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Reisaren - Das Erwachen
Reisaren - Das Erwachen
Reisaren - Das Erwachen
eBook554 Seiten7 Stunden

Reisaren - Das Erwachen

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Über dieses E-Book

"Und dann geschah etwas Sonderbares, das alles bisher Geschehene weit in den Schatten stellte. Das graue Gestein der Statue, ebenso grau wie der Schleier, der sie umgab, bekam plötzlich Farbe. Die Federn am Körper des Greifes wurden braun wie die Erde, seine Klauen und sein Schnabel orangegelb wie die untergehende Sonne. Seine Schwungfedern dagegen waren blau und violett wie die von tropischen Vögeln. Dann öffnete der Greif seine Augen, die die Farbe von blühenden Veilchen hatten, und warf mit einem Schlag seiner mächtigen Schwingen allen Schnee von sich, der sich während seiner Starre angesetzt hatte. Er stieß einen gellenden Ruf aus."

Damit hätten Alina und ihr Freund Giuseppe wirklich nicht gerechnet: Eigentlich wollten sie nur dem Jungen Norgann helfen, der eines Tages verwirrt und verängstigt mitten im Wald auftaucht. Nun aber finden sie sich plötzlich in einer anderen Welt wieder, in der alle Anzeichen auf Krieg stehen - ein Krieg, der nicht nur jene fantastische und fremdartige Welt in Chaos und Gefühllosigkeit stürzen soll, sondern gleichzeitig auch die Erde und alles Leben darauf bedroht. Da entdeckt Alina, dass sie außergewöhnliche Kräfte besitzt. Soll sie sich in den gefährlichen Kampf gegen den machthungrigen Grauen König einmischen?
SpracheDeutsch
Herausgeberedition zweihorn
Erscheinungsdatum9. Okt. 2014
ISBN9783943199925
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    Buchvorschau

    Reisaren - Das Erwachen - Melinda Gauss

    Impressum

    edition zweihorn GmbH & Co. KG

    Riedelsbach 46

    D-94089 Neureichenau

    Tel: +49 (0) 8583 2454, Fax: +49 (0) 8583 91435

    E-Mail: edition-zweihorn@web.de

    Internet: www.edition-zweihorn.de

    Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt.

    Copyright © 2014 edition zweihorn GmbH & Co. KG, Neureichenau

    Umschlagillustration und Vignetten: Richard Hanuscheck, Frankfurt am Main

    ISBN: 978-3-943199-17-8

    eISBN: 978-3-943199-17-8

    Die Autorin

    Melinda Gauss wurde 1993 in Chemnitz geboren. Mit fünfzehn Jahren begann sie den vorliegenden ersten Band der Reisaren-Reihe zu schreiben und arbeitet aktuell an mehreren Folgebänden. Nach der Schule absolvierte sie ein Freiwilliges Ökologisches Jahr auf einem Falkenhof und studiert zur Zeit Forstwissenschaft in Tharandt. Sie spielt Klavier, Violine und Schlagzeug, geht gern wandern und liest und schreibt viel.

    Widmung

    Für Jörg und Manu,

    Sophie, Michael, Seth,

    und für Danilo, meinen treuen und

    unermüdlichen Begleiter in Sarath-Menen

    Prolog

    Norden Sarath-Menens, im 538. Jahr des Zeitalters der weißen Sonne

    Es dämmerte bereits über dem kleinen Dorf Velok, die vereinzelten Wolken am Himmel färbten sich zart rosa und die untergehende Sonne tauchte das Land in ein rötliches Schimmern. Die schneebedeckten Gipfel der Sortes-Berge ragten hoch hinauf und leuchteten im Abendrot.

    Auf dem Heimweg konnte Norgann die ersten Gesänge der kleinen Nachtvögel aus dem Feuilleswald hören, während all jene Tiere, die den Tag über regsam waren, zur Ruhe kamen und sich einen Ort zum Schlafen suchten. Ein Feuerfuchs suchte im Gras nahe des Weges nach Beute, als er aber den jungen Mann gewahrte, verschwand er leichtfüßig im Wald.

    Norgann war erschöpft. Den ganzen weiten Weg von seinem Heimatdorf bis nach Bor war er gelaufen; nun war er auf dem Rückweg. Früh morgens hatte er aufbrechen müssen, um es am Abend rechtzeitig zurückzuschaffen. Den ganzen Mittag war er in der Stadt gewesen, um neue Metallwerkzeuge zu kaufen, denn seine Heimat Velok war nur ein kleines Bauerndorf und es gab immer noch keine Schmiede. Außerdem hatte er seltene Kräuter aus fernen Ländern aufgetrieben, die seine Mutter Yadwega für ihre Heilmittel benötigte. Jetzt kehrte er vollbepackt heim zu dem kleinen Haus am Dorfrand, in dem er mit seinen Eltern wohnte. Schon von Weitem hatte er das Feld voller Karipflanzen sehen können, die jetzt im Herbst langsam reiften und sich goldgelb färbten. Zwar warf das Feld nicht sonderlich viel Ertrag ab, aber wenn sie einen Teil der nahrhaften Körner verkauften, bekamen sie genug Geld, um Werkzeuge und Heilzutaten, die es in den umliegenden Wäldern nicht gab, zu besorgen. Manchmal kauften sie auch Fleisch, denn eine Grofa-Farm gab es in Velok nicht, weshalb jeder, der Fleisch haben wollte, entweder ein guter Jäger sein oder in die Stadt gehen musste.

    Norgann war jetzt fast zu Hause. Das Dorf lag am Rand der Berge, zwischen dichtem Wald und himmelhohen Gipfeln. Es bestand eigentlich nur aus acht einzeln stehenden und von Garten oder Feld umgebenen Holzhäusern, deren Wände mit hellem Lehm verstrichen waren. Jedes hatte einen eigenen, kleinen Stall, in dem meist ein Lunark stand – ein gehörntes, massiges Lasttier – und bei manchen auch ein Pferd oder ein Darot. Das Wetter hier war oft rau, und der Wind wehte stärker als in der waldbedeckten Ebene. Auch heute zog eine kräftige Brise über die Strohdächer und zerzauste Norganns schulterlanges, dunkles Haar. Hier gab es kein Stadttor wie in Bor, das den Ort vor Eindringlingen schützte; nur zwei steinerne, nüchtern verzierte Obelisken zu beiden Seiten des Weges ließen erkennen, wo das Dorf begann.

    Er überquerte die kleine Holzbrücke, die über den geschwind dahinfließenden Velokbach führte, und hielt geradewegs auf das Haus seiner Eltern zu. Auf der Dorfstraße, wenn man diese denn so nennen konnte, begegnete er um diese Zeit niemandem, die meisten kümmerten sich gerade um ihre Tiere oder aßen in ihren Wohnstuben zu Abend. Norgann öffnete die Tür zu dem gemütlichen Holzhaus, in dem er schon wohnte, soweit er zurückdenken konnte. Er hängte seinen Umhang an den Haken hinter der Tür und stellte seinen Lederrucksack in einer Ecke des Raumes neben verschiedenen Ackergeräten ab. Sein Vater stand gerade am Esstisch neben der Feuerstelle auf der gegenüberliegenden Seite des recht kleinen Raumes, wo ein großer Kessel über den Flammen hing. Rauch stieg auf und zog durch den steinernen Schornstein nach draußen ab. Ansonsten befanden sich in dem Raum nur ein großer Holzschrank und ein kleinerer Schrank mit Schubladen, in dem seine Mutter getrocknete Heilpflanzen in säuberlicher Ordnung aufbewahrte.

    Sein Vater kam auf ihn zu und begrüßte ihn mit einem Lächeln in seinem bärtigen Gesicht. „Norgann, du bist zurück! Komm, setz dich gleich mit an den Tisch, deine Mutter hat vorhin bereits das Essen gemacht. Du musst doch sehr hungrig sein, nach so einem weiten Marsch!"

    Der Junge lachte. „Ich verhungere ja schon fast", meinte er grinsend und setzte sich an den kleinen Holztisch, auf dem bereits eine Schüssel voll dampfender Suppe stand.

    „Wo ist eigentlich Mutter?", fragte er, während er aß.

    Sein Vater seufzte. „Gsareas Mann ist sehr krank. Sie stand gerade eben tränenüberströmt vor der Tür und bat uns um Hilfe. Er hustet ständig Blut und erbricht gelben Schleim, kann nachts nicht einmal schlafen und weder essen noch trinken. Deine Mutter kennt ein Heilmittel, sie ist sofort mit Gsarea hinübergelaufen."

    Norgann verschluckte sich an einem Löffel voll heißer Brühe. „Ist das nicht dieselbe Krankheit, an der Sanod gestorben ist?"

    Sein Vater nickte traurig. „Ja. Aber als dein Bruder krank wurde, war er viel zu jung, um sich jemals wieder davon erholen zu können. Für ihn konnten wir damals nichts mehr tun. Aber zerbrich dir darüber nicht den Kopf, das ist doch schon vierzehn Jahre her. Er schloss die Augen. „Möge Aikalon seine Seele bewahren. Für eine kurze Zeit schwieg er betreten, aber dann fuhr er fort: „Wie du weißt, wird deine Mutter bald einem neuen Kind das Leben schenken."

    Norgann lächelte. „Na ja, aber wahrscheinlich werde ich nur für kurze Zeit mit ihm unter einem Dach wohnen. Ich möchte doch mit Niathél zusammenleben, wenn wir erst geheiratet haben. Nach Jokfurt auf ihr Bauerngut wollten wir ziehen." Vor seinem geistigen Auge sah er seine Verlobte; die lockigen, schwarzen Haare, die ihre schön geformten Züge umrahmten, die schüchtern, aber dennoch lebhaft blickenden hellen Augen, ihre vollen Lippen, nach deren Berührung er sich sehnte.

    Der Vater seufzte wieder und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. „Mein Junge, du weißt, dass ihr unseren Segen habt. Aber dennoch stimmt es mich traurig zu wissen, dass du bald nicht mehr bei uns sein wirst." Sein Blick wanderte aus dem Fenster auf das leuchtend gelbe Karifeld.

    Es wurde nun langsam dunkler in der Stube und Norgann, der fertig mit dem Essen war, stand auf, um ein paar Kerzen am Feuer im Kamin anzuzünden.

    „Nun, ich kann dich ja nicht ewig festhalten, fuhr sein Vater fort, „du bist jetzt fast achtzehn Jahre alt. Ich erinnere mich noch daran, als ich so alt war – es ging mir ja genauso: Raus aus dem Elternhaus wollte ich und mit deiner Mutter ein eigenes Leben aufbauen. Er lachte kurz, und als Norgann ihm lächelnd in die Augen schaute, sah er die Erinnerung darin aufflammen. „Nun, genug davon. Erzähl mir, was du Neues in Bor gehört hast."

    Sie machten sich daran, die Heilpflanzen in Yadwegas Kräuterschrank einzuordnen, der in einer Ecke des Raumes stand. Normalerweise war das ihre Arbeit, doch nun war sie ja nicht da und weil Vater und Sohn annahmen, dass sie erst spät wiederkommen würde, wollten sie ihr diese Arbeit gerne abnehmen.

    „Ich habe gehört, dass unser König schon alt und gebrechlich geworden ist, sodass er sein Reich bald einem seiner Söhne überlassen will, begann Norgann. „Aber die beiden Prinzen streiten sich um die Herrschaft und es heißt sogar, dass der ältere Sohn vor Kurzem versucht hat, den jüngeren umzubringen. Denn der König wollte gern ihm, Valoreth, das Amt übergeben, obwohl er der Jüngere ist. Górak, der Ältere, konnte das anscheinend nicht ertragen. Niemand konnte seinen Mordversuch beweisen, aber es könnte wahr sein. Jedenfalls brennt zurzeit die Luft im Königshaus.

    Nachdenklich fischte der Vater eine stachelige Nurak-Ginsterpflanze aus Norganns Lederrucksack und legte sie in eines der Fächer. „Es wäre schlimm, wenn seine Söhne in ihrem Übermut das Reich ins Chaos stürzen würden. Unser alter König hat nie einen Krieg begonnen und den Frieden und die Gerechtigkeit in unserem Land gewahrt." Sie schwiegen eine Weile, während sie die letzten getrockneten Pflanzen einsortierten. Draußen zeigten sich schon die ersten Sterne, als Norgann aus einem der kleinen Fenster schaute.

    „Hast du sonst noch irgendetwas erfahren?", fragte sein Vater weiter.

    Norgann hielt kurz inne. „Du weißt doch, dass in letzter Zeit oft Dörfer überfallen wurden; von diesen eigenartigen Echsenwesen. Sie sollen sehr bösartige und gefühllose Kreaturen sein. Vor Kurzem wurde Yegrand von ihnen angegriffen, die halbe Stadt ist zerstört … Es ist schrecklich."

    Er sah in den Augen seines Vaters Entsetzen aufblitzen. Die Vorfälle waren niemandem verborgen geblieben. Früher hatten die fahrenden Spielleute und Geschichtenerzähler Lieder von Frieden gesungen und von Wesen aus fernen Orten berichtet. In Sarath-Menen war nun schon seit einigen Jahren kein Krieg mehr ausgebrochen. Und wenn es zuvor Krieg gegeben hatte, so war Velok davon nie betroffen gewesen. Das Dorf war einfach zu abgelegen, und dafür waren seine Bewohner in solchen Fällen dankbar.

    Doch seit einigen Monden hörte man immer häufiger Kunde von abgebrannten Dörfern, verstümmelten Leichen und von einer grausamen Horde geschuppter Monster, die zwar kaum größer waren als Menschen und dennoch solches Unheil anrichten konnten. Die Berichte häuften sich, und jeder im Land war beunruhigt. Welches Dorf oder welche Stadt würde ihnen wohl als Nächstes zum Opfer fallen? Gab es wirklich keine Überlebenden?

    Draußen war es nun schon sehr dunkel, der Mond stand am nächtlichen Himmel, geformt wie eine dünne Sichel. Norgann hatte all diese Ängste über den langen Tag verdrängt, aber jetzt, nach dem Gespräch mit seinem Vater, kamen sie zurück und packten ihn eiskalt.

    „Deine Mutter wird heute wohl nicht nach Hause kommen. Wahrscheinlich bleibt sie über die Nacht bei Gsarea, um ihnen beizustehen. Sie hat mir gesagt, dass sie spätestens morgen Vormittag herkommt; sie ist ja sehr vorausschauend und hatte schon geahnt, dass sie länger dort bleiben muss. Wir sollten jetzt besser schlafen gehen, du bist doch sicher auch sehr müde, Norgann", meinte sein Vater.

    „Du hast recht. Norgann gähnte. „Ich glaube, ich könnte glatt Winterschlaf halten, so müde bin ich.

    Der Vater grinste ihn an. „Da musst du aber noch warten, bis der Herbst vorbei ist, und das dauert immerhin noch mindestens einen halben Mond! Gute Nacht, mein Sohn."

    „Ja, gute Nacht!", erwiderte Norgann und verließ den Wohnraum. Er ging in sein eigenes winziges Schlafzimmer, ein gemütlicher Raum mit zwei Fenstern, durch die er entweder auf das vom Mond erhellte Karifeld oder auf die im Sternenlicht silbrig schimmernden Sortes-Berge schauen konnte. An manchen Abenden blieb er noch eine Weile sitzen und schaute hinaus, aber jetzt, da es dunkel war und sein Blick auf das weiche, mit Siflu-Wolle gefüllte Bett fiel, merkte er erst richtig, wie sehr dieser lange Tag ihn erschöpft hatte. Er schloss also die Fensterläden, pustete die Kerze in seinem Zimmer aus und sank müde auf seine Matratze.

    Schreie hallten durch Velok und zerschmetterten die friedliche Mauer der Stille. Norgann riss die Augen auf und schreckte hoch. Er war mit einem Mal hellwach, als er merkte, dass der rötliche Schein in seinem Zimmer nicht von der Morgendämmerung herrührte, sondern von den lichterloh brennenden Häusern im Dorf.

    Er sprang mit einem Satz aus dem Bett und rannte zum Zimmer seines Vaters. Der stand bereits im Wohnraum und presste den Finger auf die Lippen. „Gib ja keinen Laut von dir!, flüsterte er. „Sie sind hier. Nimm Hafloth aus dem Stall und flieh in die Wälder! Beeil dich!

    Norgann war kreidebleich im Gesicht. „Was!? Aber – was ist mit Mutter?"

    „Nicht so laut!, zischte sein Vater. „Ich werde Yadwega holen und wir folgen dir nach! Geh jetzt, rasch!

    Die Schreie draußen wurden lauter und das rote Leuchten des Feuers heller.

    „Aber – Norganns Stimme klang gepresst. „Ich kann doch nicht einfach –

    Sein Vater legte ihm die Hände auf die Schultern, und Norgann war erschüttert von der tiefen Verzweiflung in seinen Augen, die schon so viel gesehen hatten. „Bitte! Wir haben keine Chance gegen diese Monster; das Einzige, was uns bleibt, ist die Flucht! Halte dich immer in Richtung der alten Höhle oben in den Bergen – sie ist gut versteckt für jeden, der sie nicht kennt, aber du weißt, wo sie sich befindet. Ich werde mit deiner Mutter dorthin kommen, sobald ich sie gefunden habe. Geh, solange sie unser Haus noch nicht erreicht haben!"

    Er drückte den Sohn noch einmal kurz an sich, als hätte er selbst keine Hoffnung mehr, ihn jemals wiederzusehen. Dann ließ er ihn los, und Norgann rannte wie gehetzt zur Tür, schnappte sich seinen Naliholzbogen sowie den Köcher samt den Pfeilen. Als er das Haus verließ, warf er einen eiligen Blick auf das heimatliche Dorf vor sich. Das Feuer wütete nicht weit entfernt, bereits sechs Häuser standen in Flammen. Schreiende Männer, Frauen und Kinder rannten umher in verzweifelten Versuchen, sich zu wehren oder sich irgendwie zu retten. Doch sie wurden alle getötet.

    Die Echsenmenschen waren nicht eben schnell, denn sie trugen schwere Rüstungen, und alles, was man darunter noch von ihren Körpern sehen konnte, war bedeckt von dunkelgrünen Schuppen und Stacheln. Dennoch hatte keiner der Dorfbewohner eine Chance gegen sie. Die Echsenmenschen hatten große, gezackte Schwerter, die sie jedem mit beängstigender Leichtigkeit in den Leib stießen, der ihnen gerade entgegenkam.

    Sie waren grausam.

    Kinder, die weinend und nach ihrer Mutter rufend fortliefen, metzelten sie ungerührt dahin; sie hackten jedem, der versuchte, sich gegen sie zur Wehr zu setzen, den Leib entzwei; sie setzten Häuser und Felder in Brand; fingen fliehende Pferde, Lunarks und Darots mit stacheligen Schlingen ein und zogen sie so fest zu, dass die Tiere entweder erstickten oder verbluteten.

    Norgann sah mit schreckgeweiteten Augen die Zerstörung seiner geliebten Heimat und war für einen Moment wie erstarrt. Dann ertrug er es einfach nicht mehr und rannte zum Stall, der neben dem Haus stand. Er riss die Stalltür auf, und sofort rannte der verängstigte braune Hengst, mit dem der Vater den ganzen Tag umhergeritten war, um bereits geerntete Feldfrüchte zu verkaufen, wiehernd hinaus. Norgann schwang sich in vollem Lauf auf den Rücken des Pferdes und lenkte es über das Feld in das Dunkel des Feuilleswaldes, ohne sich noch einmal umzusehen. Seine wiederholten Übungen, das Tier ohne Sattel und Zaumzeug zu reiten – genauso wie die Elben es taten – zahlten sich jetzt aus. Sie flohen immer weiter, und als der Junge seine schlimmste Panik langsam unter Kontrolle bekam, begann er sich für sein Verhalten Vorwürfe zu machen. Du hättest kämpfen sollen, du Feigling!, sagte er sich. Du hättest deinen Vater beschützen sollen, deine Mutter, dein ungeborenes Geschwisterkind!

    Aber er konnte sich nicht noch einmal umsehen, er konnte es einfach nicht. Sie ritten durch dichtes Laub, über Gestrüpp und heruntergefallene Äste hinweg. Selbst im schwachen Schimmer der Gestirne war Hafloth sehr trittsicher und stolperte kein einziges Mal. Erst nach einer Zeit, die ihm wie mehrere Stunden vorkam, wagte Norgann es, das rasante Tempo des immer noch verstörten Hengstes ein wenig zu drosseln.

    In seinem Kopf schwirrten tausend Ängste und Vorwürfe umher, und er versuchte sich selbst zu beruhigen. Dein Vater weiß, was er tut! Er hat es bis jetzt immer geschafft und jede Gefahrensituation genau einzuschätzen gewusst. Norgann wurde sich dieser Tatsache langsam bewusst und hörte auf, sich selbst Dinge vorzuwerfen, für die er eigentlich nichts konnte. Sie lenkten ihn nur ab.

    Weiter ging es, durch die Dunkelheit des endlosen Feuilleswaldes. Norgann nahm seine Umgebung nur noch vage wahr, er sah bloß hier und da den Schatten eines vorbeifliegenden Astes und hörte bald nur noch den schnaufenden Atem seines Hengstes. Er zwang sich dazu, einfach weiterzureiten, bis er einigermaßen sicher war, dass die Monster weit genug zurücklagen. Hufschlag für Hufschlag. Immerfort. Immerweiter.

    Irgendwann – nach einer Ewigkeit – wurde Hafloth von selbst immer langsamer und blieb schließlich schnaufend und zitternd stehen. Der Hengst war am Ende seiner Kräfte.

    Norgann glaubte, dass sie es sich erlauben konnten, eine winzige Rast einzulegen, er stieg ab und sank an den Wurzeln eines Kohrebaumes zusammen. Sein Herz raste, sein Atem ging schnell; obgleich ja der Hengst gerannt war und nicht er selbst.

    Er wusste, dass die Echsenmenschen ihn gesehen haben mussten und ihm nun wahrscheinlich nachsetzten. Aber konnten sie mit der Schnelligkeit Hafloths mithalten? Er betete zu Aikalon, dass dem nicht so war. Er dachte an Niathél und hoffte, dass Jokfurt von den Monstern bislang verschont geblieben war. Wenn ihr etwas zustoßen würde, wäre für ihn alles verloren. Was würde er tun, wenn sie in Gefahr war? Würde er dann so mutig sein wie sein Vater oder wie all die Helden aus den Geschichten? Oder würde er weglaufen, so wie er es eben tat?

    Du hast nichts falsch gemacht!, sagte er sich wiederholt. Dein Vater trifft immer die richtige Entscheidung, er hätte dich nicht fliehen lassen ohne einen Plan. Er wird überleben, und Mutter auch. Du hättest nichts gewonnen, wenn du dageblieben wärst, im Gegenteil – das wäre reiner Selbstmord gewesen.

    Norgann erhob sich. Der Mond war von einer Wolke verdeckt, doch die Sterne sah man noch durch das Blätterdach der Fichten, Buchen und Kohren. Es war ruhig. Sehr ruhig.

    Zu ruhig.

    Hafloth tänzelte nervös auf der Stelle, stellte die Ohren nach hinten und blähte die Nüstern. Der Hengst spürte die Anwesenheit der Schuppenmonster, auch wenn sie noch nicht allzu nahe waren.

    Sofort sprang Norgann auf und schwang sich auf das Pferd. „Lauf, Hafloth, lauf, schnell!"

    Doch der Hengst rannte schon los, bevor er die Worte ausgesprochen hatte, so panisch wurde er. Er galoppierte schnaubend über den weichen Waldboden, ohne auf die vorbeifliegenden Zweige zu achten, die ihm im Lauf gegen die Flanken peitschten.

    Ein Zischen wurde hörbar, kam näher, zum Greifen nahe.

    Sie waren ihnen wirklich gefolgt. Wie konnte ein Wesen, das eine Rüstung sowie schwere Waffen bei sich trug, genauso schnell sein wie ein Pferd? Norgann überlegte rasch, ob er es wagen sollte, in vollem Ritt einen Pfeil auf die Verfolger abzuschießen. Doch er verwarf den Gedanken; er konnte zwar auch reitend gut zielen, selbst in dieser Dunkelheit, aber nicht so gut, dass er diese brutalen Monster tödlich treffen würde. Er konzentrierte sich darauf, so schnell wie möglich zu fliehen, doch im Innersten seines Herzens wusste er, dass er ihnen nicht entkommen konnte.

    Plötzlich tauchten sie vor ihm auf.

    Hafloth wieherte laut und angsterfüllt und bäumte sich auf. Das Pferd wendete und rannte in die andere Richtung, schnaufend und mit Schaum vor dem Maul. Aber es kam nicht weit, denn wieder standen vor ihm drei der Echsenmenschen, zischend und die Schwerter hebend. Wohin er sich auch wandte, sie waren überall.

    Sie hatten ihn eingekreist.

    Norgann legte jetzt ohne zu zögern einen Pfeil an die Sehne und schoss auf eines der Monster. Der Echsenmensch hatte seine Bewegung bemerkt und duckte sich knurrend weg, ehe er getroffen werden konnte.

    Wieder legte er einen Pfeil ein und zielte. Das Geschoss zerschellte an der Rüstung der Echse. Sie musste aus einem sehr harten Material gemacht sein, wenn ihr ein Pfeil von Norganns durchschlagskräftigem Bogen auf diese kurze Distanz nichts anhaben konnte. Die Echsenmenschen kamen näher und rissen ihre Münder fauchend auf, wobei sie eine Reihe messerscharfer Zähne entblößten. Wieder schoss Norgann verzweifelt und zielte in den Rachen eines der Monster. Die Echse reagierte nicht schnell genug, doch der Schuss ging daneben und der Pfeil zischte haarscharf an ihrem Kopf vorbei. Eine andere sprang vor und schlug mit ihrem Schwert nach den Vorderbeinen Hafloths. Doch der Hengst war flink und wich aus, bevor er schnaubend mit den Hufen nach dem Monster schlug.

    Die Echsenmenschen nahmen kaum Notiz davon und weitere von ihnen drangen vor und bedrängten den Hengst. Es mussten mindestens zwanzig von ihnen hier sein. Hafloth bäumte sich erneut laut wiehernd auf, aber da legte sich eine Schlinge fest um seinen Hals und zog ihn mit einem heftigen Ruck zu Boden. Norgann verlor den Halt und wurde vom Rücken des Pferdes gerissen. Hart schlug er auf dem Grund auf. Mit der Kraft der Verzweiflung sprang er sofort wieder auf, legte abermals einen Pfeil ein und schoss. Er traf, direkt in den offenen Rachen eines Echsenmenschen. Sein bedrohliches Zischen verwandelte sich in ein Röcheln. Langsam fiel er der Länge nach hin und war innerhalb von Sekunden tot. Die anderen Monster nahmen das gleichgültig hin, gingen aber nun etwas vorsichtiger auf Norgann zu. Ihre Beute war nicht ganz so wehrlos, wie sie gedacht hatten. Trotzdem gab es für ihn keine Aussicht auf ein Entkommen.

    Der Junge handelte aus reiner Verzweiflung und rammte der ersten Echse, die auf ihn zuschnellte, seinen nächsten Pfeil in die Augen. Sie schrie auf und schlug mit dem Schwert nach ihm; er musste schnell zur Seite hechten, um nicht getroffen zu werden. Die Klinge fuhr nur einen Fingerbreit über ihm hinweg, sodass er den Lufthauch spüren konnte. Doch der Pfeil hatte das Gehirn der Echse durchbohrt; sie ging ebenfalls zu Boden und regte sich nicht mehr.

    Aber Norgann hatte nur zwei seiner Verfolger niederstrecken können, und die anderen gingen nun alle gleichzeitig auf ihn los, wobei sie achtlos über die Leichen ihrer Artgenossen hinwegtrampelten.

    Er war verloren.

    Doch dann tauchte Hafloth unvermittelt auf und trat mit seinen Hufen wild auf die Monster ein, die Norgann angriffen. Der Hengst musste sich wieder aufgerafft haben. Dem Jungen war unbegreiflich, wie das Pferd sich gegen die Übermacht hatte wehren können, die ihn eben noch auf dem Boden festgehalten hatte.

    Angesichts des tobenden Hengstes wichen die Echsenmenschen wieder zurück, sodass Norgann Gelegenheit hatte, weitere Pfeile abzufeuern, und noch drei der Monster fielen ihren scharfen Spitzen zum Opfer. Hoffnung keimte im Herzen des Jungen auf, und er glaubte, diesen Kampf vielleicht doch noch bestehen zu können.

    Doch dann wurde er von einem schuppigen Arm gepackt und er spürte die kühle Klinge eines Schwertes an seinem Hals.

    „Sag uns, wo die Reisaren sind, zischte die Echse, „oder wir töten dich!

    Was für Reisaren?, dachte Norgann panisch. Wovon spricht dieses Monster? Er wagte es nicht, etwas zu erwidern, und sein Herz raste so schnell, dass er glaubte, es würde ihm in der Brust zerspringen.

    „Sag es uns! Wir wissen, dass sie in deinem verfluchten Dorf waren und dass deine dreckige Familie mit ihnen unter einer Decke steckt! Wo sind sie hingegangen?"

    Norgann war wie versteinert vor Angst. Schweißperlen rannen seine Stirn hinab.

    Der stinkende, heiße Atem des Monsters fuhr in sein Gesicht, und ihm wurde speiübel. „Sag es uns, du weißt es! Sprich endlich!"

    Der Junge schwieg verängstigt, unfähig, zu reagieren.

    Plötzlich explodierte ein gleißendes Licht um ihn herum. Eine Druckwelle schleuderte die Echsenmenschen weg von ihm, und dann kam es ihm vor, als würde er selbst weggetragen.

    Alles wurde weiß.

    Die Entdeckung

    „Okay, spiel es mir bitte noch einmal vor, Alina, sagte Yakov, „und versuch mal, etwas ausdrucksvoller zu spielen. Du musst mehr Vibrato einsetzen – probier es einfach.

    Alina Phan setzte den Bogen erneut an und trug ihrem Lehrer noch einmal die Berceuse in D-Dur von Gabriel Fauré vor. Dabei achtete sie diesmal genau darauf, ihre Finger geschmeidiger auf den Saiten schwingen zu lassen. Sie liebte dieses Stück, es hatte eine beruhigende Wirkung und versetzte den Spieler sowie den Hörer in einen verträumten Zustand. Bis zum letzten Ton war sie eins mit ihrer Geige und verlieh dem Stück so viel Anmut, wie sie aufbringen konnte.

    Als die Bogenhaare schließlich nach dem letzten Ton die Saiten verließen, nickte Yakov anerkennend und lächelte. „Wunderbar! Genauso stelle ich mir das vor. Das hast du heute wirklich sehr schön hinbekommen; ich hätte nicht gedacht, dass du das so schnell schaffst."

    Alina grinste und freute sich über ihren Erfolg. Ihr Lehrer schaute auf die Uhr. „Ich denke, das war´s für heute und für dieses Jahr. Ich werde mir was Schönes überlegen, was wir nach den Ferien spielen könnten."

    Alina legte ihr Instrument wieder zurück in den Geigenkasten und verstaute ihr Notenbuch im Rucksack. Sie zog ihren Wintermantel an und gab dem kurzhaarigen, leicht gedrungenen Mann zum Abschied die Hand.

    „Bis dahin. Frohe Weihnachten, und komm gut ins neue Jahr!", sagte sie.

    „Ebenfalls, Alina. Wir sehen uns!", erwiderte Yakov und zwinkerte ihr mit seinen freundlichen Augen zu.

    Alina ging hinaus und der nächste Schüler betrat den Raum, ein kleiner Junge mit Blondschopf und wachen Augen, der ihr scheu zulächelte. Sie lief durch den hohen, schmalen Gang an den zahlreichen anderen Zimmern der Musikschule vorbei. Die verschiedensten Instrumente waren zu hören: eine Klarinette, eine E-Gitarre, von einem Zimmer weiter hinten nahm sie den Klang eines Klaviers wahr, und von der anderen Seite her hörte sie jemanden laut Schlagzeug spielen. Die relativ klein gebaute, dunkelhaarige Jugendliche kannte die Musikschule Ravenfels seit ihrem sechsten Lebensjahr, als sie angefangen hatte, Oboe zu lernen. Schon ihre Eltern hatten hier früher ihre Instrumente spielen gelernt; ihre Mutter Cello und ihr Vater Harfe. Überhaupt gab es in ihrer Familie niemanden, der kein Musikinstrument spielte, überlegte Alina, während sie die Treppen ins Erdgeschoss hinabstieg. Ihre eine Großmutter spielte Klarinette, die andere Mandoline, ihre beiden Opas Flöte und Trompete. Von ihren drei Onkeln war einer Bratschist, der zweite Harfenist – der Zwilling ihres Vaters – und der dritte spielte mit Begeisterung Schlagzeug. Man hätte glatt ein ganzes Orchester aus ihrer Familie machen können.

    Alina öffnete die große, hölzerne Tür und lief durch wildes Schneegestöber die Straße entlang zur Bushaltestelle. Sobald man draußen vor der Musikschule stand, schluckte der Straßenlärm den Großteil aller anderen Geräusche, und die Musik, die durch die geschlossenen Fenster drang, ging hoffnungslos darin unter. An der Haltestelle warteten bereits viele Leute, die meisten von ihnen voll bepackt mit Einkaufstaschen; denn ein Einkaufszentrum befand sich nur wenige Schritte hinter dem Haltepunkt. Es war ein großes, protziges Glasgebäude, das nicht so recht zu dem alten, kunstvoll gebauten Musikschulgebäude passte, welches mittlerweile schon über hundert Jahre alt sein musste.

    Die Busse fuhren hier zum Glück in relativ kurzen Zeitabständen, sodass niemand lange in der Kälte warten musste. Bald tauchte er in der Ferne aus dem Labyrinth von Straßen und Häusern auf. Alina stieg als Letzte ein, fand keinen Sitzplatz und blieb eingequetscht zwischen all den Leuten stehen. Der Bus war gerammelt voll und an den nächsten Haltestellen wurde es immer schlimmer. Sie befanden sich jetzt im Stadtzentrum.

    Überall standen große Kaufhäuser, Firmengebäude sowie die Stadtbibliothek. Es wimmelte hier bloß so von Leben, Tausende Menschen wuselten geschäftig umher, und dicke Tauben segelten durch die verschmutzte Luft. Alle Bahn- und Buslinien kreuzten die Zentralhaltestelle, den absoluten Mittelpunkt des Großstadtchaos.

    Alina atmete auf, als sich dort der Bus zur Hälfte leerte, und suchte schnell einen Sitzplatz, bevor sich wieder ebenso viele Leute hineindrängelten. Nach wenigen Minuten gelangten sie in die Altstadt, und das Durcheinander von Menschen und Autos wandelte sich in eine einigermaßen überschaubare Menge. Die Häuser reichten auch nicht mehr so hoch in den Himmel und machten einen viel besseren Eindruck als die verglasten Protzbauten der Innenstadt. Hier gab es einen großen Marktplatz, auf dem jedes Jahr ein Mittelalterfest stattfand. Alina freute sich immer sehr darauf, mit ihren Eltern oder Freunden auf dem mittelalterlichen Markt herumzuschlendern und Musikern zuzuhören, die auf historischen Instrumenten wie Schalmeien oder Drehleiern spielen konnten, oder einem echten Schmied bei der Arbeit zuzusehen.

    Alina schaute aus dem Fenstern und träumte vor sich hin, während der Bus langsam das Randgebiet der Stadt erreichte. An der vorletzten Haltestelle stieg Alina schließlich aus. Nur noch vier andere Leute saßen im Bus, als das Gefährt brausend und Abgase spuckend davonfuhr. In dem kleinen Ortsteil, wo Alinas Familie lebte, war es ziemlich ruhig und hier herrschte nur wenig Verkehr. Es war erst halb fünf nachmittags, aber es wurde langsam dunkel, die Straßenlaternen waren bereits an und erhellten ihr den Weg. Die Farmerstraße war eine gemütliche, von jungen Bäumen umsäumte Straße; Alina wohnte fast ganz am hinteren Ende in einem Einfamilienhaus. Hinter den zahlreichen Häusern erhoben sich zwei waldbedeckte Hügel, die man durch einen von der Straße abzweigenden Feldweg erreichen konnte. Auf dem größeren Hügel fand man tief im Waldinneren einige Überreste einer alten Burg, aber das Größte, was davon noch übrig war, war nur eine Statue. Alina war schon oft dort oben gewesen, um ein in einer hohen Eiche nistendes Baumfalkenpaar zu beobachten. Sie hatte eine solche Faszination für Vögel, dass sie selbst ihren besten Freunden manchmal unbegreiflich war, und sobald sie irgendeinen Vogel am Himmel erblickte, war alles andere um sie herum völlig unwichtig.

    Der Schneefall ließ allmählich nach und es wurde kälter. Zwölf Grad minus hatte der Wetterbericht am Morgen gemeldet, und für Mittelsachsen war das schon ziemlich kalt. Die Äste der Bäume bogen sich unter dem Gewicht des gefrorenen Schnees und drohten abzubrechen.

    Alina erreichte das kleine, zweistöckige Haus, in dem sie mit ihren Eltern lebte. Dahinter befand sich ein ein kleiner Garten, der im Sommer in farbiger Pracht erblühte, jetzt aber unter einer dicken, weißen Decke ruhte. Bevor Alina die Tür öffnete, schüttelte sie den Schnee von ihren Sachen, um die Wohnung nicht in ein Schwimmbad zu verwandeln. Wärme schlug ihr entgegen, als sie den Hausflur betrat und ihren Mantel aufhängte. Ihre Mutter war bereits da und kam aus dem Wohnzimmer gelaufen, als sie sie hörte. Sie war eine ziemlich kleine, schlanke Frau und hatte dunkles Haar und grüne Augen, genau wie Alina – wobei Alinas Haare deutlich dunkler waren. Sie trug Kontaktlinsen, und durch einen angeborenen Augenfehler konnte man immer etwas schlecht erkennen, ob sie einen direkt ansah oder nicht; aber Alina wusste stets ganz genau, wohin ihre Mutter schaute – schließlich war sie ihre Tochter.

    „Hallo, Mama, begrüßte Alina sie, „du bist ja schon da! Ich dachte, ihr habt heute Abend Probe.

    Frau Phan lächelte. „Nein, wir hatten vormittags Probe. Ich bin schon seit fünfzehn Uhr da. Na, wie war es heute bei dir so, am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien?"

    „Na ja, es ging so. Wie immer halt, erwiderte Alina knapp und schaute sich um. „Wenn du da bist, wieso ist Papa dann noch nicht da?, fragte sie verwundert.

    „Er wollte sich in der Stadt noch nach einem Geschenk für Stefan umsehen, weil der doch übermorgen seinen vierzigsten Geburtstag feiert", erklärte ihre Mutter.

    „Ach so."

    Stefan war ein alter Schulfreund von Alinas Vater und war manchmal zu Besuch. Als kleines Kind hatte sie ihn immer etwas gruselig gefunden, denn er hatte kein einziges Haar am Körper, nicht mal Augenbrauen. In seinem zwölften Lebensjahr waren ihm die Haare nach und nach ausgefallen, erst nur am Kopf und dann überall. Doch das äußere Erscheinen hatte nichts zu sagen, er war ein sehr netter und humorvoller Mensch.

    „Ähm, also …, begann Alina, „ich wollte später noch mal rausgehen und mich mit Sepp treffen. Ist das in Ordnung?

    „Ja, klar, entgegnete ihre Mutter. „Er kann auch ruhig mal wieder herkommen, da hätte ich nichts dagegen, immerhin war er schon lange nicht mehr da. Aber was wollt ihr denn bei dieser Dunkelheit und diesem Schnee noch machen? Sie wartete aber nicht auf eine Antwort, sondern winkte mit einem wissenden Lächeln ab und fügte hinzu: „Ach was, macht was ihr wollt. Bestimmt habt ihr bei den Ruinen was Neues entdeckt oder so."

    Alina grinste. „Ja. So ungefähr, meinte sie. „Keine Sorge, wir ziehen uns warm genug an. Und Mama, wir können schon auf uns aufpassen! Immerhin sind wir jetzt siebzehn.

    „Ich sag ja, lachte die Mutter, „macht nur euer Zeugs. Es sind ja jetzt Ferien. Hauptsache, ihr kommt mir dann nicht halb erfroren und jammernd nach Hause!

    „Ist gut", erwiderte Alina flüchtig und ging hoch in ihr Zimmer, um schnell noch ihre Schulsachen wegzuräumen.

    Das letzte bisschen Abendrot war endgültig verblasst, als Alina das Haus wieder verlassen hatte. Die grauen Wolken hatten sich aufgelöst, und der Mond erstrahlte am Himmel. Alina war auf dem Weg zum Feldweg, sie hatte sich um siebzehn Uhr mit ihrem Freund dort verabredet. Der Schnee unter ihren Füßen glitzerte im gelblichen Licht der Straßenlaternen und die Eisblumen an den Fenstern parkender Autos blinkten auf wie die Sterne am Himmel. Am Ende der Straße, wo der Weg begann, der zum Hügelwald führte, wartete bereits jemand. Der Junge war wie Alina in einen dicken Wintermantel gehüllt, aber unter seiner Mütze ragte noch das schulterlange, buschige schwarze Haar hervor. Als er Alina sah, machte er ein gespielt vorwurfsvolles Gesicht.

    „Mann, du bist doch sonst nie zu spät! Ist dir irgendetwas dazwischengekommen?"

    Alina verdrehte die Augen. „Meine Güte, es sind doch bloß fünf Minuten, reg dich nicht auf, Sepp", gab sie zurück.

    Giuseppe grinste. „Du weißt doch, dass das nicht so ernst gemeint war. Aber sonst bist du immer mindestens eine Viertelstunde zu früh! Da macht man sich schon Sorgen."

    Alina lachte und stupste ihn an.

    Sie gingen den Feldweg hinauf. Obwohl der Schnee alles Licht reflektierte, war es ohne die Straßenlaternen doch etwas zu dunkel; aber Alina hatte vorsorglich eine Taschenlampe mitgebracht. Bis zum Waldrand hatten sie es nicht weit, allerdings war der Weg ziemlich steil. Die finsteren Silhouetten der jungen Hainbuchen, die zu beiden Seiten des Weges standen, hoben sich deutlich vom Weiß der schneebedeckten Felder ab.

    „Es ist echt kalt", bemerkte Sepp.

    „Na hör mal, es ist Winter!, erwiderte Alina. „Was erwartest du, dreißig Grad plus? Du bist außerdem schon dick angezogen! Und dann heißt es immer, dass Frauen schneller frieren als Männer!

    Giuseppe grummelte etwas Unverständliches und schwieg. Nach kurzer Zeit erreichten sie den Wald. Im schwachen Licht der Taschenlampe konnte man erkennen, dass die Bäume starr vor Eis waren, selbst ihre Stämme waren mit Eiskristallen übersät.

    „Hey, sieh mal. Alina strich über die vereisten Zweige einer Fichte, und in ihrem Handschuh sammelten sich Tausende glitzernde Eiskristalle. „Die Bäume sind bei der Kälte nicht nur eingeschneit, sondern richtig tiefgefroren!

    Sepp schaute sich – so gut es in dem trüben Lampenlicht ging – um und guckte skeptisch. „Und du glaubst wirklich, dass diese Waldkäuze hier sind? Die erfrieren doch."

    Alina zuckte die Schultern. „Die haben schon ihre Methoden, sich warm zu halten. Sie haben ein sehr dichtes Gefieder."

    Ihr Freund war immer noch misstrauisch. „Aber die fliegen doch in den Süden, weil´s dort wärmer ist."

    „Waldkäuze sind keine Zugvögel. Die überwintern hier. Aber die Falken, die ich hier im Sommer gesehen habe, die sind jetzt auf und davon mit ihren flüggen Jungen. Im Frühjahr kommen sie bestimmt wieder hierher."

    Sie folgten dem Weg, bis Alina irgendwann stehen blieb und mit der Taschenlampe nach oben leuchtete. Erwartungsvoll folgte Sepp ihrem Blick – aber da war nichts.

    „Weißt du, nimm mir das nicht übel, aber … Er verrenkte den Hals, um weiter nach oben zu schauen. „Es ist einfach bloß eine saublöde Idee, im tiefsten Winter bei Stockdunkelheit nach irgendwelchen Eulen Ausschau zu halten! Sepp mochte Alina sehr und sie kannten sich schon seit Ewigkeiten, aber ihr Vogeltick ging ihm dann manchmal doch auf die Nerven, obwohl er ihre Beobachtungsausflüge immer mitmachte und sich auch eingestehen musste, dass es oft sehr interessant und spannend war. „Wir könnten doch gehen, wenn sie im Frühling ein Nest gebaut haben. Da haben sie wenigstens einen festen Standort und sind leichter aufzufinden."

    Alina verdrehte die Augen und suchte weiter die Baumwipfel ab. „Oh nein! Du hast ja gar keine Ahnung. Wenn Waldkäuze brüten oder gerade ihre Jungen aufziehen, sind sie sehr aggressiv und greifen sogar Menschen direkt an! Und der Begriff ‚fester Standort‘ ist bei flugfähigen Tieren sowieso immer relativ."

    Ihr Freund war aber immer noch unzufrieden. „Wenn du so mit der Lampe rumsuchst, verstecken die sich bestimmt. Die mögen doch sicher kein helles Licht, und …"

    „Pst!"

    Alina legte den Finger auf die Lippen und deutete in das Geäst einer hohen Buche. Sepp folgte ihrem Blick und erspähte, weit oben auf einem dicken Ast, einen mittelgroßen Vogel mit braun und weiß gemustertem Gefieder, der seinen runden Kopf drehte und mit seinen großen, tiefschwarzen Augen zu ihnen hinunter in den trüben Lichtkegel blinzelte.

    „Siehst du, flüsterte Alina, ohne ihren Blick von dem Waldkauz zu wenden. „Da ist einer.

    Eine Weile standen sie lautlos da und beobachteten den Vogel, der sie ab und zu mit seltsam anmutenden, kreisförmigen Bewegungen seines Kopfes neugierig musterte. Alina prägte sich ganz genau Helligkeit und Musterung des Gefieders ein, um den Vogel wiedererkennen zu können. Giuseppe betrachtete den Kauz mit etwas weniger Interesse; er verstand nicht so recht, wie man so sehr in Vögel vernarrt sein konnte, dass man bei so einer Kälte in den dunklen Hügelwald ging und sie dann minutenlang anstarrte. Aber er hatte ja versprochen, mit ihr hierher zu kommen; weniger wegen der Waldkäuze, sondern wegen ihrer tief verbundenen Freundschaft. Wenn Alina sagte: „Komm, Sepp, wir gehen morgen zu den Ruinen, oder: „Hey, lass uns heute Nachmittag Turmfalken beobachten, kam er eben mit ihr; und so war es auch umgekehrt, wenn er mit ihr ins Kino oder ins Theater wollte. Seit sie sich in der Grundschule kennengelernt hatten, waren sie kaum irgendwo allein hingegangen, man sah sie fast immer zu zweit.

    Giuseppe erwachte aus seinen Gedanken, als der Vogel über ihnen einen schaurigen Ruf ausstieß, die Flügel ausbreitete und lautlos im Geäst der verschneiten Bäume verschwand.

    Alina sah noch einige Augenblicke in die Richtung, in die der Waldkauz eben davongeflogen war.

    „Ein sehr schönes Tier", sagte sie, und ihre Augen leuchteten.

    Sepp nickte. „In der Tat. So langweilig sind Vögel ja doch nicht." Er grinste schelmisch.

    Alina lachte. „Ach du! Tu doch nicht so. Also, wenn du willst, können wir jetzt heimgehen. Es ist wirklich ziemlich kalt und ich glaube, das reicht erst mal. Ich werde in den nächsten Tagen noch ein paarmal herkommen und kann den Vogel bestimmt noch öfter beobachten. Jetzt kann ich ihn auch jederzeit wiedererkennen. Aber heute taucht er bestimmt nicht noch einmal auf."

    Giuseppe nickte zustimmend.

    Sie hatten sich noch nicht einmal zum Gehen gewandt, als plötzlich ein heller Blitz vor ihnen grell aufleuchtete und dann sofort wieder verblasste.

    Alina unterdrückte einen Aufschrei und beide standen eine Weile reglos da, aneinander geklammert vor Angst. Die Finsternis des Waldes umgab sie; Alina hatte die Taschenlampe fallen lassen.

    Die Erscheinung hatte nur Sekundenbruchteile gedauert und sie war von keinerlei Laut begleitet gewesen. Ein pulsierendes Nachbild des Lichts zuckte auf ihrer Netzhaut. Es dauerte etwas, bis ihre geblendeten Augen wieder klar sehen konnten.

    „Was … was war das?", flüsterte sie ängstlich.

    Giuseppe löste sich aus ihrem Griff. Auch er sah sehr erschrocken aus. „Ich weiß es nicht. Vielleicht ist irgendetwas … explodiert?", mutmaßte er unsicher.

    „Eigenartig." Alina hatte sich wieder einigermaßen gefasst. Doch dann erstarrte sie erneut.

    Ein Stöhnen drang von dort, wo der Blitz vor Kurzem noch geleuchtet hatte.

    Die Freunde schauten sich an.

    „Hast du vorhin jemand anderes gesehen?", fragte Alina.

    Sepp zuckte verwirrt die Schultern. „Ich habe niemanden gesehen."

    Alina trat einen Schritt vor. „Wir sollten hingehen – was, wenn er oder sie verletzt ist?"

    Sie gingen zuerst nur zögerlich in die Richtung, aus der immer noch lediglich Geräusche drangen – ein Rascheln, ein Stöhnen –, aber überwanden dann ihre Furcht und gingen schneller voran. Schließlich erreichten sie die Stelle. Im hellen Schnee gewahrten sie den Umriss eines Menschen, der auf dem Boden lag. Er bewegte sich kaum.

    „Was, wenn er wirklich verletzt ist? In Alina stieg wieder Panik auf. „Mist, warum haben wir die Taschenlampe liegen lassen? Vielleicht können wir ihm irgendwie helfen!

    „Warte, ich hol sie schnell."

    Ihr Freund rannte davon und suchte den schneebedeckten Waldboden nach der Lampe ab. Kurz darauf kam er wieder mit ihr zurück. Im trüben Schein konnten sie den jungen Mann gut erkennen, der dort lag; er mochte ein wenig älter sein als sie. Verletzt schien er nicht zu sein; aber sein Aussehen befremdete die zwei. Er war mit einem Lederwams und einer dunklen Hose aus einem baumwollähnlichen Stoff bekleidet, auf dem Rücken trug er einen Köcher mit Pfeilen und in der linken Hand hielt er einen Bogen. Seine langen, dunklen Haare sahen durchgeschwitzt aus, als wäre er eine weite Strecke gerannt.

    Alina und Giuseppe brachten kein Wort heraus, so verwundert waren sie über ihre seltsame Entdeckung.

    „Ähm, ist – ist alles in Ordnung mit Ihnen?", brachte Sepp leise hervor.

    Der altertümlich gekleidete Junge öffnete langsam seine tiefbraunen Augen; und als er sie erblickte, schaute er sie einen Moment lang genauso verwirrt an wie sie ihn. Dann sprang er auf, spannte mit einer blitzschnellen, reflexartigen Bewegung einen gefährlich spitz aussehenden Pfeil auf den Bogen und zielte auf Sepp.

    Alina schrie auf und stieß ihren Freund zur Seite. „Tun Sie ihm ja nichts an!", schrie

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