen sie nach Geschichten, nach Seelenverwandten, nach ihrem eigenen Leben. Der Buchhändler ist das imaginäre Band zwischen ihnen, hat er doch Paul einst zu einer Lesung eingeladen - bei der sich Alice in ihn verliebte. Doch zu sehr verlieren die beiden sich in Begegnungen mit anderen, zu viel geht in ihren Köpfen und Seelen vor, als dass sie einander mehr als flüchtig begegnen könnten …

Die Protagonisten in Sylvie Schenks Roman über Menschen auf der Suche nach sich selbst, nach einem Lebenssinn, werden von der Eigendynamik der Geschichte angetrieben, deren Sog die Leserinnen und Leser nicht mehr loslässt. Über allem und allen schwebt die Figur des Buchhändlers, der jedem etwas anderes bedeutet hat, und damit die Liebe zur Literatur, zum Schreiben und zum Lesen.

Ein hinreißender Roman über die wichtigste Suche im Leben - die nach sich selbst -, eine Suche mit offenem Ausgang
Herausgeber:
Freigegeben:
Dec 1, 2011
ISBN:
9783711750709
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Die Tochter des Buchhändlers

Ähnliche Bücher

Ähnliche Artikel

Buchvorschau

Die Tochter des Buchhändlers - Sylvie Schenk

d’angle

Alice geht zur Beerdigung

Als der Buchhändler im Sterben lag, wusste Alice nicht mehr, was sie tun sollte. Der Krankenwagen hatte ihn abgeholt, Roberto war mitgefahren. Sie jagte den Kater Boy weg, der auf ihren Knien schnurrte, und nahm den Straßenbesen. Sie fegte den Bürgersteig frei und beobachtete die Fußgänger, die an dem Laden vorbeieilten, ohne einen Blick in das Schaufenster zu werfen. Die Bevölkerung war auf einmal verjüngt: Nur noch junge Leute liefen im Schnee, mit leisen, sicheren Schritten. Paare mit roten Backen glitten vorbei, eng umschlungen, sodass keine Flocke dazwischenkam. Jeder hinterließ die Abdrücke seiner Schuhe. Ein weißer Schneestrich legte sich auf die Äste der Bäume. Alice erinnerte sich an die Malbücher ihrer Kindheit, als sie schwarze Zeichnungen mit einem Filzstift nachzog. Sie klopfte mit dem Besen gegen die Mauer und schloss die Tür ab.

Sie setzte sich auf seinen Ledersessel, der nach schwarzem Tabak roch, und ließ ihren Po hin- und herrutschen, blieb wieder still, spürte in sich eine Wärme aufsteigen, die von ihrem Gesäß aus in den ganzen Körper strahlte. Sie saß da, wo er immer gesessen hatte, unmittelbar in der Mulde, die sein Hintern hinterlassen hatte, und schaute sich auf dem Bildschirm die ersten Worte an, die sie vor dem Straßenkehren getippt hatte. »Als der Buchhändler starb.« Daraufhin aß sie ein Schokoladenplätzchen und legte dann eine seiner alten Lieblingsplatten auf. Es war das Requiem von Fauré. Sie hörte den Introitus. Requiem aeternam dona eis, Domine. Das Wort »aeternam« kratzte sich wiederholt in ihren Kopf und machte ihr Angst. Die Platte eierte. Sie schloss die Augen: In seiner schwarzen Jacke flatterte der Buchhändler um sie herum, räumte hier und da ein Buch auf, schimpfte vor sich hin, weil sie ein Werk nicht wieder auf seinen Platz gelegt hatte. Es waren die Essais von Montaigne.

Alice drehte die Platte um und legte die Nadel des Plattenspielers direkt auf den fünften Teil des Requiems: Libera me, Domine. Die Nadelspitze berührte mit einem winzigen Knistern die Vinylfläche der Platte, die sich aber weiterdrehte. Als die Stimme des Baritons um Gnade flehte, bekam die junge Frau Gänsehaut. Sie biss sich auf die Lippen und spürte die Tränen hinter ihrer Stirn, die sich aber weigerten, zu fließen, als sie die Stimme des Buchhändlers hörte: Schön, sagte er, dass diese Musik dich endlich interessiert. Sie bekam nicht mehr mit, dass der Engelschor im Paradisum, dessen Reinheit so gut zum weißen Straßenbild passte, wieder in der Disharmonie eines Katzenjammers endete. Sie war mit dieser Gleichung beschäftigt: Leben = Knistern. Das Sterben lässt all die nebensächlichen Geräusche eines Lebens erlöschen, das Kratzen der Schallplatten, das Klopfen der Tastatur, das Zerknittern der Papiertüte, um einzig und allein einen himmlischen Chor erklingen zu lassen, den Bariton des Sterbenden und den Sopran der Engel. Und deshalb wollte der Buchhändler keine reine, perfekte Musik hören. Er wollte das beruhigende Knistern hören. Wer die Perfektion zulässt, ist tot, sagte er. Und wenn man ihn fragte, warum er keinen CD-Spieler kaufen wollte, antwortete er nur, dass die Qualität seiner dreißigjährigen Platten »menschlicher« sei, was das auch immer heißen mochte. Mensch = Fehler.

Sie sammelte mit der Kuppe ihres Zeigefingers die Krümelchen auf dem Schreibtisch, leckte sich noch die Schokoladenspur auf den Fingern ab und schlug das Gästebuch auf. Sie las Paul Worms Zeilen, Worte eines befreundeten, heute erfolgreichen Schriftstellers, der bei dem Buchhändler als junge Hoffnung vor sieben oder acht Jahren seine erste Lesung gehalten hatte. Er schrieb: »Manchmal entwickelt sich ein ganzes Buch aus dem ersten Satz, vielleicht aus einer ersten Lesung eine lange Laufbahn. Danke für die Einladung.«

Sie selbst war damals noch eine einfache Azubi, durfte aber nach der Lesung in die Kneipe mitgehen und hatte sich sofort in die grünen Augen von Paul verliebt, in seine langsamen Bewegungen, seine etwas schleppende Stimme, den Stoppelbart, seine Art, die Speisekarte aufmerksam zu studieren, um schließlich »ein Spießchen mit Fritten« zu bestellen. Er reagierte nicht auf ihre sehnsüchtigen Blicke, und sie fragte sich, ob er so schwul wie der Buchhändler war. Er offenbarte sich als sanftes, schweigsames Wesen, zeigte sich von einer ganz anderen Seite als in seinen Büchern, die vor Lebenslust übersprudelten, draufgängerische Bücher, die sich um die nüchterne Mode wenig scherten, Seiten voller kurvenreicher Sätze, saftiger Adjektive und überraschender Findigkeit, kein trockenes Zeug. Paul Worms tobte sich mit einem religiösen Eifer in atemlosen Geschichten aus, persönlich aber blieb er ein zurückhaltender Mann, der sich sparsam und vorsichtig ausdrückte, sich auf ein ausgedehntes Ja stützte, bevor er einen ganzen Satz sprach, immer wieder zögerte, als müsste er jedes seiner belanglosen Wörter sorgfältig aussortieren. Er hörte höflich den linkischen Worten der Bewunderung zu, die eine ältere Zuhörerin ihm zwischen zwei Bissen zukommen ließ, schien sich sogar für die katastrophale und kulturlose Art der Stadt zu interessieren, die ihm der immer wütende Buchhändler ausführlich darlegte. Vielleicht war es der Kontrast zwischen Person und Roman, der Alice reizte, mehr als die meeresgrünen Augen und der Stoppelbart, ein Kontrast, dessen Erforschung für eine Geliebte eine Lebensaufgabe darstellen konnte. Damals suchte sie eine Lebensaufgabe, die abstrakt genug war, um sie nicht zu erdrücken. Jetzt kannte sie Paul besser. Er hatte ihr beigebracht, dass die wichtigsten Organe der Schriftsteller unsichtbar sind, Millionen verkappter Zellen, hypersensible Poren in den Ohren, in der Nase, im Herzen und in den Geschlechtsteilen, Paul hörte zu, sog wie ein Schwamm Gespräche, Impressionen, Schwingungen auf, ließ das ganze Material in sich hineinfließen, eine Schlacke, aus der er, mit genügend Puste, ein Pfund Gold herausholen würde.

Damals bei dieser ersten Lesung betrachtete Alice ihn mit halb geöffneten Lippen und glänzenden Augen, Paul Worms lächelte ihr nur auf Großvaterart zu. Seine sanfte Gleichgültigkeit erschien ihr als eine Schwuleneigenschaft. Heteros sprachen, bildete sie sich ein, schneller, energischer, rücksichtsloser.

Paul war nicht schwul, wie sie am nächsten Tag vom Buchhändler erfuhr, der diese Tatsache sehr bedauerte. Er war nur in festen weiblichen Händen und wäre nie auf die Idee gekommen, einen Seitensprung zu wagen, dafür fehlten ihm Interesse und Zeit. Im Vordergrund seines Lebens stand das Schreiben. Krisenfeste Liebe, geordnete Beziehungen gaben ihm den Halt, den er brauchte, um sein Werk vollenden zu können. Alice hatte immer gedacht, Schreiben und Lieben wären miteinander verwandt. Es sei nicht ganz falsch, belehrte sie Paul, als sie einander besser kannten und er nach einigen Drinks seine politisch korrekte Art ablegte, Menschen aber, die von dramatischen Liebschaften verzehrt würden, verlören ihre Schreibenergie. Lieben und Schreiben nährten sich zwar aus denselben sprudelnden, warmen Quellen, die sich aber entweder in die Kunst oder in ein Bett ergießen müssten, wählen müsse man immer. Ein Schriftsteller sei ein exaltierter Mönch, sagte er. Kein leidenschaftlicher Liebhaber. Auch kein guter Familienvater. So erklärte er auch, dass es weniger große Schriftstellerinnen gebe, die talentiertesten Frauen verschreiben sich dem anderen, sagte er, deshalb stellen sich meistens nur frustrierte Träumerinnen, mittelmäßige Narzissenblümchen oder fleißige Alphabetstrickerinnen in den Dienst der Literatur. Tempora mutantur, fügte er freundlich hinzu, er kenne Frauen, die einen wilden, vielversprechenden Egoismus kultivierten und mit neuen Werken ihren Schatten vorauswarfen.

Nach der ersten Lesung hielten Paul und Alice Briefkontakt. Sie sandte ihm begeisterte, selbst verfasste Rezensionen seiner Romane. Auch sie hätte gern geschrieben, sie erlebte aber spannende Abenteuer mit Männern, die mit Belletristik nichts am Hut hatten und mit Liebessubstanz nicht geizten. Die Arbeit in der Buchhandlung ließ ihr sowieso wenig Zeit. Da der Buchhändler stundenlang mit den Kunden über die literarische Lage des Landes sprach, musste sie das meiste erledigen. Sie konnte sich aber nicht vorstellen, ihr Leben lang im Halbschatten des Geschäfts mit Requiems von Mozart und Fauré zu verbringen. Bücher lesen, bestellen, empfehlen, auf Regalen alphabetisch ordnen? Das alles war schön, aber auch sie wollte etwas schöpfen. Der Buchhändler war ein selbstloser Diener, der sich vor dem geschriebenen Wort täglich verbeugte, eine solche Ehrerbietung, eine solche Selbstaufopferung lag Alice nicht. Sie liebte Belletristik, war aber definitiv keine Missionarin wie er. Als sie Paul schamhaft gestand, auch sie würde gern schreiben, wisse aber noch nicht worüber, gab ihr Paul diesen Ratschlag: Schreibe los, frag dich nicht, wie es weitergeht, schreibe einfach den ersten Satz auf, ohne Selbstzensur. Dieser Satz wird dir der Wegweiser werden, er gibt die Richtung an. Schreibe so oft du kannst, ob über die Fliege, die sich auf ein Buch legt, oder über den Liebhaber, den du heute Nacht empfängst (sie wurde rot), über deine Mutter, über deinen Vater oder den Schatten des Olivenbaums vor dem Laden. Welcher Olivenbaum?, lachte sie. Und er: Eben, Alice! Ach ja, und sei zielstrebig und hart. Paul war lieb, sie zu ermuntern, er selbst aber war so reich an Geschichten und Einfällen wie die Truhe

Sie haben das Ende dieser Vorschau erreicht. Registrieren Sie sich, um mehr zu lesen!
Seite 1 von 1

Rezensionen

Was die anderen über Die Tochter des Buchhändlers denken

0
0 Bewertungen / 0 Rezensionen
Wie hat es Ihnen gefallen?
Bewertung: 0 von 5 Sternen

Leser-Rezensionen