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Februarschatten

Februarschatten

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Februarschatten

Bewertungen:
3/5 (2 Bewertungen)
Länge:
109 Seiten
1 Stunde
Freigegeben:
Dec 10, 2012
ISBN:
9783701358991
Format:
Buch

Beschreibung

Die sogenannte "Mühlviertler Hasenjagd" ist der historische Hintergrund zu dieser Erzählung. Im Februar 1945 wagten etwa 500 Häftlinge den Ausbruch aus dem KZ Mauthausen und wurden nicht nur von der SS, sondern auch von der Mühlviertler Bevölkerung gejagt und ermordet. Eine Mutter, die als Kind das Geschehen miterlebt, aber zu schweigen gelernt hat, lässt sich, von der Tochter über die Ereignisse befragt, zögerlich auf die Erinnerungen ein.
Freigegeben:
Dec 10, 2012
ISBN:
9783701358991
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Februarschatten - Elisabeth Reichart

Erinnerung

1

Nachts hatte das Telefon geläutet.

Die Tochter, die in diesen Tagen bei ihr war, stand auf. Hilde ging in das Stiegenhaus. Schickte die Tochter in ihr Zimmer zurück.

Dieses Wort hören – das ist wohl meine Pflicht. Hilde sah sich zu. Wie sie die Stiegen hinunter ging. Die rechte Hand auf den Apparat legte. Weiße Haut. Tiefe Falten. Tiefer als sonst. Wie sich diese Hand um den Hörer krallte. Den Hörer von der Gabel nahm. Den Hörer näher brachte. Regungslos hatte sie dann die ruhige Stimme der Nachtschwester vernommen. Eine Stimme, die auch nicht ungeduldig klang, als sie wieder und wieder fragen mußte: Sind sie noch da. Diese selbstverständliche Ruhe. Sie hatte nichts mit dem Wort zu tun. Das hätte ein Schreien und Toben verlangt. Um es aufnehmen zu können. Sie hätten ihn vor dem Waschbecken gefunden. Tot.

Anton ist tot.

Erika hatte ein Kopfnicken genügt. Sie weinte. Berührte die Mutter. Hilde stieß die Tocher weg. „Laß mich allein."

Die verweinten Augen deiner Tochter. Die schuldigen Augen deiner Frau. – Anton, ich weiß, ich bin schuld.

Ich habe dich allein gelassen. Allein gelassen. Wie Hannes. Meinen Bruder!

Den einzigen Bruder. Unter allen Brüdern. Wie viele Brüder ich auch hatte.

Ich habe meinen Bruder im Stich gelassen. Wie dich.

Allein lagst du in deinem Zimmer.

Allein hing Hannes an dem Birnbaum.

Allein standst du auf.

Hannes stand auch auf. Früher.

Gingst zum Waschbecken.

Durst!

Brachst vor dem Waschbecken zusammen.

Keine Klingel konntest du erreichen.

Keinen Menschen konnte Hannes erreichen.

Du wirst nie wieder aufstehen.

Wie Hannes nicht auferstanden ist.

Hannes, den sie zum Baum führten.

Die Geführten.

Zu denen sich Hannes nicht zählte.

Niemand hat Hannes geführt.

Ich bin schuld.

Ich habe dich allein gelassen.

Ich bin von Hannes weggegangen.

Früher, viel früher schon hat das angefangen.

Du hattest Angst vor dem allein sein.

Dein Zimmer war kalt. War weiß.

Weiß, weiß und kalt war auch der Februarmorgen als Hannes an dem Baum hing auf dem er starb. Allein starb.

Damals schuld. Heute schuld.

Und wie damals werden sie heute denken: besser wäre, ich wäre gestorben.

Keine Tränen.

Schreien wollen.

Nur ein Wort schreien wollen: nein!

Nicht schreien können. Die ruhige Stimme am Telefon hatte den Ton bestimmt, in dem sie von nun an darüber reden würde. Die Umschreibungen nichts Neues. Oft wiederholter Vorgang.

Alle Schuld ist schon lange in mir.

Ist in den Schatten. Die nun die Dunkelheit unterscheidbar machen.

Baumschatten, Menschenschatten, Geräuschschatten.

Sie lösen mich auf.

Sie holen das Leben zu sich. Holen dich zu sich. Nein! Nicht Anton! Holt mich. Hört ihr nicht! Holt mich.

Aber nicht Anton!

Nicht Anton.

Nein. Wartet.

Ihr müßt mir noch einige Tage Zeit lassen. Nur einige Tage. Ich muß doch für Antons Begräbnis sorgen.

Dann holt mich.

Dann.

Mich.

Anton hatte ein Recht auf ein ordentliches Begräbnis. Er sollte ein schönes Begräbnis bekommen. Nicht so eines wie Hannes. Das war kein Begräbnis. Das war ein Spießrutenlaufen. Das wollte sie nicht noch einmal erleben müssen.

Hilde stand auf. Suchte Antons Schlüssel zum Weinkeller. Fand keinen Schlüssel. Nahm die Holzhacke. Brach damit die Tür auf. Die lange verschlossene Tür.

Nur, daß auch der Wein die Schatten nicht vertreiben konnte, damit hatte sie nicht gerechnet. Und daß die Schuld nicht kleiner werden würde, nur verschwommener, das hatte sie nicht vorausgedacht. Sie konnte erst einschlafen, wenn die Schatten zu ihrer Wahrheit geworden waren. Sie von ihr abließen. Hilde die Angst verlor, daß sie sich vielleicht nur verkrochen hatten. Statt wieder in die Wand zurück zu gehen. In diese sehr alte, sehr starke Wand. Nur sie konnte die Schatten zeitweise behalten. Da hörte sie schon die ersten Schichtarbeiter wegfahren. Oder nach Hause kommen. Hustete der Nachbar seinen Morgenhusten. Kochten die Nachbarinnen Kaffee für die Männer.

Stunden später die Frage: wozu die Mühe, wach zu werden.

Vielleicht sollte ich meiner Müdigkeit nachgeben. Ich habe doch ständig nachgegeben. Aber dann wäre ich ja wie die Alte. Die seit Monaten schläft. Die zum Essen aufgeweckt werden muß. Die während des Essens einschläft. Schläft. Nein. Wie die Alte will ich nicht sein. Wozu die Alte lebt. Schlafend lebt. Ich ertrage sie nicht. Ich will sie nie wieder sehen.

Einmal hat Hilde es zu Erika gesagt. Daß sie die Alte haßt. Die Alte, die schlafend leben darf. Während ihr Sohn sterben mußte. Aber da hat die Tochter sie wieder einmal im Stich gelassen. Wollte sie die Mutter nicht verstehen. Hat Sätze gesagt, die nicht gesagt werden dürfen. Hat Erika ihr erzählt, daß die Großmutter in ihren Erinnerungen weiter und weiter zurückgeht. Die Erinnerungen lebt. Zum Anfang kommen wird. Und der Anfang das Ende sein wird. Hilde hat sich weggedreht. Weg von der Tochter. Weg von der Alten. Zu ihrem Haß.

Erika denkt nur an die Alte. An mich denkt sie nie.

Dabei würde ich sie viel mehr brauchen.

Aber Erika bemerkt das nicht.

Sie läßt mich im Stich. Verläßt mich.

Alle haben mich verlassen.

Wozu aufstehen. So verlassen.

Und das Verlassenwerden nicht vergessen können. Wie in der anderen Zeit. In der Zeit vor dir. Es war kalt. Es war Nacht. Eine Februarnacht. Da konnte ich noch vergessen. Ich habe die Februarnacht vergessen. Aber dich, dich darf ich nicht vergessen.

Die anderen vergaßen Anton bereits. Die Tochter mußte sie ermahnen, bei ihren Besuchen zu Antons Grab zu gehen.

Ich hingegen gehe jeden Tag den Weg zu deinem Grab.

Gleichbleibende Tätigkeit. Lebensmittelpunkt. Sich daran festhalten. Täglich neu.

Mit ihr gehen ungezählte Frauen. Viele im bleibenden Schwarz. Auch sie hat ein Jahr lang Schwarz getragen. Hat dann die äußere Trauer abgelegt. An manchen Tagen geht sie den Weg in den Friedhof auch öfter. Geht so oft, bis kein Grashalm auf Antons Grab bleibt. Bis das Grab einbricht. Antons Grab. Da kann sie erst nach

Wochen wieder zu seinem Grab gehen. Hatte es in der Zwischenzeit anderen überlassen müssen. Oder den ungeschickten Händen der Tochter.

Da war dieses Grab nicht mehr ihr Grab.

Da begann sie zu tanzen. Tanzte ihre Mühe fort. Ihre vergebliche Mühe. Tanzte den Pfarrer fort, der sie aus dem Friedhof vertreiben wollte. Sie, die von Anfang an in Friedhöfen zu Hause war. Tanzte die Grashalme fort. Diese großen Grashalme, über die sie sich schon immer geärgert hatte. Tanzte.

2

Die eine Angst erkennen. Die Angst, anders zu sein, ausgeschlossen zu werden.

Wie früher. Zu oft. Nein. Nur einmal. Als die Lehrerin mich in die Ecke schickte.

Es nur die Ecke für sie gab und das Lachen der anderen Kinder in ihrem Rücken. Und später, später gab es noch die Nässe für sie. Die Nässe zwischen den Beinen. Die zuerst wärmte. Aber nur kurz. Bis sie den Boden erreichte und Hilde

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