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Buffett, Newton, Darwin: Warum Anleger von Physik, Biologie & Co. profitieren

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Buffett, Newton, Darwin: Warum Anleger von Physik, Biologie & Co. profitieren

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5/5 (1 Bewertung)
Länge:
330 Seiten
10 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 17, 2014
ISBN:
9783864701993
Format:
Buch

Beschreibung

Hagstrom erklärt, warum es für Investoren wichtig ist, Entdeckungen aus anderen Bereichen wie das Newton'sche Gleichgewicht oder die Darwin'sche Evolution zu berücksichtigen. Lässt man die Grundsätze der Physik, Biologie, Soziologie, Psychologie, Philosophie, Literaturwissenschaft und Mathematik in die eigenen Investment-Entscheidungen einfließen, stellen sich nämlich positive Ergebnisse ein. Hagstroms These: Nur wer den engen Rahmen der Investment-Welt verlässt, wird zu einem wirklich erfolgreichen Investor.
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 17, 2014
ISBN:
9783864701993
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Buffett, Newton, Darwin - Robert G. Hagstrom

2012

I

Ein Gitterwerk geistiger Modelle

Im April 1994 bekamen die Studenten des Investment-Seminars von Dr. Guilford Babcock an der Marshall School of Business der University of Southern California (USC) etwas Seltenes serviert: eine kräftige Dosis Wissen aus dem richtigen Leben von einem Mann, dessen Gedanken über Geld weithin als unbezahlbar gelten.

Charles Munger – in der gesamten Welt des Investments als Charlie bekannt – ist Vizepräsident von Berkshire Hathaway, der Holdinggesellschaft, die von Warren Buffett geleitet wird, dem berühmtesten Anleger der Welt. Der gelernte Anwalt ist Buffetts Unternehmenspartner, Freund und der „Gescheite" des Duos. Er erregt immer Aufmerksamkeit, wenn er irgendwo spricht.

Charlie Munger ist ein intellektuelles Juwel, das gewissermaßen hinter seinem berühmteren Partner verborgen ist. An dieser Anonymität ist nicht Buffett schuld. Charlie ist die Rolle im Hintergrund einfach lieber. Abgesehen von gelegentlichen Auftritten wie dem an der USC und seiner bedeutenden Rolle bei den Hauptversammlungen von Berkshire Hathaway hält sich Charlie weitgehend aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit heraus. Und sogar bei den alljährlichen Hauptversammlungen hält er seine Bemerkungen bewusst kurz und lässt Buffett die meisten Fragen der Aktionäre beantworten. Aber manchmal hat Charlie doch etwas hinzuzufügen und wenn er spricht, richten sich die Aktionäre auf und rutschen bis zur Stuhlkante vor, damit sie besser sehen können und jedes Wort mitbekommen.

In Dr. Babcocks Klassenzimmer herrschte an jenem Tag im April eine ganz ähnliche Atmosphäre. Die Studenten wussten, wem sie da zuhörten, und sie wussten, dass sie von beträchtlicher Investment-Kompetenz würden profitieren können. Aber stattdessen bekamen sie etwas unendlich viel Wertvolleres.

Am Anfang gestand Charlie verschmitzt, er werde seinen Zuhörern gewissermaßen einen Streich spielen. Anstatt den Aktienmarkt zu behandeln, wolle er über „Stock-Picking als Unterabteilung der Kunst der Weltklugheit" sprechen.¹ In den nächsten anderthalb Stunden forderte er die Studenten dazu auf, ihre Sichtweise der Börse, des Finanzwesens und der Wirtschaft im Allgemeinen auszudehnen und sie nicht als getrennte Disziplinen zu betrachten, sondern als Teil eines größeren Wissensgebiets, das außerdem auch Physik, Biologie, die Sozialwissenschaften, Psychologie, Philosophie, Literatur und Mathematik einschließt.

Er meinte, in dieser breiteren Sichtweise seien alle Disziplinen miteinander verflochten und würden einander dadurch stärken. Ein denkender Mensch ziehe aus jeder Disziplin wichtig geistige Modelle heraus und aus der Kombination dieser Schlüsselideen ergebe sich ein zusammenhängendes Verständnis. Wer eine solche breite Sichtweise pflege, sei auf einem guten Weg, Weltklugheit zu erlangen, also das solide Fundament, ohne das Erfolg an der Börse – oder anderswo – nur ein flüchtiger Glücksfall sei.

Um seiner Argumentation Nachdruck zu verleihen, verwendete Charlie ein denkwürdiges Bild, um die verflochtene Struktur der Ideen zu beschreiben: ein Gitterwerk der Modelle. „Man muss Modelle im Kopf haben, erklärte er, „und seine Erfahrungen – die indirekten und die direkten – auf diesem Modell-Gitter anordnen. Dieser bildliche Vergleich leuchtet so sehr unmittelbar ein, dass er in der Welt der Geldanlage gewissermaßen zu einer Kurzform geworden ist, mit der man schnell und leicht auf Charlies Methode Bezug nehmen kann.

Auf dieses Thema kommt er oft zu sprechen. Auf der Hauptversammlung von Berkshire Hathaway ergänzt er beispielsweise Buffetts Antworten oft dadurch, dass er aus einem Buch zitiert, das er vor Kurzem gelesen hat. Oft scheint kein direkter Zusammenhang zwischen dem Zitat und der Geldanlage zu bestehen, aber durch Charlies Erläuterung wird es schnell relevant. Nun ist es nicht so, als wären Buffetts Antworten unvollständig – weit gefehlt. Es ist nur so, dass das Verständnis innerhalb der Gruppe auf ein neues Niveau gehoben wird, wenn Charlie Buffetts Gedanken mit ähnlichen Gedanken verbinden kann.

Charlie verfolgt mit der Aufmerksamkeit, die er anderen Disziplinen schenkt, einen Zweck. Er ist der festen Überzeugung, dass die Vereinigung von geistigen Modellen aus getrennten Disziplinen, die ein Gitterwerk des Verstehens schafft, eine leistungsfähige Möglichkeit ist, überlegene Investmentergebnisse zu erzielen. Anlageentscheidungen sind mit größerer Wahrscheinlichkeit richtig, wenn Ideen aus anderen Disziplinen zum gleichen Schluss führen. Das ist der hauptsächliche Lohn – breiteres Verständnis macht uns zu besseren Anlegern. Gleich wird jedoch klarwerden, dass dies noch viel breitere Auswirkungen hat. Wer danach strebt, Zusammenhänge zu verstehen, ist auf dem direkten Weg zur Weltklugheit. Dadurch werden wir nicht nur zu besseren Anlegern, sondern auch zu besseren Führungskräften, besseren Staatsbürgern, besseren Eltern, Eheleuten und Freunden.

Und wie erlangt man Weltklugheit? Genau genommen ist es ein laufender Prozess, in dem man sich zunächst die wesentlichen Konzepte – die Modelle – vieler Wissensgebiete aneignet und dann im zweiten Schritt lernt, darin ähnliche Muster zu erkennen. Im ersten Schritt geht es darum, sich zu bilden, und im zweiten darum, dass man lernt, anders zu denken und zu sehen.

Es mag einschüchternd wirken, dass man Wissen aus vielen Disziplinen erwerben soll, doch zum Glück braucht man nicht auf allen Gebieten Fachmann zu werden. Man braucht bloß die grundlegenden Prinzipien zu lernen – die Charlie als die „großen Gedanken" bezeichnet –, und zwar so gut, dass man sie stets parat hat. Die nächsten Kapitel des vorliegenden Buches sind als Ausgangspunkt für diese autodidaktische Bildung gedacht. Jedes behandelt eine bestimmte Disziplin – Physik, Biologie, Sozialwissenschaften, Psychologie, Philosophie, Literatur und Mathematik – aus Sicht ihres Beitrags zum Gitterwerk der Modelle. Natürlich stehen dem intellektuellen Forscher noch viele andere Quellen offen.

An diesem Punkt höre ich oft folgenden Einwand: „Ist es denn nicht das, was wir auf dem College lernen sollen? Grundlegende Konzepte, die im Laufe der Jahrhunderte entwickelt wurden?" Natürlich. Die meisten Dozenten würden Ihnen mit leidenschaftlichen Worten sagen, ein breit angelegter Lehrplan auf Grundlage der Geisteswissenschaften sei die beste oder gar die einzige Art, gebildete Menschen hervorzubringen. Theoretisch hat gegen diese Haltung wohl kaum jemand etwas einzuwenden. In der Praxis sind wir jedoch zu einer Gesellschaft geworden, die die Spezialisierung der Breite vorzieht.

Das ist auch absolut verständlich. Da die Studenten und die Eltern für ein College-Studium ein kleines Vermögen ausgeben, erwarten sie, dass sich diese Investition nach dem Abschluss zügig in Form eines guten Jobs auszahlt. Sie wissen, dass die meisten Personalabteilungen von Großunternehmen Arbeitskräfte mit Fachwissen haben wollen, die sofort einen konkreten Beitrag zum Unternehmen leisten können. Da verwundert es wohl kaum, dass die meisten Studenten heutzutage unter diesem Druck auf ein breit angelegtes geisteswissenschaftliches Studium zugunsten eines spezialisierten Studienfachs verzichten. Ich denke zwar, dass das verständlich ist, bin aber auch der Überzeugung, dass dies für uns eine Verarmung bedeutet.

Es gab einen Zeitpunkt in unserer [also der US-amerikanischen, Anm. d. Ü.] Geschichte, an dem uns ein ausgezeichnetes Modell empfohlen wurde, worin eine gute Bildung besteht. Vielleicht hätten wir damals besser aufpassen sollen.

Im Sommer 1749 erhielten die Abonnenten der „Pennsylvania Gazette zusätzlich zu ihrer Zeitung noch eine Beilage aus der Feder ihres Herausgebers Benjamin Franklin. Er bezeichnete diese Broschüre mit dem Titel „Proposals Relating to the Education of Youth in Pensilvania („Vorschläge für die Bildung der Jugend in Pennsylvania) als „Hinweispapier, um gegen den bedauernswerten Zustand anzugehen, dass die „Jugend der Provinz keine Hochschule hat".² In Connecticut und Massachusetts besuchten die jungen Männer bereits Yale und Harvard, Virginia hatte das College of William and Mary und in New Jersey stand Studenten das College of New Jersey (später „Princeton genannt) zur Verfügung. In Philadelphia hingegen, der größten und reichsten Stadt der Kolonien, die als das „Athen Amerikas bekannt war, gab es keine Lehranstalt für die höhere Bildung. Franklin erläuterte in seiner Denkschrift seinen Vorschlag, diesem Zustand mit der Errichtung der Public Academy of Philadelphia abzuhelfen.

Franklins Konzept war in der damaligen Zeit einzigartig. Harvard, Yale, Princeton und William and Mary waren Schulen für die Ausbildung von Geistlichen. Der Schwerpunkt ihrer Lehrpläne lag eher auf klassischen Studien als auf praktischem Unterricht, der die jungen Männer auf den Beruf und den Staatsdienst vorbereitet. Franklin hegte die Hoffnung, die Philadelphia Academy würde sowohl auf die traditionellen klassischen Fächer Wert legen (die er als schmückendes Beiwerk bezeichnete) als auch auf die praktischen. „Was ihre Studien angeht, so schrieb er, „wäre es gut, wenn ihnen alles Nützliche und alles schmückende Beiwerk beigebracht werden könnte. Doch die Kunst ist lang und ihre Zeit kurz. Darum schlage ich vor, dass sie das lernen, was unter Berücksichtigung der verschiedenen Berufe, die sie anstreben, am nützlichsten und am schmückendsten ist.

Heute ist Franklins Public Academy of Philadelphia die University of Pennsylvania. Dr. Richard Beeman, ehemaliger Dekan des dortigen College of Art and Sciences, beschreibt die Tragweite dessen, was Franklin vollbracht hat, so³ : „Benjamin Franklin hat den ersten modernen weltlichen Lehrplan zusammengestellt und der Zeitpunkt war perfekt." Im 18. Jahrhundert wuchs der Wissensschatz der Welt dank neuer Erkenntnisse der Mathematik und der Naturwissenschaften explosionsartig an und der klassische, aus Griechisch, Latein und der Bibel bestehende Lehrplan reichte nicht mehr aus, um das neue Wissen zu erklären. Franklin schlug vor, die neuen Fachgebiete an der Hochschule zu etablieren, und ging dann noch einen Schritt weiter: Er empfahl, die Studenten sollten zusätzlich die notwendigen Fertigkeiten erlernen, mit denen sie in der Wirtschaft und im Staatsdienst erfolgreich werden könnten. Sobald die Studenten die grundlegenden Fertigkeiten beherrschen würden – das waren damals Schreiben, Zeichnen, Reden halten und Rechnen –, könnten sie ihre Aufmerksamkeit dem Erwerb von Wissen zuwenden, schrieb er.

„Fast alle Arten nützlichen Wissens lassen sich durch das Studium der Geschichte lernen, schrieb Franklin. Allerdings meinte er damit mehr als das, was wir heute gewöhnlich mit dem Fach Geschichte verbinden. Für ihn umfasste die „Geschichte alles Bedeutsame und Lohnenswerte. Als er die jungen Männer ermunterte, die Geschichte zu studieren, meinte er damit, sie sollten Philosophie, Logik, Mathematik, Religion, Staatskunde, Recht, Chemie, Biologie, Gesundheitswesen, Landwirtschaft, Physik und Fremdsprachen lernen. Wer fragte, ob eine solch mühselige Aufgabe wirklich notwendig sei, dem entgegnete Franklin, Lernen sei keine Bürde, sondern ein Geschenk. Er sagte, wenn man die Universalgeschichten studiert, „bekommt man eine zusammenhängende Vorstellung von den menschlichen Angelegenheiten".

Laut Beeman war Benjamin Franklin der Erfinder einer humanistischen Ausbildung im Rahmen eines Studium generale. „Er wollte geistige Gewohnheiten kultivieren. Die Philadelphia Academy war eine breit angelegte Plattform für lebenslanges Lernen. Dafür ist Franklin natürlich das perfekte Musterbeispiel. Er bewahrte sich einen offenen Geist und sein intellektueller Ehrgeiz brannte stets auf großer Flamme. Als Erzieher ist er mein Idol."

Beeman weiter: „Benjamin Franklins Erfolg als Erzieher beruhte auf drei festen Prinzipien. Erstens musste der Student die grundlegenden Fertigkeiten erwerben: Lesen, Schreiben, Rechnen, Leibeserziehung und Sprechen vor Publikum. Dann wurde er in die Wissensgebiete eingeführt und schließlich wurde ihm beigebracht, Denkgewohnheiten zu kultivieren, indem er die Zusammenhänge entdeckte, die zwischen den Wissensgebieten bestehen."

In den 250 Jahren, die seitdem vergangen sind, haben amerikanische Erzieher nicht aufgehört, über die beste Methode zu diskutieren, wie man junge Geister ausbildet. Die College-Verwaltungen passen ihre Lehrpläne kontinuierlich in der Hoffnung an, damit die besten Studenten anzulocken. Es gibt zwar nach wie vor Kritiker unseres modernen Bildungssystems und manche ihrer Kritikpunkte erscheinen berechtigt. Trotz all seiner Fehler gelingt es unserem heutigen Bildungssystem aber recht gut, Fertigkeiten zu vermitteln und Wissen zu produzieren – die beiden ersten von Franklins Prinzipien. Was jedoch häufig fehlt, ist sein drittes Prinzip: die „geistigen Gewohnheiten" oder Denkgewohnheiten, die versuchen, verschiedene Wissensgebiete miteinander zu verbinden.

Wir können daran etwas ändern. Auch wenn die Tage unserer schulischen Ausbildung hinter uns liegen, können wir auf eigene Faust nach den Verflechtungen zwischen den Ideen aus verschiedenen Bereichen suchen, nach den Verbindungen, die echtes Verständnis hervorbringen.

Es ist natürlich leicht zu sehen, dass die Pflege von Franklins „geistigen Gewohnheiten, um Professor Beemans wundervollen Ausdruck zu verwenden, der Schlüssel zur Erreichung von Charlie Mungers „Weltklugheit ist. Aber es zu sehen ist die eine Sache, entsprechend zu handeln eine andere. Vielen von uns geht es gegen den geistigen Strich. Nachdem wir Jahre investiert haben, um ein Fachgebiet zu erlernen, wird jetzt verlangt, dass wir uns selbst andere Gebiete beibringen. Uns wird gesagt, wir sollen uns nicht von den engen Grenzen der Disziplinen einschränken lassen, in denen wir ausgebildet wurden, sondern über die intellektuellen Zäune springen und schauen, was auf der anderen Seite liegt.

Für Anleger lohnt sich diese Mühe sehr. Wenn man über den Zaun blickt, kann man auf anderen Gebieten Ähnlichkeiten beobachten und Denkmuster erkennen. Und wenn ein Konzept von einem anderen und wieder einem anderen und so weiter verstärkt wird, weiß man, dass man auf dem richtigen Weg ist. Entscheidend ist, dass man die Verknüpfungen findet, die eine Idee mit der anderen verbinden. Glücklicherweise funktioniert der menschliche Verstand sowieso auf diese Art.

Im Jahr 1895 begann ein junger Student namens Edward Thorndike bei dem Psychologen und Philosophen William James an der Harvard University das Verhalten der Tiere zu studieren. William James wird uns im Laufe des Buches in einer anderen Eigenschaft noch einmal begegnen. Im Moment interessieren uns an Thorndike seine grundlegenden Forschungen dazu, wie das Lernen abläuft, und zwar sowohl bei Menschen als auch bei Tieren. Er hat als Erster das heute anerkannte Reiz-Reaktions-Schema entwickelt, gemäß dem Lernen stattfindet, wenn Assoziationen – Verbindungen – zwischen Reizen und Reaktionen gebildet werden.

Thorndike setzte seine Forschungen an der Columbia University fort und arbeitete dort eng mit Robert S. Woodworth zusammen. Gemeinsam erforschten sie den Prozess des Lerntransfers. In einer Schrift, die sie 1901 veröffentlichten, kamen sie zu dem Schluss, dass das Lernen auf einem Gebiet nicht unbedingt das Lernen auf anderen Gebieten erleichtert. Sie behaupteten, der Transfer finde nur statt, wenn die ursprüngliche Situation und die neue Situation ähnliche Elemente enthalten würden. Das heißt, wenn wir A verstehen und in B etwas erkennen, das A ähnelt, sind wir auf dem besten Weg, B zu verstehen. Laut dieser Sichtweise hat Lernen weniger mit einer Veränderung der Lernfähigkeit einer Person zu tun, als vielmehr damit, dass Gemeinsamkeiten bestehen. Wir lernen neue Dinge nicht, weil wir irgendwie zu besseren Lernern geworden wären, sondern weil wir besser Muster erkennen können.

Edward Thorndikes Lerntheorie bildet den Kern einer heutigen Theorie der Kognitionsforschung namens Konnektionismus. (Die Kognitionsforschung befasst sich damit, wie das Gehirn funktioniert – wie wir denken, lernen, schlussfolgern, uns erinnern und Entscheidungen treffen.) Aufbauend auf Thorndikes Untersuchungen von Reiz-Reaktions-Mustern besagt der Konnektionismus, dass Lernen ein Prozess aus Versuch und Irrtum sei, in dem positive Reaktionen auf neue Situationen (Reize) tatsächlich die Nervenverbindungen zwischen Hirnzellen verändern. Der Lernprozess wirkt sich also auf die synaptischen Verbindungen zwischen Nervenzellen aus. Die Verknüpfungen passen sich ständig an, wenn vertraute Muster erkannt werden, und stellen sich auf neue Informationen ein. Das Gehirn besitzt die Fähigkeit, verwandte Verbindungen zu einer Kette zu verknüpfen und etwas, das in ähnlichen Situationen gelernt wurde, zu übertragen (Transfer). Somit kann man sagen, dass die Intelligenz davon abhängt, wie viele Verbindungen ein Mensch gelernt hat.

Der Konnektionismus hat bei Unternehmenslenkern und Wissenschaftlern viel Aufmerksamkeit erregt, weil er das Herzstück eines leistungsfähigen neuen Systems der Informationstechnologie namens künstliche neuronale Netze bildet. Neuronale Netze, wie sie meistens kurz genannt werden, versuchen die Funktionsweise des Gehirns genauer nachzubilden, als es mit traditionellen Computern möglich ist.

Im Gehirn arbeiten die Nervenzellen oder Neuronen in Gruppen zusammen, die man als Netze bezeichnet und jeweils Tausende untereinander verbundene Neuronen beinhalten. Künstliche neuronale Netzwerke sind Computer, die die grundlegende Struktur des Gehirns nachahmen: Sie bestehen aus Hunderten von Verarbeitungseinheiten (analog zu den Neuronen), die zu einem komplexen Netz miteinander verbunden sind. (Überraschenderweise sind Neuronen um mehrere Größenordnungen langsamer als Siliziumchips, aber das Gehirn macht die geringere Geschwindigkeit durch die überaus hohe Anzahl von Verknüpfungen wett, die für eine enorme Effizienz sorgen.)

Die hohe Leistungsfähigkeit eines neuronalen Netzwerks und die Eigenschaft, die es vom traditionellen Computer abhebt, fußt darauf, dass die Gewichtung der Verbindungen zwischen seinen Einheiten angepasst werden kann – ebenso wie sich die Synapsen im Gehirn anpassen. Sie werden je nach Bedarf für die Erfüllung verschiedener Aufgaben stärker oder schwächer oder gar neu „verdrahtet". Daher kann ein neuronales Netz wie ein Gehirn lernen. Und wie das Gehirn besitzt es die Fähigkeit, komplexe Muster zu erkennen, neue Informationen in Muster einzuordnen und zwischen den neuen Daten Assoziationen zu bilden.

Wir verstehen erst ansatzweise, wie diese Technologie in der Unternehmenswelt eingesetzt werden könnte. Ein paar Beispiele: Ein Hersteller von Babynahrung verwendet die Technologie, um Rinder-Futures zu managen. Abfüller von alkoholfreien Getränken benutzen sie als „elektronische Nase", um unangenehme Gerüche zu erkennen und zu analysieren. Kreditkartengesellschaften spüren damit gefälschte Unterschriften auf und erkennen Betrug anhand von abweichenden Ausgabegewohnheiten. Fluglinien verwenden sie, um die Nachfrage nach Flügen vorherzusagen. Postdienste benutzen neuronale Netze, um schludrige Handschriften zu entziffern, und Computerfirmen entwickeln mit ihrer Hilfe Software, die per E-Mail verschickte handgeschriebene Notizen und auf einer Cocktailserviette skizzierte technische Zeichnungen erkennt.

Der Prozess, ein Gitterwerk aus geistigen Modellen aufzubauen und zu verwenden, ist ein innovativer Denkansatz, der viele Menschen bis hin zur geistigen Lähmung einschüchtern kann. Doch zum Glück gibt es für diesen Prozess einen leicht verständlichen Fahrplan.

Das Santa Fe Institute in Santa Fe im US-Bundesstaat New Mexico ist eine interdisziplinäre Forschungs- und Bildungseinrichtung, in der Physiker, Biologen, Mathematiker, Informatiker, Psychologen und Wirtschaftswissenschaftler gemeinsam komplexe adaptive Systeme erforschen. Diese Wissenschaftler versuchen, Immunsysteme, Zentralnervensysteme, Ökosysteme, Volkswirtschaften und den Aktienmarkt zu verstehen und vorherzusagen, und sie interessieren sich alle brennend für neue Denkweisen.

John H. Holland, Professor für zwei Fächer an der University of Michigan – Psychologie und Computertechnik/Informatik –, ist häufiger Gast am Santa Fe Institute und hat dort viele Vorträge über innovatives Denken gehalten. Laut Holland müssen wir zwei wichtige Schritte bewältigen, um innovativ zu denken. Erstens müssen wir die Grunddisziplinen verstehen, aus denen wir Wissen beziehen wollen, und zweitens müssen wir uns der Verwendung und der Vorteile von Metaphern bewusst sein.

Sie werden bemerken, dass der erste Schritt exakt der gleiche ist wie der erste Schritt von Charlie Mungers Prozess für den Erwerb von Weltklugheit. Die Fähigkeit, geistige Modelle miteinander zu verknüpfen und dann von den Verknüpfungen zu profitieren, setzt voraus, dass man jedes Modell des Gitterwerks grundsätzlich versteht. Es bringt nichts, geistige Modelle aneinanderzureihen, wenn man keine Ahnung hat, wie jedes Modell funktioniert und welche Phänomene es beschreibt. Bedenken Sie aber, dass man nicht zum Experten für jedes Modell zu werden, sondern nur die Grundlagen zu verstehen braucht.

Der zweite Schritt – Metaphern finden – mag auf den ersten Blick überraschend erscheinen, vor allem weil er an den Deutschunterricht in der 9. Klasse erinnert. Auf der einfachsten Ebene ist eine Metapher eine Möglichkeit, eine Bedeutung durch die Verwendung ungewöhnlicher, nichtwörtlicher Sprache auszudrücken. Wenn wir sagen, „die Arbeit war heute die Hölle, wollen wir damit ja nicht sagen, dass wir den Tag damit verbracht hätten, Flammen abzuwehren und Asche zu schaufeln, sondern vielmehr unmissverständlich ausdrücken, dass wir einen anstrengenden Tag im Büro verbracht haben. In dieser Verwendung ist eine Metapher eine prägnante, einprägsame und oft farbige Art, Gefühle auszudrücken. In einem tieferen Sinne stellen Metaphern aber nicht nur Sprachliches dar, sondern auch Gedanken und Handlungen. Die Sprachwissenschaftler George Lakoff und Mark Johnson schreiben in „Metaphors We Live By: „Unser gewöhnliches konzeptuelles System, in dessen Begriffen wir denken und handeln können, ist grundsätzlich metaphorischer Natur."

Laut Holland sind Metaphern allerdings viel mehr als nur plastische Redefiguren und auch mehr als Repräsentationen von Gedanken. Sie können uns auch helfen, Ideen in Modelle zu übersetzen. Und das, so Holland, ist die Basis für innovatives Denken. Auf die gleiche Weise, wie uns eine Metapher hilft, ein Konzept dadurch zu vermitteln, dass wir es mit einem anderen Konzept vergleichen, das allgemein verstanden wird, können wir durch die Verwendung eines einfachen Modells für die Beschreibung eines Gedankens die Komplexität eines ähnlichen Gedankens besser erfassen. In beiden Fällen verwenden wir ein Konzept (die Quelle), um ein anderes (das Ziel) besser zu verstehen. In diesem Sinne drücken Metaphern nicht nur bereits existierende Gedanken aus, sondern regen auch zu neuen an.

In seinem Buch „Connections", das auf einer denkwürdigen Public-Broadcasting-Service-Serie basiert, beschreibt James Burke mehrere Fälle, in denen Erfinder dadurch zu einer Entdeckung gelangt sind, dass sie die Ähnlichkeiten beobachteten, die zwischen einer früheren Erfindung (Quelle) und dem bestanden, was der Erfinder bauen wollte (Ziel). Ein Paradebeispiel dafür ist das Automobil. Der Vergaser steht mit einem Parfümzerstäuber in Zusammenhang und dieser wiederum mit einem Italiener, der im 18. Jahrhundert herausfinden wollte, wie man die hydraulische Kraft des Wassers nutzbar machen könnte. Die von einem elektrischen Funken gezündete Volta-Pistole, die ursprünglich erfunden worden war, um die Reinheit von Luft zu überprüfen, zündete 125 Jahre später den vom Vergaser zerstäubten Treibstoff. Das Getriebe eines Autos ist ein direkter Abkömmling des Wasserrads, Kolben und Zylinder lassen sich auf Thomas Newcomens Pumpmaschine zurückführen, die ursprünglich für die Entwässerung von Kohlengruben konstruiert wurde. Jede große Entdeckung ist mit einer früheren Idee verbunden, also mit einem Vorbild, das zu originellem Denken angeregt hat.

In unserem Fall ist der Hauptgegenstand, den wir besser verstehen wollen (das Ziel-Modell), der Aktienmarkt oder die Wirtschaft. Auf dem Gebiet der Finanzen haben wir über die Jahre zahllose Quell-Modelle angesammelt, um die entsprechenden Phänomene zu erklären, aber nur allzu oft lassen sie uns im Stich. In vielerlei Hinsicht ist es immer noch ein Mysterium, wie Märkte und Volkswirtschaften funktionieren. Vielleicht wird es Zeit, dass wir die Zahl der Disziplinen erhöhen, auf die wir bei unserem Streben nach Verständnis zurückgreifen. Je mehr Disziplinen wir erforschen, umso wahrscheinlicher ist es, dass wir Gemeinsamkeiten zwischen Mechanismen finden, die das Mysterium erhellen. Innovatives Denken – unser Ziel – findet meistens dann statt, wenn zwei oder mehr geistige Modelle zusammenwirken.

Das Gitterwerk der geistigen Modelle ist selbst eine Metapher, oberflächlich betrachtet sogar eine recht simple. Jeder weiß, was ein Gitterwerk ist, und die meisten Menschen haben damit eine gewisse Erfahrung aus erster Hand. Es gibt wohl kaum einen Heimwerker, der nicht irgendwann ein Gitterelement gut gebrauchen konnte. Wir verzieren damit Zäune, sorgen damit auf Terrassen für Schatten und lassen Pflanzen daran hochranken. Es erfordert kaum Anstrengung, sich ein metaphorisches Gitterwerk als tragende Struktur für die Anordnung einer Reihe geistiger Konzepte vorzustellen.

Doch es ist wie bei vielen Ideen, die zunächst einfach erscheinen: Je genauer wir die Metapher des Gitterwerks untersuchen, umso komplexer wird sie und umso schwerer lässt sie sich als reines Konzept für geistige Modelle beibehalten. Eines ist uns bezüglich des menschlichen Verstands klar: wie unterschiedlich er Informationen aufnimmt und verarbeitet. Jeder Pädagoge weiß, dass die beste Strategie, dem einen Schüler etwas beizubringen, bei einem anderen vielleicht keinerlei Wirkung zeigt. Deshalb tragen die besten Pädagogen einen virtuellen Schlüsselbund mit vielen Schlüsseln bei sich, mit denen sie die einzelnen Köpfe aufschließen können.

In diesem Sinne verwende ich auch selbst verschiedene Vergleiche, um das Konzept eines Gitterwerks geistiger Modelle vorzustellen. Vor Menschen mit Hightech-Hintergrund vergleiche ich den Prozess, ein geistiges Gitterwerk aufzubauen, oft mit der Konstruktion eines neuronalen Netzes, dann

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