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K.o. nach zwölf Runden: Meine Autobiographie

K.o. nach zwölf Runden: Meine Autobiographie

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K.o. nach zwölf Runden: Meine Autobiographie

Länge:
267 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 15, 2013
ISBN:
9783867896016
Format:
Buch

Beschreibung

Sie war Ehefrau, Managerin und noch vieles mehr: Christine Rocchigiani lebte zwölf Jahre lang das Leben ihres Mannes - Boxweltmeister Graciano "Rocky" Rocchigiani. Dabei gab sie alles und zerbrach am Ende daran. In ihrer berührenden Autobiographie beschreibt sie erstmals, wie es ist, sich in einen Promi zu verlieben, was hinter den Kulissen der großen Boxkämpfe ablief, welche Rolle Drogen und Alkohol im Show-Business spielen, und warum sie trotz seiner Eskapaden so lange an der Seite ihres Mannes blieb. Ehrlich, selbstbewußt und lebensklug teilt Christine Rocchigiani ihre Erfahrungen und gibt Denkanstöße, die dabei helfen, auch Niederlagen positiv zu sehen und das Beste daraus zu machen: aufzustehen und weiterzugehen. Jetzt erst recht!
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 15, 2013
ISBN:
9783867896016
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

K.o. nach zwölf Runden - Christine Rocchigiani

Christine Rocchigiani   K.O. NACH ZWÖLF RUNDEN

Christine Rocchigiani

K.O. NACH

ZWÖLF RUNDEN

Meine Autobiographie

Unter Mitarbeit von Claudia Weingärtner

eISBN 978-3-86789-601-6

1. Auflage

© 2013 by BEBUG mbH / vip Verlag, Berlin

Umschlaggestaltung: Jana Krumbholz, ACDM

Umschlagabbildung: André Kowalski

INHALT

Prolog

Runde 1: Wie alles begann

Runde 2: Frisch verliebt

Runde 3: Hinter Gittern

Runde 4: Streit, Streit, Streit

Runde 5: Christine macht das schon

Runde 6: Die Schattenseiten der großen Boxwelt

Runde 7: Der erste Bruch – die Hochzeit

Runde 8: Mein Mann gegen Maske

Runde 9: Dicke Enttäuschung, Klappe die zweite

Runde 10: Der Zusammenbruch

Runde 11: Der letzte Versuch

Runde 12: Das Ende

Epilog

Danksagung

PROLOG

Das Ratschen des Reißverschlusses reißt mich aus dem Schlaf. Es war kein lautes Geräusch, eher ein unerwartetes, außerdem hatte ich vermutlich nur gedöst, nachdem ich mal wieder den ganzen Abend auf ihn gewartet hatte.

Es ist dunkel im Schlafzimmer, aber nicht stockfinster. Die hellen Seidenvorhänge halten das Licht des Mondes und den Schein der Straßenlaternen nicht vollkommen ab, haben sie noch nie. Seit einem Jahr wohnen wir in dem freistehenden Einfamilienhaus in einem kleinen Ort nahe Timmendorf. Und seit elf Monaten will ich mich um neue, dunklere Gardinen kümmern, denke ich. Weiß Gott, warum ich es noch immer nicht getan habe.

Ich erkenne die Umrisse des Mannes, der vor dem Bett steht. Die Umrisse des Mannes, den ich vor zwölf Jahren kennen- und lieben lernte, die Umrisse meines Mannes, meines Ehemannes: Graciano Rocchigiani.

Boxer. Weltmeister. Promi.

Macho. Häftling. Draufgänger.

Frauenschwarm. Samariter. Gutmensch.

Dieser Mann, der all das in einer Person ist, steht schnaufend vor dem Bett – und ist kurz davor, auf seine Hälfte der Doppelmatratze zu pinkeln.

»Graciano«, zische ich und erschrecke über meinen eigenen Ton, der dem einer alten Hexe gleicht. Was ist aus mir geworden?

»Graciano«, sage ich, dieses Mal ein kleines bisschen milder, schlage die Bettdecke zur Seite, setze erst den linken, dann den rechten Fuß auf den dunkelblauen Teppichboden, den der Eigentümer vor unserem Einzug extra für uns hatte verlegen lassen, und taste mich zu ihm hinüber. »Das hier ist nicht die Toilette.«

Mein Mann kam schon oft betrunken nach Hause. Er roch dann meistens so wie jetzt: saurer Geruch von aufgestoßenem Bier. Beißende Schweißnote. Marlboro-Mief. Ich kenne diese müffelnde Mischung nur zu Genüge. Oft habe ich sie ignoriert, oft darüber geschimpft. Heute aber spüre ich: Ich kann nicht mehr. Will nicht mehr. Es ist zu anstrengend.

Ich versuche, die Gedanken zu verdrängen, aber ich schaffe es nicht. Mein Körper sträubt sich. Ich erschaudere förmlich. Spüre die Gänsehaut unter meinem dünnen Nachthemd, als ich mich ihm langsam nähere.

Graciano weicht aus, torkelt zur Tür – offensichtlich fest davon überzeugt, dort das wahre Örtchen gefunden zu haben. Wieder greift er sich in den Schritt. Wieder ist er kurz davor, Wasser zu lassen.

Ich packe ihn am Arm, führe ihn hinaus in den Flur. Links das Treppengeländer, rechts die alte Truhe vor der Wand, die ich selbst in einem schicken Beigeton gestrichen hatte. Für was eigentlich?, frage ich mich und komme nicht dazu, den Gedanken zu Ende zu führen: Gracianos Hand donnert mit voller Wucht in mein Gesicht.

»Du dreckige Hure«, fährt er mich an, und ich starre hoch, in eiskalte Augen. Was ist aus ihm geworden?

Eine warme Flüssigkeit läuft mir aus der Nase, und erst als ein roter Tropfen mein weißes Nachthemd trifft, sehe ich, dass es Blut ist. Komisch, denke ich, es tut gar nicht weh.

Nicht die Nase schmerzt, nicht mein Kopf, nicht mal mein Herz, das so oft geschmerzt hatte in den letzten Monaten und Jahren. Ich spüre nichts, rein gar nichts. Mein Sprachzentrum scheint tot. Ich kann nichts sagen, kein Wort bringe ich heraus. Es ist, als sei mein Körper aus Gummi. Eine Figur ohne Seele, ferngesteuert von irgendwo.

Wie in Trance greife ich zum Treppengeländer, umklammere es, als würde es mir davonlaufen. Ich taumele die Stufen hinunter, wie eine Marionette, Hauptsache weg. Weg von Graciano.

Ins Gäste-WC. Hände waschen. Abtrocknen.

Im Spiegel sehe ich eine Frau, die einen Handabdruck auf der linken Gesichtshälfte hat. Bin ich das?

Augen schließen. Weitergehen.

Zur Couch im Wohnzimmer. Ich verkrieche mich unter einer Wolldecke.

Oben plätschert es, Graciano hat die Toilette offensichtlich endlich gefunden. Die richtige dieses Mal? Zumindest höre ich erst die Spülung, dann seine schweren Schritte und einen halbherzigen Rülpser, schließlich die Schlafzimmertür.

Normalerweise denke ich eher zu viel als zu wenig nach, oft stundenlang, tagelang, nächtelang. Jetzt schießt mir nur ein Satz durch den Kopf: Das war’s.

Meine Augenlider klappen herunter wie die einer Porzellanpuppe. Einfach zumachen. Alles dunkel. Besser. Ich will nichts mehr sehen, und schaffe es. Ein traumloser Schlaf übermannt mich.

Das war’s. Als hätte der Satz sich im Schlaf in mein Gehirn gebrannt, wache ich drei Stunden später mit exakt demselben Gedanken auf: Das war’s.

Das war’s.

Das war’s.

Das war’s.

Draußen dämmert es, ein eigentlich schöner Tag bricht an. Für mich wird er nicht schön. Er wird der Anfang vom Ende. Der Tag, an dem ich endlich durchziehe, was längst fällig ist. Der Tag, an dem ich gehe.

Zwölf Jahre lang stand ich an seiner Seite.

Ich war Ehefrau. Beste Freundin. Geliebte.

Managerin. Beraterin. Anwältin.

Haushälterin. Mutterersatz. Spielkameradin.

Zwölf Jahre lang hatte ich sein Leben gelebt. Zwölf Jahre lang hatte ich mein eigenes Leben vernachlässigt. Es vergessen. Mich verloren.

Ich liege auf der Wohnzimmercouch, auf der ich die Nacht verbrachte, und fühle mich, als läge ich im Ring. Zusammengeschlagen. Platt. Am Ende. Ich bin fertig, nein: fix und fertig.

Ich bin K.o. nach zwölf Runden.

RUNDE

WIE ALLES BEGANN

An einem sonnigen Herbsttag im Oktober 1988 sehe ich Graciano Rocchigiani zum ersten Mal. Ich bin 21 Jahre alt und mit meinem Freund Manfred in der Deutschlandhalle am Messedamm in Berlin-Charlottenburg.

Da unten, im Ring, verteidigt Graciano »Rocky« Rocchigiani seinen Weltmeistertitel im Supermittelgewicht gegen den US-Amerikaner Chris Reid. Hier oben, im Außenring, verteidigt Manfred die billigen Plätze, die er uns Wochen vor der groß angekündigten Veranstaltung besorgt hat.

»Das ist wie im Kino«, sagt er, während er sich das letzte Stück seiner Currywurst in den Mund schiebt und darauf herumkaut, als müsse er gerade ein halbes Schwein mit seinen Zähnen zerkleinern, »die Plätze hinten sind die besten. Glaub mir, hier hat man die beste Übersicht.«

Seit drei Jahren ist Manfred mein Freund. Drei Jahre, 36 Monate – mindestens 35 Monate zu lang. Er ist 22 Jahre älter als ich, hat zu viel Bauch, zu wenig Haare und viel zu wenig Selbstbewusstsein. Seinem Geschäftspartner, mit dem er einen kleinen Club am Mehringdamm führt, folgt er blind, und wenn wir mal nicht einer Meinung sind, rutscht ihm vor lauter Unsicherheit gern mal die Hand aus – vermutlich, weil er nicht weiß, wie er sich sonst wehren soll.

Anfangs mochte ich das Gefühl, mit einem so viel älteren Mann zusammen zu sein. Ich schaute zu ihm auf, liebte es, wenn er mir die Welt erklärte, und hatte Spaß daran, ihn ab und zu mit seinem Alter zu necken, ihn auf Touren zu bringen. Doch das ließ nach, schnell, schon nach Wochen und dann täglich ein Stückchen mehr. Geschätzte hundert Mal wollte ich unsere Beziehung bereits beenden, und jetzt, in der Deutschlandhalle, ist er schon wieder da, der Trennungsgedanke.

Ich sollte es ihm endlich sagen, denke ich. Nach dem Kampf. Noch heute Abend. Es passt einfach nicht.

Manfred springt auf und reißt mich aus meinen Gedanken. Er ist nicht der einzige, der auf einmal steht, ganz im Gegenteil: Ich bin die einzige, die noch sitzt. Um mich herum tobt die Menge. Graciano Rocchigiani muss da unten irgendeine Heldentat vollbracht haben, denn seine Fans sind völlig außer sich. »RO-CKY«, brüllen sie, »Gib alles«, und wieder, immer wieder: »RO-CKY«!

Wie durch Zauberhand vertreiben die Schreie das, was mein Hirn gerade noch so intensiv beschäftigt hat. Ein Schauer läuft mir über den Rücken, und plötzlich bin ich dabei. Eine der elftausend Zuschauer, die so abgehen. Ich brülle mit, schwitze mit, klatsche mit, fiebere mit.

Durch die Ränge fließt eine Energie, der man sich kaum entziehen kann. Selbst hier im Außenring.

Es ist nicht so, als hätte ich mich je ernsthaft fürs Boxen interessiert. Heute sehe ich den ersten Kampf live, und das auch nur, weil Manfred mich mitgenommen hat. Früher, als kleines Mädchen, hat mich dieser Sport zwar fasziniert – aber bloß, weil unsere Eltern so ein Bohei darum machten. Wenn sie mitten in der Nacht aufstanden, um die Muhammad-Ali-Kämpfe zu verfolgen, krochen ich und meine großen Schwestern Beate und Marion heimlich aus den Betten. Wir schlichen uns zur angelehnten Wohnzimmertür, schielten durch den winzigen Spalt auf die Mattscheibe – und fanden das furchtbar aufregend, obwohl wir am Ende nie so richtig kapierten, wieso diese Männer sich gegenseitig hauen dürfen, ohne dass jemand dazwischengeht, so wie unsere Lehrerin Frau Grätschel auf dem Pausenhof, wenn die Jungs aus der Schule sich rauften.

Da verkloppen sich zwei, und Tausende rasten aus, weil sie dabei zusehen dürfen, denke ich jetzt, 15 Jahre später. Und am Ende liegt einer am Boden, und die Masse tobt noch mehr. Ob es das innere Teufelchen in uns ist, das da so einen Spaß dran hat?

Eigentlich doch verrückt. Ich streiche das »eigentlich«: verrückt. Ich mag verrückt. Und brülle weiter mit. »RO-CKY«, schreie ich einmal mehr, während Chris Reid zu Boden geht. Technischer Knock-out nach der 11. Runde. Graciano Rocchigiani steht in Siegerpose im Scheinwerferlicht, die Fäuste geballt, die Arme hochgerissen, und verzieht kaum eine Miene. Cooler Typ, denke ich, während er in den Katakomben verschwindet.

Neben Manfred trotte ich nach Hause, noch immer ein bisschen aufgekratzt. Meine Stimme ist heiser vom ganzen Gebrülle. Siehe da: die nächste Ausrede, die Klappe zu halten. Zu Hause angekommen fallen wir ins Bett, und ich sage – welche Überraschung – zum 101. Mal nichts. Trennung: wieder mal vertagt.

Tage vergehen, Wochen, Monate – und gefühlte hundert weitere »Christine-verdrängt-die-Trennungsgedanken«-Momente. Allerdings ist es jetzt ein bisschen leichter, mit Manfred zusammen zu sein, denn räumlich sind wir bereits getrennt: Manfred ist nach Mallorca gegangen, um dort Autos zu verkaufen. Ich bin anfangs dabei, kehre aber im Sommer 1989 nach einem großen Streit, bei dem ich mich sogar mit Pfefferspray zur Wehr setzen musste, zurück nach Berlin. Hier lebe ich nun allein in unserer alten Wohnung.

Ich arbeite im Café Journal an der Grolman-, Ecke Savignystraße, im Westen der Stadt – und zwar als Kellnerin. Kein Job für ewig, aber ich bin gern hier und verdiene gut. Mit Trinkgeld komme ich auf 3.000 Mark im Monat – mehr, als ich ausgeben kann. Die Kollegen sind nett, mein Chef Manfred »Manne« Friedrich entspannt, und ab und zu bediene ich sogar Berliner Promis, Dieter Hallervorden zum Beispiel.

Und dann, an einem Tag im Frühling 1989, auch Graciano Rocchigiani. Plötzlich steht er vor mir, der Mann, den ich ein Jahr zuvor in der Deutschlandhalle angefeuert hatte. Damals im Ring war er meterweit entfernt, unerreichbar. Jetzt gucken seine knallblauen Augen direkt in meine.

»Können wir zwei Kaffee haben?«, fragt er und geht mit dem Mann, der ihm ziemlich ähnlich sieht, zu einem Tisch ganz am Rand. »Das sind die Rocchigiani-Brüder«, nuschelt Manne, nickt wissend zu den Männern rüber, füllt zwei Tassen bis zum Füllstrich mit Kaffee und zwinkert mir zu, »denen sollten wir besser jeden Wunsch erfüllen.«

Ich weiß, worauf er anspielt: Graciano und Ralf Rocchigiani haben nicht nur mit ihren sportlichen Leistungen für Schlagzeilen gesorgt. Sondern auch mit Zwischenfällen, bei denen ihnen wohl kurz entfallen war, dass sie nicht im Ring sind, sondern auf der Straße – und dass ihnen kein Boxer gegenübersteht, sondern jemand, der ihre Schlagkraft nicht gewöhnt ist. »Box-Profis vermöbeln acht Polizisten am Kudamm« hatte erst kürzlich irgendeine Zeitung getitelt. Im riesengroßen Aufmachertext hieß es, die Brüder seien durch das Berliner Nachtleben gezogen und hätten sich mit einem Taxifahrer angelegt. Die zunächst harmlose Auseinandersetzung endete mit einem spektakulären Finale auf dem Berliner Prachtboulevard, weil insbesondere Ralf offenbar ausrastete. Folge: 30 Polizisten umstellten die Box-Brüder, überwältigten sie mit Pfefferspray – Festnahme.

Passt gar nicht zu denen, denke ich, als ich den Kaffee auf den Tisch stelle und Graciano mich anlächelt, sich höflich bedankt.

Normalerweise bin ich entspannt, wenn ich Promis bediene, und halte mich an einen Trick, wenn der Rest um mich herum nervös wird: Die müssen genauso aufs Klo wie wir, denke ich einfach immer, und stelle mir Hallervorden & Co. mit heruntergelassenen Hosen auf dem stillen Örtchen vor. Das gibt mir in der Regel Gelassenheit und zaubert mir ein süffisantes Lächeln aufs Gesicht, wenn ich ihnen Kaffee, Bier oder »Kurze« serviere.

Bei den Rocchigiani-Brüdern ist es zum ersten Mal anders. Ich bin angespannt, fast steif, hochkonzentriert. Jetzt bloß nichts falsch machen. Ist das Angst? Respekt? Neugierde? Dieses Erscheinungsbild? Oder etwas ganz anderes?!

Ich bin selbstsicher, eigentlich. Immer schon. Vielleicht, weil ich so früh allein zurechtkommen musste, vielleicht, weil mir das, was ich sehe, wenn ich in den Spiegel blicke, ganz gut gefällt; und wenn ich der Männerwelt Glauben schenken darf, stehe ich mit dieser Meinung nicht ganz allein da. Ich bin nicht zu klein, nicht zu groß, meine Taille ist etwas schlanker als das perfekte Modelmaß von 90, mein Bauch flach. Na gut, meine Brüste könnten etwas größer sein, aber sie sind nun mal, wie sie sind. Es gibt Schlimmeres, als einen kleinen Busen zu haben – der besteht wenigstens länger den »Bleistifttest«, außerdem komme ich mit ein bisschen Schummeln auch auf ein Dekolleté, das nach einer guten »Handvoll« aussieht. Beim Kellnern verzichte ich allerdings auf den Push-Up, auch schminke ich mich eher unauffällig. Meine braunen schulterlangen Haare, denen ich erst vor kurzem eine Dauerwelle für 135 Mark verpasst habe, trage ich meist erst nach Feierabend offen. Doch mit meinen engen Stretch-Jeans, die mein Hinterteil betonen, sacke ich auch so ordentliches Trinkgeld ein.

Auch von den Rocchigiani-Brüdern, als sie ein Stündchen später den Laden wieder verlassen. Sympathisch, großzügig, nett, denke ich, und ergänze: so herrlich normal.

In den nächsten Wochen kommt Graciano Rocchigiani öfter ins Café Journal, mal mit seinem Bruder, mal mit seinem Trainer, mal mit Freunden, und immer wieder ist er das: herrlich normal. Er will keine Sonderbehandlung, nutzt seinen Promistatus nicht aus und wirkt in vielen Situationen eher schüchtern, zurückhaltend. Manchmal treffen sich unsere Blicke, manchmal grinsen wir uns zu, manchmal plaudern wir – Wetter, Nachrichten; Smalltalk halt. Zwischendurch geht’s auch mal um seinen »Job«, Graciano erzählt mir zum Beispiel, dass er aus Gewichtsgründen seinen Weltmeistertitel niedergelegt hat.

Ich fühle mich geehrt, dass er mir so etwas sagt. Will aber keinen falschen Eindruck erwecken. »Ich himmele den nicht an«, betone ich gegenüber Manne ab und zu. »Für mich ist er gar nicht so der Held.« Tatsächlich vergesse ich im Gespräch mit ihm oft, dass ihn als jüngsten deutschen Profi-Boxweltmeister aller Zeiten zumindest in der Sportbranche so ziemlich jeder kennt. Graciano Rocchigiani ist ein Gast wie jeder andere, erinnere ich mich zwischendurch selbst. Und deshalb bin ich zu ihm auch so nett wie zu allen anderen. Nicht mehr und nicht weniger.

Bis er mir plötzlich eine ungewöhnliche Frage stellt.

»Willst du mit mir nach Amerika gehen?«, haut Graciano raus, während er Kaffee an der Bar trinkt und ich gerade Weingläser für den Abend poliere. »Was?!«, frage ich, vielleicht etwas zu laut, und merke, wie meine Hände unter dem rotweiß-karierten Küchentuch feucht werden. »Meinst du das ernst?«

»Ja«, sagt Graciano. »Ich soll ins Trainingslager und will nicht alleine fliegen. Also?«

In meinem Kopf rattert es.

Mein Englisch ist okay, in der Gastronomie findet man immer und überall was.

Der Kerl, der mir gegenüber sitzt, ist mir sympathisch.

Umziehen will ich sowieso, denn die Wohnung ist das einzige, das Manfred und mich noch verbindet. Und USA, Mann! »Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten« …

»Klar«, antworte ich, »warum eigentlich nicht?«

Graciano guckt, als hätte ich ihm gerade einen Millionen-Gewinn im Lotto bestätigt. »Echt jetzt?«, fragt er ungläubig und strahlt übers ganze Gesicht.

Wow, denke ich, was für ein Lachen.

Mein Kopfkino spult ab: Ich und Graciano, mit großen Koffern am Flughafen. Wir, in einer Limousine, die uns vom Flieger abholt. Er, der im Ring trainiert. Ich, die ihn am Rand anfeuert. Erst als gute Freundin, Kameradin, Wegbegleiterin. Und dann vielleicht irgendwann …

Ist klar, Christine, muss ich mir in den Tagen darauf eingestehen. So wär’s vielleicht im Fernsehen gelaufen. Oder im Märchen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Die Realität ist das Café Journal. Und hier sitze ich nun und warte. Graciano Rocchigiani lässt sich seit seiner ungewöhnlichen Anfrage nicht mehr blicken. Er ist wie vom Erdboden verschluckt. Eine Woche, zwei Wochen, drei Wochen, mehr Wochen. Die Rocky-USA-Seifenblase ist zerplatzt.

Wenn ich eines gut kann, dann ist das positiv denken. Und das mache ich jetzt: Wie gut, dass ich hier und nicht in den USA bin, beschließe ich, als die Mauer fällt. Am 8. November sehe ich im Fernsehen die drängelnden Massen an der Grenze – und am 9. November bediene ich zum ersten Mal »Ossis« im Journal. Es ist bumsvoll, und die Stimmung ist der Wahnsinn. Ohne es mit Chef Manne abzusprechen, schmeiße ich eine Runde Amaretto, dann noch eine und noch eine. Jeder neue Gast bekommt ein Pinnchen mit dem süßen Mandellikör. Ich drehe die Musik auf. Die Leute feiern, tanzen. Berlin hat plötzlich ein anderes Gesicht. Alles ist anders als in den ersten 22 Jahren meines Lebens. Schön anders. Anders schön.

Gut vier Wochen nach dem Mauerfall feiere ich meinen 23. Geburtstag im Café Journal. Ich muss arbeiten, habe aber ein paar Häppchen vorbereitet, Freunden und Stammgästen Bescheid gesagt, dass sie vorbeikommen sollen. Alle gratulieren mir, stoßen mit mir an, und so ist diese Schicht ein bisschen wie eine kleine Privatparty.

Es ist schon spät, als plötzlich Graciano in der Tür steht – mit einer weißen Orchidee in der Hand. Es ist ein Prachtexemplar aus dem teuren Blumenladen ums Eck, keine Supermarktware, das sehe ich aus der Ferne, obwohl ich schon etwas angeduselt bin.

Ich schwinge mich um den Tresen, bahne mir einen Weg durch die Masse, hinüber zum Eingang. »Wie schön, dass du da bist«, sage ich, strahle. Ich war nach den vergangenen Wochen fest davon ausgegangen, dass er meinen Geburtstag vergessen hat: Erst die geplatzte USA-Nummer – und in den vergangenen Tagen auch noch das Gerücht, dass Graciano nach seinem Kampf gegen den Amerikaner John Keys am 1. Dezember mit einem

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