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Der Eremit: Roman, Band 76 der Gesammelten Werke

Der Eremit: Roman, Band 76 der Gesammelten Werke

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Der Eremit: Roman, Band 76 der Gesammelten Werke

Länge:
478 Seiten
6 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
1. Jan. 2009
ISBN:
9783780215765
Format:
Buch

Beschreibung

Der Zyklus um den "Verlorenen Sohn" findet mit diesem Roman sein Ende, und das Geheimnis eines alten Eremiten wird zur großen Überraschung für alle. Zuvor ist jedoch ein letzter Kampf um das Helfensteinsche Erbe zu bestehen, wobei sich ein armer Paukenspieler als Held erweist.

Der Band enthält folgende Erzählungen:
1.) Der Eremit
2.) Gefangene der Not

Anhang:
1.) Dr. Euchar Albrecht Schmid, Die Münchmeyer-Romane
2.) Otto Eicke, Der verlorene Sohn

Die vorliegende Erzählung spielt in den 60er-Jahren des 19. Jahrhunderts.

Bearbeitung aus dem Kolportageroman "Der verlorene Sohn".

Weitere Titel:
Band 64 "Das Buschgespenst"
Band 65 "Der Fremde aus Indien"
Band 74 "Der verlorene Sohn"
Band 75 "Sklaven der Schande"
Herausgeber:
Freigegeben:
1. Jan. 2009
ISBN:
9783780215765
Format:
Buch

Über den Autor

Karl May (1842-1912) war ein deutscher Schriftsteller, der vor allem durch seine Abenteuerromane bekannt wurde, die in der ganzen Welt spielen. Er begeistert bis heute Groß und Klein.


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Buchvorschau

Der Eremit - Karl May

Geleitwort

Mein Vater Dr. Euchar Albrecht Schmid und seine Mitarbeiter schälten vor mehr als 60 Jahren aus Karl Mays Fortsetzungsroman Der verlorene Sohn die Titel Das Buschgespenst und Der Fremde aus Indien heraus. Man scheute sich damals, auch noch die anderen allzu verschlungenen und beim Erstverleger Münchmeyer verfälschten Teile neu aufzulegen; einige davon wären für den Leser erschreckend und unzumutbar gewesen.

Das überaus starke Interesse am Gesamtwerk des Dichters hat uns veranlasst, die übrigen Erzählungen aus dem mit autobiografischen Spiegelungen gespickten Riesenopus jeweils in sich abgeschlossen anzufügen. Während davon Band 75 die Altfassung behielt, waren bei 74 und 76 Bearbeitungen im Sinne des Autors unerlässlich.

Der gewählte Weg war nicht leicht. Immer wieder galt es, die Texte behutsam von den Schlacken der Kolportage zu befreien und aus dem oft unübersichtlichen Gestrüpp ausufernder Handlungen das Zusammengehörige zu lösen und in eine Karl-May-gerechte Form zu bringen.

Das jüngste Ergebnis dieser erfolgreichen Planung und mühevollen Kleinarbeit ist nun Der Eremit, ein Kriminalroman im Gewand des 19. Jahrhunderts. Der heutige Leser wird sich nicht nur an Spannung und Abenteuern erfreuen, sondern auch am nostalgischen Charme des Zeitkolorits. Man bedenke, dass Karl May seine scharfsinnigen Detektivfiguren bereits zwischen 1884 und 1886 schuf und somit zwei Jahre vor Arthur Conan Doyles erster Sherlock-Holmes-Geschichte.

Die zweite Episode des vorliegenden Bandes zeigt den Schriftsteller als klugen Beobachter und Kritiker sozialer Missstände seiner Zeit, der er stets war. Da die Erzählung nun für sich selbst steht und nicht mehr als Nebenhandlung im Hintergrund bleibt, wird dieser Aspekt deutlicher als je zuvor.

Der Karl-May-Verlag dankt seinem literarischen Team für das starke Engagement, insbesondere den Herren Berndt Banach, Ekkehard Bartsch und Prof. Dr. Christoph F. Lorenz. Ohne deren außergewöhnliche Kenntnis der weiträumigen Zusammenhänge wäre die komplizierte Aufgabe nicht zu bewältigen gewesen.

Lothar Schmid

Der Eremit

1. Der alte Hagestolz

Wenn man von der Residenz mit der Eisenbahn bis Wildau fuhr und von da mit der Postkutsche weiterreiste, die ihre Route über Reitzenhain nahm, den Sitz der Freiherren von Hagenau, so gelangte man nach Grünbach. Von diesem Dorf aus waren es auf einer breiten Chaussee, an der eine prächtige uralte Linde stand, nur wenige Minuten zum nahegelegenen Rittergut gleichen Namens, das der Freiherr von Falkenstein mit seiner Tochter Theodolinde bewohnte. Schlug man einen Bogen um das Anwesen zu dessen Rückseite, an die sich der Garten anschloss, dann fiel der Blick auf ein altes turmähnliches Gebäude in beträchtlicher Entfernung jenseits des freien Feldes.

Ein schmaler Fußpfad führte vom Herrensitz an diesem einsamen, halbverfallenen Bauwerk vorbei. Es hatte fast mannshohe, aber nur knapp eine Elle breite Fenster und war von einer brüchigen Mauer umgeben, in der sich ein fest verschlossenes Tor befand.

Seit einiger Zeit wohnte hier ein alter Hagestolz, der sich Winter nannte. Er mochte an die siebzig Jahre zählen und hatte ein hässliches, wenig Vertrauen erweckendes Gesicht. Niemand wusste, woher er stammte und was er den ganzen Tag über so trieb. Aber es ging das Gerücht, dass er enorm reich sei. Er hauste ganz allein in dem ruinenartigen Turm. Trotzdem wagte niemand, ihn etwa seines Geldes wegen zu überfallen, denn er besaß einen Hund, eine Dogge von riesiger Größe, die jeden Eindringling zerrissen hätte. Dieses Tier lief meist draußen auf dem Hof frei herum. Da Winter also völlig zurückgezogen lebte und mit keiner Menschenseele verkehrte, wurde er allgemein nur ,der Eremit‘ genannt.

Gerade eben hielt er sich in einer Stube auf, die ihm als Schlafzimmer diente. Hinter dem Bett standen eine altfränkische, eiserne, mit Eselshaut beschlagene Geldtruhe sowie eine Lade und eine Kiste. Er saß an einem Tisch und zählte Münzen. Das war seine Lieblingsbeschäftigung.

Jetzt schaute er auf seine Taschenuhr, die ebenfalls vor ihm auf dem Tisch lag, denn er wollte einen ganz bestimmten Zeitpunkt nicht verpassen.

„Es ist soweit! Wie viele einsame Menschen hatte er ein Faible für Selbstgespräche. „Ich muss gehen, sonst verfehle ich sie.

Er steckte die Taschenuhr ein, räumte die Münzen in die Truhe, griff seinen Hut und verließ den Raum. Durch die Wohnstube gelangte er zu einer schmalen steinernen Treppe, die er hinabstieg. Unten führte eine massive Tür in den Hof. Er benutzte sie aber nicht, sondern wandte sich einem gewaltigen Stapel Feuerholz zu, das neben der Treppe so aufgeschichtet war, dass es mit der Hauswand einen Durchlass bildete. Der Eremit passierte ihn und befand sich nun hinter dem Brennmaterial in einem Raum mit einer eisernen Falltür.

An der Wand hing eine kleine Blendlaterne. Er nahm sie herab, brannte sie an und öffnete dann die Falltür. Stufen wurden sichtbar, die den Alten in einen geräumigen Keller brachten. Allerlei Gerümpel lag dort herum. Durch eine weitere Tür gelangte er nun in einen höhlenartigen, wenig mehr als mannshohen Gang. Es handelte sich um das Bett eines unterirdischen Baches, der hier vorbeifloss und so schmal war, dass man neben ihm hergehen konnte. Schleunigst folgte Winter dem Wasserlauf, wobei ihm die Blendlaterne behilflich war.

Nach einiger Zeit erreichte er das Ende des Ganges. Hier senkte sich die Decke so tief herab, dass nur eine sehr niedrige Öffnung blieb, durch die das Bächlein ins Freie trat. Der Eremit musste sich bücken, um ebenfalls hinauszugelangen.

Dieser natürliche unterirdische Gang mochte vor zwei- oder dreihundert Jahren den damaligen Bewohnern des turmähnlichen Gebäudes, in dem jetzt der Einsiedler hauste, in Kriegs- oder Notzeiten als Fluchtweg gedient haben. Sie hatten lediglich die eiserne Falltür und die Stufen, die hinab führten, anlegen müssen und den Keller gebaut. Später war das Gebäude dann aufgegeben worden und allmählich verfallen, und von der Existenz des Ganges wusste nur noch die Sage. Als Winter sich schließlich in dem nun schon fast einer Ruine gleichenden Turm niederließ, lag der Einstieg zu dem Gang unter einem Haufen Schutt verborgen, den Winter abtrug, weil er den Raum neben der Treppe nutzen wollte. Dabei war er auf die eiserne, verrostete Falltür gestoßen.

Die zufällige Entdeckung des Ganges kam dem Eremiten äußerst gelegen, denn neben dem Geldzählen hatte er noch eine zweite Lieblingsbeschäftigung und das war die Jagd. Bei seiner ehemaligen abenteuerlichen Tätigkeit in der Fremde hatte er oft auf die Pirsch gehen müssen. Er hatte sich zu einem guten Schützen entwickelt und die Jagd war ihm zur Leidenschaft geworden.

Nach langen Jahren in die Heimat zurückgekehrt, wollte er darauf nicht verzichten. Allerdings galten hier andere Gesetze, und da er kein Forstbeamter war, sah er sich gezwungen, seiner Leidenschaft heimlich nachzugehen. Er betätigte sich also, gelegentlich jedenfalls, als – Wilderer! Dabei ging es ihm weniger um die Beute als vielmehr um die herrliche Aufregung, in die ihn sein verbotenes Treiben versetzte. Es verstand sich dabei ganz von selbst, dass er seine Pirschgänge mit möglichster Vorsicht durchführte, wobei ihm die Erfahrungen, die er über ein halbes Leben lang in der Wildnis gesammelt hatte, zugutekamen.

Nach der Auffindung des unterirdischen Ganges war alles sehr viel einfacher geworden. Der Gang führte nämlich direkt bis an den Saum des Waldes. Der Bach versorgte also den Eremiten nicht nur mit Trinkwasser, sodass er jetzt in dieser Beziehung von der Außenwelt unabhängig war, sondern das Bett des Baches bot dem Eremiten zudem die Möglichkeit, unbeobachtet in den Wald zu gelangen.

Der Bach trat am Fuß eines Steilhanges zu Tage und zwängte sich dort durch ein Labyrinth von Felsen. Sie waren dicht mit Büschen und Bäumen bewachsen und verbargen die Öffnung des Ganges.

Der Eremit befand sich jetzt in diesem Felsenwirrwarr. Er drängte sich behutsam durch das Gesträuch und gelangte in den Wald. Es lag nicht in seiner Absicht, die Fährte eines Wildes aufzuspüren. Er stellte einem anderen Wesen nach. Geduckt huschte er am Waldessaum entlang, um sich zunächst möglichst weit von der versteckten Öffnung des unterirdischen Ganges zu entfernen. Dann spähte er vorsichtig auf das freie Gelände hinaus. Längs des Waldrandes verlief ein Weg, auf dem sich ein Reiter im Schritt näherte. Es war eine Dame, bei deren Anblick dem Eremiten das Herz höher schlug.

„Sie kommt zur gewohnten Stunde, murmelte er vor sich hin. „Pünktlich wie eine Uhr. Ob sie weiß, dass ich schon auf sie warte? Ob sie vielleicht meinetwegen immer um diese Zeit hier vorüberreitet?

Er hatte sich niedergekauert, um nicht gesehen zu werden. Jetzt huschte er wieder im Schutz der Bäume weiter, bis er einen Pfad erreichte, der aus der Tiefe des Waldes kam und zum freien Feld hinführte. In diesen Pfad bog er ein und gelangte so aus den Bäumen heraus und in den Weg, auf dem die Reiterin herankam. Sich den Anschein eines Spaziergängers gebend, schritt er ihr entgegen.

Es war Theodolinde, die schöne Tochter des Freiherrn von Falkenstein. Sie war eine passionierte Reiterin und saß sicher wie ein Mann im Sattel. Als sie den Eremiten erblickte, lächelte sie. Sie hatten sich fast erreicht, da blieb er stehen, zog den Hut und grüßte.

„Guten Tag, gnädiges Fräulein", sagte er.

Sie nickte huldvoll und erwiderte seinen Gruß ebenso freundlich, ließ sich aber dadurch nicht aufhalten, sondern ritt weiter.

Fasziniert blickte der Eremit ihr nach. „Was für eine Frau!, flüsterte er und seine Stimme klang heiser. „Sie ist der einzige Mensch, der freundlich zu mir ist, das einzige weibliche Wesen, das mich ansieht, das mich grüßt, das mir zulächelt! Seine Gesichtszüge verzerrten sich, entstellt durch die Leidenschaft, die er für Theodolinde von Falkenstein empfand. Seine Augen glühten förmlich, seine Hände ballten sich zu Fäusten.

„Ich würde ihr alle meine Reichtümer zu Füßen legen, wenn ich diese Göttin zur Frau haben könnte. Aber wie stelle ich das an? Wie?! Was nützt mir all mein Geld, wenn ich sie dafür nicht bekomme?!"

Er sah, dass sie jetzt ihr Pferd zu einem Galopp antrieb. Sein Blick folgte ihr, bis sie das väterliche Gut erreichte.

Nun machte er sich ebenfalls auf den Heimweg. Er suchte dazu allerdings nicht den Geheimgang auf, sondern ging gleich querfeldein zu seinem einsamen Domizil zurück. Als er die brüchige Mauer erreichte, zog er den Schlüssel aus der Tasche und öffnete mit seiner Hilfe das Tor. Sorgfältig schloss er es hinter sich wieder ab. Die Dogge hatte ihn mit freudigem Winseln begrüßt, wedelte mit dem Schwanz und leckte ihm die Hand. Das Tier war sein einziger Freund. Ihm allein vertraute er. Wann immer er den Turm verließ, blieb dieser riesige, kraftvolle Hund als Schutz und Wache zurück. Er konnte sich auf ihn unbedingt verlassen.

„Sie war wieder da. Nach seiner Gewohnheit sprach er mit dem Hund, während er ihn kraulte. „Sie hat mir erneut ein Lächeln geschenkt. Stolz wie eine Königin saß sie auf ihrem Pferd. Wie ich sie begehre!

Als er dann wieder allein in der Stube saß, kreisten seine Gedanken noch immer um die Begegnung mit Theodolinde. Ihm, dem Menschenfeind, gingen Frauen aus dem Weg. Sie fürchteten sich vor ihm und tuschelten hinter seinem Rücken. Er beobachtete das insbesondere, wenn er ins Dorf ging, um seine Vorräte zu ergänzen. Das war nicht immer so gewesen. Seine Gedanken schweiften jetzt weit in die Vergangenheit zurück und vor seinen geistigen Augen erstand das Bild jenes jungen Mädchens, das er damals von Herzen lieb gehabt hatte. Er hätte andere Mädchen haben können, aber er begehrte nur dieses eine, das ihn nicht erhörte, sondern verschmähte. Und darum war er zum Verbrecher geworden und in die Fremde geflüchtet. Wie lange war das nun schon her?

Wieder dachte er an Theodolinde, deren Lächeln sein Herz erwärmte. Oft hatte die Sehnsucht nach ihr ihn dazu getrieben, um das Schloss zu streichen, in der Hoffnung, sie zu sehen.

„Ihretwegen würde ich wieder ein Verbrechen begehen, flüsterte er. „Wenn ich doch nur eine Aussicht hätte!

Um sich abzulenken und auf andere Gedanken zu bringen, beschloss er, in der Nacht auf die Jagd zu gehen. Er öffnete den Schrank, nahm ein Gewehr heraus und begann es zu reinigen, um es dann zu laden.

2. Ein Flüchtling

Als Theodolinde von Falkenstein vorhin an dem Eremiten vorbeigeritten war, beschäftigte sie sich noch einen Moment lang in Gedanken mit diesem merkwürdigen Mann.

„Der Kerl ist verrückt nach mir. Das sehe ich an seinem begehrlichen Blick. Er tut so, als ob er sich immer rein zufällig zur selben Zeit an diesem Waldpfad befinde, wenn ich dort vorüberreite. Aber ich durchschaue ihn. Er lauert mir auf. Schauderhafte Vorstellung, von diesem alten Pavian geküsst zu werden!"

Sie schüttelte sich.

„Aber irgendwie macht es Spaß, zu sehen, wie er mich mit Blicken verschlingt. Welch eine Macht übt doch allein schon der bloße Anblick einer schönen Frau auf die Männer aus! Es sind alles letztlich doch nur dumme Kerle!"

Sie lachte hell auf und ließ ihr Pferd zu einem Galopp ausgreifen. Es ging immer am Saum des Waldes entlang, der schließlich mit einem Ausläufer im Bogen zum Rittergut führte. Theodolinde erreichte hier das Schloss von der Giebelseite, wo zwischen dem Wald und dem Gebäude eine Anzahl alter Obstbäume dicht beieinander standen. Sie lenkte ihr Pferd zum Hof, sprang aus dem Sattel und übergab das Tier einem der Knechte zur Betreuung.

Oben im Saal erwartete sie ihr Vater. Ernst Freiherr von Falkenstein war ein wohlgewachsener Mann mit einem nahezu kahlen Schädel. Er kleidete sich auffallend jugendlich und schien ganz besonderen Wert auf Preziosen zu legen. An jedem seiner zehn Finger hatte er mehrere Ringe und über seiner Weste hingen zwei höchst wertvolle Uhrketten.

„Du bist schon zurück?, fragte Theodolinde. „Ich hatte dich eigentlich nicht so zeitig erwartet. Ihr Gesicht war vom Reiten noch gerötet. Sie war schön, aber von jener Schönheit, die nur die äußeren Sinne anspricht. Auch verriet ihr Körper Ansätze zur Korpulenz.

„Ich habe mich nicht länger auf Hirschenau aufgehalten als nötig. Dann ließ ich einspannen und fuhr wieder her. Ich habe alles erfahren, was ich wissen wollte."

„Mit wem hast du gesprochen?"

„Mit dem neuen Verwalter."

„Der hat doch seinen Posten erst seit Kurzem inne."

„Ja, aber er ist in alles eingeweiht und hasst die Feinde seines Herrn aufs Grimmigste."

Theodolindes Gesicht nahm den Ausdruck begieriger Erwartung an.

„Dann gehört er also auch zu – – – zu uns?"

„Das versteht sich ganz von selbst."

„Und er konnte dir über alles erschöpfend Auskunft geben, was bisher für uns nur unbestimmte Gerüchte waren? Ist es wirklich so beunruhigend?"

„Ja."

„Wie also steht es in der Residenz?"

„Schlecht, sehr schlecht."

„Du übertreibst!"

„Es ist alles, alles entdeckt. Hör zu! Zunächst: Der Hauptmann ist verhaftet worden."[1]

„Wirklich?", fuhr die Freiherrentochter auf.

„Ja. Man hatte ihn schon einmal festgenommen. Es gelang ihm jedoch zu entkommen. Nun hat man ihn wieder und er kommt bestimmt nicht mehr frei. Natürlich weiß man jetzt, dass er, der alle diese Jahre die Bande geleitet hat, der Baron Franz von Helfenstein, also unser Verwandter ist! Die beiden Helfensteiner Schmiede, seine engsten Vertrauensleute, sind gleichfalls in Haft. Ebenso sitzt der alte Apotheker Horn."

„Der Giftmischer, der dem Hauptmann mit seinen Quacksalbereien diente?", fragte Theodolinde bestürzt nach.

„Genau der! Er hatte dem Hauptmann ein Mittel gegeben, das dieser benutzte, um seine Frau, die Baronin Nora, auf raffinierte Weise aus dem Weg zu räumen. Leider hat ihm der Fürst van Zoom einen Strich durch die Rechnung gemacht und Baronin Nora gerettet. Möglicherweise wird sie nun gegen den Hauptmann aussagen."

„Himmeldonnerwetter! Ist das wahr?"

„Ich sag’s doch! Der alte Horn soll im Gefängnis erkrankt sein. Man rechnet damit, dass er stirbt."

„Um ihn wäre es nicht schade."

„Ich weine ihm auch keine Träne nach. Ferner: Alle unsere Eingeweihten sind arretiert."

„Wer ist ihnen denn auf die Spur gekommen?"

„Der Fürst van Zoom."

„In die Hölle mit diesem Hund!", stieß Theodolinde zähneknirschend hervor.

„Das ist aber noch nicht alles", fügte der Freiherr hinzu und er begann mit der Erzählung dessen, was ihm auf Hirschenau der neue Verwalter mitgeteilt hatte.

Jahrelang waren die Residenz und weite Landesteile von einem geheimnisvollen Verbrecherkönig, der sich ,Hauptmann‘ nannte und eine straff organisierte Gaunerbande anführte, in Angst und Schrecken versetzt worden. Jetzt endlich war es einem aus Indien stammenden Fremden, dem Fürsten van Zoom, mit Hilfe von zwei ihm unterstellten Geheimpolizisten gelungen, den Hauptmann zu entlarven und dessen zahllose Komplizen fast ausnahmslos dingfest zu machen. Ein Schrei der Empörung wurde laut, als die Bevölkerung erfuhr, wer in der Maske des Hauptmanns aufgetreten war: der angesehene Bankier Franz von Helfenstein, Herr der unweit der Residenz gelegenen Baronie gleichen Namens und Besitzer von Schloss Hirschenau.

Diese Sachlage also war es, die den Freiherrn von Falkenstein und seine Tochter beunruhigte. Sie hatten sich nämlich als Helfershelfer des Barons Franz, des Hauptmanns, betätigt, insbesondere bei Paschergeschäften, und dadurch eine Einnahmequelle gehabt, durch die es ihnen möglich gewesen war, standesgemäß zu leben. Das war nun vorbei.

„Verdammte Geschichte!"; sagte Theodolinde, als ihr Vater seinen Bericht beendet hatte.

„Ja. Es ist nun einmal das Kreuzdonnerwetter hineingeraten. Hol es der Teufel!"

„Wenn es so steht, dann ist es schrecklich. Einigen wird es ans Leben gehen, viele werden lebenslänglich Zuchthaus erhalten."

„Uns ist man nicht auf die Schliche gekommen. Offenbar hat der Fürst van Zoom keine Ahnung von unserer Geschäftsverbindung zum Hauptmann."

„Glaubst du, dass Baron Franz uns verraten wird?"

„Nein, das wird er nicht, erklärte Ernst von Falkenstein mit Festigkeit. „Wenn man uns gleichfalls einsperrt, nützen wir ihm nichts. So aber könnten wir etwas für ihn tun.

„Wirklich schlimm für uns ist es, dass wir jetzt finanziell auf dem Trockenen sitzen."

„Weißt du eigentlich, dass wir die Erben von Baron Franz sein werden, falls er dem Henker verfällt?"

„Wie ist das möglich?", Theodolinde fuhr wie elektrisiert vom Stuhl auf. Die unerwartete Vorstellung, auf diese Weise zu Reichtum zu gelangen, versetzte sie in fieberhafte Unruhe.

„Das will ich dir erklären, grinste der Freiherr. „Wir Falkensteiner sind die Begründer eines uralten Adelsgeschlechts. Aus ihm gingen Nebenlinien hervor, wie die sogenannten Helfensteiner. Diese sind eigentlich auch Falkensteiner. Sie kamen vor etwa hundert Jahren durch Erbschaft in den Besitz eines verfallenen Schlosses, ließen es niederlegen und dann neu errichten und nahmen dessen Namen zusätzlich an. Genaugenommen lautet ihr kompletter Adelstitel ,Barone von Falkenstein, genannt Helfenstein‘. Du kannst das in unserer Bibliothek im ,Freiherrlichen Taschenbuch‘ nachlesen.

Theodolindes Stimmung hatte sich augenblicklich in Wohlgefallen verwandelt. „Wenn wir die Erbschaft des Barons Franz antreten, fehlt nur noch eine standesgemäße Heirat für mich. Wir hätten genug Geld, könnten die Vergangenheit vergessen und uns endlich in der Gesellschaft etablieren."

„Ich weiß auch schon, wer für eine solche Heirat in Frage käme: der Oberleutnant Walther von Hagenau. Er und seine Familie haben ausgezeichnete Verbindungen zu allen Kreisen der Gesellschaft."

„Ich habe gehört, dass er sehr hässlich sein soll."

„Ja, man nennt ihn deswegen in Offizierskreisen den ,Kranich‘. Aber was spielt das für eine Rolle? Er würde dir jedenfalls den Zutritt zur Gesellschaft ermöglichen. Und außerdem: Die Hagenaus sind unermesslich reich!"

„Damit hast du alle meine Bedenken schon zerstreut, lachte Theodolinde. „Du solltest schleunigst bei dem alten Hagenau zwecks einer Verbindung zwischen mir und diesem Kranich vorfühlen, denn falls wir nämlich Helfenstein nicht erben sollten, hätten wir auf jeden Fall die Reichtümer der Hagenaus sicher. Gäbe es wirklich keinen anderen Erben außer uns?

„Nein. Wie du weißt, wurde vor jetzt zwanzig Jahren der alte Baron Bernhard von Helfenstein ermordet. Schloss Helfenstein brannte kurz darauf nieder und der einzige Erbe des Barons, der dreijährige Robert von Helfenstein, kam in den Flammen um. Dessen Schwester, die damals achtzehnjährige Ulrike, war und ist nicht erbberechtigt, weil laut Familienrecht die Schlossherrschaft Helfenstein als Majorat nur an männliche Erben fallen kann. Da Robert tot war, ging der gesamte Besitz an den Vetter Franz von Helfenstein."

„Da kommt mir ein Gedanke. Ob Baron Franz seine Hände im Spiel hatte bei dem Mord an dem alten Baron Bernhard?"

„Dann müsste er auch das Schloss angezündet haben, um Robert aus dem Weg zu räumen und selber Erbe zu werden."

„Zuzutrauen wäre es ihm."

„Übrigens geschah damals noch ein weiterer Mord, wie ich mich erinnern kann. Ein Rittmeister, der Sohn des alten Oberst von Tiefenbach, wurde erschossen."

„Geht das auch auf das Konto von Franz?"

Der Freiherr schüttelte nachdenklich den Kopf. „Hm!, brummte er. „Ich weiß es nicht. Lassen wir die alten Geschichten ruhen. Sie gehen uns nichts an. Wir haben Wichtigeres zu tun.

„Du hast Recht. Vor allen Dingen brauchen wir jetzt Geld. Bis ich den Hagenau heirate und du das Erbe von Baron Franz antrittst, wird es noch ein Weilchen dauern."

„Geld werden wir bis dahin noch genug haben. Du weißt doch, dass der Hauptmann in einem Geheimversteck Geld und Waren hinterlegt hat, für den Notfall."

„Du kennst den Ort?"

„Ja. Wir nehmen immer nur so viel an uns, wie wir gerade brauchen. Außerdem – wenn wir dem Hauptmann helfen wollen, müssen wir ganz unbedingt auf dieses Geld zurückgreifen!" Bei diesen Worten blinzelte der Freiherr seiner Tochter bedeutungsvoll zu.

Sie nickte verstehend. „Falls er freikommt – was so gut wie unmöglich ist und was ich nicht hoffe –, dann wäre das ihm gegenüber eine plausible Erklärung. Wann, äh – – – ah, es klopft!"

Die Tür wurde geöffnet und ein junger Mann Anfang der Zwanzig trat herein.

„Ah, du bist es, Julius, sagte der Freiherr. „Was willst du?

„Vater, sieh einmal die Schmetterlinge, die ich heute gefangen habe. Sind sie nicht wunderschön?"

Er hielt dem Freiherrn eine dickbauchige, verkorkte Flasche entgegen, in der einige Fliegen herumkrabbelten, denen die Flügel ausgerissen worden waren.

„Was soll der Unsinn?, brauste der Freiherr auf. „Siehst du nicht, dass ich mich mit deiner Schwester unterhalte? Mach, dass du auf dein Zimmer kommst!

„Jawohl, Vater", wimmerte der Schwachsinnige ängstlich und zog sich zurück wie ein Hund, der von seinem Herrn mit einem Tritt davongescheucht worden war.

„Dieser Julius! Der Freiherr seufzte. „Ich habe mir immer einen Sohn gewünscht. Und was habe ich bekommen? Einen Idioten!

„Lass es gut sein, tröstete ihn Theodolinde. „Dafür hast du doch mich.

„Ja, du bist der einzige Mensch, auf den ich zählen kann. Meine Vertraute. Willensstark wie ein Mann. Und gerade deshalb wünschte ich, du wärst mir als Sohn geboren."

„Was ist jetzt mit dem Geldversteck des Hauptmanns?"

„Es liegt in einem Schacht verborgen, in einem kleinen Seitengang, der mit einem Stein verschlossen ist. Dieser ist allerdings so schwer, dass ihn nur zwei Männer entfernen können. Ich glaube, dass du als Frau einfach zu schwach bist, um mir dabei zu helfen. Aber ich wüsste nicht, wen ich außer dir sonst ins Vertrauen ziehen könnte. Das ist der Haken bei der Sache."

„Wir sollten es einfach darauf ankommen lassen, ob ich nicht doch – – – Ah, es klopft schon wieder!"

Der Freiherr kannte dieses Klopfen. Das konnte nur sein Diener Daniel sein. Dennoch klang seine Stimme ungehalten, als er rief:

„Herein!"

Der Diener folgte der Aufforderung.

„Was gibt es?"

„Gnädiger Herr, entschuldigen Sie die Störung, aber im Vorsaal wartet ein Mann, der Sie unbedingt zu sprechen wünscht."

„Wirf ihn hinaus!"

„Das habe ich schon versucht, aber er sagte, es sei höchst wichtig. Er käme aus der Residenz und er müsse den gnädigen Herrn unbedingt unter vier Augen sprechen."

Der Freiherr und seine Tochter wechselten einen Blick miteinander. Dann sagte Falkenstein:

„Es ist gut, Daniel. Bring den Mann in die Bibliothek. Ich komme sofort."

Nachdem der Diener sich entfernt hatte, sagte der Freiherr:

„Was mag der Fremde im Schilde führen? Jedenfalls hängt sein Kommen mit der Festnahme des Hauptmanns zusammen!"

Er hatte diese letzten Worte in einem ängstlichen Ton gesprochen, doch seine Tochter fiel sofort ein:

„Pah! Man kann uns nichts nachweisen! Nur Mut!"

Als Falkenstein wenige Minuten später in der Bibliothek den dort wartenden Menschen erblickte, erschrak er.

„Um Himmels willen, Horn!" Der Freiherr erbleichte.

Der Mann war lang und hager. Er hatte ein spitzes Kinn und eine spitze Nase. Aber sein Blick war am spitzesten. Er trug sich einfach und unauffällig. Es war tatsächlich der Apotheker Horn, von dem der Freiherr erst vorhin seiner Tochter erzählt hatte, dass auch er verhaftet worden sei und nun sterbenskrank im Gefängnis darniederliege.[2] Der Freiherr hatte ihn zuvor nur ein einziges Mal gesehen, und zwar in der Residenz. Horn gehörte also zu den wenigen Personen, die wussten, dass auch der Falkensteiner zum Hauptmann gehörte. Er konnte dem Freiherrn gefährlich werden und dieser beschloss, auf der Hut zu sein und sich diplomatisch zu verhalten. Was mochte der alte Apotheker von ihm wollen?

„Nehmen Sie doch Platz, Horn. Wein? Zigarre?"

Der Freiherr hatte sich wieder gefasst und holte aus einem Schränkchen eine Flasche, zwei Gläser und ein Kästchen, stellte alles auf den Tisch und schenkte ein.

„Prost, mein Lieber, und hier, bedienen Sie sich!"

Sie tranken sich zu und griffen zu den Zigarren.

„Von dem Verwalter auf Schloss Hirschenau erfuhr ich, dass man Sie verhaftet hatte. Stimmt das?"

„Leider. Dieser Fürst van Zoom ist entweder des Teufels oder allwissend. Mir sollte wegen Giftmischerei der Prozess gemacht werden."

„Und jetzt sind Sie frei? Ich nahm schon an, dass Sie tot seien!"

„Unsinn! Fällt mir gar nicht ein!"

Horn hatte gesehen, wie der Freiherr vorhin bei seinem Anblick erschrak und dann erbleichte. Dem alten Apotheker war klar, dass Falkenstein ihn fürchtete, und er fühlte sich als Herr der Lage. Er würde mit dem Freiherrn schon fertig werden und ihn zwingen, das zu tun, was er von ihm verlangte.

Falkenstein sagte jetzt:

„Aber ich hörte doch, Sie seien sterbenskrank!"

„Das war Verstellung. Richtig ist allerdings, dass ich auf der Krankenstation lag."

„Ach so!"

„Und es war schon eine fürchterliche Anstrengung, Tag und Nacht Lethargie und Gefühllosigkeit zu heucheln. Und dabei konnte es jeden Augenblick passieren, dass einem jemand unerwartet ins Ohr brüllte, sodass man sich doch verriet. Na, es ist mir ja gelungen."

„Und jetzt sind Sie hier? Wie konnten Sie entkommen?"

„Das war kinderleicht. Ich musste bloß sterben."

Der Freiherr zuckte zusammen. Dann aber verstand er.

„Ah – Sie meinen, zum Schein?"

„Ganz recht. Ich hatte eine sehr kleine, aber auch sehr auserlesene Apotheke bei mir. Ich war schon längst darauf gefasst gewesen, arretiert zu werden, und hatte mich vorbereitet."

„Und haben gewartet? Welch eine Dummheit!"

„Hm! Ich dachte, man würde mir nichts nachweisen können und mich infolgedessen wieder freilassen."

„Wie naiv!"

„Ich konnte nicht ahnen, dass dieser Fürst van Zoom fast hinter alle meine Geheimnisse gekommen ist. Jedenfalls war ich überzeugt, dass ich nicht lange in Haft sein würde. Dennoch sah ich mich für alle Fälle vor und stellte mir besagte Apotheke zusammen. Mit einem einzigen Medikament kann man unter Umständen mehr erreichen als mit aller Gewalt und aller List."

„Der alte Giftdoktor! Wie aber haben Sie die Apotheke ins Gefängnis geschmuggelt?"

„Auf dem Kopf."

„Unglaublich!"

„Und doch ganz einfach. Vor einiger Zeit bildete sich bei mir eine Platte. Es blieb nur ein Haarkranz. Ich ließ mir ein Toupet machen, das die kahle Stelle vollständig bedeckt und vom echten Haar nicht zu unterscheiden ist. Unter diesem Haarersatzstück nun steckte meine Apotheke."

„Etwa Flaschen und Büchsen?"

„Unsinn! Geben Sie mir eine Retorte und ich konzentriere Ihnen das Weltmeer zu einem einzigen Tropfen! Meine Medikamente nahmen kaum den Raum eines Punktes ein, den Sie mit der Spitze Ihrer Feder auf Papier machen, und doch hätten sie mit der Gewalt des Blitzes oder einer Kanonenkugel gewirkt."

„Ich kenne Ihre Kunst, sagte der Freiherr betont, „und zolle ihr alle Anerkennung. Aber wie konnten Sie als Scheintoter in die Freiheit gelangen?

„Wissen Sie, was mit den Leichen der im Gefängnis Verstorbenen geschieht?"

„Nein."

„Man lässt sie eine Nacht in der Zelle oder auf der Krankenstation. Dann schafft man sie zum Gottesacker und bahrt sie im Leichenhaus auf."

„Aha!"

„Ich hatte ein Mittel, das scheintot machte, aber nur für genau dreißig Stunden. Es wirkte nach exakt zwölf Stunden. Ich überlegte also folgendermaßen: Wenn ich es heute nähme, dann stürbe ich morgen und käme übermorgen ins Leichenhaus. Von dort würde es leicht sein zu entkommen."

„Wirkt denn so ein Mittel bestimmt?"

„Das sehen Sie doch an mir, ich bin in Freiheit!"

„Wenn man es eingenommen hat, was ist dann mit dem Atem?"

„Steht still."

„Der Puls?"

„Ist nicht zu gewahren."

„Hm! Ich setze den Fall, man wird zur Ader gelassen – was dann?"

„Doch nur an den Extremitäten! Es kommt kein Tropfen Blut, höchstens ein bisschen Wasser."

„Das ist ja faktisch der Tod!"

„Gott sei Dank nur scheinbar!, lächelte der alte Apotheker. „Man sieht, hört und fühlt freilich nichts. Das war mein Trost, denn ich hätte sonst in dieser kurzen Zeit Höllenqualen ausstehen müssen.

„Was wäre gewesen, wenn man Sie nun sofort eingescharrt hätte?"

„Das ging nicht. Das wäre gegen das Gesetz gewesen."

„Oder Sie gleich in den Sarg genagelt hätte?"

Der Alte zuckte mit den Schultern.

„Ich bin immer noch kräftiger, als man denkt. Den hätte ich aufgesprengt."

„Oder wenn man Sie nun im Gefängnis gelassen hätte, um Sie dann von dort aus zu begraben?"

„Dann wäre ich das geblieben, was ich war: ein Gefangener."

„Sie haben mich überzeugt."

„Beinahe wäre ich auch ein Gefangener geblieben. Aber hören Sie weiter zu! Ich hatte also lange genug auf der Krankenstation gelegen und simuliert. Ich befand mich allein dort und nahm jetzt, es war am Abend, das Mittel. Es war nicht größer als ein Körnchen."

„Wonach schmeckte es?"

„Nach gar nichts. Denn das ist ja die Kunst: So ein Mittel darf weder Geruch noch Geschmack haben, wenn es seinen Zweck vollkommen erfüllen soll."

„Da fällt mir noch eine Frage ein, sagte Falkenstein gedehnt. „Werden verstorbene Häftlinge nicht untersucht?

„Jedenfalls", grinste der Apotheker.

„Dann hätte man doch Ihr Toupet nebst Apotheke finden müssen! Man hätte alles gewusst und einfach darauf gewartet, dass Sie erwachten."

„Keine Sorge, man hat nichts gefunden. So dumm bin ich nicht, dass ich mich auf solche Art und Weise verraten hätte. Nachdem ich das Körnchen eingenommen hatte, vernichtete ich die restliche Apotheke!"

„Schlauberger! Wie ging es dann weiter?"

„Der Wachtmeister und der Zellenschließer kamen noch einmal vorbei, um nach mir zu sehen. Ich sagte ihnen, dass ich Schmerzen in der Brust hätte. Sie wollten zum Bezirksarzt schicken, weil sie befürchteten, dass ich sterben könnte, aber ich versicherte, dass ich nur Ruhe bräuchte. Sie glaubten mir, weil ich Apotheker bin und daher mich auf Krankheiten verstehen müsse. Außerdem würde der Bezirksarzt schimpfen, wenn man ihn weckte. Sie löschten also das Licht und gingen. Der Schlüssel knirschte im Schloss, die Riegel klirrten und dann hörte ich die Schritte der beiden Beamten sich entfernen. Zum ersten Mal war es mir unheimlich in dem finsteren Raum, in dem schon so mancher Unglückliche gestorben ist. Auch meine letzte Nacht da drinnen stand ja bevor."

„Schauderhaft!", rief der Freiherr aus und schüttelte sich.

„Ich schlief ein. Als ich erwachte, muss es kurz nach ein Uhr mittags gewesen sein. Zunächst fand ich mich nicht zurecht. Ich lag, in ein Tuch gewickelt, auf einer einfachen Holzbank und richtete mich auf. Erst nach einer ganzen Weile kehrte mir die Erinnerung zurück. Ich hatte ja Gift genommen, um scheintot zu sein, und war nun wieder lebendig."

„Aber, wo befanden Sie sich?"

„Im Kohlenkeller, also noch innerhalb des Gefängnisses, und zudem war ich bis auf das Tuch völlig nackt."

„Tod und Teufel!, brummte der Freiherr. „Das ist ja eine ganz verfluchte Geschichte!

„Ich blickte durch eins der winzigen Kellerfenster und bemerkte einen Schließer, der drüben aus der Tür trat und in schnurgerader Richtung über den Hof kam."

„Sapperment!"

„Ich legte mich rasch wieder auf die Bank und wickelte mich in das Tuch. Ich hörte, wie der Schließer die Kellertür öffnete; ein paar Minuten verstrichen, dann verschloss er sie wieder. Offenbar hatte er sich nur davon überzeugen wollen, dass ich noch vorhanden war."

„Also hatte man Verdacht geschöpft und Ihrem Scheintod nicht recht getraut."

„Genau! Und wie ich bald herausfand, war jede Stunde Revision."

„Donnerwetter, ist man vorsichtig gewesen!"

„Aber ich habe den Herren dennoch ein Schnippchen geschlagen, denn mir kam bald die rettende Idee, die ich ausführte, als es dunkel war."

„Erzählen Sie!"

„Ich hatte den Eindruck, dass der Schließer, wenn er den Keller kontrollierte, immer nur hereinschaute und nicht hereinkam. Wenn mein Plan aber funktionieren sollte, dann musste ich dafür sorgen, dass er näher trat. Als es soweit war, legte ich das Tuch lang auf die Bank. Er kam und bemerkte, dass eine Veränderung stattgefunden hatte. Infolgedessen machte er ein paar Schritte in den Raum hinein. Ich hatte neben der Tür verborgen gestanden und packte ihn sofort."

„Hat er nicht um Hilfe gerufen?"

„Er war vor

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