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Schöpferische Freiheit

Schöpferische Freiheit

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Schöpferische Freiheit

Länge:
388 Seiten
7 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 26, 2012
ISBN:
9783899016178
Format:
Buch

Beschreibung

Ist schöpferisches Leben in Freiheit für alle erreichbar? Und wie kann man sie im Leben verwirklichen? Laut Krishnamurti ist es die Wahrheit, die befreit, und diese ist weder in Institu tionen, in religiösen Dogmen noch beispirituellen "Autoritäten" zu fi nden. Wahre Freiheit kann nicht von außen kommen. Niemand kann uns sagen, was wir tun oder glauben sollen. Sie kann nur aus der schöpferischen Entdeckung des eigenen Selbst entstehen. In dieser völlig überarbeiteten Neuübersetzung, die bisher auf Deutsch unveröffentlichte Texte enthält, zeigt der große indische Philosoph Krishnamurti uns ein weites Spektrum an Themen wie Leiden, Angst, Liebe und Sex, die Bedeutung des Lebens und der Transformation und bezieht diese immer wieder auf das Wesentliche: Die Suche nach wahrer, schöpferischer Freiheit.
Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 26, 2012
ISBN:
9783899016178
Format:
Buch

Über den Autor


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Schöpferische Freiheit - Jiddu Krishnamurti

HUXLEY

REDEN

Auszüge aus Reden von Krishnamurti,

die er zwischen 1948 und 1953

in Asien, Amerika und Europa gehalten hat

I.

Einleitung

Miteinander zu kommunizieren ist, selbst wenn wir uns sehr gut kennen, extrem schwierig. Ich benutze vielleicht Worte, die für Sie eine ganz andere Bedeutung haben als für mich. Verstehen geschieht, wenn wir, Sie und ich, uns zur selben Zeit auf derselben Ebene begegnen. Und das passiert nur, wenn echte Zuneigung da ist, zwischen den Menschen, zwischen Mann und Frau oder engen Freunden. Das ist echte Gemeinschaft. Unmittelbares Verstehen stellt sich ein, wenn wir uns auf derselben Ebene zur selben Zeit treffen.

Es ist sehr schwer, entspannt und dennoch wirkungsvoll und präzise miteinander zu kommunizieren. Ich verwende einfache Wörter, keine wissenschaftlichen Begriffe, denn ich glaube nicht, dass irgendeine abstrakte Sprache uns helfen kann, unsere schwierigen Probleme zu lösen. Deshalb benutze ich keine wissenschaftlichen Ausdrücke, weder aus der Psychologie noch der Naturwissenschaft. Ich habe glücklicherweise keine psychologischen und auch keine religiösen Bücher gelesen. Ich möchte mit Hilfe der ganz einfachen Wörter und Begriffe, die wir in unserem Alltag verwenden, eine tiefere Bedeutung vermitteln. Aber das ist sehr schwierig, wenn Sie nicht wissen, wie man zuhört.

Es gibt eine Kunst des Zuhörens. Um wirklich zuhören zu können, sollte man alle Vorurteile, altbekannten Formulierungen und Alltagsdinge aufgeben oder beiseitelassen. Wenn Sie in einem aufnahmefähigen Zustand sind, fällt das Verstehen leicht. Sie hören zu, wenn Sie einer Sache wirklich Aufmerksamkeit schenken. Aber leider hören die meisten von uns durch einen Filter des inneren Widerstands zu. Dieser Filter besteht aus Vorurteilen, ob religiös, spirituell, psychologisch oder wissenschaftlich oder aus unseren täglichen Sorgen, Wünschen und Ängsten. Und durch diesen Filter hören wir zu. Deshalb hören wir eigentlich nur unseren eigenen inneren Geräuschen und Tönen zu und nicht dem, was gesagt wird. Es ist extrem schwierig, unsere Erziehung, unsere Vorurteile, Vorlieben und Widerstände loszulassen, über die bloßen Worte hinauszugehen und so zuzuhören, dass wir unmittelbar verstehen. Das wird hier eine unserer Schwierigkeiten sein.

Wenn während dieses Gespräches irgendetwas gesagt wird, das im Gegensatz zu Ihrem Denken und Ihren Überzeugungen steht, dann hören Sie einfach zu – ohne Widerstand. Vielleicht haben Sie recht, und ich habe unrecht, aber indem wir zuhören und die Dinge gemeinsam betrachten, werden wir herausfinden, was die Wahrheit ist. Niemand kann Ihnen die Wahrheit geben. Sie müssen sie entdecken, und um sie entdecken zu können, muss Ihr Geist in einem Zustand unmittelbaren Gewahrseins sein. Unmittelbares Gewahrsein ist nicht möglich, wenn Widerstände da sind, wenn wir uns sichern und schützen. Verstehen entspringt dem Gewahrsein dessen, was ist. Genau zu wissen, was ist, was real, was wirklich ist, ohne es zu interpretieren, ohne es zu verurteilen oder zu rechtfertigen, ist zweifellos der Beginn von Weisheit. Nur wenn wir anfangen zu interpretieren, gemäß unserer Konditionierung, gemäß unseren Vorurteilen, entgeht uns die Wahrheit. Es ist eigentlich wie in der Forschung. Um zu wissen, was etwas ist, was es genau ist, müssen wir forschen – Sie können es nicht nach Lust und Laune interpretieren. Und wenn wir so schauen, beobachten, zuhören können, wenn wir das, was ist, exakt wahrnehmen, dann ist das Problem gelöst. Und genau das werden wir in all diesen Gesprächen tun. Ich werde Ihnen aufzeigen, was ist, und es nicht nach meinem Gutdünken interpretieren, und Sie sollten es ebenfalls nicht gemäß Ihrer Herkunft oder Erziehung interpretieren.

Ist es dann nicht möglich, alles so wahrzunehmen, wie es ist? Auf dieser Basis ist Verstehen möglich. Das, was ist, anzuerkennen, es bewusst wahrzunehmen, es herauszufinden, beendet den inneren Kampf. Wenn ich weiß, dass ich ein Lügner bin, wenn das eine Tatsache ist, die ich anerkenne, dann ist der innere Kampf vorbei. Anzuerkennen, gewahr zu sein, was man ist, ist der Anfang von Weisheit, der Anfang des Verstehens, der Sie frei macht von Zeit. Wenn man die Zeitqualität hineinbringt – nicht Zeit im chronologischen Sinn, sondern als Hilfsmittel, als psychischen, mentalen Prozess –, ist das destruktiv und stiftet Verwirrung. Wir können also verstehen, was ist, wenn wir es anerkennen, ohne Verurteilung, ohne Rechtfertigung, ohne Identifikation. Zu wissen, dass man sich in einem bestimmten Zustand befindet, ist bereits ein Befreiungsprozess; aber ein Mensch, der sich seines Zustands, seines inneren Kampfes nicht bewusst ist, versucht, etwas anderes zu sein, als er ist, woraus Gewohnheiten entstehen. Behalten wir also im Hinterkopf, dass wir untersuchen wollen, was ist, dass wir beobachten und gewahr sein wollen, was tatsächlich ist, ohne ihm irgendeine Färbung zu geben, ohne es zu interpretieren. Es erfordert einen außerordentlich scharfen Geist, ein außergewöhnlich offenes Herz, um dessen, was ist, gewahr zu sein und ihm zu folgen. Denn was ist, ist ständig in Bewegung, ist ständig der Veränderung unterworfen; und wenn der Geist an Glaubenssätze, an Wissen gebunden ist, hört er auf, der schnell fließenden Bewegung dessen, was ist, zu folgen. Was ist, ist zweifellos nicht statisch, – es ist ständig in Bewegung, wie Sie sehen werden, wenn Sie es genau beobachten. Um ihm zu folgen, brauchen Sie einen sehr beweglichen Geist und ein offenes Herz. Das geht verloren, wenn der Geist statisch ist, in einer Überzeugung verharrt, einem Vorurteil, einer Identifikation; und ein Geist und ein Herz, die vertrocknet sind, können dem, was ist, nicht leicht und frei folgen.

Ich denke, uns ist bewusst, ohne große Diskussion, ohne viele Worte, dass sowohl individuell als auch kollektiv Chaos, Verwirrung und Elend herrschen. Nicht nur in Indien, sondern überall auf der Welt; in China, Amerika, England, Deutschland, überall auf der Welt herrscht Verwirrung, wird das Leid immer größer. Das ist nicht auf eine Nation begrenzt, es ist in der ganzen Welt so. Es gibt ungeheuer großes Leid, und zwar nicht nur individuell, sondern kollektiv. Es ist also eine Weltkatastrophe, und es wäre absurd, sie auf ein geographisches Gebiet, eine Region mit einer bestimmten Farbe auf der Landkarte zu begrenzen, denn dann werden wir nicht die ganze Bedeutung dieses weltweiten sowie individuellen Leidens verstehen. Wenn wir uns dieser Verwirrung bewusst sind, was ist dann unsere Antwort darauf? Wie reagieren wir?

Es gibt Leid in der Politik, in der Gesellschaft, in der Religion; unsere Psyche ist verwirrt, und alle unsere Anführer, politische wie religiöse, haben versagt, alle Schriften haben ihre Bedeutung verloren. Sie können die Bhagavad-Gita oder die Bibel oder die neueste politische oder psychologische Abhandlung lesen und werden feststellen, dass sie diesen Klang, diese Qualität der Wahrheit verloren haben. Es sind nur noch Worte. Und Sie, die Sie diese Worte wiederholen, sind verwirrt und unsicher, und die bloße Wiederholung von Worten vermittelt überhaupt nichts. Deshalb sind die Worte und die Bücher wertlos geworden; das heißt, wenn Sie die Bibel oder Marx oder die Bhagavad-Gita zitieren als jemand, der selbst unsicher und verwirrt ist, wird Ihre Wiederholung zur Lüge, denn was da geschrieben steht, wird zur bloßen Propaganda, und Propaganda ist nicht die Wahrheit. Wenn Sie also wiederholen, haben Sie aufgehört, Ihren eigenen Seinszustand zu verstehen. Mit den Worten aus diesen Quellen decken Sie nur Ihre eigene Verwirrung zu. Aber wir wollen versuchen, diese Verwirrung zu verstehen und sie nicht mit Zitaten zudecken. Was ist also Ihre Antwort darauf? Wie antworten Sie auf dieses ungeheure Chaos, diese Verwirrung, diese Unsicherheit der Existenz? Seien Sie sich dessen bewusst, während ich darüber spreche; folgen Sie nicht meinen Worten, sondern dem Gedanken, der in Ihnen aktiv ist. Die meisten von uns sind daran gewöhnt, Zuschauer zu sein und nicht selbst am Spiel teilzunehmen. Wir lesen Bücher, aber wir schreiben niemals welche. Es ist zu unserer Tradition, unserer nationalen und globalen Gewohnheit geworden, Zuschauer zu sein, ein Fußballspiel anzuschauen, den Politikern und Rednern beim Reden zuzuschauen. Wir sind nur die Außenstehenden, die Zuschauer und haben unsere eigene Kreativität verloren. Deshalb wollen wir aufsaugen und dadurch teilhaben.

Aber wenn Sie nur beobachten, wenn Sie nur Zuschauer sind, wird Ihnen die Bedeutung dieses Gedankenaustausches völlig entgehen, denn das ist kein Vortrag, den Sie sich anhören müssen – aus Macht der Gewohnheit. Ich werde Ihnen keine Informationen liefern, die Sie auch in einer Enzyklopädie nachschlagen können. Was wir hier versuchen, ist, den Gedanken des anderen zu folgen, so weit zu folgen, wie wir können, so tief wir können, den Hinweisen, den Reaktionen unseres eigenen Gemüts zu folgen. Finden Sie also bitte heraus, wie Sie auf dieses Thema, dieses Leiden reagieren; nicht, was jemand anders darüber sagt, sondern was Ihre eigene Antwort darauf ist. Ihre Antwort ist Gleichgültigkeit, wenn Sie von dem Leiden profitieren, wenn Sie aus dem Chaos entweder wirtschaftlich, sozial, politisch oder psychisch einen Vorteil ziehen. Deshalb macht es Ihnen nichts aus, wenn sich dieses Chaos fortsetzt. Man strebt zweifellos umso mehr nach Sicherheit, je mehr Probleme es auf der Welt gibt, je größer das Chaos ist. Ist Ihnen das nicht aufgefallen? Wenn in der Welt Verwirrung herrscht, geistig, psychisch und auf jede andere Art und Weise, umgeben Sie sich mit irgendeiner Art von Sicherheit, sei es ein Bankkonto oder eine Ideologie, oder Sie wenden sich dem Gebet zu, gehen in den Tempel – was tatsächlich eine Flucht vor dem ist, was auf der Welt geschieht. Es werden immer mehr Sekten gegründet, immer mehr ›Ismen‹ entstehen überall auf der Welt. Denn je größer die Verwirrung, desto dringender wünschen Sie sich einen Führer, jemanden, der Sie aus diesem Schlamassel herausführt. Also wenden Sie sich den religiösen Schriften zu oder einem der neuesten Lehrer, oder Sie handeln und reagieren in Übereinstimmung mit einem System, welches das Problem zu lösen scheint, einem System der Linken oder Rechten. Das ist genau, was geschieht.

In dem Moment, da Sie der Verwirrung gewahr werden, dessen, was tatsächlich ist, versuchen Sie, davor zu flüchten. Diese Sekten, die Ihnen ein System für die Lösung allen Leidens auf der sozialen, wirtschaftlichen oder religiösen Ebene anbieten, sind die schlimmsten, denn dann wird das System wichtig und nicht der Mensch – ob es sich um ein religiöses System handelt oder ein politisches. Das System wird wichtig, die Philosophie, die Idee wird wichtig und nicht der Mensch. Und um der Idee willen, der Ideologie willen sind Sie bereit, die ganze Menschheit zu opfern. Genau das geschieht auf der Welt. Das ist nicht bloß meine Interpretation. Wenn Sie hinschauen, werden Sie feststellen, dass genau das geschieht. Das System ist wichtig geworden. Deshalb verlieren, weil das System wichtig geworden ist, die Menschen, Sie und ich, an Bedeutung, und die Kontrolleure des Systems, ob religiös oder sozial, ob links- oder rechtsgerichtet, maßen sich Autorität an, ergreifen die Macht und opfern deshalb Sie, das Individuum. Genau das geschieht.

Aber was ist der Grund für diese Verwirrung, dieses Elend? Wie ist dieses Elend entstanden, dieses Leiden, nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich? Diese Angst und die Erwartung eines Krieges, die Angst vor dem dritten Weltkrieg? Was ist die Ursache? Es weist zweifellos auf den Zusammenbruch aller moralischen und spirituellen Werte hin und auf die Verherrlichung aller sinnlichen Werte, des Wertes der Dinge, die mit den Händen oder dem Geist erschaffen wurden. Was geschieht, wenn wir keine anderen Werte haben als die Werte der äußeren Dinge, die Werte der Produkte des Geistes, der Hand oder der Maschine? Je mehr Bedeutung wir den äußeren, materiellen Werten beimessen, desto größer die Verwirrung, nicht wahr? Auch das ist nicht meine Theorie. Sie müssen keine Bücher heranziehen, um herauszufinden, dass Ihre Werte, Ihre Reichtümer, Ihre wirtschaftliche und soziale Existenz auf Dingen beruhen, die mit den Händen oder dem Geist erschaffen wurden. So leben und funktionieren wir, und unser Sein ist durchdrungen von sinnlichen Werten, was bedeutet, dass Dinge – vom Geist, von Händen oder Maschinen erschaffene Dinge – wichtig geworden sind. Und wenn Dinge wichtig werden, erlangt der Glaube beherrschende Bedeutung. Genau das geschieht auf der Welt, nicht wahr?

Dass den äußeren, materiellen Werten immer mehr Bedeutung beigemessen wird, ist also der Grund für die Verwirrung. Und dieser Verwirrung versuchen wir auf verschiedene Arten zu entkommen, ob durch religiöse, wirtschaftliche oder soziale Aktivitäten oder durch Ehrgeiz, durch Macht, durch die Suche nach der Wirklichkeit. Aber das Wirkliche ist nahe, man muss es nicht suchen, und ein Mensch, der die Wahrheit sucht, wird sie niemals finden. Wahrheit liegt in dem, was ist – und das ist die Schönheit darin. Aber in dem Moment, in dem Sie sich eine Vorstellung davon machen, in dem Moment, in dem Sie danach suchen, fangen Sie an zu kämpfen. Und ein Mensch, der kämpft, kann nicht verstehen. Deshalb müssen wir still sein, beobachtend, wach und empfänglich. Wir sehen, dass sich unser Leben, unser Handeln immer auf dem Feld der Zerstörung, auf dem Feld des Leidens abspielt. Wie eine Welle schlagen Verwirrung und Chaos immer wieder über uns zusammen. Es gibt keine Pause in der Verwirrung der Existenz.

Alles, was wir gegenwärtig tun, scheint ins Chaos zu führen, in Leid und Unglück. Betrachten Sie Ihr eigenes Leben, und Sie werden erkennen, dass sich unser Leben immer am Rande des Leids abspielt. Unsere Arbeit, unsere sozialen Aktivitäten, unsere Politik, die verschiedenen Versammlungen der Nationen, um den Krieg zu beenden, führen alle zu noch mehr Krieg. Unsere Lebensweise zieht Zerstörung nach sich, alles, was wir tun, führt zum Tod. Genau das findet wirklich statt. Können wir dieses Elend unmittelbar beenden und nicht immer wieder von der Welle der Verwirrung und des Leids mitgerissen werden? Große Lehrer wie Buddha oder Christus sind gekommen; sie haben Glauben und Vertrauen akzeptiert und nur sich, vielleicht, von Verwirrung und Leid befreit. Aber sie haben nie das Leid verhindert, sie haben nie die Verwirrung beendet. Die Verwirrung setzt sich fort, das Leiden setzt sich fort. Wenn Sie sich angesichts dieser gesellschaftlichen und ökonomischen Verwirrung, dieses Chaos, dieses Elends auf etwas zurückziehen, das religiöses Leben genannt wird, und der Welt den Rücken kehren, haben Sie vielleicht das Gefühl, dass Sie diesen großen Lehrern folgen, aber die Welt dreht sich weiter in ihrem Chaos, ihrem Elend und ihrer Zerstörung, im endlosen Leiden von Arm und Reich. Unsere Frage, Ihre und meine, lautet also, ob wir unmittelbar aus diesem Elend heraustreten können. Wenn Sie in der Welt leben, sich aber weigern, ein Teil davon zu sein, werden Sie anderen aus diesem Chaos heraushelfen – nicht in der Zukunft, nicht morgen, sondern jetzt. Das ist zweifellos unser Problem. Der Krieg wird wahrscheinlich kommen, noch zerstörerischer, noch abscheulicher. Wir können ihn wohl nicht verhindern, die Probleme sind viel zu groß und akut. Aber Sie und ich können die Verwirrung und das Elend unmittelbar wahrnehmen. Wir müssen sie erkennen. Und dann werden wir in der Lage sein, dasselbe Erkennen der Wahrheit in anderen zu wecken. Mit anderen Worten: Können Sie auf der Stelle frei sein? Denn das ist der einzige Ausweg aus diesem Elend. Erkennen ist nur in der Gegenwart möglich; aber wenn Sie sagen: »Ich kümmere mich morgen darum«, wird die Welle der Verwirrung über Ihnen zusammenschlagen, und dann werden Sie immer in Verwirrung hineingezogen.

Ist es also möglich, in jenen Zustand zu gelangen, in welchem Sie die Wahrheit unmittelbar erkennen und damit der Verwirrung ein Ende setzen? Ich sage, dass es möglich ist und dass es der einzig mögliche Weg ist. Ich sage, es kann getan werden und muss getan werden, und zwar nicht auf Grund von Vermutungen oder Überzeugungen. Diese außergewöhnliche Revolution zu bewerkstelligen – die kein Aufstand gegen die Kapitalisten ist, um eine andere Gruppe zu etablieren –, diese wunderbare Verwandlung herbeizuführen, die die einzig wahre Revolution ist, ist das Problem. Was gemeinhin als Revolution bezeichnet wird, ist einfach nur die Abwandlung oder die Fortsetzung der rechten Ideologie im Gewand der linken. Die Linke ist letztendlich die Fortsetzung der Rechten in einer abgewandelten Form. Wenn die Rechte auf materiellen Werten basiert, ist die Linke nichts anderes als eine Fortsetzung derselben materiellen Werte und unterscheidet sich nur graduell oder in ihrer äußeren Form. Deshalb kann eine echte Revolution, Umwandlung, nur stattfinden, wenn Sie – das Individuum – in Ihren Beziehungen zu anderen achtsam werden. Die Gesellschaft ist nichts anderes als das, was Sie in Ihrer Beziehung zu einem anderen Menschen sind, zu Ihrer Frau, Ihrem Kind, Ihrem Chef, Ihrem Nachbarn. Die Gesellschaft als solche existiert nicht. Was Sie und ich in unserer Beziehung verursacht haben, ist die Gesellschaft. Sie ist die äußerlich sichtbare Projektion all unserer inneren psychischen Zustände. Wenn wir, Sie und ich, uns also selbst nicht verstehen, ist es absolut sinnlos, nur das Äußere, das Spiegelbild des Inneren, zu verändern; das heißt, es kann keine bedeutsame Veränderung in der Gesellschaft geben, solange ich mich in der Beziehung zum Du nicht verstehe. Wenn ich in meinen Beziehungen verwirrt bin, erzeuge ich eine Gesellschaft, die das Ebenbild, der äußere Ausdruck dessen ist, was ich bin. Das ist eine offensichtliche Tatsache, über die wir sprechen können. Wir können darüber diskutieren, ob die Gesellschaft als äußerer Ausdruck mich hervorgebracht hat oder ob ich die Gesellschaft geschaffen habe.

Ist es daher nicht offensichtlich, dass die Gesellschaft durch das erschaffen wird, was ich in meiner Beziehung zu einem anderen bin, und dass es ohne eine radikale Veränderung meiner selbst keine Veränderung der grundlegenden Funktionsweise der Gesellschaft geben kann? Wenn wir erwarten, dass ein System die Gesellschaft verändert, weichen wir der Frage nur aus, denn ein System kann den Menschen nicht verändern. Es ist immer so, dass der Mensch das System verändert, wie die Geschichte gezeigt hat. Solange ich mich selbst in meiner Beziehung zu dir nicht verstehe, bin ich die Ursache von Chaos, Elend, Zerstörung, Angst und Brutalität. Mich selbst zu verstehen ist keine Frage der Zeit. Ich kann mich jetzt, in diesem Augenblick, verstehen. Wenn ich sage: »Ich werde mich morgen verstehen«, bringe ich Chaos und Leid hinein, ist mein Handeln zerstörerisch. In dem Moment, in dem ich sage: »Ich ›werde‹ verstehen«, bringe ich den Zeitfaktor hinein, und die Welle der Verwirrung und Zerstörung hat mich bereits erfasst. Verstehen geschieht jetzt, nicht morgen. ›Morgen‹ ist etwas für den trägen Geist, den faulen, uninteressierten Geist. Wenn Sie Interesse an etwas haben, tun Sie es sofort, Sie verstehen sofort, die Veränderung geschieht unmittelbar. Wenn Sie sich jetzt nicht ändern, werden Sie sich nie ändern, denn die Veränderung, die morgen geschieht, ist nur eine Abwandlung, keine Verwandlung. Verwandlung kann nur unmittelbar stattfinden, die Revolution geschieht jetzt, nicht morgen.

Wenn das geschieht, haben Sie überhaupt kein Problem, denn das Selbst macht sich keine Sorgen über sich selbst. Dann befinden Sie sich jenseits der Welle der Zerstörung.

II.

Was suchen wir?

Was suchen die meisten von uns? Was wünscht sich jeder von uns? Besonders in dieser rastlosen Welt, in der jeder irgendeine Art von Frieden, von Glück, irgendeinen Zufluchtsort zu finden versucht, ist es da nicht wichtig, das herauszufinden? Was wollen wir finden, was wollen wir entdecken? Wahrscheinlich sind die meisten von uns auf der Suche nach irgendeinem Glück, nach Frieden in irgendeiner Form in einer Welt voller Aufruhr, Krieg, Zank und Streit. Wir wünschen uns einen Zufluchtsort, wo wir ein wenig Frieden finden können. Ich denke, das ist es, was die meisten von uns wollen. Also machen wir uns auf, gehen von einem Meister zum nächsten, von einer religiösen Organisation zur nächsten, von einem Lehrer zum nächsten.

Suchen wir also Glück, oder streben wir nach irgendeiner Art von Genuss oder Vergnügen, in welchem wir das Glück zu finden hoffen? Zwischen Glück und Vergnügen besteht ein Unterschied. Können Sie Glück suchen? Vielleicht können Sie Vergnügen finden, aber Sie können mit Sicherheit kein Glück finden. Glück ist eine Nachahmung, ein Nebenprodukt von etwas anderem. Bevor wir uns also mit dem Kopf und dem Herzen einer Sache widmen, die große Ernsthaftigkeit, Aufmerksamkeit, Überlegung, Sorgfalt voraussetzt, müssen wir das herausfinden. Was suchen wir nun, Glück oder Befriedigung? Ich fürchte, die meisten von uns suchen Letzteres. Wir wollen belohnt werden, wir wollen am Ende unserer Suche ein Gefühl der Befriedigung haben.

Wenn man Frieden sucht, kann man ihn schließlich sehr leicht finden. Man kann sich blindlings irgendeiner Sache, einer Idee hingeben und dort Zuflucht nehmen. Aber das löst mit Sicherheit nicht das Problem. Die bloße Abschottung im geschlossenen System einer Ideologie befreit nicht vom Konflikt. Also müssen wir das herausfinden, nicht wahr? Was es ist, das sich jeder von uns sowohl im Inneren als auch im Äußeren wünscht? Wenn wir uns darüber im Klaren sind, müssen wir nirgendwohin gehen, zu keinem Lehrer, in keine Kirche, keine Organisation. Deshalb besteht unsere Schwierigkeit darin, in uns selbst Klarheit über unsere Absicht zu haben, nicht wahr? Können wir innerlich klar sein? Und stellt sich diese Klarheit durch das Suchen ein, dadurch, dass wir herauszufinden versuchen, was andere sagen, vom höchsten Lehrer bis hin zum gewöhnlichen Prediger in der Kirche um die Ecke? Müssen Sie zu jemandem gehen, um es herauszufinden? Aber das tun wir, oder nicht? Wir lesen unzählige Bücher, gehen zu vielen Versammlungen, schließen uns verschiedenen Gemeinschaften an – und versuchen dadurch ein Mittel gegen unseren Konflikt, gegen das Elend und Leid in unserem Leben zu finden. Oder, wenn wir das alles nicht tun, denken wir, wir hätten es gefunden, das heißt, wir sagen, dass uns eine bestimmte Organisation, ein bestimmter Lehrer, ein bestimmtes Buch zufriedenstellt. Wir haben in ihm alles gefunden, was wir uns wünschen; und wir bleiben darin, erstarrt und abgeschottet.

Suchen wir inmitten dieser ganzen Verwirrung nicht etwas Beständiges, etwas Bleibendes, etwas, das wir Wirklichkeit, Gott, Wahrheit nennen oder was immer Sie wollen – der Name spielt keine Rolle, das Wort ist zweifellos nicht das Eigentliche. Bleiben wir also nicht an Worten hängen. Überlassen wir das den Hochschullehrern. Es gibt eine Suche nach etwas Beständigem, nicht wahr? Bei den meisten von uns – nach etwas, woran wir uns festhalten können, etwas, das uns Sicherheit gibt, eine Hoffnung, eine bleibende Begeisterung, eine bleibende Gewissheit, denn innerlich sind wir so unsicher. Wir kennen uns nicht. Wir wissen ein Menge über Fakten, darüber, was in den Büchern steht, aber es ist kein eigenes Wissen, wir haben keine direkte Erfahrung.

Und was nennen wir beständig? Was ist es, das wir suchen und das uns Beständigkeit gibt oder von dem wir sie uns erhoffen? Suchen wir nicht beständiges Glück, dauerhafte Erfüllung, bleibende Sicherheit? Wir wünschen uns etwas, das ewig währt, das uns erfüllt. Wenn wir uns von allen Begriffen und Phrasen freimachen und wirklich hinschauen, ist es das, was wir wollen. Wir wollen permanenten Genuss, permanente Erfüllung – was wir Wahrheit oder Gott nennen oder was auch immer.

Ja, wir wollen Genuss. Vielleicht ist das ein bisschen grob ausgedrückt, aber das ist es doch, was wir uns wünschen – Wissen, das uns Vergnügen bereitet, Erfahrungen, die uns Genuss schenken, ein Gefühl der Erfüllung, das nicht morgen schon verblasst. Und wir haben mit verschiedenen Genüssen experimentiert, und sie sind alle verblasst; und jetzt hoffen wir dauerhafte Erfüllung in der Wirklichkeit, in Gott zu finden. Das ist zweifellos, was wir alle suchen – die Klugen und die Dummen, der Theoretiker und der praktisch Veranlagte, der etwas erreichen will. Und gibt es immerwährende Erfüllung? Gibt es etwas, das Bestand hat?

Wenn Sie also dauerhafte Erfüllung suchen, nennen Sie es Gott oder Wahrheit oder wie Sie wollen – der Name spielt keine Rolle –, müssen Sie zweifellos verstehen, was Sie suchen, oder etwa nicht? Wenn Sie sagen: »Ich suche dauerhaftes Glück« – Gott oder Wahrheit oder was Sie wollen –, müssen Sie dann nicht auch das verstehen, was sucht, den Suchenden, den Sucher? Denn vielleicht gibt es so etwas wie dauerhafte Sicherheit, dauerhaftes Glück überhaupt nicht. Wahrheit ist vielleicht etwas ganz anderes; und ich denke, sie ist völlig verschieden von dem, was Sie sehen, sich vorstellen, in Worte fassen können. Ist es deshalb, bevor wir nach etwas Beständigem suchen, nicht offensichtlich notwendig, den Suchenden zu verstehen? Unterscheidet sich der Suchende von dem, was er sucht? Wenn Sie sagen: »Ich suche nach dem Glück«, unterscheidet sich dann der Suchende vom Objekt seiner Suche? Unterscheidet sich der Denkende von seinen Gedanken? Sind sie nicht eher ein einziges Phänomen statt zwei voneinander getrennte Prozesse? Deshalb ist es wichtig, den Suchenden zu verstehen, bevor Sie herauszufinden versuchen, was das ist, wonach er sucht.

Wir müssen also an den Punkt kommen, wo wir uns selbst fragen, wirklich ernsthaft und tief, ob uns Frieden, Glück, Wirklichkeit, Gott, oder was Sie wollen, von irgendjemand anderem gegeben werden kann. Kann uns diese unaufhörliche Suche, diese Sehnsucht, das außergewöhnliche Gewahrsein der Wirklichkeit, den kreativen Seinszustand geben, der sich einstellt, wenn wir uns selbst wirklich verstehen? Kommt Selbsterkenntnis durch das Suchen, dadurch, dass man jemandem folgt, irgendeiner bestimmten Organisation angehört oder Bücher liest und so weiter? Ist das nicht der eigentliche Punkt, dass ich, solange ich mich selbst nicht verstehe, mein Denken keine Basis hat und meine ganze Suche vergeblich ist? Ich kann mich in Illusionen flüchten, ich kann vor Zank und Streit davonlaufen; ich kann jemanden anbeten, ich kann meine Erlösung durch jemand anders suchen. Aber solange ich mich selbst nicht kenne, solange ich des gesamten Prozesses meiner selbst nicht gewahr bin, habe ich keine Basis für mein Denken, für Liebe oder für mein Handeln.

Aber das ist das Letzte, was wir wollen: uns selbst erkennen. Das ist zweifellos das einzige Fundament, auf das wir bauen können. Aber bevor wir bauen können, bevor wir etwas ändern können, bevor wir verdammen oder zerstören können, müssen wir erkennen, was wir selbst sind. Sich außerhalb auf die Suche zu machen, von einem Lehrer oder Guru zum nächsten zu gehen, Yoga zu praktizieren, Atemübungen und Rituale auszuführen, Meistern zu folgen und all das ist absolut sinnlos, oder nicht? Es hat keine Bedeutung, obwohl selbst diejenigen, denen wir folgen, vielleicht sagen: »Erforsche dich selbst«, denn was wir sind, ist die Welt. Wenn wir kleinlich, eifersüchtig, eitel, habgierig sind, dann ist es das, was wir um uns herum erschaffen, das ist die Gesellschaft, in der wir leben.

Bevor wir uns aufmachen, die Wirklichkeit zu finden, Gott zu finden, bevor wir handeln können, bevor wir eine Beziehung zueinander haben können, was ja die Gesellschaft ausmacht, scheint es mir ganz wesentlich zu sein, dass wir zuerst anfangen, uns selbst zu verstehen. Für mich ist eine ernsthafte Person jemand, der sich zuerst ausschließlich darum kümmert und nicht um die Frage, wie er ein bestimmtes Ziel erreichen kann; denn wenn wir, Sie und ich, uns selbst nicht verstehen, wie können wir dann durch unser Handeln eine Veränderung in der Gesellschaft bewirken, in unseren Beziehungen, in irgendetwas, was wir tun? Und das bedeutet keineswegs, dass Selbsterkenntnis im Widerspruch zu Beziehungen steht oder davon getrennt ist. Damit ist, offensichtlich, nicht gemeint, dass die Betonung auf dem Individuum liegt, dem Ich im Gegensatz zur Allgemeinheit, im Gegensatz zu den anderen.

Ohne sich also selbst zu erkennen, ohne Ihre eigene Denkweise zu kennen und ohne zu wissen, warum Sie bestimmte Dinge denken, ohne den Hintergrund Ihrer Konditionierung zu kennen und zu wissen, warum Sie bestimmte Vorstellungen über Kunst und Religion, über Ihr Land und Ihren Nachbarn sowie über sich selbst haben – wie kann da Ihr Denken über irgendetwas wahrhaftig sein? Ohne Ihren Hintergrund zu kennen, ohne die Beschaffenheit Ihres Denkens zu kennen und woher es kommt – ist Ihre Suche zweifellos absolut sinnlos, ist Ihr Handeln bedeutungslos, nicht wahr? Ob Sie Amerikaner sind oder Hindu, oder welcher Religion auch immer Sie angehören, hat ebenfalls keinerlei Bedeutung.

Bevor wir herausfinden können, was letztlich Sinn und Zweck des Lebens ist, was all das bedeutet – Kriege, Feindschaften zwischen Nationen, Konflikte, das ganze Chaos – müssen wir bei uns selbst beginnen, nicht wahr? Es klingt so einfach, aber es ist extrem schwierig. Um sich selbst folgen zu können, um zu sehen, wie das eigene Denken funktioniert, muss man außerordentlich wach sein, so dass man, während man sich der Verworrenheit des eigenen Denkens, der eigenen Reaktionen und Gefühle immer mehr bewusst wird, ein umfassenderes Gewahrsein entwickelt, nicht nur von sich selbst, sondern auch von dem anderen, mit dem man in Beziehung steht. Sich selbst zu

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