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Die geschönte Reformation: Warum Martin Luther uns kein Vorbild mehr sein kann. Ein Beitrag zur Lutherdekade

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Die geschönte Reformation: Warum Martin Luther uns kein Vorbild mehr sein kann. Ein Beitrag zur Lutherdekade

Länge:
174 Seiten
1 Stunde
Freigegeben:
Feb 6, 2013
ISBN:
9783828856004
Format:
Buch

Beschreibung

Die auch bei Kirchenfernen beliebte Theologin Margot Käßmann wurde von der EKD medienwirksam zur "Botschafterin" für das Reformationsjubiläum ernannt. Denn im Jahr 2017 jährt sich der legendäre Thesenanschlag Luthers zum fünfhundertsten Mal. Die Jahre 2008 bis 2017 wurden deshalb gar zur "Lutherdekade" erklärt. Frau Käßmann hat keine leichte Aufgabe. Einerseits berufen sich die protestantischen Kirchen teils schon in ihrem Namen auf Luther und gründen auf der von ihm ausgelösten "Reformation". Andererseits werden bis zum Jubiläum in der Öffentlichkeit auch die dunklen Seiten Luthers so präsent sein wie nie zuvor: sein paranoider Judenhass, seine intolerante Glaubensenge, sein völlig inakzeptables Frauenbild und auch die vielfach verkrustete Mittelalterlichkeit seiner Glaubenspositionen. Wie soll man sich dem Lutherjubiläum stellen? Bernd Rebe setzt sich in diesem Buch mit den verschiedenen Sichtweisen auf die Reformation und ihren Wirkungen auseinander. Dabei unterzieht er auch Grundfragen des paulinischen Christentums - zu dem der Re-Formator ja wieder hin wollte! - einer kritischen Revision. Und er stellt in einigen Grundzügen "das Glaubenswagnis der Goethezeit" als eine nachaufklärerische Alternative zur überinterpretierten Reformation vor.
Freigegeben:
Feb 6, 2013
ISBN:
9783828856004
Format:
Buch

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Die geschönte Reformation - Bernd Rebe

Bernd Rebe: Die geschönte Reformation. Warum Martin Luther uns kein Vorbild mehr sein kann. Ein Beitrag zur Lutherdekade

 Tectum Verlag Marburg, 2012

ISBN: 978-3-8288-5600-4

Umschlagabbildung: Martin Luther, Porträt von Lucas Cranach d.Ä., bearbeitet (upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b0/Martin_Luther_by_Lucas_Cranach_der_Ältere.jpeg)

Den Menschen gewidmet,

die freundlich sorgend und umsorgt

in der Evangelischen Stiftung Neuerkerode

oder in vergleichbaren Einrichtungen

Orte zum Leben schaffen.

Die Beiträge »Was dürfen wir glauben?« und »Luther als Reformator katholischen Glaubens« sind in einer komprimierten Fassung im MERKUR. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken erschienen, und zwar der letztgenannte Beitrag in Heft 722 vom Juli 2009 unter dem Titel »Die Reformation – ein unvollendetes Projekt. Von der dunklen Seite des D. Martin Luther« und der erstgenannte Beitrag in Heft 754 vom März 2012 unter dem Titel »Was dürfen wir glauben? Vom Umbruch der Religionen und den Herausforderungen des Christentums«. Der Nachdruck in erweiterter Fassung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Verlag und Redaktion des MERKUR.

Inhaltsverzeichnis

Einleitung: Im Glauben geht es um unsere Orientierung in der Welt

Was dürfen wir glauben?  Vom Umbruch der Religionen und den Herausforderungen des Christentums

1. Zeichen des Umbruchs

2. Ursachen des Umbruchs

2.1 Lebensweltliche Krisenursachen

2.2 Ideenpolitische Krisenursachen

2.3 Folgen der wissenschaftlichen Aufklärung

3. Religionen als komplexe Kulturphänomene

4. Die Herausforderungen des Christentums

5. Die irreale Glaubensbotschaft des Jesus aus Galiläa

6. Notwendige Abschiede

7. Das Reformdilemma der christlichen Kirchen

Luther als Reformator katholischen Glaubens. Kann die mittelalterliche Glaubenslehre des „großen Reformators" uns noch als Orientierung dienen?

1. Von der dunklen Seite des D. Martin Luther

2. Das verborgene Luther-Dilemma des deutschen Protestantismus

3. Luthers Glaubensenge

4. Luther, in Teufelsangst und Hexenwahn

5. Luther, »hitzig und lüstig in der heiligen Schrift«

6. Luther und die Unausweichlichkeit der »Sünde«

7. Luthers demütigender Gott

8. Luthers später Antijudaismus und seine schlimmen Folgen

9. Die Nachkriegsmühen der deutschen Protestanten im Umgang mit Luthers Antijudaismus

10. Von der überschätzten Reformation zur verschütteten Praeformation: Das Glaubenswagnis der Goethezeit

10.1 »Die philosophische Umbildung der Religion«

10.2 Die Ablehnung der anthropomorphen Enge des Christentums

10.3 Der Toleranzgedanke der Aufklärung und die von ihr propagierte Eigenverantwortung im Glauben

10.4 Die erkenntniskritischen Einsichten der Kantischen Philosophie

10.5 Das neue Naturverständnis in Literatur und Naturphilosophie

Einleitung: Im Glauben geht es um unsere Orientierung in der Welt

»Die Spitze und Krönung der menschlichen Kulturpyramide wird von der R e l i g i o n gebildet. Alles andere ist nur der massive Unterbau, auf dem sie selbst thront, hat keinen anderen Zweck, als zu ihr hinanzuführen. In ihr vollendet sich die Sitte, die Kunst, die Philosophie. „Die Religion, sagt Friedrich Theodor Vischer, „ist der Hauptort der geschichtlichen Symptome, der Nilmesser des Geistes.« (Egon Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit¹ )

In einer Zeit, in der alle gewohnten Orientierungen in dramatischen Umbrüchen begriffen sind, stellt sich umso stärker auch die Frage nach der Orientierungsverlässlichkeit im GlaubenImmanuel Kant hatte den hierbei unterstellten Zusammenhang in der Fragendreiheit formuliert: »Was kann ich wissen? Was darf ich hoffen? Was soll ich tun?«, die wir nun aktualisieren und generalisieren dürfen in: »Was können wir wissen? Was dürfen wir glauben? Was sollen wir tun?«

Die tiefere Wahrheit oder doch Weisheit dieser Fragentrias liegt in der Erkenntnis, dass Voraussetzung für unser Handeln nicht nur unser Wissen und unsere Erfahrung sind, sondern auch unser Glaube: Was wir tun »sollen«, hängt nicht nur davon ab, was wir wissen (können), sondern auch davon, was wir glauben (dürfen). Das »Dürfen« beim Glauben bezieht sich hierbei nicht auf eine glaubenspolizeiliche Begrenzung dessen, was uns zu glauben erlaubt ist, sondern dieses »Dürfen« ist bezogen auf den Zusammenhang von Glauben und Orientierung in der Lebenswirklichkeit in dem Sinn, dass ein wirklichkeitsgerechter Glaube für uns – ergänzend zu unserer Vernunft und Erfahrung – hilfreich sein kann bei unserem Verständnis von Leben, Welt und Sterben und jedenfalls bei den schweren und grundlegenden Entscheidungen, vor die wir gestellt werden. Damit ist zugleich die Frage von Franz-Josef Paulus beantwortet, ob denn »moderne Gesellschaften auf die soziokulturelle Fundierung durch religiöse Überzeugungen verzichten (können)«, die sich ihm in Anbetracht der Konzentration auf das Glaubensthema stellt.²

Glauben im Sinn des Glaubendürfens ist damit konstitutiv wirklichkeitsbezogen, und hierin liegt der Hauptunterschied zu den überkommenen Religionen, die in ihrem Grundcharakter für uns heute kulturhistorische Erzählungen sind. Als solche sind sie durch folgende Wesensmerkmale gekennzeichnet:

(1) Sie haben ihren Ursprung in Jahrtausende zurückliegenden, zum erheblichen Teil später hinzuerfundenen und in ihrem wirklichen Geschehen weitgehend ungewissen Ereignissen.

(2) Sie sind damit geprägt durch Glaubensannahmen ihrer Entstehungszeit, die sich ihrerseits schon durch Jahrhunderte, wenn nicht in Jahrtausenden herausgebildet hatten. So sind im Christentum Elemente altägyptischer und persischer Religionen unübersehbar, die – bei aller Unterschiedlichkeit – eines gemeinsam hatten: Sie propagierten die Existenz jenseitiger Mächte (in welcher Form auch immer), denen sie Einfluss auf das Leben der Menschen zusprachen. Nicht nur diese im Grunde archaische Vorstellung hat auch das Christentum geprägt, sondern es sind auch gesellschaftliche Überzeugungen und tradierte soziale Riten und Regeln in das Christentum eingegangen, wie insbesondere die Minderbewertung der Frau, die zu seiner Entstehungszeit und in seinem Entstehungsumfeld galten.

(3) Sie beziehen sich alle auf Stifterpersonen, denen eine besondere Legitimation bei der Glaubensbegründung zugesprochen wird (Moses – Jesus –Mohammed).

(4) Sie Entwicklung der überkommenen Religionen folgt einem Prozess, der dem der Kosmogonie entspricht: Auf den Urknall der Glaubensoffenbarung folgt eine Zeit der Ausbreitung des jeweiligen Glaubens, die zugleich eine Zeit der Herausbildung bestimmt-unbestimmter Glaubensannahmen und Heilsversprechen ist.

(5) Jede dieser überkommenen Religionen erhebt für sich einen Ausschließlichkeitsanspruch in dem Sinn, dass die jeweilige Religion die Alleingültigkeit des von ihr vertretenen Glaubens in Anspruch nimmt und die Bejahung eines anderen Glaubens oder die Ablehnung aller etablierten Glaubensangebote als »Ungläubigkeit« ablehnt.

Ein konstitutiv wirklichkeitsverbundener Glaube hat einen anderen Grundcharakter als die überkommenen Religionen und nimmt in jeder der fünf Positionen eine andere, zum Teil diametral entgegengesetzte Position ein:

In seinem Grundcharakter ist er keine kulturhistorische Erzählung, sondern lebt als tagtäglich neuer Versuch, mit der Unfassbarkeit der Schöpfung in dankbarer Teilhabe und freundlichem Respekt gegen alle anderen umzugehen. In Kapitel 10 von „Luther als Reformator katholischen Glaubens" habe ich einen skizzenhaften, unvollständigen und vorläufigen Bericht über das Glaubenswagnis der Goethezeit gebracht, der das Bild der eigentlichen, aufklärungsgeprägten »deutschen Religion« – im Gegensatz zur glaubensemanzipatorischen Überhöhung der Reformation – wieder in Erinnerung bringen soll (unten S. 85ff).

Damit zu den Unterschieden zwischen einem wirklichkeitsverbundenen Glauben und den überkommenen Religionen in den fünf aufgezählten Gesichtspunkten:

Zu (1): Der wirklichkeitsverbundene Glaube hat seinen Ursprung nicht in einem Jahrtausende zurückliegenden Geschehen mit allen Ungewissheiten und Unschärfen in seiner Weitergabe und allen späteren Hinzudichtungen, sondern seine konstitutive Wirklichkeitsverbundenheit zeigt sich in seiner unverlierbaren Gegenwärtigkeit an jedem Tag und in jedem Augenblick, in dem an einem verantwortbaren Verhältnis zur Unbegreiflichkeit der Schöpfung in Dankbarkeit und Demut gearbeitet wird.

Zu (2): Ein wirklichkeitsverbundener Glaube schleppt nicht die überlebten, unaufgeklärten Glaubensannahmen unendlich ferner Zeiten mit sich herum, sondern sucht sich in der Aufnahme aller begründeten neuen Erkenntnisse und aufgeklärten Einstellungen ständig weiterzuentwickeln, ohne modischen Verbiegungen des Zeitgeistes oder der pseudowissenschaftlichen Reduktion auf einen im Grunde wissenschaftlich nicht mehr haltbaren Agnostizismus zu erliegen.

Zu (3): Ein wirklichkeitsverbundener Glaube beruft sich nicht auf die Lehre einer angeblich hierzu besonders legitimierten Stifterperson, die vor Jahrtausenden gelebt hat (und der über die unvorstellbaren Zeitdistanzen alle guten Eigenschaften dieser Welt angedichtet werden können), sondern ruft jeden Einzelnen von uns in die Glaubensverantwortung, anstatt ihn mit einem vorgegebenen Glaubenskanon zu entmündigen.

Zu (4): Ein wirklichkeitsverbundener Glaube kennt keinen »geistigen Urknall« in seinem Entstehen, sondern geht von der aufgeklärten Überzeugung aus, dass sich dieser Glaube zusammen mit der geistigen Entwicklung der Menschheit und ihrem wachsenden Einsichtsstand in die Konstitution von Welt und Kosmos langsam herausbildet.

Zu (5): Einem wirklichkeitsverbundenen Glauben ist jeder Ausschließlichkeitsanspruch fremd, denn er sieht jeden Einzelnen mit dem gleichen Recht ausgestattet, seine Glaubensverantwortung wahrzunehmen, und er respektiert im Rahmen der gleichen Grundrechtsgeltung für alle und der Wahrung des friedlichen Umgangs miteinander die Ergebnisse dieser Glaubensbemühungen in aller denkbaren Unterschiedlichkeit. Auch verbietet ihm der Ausschließlichkeitsanspruch der anderen Religionen, selbst einen solchen zu erheben.

Nun ist Kritik am Christentum nichts Neues, sondern ein treuer Begleiter seiner Existenz seit Jahrhunderten. Und vielleicht hat diese perennierende Kritik – als Ventil des Überdrussdrucks und Korrekturen bewirkendes Element – mehr zu seinem Überleben beigetragen, als die affirmative Beschwörung der alten Formeln. »Ohne die atheistische, die nihilistische, die skeptische Herausforderung gibt es keine gute Theologie, das kann man ohne Übertreibung sagen« hat selbst die evangelische Theologin Petra Bahr, die Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland, eingestanden.³  Allerdings befürchtet sie, dass »die Eventisierung und Infantilisierung der ehrwürdigen abendländischen Religionskritik…in vollem Gange« sei. Wenn es auch einige populistische Erscheinungsformen der Religionskritik geben mag, die eine solche Befürchtung nahelegen, so ist doch für jeden, der die Auseinandersetzung um den christlichen Glauben verfolgt, erkennbar, wie virulent die anschwellende Intensität des Fragens nach der Tragfähigkeit seiner Grundlagen ist. Die Ernsthaftigkeit dieses Fragens zeigt sich nicht nur in einschlägigen Diskussionen, die immer wieder die existenzielle Betroffenheit vieler Teilnehmer durch Glaubensfragen erweisen, sondern auch in der Qualität und differenziert-kundigen Argumentation einschlägiger kritischer Literatur, auf die ich noch zu sprechen kommen werde. Allerdings muss man drei Kritikfelder unterscheiden, nämlich die Religionskritik, die Kirchenkritik und die Reformationskritik, und das heißt eben auch Lutherkritik.

Kirchenkritische Stellungnahmen gibt es zuhauf, und zwar in religionsverneinendem wie in religionsbejahendem Zusammenhang. Sie sind von begrenztem Wert, denn wie es etwa Parteienkritik, Gewerkschaftskritik, Bankenkritik und Kritik an sonstigen etablierten Institutionen gibt, so gibt es eben auch Kirchenkritik – so what?

Bei den religionskritischen Äußerungen gibt es dagegen in neuerer Zeit eine bisher nicht beachtete Besonderheit, die allerdings alle Alarmglocken im kirchlichen Umfeld zum Schrillen bringen sollte: Diese Kritiken werden nicht nur von der Basis

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