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Das Gesicht des Täters: Authentische Kriminalfälle

Das Gesicht des Täters: Authentische Kriminalfälle

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Das Gesicht des Täters: Authentische Kriminalfälle

Länge:
215 Seiten
2 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 15, 2012
ISBN:
9783360500212
Format:
Buch

Beschreibung

Einen Dieb verteidigen, einen Vergewaltiger hinter Gitter bringen, an der Unschuld eines Klienten ernsthafte Zweifel hegen, die Polizeiarbeit selber machen, einem Gewaltopfer in einem traumatischen Verfahren zur Seite stehen - immer offenbart sich dem Anwalt bei der Verteidigung das Verbrechen in allen grausigen Einzelheiten und werden die menschlichen Schicksale von Tätern, Opfern und Angehörigen sichtbar. Wolfgang Schüler erzählt authentische Fälle aus der Kanzlei.
Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 15, 2012
ISBN:
9783360500212
Format:
Buch

Über den Autor


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Das Gesicht des Täters - Wolfgang Schüler

Impressum

ISBN eBook 978-3-360-50021-2

ISBN Print 978-3-360-02132-8

© 2011 Verlag Das Neue Berlin, Berlin

Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin, unter Verwendung

eines Fotos von picture alliance/ZB

Das Neue Berlin Verlagsgesellschaft mbH

Neue Grünstraße 18, 10179 Berlin

Die Bücher des Verlags Das Neue Berlin

erscheinen in der Eulenspiegel Verlagsgruppe.

www.das-neue-berlin.de

Wolfgang Schüler

Das Gesicht des Täters

Authentische Kriminalfälle

Das Neue Berlin

Für Peter Stürzenberger, Rechtsanwalt in Köln, in alter Freundschaft, und zum Gedenken an meinen Onkel Dr. jur. Richard Schüler

Raub

Vergib deinen Feinden. Aber vergiss nicht ihre Namen.

John F. Kennedy (1917 – 1963)

Ein gemeinsamer Fernsehabend kam in meiner Familie nur selten vor. Die persönlichen Interessen und alltäglichen Abläufe waren bei uns zu unterschiedlich. Ich selbst schaffte es kaum, meine Rechtsanwaltskanzlei vor 22 Uhr zu verlassen. Das lag an den vielen Fällen, die dringend bearbeitet werden mussten. Ein Freitag im Mai vor einigen Jahren war deshalb für uns alle eine Ausnahme. Gegen 20 Uhr versammelten wir uns im Wohnzimmer: meine Ehefrau, die beiden erwachsenen Kinder und ich. Chipstüten und Getränke wurden herumgereicht, Kissen und Decken ausgeteilt. Alle machten es sich gemütlich. Wir ahnten nicht, dass dies das letzte Mal sein würde, dass wir zu Hause vor einem TV-Gerät saßen.

An jenem Tag stand ein uralter Italo-Western auf dem Programm. Es handelte sich um eine Komödie mit dem Titel »Der kleine und der müde Joe«. Selbst meine Frau, die für gewöhnlich jede Darstellung von Gewalt verabscheut, setzte sich dazu. Später hörte ich sie herzhaft lachen, als im Film reihenweise Kopfnüsse verteilt wurden.

Mein Sohn, meine Tochter und ich hatten den Streifen schon mehrfach gesehen. Unsere liebste Stelle war jene Szene, in der mehrere Kopfgeldjäger in eine Kaschemme kommen. Bud Spencer alias der »kleine Joe« arbeitet dort als Knecht. Angeblich kann er nicht sprechen. Er gilt als harmloser Schwachkopf.

Die Männer prahlen damit, dass sie den »müden Joe«, gespielt von Terence Hill, erledigt hätten. Nach einer Weile kann der kleine Joe die Lügengeschichten nicht länger ertragen. Er, den bis dahin keiner beachtet hat, mischt sich in das Gespräch ein.

An dieser Stelle folgt der Höhepunkt des Films. Der Wirt meint nämlich zu seinem Faktotum, das bis dahin noch nie gesprochen hatte: »Halt´s Maul, Stummer!«

An jenem Freitagabend im Mai jedoch fiel während dieser wichtigen Schlüsselszene der Ton aus. Diesmal blieb der Kneipenbesitzer stumm. Der Bildschirm verdunkelte sich. Mein Sohn bearbeitete vergeblich die Fernbedienung. Auf sämtlichen Sendeplätzen herrschte Ruhe, während draußen die Blätter im Wind raschelten. Ich schlussfolgerte: »Es ist ziemlich stürmisch. Bestimmt ist die Satellitenschüssel verrutscht. Im Dunkeln lässt sich das nicht korrigieren, ich kümmere mich morgen früh darum.«

Meine Kinder maulten ungehalten. Doch der Logik meiner Worte konnten sie sich nicht verschließen. Wir spielten mehrere Runden Doppelkopf und hatten auch so unseren Spaß.

Am nächsten Morgen lehnte ich die Leiter an unser Haus und sah nach oben. Meine Miene verfinsterte sich. Die Parabolantenne fehlte. Aber nicht der Sturm hatte sie abgerissen. Diebe waren nachts auf unser Grundstück eingedrungen und hatten sie abgeschraubt. Lediglich ein Teil hing noch am Dachkasten. Es war der Low Noise Block Converter, genannt LNB. »Ohne den Umwandler kann niemand etwas mit der Satellitenschüssel anfangen«, stellte mein Sohn fest.

Einen Tag später hatten die Ganoven das auch herausgefunden. In der Nacht zum Montag holten sie sich den LNB. Ich überlegte, ob ich ihnen den Receiver vor die Tür stellen sollte. Dann wäre die Anlage wenigstens komplett. Auf diese Weise ließe sich vielleicht ein Einbruch vermeiden.

Am Montagmorgen meldete ich den Schaden meiner Versicherungsgesellschaft. Sie verneinte bedauernd ihre Einstandspflicht, denn die Satellitenschüssel hatte sich außerhalb des geschützten Wohnraums befunden. Seufzend holte ich mir mehrere Angebote von Fachfirmen ein. Der Preis einer kompletten Anlage nebst Montage und Feinjustierung lag jenseits von Gut und Böse. Ich war unschlüssig und suchte nach einer besseren Lösung. So ging die Zeit ins Land.

Nach einem Monat fernsehfreier Zeit hielten wir Familienrat. Meine Frau stand auf meiner Seite. Unsere Tochter verhielt sich neutral. Der Sohn ließ sich mit einem neuen Skateboard bestechen. Seitdem gibt es in unserem Haus keinen Fernsehapparat mehr, das nutzlose Gerät haben wir verschenkt. Ich erwähne diesen Umstand nur selten in der Öffentlichkeit, denn die meisten Leute beäugen mich misstrauisch, wenn sie davon hören. Sie halten mich für einen rückständigen Menschen. Oder, schlimmer noch, für einen verkappten islamischen Fundamentalisten. Bei den Taliban sind nämlich Fernsehapparate streng verboten.

Anfangs litt ich unter Entzugserscheinungen. Fernsehen ist eine Sucht, die abhängig macht. In vielen Haushalten läuft die Glotze rund um die Uhr. Ich merkte das immer an den vielen Anrufen, die ich bekam, wenn ich mal in den Nachrichten in einem Bericht von einer Gerichtsverhandlung zu sehen war. Aber das ist eine andere Geschichte.

Inzwischen habe ich mich an mein fernsehloses Leben gewöhnt. Meine Kinder sind ausgezogen. Aber nicht wegen des fehlenden Fernsehempfangs, sondern um ihre eigenen Familien zu gründen. Das haben sie jedenfalls gesagt.

Ein- bis zweimal im Jahr, wenn ich mit meiner Frau auf Reisen bin, legen wir uns im Hotel ins Bett und zappen stundenlang durch sämtliche Kanäle. Meistens kommt nichts Vernünftiges. Dann freuen wir uns, dass wir mit unserer konsequenten TV-Abstinenz die richtige Entscheidung getroffen haben.

Pitbull

Kevin Zischke stammte aus zerrütteten Familienverhältnissen. Beide Eltern waren harte Trinker. Ihr zweites Hobby bestand darin, eine wachsende Kinderschar in die Welt zu setzen. Kevin hatte zwei ältere Brüder und vier jüngere Geschwister. Bereits im Mutterleib war er durch Alkohol und Nikotin schwer geschädigt worden. Während und nach der Geburt wurde er nur mangelhaft ernährt. Als Folge wies er Symptome des Silver-Russell-Syndroms auf. Das äußerte sich vor allem in einer deutlich verzögerten Knochenreifung. Sein Längenwachstum lag stets unter dem Durchschnitt seiner Altersgenossen. Bis zu seinem sechsten Lebensjahr ähnelte er einem Lemuren, einem Halbaffen mit riesengroßen Augen.

Seine Eltern wussten nicht, dass er außerdem unter einer erblich bedingten Störung des Gehirnstoffwechsels litt. Diese sogenannte Striatofrontale Dysfunktion wird auch Aufmerksamkeitsdefizitstörung mit Hyperaktivität (ADHS) genannt. Um ihn ruhigzustellen, schüttete ihm sein Vater abends häufig einen Schluck Wodka in die Milch. Als Kleinkind lernte Kevin zwei Dinge bis zur Perfektion: sich unsichtbar zu machen und Schlägen auszuweichen.

Die Schule war die Hölle für ihn. Ständig geriet er mit den Lehrern aneinander. Er konnte sich nicht konzentrieren, störte den Unterricht und zappelte herum. Obwohl er von allen der Kleinste war, ließen ihn seine Klassenkameraden in Ruhe. Dafür sorgten anfangs seine beiden älteren Brüder. Sie waren immer für eine Rauferei mit Jüngeren und Schwächeren zu haben. Spätestens ab dem dritten Schuljahr konnte Kevin für sich allein sorgen. Wenn andere noch redeten, schlug er bereits zu. Er war für einen gezielten Tritt in die Weichteile berüchtigt. Mit dieser Technik setzte er so manchen überlegenen Gegner außer Gefecht.

In der fünften Klasse verpasste ihm sein Vater aus nichtigem Anlass eine Ohrfeige. Er sollte es bitter bereuen. Bisswunden sind ziemlich schmerzhaft und heilen nur langsam. Der Alte musste seinen Sohn bewusstlos schlagen, ehe dieser von ihm abließ. Von diesem Tag an trug Kevin den Spitznamen »Pitbull«. Sein Vater wagte es nie wieder, ihn anzurühren.

Doch der Junge besaß auch positive Eigenschaften, die oft mit ADHS einhergehen: Er war kreativ und fantasiebegabt. Außerdem verfügte er über die Fähigkeit der Empathie. Er vermochte es, die Rolle und Position eines x-beliebigen Menschen einzunehmen und die Welt aus dessen Sicht zu sehen. Das war ihm eine große Hilfe, im Positiven wie im Negativen. Er konnte höflich und zuvorkommend sein oder von beispielloser Aggressivität – je nachdem, wie es gerade angebracht war.

Der einzige wirkliche Freund, den Kevin jemals hatte, war sein Großvater Karl. Der ehemalige Eisenbahner hauste in einer ausgebauten Laube auf einem großen Gartengrundstück am Stadtrand von Berlin. Seitdem er Witwer war, hatte er sich in einen körperlich verwahrlosten Messi verwandelt. Kevin störte sich jedoch nicht an dem Schmutz und Gestank. Opa Karl konnte tolle Geschichten erzählen. Außerdem hatte er stets einen Schlafplatz für seinen Lieblingsenkel frei.

Kurz nachdem Kevin 16 Jahre alt geworden war, starb sein Großvater an einem Herzinfarkt. Es gab keine offizielle Beerdigung. Karl wurde auf einem namenlosen Urnengrab beigesetzt. Kevin nahm das Grundstück in Besitz, wodurch er bei seinen Kumpels in der Beliebtheitsskala stieg. Er besaß eine sturmfreie Bude, in der sie sich ungestört ihre Joints reinziehen und die schärfsten Bräute flachlegen konnten.

Einbruch I

Im Laufe einer durchzechten Nacht machte Kevin gemeinsam mit zwei weiteren Jugendlichen einen Ausflug in die Nachbarschaft. Drei Querstraßen weiter brachen sie in eine Autoreparaturwerkstatt ein. Sie stahlen 63,50 Euro aus der Portokasse. Außerdem ließen sie eine halbvolle Flasche Korn aus dem Kühlschrank und eine Handvoll knallbunter Werbe-Kugelschreiber mitgehen. Aus Frustration über die geringe Beute zertrümmerten sie zwei Autos. Um ihre Spuren zu verwischen, sprühten sie anschließend die Werkstatträume mit einem Feuerlöscher aus. Der Sachschaden ging in die Hunderttausende.

Als Kevin wieder nüchtern war, ließ er sich die Sache gründlich durch den Kopf gehen. Er befand, dass er in seinem Leben noch nichts Vergleichbares erlebt hatte. Durch kein einziges bisheriges Erlebnis war ihm ein derartiger Kick versetzt worden, nicht einmal durch die Kombination von Sex und Rauschgift.

Vor der Polizei hatte Kevin keine Angst. Die Bullen waren seiner Erfahrung nach dumm wie Stulle. Im Dunkeln würden die noch nicht einmal ihre eigenen Hosen finden. Aber es gab auch Zufälle. Irgendetwas ging immer schief. Die Sache mit der Autoreparaturwerkstatt musste ein einmaliger Ausrutscher bleiben. Das durfte sich nicht wiederholen. Die wichtigste Regel lautete: Ein Bär scheißt nicht in den eigenen Wald. Zukünftig war Mobilität gefragt.

Kevin hörte sich in seinem Bekanntenkreis um. Ein Kumpel konnte auf eine beachtliche Karriere als Autoknacker zurückblicken. Er hieß Sven Kleinherr, war 16 Jahre alt und auf den Opel Astra spezialisiert. Wagen dieser Marke konnte er in Sekundenschnelle öffnen und starten. Sven erklärte sich bereit, Leiter des Fuhrparks zu werden.

Im Laufe der Zeit wuchs das Team auf bis zu 30 freischaffende Mitarbeiter an, die in kleinen Gruppen in wechselnder Zusammensetzung loszogen. Der Ablauf war immer ähnlich. Zuerst wurden mehrere Fahrzeuge besorgt. Mit ihnen fuhr die Bande über Land in irgendein verschlafenes Kaff. Dort warfen sie mit Pflastersteinen die Schaufensterscheibe von einem x-beliebigen Laden ein. Rollos und Schutzgitter zerstörten sie, indem sie mit einem der gestohlenen Autos einfach mit voller Wucht dagegen fuhren. Die Jugendlichen kletterten durch das Loch, raubten das Geschäft aus und verstauten die Beute. Wenn die Polizei eintraf, waren die Täter längst über alle Berge. Jeder nahm sich mit, was ihm gefiel. Der Rest wurde in der Laube von Kevins Opa gelagert.

Soko »Laden«

Nach einigen dieser Überfälle war den Behörden klar, dass dahinter ein Muster steckte. Die Soko »Laden« wurde gegründet. Eine Landkarte zeigte die Orte der Autodiebstähle und Einbrüche an. Die Pfeile der jeweiligen Fluchtrichtung konzentrierten sich immer mehr auf einen Ort am Stadtrand von Berlin. Zivilstreifen kamen zum Einsatz. Irgendwann entdeckten sie zwangsläufig das verwilderte Gartengrundstück. Es wurde von da an rund um die Uhr observiert.

Nach einer Woche hatten die Fahnder Erfolg. Ein verdächtiger Opel Astra näherte sich und fuhr in den Garten. Vor der Laube hielt der Pkw an. Eine Person stieg aus. Sie schleifte ein Bündel hinter sich her. Die Falle konnte zuschnappen. Es lief ab wie im amerikanischen Kriminalfilm. Jeweils zwei Einsatzfahrzeuge blockierten links und rechts die Straße. Über ein Megafon kam die Durchsage: »Hier spricht die Polizei. Sie sind umstellt. Jeder Widerstand ist zwecklos. Kommen Sie mit erhobenen Händen heraus!«

Die Polizisten hatten keine Ahnung, mit wem sie es zu tun hatten. Pitbull kannte keine Skrupel. Er sprang in den Opel Astra und raste los. Mit Vollgas hielt er auf die winzige Lücke zwischen den Streifenwagen zu und rammte die Einsatzfahrzeuge. Er sprengte die beiden Kühler zur Seite und preschte durch den Spalt davon. Alle drei Autos waren Schrott. Kevin kam mit dem Opel noch bis zur nächsten Ecke. Von dort aus flüchtete er zu Fuß weiter. Das Schicksal des gestohlenen Astra interessierte ihn nicht weiter. Die Beamten hingegen mussten noch wochenlang Berichte schreiben. Die Sache war ihnen eine Lehre. Nie wieder würden sie auf diese Weise eine Straßensperre errichten.

Kevin wurde am nächsten Tag gefasst und kam in Untersuchungshaft. Er legte ein volles Geständnis ab und nahm die ganze Schuld auf sich. Das brachte ihm Pluspunkte ein. Wegen fehlender Verdunkelungsgefahr wurde die U-Haft bereits nach einer Woche wieder aufgehoben.

Nach einem halben Jahr erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen 14 der insgesamt über 30 Beschuldigten. Die restlichen 16 Verfahren waren abgetrennt oder wegen geringer Tatbeteiligung eingestellt worden. Das Landgericht bestimmte den Termin zur Hauptverhandlung und bestellte 14 Pflichtverteidiger. Ich bekam Kevin etwas später zugewiesen. Seinen ersten Anwalt hatte er bereits verbraucht.

Eine Pflichtverteidigung in einem Mammutprozess wie diesem ist eine äußerst unangenehme Sache. Der Staat zahlt beschämend wenig, und das Wenige auch nur verspätet. Die normale Kanzleiarbeit ist wegen der vielen Verhandlungstage über Wochen hinweg blockiert. Kollegen müssen einspringen, neue Mandate bleiben aus. Manchmal kostet eine Pflichtverteidigung im Endeffekt mehr, als sie einbringt. Es gibt sogar einen Fachbegriff dafür: »pro bono«. Doch ein Anwalt kann kaum ablehnen. Andererseits arbeiten Berufsanfänger gern als Pflichtverteidiger. Es ist besser, wenig zu verdienen als gar nichts.

Geständnis

Ich bestellte Kevin in meine Kanzlei. Er trat mir offen und ehrlich entgegen. Allerdings konnte er sich an kaum etwas erinnern. Er wusste weder wann und wo die Einbrüche stattgefunden hatten noch wer in jedem einzelnen Fall dabei gewesen war. »Wissen Sie, manchmal haben wir zwei, drei Geschäfte hintereinander geknackt. Was nicht mehr in das Auto passte, wurde auf die Straße geworfen.« Kevin beantwortete jede Frage ohne zu zögern und versuchte nichts zu beschönigen. »Einen Boss gab es nicht. Es existierte aber ein harter Kern. Sven gehörte dazu und noch zwei, drei andere. Wir haben völlig spontan gehandelt. Meistens waren wir betrunken. Ich hatte nichts Besseres zu tun. Es fand selten eine Fahrt ohne mich statt.«

Wir besprachen die unterschiedlichen Verhandlungsstrategien. Er entschied sich für die bedingungslose Kooperation. »Ich stehe zu dem, was ich getan habe. Ich will nichts beschönigen. Ich bleibe bei dem, was ich schon der Polizei gesagt habe. Ich werde mich nicht auf Erinnerungslücken berufen.«

Kevin war mir nicht unsympathisch. Er konnte sich gut ausdrücken. Trotz seiner rudimentären Schulbildung verfügte er über ein erstaunlich hohes Allgemeinwissen. Manchmal wirkte er wie ein in die Ecke gedrängtes Tier. Er rutschte unruhig hin und her und konnte kaum eine Minute lang stillsitzen. Nachdem der offizielle Teil erledigt war, plauderten wir bei einer Tasse Kaffee. Kevin erzählte mir, wie dankbar er dem Anwalt war, der ihn aus der Untersuchungshaft geholt hatte. »Ich habe ihm sogar eine Postkarte ins Krankenhaus geschickt. Er hatte nämlich Pech und ist die steile Treppe am S-Bahnhof Mahlsdorf heruntergefallen. Aber nun habe ich ja

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