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Ein unerwarteter Besuch

Ein unerwarteter Besuch

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Ein unerwarteter Besuch

Länge:
312 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jul 3, 2014
ISBN:
9783709935798
Format:
Buch

Beschreibung

Ein unerwarteter Besuch ist in die Wohnung des Versicherungsdirektors Robert Prokop eingedrungen und hat seine Unterlagen durchwühlt. Wonach hat er gesucht? Haben die undurchsichtigen Finanzgeschäfte, denen Prokop in seinem Unternehmen auf die Spur gekommen ist, damit zu tun? Auf der Suche nach Antworten gerät Prokop in ein Netz von Lügen und Betrug, von Gier und Gewalt. Reinhard Kocznar gelingt in seinem Roman­Erstling ein packender Versicherungskrimi, der tief in ein verschlungenes Netz von Lügen und Betrug, von rücksichtsloser Gier und skrupelloser Gewalt führt.
Herausgeber:
Freigegeben:
Jul 3, 2014
ISBN:
9783709935798
Format:
Buch

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Ein unerwarteter Besuch - Reinhard Kocznar

8

1

Langsam rollte die Limousine an die Straßenkreuzung heran, bog ab und hielt vor der Bankfiliale am Eck. Bei näherem Hinsehen hätte man die dunkelrote Farbe des Modells, eines Mercedes neueren Baujahres, feststellen können, mittlerweile war das Auto aber mit einer soliden Schicht dunkelgrauen Straßenstaubes überzogen. Ein hochgewachsener, gut gekleideter Mann stieg aus, warf die Türe zu und schlug den Kragen seines Mantels hoch, bevor er sich in Bewegung setzte.

Er stieg über die Schneehügel am Straßenrand und steuerte den Geldautomaten an. Dort steckte er die Karte und tippte den höchsten Betrag ein, den er beheben konnte. Er entnahm die Scheine und wiederholte den Vorgang mit seiner zweiten Karte.

Es war ein kalter Apriltag, kurz vor acht Uhr morgens. An den Rändern der Straße lagen noch die Reste des verspäteten Schneefalls, der gelegentlich um diese Jahreszeit auftrat. Über der Stadt hing ein grauer Wolkenvorhang, in der Nacht hatte eine dünne Schicht Eis die Fahrbahn überzogen.

Die grimmige Kälte machte seine Finger klamm. Als er die Karte aus dem Automaten nahm, fiel sie zu Boden. Er bückte sich, um sie aufzuheben, als eine Frau an ihm vorbeiging. Er sah nur ihre Beine unter dem Mantel. Was ihm nicht behagte, war, dass sie sich im selben Augenblick umdrehte.

„Robert?"

„Anita?" fragte er überrascht, dann bemerkte er, dass er noch immer in der Hocke war, und erhob sich wieder. Wozu war der Weg in diesen entfernten Stadtteil notwendig gewesen, wenn er da auf der Stelle gesehen und erkannt wurde?

„Was für eine Freude", sagte sie.

Nach einem kurzen Zögern nahm sie ihn in die Arme. Sie schwankte, ob sie ihn auf den Mund küssen sollte, küsste ihn dann aber nur auf beide Wangen.

„Wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen?"

Das war lange her.

„Fünfzehn Jahre?"

„Mindestens, sagte sie, „hast du Lust auf einen Kaffee? Du kannst gleich mitkommen, ich arbeite hier in dieser Bank.

Er zögerte, sie ließ ihn los und trat einen Schritt zurück. „Es wäre schön, wenn du mich einmal anrufst. Vergiss dein Geld nicht."

Mechanisch nahm er es aus dem Automaten und legte die Scheine zu den anderen in seiner Brieftasche. Das war nun ziemlich viel.

„Ich bin in Eile, sagte er und steckte die Brieftasche ein, „aber ich melde mich nachmittags bei dir, wenn dir das recht ist.

„Du musst nicht …"

„Ich freue mich auch, unterbrach er, „ich melde mich wirklich.

Sie deutete mit dem Kopf zum Firmenschild. „Du weißt, wo du mich erreichst. Wenn es wieder fünfzehn Jahre braucht, kann ich nicht garantieren, dass ich noch da bin."

Die spontane Freudenkundgebung von vorhin war ihr nicht mehr recht. Sie wandte sich zum Gehen.

„Ich weiß deinen Nachnamen nicht mehr …", sagte sie.

Falls du wirklich anrufst, sollte das heißen. Diesmal zögerte er nicht. „Prokop, entgegnete er, „nach wie vor.

Sie lächelte. Prokop fragte nicht nach ihrem Nachnamen, an den erinnerte er sich auch nicht mehr, aber das spielte keine Rolle. Sie war eine attraktive Frau geworden.

Prokop sah ihr nach und wartete, ob sie sich noch einmal umdrehte. Sie tat es, an der Ecke. Er winkte, ging wieder zu seinem Auto und fuhr los.

Da sah er sie nach über fünfzehn Jahren wieder und sie arbeitete ausgerechnet in einer Bank. Das war zum Verrücktwerden. Nach den Ereignissen der letzten Nacht war es ohne Weiteres möglich, dass er im Lauf des Tages, zum ersten Mal in seinem Leben, keine funktionierende Bankverbindung mehr besaß. Prokop war müde. Kein Wunder, er hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan. Die Uhr am Armaturenbrett zeigte fast halb neun. Er brauchte fünf Minuten, um zu dem Kopierladen im neuen Universitätsgebäude zu fahren. Danach sollte sich, vor Dienstbeginn, noch ein Frühstück in seinem Stammcafé ausgehen.

„Einhundertachtundfünfzig Blatt, sagte er und legte einen Stapel Computerausdrucke auf die Theke, „ich brauche zwei Sätze saubere Kopien. Es ist aber nicht so eilig, ich werde sie erst am Montag oder vielleicht am Dienstag abholen.

„Kein Problem, meinte der Inhaber und legte einen Vordruck bereit, „auf welche Firma geht das?

„Albert Glaser, Consulting."

„Wo erreiche ich Sie telefonisch?"

„Ich gebe Ihnen die Nummer meines Handys, sagte Prokop, „ich bin bis Montag verreist.

Während der Inhaber Namen und Telefonnummer notierte, überlegte Prokop, dass Anita auf ihn gewirkt hatte, als ob sie allein lebte. Einer Einladung würde sie folgen. Er selbst lebte auch allein, wieder einmal, und auch das war so überraschend gekommen wie immer. An die trostlosen Wochenenden, die am Freitag schon unendlich lange erschienen, hatte er sich noch immer nicht gewöhnt.

Er ging zu seinem Auto zurück. Wenigstens waren die Ausdrucke vorerst in Sicherheit und er selbst würde für ein paar Tage weit weg sein. Auf dem Weg zu seinem Stammcafé blieb er noch zweimal stehen, um die Zeitung und einen Nassrasierer zu besorgen. Er rasierte sich im Auto, und zwar trocken, dann setzte er sich ins Café.

„Leidest du neuerdings unter Schlafstörungen? fragte die Kellnerin und stellte Croissant und Espresso auf den Tisch, „du siehst aus, als hättest du die ganze Nacht über das Bett nicht gesehen.

Wortlos machte er sich über das Croissant her. Man hatte ihn gleich um acht Uhr morgens gesehen, wie er am Geldautomaten unüblich hohe Beträge abhob, und man erkannte ihn jetzt als übernächtig. Eigentlich sollte er Ruhe bewahren, aber das war leichter gesagt als getan.

An diesem Vormittag wurde der Jour fixe in der Generaldirektion der Bonia Versicherungs-Aktiengesellschaft erst um eine halbe Stunde verschoben, dann ganz abgesagt. Hornbach, Sprecher des Vorstandes der Bonia, hasste die modisch gewordenen angelsächsischen Ausdrücke, niemals hätte er ein Meeting abgehalten. Im Augenblick saß er allein im Besprechungsraum und studierte eine Auswertung. Seine Miene war finster, was durch den schwarzen Bart eine bedrohliche Dimension erhielt. „Wir mit den schwarzen Bärten, pflegte er seinem Untergebenen, dem Direktor Prokop, gelegentlich zu sagen, „wir müssen uns vorsehen. Die Leute fürchten sich zu schnell, wenn wir finster dreinschauen.

Vermutlich war er fünfundfünfzig, schätzte seine Umgebung. Genau wusste es keiner. Unter seiner beginnenden Stirnglatze lächelten zwei hellblaue Augen, die ihm aber kein wirklich freundliches Aussehen gaben. Er war mittelgroß und mochte wohl einmal gewichtig gewesen sein, bevor er begonnen hatte, Sport zu betreiben und vor allem Tennis zu lernen. Vor Beginn der jährlichen Clubreise und auch vor dem Firmenturnier war er in der Regel eine Woche auf Tauchstation, dem Vernehmen nach beschäftigte er dann einen eigenen Trainer, um sich in Bestform zu bringen.

Die Türe öffnete sich und Rosenberger trat ein, in seinem Kielwasser folgte Dvorak, der Leiter der EDV-Abteilung. Rosenberger, in der Erscheinung seinem Herrn ähnlich, aber ein wenig dicklich, war der direkte Vorgesetzte der Filialen. Den Bart trug er als geringfügig verlängerten Dreitagebart. Dvorak, der blässlich wirkende Informatiker, hatte in diesem Kreis normalerweise keinen Sitz.

Demonstrativ hob Hornbach die Auswertung hoch und legte sie beiseite.

„Was wissen wir nun?"

Hornbachs Aufforderung galt Dvorak. Der begann unverzüglich.

„Heute Nacht fand ein offensichtlich nicht autorisierter Zugriff auf die Datenbank statt. Die Aktivitäten begannen um 00.48 Uhr und dauerten bis 05.51 Uhr. Der Zugriff wurde vom Arbeitsplatz Iris Marbach aus der Filiale 3 unternommen. In dieser Zeit fanden Zugriffe statt, die sich wie folgt …" Rosenberger winkte ab.

„Keine Einzelheiten. Worum ging es, was war das Ziel?"

„Es war definitiv keine Schädigungsabsicht dahinter", begann Dvorak wieder, aber Rosenberger unterbrach ihn erneut.

„Zu nachtschlafender Zeit und unter offensichtlich missbräuchlicher Verwendung eines fremden Passwortes, warf er erregt ein, „die Marbach war es nämlich nicht, das habe ich überprüft.

Hornbachs Blick sagte, dass das Zeitverschwendung gewesen war, denn Iris Marbach, Prokops Sekretärin, schied als Verdächtige aus. Sie war bereits viel länger im Unternehmen und eine der Stützen der Firma.

„Die unbekannte Person hat sich Mühe gegeben, das Ziel zu verschleiern, setzte Dvorak fort, „die eingeholten Auskünfte verstreuten sich über das ganze Bundesgebiet, zeigen aber eine Häufung in der Sparte A336.

Die Sparte A336 hatte eine signifikante Steigerung der Schäden zu verzeichnen. Die Zahlungen hatten sich innerhalb eines Jahres vervielfacht. Das Ergebnis der Sparte war vorher schon tiefrot gewesen, nun musste es eine Katastrophe sein. Die Auswertung dieser Sparte lag vor Hornbach am Tisch. Darin lag das Problem, und jemand anderer hatte das augenscheinlich vor allen hier Versammelten erkannt. Das war ein weiteres Problem.

„Sprechen Sie den Namen ruhig aus, Rosenberger gab nicht klein bei, „wer außer Prokop kommt denn noch in Frage?

„Was wir hier besprechen, ist absolut vertraulich, fuhr Hornbach jetzt Dvorak an, „nichts, ich betone, gar nichts darf nach außen dringen.

Dvorak nickte.

„Wenn das zutrifft, übernahm Hornbach und wiederholte wie immer, wenn er es dramatisch machen wollte, die Einleitung, „wenn das zutrifft, was wir drei hier vermuten, dann räumt jemand kräftig und unverschämt ab. Es muss ein hochgestellter Mitarbeiter sein, der in die eigene Tasche wirtschaftet. Um bezahlen zu können braucht er aber mindestens noch einen, denn allein kann er ja keine Zahlung auslösen. Das ist aber noch nicht alles. Es muss außer Haus einen weiteren geben, der die Schäden fingiert und das Geld kassiert. Es sind also mindestens drei.

Rosenberger zündete sich eine Zigarette an, Hornbach ließ ihn ausnahmsweise gewähren.

„Wir müssen das Problem alleine lösen, fuhr Hornbach fort, „sonst haben wir nicht nur die Polizei hier, womit auch alles prompt an die Öffentlichkeit dringt, wir haben dann auch noch die Revisoren von KSR in den entlegensten Winkeln der Bonia drin.

Die Revisoren von KSR Financial Services, einer bedeutenden Firma mit Sitz in Luxemburg, waren seit Wochen im Haus und prüften die Bücher, denn KSR wickelte den Verkauf der Bonia ab. Wenn die vorzeitig Wind von der Sache bekamen, dann blieb kein Stein auf dem anderen, und überdies würden sie binnen Kürze mehr darüber wissen als das Management. Was er nicht erwähnte, war die Aufsichtsbehörde, die bereits im Vorjahr eine Empfehlung an die Eigentümer der Bonia gerichtet hatte, die Firma zu verkaufen.

„Sie unternehmen vorerst nichts, sagte Hornbach nun zu Dvorak, „Sie überlegen sich bis zum Montag, wie Sie mehr darüber herausbekommen können, ohne dass jemand, im Besonderen der Täter, davon erfährt. Ohne das grüne Licht von Rosenberger geschieht nichts, ist das klar?

Hornbach war sonst nicht der Mann, der wichtige Dinge von Untergebenen erledigen ließ. Hier war aber eine auffallende Arbeitsteilung festzustellen. Hornbach wetterte über die unbekannten Mitarbeiter, die sich am Firmenvermögen bedienten, aber Rosenberger hatte sich von Anfang an auf Prokop eingeschossen. Ohne Hornbachs Einverständnis tat er normalerweise überhaupt nichts.

In Dvorak begann Zorn aufzusteigen. Das lief ganz offen auf eine Vertuschung hinaus, und der Entdecker dieser Sache wurde als Staatsfeind behandelt.

„Und mit Direktor Prokop kann ich natürlich auch nicht sprechen, wagte er den letzten Versuch, „obwohl der offensichtlich auf unserer Seite steht.

Obwohl er nur euren Job gemacht hat, konstatierte Dvorak für sich. Rosenberger schnitt das brüsk ab.

„Wie ich schon gesagt habe, schleicht er nachts in die Filiale und missbraucht einen fremden Zugang. Er verfügte selbst über einen eigenen mit mehr Zugriffsrechten, den verwendet er nicht. D’accord?"

Dvorak nickte widerstrebend.

„Sie selbst geben uns zu verstehen, dass er zielgerichtet gesucht hat?"

Wieder Nicken. Hornbach schaltete sich jetzt ein.

„An Rosenbergers Meinung ist schon etwas dran. Prokop weiß offensichtlich etwas Konkretes. Von wem weiß er es, und wie lange weiß er schon davon? Er hält also Informationen zurück, die für die Firma lebenswichtig sind. Was hat er damit vor? Oder ist er nur ein Narr, der von jemand ganz anderem missbraucht wird, um uns zu schaden? Sie können es drehen und wenden, wie Sie wollen, das ist eine sehr gefährliche Situation."

Dvorak hatte genug, er entschuldigte sich und verließ den Raum. Hornbach steuerte unverzüglich auf das zu, das ihm nun nahe lag.

„Wir müssen uns vorbereiten, falls die Lage außer Kontrolle gerät."

Damit war die Entlassung und Neutralisierung Prokops gemeint, aber das verstand der routinierte Rosenberger von selbst. Eine Kündigung hatte immer mit Neutralisierung zu tun, man nahm ja viel Wissen mit. Diesmal hatte es aber eine viel größere Dimension, die energische Schritte erforderte. Die Sitzung war beendet, und Rosenberger ging ebenfalls. Er wusste, dass Hornbach nun Delpeche anrufen musste, den CEO von KSR Financial Services. Um diese Aufgabe beneidete er ihn nicht.

Louis Delpeche war im Begriff gewesen, zu einem Mittagessen mit einem Regierungsbeamten aufzubrechen, als er den Anruf Hornbachs erhielt. Das Gespräch dauerte nicht lange, aber im Anschluss daran stornierte Delpeche das Mittagessen und ließ seinen Assistenten Straaten rufen.

Louis Delpeche war ein freundlicher Herr mit sonorer Stimme und väterlichem Auftreten. Er entsprach dem Prototyp des Mannes, der vom Private Banking als seriös eingestuft wurde. Die Kriterien für diesen Status waren die großzügig angelegte Villa, die fünf Autos davor und seine beiden gut erzogenen Söhne. Der persönliche Relation Manager von der Abteilung Private Banking schätzte das ansehnliche Portfolio, das er für ihn verwalten durfte. Das war allerdings nur die Spitze des Eisberges, denn Louis Delpeche bedurfte für den weitaus größeren Teil seines Vermögens nicht der Dienste des Private Banking.

„Ich brauche Informationen über den Mann, hatte Delpeche zu Hornbach gesagt, „wir können uns so kurz vor dem Abschluss kein Risiko mehr leisten.

Der Verkauf der Bonia stand am Gleis, der Ertrag aus dem Geschäft war substanziell. Wenn nun die Aufsichtsbehörde einschritt, fiel der Wert der Bonia in den Keller. Delpeche brauchte ungefilterte Nachrichten aus absolut zuverlässiger Quelle.

Die Türe öffnete sich, Delpeche blickte nicht auf. Straaten, ein sportlich aussehender Mann in den Dreißigern, kam herein und nahm wortlos an Delpeches Schreibtisch Platz.

„Es sieht danach aus, als ob wir bei der Bonia ein schlimmes Problem bekommen, begann Delpeche, „einer oder mehrere haben da eine Goldader gefunden. Scheint schon eine Weile so zu gehen. Hornbach hält das Problem jedenfalls für so groß, dass er mich eben darüber informiert hat. Straaten verstand sofort.

„Dann haben wir Feuer am Dach. Wenn das durchsickert, dann kann Tiefenbrunner auch nichts mehr retten." Dr. Tiefenbrunner, ein bekannter Rechtsanwalt mit einer großen Kanzlei und ehemaliger Minister, nahm Delpeches Interessen in Österreich wahr. Im letzten Jahr war es ihm gelungen, die Sache mit der Aufsichtsbehörde zu planieren. KSR hatte dafür viel Geld zur Verfügung gestellt, die Hälfte davon war zweifellos in seinen Taschen verblieben. Allerdings, Landschaftspflege ist eine aufwändige Angelegenheit. Viele Münder sind zu füttern, viele kostspielige Geschenke zu präsentieren, Einladungen auszusprechen und Empfänge zu geben oder zu besuchen. Einen gepflegten Garten erhält man nicht umsonst.

„Da liegen Sie nicht falsch", bestätigte Delpeche.

Straaten war aufgestanden und spazierte sinnend umher.

„Unser Problem ist nicht der Goldgräber."

Das war eine Feststellung, aber Straaten wollte die Bestätigung hören.

„So ist es. Es gibt da einen Neuen, der sich nach Dienstschluss noch an den Computer setzt. Zu den unzähligen Statistiken Hornbachs macht er noch seine eigenen."

Straaten schien auf dem Revers seines Sakkos etwas entdeckt zu haben, er wischte es unwillig weg.

„Dieser Neugierige, ist das der Einzige, der sonst noch davon weiß?"

„Ich weiß es bei Gott nicht, knurrte Delpeche unwillig, „finden Sie es heraus.

Straaten setzte sich wieder.

„Da ist doch noch etwas, Hornbach erwähnte, dass dieser Direktor die Datenbank von einem fremden Arbeitsplatz aus angefahren hat. Das kann bedeutungslos sein, aber wir wissen es nicht."

„Interessant, sagte Straaten. „Hat Hornbach noch mehr darüber erzählt?

„Hornbach? Hornbach wusste bis gestern nicht einmal, dass die Sache existiert."

„Dennoch, dann haben wir zwei, stellte Straaten fest, „möglicherweise.

„Möglicherweise."

Delpeche sah Straaten nicht mehr an. Beide dachten dasselbe. In der Zentrale saßen die Revisoren von KSR Financial Services, denen würde die Spur nicht mehr entgehen. Draußen in den Filialen sah das anders aus.

„Wie groß das Loch auch ist, sagte Delpeche bestimmt, „die Sache hat nie stattgefunden. Sie existiert nicht, basta.

Straaten stand auf und kehrte in sein Büro zurück. Dort führte er ein sehr kurzes Telefongespräch mit Hornbach, danach rief er bei Dupont Securities an, verlangte, Braize zu sprechen, und verabredete sich mit ihm für den Nachmittag. Bald darauf kam ein Fax für Straaten. Es war die Kopie einer Seite der Bonia-Firmenzeitschrift, in der einige neue Filialdirektoren vorgestellt wurden. Straaten nahm sie an sich und legte sie zusammen mit Notizen in einen Aktenumschlag.

Braize kam um sechzehn Uhr in Straatens Büro. Er war pünktlich wie immer. Neben sprichwörtlicher Pünktlichkeit zählten zu seinen Merkmalen auch eine aufrechte, straffe Haltung und unauffälliges Auftreten. Der dunkelblaue Anzug machte aus ihm aber nicht den Finanzberater, als den ihn seine Visitenkarte darstellte. Sein erlernter Beruf war ein ganz anderer, es war die Kunst des lautlosen Tötens.

Straaten schob ihm die vorbereitete Akte über den Tisch zu. Braize nahm sie an sich und begann zu lesen. Keiner sprach ein Wort, von Zeit zu Zeit machte er sich Notizen, dann behielt er die Kopie einer Firmenzeitschrift, in der einige neue Filialdirektoren vorgestellt wurden, und schob die Akte zurück.

„Wie ist der Zeitplan?" fragte er routinemäßig.

„Das ist das Problem. Sofort."

Braize sah ihn unwillig an. Der Begriff ‚sofort‘ kam in seinem Wortschatz nicht vor, Operationen dieser Art wollten sorgfältig geplant und präzise umgesetzt sein. ‚Sofort‘ bedeutete unweigerlich Planungsfehler und Unachtsamkeit, also Dinge, die man sich in seiner Branche nicht leisten konnte.

„Will er das?"

Delpeches Name fiel, auch unter Vertrauten, niemals bei derartigen Gesprächen.

„Es ist von höchster Priorität, sagte Straaten kalt, „es kam völlig unerwartet.

Braize schüttelte den Kopf und nahm seine Notizen wieder zur Hand. Eine Zielperson wie diese fiel aus seinem Rahmen. Keine Bodyguards waren zu beachten, keine Alarmanlagen auszuschalten, keine der üblichen Sicherheitsvorkehrungen zu überwinden, es handelte sich um einen Niemand. Das war kein Entscheidungsträger, der etwas Bedeutendes zu bestimmen hatte oder es verhindern konnte. Dass dafür ein hochqualifizierter Spezialist vom Rang Braizes notwendig war und auch noch eine Operation über das Knie gebrochen werden sollte, war eigenartig.

Er wiederholte nun laut, was ihm aufgetragen worden war, als ob sich dadurch etwas ändern würde.

„Ich steige also abends in das Flugzeug, finde ihn und lege ihn um. Natürlich habe ich keine Zeit, mir vorher anzusehen, wie er lebt und was er täglich macht, wie seine Gewohnheiten sind und wie er die Zeit verbringt. Eine Kleinigkeit geht schief und ich werde gesucht, meine Deckung fliegt auf. Das alles für eine untergeordnete Führungskraft aus dem dritten Glied. Jetzt sehen Sie mich an und bestätigen, dass das Ihr Ernst ist."

Braize warf mit einer verächtlichen Geste die Kopie auf den Tisch. Er konnte den affektierten Straaten nicht leiden. Straaten ging darauf nicht ein.

„Ich erinnere Sie daran, dass das ein Befehl von höchster Stelle ist, sagte er und nahm seine Brille ab. Dann zwinkerte er Braize zu, bevor er fortfuhr: „Messen Sie auch dem Material die entsprechende Bedeutung bei, finden und vernichten Sie es. Treffen Sie keine endgültigen Maßnahmen, bevor nicht die Unterlagen in Ihrem Besitz sind. Vermutlich ist es das einzige Beweisstück. Bisher war die Zielperson nicht sehr vorsichtig, aber das kann sich in jedem Augenblick ändern.

„Ist das alles?" fragte Braize und stand auf.

„Möglicherweise, sagte Straaten, „vielleicht auch nicht. Das entscheidet sich in diesen Stunden. Sie erfahren es zeitgerecht.

Braize sah ihn wütend an, aber das half nicht weiter. Ein Befehl war etwas, was nicht hinterfragt, sondern auszuführen war. So hatte er es gelernt und so entsprach es seiner Berufsauffassung.

Kurz nach neun Uhr betrat Prokop das Vorzimmer zu seinem Büro. Er war wortkarg wie immer zu dieser Tageszeit. Die beiden Damen, Iris Marbach und Erika Schindler, sahen auf und lächelten. An der Theke stand Franz Bauer, der Verkaufsleiter. Bauer studierte mit sorgenvoller Miene eine Übersicht, die Kaffeetasse in der Hand, der Löffel ragte daraus hervor. So trank man keinen Espresso, aber Bauer war eben so. Prokop konnte nicht alles haben, immerhin hatte er einen sehr guten Verkaufsleiter in ihm. Er war vor einem halben Jahr zur Bonia gestoßen, als er sich als Verkäufer beworben hatte. Das war offensichtlich nicht sein Metier gewesen. Dafür war er viel zu distinguiert. Prokop hatte einige Zeit aufgewendet, um der Zentrale einzureden, dass er der Verkaufsleiter wäre, der ihm fehlte. Nach einigem Hin und Her war das Einverständnis gekommen, und inzwischen war jeder mit dem Experiment zufrieden.

Auf die überwiegend jungen Verkäufer wirkte Bauer mit seiner hochgewachsenen und vornehmen Erscheinung genau so, wie sie sich einen englischen Lord vorstellten. Gelegentlich hänselten sie ihn wegen seines leichten Sprachfehlers, aber sie nahmen seine Unterstützung an und respektierten ihn. Die Größe des Vorzimmers war nicht Ausdruck der Bedeutung Prokops, im Gegenteil. Filialen waren in der Bonia karg ausgestattet. Die beiden Damen erledigten auch einen großen Teil der Verwaltungsarbeit. Die lange Theke, die durch den ganzen Raum lief und bis zu Prokops Türe reichte, war Anlaufstelle der Verkäufer, wenn sie ihre Datenblätter, Statistiken und Anträge einreichten.

Iris Marbach nahm den vorbereiteten Stapel Akten von ihrem Schreibtisch und folgte Prokop in sein Büro. Sie ist die Beste, pflegte Hornbach unermüdlich zu betonen. Daran gab es keinen Zweifel, aber sie war auch schon viel länger in der Firma als Prokop und hatte einige seiner Vorgänger überlebt. „Sie schwebt wie eine Königin über den Flur", hatte Prokops ehemalige Freundin irgendwann sarkastisch angemerkt. Die Unnahbarkeit nahm ihr Prokop nicht ganz ab, und die Lobeshymnen Hornbachs förderten eher Argwohn, als dass sie Vertrauen erweckten. Marbach war Hornbachs Geschöpf.

Es gab am Freitag nicht viel zu besprechen. Unwägbarkeiten waren im Konzept Hornbachs nicht vorgesehen, nur die Einhaltung des Regelwerks zählte, und die Höhepunkte waren auch abgezählt und festgelegt.

In Marbachs Verhalten war nichts Ungewöhnliches festzustellen, niemand schien angerufen zu haben. Prokops Suche konnte aber nicht unbemerkt geblieben sein, dafür hatte sie zu lange gedauert. Wenn man nachts vier Stunden an einem Firmencomputer herumhackt, dann muss das auffallen. Warum rührte sich niemand?

Das Telefon läutete, Marbach langte nach dem Hörer von Prokops Telefon und nahm an.

„Bauer fragt nach Ihnen."

„Er soll selbst beginnen, sagte Prokop, „ich stoße später dazu.

Sie gab die Anweisung weiter. Die Telefonie am Morgen wurde normalerweise vom Direktor persönlich geleitet. Dabei vereinbarten die Verkäufer ihre Termine. Die statistische Auswertung dieses Vorgangs wurde in die Zentrale geschickt. Ohne Termine gab es kein Verkaufsgespräch, und die Auswertungsmethoden für die Qualität der Vorbereitung standen den Vorschriften für die Verkaufsgespräche in nichts nach. Federl, der oberste Ausbildungsleiter und einer der Einflüsterer Hornbachs, hatte sie entworfen.

„War es das?" fragte Prokop jetzt unvermittelt.

Marbach nickte und ging, Prokop setzte sich an seinen Schreibtisch. Die Telefonie dauerte eine Stunde, in dieser Zeit rief ihn niemand aus der Zentrale an. Diese Zeit galt es zu nützen.

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