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Ich bin, was ich bin: Mein Leben. Aufgezeichnet von Claudio Honsal

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Ich bin, was ich bin: Mein Leben. Aufgezeichnet von Claudio Honsal

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5/5 (2 Bewertungen)
Länge:
465 Seiten
4 Stunden
Freigegeben:
27. Okt. 2014
ISBN:
9783902998064
Format:
Buch

Beschreibung

"Mutig war ich immer."

Uwe Kröger ist der Inbegriff des Musicaldarstellers: Er begeisterte als Originalbesetzung in 4 Weltpremieren: "Elisabeth", "Mozart!", "Rebecca", "Der Besuch der alten Dame", in 6 deutschsprachigen Erstaufführungen: "Miss Saigon", "Sunset Boulevard", "The Wild Party", "3 Musketiere", "Rudolf", "The Addams Family". Er war 1988 erster deutscher Rusty im Bochumer "Starlight Express", 1997 das Biest in der deutschen Erstaufführung von "Die Schöne und das Biest", 2000 Titelfigur in "Napoleon" am Londoner Westend und 2007 Professor van Helsing bei der österreichischen Uraufführung von "Dracula". Als gefeierter Charakterdarsteller bleibt er unvergessen in Musicalwelthits wie "Les Miserables", "Hairspray", "Sound Of Music" oder "La Cage Aux Folles". Er urteilte als Juror in der ZDFShow "Musical Showstar 2008" und überzeugte 2011 im ORF als "Dancing Star".

Doch es gibt auch einen anderen Uwe Kröger abseits der großen Showbühne. Den nachdenklichen Menschen, den schüchternen Romantiker, den guten Freund, den ambitionierten Modeexperten oder den liebenden Lebensgefährten, der bislang kaum hinter private Kulissen blicken ließ. Anlässlich seines 50. Geburtstags resümiert er seine wichtigsten Lebensstationen, ergänzt von Familie, Kollegen und Freunden wie Pia Douwes, Michael Kunze, Sylvester Levay oder Peter Weck.

"Ich bin, was ich bin" gewährt Einblick in das Phänomen Uwe Kröger und zeichnet das berührende Lebensbild eines großen Künstlers.
Freigegeben:
27. Okt. 2014
ISBN:
9783902998064
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Ich bin, was ich bin - Uwe Kröger

Die Initialzündung

Wie mich ein Zufall zum Musical brachte

Wäre ich in Hamm damals nicht auf diese Theatergruppe aufmerksam geworden, wer weiß, wie sich meine berufliche Zukunft gestaltet hätte. Immer wieder habe ich darüber nachgedacht. Unweigerlich tauche ich dann in meine Vergangenheit ein, in jene Zeit, als ich noch nicht auf den Bühnen dieser Welt stand und es nicht einmal im Traum für möglich hielt, einmal ein gefeierter Musicalstar zu sein.

Man schrieb das Jahr 1985, das Kulturangebot bewegte sich in meiner Heimatstadt gegen null. Es gab kein eigenständiges Theater, Laienproduktionen fanden in Turnsälen oder Vereinsheimen statt, Musikbands, die mir aus Bravo oder dem Rundfunk bekannt waren, machten höchstens mal im nahen Münster auf ihren Tourneen Station. „Wild Boys von Duran Duran führte die deutsche Hitparade zwar an, aber ein gewisser Hans Hölzl, den ich viel, viel später einmal kennenlernen durfte, sorgte mit „Amadeus auch bei uns in Deutschland fürs Hinhören.

Aus meinem uralten, quietschenden Kassettenrekorder leierten ganz andere Lieder. Songs von John Denver, Crosby Stills, Nash & Young oder Joan Baez. Kino war noch das größte kulturelle Vergnügen, das wir uns in der westfälischen Provinzstadt ab und zu gönnten.

Ich leistete gerade meinen Zivildienst ab und verbrachte den Großteil der Tage als Pfleger in der Jugendpsychiatrie. Ich liebte diese verantwortungsvolle Tätigkeit und ging richtig auf im Ersatzdienst. Mein Privatleben war kaum existent. Von Zeit zu Zeit verbrachte ich einen Abend mit meinen Schulfreunden oder hatte Probentermine mit unserer alternativen Amateurband Saitensprung. Doch auch die wurden immer seltener, ebenso wie die Arbeit im Getränkevertrieb meines Vaters.

Da passierte etwas, das mein Leben nachhaltig verändern sollte: die Initialzündung meiner schlummernden Leidenschaft. Eine ehemalige Schulkollegin sprach mich auf offener Straße an und gab mir einen Tipp. Sie machte mich auf ein Plakat der Laientheatergruppe Backstage aufmerksam. Annette Brückner, die damalige Leiterin der ortsansässigen Tanzschule, und Peter Gestwa hatten diese Gruppe ins Leben gerufen und sich mit einigen anderen Kulturinteressierten zusammengetan, um in meiner Heimatstadt etwas Kulturelles auf die Beine zu stellen. Das allein war schon eine Sensation. Nun suchten sie für eine Musicalrevue in Hamm Sänger.

Mein Name soll damals immer wieder beim ambitionierten und durchwegs ehrenamtlich tätigen Leading Team rund um Annette gefallen sein. Durch meine, wenn auch seltenen, öffentlichen Auftritte mit der Band Saitensprung hatte ich offensichtlich einen gewissen Ruf erlangt in den musikaffinen Kreisen meiner Heimatstadt. Mir ging damals ständig ein Film durch den Kopf, den ich erst kurz davor im Kino gesehen und der mich schwer beeindruckt hatte: Fame. Die rührselige Story rund um den Ehrgeiz der jugendlichen Darsteller und ihr unablässiges Bestreben, in die Highschool of Performing Arts aufgenommen zu werden, ließ mich nicht los. Ein schönes Märchen, das im fernen New York spielte. Leroy, Doris, Montgomery – alle wollten sie den Weg zum Ruhm finden. Durchaus möglich, dass mich gerade dieser Film unbewusst beeinflusst hat, den Schritt zum Casting zu wagen, es zu probieren.

Von Musical, Tanz oder Schauspiel hatte ich – wie ganz Hamm – keine Ahnung, während in Wien zeitgleich Cats schon riesige Erfolge feierte. Ja, Musik machte ich gerne, Geschichten wollte ich immer erzählen, auch schon mit Saitensprung. Aber mit der Stimme und nicht mit dem ganzen Körper. Männer interessierten sich damals nicht für Tanz, Ballett, ästhetische Bewegung. Sie hatten sich nicht dafür zu interessieren. Und die gesungenen Liedtexte unserer Band, die mussten deutlich, hart und sozialkritisch sein. Das entsprach der allgemeingültigen Philosophie der Jugendszene rund um Hamm, in der ich aufgewachsen bin.

In Hamm begann ich, vom Broadway zu träumen

Dreams on Broadway hieß die Produktion, und ich träumte von Anfang an meinen Lebenstraum. Vielleicht etwas naiv und amateurhaft, aber mit unglaublichen Ambitionen im Hinterkopf. Mein Ehrgeiz, den ich schon als Kind, beim Schneidern, beim Geschichten schreiben und später bei der Mitarbeit im väterlichen Getränkevertrieb hatte, kam mir nun zugute: 200 Prozent Einsatz, die ich immer leisten wollte und auch heute noch gebe, wenn ich sehe, dass eine Aufgabe es verdient.

Ich war ein Einzelgänger und nicht gewohnt, mich in eine Horde von gleichgesinnten Schauspiel- und Gesangsamateuren einzufügen. Aber ich lernte, mich anzupassen. Was blieb mir anderes übrig? Ich hasste Vereine, nie zuvor war ich in einem Mitglied gewesen, weder im Fußballclub noch bei irgendwelchen Neigungsgruppen der örtlichen Turnvereine. Außerdem fehlten mir während meiner Schulzeit die Zeit und sicherlich auch die Muße. Erst beim Zivildienst, durch diesen gravierenden Cut nach dem Abitur, lernte ich, mir meine spärliche Zeit besser einzuteilen, mein eigenes Leben zu leben – im Wohnheim der Angestellten neben der Psychiatrie, wo ich untergebracht war, weit weg von der Familie. Ich war eben anders als viele meiner Altersgenossen. Erst jetzt wird mir das bewusst: Ich war immer schon, was ich war.

Für das in meinen Augen ungemein große Projekt, dieses Neuland an Erfahrungen, die ich sammeln konnte, das Ausleben meiner verkappten Leidenschaften, nutzte ich vornehmlich die Wochenenden – um zu lernen, zu probieren, und für Warm-ups im Turnsaal der Schule. In simplen Jogging-Klamotten studierte ich die Schritte, die Bewegungen und Lieder ein, Tanzdressen kannte man damals noch nicht. Zumindest nicht in Hamm, hier war eben alles sehr amateurhaft. Angetrieben von der ungewohnten Atmosphäre und meinem inneren Ehrgeiz hatte ich Blut geleckt. Ein Metier, das ich nicht kannte, eine Beschäftigung, die mir körperliche und geistige Befriedigung verschaffte, so habe ich jene Wochen des Trainings in Erinnerung.

Mit jedem Gedanken an diese Zeit wird die Erinnerung klarer. Mein Ziel war es, das zu perfektionieren, was jeder der 30 jungen Menschen perfektionieren wollte. Es gab keinen Star, keinen Solisten unter uns, wir waren gleichwertig. Ambitionierte Anfänger und Neo-Musicaldarsteller gaben sich die Türklinken in die Hand. Es war wie in einem Affenstall, einem Zirkuszelt, einem im Chaos versinkenden Ameisenhaufen.

Die Räumlichkeiten waren ebenso klein wie ungeeignet. Vom Zimmer, in dem wir Gesang übten, ging es in den Raum, in dem wir die richtige Körperhaltung trainierten, weiter zu den Atemtechnikübungen und zum Sprechunterricht. In einem kleinen Turnsaal unternahmen wir die ersten Gehversuche in Tanz und Ballett. Jeder Einzelne von uns durchlief diese Stationen, Wochenende für Wochenende.

Ich wollte besser sein – nicht vor den anderen, aber als ich es bisher gewesen war. Und so fragte ich Annette Brückner, ob sie mir zusätzlich privaten Tanzunterricht erteilen würde. Sie antwortete: „Ja, warum nicht!" Sie mochte mich, glaubte, ein Talent entdeckt zu haben, das es wert sei, gefördert zu werden. Und ich wollte schon damals nicht sinnlos Zeit verplempern. Ich war sehr froh und dankbar, dass Annette sich meiner annahm, denn auch ihre Zeit war knapp.

Disziplin war nun mein oberstes Gebot, und so erhielt ich auch an so manchem Wochentag nach meinem anstrengenden Dienst noch spät in der Nacht Einzelunterricht. Das am Tag hart Verdiente steckte ich fast zur Gänze in zusätzliche Lerneinheiten, um noch besser zu werden, noch schneller voranzukommen. So konsequent wie ich waren freilich nur wenige der 30 Frischlinge im Showgeschäft, was mich ziemlich ärgerte. Wenn man schon so eine Chance bekam, musste man sie doch nutzen. Jede Sekunde! Da durfte man nicht zu spät kommen oder gar fernbleiben. Auch wenn wir keinen Pfennig für unsere Mühen bekamen, war es doch eine Chance! Der Turnsaal, die Aula, sämtliche benötigten Räumlichkeiten der Schule wurden samstags und sonntags kostenfrei zur Verfügung gestellt, die Choreografin und das ideengebende Team arbeiteten ehrenamtlich. Der Sache wegen und weil sie mit dieser Musical-Revue etwas mehr Kultur und Zeitgeist nach Hamm bringen wollten.

Während der Probenzeit geisterten immer wieder Szenen aus Fame durch meinen Kopf. Ich war mitten drin in diesem Movie, das meinen beruflichen Weg später bestimmen sollte. Zu diesem Zeitpunkt allerdings in einer noch simplen und dilettantisch anmutenden Bühnenversion dieses legendären Filmklassikers. Aus schulhaften, gruppendynamischen Situationen entwickelten wir die einzelnen Songs, die wir bei der Galavorstellung präsentierten.

Einer davon war „Aquarius", das wohl bekannteste Lied aus dem Musical Hair. Man wählte mich aus, den Song zu interpretieren – meine Stimme, mein Auftreten, das Gesamtpaket passte –, obwohl ich doch astrologischer Schütze bin. Es gab nur ein ganz kleines Problem: Ich hatte weder von diesem Lied noch vom dazugehörigen Musical je zuvor gehört. Eine VHS-Kassette musste her. Ich studierte den Song Hunderte Male, sog ihn förmlich auf, und obwohl „Aquarius" in der Originalversion für eine weibliche Stimme vorgesehen war, sollte ausgerechnet ich damit bravourös reüssieren.

Nach drei Monaten intensivem Gesangstraining, Ballett-, Tanzunterricht und den Proben in der Schule feierte die bunte Musical-Revue schließlich ihre Premiere im Saalbau von Bockum-Hövel, einem Ortsteil von Hamm. Über 400 Gäste saßen im Publikum, vornehmlich jene passionierten Theatergeher, die stets nach Essen, Münster oder noch weiter weg fahren mussten, um ihren Kulturhunger stillen zu können. Interessierte Kulturpendler, die man durchaus als kritisches Publikum einzuschätzen hatte, das war uns allen bewusst. Und genau vor diesem Auditorium feierte unsere Laieninszenierung Dreams on Broadway einen grandiosen Erfolg.

Ich war überglücklich und stolz. Annettes Prognose sollte sich als richtig erweisen. Meine Interpretation von „Aquarius" wurde am lautesten beklatscht. Es war mein erster Hit!

Nur noch ein weiteres Mal führten wie im Rahmen einer Gala diese Musical-Revue auf, doch der Traum von der großen Bühne sollte mich von nun an nicht mehr loslassen.

Frühe Statements

Ich weigerte mich, mit der Waffe dem Vaterland zu dienen

Schon Jahre, bevor ich mit dem Thema Bundeswehr, also dem von Männern zu leistenden Dienst für Volk und Vaterland, konfrontiert wurde, war mir klar, dass ein Dienst mit der Waffe für mich niemals in Frage kommen würde. Gewalt hasste ich immer schon, war es im Sandkasten, im Kindergarten oder in der Schule. Die zeitgeistige Friedensbewegung, die den meisten von uns aus der Seele sprach und wichtige Denkanstöße gab, hatte das Übrige dazu beigetragen, dass ich den Militärdienst verweigerte. Es war die Zeit des Kalten Krieges, in den Klassenzimmern hingen Poster mit der provokanten Frage: „Bundeswehr, wozu? Es genügt ein Knopfdruck auf die Atombombe!" Waffen, Krieg, Bundeswehr waren mir zuwider, passten schon damals nicht in meine Welt. Im Deutschland der 1980er-Jahre mussten Verweigerer allerdings noch sehr überzeugende Argumente vorbringen, um die strenge Kommission zu beeindrucken. Wer nicht überzeugen konnte, wanderte ins Gefängnis.

So wäre es wohl auch mir ergangen. Beim Gedanken daran läuft mir heute noch ein Schaudern über den Rücken. Für mich war es alles andere als eine alltägliche Situation, als ich in Hamm der Richterin, die in wenigen Momenten über Zivildienst oder Haftstrafe entscheiden würde, gegenübersaß und sie von meiner Anti-Kriegs- und Anti-Gewalt-Gesinnung überzeugen musste. Wochen zuvor hatte ich die schriftliche Version meiner Einwände schon abschicken müssen. Damit hatte ich kaum Probleme gehabt, da hatte ich meine Argumente schwarz auf weiß und wohlüberlegt zusammengefasst. Aber face to face mit der Richterin übermannte mich die Nervosität. Vor einem Gericht zu sitzen, das hatte etwas mit Verbrechen, mit Straftaten zu tun, obwohl ich doch nur meine humanistische Überzeugung zum Ausdruck bringen wollte.

Den Terminus „Notwehr" im Zusammenhang mit einem militärischen Einsatz konnte und wollte ich nicht gelten lassen – also die typische Fangfrage, die selbstredend auch mir gestellt wurde. Na klar würde ich mich verteidigen, wenn mich jemand angriffe. Ich würde mich wehren, aber das um meiner selbst willen oder wenn ein Freund oder die Familie in Gefahr wäre. Aber der Gedanke daran, den Umgang mit einer Waffe zu erlernen, um auf lebende Ziele, einen Feind, einen Verräter, zu schießen, kam mir absurd vor. Es war für mich undenkbar, für Volk und Vaterland in eine solche Situation gebracht zu werden, unvorstellbar, trainiert zu werden, mich mit einer todbringenden Waffe zu verteidigen.

Nicht einmal als Kind hatte ich mit Waffen gespielt. Ich hatte keine Panzer, Kampfflugzeuge oder anderes Kriegsspielzeug. Im Kindergarten oder später in der Kindertagesstätte spielten wir vielleicht mal Cowboy und Indianer mit selbstgebastelten Gewehren oder Colts aus Ästen, aber das macht wohl jedes Kind. Selbst das in der Nachbarschaft von Kindern lauthals geschriene „Ratatatata" eines Maschinengewehrs mochte ich nicht. Vage erinnere ich mich an ein Indianerfort, so wie man es aus den Lederstrumpf-Büchern und Filmen kennt, die mich prägten. Noch nach so vielen Jahren höre ich da sofort die Stimme von Karin Dor. Nach der Schule legten wir wieder und wieder die Lederstrumpf-Hörkassette ein und lauschten aufmerksam den Abenteuern aus dem Wilden Westen, während wir in der Küche Ravioli aus der Dose heiß machten. Und auch unten beim Essen im Partykeller hörten mein Bruder und ich die spannenden Geschichten fast jeden Tag, während unsere Eltern in der Arbeit waren.

Das klingt heute hart, war aber etwas ganz Normales. Wir waren Schlüsselkinder, und als Schlüsselkind hatte man zumindest den einen Vorteil, täglich einer Hörkassette lauschen zu dürfen, bevor es an die Hausarbeiten ging – so war es ausgemacht mit unseren Eltern.

Nach meinem Termin bei Gericht vergingen einige Tage des Bangens und Hoffens. Doch schließlich kam der erlösende Brief der Zivildienstkommission. Es war wie das Bestehen des Abiturs! Eine unglaubliche Last fiel von meinen Schultern. Erleichterung pur, denn andere Anwärter aus Hamm hatten jahrelang mit der Kommission zu tun, bis ihnen endlich der Zivildienst zugesprochen wurde. Vielleicht hat es ja geholfen, dass ich im Ort nie das Image eines gewaltbereiten Raufboldes hatte, stets als lieb und brav, ja geradezu als schüchtern galt. Vielleicht hatten gerade diese Eigenschaften, für die ich mich beinahe schämte, den Ausschlag für die Befreiung vom Militär gegeben. Oft haderte ich mit mir selbst, empfand mich als langweilig, aber genau in diesem Moment war mir all das völlig egal. Ich hatte im Kampf gegen den überflüssigen Bundeswehrdienst einen ganz persönlichen Sieg errungen – ohne Gewalt, ohne Waffen – nur mit Argumenten und Überzeugungskraft.

Mein Zivildienst in der Jugendpsychiatrie

Meiner neuen Arbeit als „Zivi stand nun nichts mehr im Weg. Ich hatte auch schon Erkundigungen bei einem guten Freund der Familie eingeholt, der sich auf diesem Gebiet auskannte. Ich wollte in Hamm bleiben und nicht irgendwohin geschickt werden, wo gerade Not am Mann war. Gleich in der Nähe gab es das Institut für Jugendpsychiatrie und Heilpädagogik, und genau da wollte ich arbeiten. Spannend, interessant, aber auch anstrengend sollte es dort sein, hatte ich mir von Kundigen berichten lassen. Ich wurde genommen, hatte eine sinnvolle Aufgabe und freute mich auf den Zivildienst, obwohl der Ersatzdienst in Deutschland damals noch als Strafe angesehen wurde, als Strafmaßnahme für das Verweigern. Das schlug sich in der Dienstzeit nieder. Dauerte der „rechtschaffene Dienst mit der Waffe lediglich zwölf Monate, so waren für uns Zivis, die wir in Sozialeinrichtungen tätig waren und sinnvollen Ersatzdienst leisteten, satte 21 Monate verpflichtend. So sah man uns Verweigerer damals.

Dennoch war ich glücklich, und es begann eine aufregende, arbeitsintensive und vor allem prägende Zeit. Hier wollte ich alles lernen, alles erfahren über die seelischen Krankheiten, die Verirrungen des menschlichen Geistes, die Betroffenen und die Therapien. Der schulische Zwang war abgefallen, hier musste ich nicht, hier durfte und wollte ich lernen.

Schnell begriff ich, wie wichtig es war, das Netz, dieses Gefüge von Therapeuten und Mitarbeitern, so eng zu flechten, dass keiner der Patienten auch nur ansatzweise durchschlüpfen konnte. Ich befand mich auf der Jugendpsychiatrie und hatte auch als Azubi Verantwortung zu tragen. Meine Kollegen für die kommenden beiden Jahre waren Ärzte, Psychotherapeuten und Psychiater. Meine Patienten waren verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche im Alter zwischen acht und 20 Jahren.

Es handelte sich um eine teils offene, teils geschlossene Psychiatrie, in der man in Teams mit bis zu sechs Jugendlichen arbeitete. Für mich war es eine völlig neue Situation, die mir aber eine gewisse Geborgenheit gab, denn bislang war ich ja, wie erwähnt, als Einzelgänger und Schlüsselkind durchs Leben gegangen. Obwohl ich nur ein Lehrling war, haben mich die Fachkräfte ernst genommen und mir das auch gezeigt. Ich habe ununterbrochen Fragen gestellt, anfangs so unbedarft und naiv, dass sie den Experten vielleicht sogar Denkanstöße gegeben haben. So verliefen die ersten Wochen, in denen ich sämtliche Stationen kennen lernen durfte.

Es hat nicht lange gedauert, bis ich mich in das tägliche Arbeitsumfeld eingewöhnt hatte und verstehen lernte, wie man auf verhaltensauffällige junge Menschen zugehen und mit ihnen umgehen muss. Das Vertrauen zu den Zöglingen war schnell hergestellt, schließlich war ich selbst ein junger Mann von 20 Jahren und stand ihnen somit näher als die Ärzte, Psychiater und altgedienten Betreuer. Erleichtert wurde der Aufbau von Beziehungen durch meinen unbekümmerten, manchmal übermütigen Zugang zu den Patienten, denen man oft nicht anmerkte, welch schweres Los sie zu tragen hatten. Ich fühlte mich plötzlich als wichtiges Rädchen in diesem therapeutischen Laufwerk, das sich für mich um sechs Uhr morgens zu drehen begann und oft erst um zehn Uhr am Abend zum Stillstand kam. Müde, aufgewühlt, erschöpft, aber zufrieden mit meinem Tagewerk wanderte ich dann ins Wohnheim am Institutsgelände, das nun mein neues Zuhause war.

Das Abschalten nach einem langen Arbeitstag, das Wegschieben der Gedanken an die Patienten erlernte ich erst nach Monaten. Ich verstand lange nicht, wie man am Abend den Schalter einfach umlegen, den Fernseher aufdrehen oder noch ein Bier trinken gehen konnte, wie das meine erfahrenen Kollegen machten. Wie man sich diese private Auszeit nehmen und auch noch genießen konnte, wenn doch Probleme, Ängste und die Verzweiflung der Patienten nie aufhörten. Wir waren nur ein paar Schritte entfernt von dieser grausamen Realität, der die Betroffenen 24 Stunden ins Auge blicken mussten. Ich hatte immer ein ungutes Gefühl, kam mir nachlässig, schäbig vor. Es bedurfte intensiver Gespräche mit Kollegen, bis mir bewusst wurde, dass die Abgrenzung, das Abschalten und Loslassen notwendig sind, um den Beruf effizient und mit der nötigen Distanz auszuüben.

Das Spektrum an Krankheitsbildern war vielfältig. Eher harmlos erschienen mir Fälle von Kindern, die durch falsche Erziehung das Wort Nein nie gelernt hatten, einfache Alltagsregeln nicht akzeptieren wollten und so sozial auffällig wurden. Diese Kinder betreute man in amikaler Familienatmosphäre in einem eigenen kleinen Mikrokosmos. Das habe ich gerne übernommen, und selbst als Praktikant sah ich mich immer als ein kleines, funktionierendes Steinchen in einem großen Mosaik. Ich hatte die verantwortungsvolle Aufgabe, die Psychologen und Therapeuten auf ihrem oft langen Weg mit den Patienten in Richtung Genesung zu begleiten. Eine gute Beobachtungsgabe und Offenheit waren die wichtigsten Aspekte bei der täglichen Teamarbeit.

Ich erinnere mich auch gut an weniger harmlose, ja gefährliche Situationen und Konfrontationen mit Insassen, die kompliziertere Krankenakten vorzuweisen hatten. Das war nicht immer ungefährlich für das Personal.

Da gab es zum Beispiel einen jungen Mann, der unter einer starken manisch-depressiven Störung litt und eine langwierige Lithium-Therapie absolvierte. Er randalierte häufig und es kam immer wieder zu körperlichen Angriffen auf das Personal. Für mich war das erschreckend und ungewohnt, lehne ich doch jegliche Form von Gewalt ab. Manchmal wähnte ich mich in einem schlechten Horrorfilm, wenn Patienten wie dieser junge Mann plötzlich in einer Phase ihres Leidens übermenschliche körperliche Kräfte entwickelten, keine Kontrolle mehr über ihre Handlungen hatten und ich einem solchen armen, aggressiven Wesen direkt gegenüberstand. Mit der Zeit lernte ich auch diese Situationen in den Griff zu bekommen.

Vergewaltigung, Missbrauch, schwere Traumata aus der Kindheit – jeder uns Anvertraute hatte eine schlimme Geschichte, die sich oft lange nicht zeigte. Vor allem dann nicht, wenn ich mit den Betroffenen ganz friedlich bastelte, musizierte oder mit ihnen zum Einkaufen in der Stadt unterwegs war. Da waren es ganz normale junge Menschen, unauffällig, liebenswert und zutraulich. Doch wir Betreuer durften nie vergessen, warum diese Personen in psychiatrischer Obhut waren.

Für ein Greenhorn wie mich war das nicht leicht, auch nicht, was die speziellen Vorschriften im Umgang mit den weiblichen Patienten betraf. Sie waren im Frauentrakt im oberen Geschoss der Anstalt untergebracht, und als Mann durfte man nie alleine ein Zimmer betreten. Man hatte mir mehrmals eingeschärft, dass Mädchen und junge Frauen weitaus gewiefter sind als unsere männlichen Schützlinge mit Koketterie, Verdrehung von Tatsachen oder grundlosen Beschuldigungen des psychologischen Personals. Vorsicht war geboten. Ich habe zwar niemals schlechte Erfahrungen gemacht, hielt mich aber streng an die Anweisungen der Kollegen.

Ein anderer Fall ging mir an die Substanz, ich darf gar nicht daran denken. Der Name des Jungen tut nichts zur Sache, aber den Grund seines Aufenthaltes in der Klinik werde ich nie vergessen: Aus Eifersucht hatte er seinen Bruder im Affekt erschlagen. Weder an den Ort noch an den Zeitpunkt, Hergang oder das Motiv konnte sich der 16-Jährige erinnern. Aber der talentierte, zuvorkommende Jugendliche hatte die Tat eindeutig begangen und war völlig verstört in die Psychiatrie eingewiesen worden. Schwierig für mich war, dass dieser vermeintliche Gewalttäter ein sehr inniges und freundschaftliches Verhältnis zu mir aufbaute und mich als seinen älteren Bruder betrachtete. Ich war in einer emotionalen Zwickmühle, denn auch ich hatte ihn lieb gewonnen. Nur wer konnte garantieren, dass dieser liebevolle Mensch nicht irgendwann, draußen in der Freiheit, wieder ein Blackout haben würde? War es möglich, ihn zu heilen, herauszufinden, was ihm fehlte, was ihn zu der Bluttat veranlasst hatte? Nächtelang sind mir diese Fragen durch den Kopf gegangen und haben mich wach gehalten.

In meinem kargen Einzelzimmer gleich im Gebäude neben dem Institut mit Blick aus dem Fenster auf die hohen Mauern, die das Institutsgelände umgaben, wurde ich selbst zum Gefangenen, freiwillig zum Eingeschlossenen, denn in der Zeit des Zivildienstes habe ich meinen neuen Arbeitsbereich nur selten verlassen. Ich war ein Teil dieses wichtigen Ganzen und genoss lieber die Gesellschaft meines Kollegen Klaus, als in den Ort oder zu meiner Familie zu fahren. Unsere Freizeit war ohnehin spärlich, und wir versuchten, uns durch Musizieren, durch Berichte über Urlaubserlebnisse abzulenken, wenn wir uns nicht ohnedies über gemeinsame Patienten austauschten.

Es wäre nicht weit gewesen zu meinen Eltern und zu meinem Bruder Wolfgang, aber ich war froh, der Familie entronnen zu sein und mein Leben so zu führen, wie ich es zu diesem Zeitpunkt für richtig hielt. Selten nahm ich meinen alten Renault 4 mit seiner unvergleichlichen Revolverschaltung, der ich manchmal heute noch nachtrauere, in Betrieb. Manchmal setzte ich mich auf mein Fahrrad, drehte eine Runde und machte einen Anstandsbesuch bei der Familie. Das gehörte sich eben, aber mir war klar, dass mein Privatleben hintanstehen musste. Zu wichtig und spannend war mein neues Aufgabengebiet für mich.

Die Balance zwischen Zuneigung und Abstand, die Gratwanderung zwischen persönlichem Mitgefühl und professioneller Distanz zu den Patienten habe ich gelernt. Dieser Schutzmechanismus hat mir bis heute so manch guten Dienst erwiesen. Ich betrachte es als nachhaltige Lehre für meinen späteren Umgang mit Fans, mit Medien, mit vermeintlichen Freunden. In meinem jetzigen Beruf kann ich anders auf Menschen zugehen und bin dank dieser Ausbildung, vielleicht unbewusst, erst gar nicht in gefährliche Situationen gekommen.

Damals habe ich mich über kunsttherapeutische Lehrgänge und weiterbildende, praxisbezogene Studien erkundigt. Denn eines ist mir in dieser mehr als zweijährigen psychologischen Lehrzeit klar geworden: Würde ich je einen sozialen Beruf anstreben, dann nur praxisorientiert. Nicht als Theoretiker, der zuerst ein jahrelanges Studium der Psychologie absolvieren muss, sondern als Erzieher oder Pfleger, direkt eingebunden in den täglichen Betrieb. So hätte ich mir diesen Beruf vorstellen können.

Am Ende meiner spannenden Zeit als Zivi war ich reifer und gefestigt. Was ich nicht von allen Altersgenossen und einstigen Schulkollegen behaupten konnte. Vielleicht war ich auch diesbezüglich ein Einzelgänger, denn während viele von ihnen lautstark das Abrüsten vom Bundeswehrdienst feierten, fasste ich einen ganz anderen Entschluss. Nach den vorgeschriebenen 21 Monaten verlängerte ich mein Engagement als Zivildiener um ganze drei Monate und übernahm als Urlaubsvertretung für einen Kollegen dessen Position. Mag sein, dass es eine Flucht vor dem Leben draußen war, aber es war nun mein

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