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Der Schlächter: Der Mann, der das Imperium bezwang - Polit-Thriller

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Der Schlächter: Der Mann, der das Imperium bezwang - Polit-Thriller

Länge:
452 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Feb 20, 2015
ISBN:
9783990387771
Format:
Buch

Beschreibung

Der Zweite Weltkrieg endete nicht im Mai 1945, sondern im Oktober 1943. Entscheidende Monate, bewirkt durch einen SS-Offizier namens Wolfram Landstein, der anfangs gefürchtet ist und im Kampf an der Ostfront ganz vorne steht. Seine Kameraden nennen ihn respektvoll Attila, weil er auch in Lauf und Sprung zielgenau schießt. Bei einem wilden Abwehrkampf der Rotarmisten im Spätsommer 1941 gegen die vorwärtsstrebende Waffen-SS erwartet Sturmbannführer Landstein den Todesschuss - doch dieser kommt nicht. In der Ukraine begegnet er dem Russenmädchen Olga, das ihm endgültig die Augen für die Liebe und das Wahre öffnet. Dort wird er zum "Kameradenmörder". Nach einem heftigen Gemetzel mit russischen Soldaten meldet ihn sein Kommandant als vermisst, doch Landstein begibt sich unerkannt auf die gefährliche Flucht in die deutsche Heimat und findet Unterschlupf in einem polnischen Kloster. Dort liest er Hitlers Werk "Mein Kampf",was ihn darin bestärkte, das braune Imperium zu vernichten.
Herausgeber:
Freigegeben:
Feb 20, 2015
ISBN:
9783990387771
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Buch

Über den Autor


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Der Schlächter - Josef Mannert

Quellenverweise

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2015 novum Verlag

ISBN Printausgabe: 978-3-99038-776-4

ISBN e-book: 978-3-99038-777-1

Lektorat: Isabella Busch

Umschlagfoto: Andres Rodriguez, Konradbak | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Prolog

„Högni hieß ein König,

seine Tochter war Sigrun.

Sie wurde Walküre und ritt über Luft und Wasser …"

„Sigmund, Wölsungs Sohn,

war König im Frankenland.

Er war unempfindlich gegen Gift.

Es schadete weder außen noch innen."

Bei der Erschaffung der Welt

heißt es in der Weissagung der Seherin:

„Die Sonne wusste nicht, wo sie ihren Saal hatte;

Der Mond wusste nicht, was er an Kraft besaß;

Die Sterne wussten nicht, wo ihre Heimstatt war.

So geschah es am Anfang.

Doch die Götter bewirkten:

„Erde und Himmel zu schaffen,

Sonne und Gestirne zu setzen,

und die Tageshälften einzuteilen."

„Und wer lenkte den Lauf von Sonne und Mond?

Die Geschwister Mani und Sol, Kinder von Mundilfari;

Doch die Götter zürnten

und versetzten sie hinauf auf den Himmel.

Sie ließen Sol die Pferde antreiben,

die den Wagen der Sonne zogen.

Und die Sterne flochten Kränze.

Wer hineintrat in den Kranz der Sterne

wurde für außen unsichtbar;

Wer herauskam aus dem Lichterkranz,

wurde den Irdischen wieder gewahr …

Wie eine neue Welt entsteht:

Die Sonne verdunkelt sich, das Land versinkt im Meer;

vom Himmel stürzen die hellen Sterne;

nicht einmal der Sternenkranz

gibt Schutz für all die Asen."

(Zit. aus div. Stellen der EDDA)

*

Vorwort

Dieser Roman beginnt im Jahre 1941. Damals befand sich Europa seit zwei Jahren im Krieg, in einer schrecklichen militärischen Auseinandersetzung. Großdeutschland war mittendrin, als Auslöser und Brandbeschleuniger einer gewaltigen Katastrophe.

Frieden, nichts als Frieden, bekundete Adolf Hitler nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jänner 1933. Keine Offensivarmee wurde propagiert, sondern die militärische Gleichberechtigung und die friedliche Revision des Versailler Vertrages von 1919. In Wirklichkeit hatte Hitler jedoch anderes im Sinn. In seinem Bekenntnisbuch „Mein Kampf, das schon in den Zwanzigerjahren erschienen war, konnte man lesen, dass der Autor kein Friedenskanzler war, sondern getragen wurde von einer radikalen rassistischen Weltanschauung mit dem Ziel der Vernichtung Andersdenkender und Andersgläubiger. Offenbar glaubte ihm damals niemand oder das Buch fand zu wenige Leser. Die Staatsform der Demokratie war für ihn eine der „schwersten Verfallserscheinungen der Menschheit. Er verlangte deren Beseitigung und sie durch eine totalitäre Führer-Diktatur zu ersetzen. Ab 1933 wurde dieses Bekenntnis mit großer Brutalität in die Tat umgesetzt. Außenpolitisch war es immer Hitlers großes Ziel, für die germanische Rasse Raum im Osten zu erobern. Dass dieser Raum im Osten nur durch Gewalt und auf Kosten anderer Völker zu erobern war, bereitete Hitler weder moralische noch rechtliche oder politische Bedenken. Für den „großen Führer waren die anfänglichen Kriegshandlungen im Westen und Norden sowie in Afrika nur Nebenkriegsschauplätze. Er sah die entscheidende Auseinandersetzung im Kampf gegen die Sowjetunion mit der Gesellschaftsform des Bolschewismus und gegen das Judentum, das angeblich die Weltfinanzmärkte beherrschte und als Erzfeind Deutschlands anzusehen sei. Es war nicht nur ein militärischer Feldzug, der da im Juni 1941 begann, sondern es war ein Vernichtungskrieg ganz besonderer Art, in dem auch die Zivilbevölkerung in Osteuropa durch Spezialkommandos massenweise ums Leben kam. Die Nationalsozialisten bezeichneten diese Bevölkerung als „slawische Untermenschen, die kein Recht hatten zu leben. Die Folge waren groß angelegte Vernichtungslager mit Millionen von Toten. Dieser „Kreuzzug gegen den Bolschewismus" war ein Raub- und Vernichtungskrieg, der sämtliche Regeln des Völkerrechts außer Acht ließ und die Grundsätze der abendländischen Kultur massiv verletzte. Das düstere Ende ist bekannt: allein in Europa 17 Millionen tote und vermisste Soldaten und 14 Millionen Ziviltote.

*

Dieses Buch ist, mit Ausnahme des Anhangs, keine Dokumentation und entspricht in vielen Passagen nicht der Wirklichkeit; es ist ein Roman. Manche historischen und militärischen Abläufe entsprechen den Tatsachen, andere wieder sind Fiktion, sind fingiert oder modifiziert. Namensgleichheiten mit noch lebenden Personen sind nicht beabsichtigt und wären reiner Zufall; es sein denn, die handelnden Personen sind historisch belegt und spielten damals eine wichtige politische Rolle.

Der Roman ist getragen von einer Figur aus dem innersten ideologischen Kreis des Hitlerregimes, aus der SS. Anfangs ein Schlächter aufseiten der Nazis im Kampf um den Raum im Osten, um die fruchtbarsten Landstriche in der Ukraine. Doch der Romanheld war im Innersten auch zerrissen, ob sein Tun richtig war. Die metaphysische Erscheinung des Sternenkranzes verlieh ihm in bestimmten Gefahrenmomenten übersinnliche Kräfte, die ihn befähigten, dem braunen Terrorregime zu entsagen und die Diktatur letztlich zu stürzen.

Der Roman erschöpft sich aber nicht in militärischen und politischen Geschehnissen der fantastischen Art, sondern ist dicht verwoben mit einer Lovestory von unglaublicher Fernwirkung: Erst durch die tiefe und innige Liebe zwischen dem SS-Offizier Wolfram Landstein und der schönen Russin Olga Tereschkowa wird der Deutsche vom Schlächter zum Wächter. Und letztlich kamen sie beide um. Für sie wurde sogar eine Gedächtniskapelle geweiht.

So gesehen ist dieses Buch ein Gedankenexperiment, etwa nach dem Motto: Was wäre geschehen, wenn? Vieles wäre anders ausgegangen. Europa hätte sich Millionen an Toten und den Verlust von Tausenden wertvollen Baudenkmälern erspart, vom sonstigen menschlichen Leid ganz abgesehen.Es ist den vielen entrechteten, mutlosen, unterdrückten und versklavten Menschen dieser Welt gewidmet, dass der Glaube manchmal Berge versetzen kann, dass das fast Unmögliche manchmal wirklich möglich wird.

Nichts ist so mächtig

wie eine Idee,

deren Zeit gekommen ist.

(Victor Hugo)

Unternehmen „Barbarossa"

Nach dem Balkanfeldzug im Frühjahr 1941 wurden die Waffen-SS-Divisionen im Osten konzentriert, bereit für das Unternehmen „Barbarossa". Die deutschen Streitkräfte wurden in drei Heeresgruppen aufgeteilt:

• Heeresgruppe Nord unter Feldmarschall von Leeb, zu der die SS-Totenkopfdivision und die SS-Polizeidivision gehörten;

• Heeresgruppe Mitte unter Feldmarschall von Bock mit der SS-Division Das Reich;

• Heeresgruppe Süd unter der Führung von Feldmarschall von Rundstedt, der die SS-Divisionen Leibstandarte und Wiking angeschlossen waren.

Der Angriff erfolgte am 22. Juni 1941 frühmorgens.

Im Wehrmachtsbericht hieß es zum mittleren Sektor der Front:

„Die Panzergruppe von General Heinz Guderian hatte den Bug bei Brest-Litowsk überquert und war innerhalb von einer Woche gemeinsam mit General Hoths Panzergruppe auf einer 200 km breiten Front 400 km tief nach Weißrussland vorgestoßen. Am 27. Juni schnitten in einer der größten Kesselschlachten des Krieges Guderian und Hoth die Stadt Minsk und ihre 500.000 Verteidiger von der Umwelt ab."

Und weiter: „Am 2. Juli hatte Das Reich die Beresina erreicht, wo ein Brückenkopf errichtet werden konnte. Guderian befahl dann einen allgemeinen Vormarsch zum Dnjepr, wobei die SS-Einheiten wiederum für den Flankenschutz verantwortlich waren. Nach der geglückten Überquerung rückten die 10. Panzerdivision und Das Reich unter Flankenschutz des Regiments Großdeutschland auf Gorki vor. Nach schweren Kämpfen und harten Verlusten erreichten sie die Stadt am 14. Juli. Am folgenden Tag stieß Das Reich südlich von Smolensk weiter vor. Sie erreichten gemeinsam mit der 10. Panzerdivision den Fluss Yelnya, wo sie sich dann mehrere Tage lang trotz heftiger gegnerischer Angriffe festsetzten."

Soweit der Militärbericht. Aus Sicht des einzelnen Soldaten sah das ein wenig anders aus.

Wolfram Landstein, SS-Sturmbannführer in der SS-Division Das Reich, mittlerer Frontabschnitt, war im April 1941 drei Wochen beim Balkanfeldzug eingesetzt und war auf der Route nach Sarajewo und beim Angriff auf Belgrad dabei. Im Vergleich dazu, was sich in Bälde an der Ostfront abspielen sollte, war Belgrad wirklich ein Kinderspiel. Es hieß zwar, die SS hätte dem Heer „nur" Flankenschutz zu geben, doch dieser verharmlosende Begriff ist eine Irreführung, denn ohne diesen Flankenschutz wäre die Wehrmacht schon auf halbem Weg nach Kiew stecken geblieben.

So sprach man in den SS-Offizierszirkeln.

Ein SS-Offizier als Attila

Als am 22. Juni 1941 frühmorgens die deutschen Kanonen losbrüllten und die Stukas ihre todbringende Last über den russischen Linien abwarfen, war alles noch eitel Sonnenschein. Aber das Überraschungsmoment dauerte nur etwa zwei Wochen, bis der Widerstand der Rotarmisten zunahm und die Verluste der Deutschen, auch der SS, in die Höhe schnellten. Im ersten Monat gab es in der SS-Einheit Landsteins rund 1500 Mann Ausfälle an Toten und Verwundeten. Der Bericht über die diversen Kesselschlachten liest sich für einen deutschen Patrioten gut, aber abseits davon gab es Hunderte Scharmützel und oftmals Nahkämpfe, bei denen sich Landstein besonders auszeichnete, denn er hatte die Fähigkeit, seine Schusswaffe auch im Springen und Laufen gezielt einzusetzen. Das brachte ihm bald den Namen „Attila" ein, denn bekanntlich waren die Hunnen vor anderthalbtausend Jahren deshalb so überlegen und gefürchtet, weil sie während des Reitens mit Pfeil und Bogen zielsicher auf den Gegner schießen konnten.

Außerdem verstand es Landstein, im Nahkampf seinen Dolch geschickt und blitzschnell einzusetzen. Dieser Dolch mit doppelt geschärfter Klinge hinterließ während der Kämpfe eine furchtbare Mahd. Der Hals des Gegners war am verwundbarsten, das war auch das erste Ziel des Kämpfers. Nach solchen Kämpfen blieb Landstein fast immer Sieger, während reihum Dutzende Rotarmisten tot oder schwer verwundet am Boden lagen. Diese Gemetzel brachte Landstein auch den Beinamen „Der Schlächter ein, weil sein Uniformrock danach blutbesudelt war. Der Divisionskommandeur wusste, dass Landstein als Offizier nicht mitten im Kampfesgewühl sein musste, aber es war sein Markenzeichen, „bei der Truppe zu sein und mit diesem rücksichtslosen und äußerst geschickten Kampfesstil vielen Kameraden das Leben zu retten. Er erhielt dafür auch hohe Belobigungen.

Landstein hatte aber auch einige Gegner unter den Kameraden, denn die Eifersucht war bei manchen groß. So ein Fall war sein direkter Vorgesetzter, Obersturmbannführer Horst Kempinski.

Das Klima zwischen beiden war distanziert und kühl; wenn Alkohol im Spiel war, so gab es auch tätliche Auseinandersetzungen zwischen beiden. Landstein war ein geübter praktischer Kämpfer, aber auch Stratege; Kempinski ein streitsüchtiger Vorgesetzter, ein erbarmungsloser Mensch, insbesondere gegenüber der Zivilbevölkerung. Nach heftigen Gefechten im Raum Minsk erschoss die SS auf Kempinskis Befehl wahllos Frauen und Kinder in einer Schule.

Wenige Tage später ließ er Zivilisten in eine Kirche treiben und diese anzünden. Ergebnis: 180 verkohlte Leichen – Frauen, Kinder und Greise. Als sich Landstein angewidert abwandte, wurde er von Kempinski verhöhnt und als „Weichling aus der Ostmark" vor den anderen Kameraden abqualifiziert.

Es kam mehrmals zu heftigen Wortgefechten zwischen Landstein und Kempinski, die etwa wie folgt abliefen:

„Landstein, kennst du nicht den Führerbefehl, dass wir die Juden und Bolschewiken vernichten müssen?"

„Ich wurde dazu ausgebildet, gegen Soldaten zu kämpfen, nicht gegen Frauen und Kinder. Der Führer hat im Ersten Weltkrieg an der Westfront auch keine Wehrlosen erschossen, sondern hat gegen Soldaten gekämpft."

„Ja, wir wissen deinen Einsatz für die Truppe zu schätzen, aber dir fehlt der Pfeffer, wenn es ums Ganze geht."

Kempinski wusste eben alles besser.

Landsteins Werdegang

Woher kam dieser Wolfram Landstein?

Das ursprünglich wohlhabende Adelsgeschlecht „Derer zu Landstein" stammte aus dem Kanton St. Gallen bzw. Thurgau in der Ostschweiz, in dem es im 19. Jahrhundert mehrere land-und forstwirtschaftliche Güter sein Eigen nennen konnte. Am Bodensee betrieben sie außerdem einen Fischhandel, der sehr ertragreich war. Wolframs Vorfahren väterlicherseits waren gefürchtete Spieler, aber auch Raufbolde. Ein Vorfahr verspielte ein ganzes Anwesen, weshalb sie die übrigen Liegenschaften verkauften und sich im heutigen Südtirol, Nähe Meran, niederließen. Sie erlangten durch Obst- und Weinbau sowie der Vermarktung dieser Produkte wiederum ein beträchtliches Vermögen. Wolframs Großvater mütterlicherseits, ein „Baron von und zu Goessau" war als Bürgermeister einer Gemeinde bei Bozen auch politisch tätig. Doch die Herrschaften von Goessau hatten wirtschaftlich wenig Glück, denn mehrmalige Hagelunwetter zerstörten die Ernten, sodass sie verarmten.

Familie Goessau hatte eine Tochter namens Anna. Sie heiratete einen Spross „Derer zu Landstein" und wanderte um 1900 mit Sigismund in die Steiermark aus, wo sie ein bäuerliches Gut erwarben.

Der jüngste Sohn aus dieser Familie, Wolfram, geboren 1910, tat sich in der dreiköpfigen Kinderschar besonders hervor und übertrumpfte seine beiden älteren Brüder Hans und Peter sowohl bei der Jagd als auch bezüglich ihrer mentalen Fähigkeiten. Sein Vater war stolz auf ihn und staunte, welch scharfes Auge er beim Erlegen des Wildes hatte. Der Pfarrer verschaffte dem wissbegierigen Spross im Kloster der Benediktiner zu Admont Unmengen von Büchern, die er geradezu verschlang. Bezeichnend ist dazu die Ordensregel des Gründers, des Hl. Benedikt von Nursia: „Ora et labora et lege" (Bete und arbeite und lies). Nach Ablegung der Matura in diesem Stiftsgymnasium besuchte er die Theresianische Militärakademie, wo er als Leutnant ausgemustert wurde. Diese Akademie war für Wolfram das Um und Auf – etwas, was er sich schon immer gewünscht hatte. Die Umstellung vom Internat des Gymnasiums auf die Akademie fiel ihm leicht, der militärische Drill ging ihm nach kurzer Eingewöhnungszeit in Fleisch und Blut über. Bei den sportlichen Aktivitäten war er ganz vorne dabei, auch die fernöstliche Kampftechnik belegte er als einer der wenigen Kadetten, was ihm an der Front im Nahkampf besonders zustattenkommen sollte. Bei den alljährlichen Tanzveranstaltungen war er einer der Lieblinge der weiblichen Ballgäste. Kein Wunder, er war in seiner strammen Haltung, seiner 185 cm Körperlänge, dem vollen blonden Haar und den blitzenden blauen Augen ein stattlicher junger Mann. Insgesamt schied er nach drei Jahren als einer der Jahrgangsbesten.

Eines frühen Morgens, es war Spätherbst, war er mit seinem Vater beim Aufstieg ins Gamsrevier, ein Fußmarsch von fast zwei Stunden, meist über steiles und unwegsames Gelände. Am Hochstand war Wolfram meist ungeduldig, aber als das Wild aus dem Unterholz austrat, wurde er ganz still und fast kaltblütig. Es graute der Morgen, aber es herrschte noch Dämmerlicht. Kein Problem für Wolfram. Er nahm seinem Vater ohne zu fragen die Büchse aus der Hand, legte kurz an und schoss einen kapitalen Gamsbock aus fast 300 Meter Entfernung aus der Felswand. Dem Vater blieb gar keine Zeit zu protestieren, so schnell ging alles. „Du bist ein Draufgänger, es ist ja noch fast finster, tadelte ihn sein Vater und Lehrmeister, doch Wolfram hörte gar nicht darauf, sondern kletterte die Leiter vom Hochstand hinunter, um den Bock zu suchen, der aus der Felswand gefallen war. Als sie ihn gefunden hatten, lebte dieser noch. Mit zwei, drei Schritten war Wolfram beim erst halb toten Tier und stach ihm ohne zu zögern mit dem Dolch, oder wie die Jäger sagen: Knicker, in das Hinterhaupt. Er gab ihm also den Gnadenstoß. Wenige Tage später erzählte Vater Landstein dieses Vorkommnis seiner Frau, nicht ganz ohne Stolz, welch guter Waidmann sein Sohn denn sei, da meinte sie ein wenig irritiert: „So kenn ich ihn gar nicht. Auf mich wirkt er eher sanftmütig, aber das mit dem Gamsbock ist direkt kaltblütig und ein wenig grausam. Das versteh ich nicht; das hört sich an, als wohnten zwei Seelen in seiner Brust …!

Die Eigenschaft, auch bei Dämmerlicht gut zu sehen, trat schon in der Schule zutage; da nannten ihn die Mitschüler spöttisch „Wolfram, das Katzenauge".

Wolfram blieb beim österreichischen Bundesheer und brachte es bis zum Oberleutnant. Anfang der Dreißigerjahre kam es in Österreich zum Aufstand der Nazis und Wolframs Einheit musste beim Niederschlagen des Putsches mitwirken. Es wurden Bauerngehöfte in seiner Heimat nach Waffen durchsucht und Rädelsführer hingerichtet. Das ließ ihn innerlich zweifeln, denn seinem väterlichen Gehöft drohte wegen der allgemeinen wirtschaftlichen Not die Versteigerung. Er fand Verständnis für die Anliegen und Parolen der illegalen Nazis und liebäugelte sogar mit ihnen. Durch einen Mittelsmann aus Bayern erfuhr er, dass es im „Reich" den Bauern und Arbeitern viel besser ging.

Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 fand er schnell Kontakt zu den deutschen Militärs und der Polizei und meldete sich zur SS. Im Polen- und Frankreich-Feldzug war er im Nachrichtendienst tätig, 1940/41 auch als Ausbilder für militärischen Nahkampf, Kartenlesen, Waffentechnik und Sprengwesen. Nach kurzzeitigem Einsatz am Balkan erfolgte der erste große militärische Einsatz beim Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 bei der Waffen-SS „Das Reich", Heeresgruppe Mitte.

Der Eintritt in die SS verlief nicht ganz problemlos. Er hatte sich erhofft, dass seine militärische Ausbildung in Österreich voll angerechnet werden würde, doch er musste sich auf Herz und Nieren prüfen lassen, sportlich als auch mental. Das war alles kein Problem für ihn, denn er war gut ausgebildet und voll motiviert. Erst danach gab es für ihn Vergünstigungen der Art, dass der Einführungslehrgang entfiel und er den Offizierskurs nur teilweise durchlaufen musste. Die ideologischen Schulungen ließ er über sich ergehen, ganz überzeugt war er inhaltlich aber nicht. Einige kecke Fragen seinerseits, etwa über die minderwertigen Menschenrassen, ließen bei den lehrenden NS-Ideologen die Zornesadern anschwellen. Die Spezialkurse, etwa Nahkampf und Sprengwesen, musste er voll abdienen.

Bei einem dieser Kurse in München lernte er auch Horst Kempinski kennen, der aus Dresden stammte. Dieser ließ immer wieder durchblicken, er wäre etwas Besseres, da er aus „der Stadt" komme, während die meisten anderen SS-Anwärter aus dem ländlichen Raum stammten. Anlässlich eines festlichen Empfangs zu Ehren des Münchener Gauleiters hatte eine Handvoll SS-Männer Ausgang und mischte sich dort unter die Festgäste. In kecker Art wollte Kempinski die Tochter eines hohen NS-Funktionärs zum Tanze bitten, holte sich aber einen Korb. Wenige Minuten später gelang dies Landstein ohne Mühe. Er wirbelte mit der Schönen leichtfüßig über das Parkett, was ihm bei den Eltern der jungen Frau große Bewunderung einbrachte. Kempinski beobachtete diese Szenen vom Rand des Tanzparketts aus und bebte innerlich vor Wut und Eifersucht. Dieses eher unbedeutende Ereignis war der Beginn einer Feindschaft zwischen zwei SS-Männern, die später an der Ostfront täglich den Tod vor Augen hatten.

„Mach mir keine Schande!"

Wenige Wochen nach dem Angriff in Weißrussland, im Raum Minsk, tobte eine große Kesselschlacht. Es war zum Teil ein Kampf Mann gegen Mann. Landstein war im Nahkampf trainiert und galt als Vorbild in seiner Einheit. Er war, wie schon erwähnt, imstande, gleichzeitig gegen mehrere Rotarmisten zu kämpfen und auch zu gewinnen. Seine Fähigkeit, im Laufen und Springen gezielt zu schießen, rettete ihm und vielen seiner Männer das Leben. Auf einer Waldlichtung kurz vor Minsk kam es zu einem Gefecht, bei dem Landsteins Kameraden anfangs einen hohen Blutzoll zu entrichten hatten. Auch Kempinski wurde leicht verwundet, obwohl er nur als Beobachter auf einem Hügel stand. Landstein gelang es mit seiner Einheit, durch einen geschickten Zangenangriff ein ganzes Regiment Rotarmisten zu töten bzw. gefangen zu nehmen. Immer wieder eilte er mit seiner Einheit, inzwischen schon um gut ein Viertel dezimiert, den Wehrmachtstruppen zu Hilfe. Kempinski sah das gar nicht gern, er ließ lieber die Zivilbevölkerung erschießen und meldete diese „Heldentaten" umgehend dem Büro Reichsführer-SS, Heinrich Himmler. Die Belobigungen von dort blieben nur selten aus.

Landstein gab sein Bestes, für Führer, Volk und Vaterland, wie es hieß, aber er war innerlich nicht glücklich, eher ein Zerrissener, immer mehr ein Zweifler, insbesondere seit den Grausamkeiten an der zivilen Bevölkerung. Immer öfter kamen ihm die Abschiedsworte seiner Mutter in den Sinn: Mach mir keine Schande!

Wolfram war kein Muttersöhnchen, wie man das im landläufigen, abfälligen Sinn oftmals deutet. Nein, aber der seelische Kontakt zwischen beiden, zwischen Mutter und Sohn, war inniger als zu den anderen beiden Söhnen.

*

Mutter Anna entstammte, wie bereits kurz erwähnt, einem alten Adelsgeschlecht aus der Gegend um Bozen. Ihre Mutter, Marie Margareta Baronin von Goessau, war eine gar gestrenge Dame, die durch die riesigen Gemächer des schlossähnlichen Anwesens wirbelte und beim Gesinde viel Angst erzeugte. Die überaus große Dame mit der respektablen Körpergröße von 180 cm war in ihrer Umgebung mehr gefürchtet als beliebt. Sie und ihr Mann waren ein ungleiches Paar, sowohl äußerlich als auch vom Charakter. Er, Baron Wilfried August von Goessau, war eher ein Männchen denn ein imposanter Mann. Mit seinem zierlichen Körperwuchs fiel er an der Seite seiner Gemahlin sofort auf und erzeugte bei seiner Umgebung stets ein gewisses Schmunzeln. Die Baronin gab große Feste und war kein sparsamer Typ, eher das Gegenteil. Er war hingegen ein knausriger Mensch, der jedoch bei der Bevölkerung großen Anklang fand, zumal er als Gemeindepolitiker die öffentliche Kasse zusammenhalten musste. Die resolute Gemahlin mit dem langen Blondhaar war auch kein Kind von Traurigkeit, was das andere Geschlecht betraf. Man sagte ihr so manche Liaison mit vermögenden Weinhändlern der Südtiroler Riede nach. Angeblich hatte sie einmal einen allzu feurigen Liebhaber zum Fenster hinausgeworfen. Die Leute trugen dem „werten Herrn Bürgermeister diese Vorkommnisse und Gerüchte zu, doch er ignorierte sie und wollte sich nicht vorstellen, dass „seine Marie zu solchen Taten fähig wäre. Er vertraute ihr, und das war gut so. Für beide.

Das Ungemach kam nämlich wenige Jahre danach in Form von Hagelunwettern, die zweimal hintereinander die Obst-und Weinernten vernichteten, und damit der herrschaftlichen Familie die Existenzgrundlage weitgehend entzogen. Und jetzt war die Mutter diejenige, die das Zepter in die Hand nahm und den Rest der Liegenschaft so gut es eben ging verkaufte, um sich anderswo eine neue Existenz zu schaffen. Sie fanden sie auf Empfehlung eines Kaufmannes und Weinhändlers im Kärntner Lavanttal. Dort stellte sich jedoch nach wenigen Jahren heraus, dass sie gesundheitliche Probleme bekamen. Sie versuchten alles, um das kommende Unheil abzuwenden. Ärzte und Scharlatane gaben sich die Klinke in die Hand, um das Leben der beiden zu retten. Man munkelte von Erdstrahlen, die auf Körper und Gemüt drückten und das Dasein der Eltern auszulöschen drohten. Allein, es half nichts die Eltern starben. Sie hinterließen eine Tochter. Sie hieß Anna und war noch in Südtirol geboren. Wie ihre Mutter hoch von Wuchs, aber nicht so nach außen orientiert, eher nachdenklich, aufrecht und mit zunehmendem Alter religiös, weshalb sie nach dem Tod ihrer Eltern Nonne werden wollte.

Doch das Schicksal hatte anderes mit ihr vor. Bei ihrer Reise in ihre alte Heimat Südtirol lernte sie bei einer Tanzveranstaltung ihren späteren Mann Sigismund aus dem Grafengeschlecht „Derer zu Landstein" kennen. Er stammte aus der Ostschweiz. Seine Eltern hatten sich nach familiären Differenzen ebenfalls in Südtirol angesiedelt und betrieben bei Meran einen Obsthandel. Sigismund, der Mittlere einer vierköpfigen Kinderschar, war eher still und verschlossen, nicht ganz unähnlich dem Gemüt von Anna, um die er warb. Er war ebenfalls groß von Wuchs, blond, hager, ein wenig nach vorn gebeugt, der Gang schleppend. Das fiel Anna gleich nach dem ersten Tanz auf, aber sie legte auf diese Äußerlichkeit wenig Wert. Sie sagte sich, der Sigismund ist ein guter Mensch, ich mag ihn, ich will ihn. Und damit war der weitere Lebensweg der beiden besiegelt. Als eine entfernte Verwandte von Anna in der fernen Steiermark kinderlos starb, erwarben sie dort einen bäuerlichen Gutshof mit angeschlossenem Jagdrevier. Letzteres war für Sigismund ganz wichtig, denn er huldigte seit seiner Jugend dem Waidwerk.

*

Diese familiäre Geschichte hatte Mutter Landstein ihren drei Kindern oftmals erzählt. Während die beiden älteren Sprösslinge von diesen Erzählungen wenig hielten und sich bald interesselos abwandten, konnte der Jüngste, Wolfram, nicht genug davon kriegen. Immer wieder ließ er sich vom fernen Südtirol erzählen. Die Mutter dazu: „Das ist dort, wo Italien beginnt; über viele Jahrhunderte gehörte es bis 1918 zum damaligen Altösterreich." Er war aber nicht begeistert, als sie einflocht, dass sie einmal Nonne werden wollte. Das war für ihn unvorstellbar, wenngleich er viele religiöse Denkmuster von der Mutter übernommen hatte. Dazu zählte auch, dass man als Kind den Eltern keine Schande machen dürfe. Diese Gedankensplitter gingen Landstein durch den Kopf, als die politischen Umstände von ihm Dinge einforderten, die dem ethischen Verhaltenskodex des Elternhauses widersprachen.

Aber es ist doch eine Schande, Kinder zu töten, eigenhändig mit der MPi oder mit der Pistole in den Kopf zu schießen, das Blut spritzen zu sehen, das Kreischen und Wehklagen der Mütter zu hören – das war doch eine Schande, oder etwa nicht? Es war doch unvorstellbar, dass der Führer das befohlen haben sollte! Und wenn doch? Muss man dann eine solche Schandtat vollziehen?

Diese Gedanken quälten Landstein seit Wochen.

Auf in die Ukraine!

Nach den Kesselschlachten von Bialystok und Minsk, wonach Hunderttausende Rotarmisten in die Gefangenschaft wanderten, ruhten sich die Einheiten einige Tage aus. Das Ausruhen war aber nur von kurzer Dauer, denn es ging weiter nach Smolensk, wo ebenfalls eine Kesselschlacht geschlagen wurde. Dort traten aber die Rotarmisten erstmals zu einer Gegenoffensive an, was nicht nur der Wehrmacht, sondern auch der SS zu schaffen machte. Die ständigen und auch gezielten Ausbruchsversuche der Russen bedingten auch bei den Deutschen erhebliche Verluste. Landsteins Einheit verlor zwei Dutzend Unteroffiziere und fast 200 Mann an Toten und Verwundeten. Ein nächtlicher Überfall bei Yelnya, es war eher eine Verzweiflungstat der Russen, forderte aufseiten der SS allein zwanzig Tote. Damals war es eine heiße Sommernacht und viele konnten nicht schlafen, waren aber wegen der Kämpfe sehr erschöpft.

Landstein schlief nicht, sondern spielte mit einem Unteroffizier Karten. Es war Mitternacht, als die Schießerei losging. Landstein gab sofort Alarm, doch die Rotarmisten nützten das Überraschungsmoment und konnten reihenweise fliehen. Landstein kletterte auf eine alte Hütte, die auf einer Lichtung stand, und konnte im fahlen Mondlicht erkennen, wohin sich die Fliehenden wandten. Er ließ ein MG auf einer kleinen Anhöhe positionieren und mähte in die Russengruppen hinein, wodurch ein schrecklicher Blutzoll auf gegnerischer Seite zu verzeichnen war. Doch offenbar hatte ein russischer Beobachtungsposten diese Finte erkannt. Er schlich fast lautlos in großem Bogen um das MG und warf eine Handgranate in diese Richtung. Danach stürzten sich drei Rotarmisten mit ihren Bajonetten auf Landstein und seine zwei Kameraden. Landstein konnte sich, da er auch im Dämmer- oder Mondlicht gut sah, mit einem Sprung retten und zückte seinen zweischneidig geschärften Dolch, mit dem er eine schreckliche Ernte hielt: Alle drei Angreifer verbluteten durch tiefe Schnitte am Hals, einem wurde die Kehle durchtrennt.

Während die Soldaten und Offiziere glaubten, nach diesem kleinen Rückschlag, der in Wirklichkeit größer war als zugegeben wurde, gehe es weiter in Richtung Moskau, der hatte sich geirrt. Die deutschen Heere bogen in Richtung Süden ab. Nach Süden, in die Ukraine, der Kornkammer der Sowjetunion.

Das Überwinden der Pripjet-Sümpfe mit ihren Partisanen-Unterschlupfmöglichkeiten verlangte von der Truppe allergrößten Einsatz und bescherte auch entsprechende Menschen- und Materialverluste.

Als es sich bei der Truppe herumgesprochen hatte, dass es in Richtung Ukraine ging, wurde Landstein Ohrenzeuge, wie ein Kamerad davon schwärmte, dass es dort so fruchtbare Böden gäbe und die ertragsreichsten Weizenfelder der Welt stünden. Es war SS-Scharführer Webel aus dem Raum Magdeburg, der vor lauter Schwärmen kaum noch Worte fand. Webel, ein bohnenstangenlanger Anfangszwanziger, braun gebrannt von den langen Fußmärschen, war Experte auf dem Gebiet der Agrikultur, denn seine Eltern betrieben einen großen Ackerbaubetrieb bei Magdeburg. Während des mühsamen Marsches durch die Pripjet-Sümpfe hatte er allen, die es hören wollten, die Vegetation erklärt, die Entstehungsgeschichte dieser Sumpflandschaft sowieso, und wie man daraus ertragreiches Ackerland machen könnte:

„Diese Sümpfe werden von manchen Naturschützern als wertvoll angesehen, doch wenn ein Volk hungert, so sollten diese Flächen entwässert und kultiviert werden. In den dreißiger Jahren, so erzählte mir mein Vater, wurde ein Teil ohnehin entwässert. Über den Erfolg ist wenig bekannt."

„Und weshalb gibt es gerade hier so ausgedehnte Sümpfe?", wollte ein Kamerad wissen.

„Weil der Abfluss zu langsam vor sich geht, zu wenig Gefälle", war die knappe Antwort.

„A schreckliche Landschaft is das, da blüht ja nix!", meckerte ein Kamerad aus Bayern. Aber Webel wusste auch auf diese abwertende Bemerkung eine Antwort:

„Das sind Großseggen, rasenartig oder in Büschen, Schilfbestände, Weidengehölz. Da sind die Blüten eher unscheinbar. An Vögeln gibt es Rohrsänger, Schnepfen, das Sumpfhuhn und viele andere", dozierte Webel munter weiter, wobei das Interesse der Kameraden immer mehr abnahm und der Vortrag oftmals in einem Monolog endete.

Doch einen Hinweis vergaß er: die Stechmücken, die den Soldaten mächtig zusetzten. Sie waren verantwortlich dafür, dass Landstein auf Anraten seines Brigadeführers Zigaretten zu rauchen begann. Eine reine Notwehrmaßnahme, dachte er sich damals, aber in den Folgejahren griff er in brenzligen Situationen immer wieder auf den Glimmstängel zurück, ohne jedoch ein richtiger Raucher zu werden.

Mit dem Stichwort Ukraine war für Webel wieder die große Vortragsstunde über die mächtigen Schwarzerde-Böden, auch Tschernosem genannt, gekommen. Nicht alle waren geduldige Zuhörer, aber man kam zumindest auf andere Gedanken, sagte sich so mancher. Landsteins Interesse für die Sumpfgräser des Pripjet hielt sich in Grenzen, aber beim Tschernosem hörte er aufmerksam zu. Sein Vater hatte einmal gesagt, falls er im Krieg in die Ukraine kommen sollte, so möge er unbedingt diese Böden näher betrachten. Als Webel merkte, dass ihm der Sturmbannführer sein Ohr lieh, war er natürlich sehr stolz und gab sich große Mühe: „Ich sehe von außen keinen Unterschied, ob das ein Schwarzerdeboden oder ein anderer Boden ist", versuchte ihn Landstein aus der Reserve zu locken. Webel dazu in einem lehrerhaften Tonfall:

„Ja, von außen sieht man vieles nicht. Die Entstehungsgeschichte ist wichtig. Es handelt sich um den typischen Steppenboden, der als Untergrund kalkhaltiges Gestein, etwa Löss, aufweist. Er mag wenig und eher gleichmäßigen Niederschlag. Bei uns in der Magdeburger Börde gibt es Böden, die den hiesigen Schwarzerden sehr ähnlich sind. Es sind unsere ertragreichsten Äcker, kann ich euch sagen! Aber hier hat diese fruchtbare Humusschicht eine Mächtigkeit von fast einem Meter; das ist schon ein Unterschied zur Heimat."

„Und was wächst auf diesen Böden?", wollte ein anderer Scharführer wissen.

„Alles. Natürlich baut man auf den wertvollen Böden auch wertvolle Früchte an, etwa Getreide, und hier vor allem Weizen. Wenn wir hinunterkommen in die Ukraine erwarten uns goldgelbe, wogende Weizenfelder, worin man sich verstecken kann."

Und Landstein führte Webel

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