Genießen Sie von Millionen von eBooks, Hörbüchern, Zeitschriften und mehr - mit einer kostenlosen Testversion

Nur $11.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

Nur der Tod kann dich befreien...: Mein Leben als Fremdenlegionär und Fluchthelfer
Nur der Tod kann dich befreien...: Mein Leben als Fremdenlegionär und Fluchthelfer
Nur der Tod kann dich befreien...: Mein Leben als Fremdenlegionär und Fluchthelfer
eBook292 Seiten4 Stunden

Nur der Tod kann dich befreien...: Mein Leben als Fremdenlegionär und Fluchthelfer

Bewertung: 0 von 5 Sternen

()

Über dieses E-Book

Was für ein Leben! 1959 in die Fremdenlegion eingetreten, flieht der Autor später aus der Legion, wird Fluchthelfer, schleust Flüchtlinge aus der DDR, landet für 67 Monate im Stasi-Hochsicherheitsgefängnis Bautzen II und wird schließlich Anfang der 70er Jahre durch die BRD freigekauft. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, berichtet der Autor in unmittelbarer Sprache von seinen Gründen, in die Legion einzutreten, von seiner Ausbildung und von seinem weiteren Schicksal dort, und schließlich von seiner Zeit als Fluchthelfer. Ein Zeitzeugenbericht, in dem sich die Irrungen und Wirrungen des letzten Jahrhunderts spiegeln.

Bäcker, der kein Hehl daraus macht, daß er seine freiwillige Meldung in die Legion häufiger bereut hat, durchläuft eine überaus harte Ausbildung und wird danach Mitglied der Fallschirmjäger-Eliteeinheit 1e REP (Régiment Étranger de Parachutistes). Hier wird er, es war die Zeit des Algerienkrieges, Zeuge eines Aufruhrs, der durch die Ankündigung des französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle, daß sich Frankreich aus Algerien zurückziehen werde, ausgelöst wurde. An diesem Aufruhr war auch das 1e REP beteiligt, das daraufhin aufgelöst wurde. Bäcker, der in der Folge nach Korsika versetzt wird, entscheidet sich dort zur Flucht aus der Legion. Die Flucht gelingt und ein weiteres abenteuerliches Kapitel im Leben des Autors beginnt, nämlich das des Fluchthelfers, der Deutsche aus der DDR schleust.
SpracheDeutsch
HerausgeberAres Verlag
Erscheinungsdatum28. Feb. 2014
ISBN9783902732286
Nur der Tod kann dich befreien...: Mein Leben als Fremdenlegionär und Fluchthelfer
Vorschau lesen

Ähnlich wie Nur der Tod kann dich befreien...

Ähnliche E-Books

Verwandte Kategorien

Rezensionen für Nur der Tod kann dich befreien...

Bewertung: 0 von 5 Sternen
0 Bewertungen

0 Bewertungen0 Rezensionen

Wie hat es Ihnen gefallen?

Zum Bewerten, tippen

Die Rezension muss mindestens 10 Wörter umfassen

    Buchvorschau

    Nur der Tod kann dich befreien... - Werner Bäcker

    2007

    TEIL I

    FREMDENLEGIONÄR

    RÜCKBLENDE

    Sidi-bel-Abbès

    Nordafrika, Algerien, Sidi-bel-Abbès, Hauptquartier der Fremdenlegion, 22. März 1962.

    „Au drapeau!"

    Auf dem Kasernenhof des 1er RE¹ in Sidi-bel-Abbès stand alles stramm. Offiziere und Unteroffiziere, die rechte Hand gestreckt am Mützenrand, die linke an der Hosennaht. Der Blick zur Flagge. Unter den Klängen des Regimentshornisten wurde die französische Trikolore Hand um Hand vom Flaggenmast eingeholt.

    Die präsentierten Gewehre der Wache gingen auf Befehl des diensthabenden Sergeanten mit einem Zischen, hervorgerufen durch die zackigen Armbewegungen, und einem Knall beim Aufsetzen auf den Boden wieder in ihre Ausgangsstellung zurück.

    In diesem Augenblick endete eine Epoche. Unwiderruflich. Der Krieg in Algerien war zu Ende!

    Auch die riesige Weltkugel auf ihrem Sockel im Kasernenhof, das Gefallenenehrenmal der Fremdenlegion, bewacht von vier bronzenen Legionären in historischen Uniformen, konnte die Zeit nicht zurückdrehen.

    Der Spruch am Kasernentor konnte nun keinen von uns mehr nervös machen: „Legionär, du bist gekommen, um zu sterben!"

    Trotzdem Scheiße. Scheiße für alle weiteren Pläne und Vorhaben. Für mich und im Moment auch für meinen vor mir stehenden Kameraden. Dem kroch nämlich die ganze Zeit über, in der die Flagge eingeholt wurde, eine Wanze über die Schulter. Genau von einem Schulterstück zum anderen. Diese Viecher hatten vor nichts Respekt, waren sie doch ein Teil unseres Lebens. Schließlich lebten sie von unserem Sold und soffen sich auf unsere Kosten die Hucke voll. In den Kasernen fielen sie nachts wie „Paras" auf uns nieder. Daher auch der Name „Bérets rouges" – „rote Barette –, in Anspielung auf die regulären Fallschirmjäger Frankreichs. Aber von der Spezies „Para wird noch zu berichten sein.

    Nachdem nun der Tagesdienst vorbei war, ging für alle das große Rätseln los. Wer, wann und was, wohin und warum, wieso nicht so und nicht anders und so weiter. „Ruhe", sagte ich mir und sagte sich der größte Teil des Regiments. Zuerst einmal die plötzlich aufmüpfigen neuen Landesherren flach halten. Denen ging natürlich alles nicht schnell genug, verständlich. Auch der täglich wachsende Hass auf Frankreich und die Legion insbesondere war nachvollziehbar. Jedenfalls wurden die Spekulationen immer fantastischer. Dabei fragte ich mich auch, was aus Sidi-bel-Abbès werden könnte.

    Vielleicht ein zweites Zeralda? Richtig, Zeralda! Der ehemalige Stützpunkt des 1er REP², das ehemals höchstdekorierte Regiment der Fremdenlegion.

    Dem geneigten Leser wird im Zuge der folgenden Schilderungen auch dieser Zusammenhang noch klar werden.

    Noch stand bel-Abbès, das Hauptquartier der Legion, Drehscheibe und Umschlagplatz für Menschen, Waren und Waffen. Egal, was aus diesem Fleck werden würde – du bist Legionär und machst deinen Dienst, wo man dich hinstellt. Ça va? Ça va!

    Da ich nun zu jener Spezies Mensch gehörte, die das Wissen nicht mit goldenen Löffeln verabreicht bekommen hatte, interessierte mich nichtsdestoweniger – oder gerade deshalb –, wie so ein Moloch wie die Fremdenlegion funktioniert. Ich habe es am eigenen Leib erfahren – und auch fast begriffen. Die Fremdenlegion war zu meiner Zeit trotz aller Dementis und Zerrederei ein einziges riesiges, gut organisiertes Wirtschaftsunternehmen. Allerdings mit der Lizenz zum „Plattmachen" im Bedarfsfall. Von außen wurde die Legion permanent mit gemischten Gefühlen betrachtet, und zwar nicht nur von Berbern und Arabern. Ob in Tunesien, Marokko oder Algerien: Ein Großteil der im Lande wohnenden Europäer sah sie nicht unbedingt als Freundin.

    In Sidi-bel-Abbès machten wir uns noch Sorgen ganz anderer Art, näherte sich doch in Kürze der 30. April. Wie und wo würden wir den feiern? Ob überhaupt? Echte Sorgen. Denn auf die mit diesem Tag verbundenen Annehmlichkeiten wollte kein echter Legionär verzichten. Der 30. April ist nicht irgendein Geburtstag oder x-beliebiger Feiertag. Der 30. April ist der große Gedenktag der Fremdenlegion. Viele Jungs dachten nach dem 30. April sogar darüber nach, ob der Tod durch Saufen nicht auch ehrenvoll sein könne, ganz ehrlich. Aber zuerst die Fakten.

    Camerone in Mexiko, 1863

    Bei der Verteidigung der Hazienda Camerone gegen mexikanische Aufständische wird eine Kompanie der Fremdenlegion in tagelangen Gefechten vollkommen aufgerieben. Übrig bleiben schließlich nur noch der Kompaniechef, Capitaine Danjou, und wenige Legionäre. Der Anführer der zehnfach überlegenen Mexikaner bietet den Überlebenden freien Abzug. Aus welchen Gründen auch immer, Hauptmann Danjou und seine Legionäre lehnen das Angebot ab und werden daraufhin bis zum letzten Mann niedergemacht. Nur wenige überleben schwer verwundet. Unter den Toten auch Hauptmann Danjou, der aufgrund einer früheren Verwundung eine hölzerne Handprothese trägt.

    Diese Hand wird vom Schlachtfeld geborgen und von der Legion seitdem als Reliquie in einem kleinen Schrein aufbewahrt. „La Main" – „die Hand" – wird bei der jährlichen Gedenkparade am 30. April von einem hoch dekorierten Unteroffizier feierlich zum Gefallenenehrenmal der Fremdenlegion im Kasernenhof des 1er RE getragen – früher in Sidi-bel-Abbès, heute im südfranzösischen Aubagne.

    Von Camerone an wurde das Verhalten der Fremdenlegion im Gefecht derart glorifiziert, dass sie letztlich den Mythos der Unbesiegbarkeit verinnerlichte.

    Es gab in der Legion keine Planspiele für „Absatzbewegungen. Wenn andere nicht mehr „mit dem Arsch hochkamen, wenn nach menschlichem Ermessen keine Chance auf Rettung bestand, wenn andere sich vor einer Übermacht absetzten oder sich ergaben: In solchen oder ähnlichen Situationen stand einer bei der Legion auf – ob Offizier, Unteroffizier oder einfacher Legionär –, und der Rest folgte zum Sturm.

    Beispiele ohne Ende zeugen in den Annalen der Legion von dieser mit reiner Logik nicht nachvollziehbaren Tapferkeit. Sicherlich dichtete man den Legionären auch Todessehnsucht an, von wegen namenlos und staatenlos, kein Zuhause, keine Zukunft und so weiter und so fort. Die einzig stichhaltige Erklärung für mich ist der Korpsgeist. Männer, die aufeinander eingeschworen sind, die bedingungslos aufeinander bauen. Die intensiven letzten Momente des schon verlorenen Lebens, das unverbrüchliche Zusammengehörigkeitsgefühl und sicher noch einige andere psychologische Momente, nur sie können der Schlüssel zum heroischen Verhalten der Fremdenlegion sein. Deshalb steht über allen Sprüchen und Parolen in ehernen Lettern oder mit Tausenden von Nadelstichen auf den Armen der Legionäre tätowiert:

    Legio Patria Nostra – Die Legion ist unser Vaterland

    Sicher können Außenstehende nun besser verstehen, warum der 30. April ein solch wichtiger Tag für die Fremdenlegion ist.

    Die Legion

    Der französische König Louis Philippe gründete 1831 die Fremdenlegion. Männer aus aller Herren Länder verdingten sich in der Legion, freiwillig und auch unfreiwillig. Frankreich bediente sich dieser Truppe im 19. und 20. Jahrhundert, um seine Eroberungsgelüste überall auf der Welt zu befriedigen. Der Clou an der Gründung der Legion war jedoch der, dass niemals und zu keiner Zeit die Fremdenlegion dauerhaft im Mutterland Frankreich stationiert sein durfte. Die edle Grande Nation wollte sozusagen nicht das eigene Nest beschmutzen.

    Zu meiner Zeit als Legionär, am Ende des Algerienkrieges, hatte die Fremdenlegion bereits in 138 Ländern der Erde gekämpft. In seinem Kontrakt mit der Legion erklärt sich der künftige Legionär damit einverstanden, überall dort für die Interessen Frankreichs zu kämpfen, wo man ihn hinschickt. Egal wohin. Die Fremdenlegion hat in Spanien, Russland, Südamerika, Zentralafrika und Südostasien gekämpft; während des Zweiten Weltkriegs sogar in Norwegen zusammen mit englischen Verbänden. Die 13e DBLE³ trägt heute noch als Insignie das Croix Lorraine auf weißem Untergrund. Im Klartext, das freifranzösische Lothringer-Doppelkreuz auf den weißen Schneefeldern Norwegens.

    In Nordafrika haben Einheiten der Fremdenlegion an der Seite der Engländer gegen das Afrikakorps unter Feldmarschall Rommel gekämpft. Und gegen ihre eigenen Kameraden auf Vichy-französischer Seite. Dort kämpften praktisch Deutsche gegen Deutsche und Legionäre gegen Legionäre. In der Nähe der algerischen Hafenstadt Oran, oberhalb von Mers-el-Kébir, befindet sich ein Soldatenfriedhof mit Tausenden gefallenen Briten, Franzosen, Legionären und deutschen Soldaten.

    Im April 1945 sind Einheiten der Fremdenlegion in amerikanischen Uniformen unter dem Befehl des General Leclerc in Stuttgart einmarschiert. Die Legion war immer dabei, wenn es für Frankreich etwas zu erledigen gab.

    Ihre Männer kamen aus den Krisenherden der Welt, würde man heute sagen. So floss nach der Oktoberrevolution 1917 und nach dem blutigen Bürgerkrieg in Russland zu Beginn der 20er Jahre ein Strom zarentreuer und antibolschewistischer Offiziere und Soldaten in die Legion. Die Namen jener von so genanntem edlen Geblüt in der Legion sind allein schon Legion. Jeder große Schwung an Zuwachs brachte Traditionen mit, die die Legion übernahm und auf ihre Belange zuschnitt – mochte es das deutsche Liedgut sein, das sie nach 1918 und nach 1945 übernahm, mochten es russische Eigentümlichkeiten sein, nach Nordafrika exportiert mit den Garderegimentern des Zaren. Noch aus dem beginnenden 19. Jahrhundert stammt der legendäre Paradeschritt der Legion. Dennoch erinnert die Cadence, der Gleichschritt in seinen ausgeglichenen, langsam fließenden Bewegungen, zusammen mit den Texten der dazu gesungenen Lieder an die wehmütigen Lieder Russlands, wenn auch die Ursprünge dieses Paradeschritts bei den stehenden Heeren des 18. Jahrhunderts liegen.

    Wie aber war es möglich, aus einem Haufen Menschen unterschiedlichster nationaler und sozialer Herkunft, Glaubensrichtung, Intelligenz und mit verschiedensten Interessen, aus Snobs, Kriminellen und Deserteuren und aus wem sonst noch immer, einen Verband zu schmieden, der allen Vorhersagen zum Trotz über alle Maßen tapfer, treu und aufopferungsvoll kämpft, der einen einmaligen Korpsgeist und einen unbändigen Stolz entwickelt?

    Im Handbuch für französische Offiziere steht unter anderem zum Thema „Geheimnis & Mythos Legion":

    „Ein Mann, der mit seiner Vergangenheit, seiner Gesellschaft und seiner Familie gebrochen hat, wird sein Bedürfnis nach Idealen und seine Zuneigung auf die Legion lenken. Schon bald wird er die Idee der Legion mit der Idee des Vaterlandes identifizieren und ihr alles mit einer Hingabe opfern, über die die Welt erstaunt. Es ist ein Veredlungsvorgang, ein langer, eiserner und schmerzlicher Weg bis zum Legionär!"

    Im März 1962 hatten wir jedenfalls andere Sorgen. Unsere Hauptsorge – nach dem Camerone-Fest – gipfelte in die Frage: „Was wird nun mit uns, wohin werden wir verlegt?" Das 1er RE war zugleich die Hauptverwaltungsstelle der Legion und Durchgangsstelle für sämtliche Legionäre aus allen Regimentern. Von hier aus ging es beispielsweise auch nach Colomb-Béchar in der westlichen Sahara – und zurück. Ein wenig ruhmreiches, eher verschwiegenes Kapitel der Legionsgeschichte, aber eines, das ihre Rücksichtslosigkeit gegenüber den eigenen Reihen beleuchtet. Und ein weiterer Mythos.

    Gründe gab es genug, weshalb ein Legionär nach Colomb-Béchar kommen konnte: Desertion, Sabotage, Befehlsverweigerung, Angriff auf Vorgesetzte oder ähnlich schwere Vergehen. Hatte er die Strafe verbüßt, wurde er nach einem bestimmten Prozedere meist unehrenhaft aus der Legion ausgestoßen – falls er das Straflager in der Wüste überlebt hatte; die grauenhaften Zeiten in der Compagnie discipline, der Strafkompanie. Eine Festung des Grauens und eine Folterkammer für Männer, die glaubten, der Legion in die Suppe spucken zu können. Ein Anachronismus abseits des gültigen Militärstrafrechts, am ehesten noch zu vergleichen mit den menschenverachtenden Zuständen auf den Teufelsinseln des „Papillon".

    Colomb-Béchar – der Vorhof zur Hölle

    Von dem, was nun berichtet wird, weiß ich nur aus zweiter Hand. Ich habe niemals einen aus der Compagnie discipline, der Strafkompanie oder dem Strafbataillon der Fremdenlegion, persönlich kennen gelernt. Jene, die mir davon berichteten, waren Kuriere, Kraftfahrer und solche, die bis zum Vorhof der Hölle gelangten, ohne sie jedoch zu betreten. Was also berichtet wurde, war vage, meist auch noch ungern erzählt. Aber so, wie ich die Legion kenne, traf das Geschilderte mehr als nur wahrscheinlich zu. So viele Zeitzeugen können nicht gelogen haben. Die Berichte waren zudem immer deckungsgleich. In der Compagnie discipline zu landen, war nicht einmal so schwer. Persönlich brachte ich selbst gute Voraussetzungen mit. Ich war ja bereits in Marseille verdächtig geworden. Dazu dann der Umstand, dass ich vor meiner Legionszeit Polizist gewesen bin, also einer, der zumindest denken gelernt hat oder gelernt haben sollte. Dann der Vorfall mit meinem Caporal in der Ausbildungszeit. Provoziert von mir? Warum erhielt ich nicht mit den ersten Gruppen Permission – Ausgang? Ich erhielt erst zwei Wochen nach allen anderen zwei Tage Urlaub; ständig kontrolliert durch Einsichtnahme in den Dienstausweis. Ob im Puff, in Hotels oder sonst wo, man wusste immer, wo man mich findet. Warum wurde ich nicht auf einen Peleton, einen Lehrgang geschickt? Caporal wurde ich nach einem Gefecht, als mir der Colonel die Korporalstreifen in die Hand drückte, wegen Tapferkeit vor dem Feind.

    Also hatte ich doch irgendwo Punkte? Um das Fass zum Überlaufen zu bringen, hätten allerdings gewichtigere Dinge wie Subordination, Feigheit, Sabotage, Diebstahl oder Mord zu Buche stehen müssen. Eben ganz schlechte Karten, um in der Compagnie discipline zu landen. Zuvor hätte man einige Militärgefängnisse durchlaufen, täglich Stunden mit dem Gesicht zur Wand stehend, Nase platt an die Wand gedrückt. Wer sich rührte, dem wurde die Nase gebrochen, indem der Kopf gegen die Wand gestoßen wurde. Frisch gewaschene Betonpisten trocken laufen. Auf engstem Raum mit vier Männern in einem verwanzten Loch hausen. Der Witz war jedoch, dass auch hier noch alle Auszeichnungen an die Zellentür gehängt wurden. Wer hoch dekoriert war, durfte nicht zu jeder Arbeit herangezogen werden.

    Aber selbst die schlimmsten Militärgefängnisse waren nichts gegen Colomb-Béchar, das Straflager in der Sahara an den Ausläufern des Großen westlichen Erg, der Sandwüste.

    Nach stundenlanger Fahrt von bel-Abbès nach Süden auf staubigen Pisten zeichnet sich langsam ein weißer Strich am Horizont ab. Eine haushohe Mauer, unendlich lang und schneeweiß, erhebt sich aus der Wüste. Sie umspannt ein riesiges Gelände mit zahlreichen Wachtürmen. Du stehst vor den Toren der Compagnie discipline in Colomb-Béchar, dem Eingang zur Hölle. Ein Bild wie auf einem Urlaubsprospekt. Der Boden nur Sand, weißer Sand der Sahara; vielleicht noch Palmen, Kamele und ein Brunnen mit glasklarem Wasser. Sand, der immer in Bewegung ist. Die Körner reiben sich aneinander, und in der Stille hört es sich an wie Sphärenmusik. Du stehst vor der Mauer mit Augen, Nase und Mund voller Staub, aufgewirbelt von der Piste. Trotz Schutzbrille, trotz Dschellaba (Wüstenumhang), die für den Sand fast undurchdringlich ist. Du stehst dort und wartest, kein Laut, kein Hallo, kein Zeichen von anwesenden Menschen. Kein Fenster öffnet sich, keine Fragen, nichts. Tatsächlich aber wirst du genauestens gemustert und fixiert, schon lange, bevor du vor den Toren der Anlage stehst. Man weiß genau, wer da kommt. Wozu gibt es Funk? Vor dem Tor wird die Fracht abgeladen. Menschen, vormals Legionäre. Der Wagen dreht und fährt los. Nichts, nicht einmal eine Empfangsbestätigung. Die Männer stehen oder liegen vor dem Tor und harren der Dinge. Weglaufen? Wohin? Sinnlos. Hinter dem Tor wird dein Lebenslicht so weit heruntergefahren werden, dass selbst eine Ameise eine Brille braucht, um dich zu erkennen. Für dich gibt es keine Zukunft. Für dich zählt nur das Jetzt. Du bist in einem anderen Jahrhundert gelandet. Du musst deine Lebensform der von Tieren angleichen. Du musst stark sein und auch unsichtbar für deine Peiniger; unscheinbar, ja nicht auffallen. Du wirst zu einem Überlebenskünstler in Perfektion oder du verreckst ganz einfach. Hinter der Mauer arbeiten unter unsäglichen Leiden die Gefangenen in einem Steinbruch. Sprechen verboten. Alles, aber auch alles wird im Laufschritt erledigt, auch gegessen. Dazu ständig einen Sack auf dem Rücken mit 10 bis 20 kg Sand gefüllt. Keine Gurte, nein Telefonkabel dienen als Trageriemen; eine echte Qual. Die Unglücklichen bauen dort mit der Akribie von Geisteskranken Brücken. Brücken, fugenlos aus Steinen zusammengesetzt. Jeder Stein trägt die eingemeißelte Matricule desjenigen, der den Stein gemeißelt hat, mit „mikroskopisch" kleinen Hämmern. Diese Brücken, filigran anzusehen, zieren nach unbestätigten Angaben die Gärten reicher Leute in Amerika. Der Preis? Keiner weiß es. Bis heute noch hat kein Mensch recherchiert, wer genau die Käufer waren oder wo man sie findet. Haben die überhaupt eine Ahnung, was sie in ihren Gärten stehen haben? Man sollte es einmal erforschen. Mehr weiß ich dazu nicht zu sagen. Nicht einmal nach Kriegsende in Algerien hat man noch etwas von dem Schicksal der Gefangenen von Colomb-Béchar gehört.

    Wohin mit der Legion?

    Die Spekulationen wucherten dermaßen, dass jede neue Variante des „Wohin mit der Legion" tausendfach diskutiert und analysiert wurde. Fakt schien jedoch zu sein, dass wir auf keinen Fall nach Frankreich verbracht würden. Erinnern wir uns daran, dass schon bei ihrer Gründung festgeschrieben wurde, dass die Fremdenlegion nicht im Mutterland stationiert sein durfte. Tahiti war noch die angenehmste Version. Auch Madagaskar wurde gehandelt. Wir gehen nach Kuba und verjagen Fidel Castro! Warum nicht nach Französisch-Guayana? Südamerika kann doch bestimmt einige Leute gebrauchen, die Krummes wieder gerade biegen oder auch umgekehrt. Verdächtig lang hielt sich eine Version, die allerdings den Älteren unter uns so gar nicht schmecken wollte. Dabei standen ihnen gleich die verstümmelten Veteranen vor Augen, die im Versehrten- und Altenheim der Legion im südfranzösischen Puyloubier in den Betten lagen oder sich auf Händen fortbewegten, weil ihnen der Vietminh die Beine weggeballert hatte. Jene, die täglich nur darauf warteten, endlich in der Hölle oder sonstwo zu landen. Selbst bei den mit Morphium vollgepumpten Krüppeln machte das Gerücht die Runde, die glorreiche Légion Étrangère solle komplett an die Amerikaner verkauft werden. Ein echter Hammer, aber nicht ohne Logik. Die Herren im Pentagon bekamen zunehmend Schwierigkeiten in Vietnam – und welch großartige Gelegenheit bot sich ihnen jetzt! Hatte die Legion doch „gewisse Erfahrungen" im Dschungel Indochinas gesammelt. Erfahrungen, die mit Tausenden von Gefallenen erkauft worden waren.

    Das Debakel von Dien Bien Phu war noch in lebendiger Erinnerung. Dass Indochina für die Legion in die Hose ging, hatte nichts mit fehlender Motivation oder Mangel an Tapferkeit zu tun. Nein, bestimmt nicht. Dies würde auch das Andenken an die vielen Toten beflecken. Indochina und Dien Bien Phu waren – zumindest nach Ansicht vieler, die dort gekämpft hatten – das Ergebnis verfehlter Strategien und absichtlicher logistischer Fehlplanungen. Böse Zungen behaupteten, das Fiasko in Indochina sei gewollt gewesen. Einige leicht überspitzte, aber gar nicht so wirklichkeitsfremde Beispiele: Verlangte die Artillerie Granaten, erhielt sie Verbandszeug. Forderte die Infanterie Waffen, flog man Adventskalender ein. Diese Beispiele ließen sich beliebig fortsetzten. Wie sagten schon die alten Römer: Qui bono? Wem nützt das Ganze?

    Auf alle Fälle erklärten sich für uns Legionäre die verdächtig häufigen Besuche von Amerikanern in Stützpunkten der Legion; in Algier, Oran und im französischen Kriegshafen Mers-el-Kébir. Immer cool, die Jungs der Navy und der Army. Eines Tages erhielt ich Gelegenheit, den Flugzeugträger „Independence zu besuchen, und genoss die stete Bewunderung der Amis. Klar, die Legion wäre für „Uncle Sam ein fetter Braten gewesen. Aber wie sagt das Sprichwort: Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

    Durch das Interesse der Amerikaner kamen einige Strategen im französischen Verteidigungsministerium wohl auf die zündende Idee mit der neuen Heimat. Indirekt brachte sie wohl die Invasion in der Normandie auf den Trichter. Direkt neben Marseille liegt doch das wunderschöne Aubagne. Klar doch. Ein noch perfekt eingerichtetes Invasionslager der Alliierten aus dem Zweiten Weltkrieg. Dort könnten wir den Großteil der Legion platzieren. Unerklärlich waren für mich und andere Kameraden die völlig veränderte Sichtweise, besagte doch ein Dekret, dass – verdammt noch mal – die Legion im Mutterland nichts zu suchen hätte. Man wollte sich doch nicht wirklich mit diesen zwar gloriosen, aber trotzdem wenig repräsentativen Elementen umgeben. Man brach sich echt einen ab. Es soll in den oberen Riegen zu sehr kontroversen Auseinandersetzungen gekommen sein. Diese neue Art der französischen Gastfreundschaft war damals für uns ein echter Affront. Klar war die Legion gut genug, für die Interessen der Grande Nation zu sterben. Aber war sie der auch gut genug, um ihr eine neue Heimstatt zu bieten? Hier im Mutterland? Willkommen waren wir eben nur bei Paraden, nur zum Repräsentieren. Beispielsweise am 14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag. Wie wurden wir da in Paris gefeiert. Man stelle sich Hunderttausende Menschen auf den Straßen vor; Millionen an den Fernsehgeräten, wie

    Gefällt Ihnen die Vorschau?
    Seite 1 von 1