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Stableford: Ein Krimi aus Cornwall
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eBook262 Seiten3 Stunden

Stableford: Ein Krimi aus Cornwall

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Über dieses E-Book

England 1936. Acht Golfer folgen der Einladung des Bankhauses Milford & Barnes zu einem Golf-Wochenende in Cornwall. Obwohl von ihrem Gastgeber jede Spur fehlt, beschließen sie, das Turnier auszutragen. Doch es endet vorzeitig - mit einem Mord. Durch ein Unwetter von der Außenwelt abgeschnitten, beginnen sie, den Mörder auf eigene Faust zu suchen. Der Literaturprofessor Stableford, ein eifriger Leser von Kriminalromanen, übernimmt die Rolle des Detektivs nur allzu gern. Doch es gibt ein Problem: Er hat sich Hals über Kopf in die Hauptverdächtige verliebt. Für ihn steht fest, dass sie es nicht gewesen sein kann, aber sollte er sich wirklich auf sein Gefühl verlassen? Da geschieht ein zweiter Mord …

Ein klassischer Detektivroman im Stil der 1920er und 1930er Jahre! Agatha Christie und Dorothy L. Sayers lassen grüßen …
SpracheDeutsch
HerausgeberDryas Verlag
Erscheinungsdatum28. Sept. 2015
ISBN9783940258533
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    England 1936. Acht Golfer folgen der Einladung des Bankhauses Milford & Barnes zu einem Golf-Wochenende in Cornwall. Obwohl von ihrem Gastgeber jede Spur fehlt, beschließen sie, das Turnier auszutragen. Doch es endet vorzeitig – mit einem Mord. Durch ein Unwetter von der Außenwelt abgeschnitten, beginnen sie, den Mörder auf eigene Faust zu suchen. Der Literaturprofessor Stableford, ein eifriger Leser von Kriminalromanen, übernimmt die Rolle des Detektivs nur allzu gern. Doch es gibt ein Problem: Er hat sich Hals über Kopf in die Hauptverdächtige verliebt. Für ihn steht fest, dass sie es nicht gewesen sein kann, aber sollte er sich wirklich auf sein Gefühl verlassen? Da geschieht ein zweiter Mord … Ein klassischer Detektivroman im Stil der 1920er und 1930er Jahre! Agatha Christie und Dorothy L. Sayers lassen grüßen …Man hört es schon seit Jahren, doch mittlerweile verdichten sich die Zeichen: Der klassische Rätselkrimi ist dabei ein Comeback zu feiern.In Großbritannien erzielte die British Library mit ihren Neuveröffentlichungen klassischer Kriminalromane große Erfolge. Autoren wie Freeman Wills Croft, John Bude oder Jefferson Farjeon, deren Namen längst in Vergessenheit geraten waren, konnten überraschend hohe Auflagen erreichen, was zeigt, dass es offensichtlich eine Gruppe von Lesern gibt, die an solchen Geschichten interessiert ist.Aber es sind nicht nur die alten, die zurückkehren, es wird auch immer mehr neues veröffentlicht, das den Geist klassischer Krimirätsel atmet. Wenn Adrian McKinty in seinen Hardboiled-Roman Die Verlorenen Schwestern ein unmögliches Verbrechen einbaut, dann ist das nicht nur eine Hommage an vergangene literarische Zeiten, sondern auch ein Beweis, dass ein Mord im verschlossenen Raum ohne weiteres in einem realistischen Umfeld existieren kann.Ob Agatha Christie, John Dickson Carr oder G. K. Chesterton, immer mehr Autoren nehmen sich ein Beispiel an diesen Klassikern.Und ja sogar die Abenteuer der alten Detektive wie Albert Campion, Lord Peter Wimsey und Philip Marlowe werden fortgesetzt. Und nicht zu vergessen: Die Rückkehr eines der größten klassischen Detektive überhaupt, Hercule Poirots, in Sophie Hannahs Die Monogramm-MordeWenn diese Renaissance im deutschsprachigen Raum bisher kaum zur Kenntnis genommen worden ist, dann liegt das einfach an den eher ungünstigen kulturellen Bedingungen. Denn im Gegensatz zum angelsächsischen Raum, Frankreich oder den Benelux-Ländern existiert in Deutschland keine Tradition des klassischen Detektivromans. Es gibt nun mal kein deutsches Pendant zu Agatha Christie oder John Dickson Carr, wir haben ja nicht einmal eine deutschsprachige Ruth Rendell oder P. D. James.Als frühester deutscher Krimiklassiker wird dann auch jemand wie Friedrich Glauser genannt, der seine Bücher gut hundert Jahre nach E. A. Poe veröffentlichte. Und auch wenn Poe wiederum von E.T.A. Hoffmanns Das Fräulein von Scuderi inspiriert worden sein soll, scheint doch eine über hundertjährige Kluft zwischen diesem und den ersten bekannteren deutschen Genrevertretern zu liegen. Jahrzehnte in denen Kriminalliteratur in deutschen Landen offensichtlich überhaupt nicht stattfand. Jetzt könnte man natürlich lang und breit darüber spekulieren woran dies liegt. Sind es politische, soziale oder vielleicht sogar genetische Ursachen, die deutsche Autoren davon abhielten im Bereich der Genre-Literatur zu glänzen? Nun, vielleicht werden wir es nie erfahren und es bedürfte ohnehin klügerer Köpfe als mich, um eine Antwort auf diese Frage zu geben.Zwar gab es mittlerweile Bestrebungen doch noch das eine oder andere Krimiwerk aus der klassischen Ära auszugraben (so wie Elf Abenteuer des Joe Jenkins von Paul Rosenhayn, ebenfalls bei Goldfinch erschienen), aber diese bleiben letztendlich Ausnahmen, da es ihren Autoren nie gelungen ist eine deutsche Schule der Spannungsliteratur zu begründen.Aber zurück zu Glauser – dieser war natürlich bereits ein sozialkritischer Autor, dem mehr an einer realistischen Milieuschilderung lag als an besonders raffiniert verübten Verbrechen. Und das blieb auch immer der Fokus deutscher Kriminalliteratur. Moralische Haltung schien stets wichtiger als Unterhaltung, Sozialkritik war wesentlicher als Einfallsreichtum.Wenn deutsche Autoren also heute Rätselkrimis verfassen, sind sie gezwungen sich an ausländischen Vorbildern zu orientieren. Ja mehr noch, sie tun sogar gut daran ihre Geschichten im angelsächsischen Raum, vorzugsweise in England spielen zu lassen. Das verleiht dem Ganzen noch eine zusätzliche Künstlichkeit, bewegt man sich ohnehin von Anfang an in einer Art Märchenwelt, die nach ihren eigenen Regeln funktioniert.Hier ist es normal, wenn Hobbydetektive plötzlich die kniffligsten Verbrechen lösen, an denen ihre professionellen Kollegen verzweifeln, wenn Mörder ihre Taten mit Akribie im Voraus planen und auf die denkbar komplizierteste Art und Weise durchführen.Rob Reefs Stableford ist ein wahrhaftiger „armchair detective“, jemand der die Welt gemütlich aus seinem Sessel heraus beobachtet. Trotzdem ergreift er die Gelegenheit am Schopfe und wird zum agilen Sherlock Holmes. Das Verbrechen ist für ihn vor allem eine geistige Herausforderung, eine Zaubervorführung, deren Trick man erraten muss.Der Kreis der Verdächtigen ist klein, aber die Figuren sind interessant genug um bis zum Schluss undurchsichtig zu bleiben. Jeder ist ein wenig Verdächtig, aber die verdächtigste Person muss selbstverständlich unschuldig sein. Und schuldig ist am Ende jemand, von dem man es niemals vermutet hätte.Natürlich zollt das Buch den berühmten Vorgängern Reverenz, und als Krimifan macht es Spaß die Verweise auf die Klassiker zu entdecken. Am ehesten drängt sich natürlich der Vergleich mit Christies Und dann gabs keines mehr auf. Eine kleine Gruppe von Menschen wird für ein Wochenende an einen unheimlichen Ort eingeladen. Durch ein Unwetter wird die Gruppe von der Außenwelt abgeschnitten und dann geschieht ein Mord. Wenn der Hobbydetektiv sich bei seinen Ermittlungen unter seinen Gefährten einen Watson sucht, dann erinnert das an A. A. Milnes Das Geheimnis der Roten Hauses.Selbst die etwas aufgesetzt wirkende Parallele, die Stableford zur antiken griechischen Tragödie Antigone zieht, hat ihren Ursprung im Golden Age. Schon Christie und Ngaio Marsh bemühten immer wieder Shakespeare in ihren Geschichten. Eine Aura des Tragischen umwehte stets die Mordfälle, ohne aber ins zu Düstere und Pessimistische abzugleiten.Der Roman ist in einem sehr leichten unterhaltsamen Ton geschrieben und macht einfach Spaß. Ähnlich wie Christie versteht es auch Rob Reef klar zu formulieren und den Leser so gekonnt durch die Handlung zu führen.Stableford ist eine angenehme Überraschung, denn hier haben wir es mit etwas wirklich seltenem zu tun, nämlich einer respektvollen und gelungenen Hommage an klassische Detektivromane.Eine Fortsetzung existiert schon, aber vielleicht wird John Stableford ja sogar zum Serienhelden. Und vielleicht bekommt der klassische Krimi dadurch wieder ein wenig Aufwind. Das wäre doch schön.

Buchvorschau

Stableford - Rob Reef

KAPITEL 1: 10 Uhr 30 ab Paddington

Ungeheuer ist viel. Doch nichts ungeheurer als der Mensch, dachte John Stableford, Professor für Literatur am Londoner Lazarus College, als er sich einen Weg durch die graue Menschenmasse in der gewaltigen Halle der Paddington Station bahnte. Sein Ziel war der Zehnuhrdreißig nach Penzance, der berühmte Cornish Riviera Express. Es war ein kalter Oktobermorgen im Jahr 1936 und die Menschen, die sich an ihm vorbeischoben, trugen dicke Mäntel und Schals. Stablefords Gepäck bestand aus einem kleinen Reisekoffer und einer Golftasche aus Segeltuch. Fröstelnd tastete er nach dem Ticket in der Innentasche seines alten Tweedanzuges, den er dem Anlass entsprechend trug. Über diesen Anlass wusste er reichlich wenig. Die Einladungskarte, die er nur eine Woche zuvor mit der Nachmittagspost erhalten hatte, war knapp gefasst:

„Das Bankhaus Milford & Barnes gibt sich die Ehre, Sie, John Wickham Stableford, als langjährigen Kunden zu einem Golf-Wochenende in Peters Peter (Cornwall) einzuladen.

Wir haben uns erlaubt, für Sie ein Zimmer im Peters Inn (bei Peters Peter) zu reservieren. Das Turnier beginnt am Samstag um 8.30 Uhr. Gespielt wird Stableford."

Obwohl er tatsächlich ein langjähriger Kunde dieses Bankhauses war, hatte Stableford das Schreiben zunächst für einen dummen Scherz gehalten, denn Witze über seine Namensgleichheit mit Dr Frank Stableford, dem Mediziner und Erfinder der im ganzen Land immer populärer werdenden Golfzählmethode, hörte er nicht nur in seinem Golfclub. Sprüche wie „Stableford spielt Stableford oder „Hey, Stableford, wie steht’s? waren auch unter seinen Studenten sehr beliebt. So war er nicht wenig überrascht gewesen, als nur einen Tag nach der Einladung und ohne Zusage seinerseits ein Brief mit einem Zugticket erster Klasse eingetroffen war. Da er allein lebte und ihn die Studien für sein neuestes akademisches Buchprojekt, „Die abenteuerliche Reise (Quest) als philosophischer Erkenntnisweg im Werke Joseph Conrads", über viele Wochen an seinen Schreibtisch gefesselt hatten, war ihm die Entscheidung für Peters Peter letztlich nicht schwergefallen. Trotz seiner tiefen Abneigung gegenüber gesellschaftlichen Anlässen jeder Art erschien ihm das Wochenende auf dem Lande als eine willkommene Abwechslung und ein geeignetes Mittel, seine geistige Erschöpfung zu überwinden.

Die große, dreiteilige Bahnhofsuhr der Paddington Station zeigte Viertel nach zehn. Am Bahnsteig Nr. 1 angelangt, wo der Express schon bereitstand, machte Stableford sich auf die Suche nach dem St.-Ives-Kurswagen erster Klasse. Er fand ihn im hinteren Teil des Zuges, klopfte die kurze Bulldog-Pfeife aus, die stets zwischen seinen Zähnen steckte, stieg ein und las – nun vollends von der Echtheit der Einladung überzeugt – seinen Namen an einer Abteiltür. Koffer und Golftasche waren schnell in den Gepäcknetzen des noch leeren Coupés verstaut, und bereits bevor sich der Zug in Bewegung setzte, saß Stableford an einem Tisch im Speisewagen. So begann seine abenteuerliche Reise.

KAPITEL 2: Die Dame im Zug

„Verzeihung, ist dieser Platz noch frei?"

Stableford sah von seinem Frühstück auf und verlor sich in einem graublauen Augenpaar. Vor ihm stand eine junge Frau von sieben- oder achtundzwanzig Jahren. Sie war schlank, trug ein grünes Tweedkostüm, dunkle Strümpfe und flache Schuhe. Ihr ovales, von kupferfarbenen Locken umrahmtes Gesicht war das Schönste, was er seit Langem gesehen hatte. Während er noch ungläubig darüber nachdachte, ob sich die oft besungene Liebe auf den ersten Blick so anfühlen mochte, bemerkte er, wie sich ihr zunächst freundlicher Gesichtsausdruck zusehends in Empörung verwandelte.

„Hat es Ihnen die Sprache verschlagen? Ist dieser Platz noch frei oder ist der Tisch für Sie und Ihre schlechten Manieren reserviert?"

Der scharfe Ton ließ ihn aus seiner Starre erwachen.

„Entschuldigung, nein – ich meine ja, der Platz ist noch frei, stammelte er. Dabei spürte er, wie Wut in ihm aufstieg. Wer war dieses schnippische Geschöpf, das ihm jetzt gegenübersaß und ihn gegen seinen Willen so verzauberte? Aber geschah es tatsächlich gegen seinen Willen? Während Stableford dieser Frage nachhing, begann sich sein Ärger zu legen. Er hatte – nun vollends verwirrt – das brennende Bedürfnis, den missglückten Erstkontakt durch eine leichte Unterhaltung wiedergutzumachen, obwohl das seichte Geplauder definitiv nicht seine Stärke war. Von ihrer barschen Art und seinen eigenen Gefühlen verunsichert, verwarf er nacheinander „das Wetter, „das Reisen mit der Eisenbahn und „die neuesten West-End-Produktionen als mögliche Themen und zog es schließlich doch vor zu schweigen.

Das war seit Jahren seine sichere Festung, ein Ort, an dem er sich wohlfühlte und den er nur selten verließ. Und doch ertappte er sich jetzt dabei, wie er die junge Frau gebannt beobachtete. Erst als sie aus ihrer Tasche ein Buch hervorholte und – ihn demonstrativ ignorierend – darin zu lesen begann, eröffnete sich ihm ganz unverhofft die Chance auf ein Gesprächsthema, bei dem er sich sicher fühlte. Es war ein Detektivroman, den er kannte, denn Detektivromane waren seine heimliche Leidenschaft.

„‚Der Mord am Viadukt‘, ein gutes Buch, begann er vorsichtig und etwas mühsam. „Wussten Sie, dass der Autor ein katholischer Priester ist?

„Nein, das wusste ich nicht, aber sicherlich wird mir dieser wertvolle Hinweis helfen, die ethisch-moralische Dimension eines völlig banalen Rätselromans besser zu begreifen. Sie müssen sich nicht mit mir unterhalten, nur weil ich an Ihrem Tisch sitze."

„Ich unterhalte mich eigentlich gern, log Stableford, dann ergänzte er gereizt: „Und, nebenbei bemerkt, ein wenig ethisch-moralische Dimension würde Ihren Manieren sicherlich nicht schaden.

Sie sah auf und für einen Moment hatte er das instinktive Bedürfnis, in Deckung zu gehen. Doch der erwartete Angriff blieb aus. Stattdessen musste sie lachen und Stableford stimmte erleichtert ein.

„Wollen wir Frieden schließen?, fragte er. „Mein Name ist John Stableford, und nur für den Fall, dass Sie mich weiter ignorieren wollen, möchte ich noch anmerken, dass das Rührei hier nicht zu empfehlen ist.

„Nennen wir es zunächst einen Waffenstillstand, wenn Sie einverstanden sind. Mein Name ist Harriet Taylor. Ist das Rührei wirklich so schlecht?"

Harriet Stableford – ja, das würde gut klingen, dachte er und erschrak. Dann riss er sich zusammen und sagte mit fester Stimme: „Ja."

Erst jetzt schien die junge Frau ihn etwas genauer zu betrachten. Offenbar fand sie ihn nicht unsympathisch. Ihre Anspannung legte sich zusehends, und als ihr Tee serviert wurde, begann sie ganz unvermittelt von ihrer Familie in Yorkshire zu erzählen: von ihrer über alles geliebten Mutter, ihren drei jüngeren Schwestern und ihrem Vater, dem Vikar von Upper Biggins, einem kleinen Dorf in den North York Moors. Und da Stableford ihre Geschichten sichtlich genoss, erzählte sie weiter – von ihrer abenteuerlichen Ankunft in London, ihrem ersten Job als Verkäuferin in einem Hutladen in der Oxford Street, dem zweiten als Garderobiere in einem Nachtclub nahe der Tottenham Court Road und von ihrer letzten Beschäftigung, dem Modellsitzen für eine Gruppe junger Künstler, die ihre Ateliers größtenteils in Chelsea hatten. Dann schwieg sie plötzlich und schien ihren Gedanken nachzuhängen, sodass schließlich Stableford nach einem kurzen Zögern ins Erzählen geriet: von seinem Studium in Oxford und seiner anachronistischen Existenz als Literaturprofessor in einer Zeit, die die Naturwissenschaften und ihre Anwendung, die Technik, vergötterte.

„Und wie kommt es, dass sich ein Literaturprofessor für ein so triviales Genre wie den Detektivroman interessiert?", fragte Harriet und deutete auf ihr Buch.

„Nun, meine Beschäftigung damit liegt näher, als Sie vielleicht ahnen, antwortete Stableford lächelnd. „Fragen Sie den nicht mehr ganz nüchternen Dekan eines x-beliebigen Colleges in Oxford oder Cambridge nach dem interessantesten Buch der letzten Jahrzehnte und er wird Ihnen erklären, dass er sich nicht zwischen ‚Trents letzter Fall‘ und ‚Roger Ackroyd und seine Mörder‘ entscheiden kann. Früher spielten die Gelehrten in ihrer Freizeit Schach, heute messen sie ihre intellektuellen Fähigkeiten im Wettstreit mit den Autoren von Detektivromanen. Der obligatorische Mord zu Beginn dieser Geschichten ist, um im Schach-Jargon zu bleiben, der Eröffnungszug des Autors, auf den hin der Leser seine erste Schlussfolgerung ziehen muss, bis schließlich einer der beiden Kontrahenten den König, also den Mörder, schachmatt setzen kann. Das Ganze hat schon an sich einen hohen intellektuellen Reiz, der eigentliche Clou liegt für mich allerdings in der strukturellen Nähe der typischen Handlungsmuster dieser Romane zum philosophisch-wissenschaftlichen Denken selbst.

„Jetzt wollen Sie mich aber veralbern!", rief Harriet lachend.

„Nichts liegt mir ferner! Ich halte den Detektivroman tatsächlich für die letzte Form des reinen spekulativen Denkens in unserem säkularisierten Zeitalter. Er hat, wenn Sie so wollen, eine metaphysische Grundstruktur, obwohl das zu lösende Problem, also der Mord, stets ein immanentes ist. Aber ich langweile Sie bestimmt mit meinem trockenen akademischen Gerede."

„Ganz und gar nicht! Mein Vater hat meine Schwestern und mich früh an die klassischen Denker herangeführt. Wenn ich Sie richtig verstehe, fasziniert die Gelehrtenwelt am Detektivroman das freie Spiel mit logischen Schlüssen, die durch die Abkehr von den großen philosophischen Fragen in der Welt der Wissenschaft kaum mehr von Belang sind."

„Ganz genau, Miss Taylor, sagte Stableford beeindruckt und verliebte sich gleich noch ein bisschen mehr in die junge Dame. „Der Detektiv stellt wie der Philosoph Hypothesen in einer für ihn unerklärbaren Welt auf. Er betritt sozusagen ein Labyrinth, wenn er mit der Aufklärung des Falls beginnt. Dort folgt er verwirrenden Hinweisen, Spuren und Aussagen, die er logisch ordnen muss, um dem Zentrum näher zu kommen.

„Wo ihn dann der Minotaurus erwartet?", fragte Harriet mit einem leicht ironischen Unterton.

„Eher ein zeitgemäßeres Monster, Miss Taylor – der Mörder, den er überwältigen oder zumindest überführen muss. Der glückliche Theseus hatte den Ariadnefaden zu seiner Unterstützung, der moderne Held aber muss sich seinen eigenen Faden spinnen, um dem Labyrinth zu entkommen. Dazu knüpft er aus Beobachtungen und Befragungen den Tathergang zusammen und bringt so die Wahrheit mit ans Licht."

„Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, Mr Stableford, aber Ihr Ariadnefaden erscheint mir doch eher als das Seemannsgarn alter Sagen. Ist nicht vielmehr die Rationalität der Leitfaden, an den sich die populären Ermittler in Ihren Detektivromanen halten?"

„Sie denken vermutlich an Doyles Sherlock Holmes und Poes Dupin, die ihre Fälle nach strengen rationalen Methoden aufklären. Nun, es mag Sie überraschen, aber von den etwa zweihundertdreißig Schlüssen, die Sherlock Holmes in seinen Abenteuern nach seiner deduktiven Methode zieht, erfüllen nur knapp dreißig die Kriterien einer wissenschaftlich fundierten logischen Deduktion. Nur in diesen wenigen Fällen nimmt er es auf sich, die Gültigkeit seiner Hypothesen empirisch zu prüfen. Holmes ist durchaus vielseitiger, als uns sein Chronist Dr Watson glauben machen will. Er schließt deduktiv und induktiv, also sowohl vom Allgemeinen auf das Besondere als auch von beobachteten Phänomenen auf eine allgemeine Erkenntnis. Aber vorrangig stellt er Hypothesen im Sinne der Abduktion auf, das heißt, er folgt seiner Intuition, wird kreativ und rät. Tatsächlich sind seine Nachforschungen so erfolgreich, weil er das Raten perfekt beherrscht. Natürlich nutzt er auch hin und wieder naturwissenschaftliche Methoden, aber wenn Sie Holmes einmal näher betrachten, führt er, sieht man von seinen Lastern ab, das asketische Leben eines gelehrten Mönchs. Selbst Dr Watson passt in diesen Interpretationsansatz: Holmes hat keine Familie, dafür einen ewigen Novizen, der die Taten seines Lehrers preist und für die Nachwelt niederschreibt."

„Ich fand Dr Watson immer sehr sympathisch, sagte Harriet nachdenklich. „Und das nicht nur, weil Watson der Mädchenname meiner Mutter ist. Er mag naiv erscheinen, aber er verleiht den Geschichten Menschlichkeit und hält den gesunden Menschenverstand trotz all seiner Schwächen in Ehren.

„Da haben Sie vollkommen recht! Holmes wäre allein nicht zu ertragen. Und doch wünschte ich mir, ein Mal in seine Fußstapfen treten zu können. Mir muss ja nicht gleich ein Mörder über den Weg laufen. Ein Diebstahl oder die Jagd nach einem Erpresser würden mir für den Anfang schon genügen, gestand Stableford. „Ich verbringe dieses Wochenende übrigens auf einem Golfplatz, ganz so wie die Protagonisten in Ihrem Detektivroman. Vielleicht kommt die Gelegenheit zur Aufklärung eines Verbrechens ja ganz unverhofft in Peters Peter. So heißt der Ort, an dem das Turnier stattfindet.

Harriet blickte ihn fassungslos an. Dann stand sie ohne ein weiteres Wort auf und verließ hastig den Speisewagen.

Stableford starrte ihr hinterher und fragte sich, was er falsch gemacht hatte. Frauen waren für ihn wie ein Buch mit sieben Siegeln. Er fühlte sich fraglos zu ihnen hingezogen, aber er verstand sie nicht. Bei Harriet schien es anders gewesen zu sein, aber hatte er sich nicht schon einmal gründlich getäuscht?

Obwohl er keinen Alkohol vertrug, bestellte er sich einen Whisky, entzündete seine alte Pfeife und betrachtete, seinen düsteren Gedanken nachhängend, die vorbeiziehende Landschaft. Als der Zug ein Waldstück durchquerte, sah er sich plötzlich selbst in der Fensterscheibe und musterte sein Spiegelbild. Er war schlank, mittelgroß und sicher kein Adonis. Trotz seiner zweiundvierzig Jahre wirkte er eher wie Mitte dreißig. Die Narbe über seiner rechten Augenbraue verlieh seinem Gesicht etwas Düsteres, aber seine lebendigen braunen Augen, seine schmalen Hände und seine intelligente, leicht melancholische Ausstrahlung erschienen ihm nicht unattraktiv. Doch wer wusste schon, was Frauen an Männern attraktiv fanden?

Mit dem dritten Whisky brachte ihm der besorgt dreinblickende Kellner unaufgefordert die Rechnung. Resigniert kam Stableford zu dem Schluss, dass er wohl genauso flirtete, wie er Golf spielte: Er machte einfach zu viele dumme Fehler. Wie war er nur dazu gekommen, einer vollkommen fremden Dame beim ersten Aufeinandertreffen seinen albernen Pennälerwunsch zu offenbaren, ein Mal Sherlock Holmes spielen zu dürfen? Kein Wunder, dass sie verschreckt das Weite gesucht hatte! Vielleicht war es besser so, versuchte er sich selbst einzureden und merkte doch sofort, dass er über das abrupte Ende dieses unverhofften Tête-à-Têtes noch lange nicht hinwegkommen würde.

Erst jetzt fiel ihm auf, dass Harriet ihr Buch auf dem Tisch vergessen hatte. Er nahm es an sich und öffnete es. Auf der Innenseite des Buchdeckels befand sich ein kunstvoll gestaltetes Exlibris: An einer dorischen Säule lehnte eine griechische Göttin, die eindeutig Harriets Gesichtszüge trug. Unter der Abbildung stand mit roter Tinte geschrieben: „Eigentum von William Slocum".

KAPITEL 3: Ein missgelauntes Trio

Zurück in seinem Abteil fand Stableford die drei Plätze gegenüber seiner Bankreihe belegt. Er grüßte und ließ sich am Fenster nieder – froh, wieder zu sitzen, denn der Whisky wirkte jetzt deutlich. Ihm gegenüber blätterte eine junge Frau von vielleicht zweiundzwanzig Jahren sichtlich gelangweilt in einem Magazin, das sie ungeschickt in einer Ausgabe der Vogue versteckt hielt. Sie trug ihr kurzes dunkelbraunes Haar wie die Dame auf dem Titelblatt und ein elegant geschnittenes rubinrotes Kleid mit Pelzbesatz am Kragen, das nach Stablefords Einschätzung ein kleines Vermögen gekostet haben musste. Als der Zug über eine Weiche fuhr, verrutschten ihr die beiden Zeitschriften für einen Moment, sodass Stableford den Titel ihrer wirklichen Lektüre erkennen konnte: „Ich gestehe. Wahre Geschichten um Liebe und Leidenschaft."

Sieh an!, dachte Stableford amüsiert und sank noch etwas tiefer in den gemütlich gepolsterten Sitz des Erste-Klasse-Coupés.

Ihm blieb nicht lange verborgen, dass die Stimmung im Abteil nicht die beste war. Der groß gewachsene korpulente Mittfünfziger im dunklen Anzug, der neben der jungen Dame saß, hatte Stablefords Gruß bei seinem Eintreten gänzlich ignoriert. Nun blickte er von seiner Zeitung auf, nickte ihm, mehr drohend als grüßend, zu, um gleich darauf wieder hinter dem Wirtschaftsteil der Times zu verschwinden.

Verwundert wandte sich Stableford der dritten Person im Abteil zu. Sie wirkte wie eine reifere Version der jungen Frau am Fenster. Ganz offensichtlich handelte es sich bei dem Trio also um eine Familie. Die Dame war etwa Anfang vierzig und schön, in einem erwachsenen Sinn des Wortes. Unter ihrem Pelzmantel trug sie ein durchaus gewagt geschnittenes schwarzes Kleid, an dessen Kragen eine große goldene Brosche in Form eines Skarabäus prangte. In ihrem Blick entdeckte Stableford nach einiger Zeit etwas, womit er nicht gerechnet hatte – Angst.

Er fühlte sich unwohl, denn die drei mussten sich kurz vor seinem Eintreten gestritten haben.

Mit der Spannung, die in diesem Abteil herrscht, könnte man halb London illuminieren, dachte er und stellte sich schlafend, bis ihn der Schlaf tatsächlich übermannte. Kurz vorher aber hörte er noch eine Frau flüstern.

„Ich habe ihn gesehen, Arthur, hier im Zug. Arthur, ich habe Angst."

Und die leise, aber scharfe Antwort eines Mannes: „Halt den Mund, Helen!"

KAPITEL 4: Den Anschluss verloren

„Sir! Hören Sie, Sir! Wir haben die Endstation erreicht. St. Ives, Cornwall. Sie müssen den Zug jetzt verlassen."

Stableford erwachte aus einem tiefen traumlosen Schlaf. In der Tür stand ein Schaffner. Das Abteil war leer.

„Wie lange stehen wir hier schon?", fragte Stableford verwundert.

„Nun, der Zug traf pünktlich um fünf Uhr fünfundvierzig hier in St. Ives ein", erwiderte der Schaffner und verschwand ohne ein weiteres Wort im Gang.

Stableford gähnte herzhaft und rieb sich die Augen. Dann erhob er sich, nahm sein Gepäck aus dem Netz über seinem Platz und stand wenig später auf dem völlig menschenleeren Bahnsteig, der nur schwach von zwei Gaslaternen beleuchtet wurde. Die Bahnhofsuhr zeigte sieben an. Ihre Zeiger waren das Einzige, was sich an diesem Ort bewegte.

In dem kleinen Gebäude hinter dem Bahnsteig fand Stableford zu seiner großen Erleichterung den Bahnhofsvorsteher. „Entschuldigen Sie, ich muss noch heute Abend nach Peters Peter weiterreisen. Wie mache ich das am besten?"

Der Mann sah ihn mitleidig an. „Peters Peter? Da haben Sie aber wirklich Pech. Vor dem Bahnhof warteten drei große Limousinen, die Gäste aus London nach Peters Peter bringen sollten. Sie sind allerdings schon

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