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Es wird ihnen eine Lehre sein: Herwig Seeböck - Die Biografie

Es wird ihnen eine Lehre sein: Herwig Seeböck - Die Biografie

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Es wird ihnen eine Lehre sein: Herwig Seeböck - Die Biografie

Länge:
276 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
26. März 2013
ISBN:
9783707604498
Format:
Buch

Beschreibung

Herwig Seeböck (1939-2011) war eine vielseitige, originelle und schillernde Persönlichkeit. Zahlreiche Mythen ranken sich um den Autor der berühmt gewordenen "Häfenelegie". "Es wird ihnen eine Lehre sein" ist die erste umfassende Biografie des Ausnahmekünstlers, in der unter anderem Wolfgang Ambros, Josef Hader, Oscar Bronner, Willi Resetarits, Alfred Dorfer, Andrea Händler und natürlich Seeböck selbst und seine Tochter zu Wort kommen.

Herwig Seeböck war auch ein österreichisches Original - offen und in sich gekehrt, freundlich und ruppig, menschenliebend und misanthropisch, konziliant und unbequem, mit unbeirrbarem Sinn für Wahrhaftigkeit und unabrückbar auf der Suche nach dem Wesentlichen hinter den Dingen.

"Es wird ihnen eine Lehre sein" sein nähert sich dem Schauspieler, Mentor, Schriftsteller und Regisseur in dreifacher Weise an. Biografische Abrisse informieren über die wichtigsten Stationen und prägenden Ereignisse in Herwig Seeböcks Leben. Schauspielkollegen, Freunde und Weggefährten des Künstlers kommen zu Wort und offenbaren so manche Anekdote aus seinem beruflichen und privaten Leben. Der Blickwinkel der Autorin, der Tochter Herwig Seeböcks, vervollständigt den Blick und bereichert das Buch um eine Facette, die der Öffentlichkeit bislang unbekannt geblieben ist. Persönliche Erinnerungsstücke finden sich in dem Buch in Form von Geschichten, aber auch in Form von Abbildungen und bisher unveröffentlichten Fotos.
Herausgeber:
Freigegeben:
26. März 2013
ISBN:
9783707604498
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Buch

Über den Autor


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Es wird ihnen eine Lehre sein - Ida Seeböck

2013

DAS MASS IST VOLL

Schwarzau an der Schwarza. 23. Dezember 1964. Die Tür des Gefängnishauses knallt zu. Herwig Seeböck ist frei. Weihnachtsamnestie.

Viereinhalb Monate hatte Seeböck hinter Gittern verbracht – es war die typische b’soffene G’schicht’. Die Nacht- und Nebelaktion, die das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Gemeinsam mit einem Freund hatte Herwig Seeböck nächtens zwei Küchenmädeln Besuch abstatten wollen. Der Heurigenbesitzer glaubte an Einbrecher – und rief die Polizei. Auf diese Aktion folgte die »Auseinandersetzung mit dem bewaffneten Österreicher«, wie Herwig Seeböck sich später in der »Häfenelegie« ausdrückte – gemeint ist jenes Wachorgan, das den fensterlnden Seeböck im Bauernkasten der Mädels aufgespürt hatte. In den Polizeiakten konnte man lesen, dass Seeböck aus Notwehr eine »Boxerstellung« eingenommen habe, was – trotz anderslautender Stimmen – die Festnahme zur Folge hatte. »Obwohl alle anderen Zeugen von der angeblichen Gewalttätigkeit Seeböcks nichts gesehen hatten, schenkte man der Aussage der Polizisten mehr Glauben. Basta.« (Wiener Wochenausgabe, Nr. 8/1965)

»Herwig Seeböck – angeklagt wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt«, hieß es demnach drei Wochen nach der nächtlichen Heurigenaktion. Am 9. August 1964 wurde Herwig Seeböck zu 4½ Monaten Gefängnis in der Haftanstalt »Schwarzau am Steinfelde« verurteilt.

Oscar Bronner, der bekannte Journalist und heutige Herausgeber der Tageszeitung »Der Standard«, damals Kurier-Redakteur, war zu dieser Zeit gerade mit einer Artikel-Serie befasst, die sich mit Polizeiübergriffen auseinandersetzte. Unter anderem beschrieb er die Verhaftung Herwig Seeböcks. Zur journalistischen Recherche für einen solchen Artikel hatte Bronner Herwig Seeböck im Gefängnis besucht.

Haftzettel Herwig Seeböcks

»Bei der Geschichte ging es um die prinzipielle Frage, dass ein Nicht-Beamter, wenn er vor Gericht gegen einen Beamten aussagt, einfach keine Chance hat. Wenn also Aussage gegen Aussage steht. Und dies war in der Causa ›Seeböck‹ der Fall. … Im Falle Seeböck ging es darum, ob der Schauspieler bei einer Festnahme seine Hände ›drohend‹ oder ›abwehrend‹ erhoben habe. Man glaubte der Amtsperson. Der ganze Fall hatte recht harmlos begonnen. Was sich weiter abspielte, sah je nach Zeugenaussage sehr verschieden aus. Alle Zeugen bestätigten die ›erhobenen Hände‹ Seeböcks. R. und Seeböck selbst sahen darin eine Abwehrbewegung gegen die Ohrfeigen. Rayoninspektor Wanderer jedoch eine aggressive Boxerstellung. Die Boxerstellung wurde übrigens sonst von niemandem, auch nicht von Rayoninspektor Herzan, wahrgenommen. Seeböck wurde nach § 81 (öffentliche Gewalttätigkeit) zu vier Monaten schweren Kerkers, verschärft durch ein hartes Lager und einen Fasttag, verurteilt. In der Urteilsbegründung heißt es: ›Zweifellos muß das Gericht aus der Aussage des unmittelbar beteiligten Zeugen Wanderer als erwiesen annehmen, dass sich der Beschuldigte tatsächlich in einer Boxerstellung befand …‹ ›Vorher‹, heißt es in den Ausführungen des Gerichts, … ›nahm der Beschuldigte … eine drohende Haltung ein und begab sich in eine Boxerstellung, zumindest erweckte er den Eindruck, und ging auch tatsächlich auf den Wachebeamten mit erhobenen Händen zu.‹ Für Polizei und Gericht ist die Angelegenheit ein Dutzendfall. Aber sie zeigt, wie schwer es Richter haben, wenn es gilt, die Glaubwürdigkeit von Zeugenaussagen zu beurteilen. Der Rayoninspektor hatte den in Grinzing wohnenden Schauspieler übrigens schon vor der Amtshandlung gekannt und offensichtlich nicht sehr geschätzt, denn er sagte – laut Zeugen Seeböck – gleich zu Beginn der Begegnung im Mädchenzimmer: ›Ah, Herr Seeböck, jetzt ham ma Ihna.‹« (Kurier, 14. November 1964)

Es war der im Bronner-Artikel als »R.« bezeichnete Hans Reisinger, ein Grinzinger Jugendfreund Herwig Seeböcks, der in jener Nacht mit dabei war, als sich Herwig beim nächtlichen Besuch der Küchenmädchen mit der Polizei anlegte. Dass eine Hetz eine solche Anklage nach sich ziehen würde, hatte weder Hans noch Herwig sich vorstellen können.

Hans Reisinger hatte Herwig Seeböck bei Theaterproben für eine Inszenierung am Leopoldsberg kennengelernt. Hans und Herwig wurden gute Freunde. Herwig fiel es sehr leicht, Menschen zu unterhalten, daher genoss Hans Herwigs Gesellschaft. Alleine wurde Hans zu den Veranstaltungen der sogenannten »besseren Kreise« nicht eingeladen, mit Herwig jedoch war die Sache ganz anders.

»Nachdem wir eines Nachts beim Heurigen ›Zimmermann‹ am Grinzinger Platz ziemlich viel getrunken hatten, sagte Herwig: ›Jetzt gemma noch zur Enzl!‹ Die ›Enzl‹ war damals ein renommierter Treffpunkt der jungen Schauspielszene und eines der Stammlokale Herwigs. Er hoffte, die beiden Küchenmädchen anzutreffen, denen er wenig vorher seinen Besuch angekündigt hatte. Gegen drei Uhr Früh pumperte er mit der Faust an die Tür des Heurigenlokals. ›Macht’s auf, macht’s auf, wir werden verfolgt!‹ Von Verfolgen war jedoch gar keine Rede. Als ich von der Veranda des Biedermeierhauses hinunterschaute, erblickte ich ein paar Leute. Die schrien: ›Da sans, da sans!‹ Und ich winkte ihnen noch, b’soffen halt. Nach einiger Zeit öffneten die Mädchen die Türe. Rasch gab Herwig ihnen zu verstehen, dass es sich hier um eine ernsthafte Verfolgungsjagd handle. Ohne zu zögern versteckten die Mädchen Herwig und mich in einem großen Bauernkasten, der in ihrem Zimmer stand. Dann kam die Polizei.«

Das damalige Heurigenlokal »Enzl« in Grinzing

Der Rest ist als Zeugenaussage Reisingers im Polizeiprotokoll nachzulesen. Einer der Polizisten riss den Kasten auf, in dem Herwig und Hans saßen, und sagte: »Ah, der Herr Seeböck, jetzt ham ma Ihna endlich.« Und auf die Frage, wie er heiße, erwiderte Seeböck: »Ich bin der Burgschauspieler Herwig Seeböck. Sie kennen mich doch, was glauben Sie denn überhaupt? Schauen Sie, dass sie hinauskommen!«

Offensichtlich verstand der Polizist dies nicht als Scherz. Dem »blöden Buam«, der vor ihm stand, sollte eine Lektion erteilt werden. Der Polizist nahm den Gummiknüppel und begann, Herwig ohne zu zögern auf den Hals und in die Nieren zu schlagen.

Als sich der Polizist Hans Reisinger nähern wollte, bekam dieser es mit der Angst zu tun. Hans nahm seinen ganzen Mut zusammen und sagte, dass er Herrn Eiselbrecher sprechen wolle. Mit Herrn Eiselbrecher verband Hans Reisinger eine entfernte Verwandtschaft. Er war der Schwiegervater seiner Schwester und Leiter der damals noch bestehenden Abteilung für Geschlechtskrankheiten und Mädchenhandel im Allgemeinen Krankenhaus.

Hans Reisinger versuchte, sich mit dem Polizisten gut zu stellen, und gab an, dass sein »Quasi-Onkel« am Gürtel dafür zuständig war, die Prostituierten zu kontrollieren. Der Gesetzeshüter schien jedoch von der Aussage Reisingers nicht sonderlich beeindruckt. Nach einem saloppen »Mitgehangen – Mitgefangen« brachte man Herwig und Hans auf die Hohe Warte, wo man sie in getrennte Zellen sperrte. Am nächsten Tag wurden die beiden wieder entlassen. Mit den letzten fünf Schilling, die Herwig und Hans besaßen, erstanden sie am Heimweg noch eine Knackwurst und ein Bier.

Für Herwig Seeböck sollte das Thema Gefängnis damit bekanntlich nicht erledigt sein. Drei Wochen später rief er seinen Freund Hans an und erzählte ihm von der Anzeige, die er wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt erhalten hatte. Für Reisinger brach damals eine Welt zusammen und er begann, an der Gerechtigkeit zu zweifeln. Er konnte nicht verstehen, wie man von einem Polizisten geschlagen und dann auch noch eingesperrt werden konnte.

Noch heute ist besagte Haftanstalt Schwarzau im Schloss Schwarzau untergebracht, das im Jahre 1697 unter Johann Wilhelm Graf von Wurmbrand und Stuppach erbaut wurde. Nachdem das Schloss 1951 an den österreichischen Staat verkauft worden war, setzte man es 1957 nach den erforderlichen Umbauarbeiten als Strafvollzugsanstalt des Justizministeriums ein. Viele Ortsansässige waren jedoch über das »Häfenschloss« nicht begeistert, um einiges lieber hätten sie das Gebäude in ein Kur- oder Altersheim umgewandelt, doch gewöhnte man sich mit der Zeit an den Gedanken und betrachtete die neue Justizanstalt schließlich schlicht als Notwendigkeit. Immerhin, könnte man ironisierend sagen, hat Herwig Seeböck sich für seine Haft einen höchst prominenten Ort ausgesucht, war Schwarzau – bis zum 1. Weltkrieg im Besitz des Geschlechts Bourbon-Parma – doch immerhin Schauplatz der Hochzeit der aus der spanisch-italienischen Adelsfamilie stammenden Zita mit Karl, und zwar keinem Geringeren als Erzherzog Karl von Habsburg. Das letzte österreichische Kaiserpaar heiratete in demselben prächtigen Schloss, in dem der typische Österreicher Herwig Seeböck gute 50 Jahre später im Gefängnis sitzt – was für ein Kontrast!

Die damalige Strafvollzugsanstalt Schwarzau am Steinfelde

Der Gefängnisalltag in Schwarzau war trist, der einzige Kontakt zur Außenwelt ein Brief pro Woche. Versehen mit dem Stempel »Gefangenenhaus! Gesehen!« und dem Zusatz »Beilage von Geld, Marken und Rasierklingen ist verboten«, durften die schriftlichen Niederlegungen der Häftlinge letztendlich das Straflager verlassen.

Am 19. November 1964 schrieb Herwig Seeböck an seinen Freund Gerhard Dorfer:

»Es ist mir nicht gleichgültig, dass ich mich bereits 3½ Monate unter Verbrechern befinde, und das unschuldig, ich hatte nie geglaubt, dass es doch noch soweit kommen würde, aber siehe da, der Mensch lernt nie aus, voilà, hier sitze ich nun, den Hirnkasten bis zum Überlaufen mit Wut angefüllt, und kann doch nichts ändern. Jetzt verbüße ich Gott sei Dank nur mehr starke vier Wochen, man schenkt mir zu Weihnachten die geraubte Freiheit wieder, ist eigentlich nett von den Herrn, oder? Falls du ein derart verworfenes Subjekt wie mich einladen willst, vielleicht könnte ich am Stefanitag zu dir kommen. Könntest du vielleicht eine kleine Fete arrangieren? Bitte nichts von diesem Brief erwähnen, er ist hinausgeschmuggelt.«

Auch Dolores Schmidinger, zu jener Zeit mit Herwig Seeböck liiert, erhielt Briefe aus dem Häfen. Im zarten Teenageralter von 17 hatte Schmidinger Herwigs Bekanntschaft gemacht.

»Wir haben einander im Theater im Palais kennengelernt. Ich war lustig und hab’ Wuchteln g’schoben. Für eine Frau war das ungewöhnlich. [Wuchteln schieben = Wienerisch für »Witze reißen«] Herwig ist darauf abgefahren. Er war ungeheuer phantasievoll, das hat mich natürlich gereizt. Und dann war er unglaublich witzig, er hat mich auch ausgeführt. Es war etwas anderes als mit den Buben, mit denen ich in die Schauspielschule ging. Meinem Vater waren die Zusammenkünfte mit Herwig ein Dorn im Auge, vor allem weil dieser mich zunehmend zu nächtelangen Ausflügen verleitete. Mein Vater war damals furchtbar wütend. Eines Tages sprach Herwig also bei ihm vor. Er kam eines Nachmittags ins ›Herrenzimmer‹, in dem mein Vater am Flügel saß. Herwig hatte eine kleine Trommel dabei und kam spielend bei der Tür herein. Das hat Vater natürlich wieder gefallen – und ihn schließlich besänftigt.«

Nach einem ihrer unzähligen nächtlichen Ausflüge brachte Herwig Dolly eines Abends mit einem kaputten Moped nach Hause, an dem der Auspuff angebunden war. Dolly war sicher zu Hause angekommen, Herwig jedoch sollte sie nicht mehr so bald wiedersehen. Am selben Abend noch rief er sie bereits von der Polizei aus an. Alles, was er sagte, war: »Hasilein, wir sehen uns im Dezember.«

Die Kommunikation zwischen Dolly und Herwig fand in der nächsten Zeit größtenteils per Brief statt. Liebesschwüre, die sie sich erwartet hatte, blieben meist aus. Stattdessen bat Herwig seine Dolly in seinen Schreiben hauptsächlich, zu seinem Schneider zu laufen, seine Jacken und Sakkos taillieren zu lassen und dafür zu sorgen, dass die Kupferknöpfe auch an den rechten Stellen angenäht würden. Das alles in detaillierter Zeichnung.

Brief von Herwig Seeböck

»Vollmacht!

Hiermit erteile ich Frl. Dolores Schmidinger die Erlaubnis, meine Kleidungsstücke, bestehend aus 1 Mantel, 1 Anzug (blau), 1 Hemd (weiß, blau kariert), 1 Paar schwarze Schuhe (halb), 1 Hut, 1 Krawatte, bei dem Landesgericht Nr. 1, Landesgerichtsstraße abzuholen. Gezeichnet 12. September 1964 von Herwig Seeböck«

In manchen Briefen fanden sich dann doch plötzlich die liebevollen Zeilen, die sich Dolly erwartete. Nichtsdestotrotz enthielten auch jene Schreiben lange Listen von Aufgaben. Zum Beispiel bat Herwig, seine Wäsche aus der Wäscherei »Flott« zu holen, ihm ein Textbuch von »Heinrich dem V.« zu beschaffen oder sogar mit dem Direktor im »Theater im Palais« zu verhandeln, da er dort ein Stück inszenieren wollte. Guter Dinge aufgrund der baldigen Entlassung, schrieb Herwig Seeböck am 8. November 1964 an sie:

»Liebe Dolly! Danke für deinen Brief, den ich nun doch erhalten habe, keine wie immer geartete Angst, ich komme ja bald wieder. Heute habe ich eine Wäsche zu Vater nach Hause geschickt, er wird sich sicher sehr freuen!! Schreib mir gleich, ich denke nämlich nicht nur an die Hose, sondern auch an Dich, falls Du das nicht weißt, muss ich es Dir schreiben. Bitte rufe beim Schneider an und sage ihm, dass ich den Blazer am 23. Dez. selbst holen komme, wenn ich draußen bin. Heute war Hans Reisinger mit Helga bei mir, wir haben viel geplaudert.«

Jeweils am Sonntag durfte Herwig Seeböck Besuche empfangen. Das lief meist so ab, dass der Besucher kulinarische Köstlichkeiten mitbrachte, die der Häftling jedoch vor den Augen des Aufsehers verzehren musste. Das tat Seeböck auch mit Heißhunger, denn 1500 Kalorien pro Tag waren dem stämmigen Mimen zu wenig. Als Hans Reisinger wieder einmal vorbeikam, bat Seeböck diesen um einen besonderen Gefallen. Seeböck hatte Verlangen nach Alkohol. Auf Reisingers Bedenken, dass er ihm doch keine Flasche mit Alkoholischem in das Gefängnis bringen könne, hatte Seeböck einen praktikablen Lösungsvorschlag.

»Er sagte, er habe ›drinnen‹ gehört, dass man Orangen nehmen und in diese Cognac hineinspritzen könne. Das taten wir dann auch. Herwig aß die Orangen und marschierte in der Folge besoffen in seine Zelle. Am selben Tag rief mich sein Vater an, der nach diesem Vorfall im Gefängnis gewesen sein muss. Er herrschte mich an: ›Wollen Sie, dass mein Sohn noch ein paar Monate bekommt, wenn Sie ihn zum Trinken verführen?!‹ Der Vater war auch später noch sehr schlecht auf mich zu sprechen.«

Die eintönige Arbeit, die Herwig Seeböck jeden Tag im Gefängnis verrichten musste, war für ihn sehr schwierig zu ertragen. Um sechs Uhr musste man aufstehen, sich waschen, frühstücken und an die Arbeit. Strafgefangener Seeböck war als Kohlenschaufler, Gärtner, Erntehelfer und zuletzt als Heizer im Kesselhaus tätig. Für diese Tätigkeit bekam er sage und schreibe dreißig Groschen pro Stunde. Um halb fünf jedoch war Dienstschluss. »Da war ich ganz schön fertig, und ich hab’ geglaubt, das Kreuz reißt mir ab«, erinnerte sich Seeböck an seine arbeitsreichen Tage in Schwarzau. An besonders mühsamen Tagen suchte er Ablenkung in kleinen Späßen, die ihn den Alltag ein wenig vergessen ließen. Als er einmal im Getreidefeld arbeiten musste, fing er zum Beispiel ein Mauswiesel. Er hielt das Mauswiesel in einer Schachtel und animierte Hans Reisinger, es mitzunehmen und zu dressieren. Dieser aber ließ das arme Tier auf der nächsten Wiese wieder aus.

Wenn Seeböck jedoch einmal keine körperliche Arbeit verrichten musste, stillte er seinen Wissensdurst in der Anstaltsbibliothek. Dabei fand er ein Buch mit dem Titel »Metternich und die Frauen«. Es inspirierte ihn so, dass er es noch in der Anstalt zu bearbeiten begann und als Grundlage für sein späteres Schauspiel »Spiegel, Spiegel vor der Schande« verwendete, das die Zeit von 1809 bis 1900 in satirischer Weise behandelt. Natürlich wurde das Geschriebene vom Aufseher zensuriert. Es war derselbe Aufseher, der Seeböck »Pazifikmensch« zu nennen pflegte, womit er schlichtweg »Pazifist« meinte.

Für die Zeit nach seiner Entlassung hatte Seeböck sich viel vorgenommen. Das romantische Abendessen mit Dolly am Tag seiner Entlassung blieb jedoch aus. Herwig beschloss, lieber mit seinen Freunden zu feiern. Da er in der Zeit seines Gefängnisaufenthaltes 16 Kilogramm an Gewicht verloren hatte, freute er sich auf ein reichhaltiges Essen. Am 26. Dezember 1964 fand sein Willkommensfest in der Wohnung seines Freundes Gerhard Dorfer statt. Seeböck bedankte sich überschwänglich bei seinen Freunden für die Mühe, schmiedete Pläne für das kommende Jahr und erzählte seinen aufmerksamen Zuhörern stundenlang Geschichten aus dem Häfen.

Die Häfengeschichte, die in der Gefängnisanstalt Schwarzau endete, war nicht die einzige Kontaktnahme mit den Vertretern des Gesetzes. Herwig Seeböck war bei der Polizei kein unbeschriebenes Blatt. Vollkommen immun gegen jegliche Autorität, randalierte er im vornehmen Grinzing und trieb die Polizei zur Raserei. Einmal testete er die Länge eines Telefonhörerdrahtes in einer öffentlichen Telefonzelle. Nachdem er unzählige Meter Kabel aus der Verankerung des Apparates gerissen hatte, sprang er auf eine eben vorbeifahrende Straßenbahn auf. Mit gezogener Pistole holte ihn eine Polizeitruppe aus dem 38er. Diesem Vorkommnis folgte eine bedingte Verurteilung wegen boshafter Sachbeschädigung.

Aufhalten konnte die Polizei Herwig Seeböck grundsätzlich nie. »Die Polizisten sind ja deppert«, pflegte er zu sagen. »Da ist neulich einer vom Gehsteig gesprungen, weil er mich aufhalten wollte, der Trottel. Der soll froh sein, dass ich ihn nicht niedergeführt habe, dann hab ich ihm den Vogel gedeutet.«

Hans Reisinger, als treuer und besorgter Freund oft mit von der Partie, kam nicht selten ebenfalls zum Handkuss oder erlebte im Schlepptau von Herwig Seeböck zumindest manch abenteuerliche Geschichte. Gott sei Dank

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