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Nauenfahrt: Roman

Nauenfahrt: Roman

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Nauenfahrt: Roman

Länge:
148 Seiten
1 Stunde
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 23, 2015
ISBN:
9783709936191
Format:
Buch

Beschreibung

Sibylle Severus, 1937 in Oberbayern geboren, lebt in Zürich. "Nauenfahrt" ist die Fortsetzung ihrer beiden ersten Romane "Zum Mond laufen" (1981) und "Seiltanz" (1984).
Die Ich-Erzählerin in ihrem neuen Roman erfährt von einer Frau, deren Biographie erstaunliche Parallelen zu ihrer eigenen Lebensgeschichte aufweist. Geschichten werden erzählt. Imaginierend versetzt sich die Erzählerin in Luise oder Louise, in ein oszillierendes Ich oder Wir. Der spielerische Umgang mit der Fiktion, die Überlistung des Endlichen, die Relativierung der Schwermut durch Witz, aber auch die Magie eindrücklicher Landschaften und die leidenschaftliche Teilnahme an der Welt machen das Buch zu einem Lese-Erlebnis. Einmal mehr gelingen der Autorin eindringliche Bilder und Benennungen für bodenlose Verlorenheit.
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 23, 2015
ISBN:
9783709936191
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Nauenfahrt - Sibylle Severus

Sibylle Severus

Nauenfahrt

Roman

HAYMON

Die Autorin dankt dem MIGROS Kulturprozent, das die Realisierung des Buches mit einem Werkbeitrag ermöglichte.

Ungekürzte E-Book-Ausgabe

HAYMON Verlag, Innsbruck-Wien 2015

www.haymonverlag.at

© 1997 by Skarabæus Verlag Innsbruck-Bozen-Wien in der Studienverlag Ges.m.b.H.

Erlerstraße 10, A-6020 Innsbruck

e-mail: skarabaeus@studienverlag.at

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-7099-3619-1

Dieses Buch erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.skarabaeus.at.

Inhalt

Luise – Teil I

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

Louise – Teil II

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

Über die Autorin

LUISE

Teil I

1

In einem Nauen stehen wir in der Mitte des Sees. Zarte Nebel sondern sich von der Wasseroberfläche ab, steigen auf wie der Atem vor unseren Lippen.

Hin und wieder begegnen wir unseren eigenen Spuren. Unser Schiff fährt, alt und zerkratzt, auf demselben See, an dem es einst gebaut wurde. Hier auf dem Wasser sind wir ein wenig unsere Ahnen, sind Spiegel, fast blind schon, sind der Grund am Ufer, gerade noch sichtbar unter zartem Eis. Wenn ich oft ‚wir‘ sage, ist das eine List, die mich über das Schweigen hinwegtäuschen soll; es ist da, es macht sich breit.

Im letzten Sommer hatten Taucher zwei mittelalterliche Schwerter auf dem Grund des tiefen Gewässers gefunden. Es ist anzunehmen, dass die Krieger ihre Waffen kaum freiwillig in den See mit den vielen, weit in die Berge hineindringenden Buchten geworfen haben. Auf dem einzigen Transportweg des Mittelalters, auf dem Wasser, werden sie sich in Nauen, in zwölfstündiger Fahrt, zu ihrer Hauptstadt haben bringen lassen oder zum Standort ihres Kriegsherrn, zusammen mit den Knechten, Rössern und Lasten. Auch aus anderen Richtungen werden Krieger herangefahren sein. Sie könnten sich, in der fahlen Januarsonne, in der Mitte des Wassers getroffen und dort aufeinander losgeschlagen haben: Mitten im morgenhellen See stieben die Funken. Das Krachen und Splittern, das angstvolle Wiehern der Pferde dringt bis ans Ufer. Die Schwerter werden den Kämpfenden aus den Händen geschlagen und fahren, mit dem verzierten Griff nach unten, bis auf den Seegrund. Oder die Waffen sinken rasch zusammen mit den Rittern, die das Schwert noch mit der Faust umklammern oder im Körper stecken haben. Im flaschenklaren Wasser bilden sich kupferrote Wolken. Im Kino schliessen wir an dieser Stelle die Augen. Wir können uns auch ein Wintergewitter vorstellen: Ein orkanartiger Wind schiebt dunkle Wogen mit kalkweiss vorauseilenden Schaumkronen aus der südlichen Bucht in den See. Ein einziger, greller Blitz. Die Nauen können weder vor noch zurück. Stundenweit vom Ufer entfernt sinken sie samt den Rittern, Tieren und kindhaften Pagen. Tausend Jahre liegen sie seither auf felsigem Grund.

Obwohl sich überhaupt nichts beweisen lässt, könnte nach dem Sinken die Energie der Ertrunkenen aus dem Wasser als ein zarter, sonnendurchwirkter Hauch aufgestiegen sein. Einige Zeit hätte das Hypothetische über dem wieder ruhigen und klaren See geschwebt haben können.

Die Bilder der Phantasie werden von einer Kolonie Mandarin-Enten durchkreuzt. Die Leitvögel fliegen auf, von einem Fischerboot gestört. Sie treiben den ganzen Ententeppich in breiten Schleifen wie eine Schleppe hoch und ziehen ihn von diesem Ort weg. Weit draussen sinkt der Vogelschwarm aufs Wasser nieder, ist als Ansammlung kleiner Warzen wahrnehmbar. Nicht mehr zu erkennen sind die herbstblattfarbenen Köpfe und die Flügel, die beim Flattern in der Sonne in allen Weissfacetten aufscheinen.

Der See beplappert das Boot, er schmatzt, flüstert, er streicht wie der Besen des Schlagzeugers über das Holz des Nauen. Auf dem Schiffsboden kauernd, beugen wir uns hinunter und geben dem See unsere rechte Hand. Das eisige Wasser fühlt sich fast wie Glas an, so fest, so glatt. Dazu die Morgennebel, Negliges, täglich wieder über Seeoberfläche und Hügel hingeworfen. Die Sonne, durch sie gefiltert, bleibt bis gegen Mittag blass. Sie zeichnet eine Bahn auf das Wasser, die auch der Mond darauf geworfen haben könnte.

Im Januar standen wir manchmal am Ufer unter reif- und schneeverkrusteten Bäumen, standen an die Stämme gelehnt, sahen hinauf in die Kronen. In weissen Filigranästen hingen die Sterne: winzige, glühende Punkte. Hier fiel uns der untergegangene Nauen wieder ein. Wir dachten, eine unserer Ahninnen, Louise, sei vielleicht in dem Boot gewesen.

Am Ufer auf- und abgehend, gaben wir uns das Wort, bald zu dem anderen See hinüber zu fahren und das Gemälde des verunglückten Nauen anzusehen, vielleicht zusammen mit G.

2

Nachdenkend gehe ich im Gartenquadrat auf und ab.

Eine Amsel, tweedbraun gefiedert, zieht einen Wurm aus dem schwammigen Rasen, legt ihn vor sich auf die Steinplatte. Mit ruckendem Kopf sieht sie sich um, zupft am Wurm. Der Wurm zuckt, der Amselkopf ruckt. Der gelbe Schnabel reisst Stück für Stück Leben ab. Ich zwinge mich, die lebendige Schnur anzusehen. Als der Vogel die Hälfte verzehrt hat, hört das Gezappel auf; die Kreatur scheint tot zu sein. Der Vogel schnabelt den Rest in sich hinein, hüpft wie ein Känguruh über das Gras; zupft da an einem Blatt, dort an einem Halm.

Ende März hatte sich die Amsel ein Nest gebaut und ihre blaugrünen Eier, rostig gesprenkelt, hineingelegt. Sie sitzt Tag und Nacht auf ihrer Brut und starrt in die Luft, bei schönem Wetter mit leicht geöffnetem Schnabel. Mit dem Nestbau hatte sie in der Thujahecke begonnen. Für die Katzen des Quartiers wäre das ein problemloser Fressnapf, gefüllt mit leckeren, jungen Vögelchen, gewesen. Wir hatten das halbfertige Nest entfernt. Die Amsel baute es eins zu eins unter dem Schuppendach, neben der kaputten Dachrinne, in unserer Augenhöhe, wieder auf. Jetzt sitzt der Vogel dort und schaut uns an. Wir kommen um den Auftrag, die Brut zu bewachen, nicht herum. Wir kennen das kurze, abgehackte Schreien des Amselpaares, wenn Gefahr droht. Wir springen auf, wo immer wir sitzen oder liegen, um Katzen und Elstern zu verjagen. Unser Sohn sagt zwar: Mischt euch nicht ein, das ist Natur.

Gar nichts zu tun, ist das beste! behaupten die Chinesen.

Nicht einmal das Telefon abnehmen, das bis in den Garten heult und lärmt.

Gerhard, ein Freund, sagt: „Hallo! Erzählst du mir eine Geschichte?"

„Nicht am Telefon, nur persönlich. Ich möchte dabei das andere Gesicht sehen. Aber ich wollte dich fragen, ob du mit mir nach Luzern kommst? Nauenfahren -"

Gerhard sagt ja. Ich bin perplex. Ihn zum Mitkommen zu bewegen, hiess bis jetzt, sich die einzige Lücke in seinem Terminkalender von einem Hellseher vorhersagen zu lassen.

„Am Dienstag will ich zu einer Beerdigung nach Luzern", sagt Gerhard.

„Und nachher? Könnten wir dann auf den See?"

„Wahrscheinlich werde ich bleiben, antwortet Gerhard. „Eine Patientin ist an Krebs gestorben. Der Arbeitgeber weigerte sich, den Lohn während der Krankheit zu bezahlen und kündigte fristlos. Er hatte sich um alle Sozialversicherungen gedrückt. Die Frau prozessierte. Das Gericht bat um meine Meinung als Psychologe. Inzwischen starb aber die Frau und auch der behandelnde Arzt. Damit ist der Fall für das Gericht abgeschlossen. Doch als Satisfaktion für die Frau und zu Ehren des Rechts sollte die Sache weitergezogen werden. Ich denke, dass nach der Beerdigung über den Prozess gesprochen wird.

„Gibt es eine Familie?" frage ich.

„Einen Sohn. Aber niemand scheint grosse Lust zu haben, weiterzukämpfen. Es sieht fast aus, als würden die am Prozess Beteiligten der Reihe nach wegsterben."

„Ich komme mit", sage ich.

Es ist eine grundsätzliche Frage, ob die Jungvögel gegen die alten, vollgefressenen Quartierkatzen zu verteidigen sind/ ob ich zur Beerdigung fahren soll/ ob ich still halte und alles laufen lasse, wie es läuft.

Heute ist Montag. Erst am Dienstag wird entschieden, ob ein Grund besteht, sich in fremde Angelegenheiten zu mischen oder nicht. Als sei die Ehre der unbekannten Frau etwas Greifbares oder das Grundrecht der Rechtlosen auf eine Gerechtigkeit. Beides ist reichlich abstrakt.

Ich versuche am Computer zu arbeiten. Die Schrift auf dem Bildschirm verschwimmt. Wellen von klarem Wasser mit Lichtreflexen darin fliessen darüber.

Nichts tun! sagen die Chinesen und sagen meine Augen, die mir eine Unterwasserlandschaft vorspiegeln.

Die Chinesen sprechen auch vorsorglich von einem glückbringenden Tag. Wer vom Unglück spricht, zieht es an, sagen sie.

Es ist mir manchmal in einem Konzert passiert, dass ich das Verklingen der Töne zwar bedauerte, denn die Musik gefiel mir, ich mich andererseits meinen Träumereien überliess.

Als ich schliesslich doch neben Gerhard in der Abdankungshalle bei der Trauerfeier der unbekannten Frau stand, hörte ich dem Pastoralassistenten nur abschnittsweise beim Verlesen von Luises Lebenslauf zu: „Unsere liebe Verstorbene hatte Freude am Arbeiten. Obwohl sie eine freie Stunde geniessen konnte, so doch eher wandernd, Sport treibend, sich den Pflanzen widmend. Ihr Pflichtbewusstsein kam vielleicht daher, dass sie als Kind früh den Vater verloren hatte." Ich dachte an mich selbst; dachte: Der Mensch ist dann mehr im Stich gelassen. Was fällt den Kindern ein, wenn sie nicht in einer grossen Familie geborgen sind? Sie haben vor allem Angst, mit ihrer alleinerziehenden Mutter Not leiden zu müssen. Sie denken zu bald schon ans Geld. Noch als Kinder machen sie Heimarbeit.

Der Pastoralassistent: „Frau Luise ging nach einer guten Schulausbildung zu einer Tante, einer äusserst tüchtigen Frau, in die grosse Stadt München. Sie lernte das Kaufmännische. Unserer lieben Verstorbenen war das Lernen leichtgefallen, auch das Freundlichsein, das sich Einfühlen in andere Menschen." Ausserdem wurde gesagt, dass Luise am gleichen Tag wie ich geboren worden war, auch in Bayern; dass sie seit Jahrzehnten in der Schweiz gelebt und die wilden Seen und Berge geliebt hatte. Wie ich. Wer hat diese Eigenschaften nicht? Es kann nicht von einem besonderen Zufall gesprochen werden, wenn eine Biografie der anderen gleicht. In Europa gibt es eine ganze Menge

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