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Yep - warum nicht anders?: Anthologie

Yep - warum nicht anders?: Anthologie

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Yep - warum nicht anders?: Anthologie

Bewertungen:
5/5 (1 Bewertung)
Länge:
321 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
24. Okt. 2014
ISBN:
9783944737744
Format:
Buch

Beschreibung

15 Jahre dead soft verlag - zu diesem Jubiläum gibt es die passende Anthologie. Sieben brandneue schwule Kurzgeschichten von Susann Julieva, Sandra Gernt, Sandra Busch, Sabine Damerow, S.B. Sasori, Jobst Mahrenholz und Simon Rhys Beck. Der Erlös dieses Buches geht an die Initiative Rosa-Lila in Neubrandenburg. Alle Mitwirkenden verzichten auf ihr Honorar.
Herausgeber:
Freigegeben:
24. Okt. 2014
ISBN:
9783944737744
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Yep - warum nicht anders? - Simon Rhys Beck

Yep - warum nicht anders?

Anthologie

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2014

http://www.deadsoft.de

© der einzelnen Beiträge liegt bei den Autoren

Lektorat: Sandra Gernt

Cover: Toni Kuklik

Bildrechte © Grigoriev Ruslan – shutterstock.com

1. Auflage

ISBN 978-3-944737-73-7 (print)

ISBN 978-3-944737-74-4 (epub)

Vorwort

Als der dead soft verlag auf uns zu trat und uns seine Unterstützung angeboten hat, waren wir begeistert. Denn das ‚Buch‘ ist es, was auch ROSA-LILA am Herzen liegt.

Wir meinen, ein Roman oder eine Geschichte kann dabei helfen Vorurteile abzubauen. Bücher können Menschen bilden, sie unterhalten und Rat geben. Das ist es, was wir wollen. Daher hängt unser Herz besonders an unserer Bibliothek.

Aber wer sind wir überhaupt:

Die schwul-lesbische INITIATIVE ROSA-LILA wurde 1993 in Neubrandenburg gegründet. Sie hat es sich zum Ziel gesetzt zu informieren, zu beraten und einen Treff für Lesben, Schwule und Freunde zu schaffen.

Über die Jahre hinweg wurde das Sammeln und Ausleihen von Büchern ein wesentlicher Teil unserer Tätigkeit. Begonnen haben wir mit einer Handvoll. Nun sind es über achttausend Romane und Fachbücher, nahezu alle queeren Inhaltes, die wir der Öffentlichkeit zugänglich machen.

Neben der Bibliothek führen wir eine Beratungsstelle. Dort können sich Menschen an uns wenden, die Fragen rund um das Thema Sexualität haben. Zielgruppe sind hier vor allem Jugendliche, junge Erwachsene und Angehörige.

Zudem organisieren wir Bildungsangebote, wie Workshops oder Vorträge.

Wir sehen, dass noch lange nicht alle Vorurteile gegenüber Schwulen, Lesben und bisexuellen Menschen, aber auch Transgender, verschwunden sind. Noch immer gibt es Benachteiligungen in vielen Bereichen für diese. Und somit liegen auch immer noch genügend Herausforderungen vor uns.

Der dead soft verlag und die Autoren der vorliegenden Anthologie haben auf ihr Honorar verzichtet, um uns auf diesem Weg zu unterstützen. Dafür möchten wir sehr herzlich Danke sagen.

www.rosalila.de

Vorwort

15 Jahre sind eine lange Zeit – denke ich zumindest, wenn ich in den Spiegel sehe. Aber es ist auch eine ganze Menge passiert in den letzten Jahren.

Der dead soft verlag ist stetig gewachsen und hat sich positioniert: Wir veröffentlichen Gay Storys mit Stil von deutschsprachigen Autoren und Autorinnen.

Dabei werden wir bleiben, denn ich habe einige ganz persönliche Aufträge: die Förderung junger, bzw. bisher unbekannter Autoren und Autorinnen mit dem Anspruch, hervorragende Unterhaltungsliteratur zu veröffentlichen. Doch genauso wichtig ist mir, mithilfe der Geschichten zu zeigen, dass eine schwule Liebe genauso normal ist, wie die Liebe zwischen ‚Heteros‘. Toleranz ist nicht das Ziel, sondern Normalität. Und normal sind Dinge erst, wenn man sie nicht mehr erklären muss.

15 Jahre – ein Jubiläum. Und ein guter Zeitpunkt, um diese Anthologie mit neuen Kurzgeschichten zu veröffentlichen. Geplant und durchgeführt wurde die Idee selbstständig von den Autoren und Autorinnen. Alle Mitwirkenden verzichten auf ihr Honorar. Der Erlös geht an die Initiative Rosa-Lila.

An dieser Stelle möchte ich mich bei allen Autorinnen und Autoren bedanken, bei meinen Graphikern und den Lektoren. Aber auch bei allen Lesern und Leserinnen für die Treue und die Unterstützung – auf die nächsten 15 Jahre!

Simon Rhys Beck

Susann Julieva

Sommer am See

Als das vertraute Ortsschild vorbeizieht, bremse ich scharf runter. Die Hauptstraße, die sich durchs Tal windet, ist voll tückischer Schlaglöcher. Kein Mensch auf der Straße, Mittagshitze, Geisterdorf. Lange war ich nicht hier, und doch hat sich nichts verändert. Den Bäcker gibt es noch, den einzigen Laden in der Einöde. An der Dorflinde biege ich rechts ab und muss einen Schlenker um einen Polizeikleinbus machen, der unerwartet vor einem Grundstück parkt. Seltsam. Im Hof des Anwesens steht ein kleiner Bagger, überall stehen Beamte herum. Was tun die wohl in diesem Kuhkaff? Eine heißkalte Vorahnung streift mich. Ich mag nicht gaffen, fahre weiter. Das ungute Gefühl verfliegt.

Als der Waldrand in Sicht kommt, drehe ich das Autoradio leiser. Der Himmel ist wolkenlos, sommerblau. Mein Bauch reagiert auf die vertraute Umgebung mit warmem Kribbeln. Die kleine Senke, bevor der Weg steil Richtung Wald geht, mochte ich schon immer. Mit Absicht nehme ich sie ein wenig zu schnell und genieße den Hüpfer, den der alte Golf dabei macht. Auf den Feldern, die sich bis zu den Fichten ausbreiten, wogt goldgelbes Korn im Wind. Bald wird man es abernten. Die Stoppeln werden Kinder beim Drachensteigenlassen an den Beinen stechen. Fast kann ich das Knattern des bunten Stoffs im Wind vernehmen, das ungestüme Ziehen an der Leine in meiner Hand fühlen. Wir sind einst so gerne hier gewesen.

Der Wagen taucht in den Schatten der ersten Bäume ein und holpert den unebenen Waldweg entlang. Licht flackert zwischen den Fichtenkronen hindurch, es blendet mich. Das Auto schliddert leicht. Ich bremse behutsam, höre Steinchen im Radkasten klackern und gebe weniger Gas. Es ist nicht mehr weit. Ich kenne die Strecke derart gut, ich könnte sie schlafwandeln. Vergessene Welt. Das war immer der besondere Zauber dieses Ortes. Als wüssten allein wir, die Eingeweihten, dass es ihn gibt.

Da ist schon die Gabelung. Verwittert, als will er seine Aufschrift nur widerwillig preisgeben, steht der Wegweiser im wuchernden Farn. Ein Pfeil nach rechts und das Wort „See. Ich verzichte darauf, den Blinker zu setzen und biege ein. Zehn Meter weiter ragt wie eine abweisende Hand ein Schild auf, das drohend verkündet: „Privatweg. Kein Durchgang. Unbeeindruckt fahre ich weiter. Gleich kommt die huckelige Stelle, an der man im Auto stets kräftig durchgeschüttelt wird. Mächtige Wurzeln bohren sich durch den Untergrund. Noch eine enge Biegung, dann kann man zwischen den Bäumen hindurch einen ersten Blick auf den See erhaschen. Ich kurble das Fenster runter, bilde mir ein, ich könnte das Wasser riechen. Ein wohliger Schauder durchläuft mich. Zuletzt war ich im vergangenen Herbst hier, um das Haus winterfest zu machen. Alles ist so wundersam vertraut. Vielleicht wohnt ein Teil von mir dauerhaft am Waldsee, ein verlorenes Stück Seele.

Die Weißsprungs sind da, unsere Nachbarn zur Rechten. Ihr graues Auto parkt in der Auffahrt. Das alte Ehepaar kennt mich bereits, seit ich ein kleiner Knirps war. Beide sind nett, auch wenn Frau Weißsprung ein wenig geschwätzig ist. Ich halte an und steige aus, um unser breites, rostiges Gartentor zu öffnen. Waldduft begrüßt mich, zwitschernde Vögel. Es ist einfach herrlich hier. Das Tor lässt sich jedes Mal schwerer aufziehen, es müsste längst ersetzt werden. Doch das braucht mich nicht mehr zu kümmern. Vorsichtig fahre ich den Wagen auf unser Grundstück. Er passt gerade durch die Auffahrt. Kaum bin ich ausgestiegen, um meine Sachen aus dem Kofferraum zu holen, pirscht sich auch schon die Weißsprung an den Zaun.

„Nein, das gibt’s ja nicht, der Tommi! Bist du etwa noch größer geworden?"

Tommi. Niemand sonst nennt mich mehr so. Hier draußen werde ich wohl ewig mein kindliches Ich behalten. Ich muss lächeln, schaue in ihr faltiges Gesicht, ihre freundlichen Augen. Die tantenhafte Dauerwelle hat sie, solange ich sie kenne. „Hallo, Frau Weißsprung. Geflissentlich gehe ich nicht darauf ein, dass ich mit sechsundzwanzig längst ausgewachsen bin. „Wie geht’s denn?

„Ach, man kann nie genug klagen, sagt sie scherzend. Stets dieselben Sprüche, aber das hat etwas Anheimelndes, ist entspannt vertraut. „Das Häusler-Grundstück ist übrigens auch verkauft worden, meint sie unvermittelt, mit Wehmut in der Stimme. „Er ist ja letztes Jahr verstorben. Lungenkrebs."

Das wusste ich nicht und ich drücke mein Bedauern aus. Doch ganz ehrlich, unser Nachbar zur Linken war ein knurriger Spießer, dem man als Kind lieber aus dem Weg ging. Wir waren ihm zu laut.

„Wer hat es gekauft?", frage ich interessiert, denn die Weißsprung weiß alles. Sie hat Gartenzwergspione, hat Hanni immer gesagt, und wilde Geschichten erfunden. Dass die bunten Gesellen im Nachbargrundstück nachts zum Leben erwachen und auskundschaften gehen. Ihre übersprudelnde Fantasie. Ich vermisse das.

„Sie haben sich nicht vorgestellt, meint die alte Frau vorwurfsvoll und senkt bedeutungsvoll ihre Stimme. „Sind Ausländer. Als würde das alles erklären. „Sie sind seit vorgestern da. Sie fährt sich mit der faltigen Hand über ihre Gartenschürze. „Dass die sich eins der Grundstücke leisten können, wundert mich.

Das Schlimme ist, sie meint das nicht mal böse. Unangenehm berührt sage ich nichts dazu. Lieber packe ich demonstrativ meine Reisetasche und einen Wasserkanister. „Ich werde dann mal."

Sie sieht mich plötzlich unerwartet weich an, liebevoll. „Schön, dass du noch mal kommst, Tommi. Ihr werdet uns fehlen."

Ich nicke, habe auf einmal einen Kloß im Hals, will mir nichts anmerken lassen. „Danke, dass Sie aufs Grundstück geachtet haben, Frau Weißsprung." Sie winkt mir zu, als ich mich schwer bepackt auf den Weg zum Ferienhaus mache. Die Steinplatten sind fast völlig unter Moos verschwunden.

Hinter dem Zaun erspähe ich die neuen Nachbarn. Eine junge Familie. Nordafrikaner, dem Aussehen nach. Wunderschöne Hautfarbe, wie Kaffee mit viel Milch. Die Frau sonnt sich im Liegestuhl, ihr Haar ist kirschrot gefärbt. Sie hat ein blaues Tuch kunstvoll um den Kopf geschlungen, das ihre Frisur hochhält. Er sitzt auf den Stufen zur Veranda, ein Kleinkind auf dem Schoß. Wow – der Typ ist unerwartet heiß. Das schwarze Haar ist ganz kurz, er hat ein schönes, schmales Gesicht. Er trägt nur Bermudashorts und über seinen muskulösen Oberkörper zieht sich ein Tattoo. Aus der Entfernung kann ich nicht erkennen, was es darstellen soll, aber es sieht fremdländisch aus. Heiß, heiß, heiß. Was für ein Körper! Bisher war ich bloß mit deutschen Jungs zusammen. Die wenigen Ausländer in meinem Bekanntenkreis sind Türken, und die sind hier geboren und fast deutscher als wir. Keine Ahnung, warum der neue Nachbar mich dermaßen umhaut. Das ist ja wieder mal typisch. Glücklich verheirateter Hetero. Ich wende mich um und bemühe mich, diesen göttlichen Anblick aus meinen Gedanken zu verbannen. Es fällt mir schwerer, als ich mir eingestehen will.

Einen kurzen Moment ringen das Türschloss und ich, bevor es nachgibt und mir Einlass gewährt. Ich lasse das Gepäck auf der Veranda und tauche ins Dunkel des hölzernen Sommerhauses sein. Es riecht muffig. Seit Monaten nicht gelüftet. Meine Augen brauchen einen Moment, um sich zurechtzufinden. Ich taste mich zum nächsten Fenster, um den Laden zu öffnen. Das Holz hat sich verzogen und ich brauche Kraft, um den Verschluss aufzubekommen. Endlich Licht. Ich sehe mich im Raum um und bin überrascht von der zärtlichen Melancholie, die mich überkommt. Alles wie immer. Die Einrichtung besteht aus ausrangierten Möbelstücken meiner Großeltern. Das Übelste der Sechziger und Siebziger. Da ist der futuristisch geformte Korbsessel, der unerwartet bequem ist. An der Wand hängt das Goethe-Barometer meines Großvaters. Seine Sammlung von kitschigen Bierkrügen bevölkert das antike Buffet, das meine Mutter in einem aufdringlichen Grünton gestrichen hat. Sie behauptet, das war mal modern. Das Möbelsammelsurium ist scheußlich, und ich liebe es aus ganzem Herzen. Da ist sie also, meine Kindheit. Lebt weiter in diesen Wänden. Das Herz wird mir schwer bei dem Gedanken, dass bald nichts mehr davon bleiben wird. Nur wenige Teile kann ich gebrauchen und damit retten. Ein bisschen Retro-Geschirr, ein paar Gläser, ein Bild. Den Sessel eventuell, als Andenken? Vom Rest werde ich Stück für Stück abtransportieren und auf den Sperrmüll bringen. In mir sträubt sich alles vehement gegen diese Vorstellung, aber es hilft ja nichts. Die Dinge ändern sich. Vielleicht ist jetzt der richtige Zeitpunkt, loszulassen. Das Informatikstudium liegt hinter mir. Nach dem Sommer wartet mein erster Job als Netzwerkadministrator, eine neue Stadt. All dem blicke ich mit gemischten Gefühlen entgegen. Einerseits freue ich mich darauf, andererseits habe ich Respekt vor dem, was kommt. Es fühlt sich an, als müsste ich nun endlich erwachsen werden.

Was soll’s, ich muss das Beste aus der Situation machen. Bevor wir das Sommerhaus verkaufen können, muss ich alles auf Vordermann bringen. Da warten Unmengen von Arbeit auf mich. Das Grundstück ist total verwahrlost. Keiner von uns ist regelmäßig vor Ort, kümmert sich genug. Mein Vater war seit fünfzehn Jahren nicht hier. Ich öffne alle Fenster, um kräftig durchzulüften. Vom See her flattert ein erfrischender Windhauch herein. Ich mag die Aussicht aufs Wasser, das Schilf, die knorrigen Weiden. Der kleine Waldsee ist nicht zum Baden geeignet, dafür ist er zu überwuchert von Algen und Wasserlinsen. Man kann allerdings schön mit dem Ruderboot fahren, jedes Haus hat seinen Steg. Das Wasser verbirgt sich unter hellem Grün. Gerade zieht eine Ente ihre Spur hindurch, bahnt sich eine Furche. Die Realität trifft mich ganz plötzlich. Sind wir verrückt, diesen magischen Ort aufzugeben? Egal, was geschah und wie anders es seitdem ist. Meine Kindheit am See war eine wunderbare Zeit. Jedes Wochenende und die ganzen Sommerferien, Jahr für Jahr.

Im Geiste sehe ich Hanni und mich sorglos draußen herumrennen. Wir spielen Cowboys und Indianer. Meist endet es damit, dass wir Friedenspfeife rauchen. Dann schlagen wir uns ins Gebüsch, Winnetou und Old Shatterhand, gehen auf Spurensuche, erkunden den moosgepolsterten Wald. Unsere Eltern ahnen nicht, wie weit uns unsere Streifzüge führen. Bis zum verlassenen Steinbruch, vor dem man uns streng gewarnt hat. Deshalb übt er auf uns eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Wir entdecken die kleine Höhle und sind bald jeden Tag dort. Sie ist schwer zu erreichen, mitten in der bröckelnden Felswand. Mein Herz klopft bis zum Hals, wenn wir hinaufklettern, doch es lohnt sich. Der Eingang ist eng. Mehrmals schruppe ich mir die Schulter beim reinkriechen auf. Die Höhle ist gerade groß genug für zwei, uneben und geheimnisvoll. Wir schleppen Decken mit und machen es uns gemütlich, bauen uns ein weiches Nest. Hanni, neun Jahre alt und besserwisserisch wie eine Sechzigjährige, ist die Anführerin. Ich habe nicht ihre Fantasie, aber ich liebe die Abenteuergeschichten, die sie zusammenspinnt. Manchmal glaube ich sie sogar, weil sie so gut sind. Wie die von den Riesenechsen, die in der Urzeit in der Höhle gelebt haben. Und dass man sagt, dass es einige davon immer noch gibt. Sie hausen jetzt versteckt in den Wäldern und ihr Schuppenpanzer ist derart mit Moos bewachsen, dass man sie nicht sieht. Bis sie einem plötzlich das Bein abbeißen. Sie verschlingen einen mit Haut und Haar, nichts bleibt zurück. Uns können sie nichts anhaben. Wir sind unbesiegbar und eins mit der Wildnis. Diese Zeit ist unverändert lebendig in mir. Sie hat den leicht modrigen Geruch des Sommerhauses, schmeckt nach Papas verkohlten Grillwürstchen und Mamas selbstgemachtem Fruchtsafteis. Unbeschwert, lebenshungrig und frei.

* * *

Am Spätnachmittag hole ich den angerosteten Benzinrasenmäher aus dem Schuppen und bin erstaunt, dass er anspringt. Langsam schiebe ich ihn durch das hüfthohe Gras. Er stinkt unbändig und macht Krach, doch auch das liebe ich, weil es wie früher ist. Es ist anstrengend, sich über die unebene Wildwiese zu kämpfen und bald rinnt mir der Schweiß über den Rücken, sammelt sich im Kreuz. Ich ziehe mein T-Shirt aus. Stadtmenschenblass bin ich. Kurz halte ich an und wische mir mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn. Bin außer Atem. Eine Blindschleiche nutzt die Gelegenheit, dem Rasenmäher zu entkommen und gleitet im gemähten Gras davon.

„Hi!", ruft eine Männerstimme laut in meinem Rücken, dringt über den Motorenlärm. Ich wende mich Richtung Zaun und erblicke meinen heißen Nachbarn, der dasteht und mich abwartend betrachtet. Er hat sein kleines Mädchen auf dem Arm. Sie hat ein Sonnenhütchen auf, lacht herzig, als eine Libelle dicht an ihr vorbeischwebt.

„Hi." Ich mache den Rasenmäher aus. Gehe hinüber und hasse es, dass mein Puls beschleunigt, als ich mich durchs hohe Gras schlage. Shit aber auch, aus der Nähe sieht der Kerl noch besser aus. Er trägt jetzt ein gelbes T-Shirt, nur am weiten Halsausschnitt neckt mich ein Teil seiner Tätowierung.

„Du bist unser Nachbar? Ich bin Samir." Völlig akzentfreies, astreines Hochdeutsch. Er streckt mir seine freie Hand hin und ich ergreife sie mit leichtem Zögern. Seine dunklen Augen mustern mich intensiv. Unsere Blicke treffen sich für einen ungewöhnlich langen Moment. Sein Griff ist fest und warm.

„Tom, stelle ich mich vor und sehe lächelnd die Kleine an. Wirklich niedlich mit ihren riesigen Kulleraugen und dem Stupsnäschen. Wohl noch kein Jahr alt, genau kenne ich mich nicht mit Kleinkindern aus. „Und wer ist das?

„Das ist Naila, unsere kleine Prinzessin. Nicht wahr, das bist du?" Er kitzelt sie sanft am Bauch und sie gluckst bezaubernd.

„Wohnt ihr in der Nähe?", frage ich, bloß um etwas zu sagen.

„Dreißig Kilometer von hier. Frankfurt", gibt er Preis und wieder ruhen die schönen schwarzen Iriden lange auf meinem Gesicht.

„Ist nicht wahr! Da ziehe ich im Herbst hin."

„Echt? Wie cool. Dann kennst du ja schon jemanden dort." Er zwinkert mir zu.

„Sieht so aus." Ich grinse und weiß nicht, warum ich plötzlich verlegen bin. Naila streckt ihre winzig kleinen Händchen nach mir aus. Ihr Vater lacht und schaut mich mit strahlenden Augen an.

„Sie mag dich."

Ich lasse sie meinen Zeigefinger greifen. „Ist mir eine Ehre, Prinzessin Naila." Sie packt erstaunlich kräftig zu. Den Finger werde ich wohl so schnell nicht zurückbekommen.

Samir lächelt mich offen an. „Hey, wir wollen heute Abend den Grill einweihen. Hast du Lust, rüber zu kommen?"

Eigentlich will ich nicht. Einem jungen Pärchen beim vollkommenen Familienglück zuzusehen reizt mich dann doch weniger. Aber da ist etwas in Samirs Blick, dem ich nicht widerstehen kann. Bevor ich überhaupt nachgedacht habe, höre ich mich „Klar, gerne!" sagen. Als wir uns verabschieden und der junge Papa behutsam Nailas Würgegriff von meinem Finger löst, könnte ich mich ohrfeigen. Dennoch klopft mein Herz verräterisch schnell, als ich zum Rasenmäher zurückgehe.

Wie blöd bin ich eigentlich? – Nein, alles okay. Ich halte das ganz platonisch. Bestimmt ist seine Frau nett, das wird mich auf den Boden der Tatsachen holen. Trotzdem, die Art, wie Samir mich angesehen hat, ich hätte schwören können ... Unsinn. Der ist hetero. Der hat nicht geflirtet, der ist einfach nur ein freundlicher Mensch. So was gibt's.

* * *

Wasser muss man mit dem Bollerwagen aus dem Gemeinschafts-Brunnenhaus der Seegrundstücke holen. Mein Großvater hat hinterm Haus eine Dusche gebaut, die Wärme kann man leider nicht regeln. Es ist immer eiskalt. Ich zittere erbärmlich, doch die Abkühlung tut gut, erfrischt meine Sinne. Auf keinen Fall will ich wie ein Iltis stinkend bei den neuen Nachbarn auftauchen. Länger als sonst stehe ich vor dem halbblinden Spiegel und versuche, mein widerspenstiges blondes Haar halbwegs zu bändigen. Ohne Haargel ein aussichtsloses Unterfangen, aber das habe ich daheim vergessen. Was soll’s, es ist ohnehin egal. Wem will ich gefallen und wozu?

Abendruhe setzt ein. Über dem See beginnen Stechmückenschwärme ihre rituellen Auf- und Ab-Tänze. Als der Geruch von Grillkohle zu mir dringt, mache ich mich auf den Weg. Brav vorne hinaus und bei Samir durchs Gartentor, wie sich das gehört. Auch wenn es erheblich schneller ginge, einfach über den hängenden Maschendrahtzaun zwischen unseren Grundstücken zu springen. Ich habe wenig Lust auf den gemeinsamen Abend, doch allein der Grillgeruch lässt meinen Magen hungrig gurgeln. Der Plan: Ich bleibe kurz zum Essen und verabschiede mich, sobald es die Höflichkeit erlaubt. Ich habe nichts mitzubringen und fühle mich ein wenig schlecht deswegen. Ich hätte Wildblumen für die Gastgeberin pflücken können, was mir natürlich erst jetzt einfällt – zu spät.

Interessiert schaue ich mich um, als ich ums Haus herumgehe. Im vormals penibel gepflegten englischen Rasen sprießen vorwitzige Gänseblümchen. Das gefällt mir.

Ich finde die junge Familie beim Grill versammelt. Nailas hübsche Mama liegt mit der Kleinen auf einer Decke auf dem Rasen, Samir hantiert am Rost herum, der sich scheinbar nicht ohne rohe Gewalt einhängen lassen will.

„Hey, da bist du ja!", begrüßt er mich erfreut, als er mich erblickt. Er sieht super aus in dem kurzärmeligen, körperbetonten Shirt und der abgeschnittenen Jeans. Auch er scheint geduscht zu haben, seine kurzen Haare glänzen feucht.

„Hallo. Ich freue mich über die Einladung." Etwas unsicher stehe ich herum, bis die Frau sich aufsetzt und mir die Hand hinstreckt.

„Hi, ich bin Yasmin. Sie lächelt einnehmend. Ich will sie nicht mögen, weil ich eifersüchtig bin, dass sie so ein Sahneschnittchen zum Mann hat, aber sie ist mir auf Anhieb sympathisch. „Du bist Tom? Setz dich zu uns!

Kaum bin ich auf der Decke, winkt sie mit einem Bier und drückt es mir in die Hand, als ich erfreut nicke. Frisch aus der Kühlbox, herrlich.

„Hey, Naila. Ich winke dem großäugigen Nachwuchs zu, und die Kleine lacht entzückend. Ich lächle Yasmin an. „Die ist echt niedlich.

Die stolze Mutter strahlt. „Ich fürchte, wenn sie groß ist, werden ihr die Männer in Scharen hinterherlaufen. Oder die Frauen, wie's eben kommt – nicht wahr, mein Mäuschen?"

Erstaunt sehe ich sie an, aber Yasmin ist damit beschäftigt, eine Häschenrassel vor Nailas Gesicht zu schwenken. Das ist mal eine Aussage, die man nicht alle Tage von Eltern hört. Ziemlich cool. Ich merke, wie ich mich deutlich entspanne. Das Bier schmeckt gut, nicht zu herb. Ich bemühe mich, Samir nicht die ganze Zeit anzustarren, doch Widerstand scheint zwecklos. Schließlich gebe ich nach und spreche ihn an. „Brauchst du Hilfe?"

Er schaut rüber, lächelt breit. „Klar. Kannst du mir die Spieße aus der Kühlbox reichen?"

Sofort bin ich auf den Beinen und tue, wie mir geheißen. Es brutzelt und duftet himmlisch, als wir das marinierte Hühnerfleisch auf den heißen Rost legen. Kümmel, Kardamom und andere, fremdländische Aromen. Was immer es ist, es riecht lecker. Ich lungere mit Bier in der Hand bei Samir herum und wir plaudern ein bisschen. Ich erzähle ihm, dass unser Grundstück schon meinen Großeltern gehörte und wir verkaufen wollen. Darüber ist er sichtlich enttäuscht.

„Du kannst dafür uns besuchen", meldet sich Yasmin zu Wort, die offenbar zugehört hat.

Samirs Blick trifft meinen, tief und intensiv. „Fabelhafte Idee!"

Mir wird so heiß, dass ich wegsehen muss. „Danke, das ist echt nett", meine ich nichtssagend. Ich halte das für keine gute Idee. Vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass ich mich stark zu Samir hingezogen fühle.

Als die Spieße durch sind, legt er sorgsam einen auf einen Teller und hält ihn mir hin. „Bringst du den bitte meiner Schwester?"

Ich nicke automatisch und schaue mich um. Welche Schwester meint er? Doch nicht etwa ... Ich starre erst Yasmin, dann ihn an. „Warte, ihr seid gar kein Paar?"

„Yas und ich? Beide brechen in schallendes Gelächter aus. Sie schüttelt sich. „Oh Gott nein! Sami, was hast du dem armen Kerl erzählt?

„Gar nichts, ich schwör's!"

Ich schlage mir mit der Hand vor die Stirn und lache mit, unbändig erleichtert. Natürlich, jetzt fällt mir die Familienähnlichkeit auf, auch wenn sie nicht sofort offensichtlich ist.

„Shit, das tut mir leid. Samir grinst und weist auf Klein-Naila. „Verstehe, wie du darauf kamst.

Wir sehen einander an, und mir ist plötzlich himmelleicht zumute. Ein Kribbeln durchläuft

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