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Schulleben in der Nachkriegszeit: Eine Tuttlinger Gymnasialklasse zwischen 1945 und 1954

Schulleben in der Nachkriegszeit: Eine Tuttlinger Gymnasialklasse zwischen 1945 und 1954

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Schulleben in der Nachkriegszeit: Eine Tuttlinger Gymnasialklasse zwischen 1945 und 1954

Länge:
1,052 Seiten
8 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 31, 2013
ISBN:
9783170236301
Format:
Buch

Beschreibung

Die Geschichte der höheren Schulen Südwestdeutschlands in der Nachkriegszeit ist ein Stück deutscher Geschichte des Wiederaufbaus. Tuttlingen war überall: Die dortigen Erfahrungen stehen beispielhaft für das Leben einer ganzen Generation der bundesrepublikanischen Schulgeschichte. Das vorliegende Buch verbindet persönliche Erinnerungen mit solider historischer Quellenforschung; und diese Symbiose macht es authentisch und spannend. Der Autor verfällt nicht dem Schema "Weißt-Du-noch", sondern rekonstruiert seriös die Schulerfahrung einer ganzen Generation, die sich in diesem Buch wiederfinden wird.
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 31, 2013
ISBN:
9783170236301
Format:
Buch

Über den Autor


Buchvorschau

Schulleben in der Nachkriegszeit - Volker Schäfer

Teufel

Geleitwort des Oberbürgermeisters

Schon als mir Dr. Schäfer zum ersten Mal von seinem Vorhaben berichtete, war ich von der Idee begeistert. Die einstige Tuttlinger Oberschule sollte Gegenstand einer ungewöhnlichen Veröffentlichung werden: einem Erinnerungsbuch, das die ganz persönlichen Erlebnisse vieler damals junger Tuttlinger bündelt – und das gleichzeitig die Kriterien einer professionellen historischen Arbeit erfüllt.

Während der folgenden Jahre hielt mich Volker Schäfer immer wieder über den Stand seiner Arbeit auf dem Laufenden. Und je weiter das Werk gedieh, desto deutlicher wurde, dass es den hochgesteckten Ansprüchen gerecht werden wird. Denn hier haben wir keine erweiterte Abi-Zeitung vor uns liegen, in der Anekdötchen, Stilblüten und ein paar nette Schnappschüsse aneinandergereiht sind: Statt dessen gewährt uns das Buch fundierte Einblicke in die Bildungs- und Sozialgeschichte einer süddeutschen Kleinstadt in der unmittelbaren Nachkriegszeit und den ersten Jahren der Bundesrepublik.

Das nun vorliegende Werk verdeutlicht auf spannende Weise, wie sich die großen Ereignisse jener Zeit vor Ort bemerkbar machten. Die Entnazifizierung, die Integration von Flüchtlingen oder die Hilfen aus den USA wie Hoover-Speisung oder Care-Pakete seien als Beispiele genannt. Die Verbindung mit den ganz persönlichen Erinnerungen der Tuttlinger Abiturienten macht die Geschichte auf eindrucksvolle Weise erlebbar und nachvollziehbar. „Schulleben in der Nachkriegszeit mit dem schönen Arbeitstitel „Pennäler im Kaleidoskop ist auch eine reiche Sammlung an Zeitzeugenberichten. Genau das macht das Buch so wert- und die Arbeit seiner Autoren so verdienstvoll. Denn anders als die geschriebenen und gedruckten Quellen in den Archiven und Bibliotheken können die Erinnerungen der Zeitzeugen bald nicht mehr abgerufen werden. Was heute nicht dokumentiert wird, ist irgendwann unwiederbringlich verloren.

Die Jahre nach den Zweiten Weltkrieg waren Jahre voller Ungewissheit, voller Umbrüche und voller unvorhersehbarer Entwicklungen. Es waren aber auch die Jahre, in denen die Grundlagen für unsere heutige demokratische Gesellschaft geschaffen wurden. Umso wichtiger ist es, dies den Generationen zu vermitteln, die vom ersten Tag an in Frieden und Freiheit aufgewachsen sind.

Mein Dank gilt daher allen, die durch ihre Arbeit, ihre Ideen und Beiträge aber auch durch ihre finanzielle Unterstützung dieses Buch möglich gemacht haben. Ich wünsche dem Werk viel Erfolg bei der Leserschaft.

Geleitwort des Schulpräsidenten

Der Autor Volker Schäfer kann mit Fug und Recht stolz sein auf sein Werk „Schulleben in der Nachkriegszeit", in dem er und zahlreiche Zeitzeugen, vorwiegend Schülerinnen und Schüler, als erster Abiturjahrgang nach dem Krieg in Tuttlingen auf ihre Schulzeit zurück blicken.

Die Geschichte dieser Abiturklasse ist aber bei Weitem keine rein Tuttlinger Geschichte, sie könnte in jeder Stadt in Baden-Württemberg mit dem Angebot gymnasialer Bildung gespielt haben.

Volker Schäfer konnte hierbei aus einem reichen Fundus der Tuttlinger Gymnasien schöpfen; darüber hinaus wird seine Arbeit überaus umfangreich mit Texten und Archivmaterialien aus Deutschland, Frankreich, Österreich und der Schweiz angereichert. Die große berufliche Erfahrung als Archivleiter der Universität Tübingen ist nicht zu übersehen und gibt dem gesamten Werk eine besondere Qualität.

Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis des Buches deutet bereits die große Bandbreite an, mit der über das schulische Leben dieser Abiturklasse berichtet wird. Mehr als 500 Seiten präsentieren dem Leser ein Gesamtbild über die Anfänge gymnasialer Bildung aus der Zeit der französischen Besatzungszone, das weit über ein „Lustspielniveau" herkömmlicher Schulgeschichten hinausgeht. Er erfährt alles über das Schülerleben nach dem Ende des Krieges: über (guten) Unterricht, die Bedeutung des Sports und der musischen Fächer für das Zusammenleben der Schüler an der Schule, über Rahmenbedingungen des Schullebens wie Schulspeisung bis hin zu den Romanzen und vieles andere.

Jede Schülerin, jeder Schüler auf dem Weg zum Abitur wird sich in diesem mit größter Sorgfalt bearbeiteten Buch entdecken können und an seine eigene Schulzeit erinnert fühlen. Dem Autor und den beteiligten Koautoren gelingt es überzeugend, das Lebensgefühl einer ganzen Generation zum Ausdruck zu bringen, die Zeit und das „Wie" gymnasialer Bildung der Jahre von 1945 bis 1954 zu schildern.

Besonders beeindruckend sind die Beispiele, die zeigen, wie schon damals Integration ein fester Bestandteil schulischen Lebens war: Man war für den anderen da, ohne auf Nationalität, Religionszugehörigkeit und andere Kriterien zu achten. Die seriös aus Archivgut recherchierte Geschichte wird durch persönliche Einschübe, die dem Gesamtwerk viel Farbe verleihen, noch zusätzlich untermalt.

Ich freue mich, dass es dem Autor gelungen ist, am Beispiel des ehemaligen Tuttlinger Gymnasiums ein vielfarbiges, lebendiges Bild der Schullandschaft in der französischen Besatzungszone unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg zu zeichnen. Möge es viele interessierte und aufgeschlossene Leser finden.

Meine Jugend war ein Gartenland,

Silberbrunnen sprangen in den Matten,

Alter Bäume märchenblaue Schatten

Kühlten meiner frechen Träume Brand.

Dürstend geh ich nun auf heißen Wegen

Und verschlossen liegt mein Jugendland,

Rosen nicken überm Mauerrand

Spöttisch meiner Wanderschaft entgegen.

Und indes mir fern und ferner singt

Meines kühlen Gartens Wipfelrauschen,

Muß ich inniger und tiefer lauschen

Wie es schöner noch als damals klingt.

Hermann Hesse

Eintrag der Abiturientin Gerda Riekert vom Februar 1943 in das Poesiealbum von Brigitte Hilzinger (1924–2005), ihrer Feuerbacher Klassenkameradin und meiner Großtante

Prolog

oder Goethes Faust läßt abermals grüßen

Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten,

Die ihr zum Gold’nen Abi euch gezeigt.

Es nahte damals aus den Schulanstalten

Die Lehrerschaft, vor der wir uns verneigt.

Auch heute trachte ich, euch festzuhalten,

Jetzt, wo die Klassenchronik endlich schweigt.

Mein Busen war bekanntlich tief erschüttert,

Vom Zauberhauch der Klasse IX umwittert.

Neun Jahre sind seither im Flug vergangen,

Die Verse sind vergessen und verraucht.

Drum sei’s erlaubt, euch nochmals einzufangen,

Die ihr uns in der Schule oft geschlaucht.

Von euch hat aber mancher auch empfangen,

Was man im sogenannten Leben dann gebraucht.

Von Pauker-Paukereien war die Rede;

Begraben hatten wir da längst die Fehde.

Ihr brachtet mit euch Bilder froher Tage,

Und mancher liebe Schatten stieg herauf;

Gleich einer alten halbverklungnen Sage

Kam die Erinnerung an Dschonne auf,

An Emmo, Knerpel, Miss; an Kulkes Klage

Um fehlend’ Schächtelchen, die einst zuhauf.

Bloß Kü’s und Loschs und Leutes Mathestunden,

Sie waren wie so vieles weggeschwunden.

Gepriesen seid mir auch, ihr Nebenfächer,

Ihr brachtet Farbe in den grauen Flor.

So Paule Engesser, ein Wellenbrecher,

Im Sport, da machte niemand ihm was vor.

Auf Otto Schweikart heb’ ich auch den Becher,

Den Leiter vom Orchester und vom Chor.

Bei ihnen gab es keine Dreistigkeiten

Und demzufolge keine Strafarbeiten.

Tuttlingens Penne in der Weimarstraße

Neun prä- und pubertäre Jahre rief: Marsch, marsch!

Dort perlte manche Pädagogenphrase

Aus Schienemann, aus Mayer, Hahn und Harsch.

Die Schülerschar, die pflichtvergeßne Blase,

Dacht’ achselzuckend nur: Le——-bt wohl, lebt wohl.

Ach, hätt’ ich bloß die Lehrer ernst genommen,

Wär’ ich im Studium nicht so rumgeschwommen.

Sie hört sie nicht, die dankbaren Gesänge,

Die Schule, der nicht unser Lernen galt;

Zerstoben ist das kindliche Gedränge

In Wurzelhubers Zeichenkunstanstalt,

Um Albers Isidor, bei dem die Menge

In althochdeutscher Metrik Verse lallt,

Um Gaß und Übele, die es verstanden,

Nach Stärken ihrer Schülerschaft zu fahnden.

Drum war mit Sicherheit verfehlt ein Gähnen

Ob jenem stillen, ernsten Geisterreich,

Wo Wiedenhöfer, rühmend zu erwähnen,

Bestach als Non-plus-ultra im Vergleich.

Die Sehnsucht faßte mich, es folgten Tränen,

Das strenge Herz, es fühlt’ sich mild und weich;

Die Klassenkameradschaft alter Zeiten

Vertrieb der Gegenwart Mißhelligkeiten.

So klang’s zu Wurmlingen in trauter „Trauben".

Inzwischen hat’s bei manchem sich gezeigt:

Es quietschen heftig die Gesundheitsschrauben,

Das flotte Leben ist fürwahr vergeigt.

Die Häupter sind geziert von Nachtschlafhauben

Und höflich von dem Leib der Sänger schweigt.

Nicht nur der Busen fühlt sich tief erschüttert,

Nein, Mark und Bein und Hirn sind auch verwittert.

Der Hall der Sauseschritte ist verklungen,

Von Schusters Rappen wird nur noch geträumt;

Man schlurft umher, so wie die Alten sungen,

Sogar die Klassenchronik wird versäumt.

Man sieht zu Ruhepausen sich gezwungen,

Derweil statt Blut bloß noch der Bierschaum schäumt.

Verblüfft und konsterniert schaut man im Spiegel

Die eig’ne Schwankgestalt mit Gütesiegel.

Indes, zum Resignieren ist’s zu frühe,

Solang’ noch, wie im Lied, das Lämpchen glüht.

Denn wie im Aar hoch in der Schweizer Flühe

Die Lebenslust und Wonne sprüht,

So auch im Autor nach viel Last und Mühe

Die Freude über das Vollbrachte blüht.

Er wünscht dem Leser nunmehr viel Vergnügen

Und harrt der sicherlich zahlreichen Rügen.

Das erste Mal grüßte Faust bei der 50-jährigen Abitursfeier am 18.6.2004. (Des Sauerampfers zweite Fortsetzung. Nachlese zum Goldenen Abitur Tuttlingen 1954–2004. Tübingen 2004, S. 4.)

Vorwort

Ohne einen Leitfaden oder eine Gebrauchsanweisung kommt dieses Buch nicht aus. Er stammt freilich nur aus der Schülerperspektive. Geblieben ist aus der Nachkriegszeit nicht viel, etwa die Unterrichtsstunde mit ihren nach wie vor 45 Minuten. Gewandelt hat sich dagegen vieles, vom Klassenteiler angefangen über die Auslastung des Stundenplans bis hin zur Terminologie. So sind die ehedem das altsprachliche Gymnasium charakterisierenden Klassentitulaturen Sexta bis Oberprima mit ihren Pennälern verschwunden. Sie waren es schon weitgehend, bevor 1953 Baden-Württemberg allen Oberschul-Vollanstalten nach südbadischem Muster die Bezeichnung „Gymnasium" verlieh.

Von der Fülle der Veränderungen, welche die letzten sechs Dezennien im föderalistischen Reich der Pädagogik mit sich brachten, steht für mich an erster Stelle das Durchzählen der Klassenstufen. Begann meine Generation nach dem Wechsel von der Volksan die Mittel- bzw. Oberschule wieder von vorne mit der Klasse I, so lautet die Bezeichnung dafür jetzt Klasse 5. Die früheren Klassen I bis IX in römischen Zahlen entsprechen demnach heute den Klassen 5 bis 13 in arabischen Ziffern. Wenn die moderne Schultypologie die Kürzel „G9 und „G8 verwendet, meint sie damit nur die Anzahl der Jahre, nach denen das Abitur abgelegt werden kann; der Zählmodus 5–13 bzw. 5–12 bleibt indessen bestehen.

Neu ist auch die Auflösung des Klassenverbands in der Oberstufe. Ersetzt wurde er durch das Kurssystem mit Wahlfächern, welche der individuellen Veranlagung der Schüler weit entgegenkommen. In diesem Zusammenhang sei betont, daß Zeugnisnoten im vorliegenden Band tabu sind. Auch meidet er die vom Pisa-Schock teils entfachten, teils verstärkten Diskussionen, deren Trommelfeuer in den letzten Monaten Betroffene wie Noch-nicht- oder Nicht-mehr-Betroffene überzieht. Gerade vor dem Hintergrund der „RechtSchreip-Katerstrofe" (DER SPIEGEL 25/2013) ist ein Hinweis auf die Orthographie nötig: Das Buch mit seiner Kernphase 1945–1954 verwendet generell die alte, doch war bei Texten Dritter die vorgegebene Fassung zu respektieren. Ohnehin entspricht dies einer Dokumentation auf der Basis authentischer Quellen.

Von besonderem Wert für die Tuttlinger Bildungsgeschichte der Nachkriegszeit sind die Berichte, die Johannes Weckenmann wie alle Schulleiter im Regierungsbezirk am Ende eines Schuljahrs der vorgesetzten Behörde in Tübingen erstatten mußte. Im Buch häufig zitiert oder paraphrasiert, wird auf die relevanten Stellen ihrer Edition im Kapitel 11 in der Regel nicht eigens verwiesen.

Ohne die Binsenweisheit zu strapazieren, daß vieles heute Selbstverständliche seinerzeit die Schule nicht kannte, dürfen bei der Lektüre Errungenschaften wie die Fünftagewoche und der Wegfall des Schulgelds an den staatlichen Anstalten nicht vergessen werden. Zu diesen Fortschritten gehört nicht zuletzt das seit 1973 in der Bundesrepublik geltende gesetzliche Verbot der Körperstrafen im Erziehungswesen.

Es versteht sich von selbst, daß die Qualität der Illustrationen bei manchen Aufnahmen aus der Nachkriegszeit nicht modernen Anforderungen gerecht werden kann.

Erstes Kapitel

Präludien

Abb. 1/1: Tuttlingens Panorama von 1902 mit dem das Stadtbild beherrschenden Oberschulgebäude

1.1 Lebensraum Schule?

Von Hans-Joachim Heese

Wer vor 40 oder 50 Jahren vom Lebensraum Schule gesprochen hätte, den hätte man sicherlich belächelt. Schule damals – das war ein Ort des Lernens, ein Ort, der einem die Pflichterfüllung nahe brachte, natürlich auch Ort, der einen die Regeln des damaligen Sozialgefüges lehrte – man hatte zu spuren – und entsprechend auch der Ort, an dem einem, wenn notwendig, Grenzen aufgewiesen wurden. Und nicht selten war Schule auch eine Art verlängerter Arm der Eltern, denn in deren Augen hatten Lehrkräfte allemal Recht. Das erzieherische Wirken wurde von den Eltern selbst dann akzeptiert, wenn Grenzen im pädagogischen Handeln überschritten wurden, was einen als Kind auch zutiefst verletzen konnte, weil einem in der Regel keine Chance gegen die geheime Allianz der Erwachsenen blieb, auch wenn noch so großes Unrecht geschah. Aber man schluckte das herunter, weil klar war, dass die Schule nicht allein das Leben war. Man lernte zwar für das Leben, aber das Leben spielte sich doch auch noch an anderen Orten ab.

Nach Unterrichtsende gab es den Nachhauseweg, den man nicht nur in der Grundschulzeit genoss, eine Zeit, die man genoss, weil sie allerlei Geheimnisvolles mit sich brachte: Kleinigkeiten am Wegesrand konnten das sein, die einen erstaunten und die einen die Zeit vergessen ließen, allen Ermahnungen der Erwachsenen zum Trotz, nicht zu trödeln. Und nach den Hausaufgaben war, einmal abgesehen von den wenigen Verpflichtungen wie Instrumentalunterricht, Freizeit angesagt. Freie Zeit zum Spielen mit den Schulkameraden, Zeit zum Erkunden der Umgebung.

Wir alle haben Erinnerungen an die Räume, in denen sich das Leben abspielte, aber eben außerhalb der Schule. Schule war nicht Lebensraum, aber – und das muss natürlich auch festgehalten werden – Schule brachte einem Lebensräume nahe, Schule war Erfahrungsraum: Lerngänge im Frühjahr, bei denen auf der Wiese die unterschiedlichen Blumen gelernt wurden, später dann Studien- und Theaterfahrten, Exkursionen usw.; Schule als der Ort, der einem den Lebensraum wohl dosiert erschloss. Aber Schule selber als Lebensraum – davon konnte nicht die Rede sein, weil in der Regel auch dem Elternhaus ein anderer Stellenwert zukam.

Warum aber heute die Rede von der Schule als Lebensraum? Einige Hintergründe seien genannt:

Noch nie in der Geschichte sind so viele Kinder und Jugendliche so lange zur Schule gegangen wie heute in der modernen Gesellschaft. Jugendzeit ist über weite Strecken Schulzeit geworden. Schule nimmt in kontinuierlich gestiegenem Maße Lebenszeit von Kindern und Jugendlichen in Anspruch.

Weiter: Die Komplexität heutigen Lernens verlangt nach anderen Organisationsformen, d. h. weil schulische Bildung nicht mehr nur Wissensvermittlung ist, sondern auch die Vermittlung von Kompetenzen beinhaltet, muss Unterricht heute anders organisiert werden. Beschleunigt wurde und wird diese Entwicklung durch die Ergebnisse der PISA-Studien.

Gesehen werden muss zudem, dass bei weiterführenden Schulen die Verkürzung der Schulzeit bei gleichzeitiger Beibehaltung der Gesamtstundenzahl, die nach Beschluss der Kultusministerkonferenz absolviert werden müssen, dazu führt, dass Schülerinnen und Schüler mehr Stunden in der Woche in der Schule verbringen als vor 20 bis 30 Jahren. Stundenpläne mit 35 und mehr Wochenstunden sind keine Seltenheit. Stundenplantechnisch bedeutet dies, dass immer häufiger Nachmittagsunterricht stattfinden muss und Schülerinnen und Schüler an bis zu vier Nachmittagen Unterricht haben. Verschärfend wirkt hier natürlich, dass der Samstag als Unterrichtstag faktisch abgeschafft ist.

Um einen letzten Punkt zu benennen: Eine Folge der PISA-Ergebnisse war, dass die Idee der Ganztagesschule vorangetrieben wurde und heute an immer mehr Standorten in unterschiedlichen Formen umgesetzt wird.

Fazit: Unsere Kinder und Jugendlichen verbringen nicht nur immer mehr Lebenszeit an der Schule, sondern auch immer mehr der ihnen zur Verfügung stehenden Wochenzeit. Schule wird also zum Lebensraum, zu einem Raum, in dem Kinder und Jugendliche einen Großteil ihrer Zeit leben und vielleicht auch verleben.

Aus dem Vortrag des Tübinger evangelischen Schuldekans „Lebensraum Schule als pädagogische Herausforderung" vor dem Rotary-Club Reutlingen-Tübingen-Süd am 29.11.2007.

1.2 Tuttlingen nach der „Stunde Null"

Von keiner anderen Seite liegen über die ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg umfassendere und systematischere Nachrichten über unsere Gegend vor als von der Besatzungsmacht. Insbesondere sind die Rechenschaftsberichte, les rapports, welche sich der in Baden-Baden residierende Oberbefehlshaber der französischen Streitkräfte in Deutschland regelmäßig erstatten ließ, eine zentrale Quelle für alle Lokalstudien.

Abb. 1/2: Jean Lucien Estrade

Erfreulicherweise hat für Tuttlingen dessen Gouverneur Jean Lucien Estrade diese Rapporte zeitnah für seinen Abschlußbericht von 1950 ausgewertet, der sogar in deutscher Übertragung zugänglich ist¹. Völlig ersetzen kann sein Buch die Akten der Militärregierung freilich nicht, doch ließen sie sich nicht einsehen, weil das Archiv des Auswärtigen Amtes in La Courneuve bei Paris, wohin die Baden-Badener Papiere des Bureau des Archives de l’Occupation française en Allemagne et en Autriche aus Colmar verlegt worden sind, auf keine Anfrage reagierte, selbst nicht auf Schreiben von französischer Seite².

Der verhängnisvolle Luftangriff beim Einmarsch

Abb. 1/3: Zeughausstr. 106 nach dem Bombenangriff vom 4.3.1945

Die Besetzung Tuttlingens am 21. April 1945 durch französische Truppen beendete für die südwürttembergische Industriestadt mit ihren rund 19 000 Bewohnern³ den Zweiten Weltkrieg, der sie vor Kampfhandlungen am Boden verschonte und ihr hauptsächlich Beschädigungen der Bausubstanz durch Bomben zufügte. Der gravierendste Luftangritt, bei dem es erstmals auch Todesopfer zu beklagen gab, hatte sich erst sieben Wochen zuvor ereignet, am 4. März⁴. Eingenommen wurde Tuttlingen durch das Kampfkommando Nr. 2 der ersten Panzerdivison. Daran beteiligt waren das 5. afrikanische Jägerregiment, das 1. Zuaven-Regiment sowie das 68. afrikanische Artillerieregiment⁵. Zahlreiche Tote gab es noch am Tag des Einmarschs selbst, als alliierte Tiefflieger in Verkennung der Lage die eigenen Panzer angriffen. Dazu berichtete elf Jahre später, nicht ganz korrekt, eine vierköpfige „Kommission zur Feststellung der Begebenheiten am Tage der Besetzung durch die Franzosen am 21. April 1945":

Um 18⁰⁰ Uhr, nachdem sich die Besetzung der Stadt fast reibungslos vollzogen hatte, erfolgte – selbst für die Besatzungstruppen überraschend – ein Fliegerangriff, der verheerende Wirkung hatte. Dem Bordfeuer der Jagdbomber fielen in der Zeughausstrasse 50 Menschen zum Opfer.

Aus der Gegenperspektive ist über diesen Vorfall, den die Findmittel des Militärarchivs zu Vincennes nicht kennen⁷, bisher nur die beiläufige Notiz eines französischen Regimentsschreibers bekannt:

„à 17 h 41, 4 avions américains bombardent et mitraillent les lisières ouest de TUTTLINGEN que nous occupons depuis 16 h 00."

Identität und Zahl der Toten schwanken in der Literatur. 27 Namen erscheinen unter dem 21. April 1945 im „Amtsblatt für den Kreis Tuttlingen"⁹, weitere 15 sind unter den insgesamt 59 durch Fliegerangriffe getöteten Zivilpersonen subsumiert, welche die ergreifende Dokumentation „Miseris procul patria defunctis nennt¹⁰. Die frühesten Meldungen über diese Kriegsopfer vom 21. April liefen beim Tuttlinger Standesamt erst am 25. April von der Ortspolizeibehörde ein. „Gefallen durch feindlichen Fliegerangriff hieß der stereotype Eintrag des Urkundsbeamten in das „Sterbebuch für das Jahr 1945¹¹ über die Todesursache. Sie änderte sich tags darauf in „Verwundung durch feindlichen Fliegerangriff. Entsprechende Meldungen kamen nach und nach von der Kreiskrankenhausverwaltung, den Reservelazaretten und der Krankensammelstelle Moltkestraße¹². Die letzte Anzeige betraf eine Frau, die ihren Verletzungen am 8. Juni, also nach sieben Wochen, erlegen war. Insgesamt kamen zwölf Schüler und Schülerinnen im Alter zwischen sechs und siebzehn Jahren ums Leben. An französischen Militärs erfaßt das Sterbebuch lediglich zwei Personen.

Diese Vorfälle werden in einem ehrwürdigen Folianten aus der Nähe beleuchtet. Eigenhändig vom damaligen katholischen Stadtpfarrer Franz Lutz niedergeschrieben, heißt es darin wörtlich:

Ganz ohne Verluste war es, wie schon oben erwähnt, bei der Besetzung leider nicht abgegangen. Durch unglückliche Umstände – wohl schlechte Nachrichtenübermittlung – veranlaßt, hatten die feindlichen Flugzeuge, als die Stadt schon besetzt war, u. die Panzer mitten drin standen, einige Bomben abgeworfen. Schon waren viele Leute als Zuschauer auf den Straßen.

Abb. 1/4: Der Eintrag über den Oberschüler Heinz Schneider in das Sterbebuch

Die Wirkung war schrecklich. Durch die äusserst starke Splitterwirkung der ganz leichten Bomben wurden viele Umstehende zu Tode getroffen. Es war in der Zeughausstr. beim Falken. Als ich am andern Morgen daran vorüberging, sah ich noch große Blutspuren u. in der Rinne ein halbes menschliches Hirn! Es gab dort – einige später an der Verwundung Gestorbene miteingerechnet – rund 50 Tote. Darunter waren freilich auch Ausländer, u. sogar einige Franzosen. Ich habe mir sagen lassen, daß die französ. Soldaten rasch in die Panzer sprangen u. dabei noch einige Kinder mithinein retteten. Immerhin ein schöner Zug. In der Gemeinde hatten wir 14 Tote. Darunter ein Jungmädel u. ein Junge. Und auch ein Mitglied unserer Pfarrjugend (Hedwig Singer), ein braves 21-jähriges Mädchen. Sie ward durch einen kleinen Splitter in den Hals getroffen u. sank ihrem Bräutigam (einem Holländer) tot in die Arme. Die Trauer in der Gemeinde war groß. ¹³

So die gräßlichen Spuren des Bombardements im Wahrnehmungsbild eines Erwachsenen. Wie anders dagegen das unmittelbare Empfinden eines kleinen Jungen am Vorabend bei der Begegnung mit dem Tod:

Als die Franzosen am 21. April 1945 in Tuttlingen einmarschiert waren und ihre Einheiten in unaufhörlicher Kolonne über die Große Bruck, am Runden Eck vorbei, über den Marktplatz, dann die Obere Hauptstraße hinauf zur Stockacherstraße und weiter nach Süden fuhren, hielt es mich irgendwann am späten Nachmittag nicht mehr zu Hause und ich begab mich via Schützenstraße in die Stadt. An der Ecke Zeughaus- und Obere Hauptstraße blieb ich stehen und besah mir die vorüberfahrenden Militärfahrzeuge. (Ich habe mich später immer wieder gefragt, wie es wohl kam, dass meine Eltern mich, den noch nicht ganz Dreizehnjährigen, in dieser Situation so ganz alleine losgehen ließen – es war aber so, und ich erinnere mich ganz genau, dass ich keinerlei Furcht verspürte.)

Nach einiger Zeit bogen aus der Zeughausstraße ein paar größere Handkarren in die Obere Hauptstraße ein, auf deren Plattformen tote Menschen lagen, wächsern, gelblich, seltsam knochig erscheinend. Es waren Opfer jenes Tieffliegerangriffs, bei dem französische Maschinen irrtümlicherweise in eine Menschenansammlung in der äußeren Zeughausstraße hineingeschossen hatten. Dort war nämlich eine Panzersperre geschlossen worden, und da die Kampfhandlungen zu Ende schienen, hatten sich viele Menschen um die Fahrzeuge gedrängt, die nicht weiterkamen. Jetzt wurden die Toten mit Handkarren zum Krematorium geschafft. Der Anblick hat sich mir eingeprägt, aber ich weiß, dass ich eigentümlich distanziert blieb, obwohl es ein grausiger Anblick war. Dieser Tod ging mich nichts an. ¹⁴

Von den beklemmenden und mangels Information über den Standort der deutschen Streitkräfte immer lebensbedrohlichen Umständen in der Region berichtet ein französischer Kriegskorrespondent, der auf der Suche nach der viel zu schnell vorgerückten 1. Panzerdivision am 22. April Tuttlingen von Horb über Rottweil erreichte:

„À Tuttlingen, nous avons découvert le Danube. Pas encore bien gros, moins large que la Seine à Paris, encore l’allure d’un torrent de montagne, avec de grands bancs de sable et de cailloux entre les collines boisées. Ici, c’était plein de troupes, enfin des chars et des half-traks (demi-chenillés) pour l’infanterie d’accompagnement, l’infanterie elle-même, celle qu’on transporte dans des camions, n’avait sans doute pas encore dépassé Horb, 80 kilomètres au nord."¹⁵

Die französische Stadtkommandantur

Das Regiment in der Stadt übernahm am 4. Mai 1945 aus den Händen der kämpfenden Truppe ein neunköpfiges Sonderkommando, das sich als „Délégation de Cercle im ehemaligen Hotel „Hecht am Marktplatz etablierte und dort fortan hinter den vier Flaggen der Siegermächte an der Fassade¹⁶ mit bis zu 40 französischen Offizianten und deutschen Kräften seines Amtes waltete. An der Spitze der Kommandantur stand zunächst Major René Willard, der allerdings am 31. Januar 1946 entlassen und nach der Vertretung durch den Rottweiler Kreisdelegieren Garnier-Duprés am 10. April mit Estrade ersetzt wurde¹⁷. Mit den Abteilungen Verwaltung, Wirtschaft und Französische Dienste beeinflußte es auch das deutsche Leben erheblich, so zum Beispiel durch das Quartieramt, das vom Oktober 1946 bis September 1949 im Kreisgebiet mehr als 9400 Zimmer unentgeltlich beschlagnahmte¹⁸.

Zu diesem Komplex liefert der kommunale Aktenbestand „Wohnungsamt" im Tuttlinger Stadtarchiv das komplementäre Informationsmaterial in deutlicher Sprache¹⁹. Kaum eine andere Aufgabe war für die Stadtverwaltung undankbarer und aufreibender. Als reines Hilfsorgan für die Besatzung hatte das Städtische Wohnungsamt deren Bedarf oft in kürzester Zeit zu decken:

Es wird uns zur Auflage gemacht, innerhalb 48 Stunden, also bis Montag früh, neue Wohnräume zu beschaffen. [...] Es werden benötigt: 5 Schlafzimmer, 2 Büros, 2 Empfangssalons, in jedem Zimmer fließendes Wasser und Zentralheizung. ²⁰

Der prekäre Zustand hielt lange an. Ende 1948 waren für Besatzungszwecke in Tuttlingen neben 118 Einzelzimmern insgesamt 168 Wohnungen konfisziert, und zwar 26 Zwei-, 54 Drei-, 56 Vier-, 14 Fünf-, 3 Sechs- und 3 Siebenzimmerwohnungen sowie 12 ganze Häuser²¹. Damals hatte nach den Feststellungen des Wohnungsamts die Besatzungsmacht beinahe sämtliche Wohnungen der ehemaligen Mitglieder der NSDAP beschlagnahmt, wobei die Ausquartierung alter oder ehemals führender Parteigenossen gleich von Beginn an praktiziert²² und bei dem permanenten Umschichten der Truppen auch meist wiederholt wurde. So beklagte sich ein Betroffener, unter diesen Requisitionen hätte nur immer ein und derselbe Personenkreis zu leiden gehabt, während andere PGs verschont geblieben seien. Sie sollten nun aber ihrerseits ihre Wohnungen zur Verfügung stellen zugunsten derer, die schon jahrelang auf ihr Heim verzichten mußten²³. Übrigens ordnete der Bürgermeister schon früh die Erfassuung der von den Franzosen requirierten Häuser, Wohnungen, Läden, Gaststätten und ähnl. an, damit später für die auszuzahlenden Miet- etc. Entschädigungen eine Grundlage vorhanden ist.²⁴

Obwohl die Platzkommandantur von Tuttlingen die Bevölkerung strikt darauf hinweisen ließ, dass es bei Strafe ausdrücklich verboten ist, französische Militärpersonen zu beherbergen, die nicht einen von der Platzkommandantur ausgefüllten Quartierschein vorzeigen²⁵, entstand bald ein unbeschreibliches Durcheinander, denn die Eingriffe der Franzosen in die Zuständigkeit des Städtischen Wohnungsamts erschwerten den Dienstbetrieb außerordentlich und machten aus deutscher Sicht jede Disposition über frei werdende Wohnräume unmöglich²⁶.

Ein enormer Arbeitsanfall entstand den französischen Dienststellen auch durch die Betreuung Abertausender von verschleppten Zwangsarbeitern, KZ-Häftlingen sowie später auch von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen²⁷. Von den Displaced Persons (DP) wohnten rund 1500 im Kreis Tuttlingen, etwa zehnmal so viel wurden durchgeschleust und mehr als 1000 Franzosen, 700 Griechen und 400 Holländer repatriiert²⁸. Dabei platzte das Lager Mühlau auf den „Donauwiesen", das größte Entlassungslager in der französischen Zone für deutsche Kriegsgefangene, aus allen Nähten. Viele Gefangene machten allerdings schlechte Erfahrungen mit der Willkür der Besatzer: ... ich mußte miterleben, wie die Franzosen in Hunderten, ja Tausenden von Fällen die Papiere der von den Amerikanern oder Briten entlassenen deutschen Soldaten einfach zerrissen und deren Inhaber nach Nordfrankreich deportiert haben, wo sie noch jahrelang in den Kohlegruben schuften mußten.²⁹

Wenig beliebt war die im Oktober 1946 angeordnete und oft nur mit Strafen durchgesetzte Kontrolle der Angehörigen der ehemaligen Wehrmacht und der Paramilitärischen Formationen mit ihrer monat- bzw. dreimonatlichen Erscheinungspflicht, noch weniger aber die Entnazifizierung. Auch in Tuttlingen ab Oktober 1945 von den Deutschen selbst betrieben, standen die Ergebnisse in keinem Verhältnis zu dem großen Aufwand an Personal und Zeit³⁰. Resigniert beurteilte der Tuttlinger Kreisdelegierte den Mißerfolg der Aktion, der sich an lächerlichen Geldstrafen von schwer Belasteten oder an deren völligem Reinwaschen zeigte.

Abb. 1/5: Der Eingang zum Lager Mühlau

Eine ganz andere Dimension besaß jedoch die Zwangsarbeit, welche die von den Franzosen eingesetzte Tuttlinger Verwaltung mit sog. „Einberufungen" anordnete:

Ich mußte mich auf dem städtischen Friedhof melden, wo ich mehrere frühere Angehörige der SA traf. Die uns zugewiesene Arbeit bestand in der Umbettung gefallener Marokkaner. Als die Vorhut der französischen Truppen am 21. April 1945 in Tuttlingen einzog, wurde sie von amerikanischen Tieffliegern angegriffen, die offensichtlich meinten, es seien zurückweichende deutsche Soldaten. Es gab auf Seiten der Franzosen ungefähr ein Dutzend Tote. Sie wurden sofort auf dem städtischen Friedhof provisorisch bestattet. Nun sollten sie „ordnungsgemäß", d. h. nach islamischem Brauch, beerdigt werden. Nach den Anweisungen eines muslimischen Geistlichen in französischer Uniform, der auch die weiteren Arbeiten beaufsichtigte, mußten wir die Gräber ausheben, genau nach Mekka ausgerichtet. Dann mußten wir die Toten exhumieren, mit bloßen Händen. Wir hatten keine Handschuhe und keine Atemmasken. Eine scheußliche Arbeit, denn die nur in Tücher eingewickelten Toten waren bereits in Verwesung übergegangen. Wir trugen sie in die neuen Gräber und legten sie so auf die Seite, daß ihr Gesicht nach Mekka ausgerichtet war. Als die Gräber zugeschaufelt waren, bekamen wir eine neue Arbeit. Wir mußten fortan Baumstämme zu Brennholz für das Krematorium zubereiten. Kohle gab es nicht, also wurde Holz verbrannt. Eine Entlohnung für die Arbeit bekamen wir natürlich nicht. Auch nichts zu essen oder zu trinken. Meine Mutter gab mir jeden Tag von den kleinen Rationen, die wir bekamen, ein Vesper mit. Das war alles. Ich war daher sehr froh, als eines Tages verkündet wurde, die Schulen würden wieder geöffnet. ³¹

Kommunale Aktionen

Ein hohes Lied singt Estrade dem in seinen Augen vor Aktivität schäumenden Tuttlinger Bürgermeister Fritz Fleck. Als Nachfolger des zurückgetretenen Franz Heinkele am 1. Mai 1946 von der Militärregierung eingesetzt, blieb der Gewerkschaftsfunktionär jedoch nur wenige Monate im Amt, denn er unterlag nach einem „schlimmen Wahlkampf"³² bei der Nachwahl am 29. September dem von der CDU unterstützten Otto Fink, dem aus der Schuhindustrie stammenden Leiter der evangelischen altpietistischen Gemeinschaft. Seine Tätigkeit habe, so Estrade, die Militärregierung beträchtlich behindert.

Die Parteien durften sich bereits ab dem 19. Januar 1946 neu oder erneut konstituieren. In Tuttlingen bildeten sich bald Ortsgruppen der KPD, CDU, SPD und DVP. Und noch 1946 erfolgten auch die ersten demokratischen Wahlen, zuerst am 15. September für die Gemeinderäte und Bürgermeister – bei einer Wahlbeteiligung bis zu 95,5 % –, kurz darauf am 13. Oktober für die Kreistage sowie am 17. November für die „Beratende Landesversammlung in Bebenhausen zum Entwurf einer Landesverfassung, über den gleichzeitig mit der Wahl zum ersten Landtag in Württemberg-Hohenzollern dann am 18. Mai 1947 abgestimmt wurde, während es am 14. November bzw. 5. Dezember 1948 erneut die Gemeinderäte und Bürgermeister zu küren galt. Dazu aus der Sicht des Tuttlinger Gouverneurs: „Die Bevölkerung ist ermüdet von den vielen Wahlveranstaltungen und mehr als lasch (in puncto Wahlbeteiligung), „nachdem sie sah, daß die Parteien in den zwei Jahren ihres öffentlichen Auftretens keine oder fast keine ihrer Versprechungen gehalten haben."³³

Abb. 1/6: Bürgermeister Franz Heinkele

Abb. 1/7: Bürgermeister Fritz Fleck

Abb. 1/8: Bürgermeister Otto Fink

Parallel zur Gründung der Parteien vollzog sich die der einzelnen Gewerkschaften, ihrer Dachverbände und des Gewerkschaftsbunds. Sie spielten eine gewichtige Rolle bei den drei Streiks, die während Estrades Amtszeit ausbrachen: der erste Ende Juli 1947 in den Firmen Jetter & Scheerer, Rieker, Chiron und Schweickhardt, und zwar als Protest gegen die miserable Lebensmittelversorgung, der zweite am 13. Mai 1948 in den Schuhfabriken des Kreises wegen der Weigerung der Arbeitgeber, den arbeitsfreien 1. Mai zu bezahlen, und der dritte am 9. August 1948, als sich ganz Tuttlingen solidarisch am Generalstreik gegen die Demontagen in bestimmten Fabriken beteiligte.

Von den Vereinen fielen in der unmittelbaren Nachkriegszeit besonders das Rote Kreuz ins Auge, das sich rührig der Flüchtlinge und ehemaligen Kriegsgefangenen annahm, ferner die „Tuttlinger Volksbühnengemeinde, um die es nach der Währungsreform freilich wieder still wurde, sowie vor allem der im April 1946 von Eugen Rosenfeldt gegründete „Verein ehemaliger politischer Gefangener (KZ’ler Aktivisten), von dem auf dem Friedhof jeweils in Anwesenheit hoher französischer Militärs am 10. Juli 1946 die Grabstätten von 87 Opfern des Faschismus und am 12. Oktober 1947 das Denkmal für weitere 80 Ermordete feierlich eingeweiht wurden³⁴.

Abb. 1/9: Eugen Rosenfeldt

Intensiv machten sich die Besatzer Gedanken über das Erziehungswesen und die Jugend. In ihr sahen sie – fälschlicherweise, wie Gouverneur Estrade schrieb – die größte Gefahr für den notwendigen neuen Geist der Gesellschaft, überließen aber die Vereinigungen den Kirchen, anstatt sie auch materiell ausreichend zu fördern. So florierten mangels attraktiver Alternativen die konfessionellen Jugendgruppen. Die „Katholische Schwabenjugend" gehorchte trotz französischer Verweise offenbar blind den Anordnungen des Klerus, der einige Gruppen immer häufiger für eigene ideologische Zwecke mißbrauchte³⁵, wie etwa für Demonstrationen gegen Kinofilme. Aber auch das „Evangelische Jugendwerk und sein Hauptverantwortlicher, der Dekan und Frontoffizier des Ersten Weltkriegs Manfred Ebbinghaus (Estrade: „sehr frankreichfeindlich), kamen aus französischer Warte nicht gut weg, weil sie die Richtlinien der Militärregierung nicht zur Kenntnis zu nehmen schienen. Später besserten sich die Verhältnisse, zumal der überkonfessionelle „Jugendring", der unter der Leitung des agilen Journalisten Rudolf Vater am 12. Dezember 1946 im Beisein hoher Persönlichkeiten beider Nationen inauguriert worden war³⁶, vielversprechende Perspektiven entwickelte. Doch dieser erfreuliche Ansatz scheiterte an Problemen im Gefolge der Währungsreform.

Abb. 1/10: Dekan Manfred Ebbinghaus (1889–1964)

Diese Währungsreform vom 21. Juni 1948, d. h. die Währungsreform im deutschen Bewußtsein schlechthin, zeitigte dagegen bei der Industrie auch im Landkreis große Erfolge. Allerdings gerieten anfangs das Chirurgieinstrumenten- und das Schuhgewerbe hauptsächlich wegen der fehlenden Absatzmärkte in eine existenzbedrohende Krise, doch in der zweiten Jahreshälfte 1949 waren die finanziellen Schwierigkeiten überwunden. Selbst die Maschinenrequisitionen der Besatzungsmacht und deren Demontagepolitik, die viel böses Blut erzeugt und sogar einen Streik ausgelöst hatten, wirkten sich bald vorteilhaft für die Produktion aus, weil die Kredite nach der Währungsreform den Maschinenpark entscheidend verjüngten.

Abb. 1/11: Das bis zur Währungsreform gültige Zahlungsmittel in den drei Westzonen

Begrenzte Horizonte

Von all diesen Ereignissen und Strategien nahmen meine Altersgenossen und ich nicht viel wahr. Für den lähmenden Schock, den der verlorene Krieg mit dem Sturz aller Ideale in den Abgrund bei vielen ausgelöst hatte, waren wir noch zu jung. Wir lebten in unserer eigenen Welt und gingen wie auch früher den Ermahnungen der Eltern nach sauberen Hälsen, Ohren und Knien möglichst aus dem Weg. Immerhin behielt ich im Gegensatz zu manchem Gleichaltrigen meine Haare:

Wir waren fast alle kahlgeschoren, da man sich so am wenigsten Läuse und Flöhe einfing, die das gefährliche Fleckfieber übertrugen. ³⁷

Ein Problembewußtsein fehlte lange. Bei mir erwachte es erst 1946, als meine Großeltern die Wohnung im Erdgeschoß ihres Eigenheims, in dem auch wir wohnten, für eine dreiköpfige Offiziersfamilie räumen mußten, wodurch bei uns in der oberen Etage sowie bei meiner unverheirateten Tante in den Mansardenzimmern viele Monate eine drangvolle Enge herrschte.

Meine Vorstellungen vom „Feind" waren zu diesem Zeitpunkt freilich schon lange korrigiert. Gegen ihn hatte ich Knäblein mich zwar noch am Tag vor dem Einmarsch durch einen viel zu großen Stahlhelm und ein HJ-Fahrtenmesser mit dem Hakenkreuz-Emblem wappnen wollen, die ich aus den in der Reithalle bis zur Decke gestapelten Wehrmachtsbeständen aussuchte und stolz nach Hause trug, aber nur, um bei der Mutter ein Seufzen über meine Weltfremdheit auszulösen. Sie hätte mit ebenfalls verfügbaren Wolldecken oder -socken mehr anfangen können³⁸. Noch nicht erschüttert waren diese Vorstellungen am 8. Mai, als das Läuten der Glocken von beiden Kirchtürmen und ein infernalisches Freudenfeuer aus allen möglichen Schußwaffen die bedingungslose Kapitulation Deutschlands begrüßten. Doch die Geschenke der runden rot-weißen „Scho-kakola"-Dosen eines Einquartierten – die nur wenige Tage im Souterrain eingelagerten Lebensmittel waren für uns Hausbewohner freilich absolut tabu! – blieben nicht wirkungslos und nun erlaubten mir sogar leibhaftige Besatzer, in ihrer Wohnung das großväterliche Klavier zu benutzen. Das war einer der sympathischen Privilegienverzichte, wie sie auf privater Ebene häufiger vorkamen, wogegen sich die offizielle damit noch lange schwertat.

Über die Beschlagnahme von Wohnraum schwanken übrigens, wen wundert’s, die Erinnerungen der Altersgenossen zwischen Repressalien und Begünstigungen. Die zehnjährige Ursula Vogler zum Beispiel, mit Mutter und drei Geschwistern kurz nach dem Einmarsch zum Auszug gezwungen, konnte zwar schon bald wieder in die Wohnung zurückkehren, fand sie aber völlig verwüstet vor³⁹. Für ihren Gatten Erich Kaufmann dauerte dagegen das Exil zwei Jahre, ehe seinen Eltern das Eigenheim wieder restituiert wurde. Meiner Frau hat sich unauslöschlich eingeprägt, wie ein Franzosenkommando in Abwesenheit der Eltern das komplette Eßzimmermobiliar abtransportierte, aus dem sie hilflos und tränenüberströmt vorher immerhin noch Geschirr und Besteck ausräumen durfte. Demgegenüber machte Karl-Dieter Schneider mit den Einquartierungen gute Erfahrungen. Und sogar veritable Vorteile verschaffte die Requisition eines Zimmers dem Arztsohn Werner Storz samt den Eltern, denn der mit Kreide an der Haustür angebrachte und Plünderer abschreckende Hinweis, hier wohne ein französischer Militärarzt, wurde von Werners Vater nach dem Abzug des Kollegen durch Erneuern der Schriftzüge immer wieder vor dem Verblassen bewahrt.

Abb. 1/12: Ein Quartierschein

Ansonsten – im nicht zerbombten Tuttlingen gab es keine Trümmer zu beseitigen – folgte ich im Sommer 1945 den Aufrufen zum Kartoffelkäfer- und Heilkräutersuchen, 1946 wie vorher schon im Krieg auch zum Bucheckern-Sammeln, fuhr mit der Mutter und der kleinen Schwester per Rad verschämt zum Hamstern in Nachbardörfer, fraß als Leseratte im unbewußten Streben nach dem Identifizieren mit einem Helden jeden erreichbaren Karl-May-Band, um frustriert auf den Landkarten in der alten Brockhaus-Enzyklopädie des Großvaters die Reiserouten von Old Shatterhand oder Kara Ben Nemsi vergeblich zu suchen, ergötzte mich aber auch an den Comic-Vorläufern „Hanni, Fritz und Putzi aus Karl-Dieter Schneiders sowie an den ebenso harmlosen Kasperle-Büchern aus Hermann Bucks Bücherregalen, sammelte ernsthaft Briefmarken, war viel mit dem engen Freund jener Jahre Jörg Märklin zusammen, der schon Hans-Dominik-Bücher las und mit dem ich an einer selbsterdachten Indianergeschichte herumkritzelte, kämpfte mit Erwachsenen um den Sieg im Gesellschaftsspiel „Sag nix über Pulok, einem Geschenk meiner Tante Mull 1941 zum Eintritt ins Schulleben, spielte mit unberechenbar hopsenden, weil aus Gummistreifen von zerschnittenen Fahrradschläuchen gebastelten Ersatzbällen oder, wie Christa, mit selbstgenähten Bällen aus Lederabfällen der Rieker-Schuhfabrik und verbrachte vermutlich – vermutlich, denn inzwischen ist vieles vergessen oder verdrängt – eine unbeschwerte Kindheit, zumal der Vater schon Ende 1945 heil aus amerikanischer Gefangenschaft heimgekehrt war und sofort wieder seinen alten Arbeitsplatz im Büro der renommierten Firma „Jetter & Scheerer, heute „Aesculap, erhielt.

Abb. 1/13: Die Ernährungslage anfangs 1946

Die häufigen Stromsperren interessierten einen kaum, es gab ja Kerzen, die auch unter der Bettdecke Licht gaben zum verbotenen Lesen. Man vermißte eher das fehlende Heizmaterial. Mit welcher Begeisterung ging man daher dem alten Schneckenburger zur Hand, wenn er mit seiner Kreissäge vorfuhr, die ohrenbetäubend kreischend einen halben Kubikmeter Brennholz zerkleinerte, mit dem die Mutter dann den einzigen Ofen bestückte, der in unserer Wohnung in Betrieb war. Der katastrophale Nahrungsmangel, über den das Gemeinderatsprotokoll vom 23. Juli 1945 beredt Auskunft gibt⁴⁰, bekümmerte ihrer Kinder wegen die Eltern sicher mehr als uns selbst. In einzigartiger Lage befand sich freilich der zwölfjährige Roland Manz, der mit seiner Ziehharmonika im Ottizierscasino „Kaiserhof zum „Franzosenschwof aufspielte und dabei den Gesang seines Vaters begleitete:

Und so hatten wir von heute auf morgen

plötzlich keine Ernährungssorgen,

denn als Lohn für die Musik parat da ward

Essen und Konserven aller Art.

Spätabends beim Gesang der Marseillaise

aßen wir in der Küche Wurst und Käse! ⁴¹

Abb. 1/14: Landrat Fritz Erler (1913–1967)

Eines aber schwelt immer noch im Unterbewußtsein: ein Grauen vor Kriegsmunition, vor der ich ständig gewarnt wurde, weil immer wieder die Nachricht von verunglückten Kindern die Runde machte. So war etwa das Losgehen einer Handgranate die Todesursache von zwei Fünfjährigen⁴².

So gut wie keine Notiz nahm man dagegen von der Politik, von der kleinen ebensowenig wie von der großen, wie etwa der Einsetzung des neuen Landrats Fritz Erler im Juli 1947, der 1949 sogar vom französischen Außenminister Robert Schuman in Tuttlingen empfangen wurde⁴³. Am sonntäglichen Kirchgang des Großvaters brauchte man sich noch nicht zu beteiligen, das kam erst in der Konfirmandenzeit, und auch das Kino, das bei mir später eine große Rolle spielen sollte, war noch Nebensache. Indessen erinnere ich mich daran, alle Hebel in Bewegung gesetzt zu haben, um in den ersten Indianerfilm – er hieß „Der schwarze Pfeil" – gehen zu dürfen, von dem ich dann aber enttäuscht war, weil er so wenig meinen Karl-May-Phantasien entsprach⁴⁴.

Wichtig war das Freibad, das seine quietschenden Gittertore im Sommer 1946 wieder öffnete, und noch wichtiger waren die Fußballspiele der ersten Mannschaft des FC 08 sonntags auf dem Sportplatz „In Haslen. Man deckte dort oft mit Gleichgesinnten zumindest einen Teil des Bedarfs an Spektakulärem, und sei es auch nur durch die unvergeßliche Szene einer unglaublichen Torhüterparade von Bernhard Braun, dem „Hatte, wie er waagrecht unter dem Querbalken liegend einen eigentlich unhaltbaren Ball abwehrte. Auch empfinde ich noch heute etwas von dem Glücksgefühl, bei dem Vater unter den Zuschauern zu stehen, und vermeine, seine Genugtuung darüber zu spüren, daß der Sprößling neben ihm seine Interessen teilte. Diese Akzeptanz machte einen schon fast erwachsen.

Voll auf seine Kosten kam der Sensationshunger auch, als die Malzfabrik in der Kronenstraße in Flammen aufging:

Das lichterloh brennende Gebäude, in dem vornehmlich Senegalesen untergebracht waren, erhellte den Himmel der wegen der Stromsperre sonst rabenschwarzen Nacht. Wir Kinder schauten zu, bis wir vor Kälte zitterten. ⁴⁵

Zur gleichen Kategorie gehörte im Frühjahr 1947 die von gewaltigen Wolkenbrüchen verursachte Überschwemmungskatastrophe in der Stadt wie auch die Windhose, die im selben Jahr am 29. Juli über Tuttlingen hinwegfegte und das Karussell auf den Donauwiesen umwarf⁴⁶, welches Ergebnis wir mit dem größten Vergnügen begafften. Nebenbei: Auf den ersten Zirkus mußte man noch bis Mitte 1948 warten. Im Gefolge der Währungsreform manifestierte sich erstmals ein gewisses Geldbedürfnis. Ihm konnte man jedoch abhelfen durch Altpapier, das in Gestalt vieler Jahrgänge gebündelter Jägerzeitschriften meines Großvaters ich an den Altmaterialhändler Schorpp verhökerte. Den als stattlich empfundenen Erlös verjubelte ich dann oft an der Kinokasse, begleitet von Rolf-Walter Baur.

Fern von Aufsässigkeiten oder gar Verbotsübertretungen – dafür war ich zu ängstlich und angepaßt – plätscherte die vorpubertäre Phase in kaum windbewegtem Fahrwasser vor sich hin. Ungleich stürmischer verlief dagegen ein Vorfall, der sich aus der Feder von Charlie Schaer wie folgt liest⁴⁷:

Einige Zeit nach Kriegsende, es dürfte 1948 gewesen sein, gelangten drei harmlose Knaben voller Stolz in den Besitz einer Pistole, in der noch eine Kugel steckte. Mein Schulfreund Werner Hensler dachte sich nichts dabei, als er an einem offenen Fenster seiner Wohnung das Schießzeug hoch in die Luft hielt und abdrückte. Doch in dem Haus, in dem das Projektil ein Fenster durchschlug und sich glimpflicherweise nur in die Wand bohrte, fand man dies gar nicht lustig. Die Polizei wurde geholt und nach den Messungen der Ballistiker ließen sich die Namen der drei Sünder nicht lange verheimlichen. Auf der Polizeiwache unweit der evangelischen Stadtkirche war man sehr unhöflich und steckte mich über Nacht in die Arrestzelle, ohne meine Eltern zu verständigen. Ich bekam auch nichts zu essen und zu trinken. Am nächsten Morgen brachten mich zwei Polizisten zum Gouvernement Militaire am Marktplatz. Die dortige Gendarmerie war etwas zugänglicher und ließ mich nach kurzer Zeit wieder laufen.

Die Sache hatte aber ein Nachspiel: Alle drei mußten wir später vor einem französischen Militärgericht in Reutlingen erscheinen – ich erinnere mich noch an eine recht zugige Fahrt auf dem Soziussitz eines Leichtmotorrads – und wurden quasi im Fließbandverfahren jeweils zu vier Wochen Gefängnis verurteilt. Während allerdings die beiden jüngeren Übeltäter, darunter der Schütze, wegen ihres Alters mit Bewährung davonkamen, mußte der dritte, der nicht lange zuvor sechzehn geworden war, die vier Wochen absitzen.

Damals waren wir Buben und Mädchen schon längst Tag für Tag den äußeren und inneren Zwängen des Schulbetriebs ausgesetzt. Ihr Rhythmus wurde rasch wieder zum Rhythmus des Alltags. Aber wie in der herrlichen „Feuerzangenbowle – „Wahr sind die Erinnerungen, die wir mit uns tragen, die Träume, die wir spinnen, und die Sehnsüchte, die uns treiben; damit wollen wir uns bescheiden – der kauzige Physikprofessor erklärt, der große, runde, schwarze Raum der Dampfmaschine habe zwei Löcher, in das eine Loch komme der Dampf hinein „unn dat annere Loch, dat kring wer später", so kriegt der Leser den Schulbetrieb auch erst später.

1.3 Lausbubenfreiheit 1945 – Adieu!

Von Harald Kallfaß

Ganz am Anfang, seit 1944, ging ich im „Rittergarten"⁴⁸ zur Schule. Viel ist mir da nicht mehr erinnerlich: Ein ziemlich düsterer Saal wegen der hohen Kastanien, die das Gebäude umgaben; der Gutsle-Ernst⁴⁹, der uns mit einem Haselnußstecken beibrachte, daß nunmehr so etwas wie der Ernst des Lebens begonnen hatte, und mir vor allem, daß man seinen Griffel in die rechte und nicht in die linke Hand nimmt, wie ich das eigentlich lieber getan hätte.

Dann brach der Endsieg über uns herein. Das Schulprovisorium mal hier, mal dort, wurde ersetzt durch gar keine Schule mehr. Einen ganzen herrlichen Sommer lang! Der Hugo⁵⁰, furchteinflößender und rabiater Ordnungshüter im Luftschutzkeller des „Rittergarten" bei Fliegeralarm oder vor Schulbeginn auf dem Hof, der uns immer verdrosch, wenn wir aus den Anlagen gegenüber (Adolf-Hitler-Platz hießen sie) Kastanien mitbrachten, um Munition für unsere kleinen Auseinandersetzungen zu haben – wie schnell war er vergessen! Und die Anlagen hießen über Nacht Uhlandpark und waren entnazifiziert.

Wir fanden Munition im Schlamm des Donaubetts und in den Wäldern des Leutenbergs. Wir lernten Patronenspitzen zu lockern, indem wir sie auf Steine schlugen oder in die Schlüssellöcher der Gartentore steckten und durch Hin- und Herverkanten die Hülsen ausweiteten. So gewannen wir Pulver zum Zündeln, und Schlagbolzen hatten wir, um die Zünder der leeren Patronen knallen zu lassen. Und – bei Gott – einen Schutzengel hatten wir auch. Ich besaß damals eine Astgabelschleuder und runde Kieselsteine, gut versteckt in einer rostigen Blechbüchse. Der Gummi war aus einem Stück Schlauchreifen von einem Autowrack herausgeschnitten, eingetauscht gegen ein paar Patronen Schießpulver. Zwar erreichte ich nie übermäßige Treffsicherheit, und wenn wir auf die Porzellanisolatoren der Leitungsmasten schossen, traf ich nur selten. Aber für eine Fensterscheibe reichte es allemal.

Auch Idealismus erfuhren wir, richtigen Erwachsenenidealismus, den ich damals noch eher lästig fand. Und der Friseur Buzengeiger⁵¹ hat mir mein erstes Eis spendiert, weil ich mich vor seinem Laden mit einem Franzosenbengel geprügelt hatte, den er auch nicht leiden mochte. Die deutsch-französische Freundschaft erwuchs halt nur langsam und mühselig.

Allmählich brachten engagierte Leute die Dinge wieder in Ordnung, die durch das Kriegsende und die unselige Geschichte vorher aus dem Lot geraten waren. Wir mußten wieder zur Schule. Das kam mir ungelegen, weil ich dadurch meine Lausbubenfreiheit spürbar eingeengt sah.

1.4 Im pädagogischen Niemandsland

1.4.1 Die Köppen-Schule

Das besondere Merkmal der Köppen-Schule besteht darin, daß von meinen Tuttlinger Altersgenossen fast jeder sie besuchte, aber niemand mit hinreichenden Erinnerungen aufwarten kann. Immerhin steht fest: Sie war eine Privatschule in unserem Heimatort, die 1945 nach dem Einmarsch der Franzosen in dem erzwungenen Zustand pädagogischer Passivität bereits vom Mai bis zum Wiederbeginn des Schulbetriebs anfangs Oktober 1945 dem Bedürfnis einer besorgten Elternschaft Rechnung trug, den disziplinär oft derangierten Nachwuchs wieder an den lange entbehrten Unterricht heranzuführen und ihn gleichzeitig von der Straße zu holen.

In Gesprächen mit Betroffenen schälten sich dann doch nach und nach die Konturen einer lokalen Bildungsanstalt heraus, die damals vom etablierten, aber zwangsläufig untätigen Schulsystem mißtrauisch beäugt wurde. Niemand anderes als Johannes Weckenmann selbst, der Leiter der Oberschule, formulierte dieses Unbehagen in seinem ersten Rechenschaftsbericht an die vorgesetzte Behörde zwischen den Zeilen, als er ohne Namensnennung davon sprach, daß „gar noch die Privatschule sich hier auftat und mächtigen Zulauf hatte". Deutlicher wurde er zwanzig Jahre später in seiner Retrospektive, bezogen auf Mai 1945:

„Da war ein Handelsschullehrer Hans Köppen aus Pyritz (Pommern) aufgetaucht. Er sammelte Oberschüler, um eine Art Privatschule aufzumachen. Da er auch Lehrer der Oberschule in seinen Betrieb einspannte und somit die allgemeine Lethargie benützte, um in Tuttlingen auf schulischem Gebiet festen Boden unter die Füße zu bekommen, so war das eine deutliche Warnung und Mahnung zu entschlosserem Vorgehen. Der „Fall Köppen weckte Unruhe und trieb zur Gegenwehr.⁵²

Abb. 1/15: Hans Köppen

Und kurz darauf im Juli, aber nicht ohne Anerkennung:

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Was die anderen über Schulleben in der Nachkriegszeit denken

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