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Ein Fall zu viel

Ein Fall zu viel

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Ein Fall zu viel

Länge:
261 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
5. Nov. 2013
ISBN:
9783954750900
Format:
Buch

Beschreibung

"Wenn die Bullen anne Tür stehen, gibbet immer Ärger, egal oppe wat gelappt has oder nich."

Die beiden Duisburger Bullen Pielkötter und Barnowski stehen unter großem Druck. Da passiert es schon mal, dass sie jemanden aufscheuchen, der lieber nicht in ihr Fadenkreuz geraten wäre. Aber soll es wirklich Zufall sein, dass die DNA des Kleinganoven Olli am Hochofen V gefunden wurde, dort wo ihr neuer Toter lag? Ist das Opfer von der Besucherplattform gestürzt, gesprungen oder gestoßen worden? Das ist nur einer von drei ungeklärten Todesfällen, in denen der eigenbrötlerische Kommissar Pielkötter ermitteln muss. Ein zufälliges zeitliches Zusammentreffen oder hatten die Opfer etwas gemeinsam? Zusammen mit dem eher ungestümen Mitarbeiter Barnowski findet er heraus, was den verwitweten Rentner, die verlassene Ehefrau und den Wissenschaftler der Uni Duisburg miteinander verbunden hat. Dann gibt es eine weitere Tote - diesmal ist es eindeutig Mord. Pielkötter und Barnowski können den Täter schnell überführen. Doch bei seiner Festnahme begeben sie sich in eine lebensgefährliche Situation.
Herausgeber:
Freigegeben:
5. Nov. 2013
ISBN:
9783954750900
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Ein Fall zu viel

Buchvorschau

Ein Fall zu viel - Irene Scharenberg

Joachim

1. Kapitel

Ungeduldig starrte Erwin Lützow den Weg entlang, der zum Eingang des Parks führte. Von seinem Kumpel Gert Gerke fehlte noch jede Spur, obwohl die verabredete Uhrzeit längst verstrichen war.

Missmutig wanderte sein Blick den Hochofen hinauf und wieder hinunter. Anschließend drehte er sich einmal um die eigene Achse. Weit und breit war keine Menschenseele zu entdecken. Dabei wimmelte es manchmal nur so von Besuchern im Landschaftspark Duisburg-Nord. Ein ungutes Gefühl begann sich in seinen Eingeweiden zu verbreiten. Erwin zog einen kleinen Flachmann aus der Innenseite seiner abgewetzten Jacke hervor und nahm einen kräftigen Schluck. Der Flachmann stammte aus seinen Tagen als Bergmann, ehe er damals zur August-Thyssen-Hütte gewechselt hatte. Er konnte nicht sehen, wie viel noch in der Flasche war, aber sie war leicht geworden, und er fühlte, dass der Vorrat an Schnaps sich fast dem Ende zuneigte. Wenn sein Kumpel nicht bald auftauchen würde und er weiter in der Kälte stehen müsste, würde der Rest sich auch durch seine Kehle gebrannt haben.

Erwin Lützow schaute zum wiederholten Mal auf seine Armbanduhr. Weshalb konnte Gert nicht einmal pünktlich sein? Inzwischen war sein Kumpel zwanzig Minuten überfällig. Am besten versuchte er, ihn auf dem Handy zu erreichen. Die Rufnummer hatte er zum Glück gespeichert. Ein knirschendes Geräusch drang an seine Ohren. Ruckartig riss er den Kopf zur Seite. Sein Atem beschleunigte sich. Eine Weile starrte er in die Dämmerung. Wahrscheinlich nur ein Tier, überlegte er. Trotzdem war er besser vorsichtig. Während Erwin wartete, dass Gert sich meldete, drehte er sich mit kontrollierendem Blick einmal um die eigene Achse.

»Scheiß Dünnbrettbohrer, geh endlich ran«, schimpfte er so leise, als hätte er Angst, jemand könnte ihn belauschen. Als die Mailbox ansprang, brach Erwin die Verbindung ab. Fahrig verstaute er das Handy wieder in seiner Jacke.

Mit einem Mal fühlte sich seine Kehle an wie zugeschnürt. Würde sein alter Kumpel mit denen …? Nein, das konnte nicht sein. Immerhin blickten er und Gert auf bald dreißig gemeinsame Arbeitsjahre zurück. Das verband doch mehr als manche Ehe, oder etwa nicht? Erwin Lützow wischte sich einen Schweißtropfen von der Stirn. Sein Freund würde ihn nicht verraten. Keiner außer ihnen beiden wusste von diesem Treffen. Okay, dieser Blödmann war oft unpünktlich, ständig in Geldnot und vielleicht etwas labil, aber ganz bestimmt kein Verräter.

Erwin zog ein frisch gebügeltes Herrentaschentuch aus seiner Hosentasche und wischte sich damit über die Stirn. Anschließend sah er sich erneut nach allen Seiten um. Noch immer konnte er keinen Menschen entdecken.

Plötzlich hatte er das Gefühl, sein Hals zöge sich wieder enger zusammen. Er war sicher, wenn er jetzt etwas sagen wollte, käme nur ein leises Krächzen heraus.

Was sollte er nur tun? Einfach zum Wagen zurücklaufen oder weiter abwarten? Auf keinen Fall jedoch durfte er an dieser ungeschützten Stelle ausharren und sich zur Zielscheibe machen. Er dachte kurz nach, dann hatte er sich entschieden. Wenn Gert länger auf sich warten ließ, würde er allein den Hochofen erklimmen.

Erwin zog den Flachmann aus seiner Jacke und leerte den Inhalt in einem Zug. Während der Alkohol durch seine Kehle rann, schaute er sich erneut nach allen Seiten um. Der Sprit hatte ihn kaum in eine bessere Stimmung versetzt, ihn nicht einmal beruhigt.

Ein gehetzter Blick in die Runde, dann lief er in Richtung Hochofen V. Schnell hatte er die eisernen Treppenstufen erreicht, die zu der Aussichtsplattform in siebzig Metern Höhe hinaufführten. Erwin zögerte. Sollte er wirklich ohne Gert hochsteigen? Automatisch drängte sich ihm die nächste Frage auf. War er auf dem Gelände tatsächlich allein? Oder hatte sein Kumpel ihn … Nein, diesen Verdacht wollte er auf keinen Fall zu Ende denken. Erwin versuchte zu lachen, brachte aber nur einen krächzenden Laut heraus. Das war doch alles lächerlich. Er war kein Schisser, verdammt! Deshalb würde er jetzt diese Stufen hinauflaufen wie geplant, auch ohne seinen Freund.

Entschlossen zog er eine Taschenlampe aus seiner linken Hosentasche, knipste sie an und setzte sich in Bewegung. Der Aufstieg fiel ihm schwer. Sein Alter, die nicht mehr gesunden Knochen und der Alkohol forderten ihren Tribut, aber er biss die Zähne zusammen.

Der Lichtkegel wanderte die Treppe hinauf. Erwin erschrak. Panisch suchte er den Knopf zum Ausschalten. Er machte sich zur Zielscheibe! Einen Moment verharrte er und horchte in die Stille. Schließlich ging er weiter. Erst langsam, dann sicherer und schneller. Seine Schritte schienen die Stufen aus Eisengitter in Schwingung zu versetzen. Auf jedem Podest blieb er stehen, schaute durch die Gitterstruktur nach unten und lauschte. Dabei versuchte er, sein leises Schnaufen zu unterdrücken. Obwohl er nichts außer einem gedämpften Rauschen vernehmen konnte, fühlte er, dass da jemand war.

Er war nicht allein hier.

Das Gefühl verstärkte sich mit jedem weiteren Treppenabsatz. Plötzlich flammte blaues Licht auf. Starr vor Schreck drückte sich Erwin gegen das Geländer, dann lachte er hysterisch. Die Beleuchtung hatte sich eingeschaltet, war wahrscheinlich mit einem Dämmerungsschalter verknüpft. Erleichtert atmete er aus, um gleich wieder zu erschrecken.

Ein Geräusch kam vom Fuß der Treppe.

Angstschweiß trat auf seine Stirn. Er war nun ganz sicher, nicht allein auf dem Hochofen zu sein. Leider drohte die Gefahr von unten. Es gab kein Zurück. Der Fluchtweg war ihm verschlossen. Die Gewissheit, dass Gert mit denen gemeinsame Sache machte, traf ihn wie ein Fausthieb in die Magengrube. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er Todesangst. So schnell seine Gelenke es zuließen, hastete er die nächsten Treppenstufen hinauf. Am liebsten hätte er geschrien, aber wer sollte ihn hier schon hören? Er verriet allenfalls seinem Verfolger, wie groß der Abstand zwischen ihnen war. Keuchend rannte er weiter. Seine Lunge brannte, seine Beine schmerzten, sein Kopf schien zu platzen, er gab jedoch nicht auf und stolperte nach oben.

Mit zitternden Knien erreichte er das oberste Podest. Er atmete in kurzen, hastigen Zügen. Endlich wagte er sich umzudrehen. Alles blieb still. Er hatte sich einfach verhört. Da war nichts. Der Schnaps, das lag bestimmt am Schnaps. Offensichtlich war ihm der Sprit zu Kopf gestiegen. Erwin leuchtete mit der Taschenlampe hinab. Das Metall der Stufen leuchtete auf. Dann traf der Strahl auf etwas Schwarzes.

Da stand doch jemand!

Während ihm bewusst wurde, dass es nur einer von denen sein konnte, tanzte der Lichtstrahl im Takt der zitternden Hand, kaum fähig, seinen Verfolger zu erfassen. Kreidebleich wich Erwin zurück. Sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse. Gert, dieses miese Schwein, hatte ihn tatsächlich verraten. Er musste fliehen, aber wohin? Soviel er wusste, gab es nur einen Auf- und Abgang. Er hatte keine Wahl, als schnellstens die Brüstung der Plattform zu überwinden, um außen nach unten zu klettern. Wahrscheinlich blieben ihm dafür nur noch wenige Sekunden.

Mit einem lauten Knall fiel die Taschenlampe zu Boden, dann zog sich Erwin mit beiden Armen am Geländer hoch. Dabei wagte er nicht, nach hinten zu blicken. Während er sein rechtes Bein mühsam über die Brüstung der Plattform hievte, glaubte er, nun ganz deutlich die Schritte seines Verfolgers zu hören. Adrenalin schoss durch seine Adern, half ihm, auch das linke Bein eilig nachzuziehen. Seine Füße jedoch fanden keinen Halt. Ängstlich schaute Erwin nach unten. Nur konnte er im Dunkeln kaum etwas erkennen. Seine Zehenspitzen tasteten erfolglos an dem glatten Geländer entlang.

Für einen kurzen Moment erinnerte er sich daran, wann er zum letzten Mal laut geheult hatte. Er biss die Zähne zusammen. Doch seine Hände konnten ihn kaum mehr halten.

Plötzlich kam der Mond hinter einer Wolke hervor. Erwin wollte den Blick nach unten richten, aber dann sah er einen schwarzen Schatten auf der Plattform. Eine Gestalt schnellte auf ihn zu. Er schrie. Um den Angreifer abzuwehren, löste er seine rechte Hand. Mit einem Mal wurde es stockfinster. Er ist direkt über mir, schoss es durch Erwins Kopf. Vor Schreck öffneten sich die Finger seiner Linken. Ein zweiter Schrei zerriss die abendliche Stille.

2. Kapitel

Pielkötter pfiff leise vor sich hin. Nur äußerst selten war er mit sich und der Welt so zufrieden wie heute. Endlich hatte er sich mit seiner Frau Marianne richtig ausgesprochen und die Versöhnung gefeiert – mit allem Drum und Dran. Die Erinnerung an die vergangene Nacht entlockte ihm auch nach so vielen Stunden ein glückliches Lächeln. Jetzt freute er sich auf den Abendbesuch seines Sohnes Jan Hendrik. Selbst dessen Lebenspartner Sebastian war ihm inzwischen ein willkommener Gast. Heute konnte er kaum noch verstehen, wieso es ihm derart schwergefallen war, die Homosexualität seines Sohnes zu akzeptieren.

»Willibald, ich habe das Besteck vergessen«, tönte Marianne aus der Küche. »Holst du es bitte aus dem Wohnzimmerschrank? Ich muss mich um die Rouladen und das Gemüse kümmern.«

»Mach ich, Schatz!« Aber so einfach war das gar nicht. Nachdem er zwei Schrankfächer vergeblich geöffnet hatte, fand er endlich das gute Besteck, das seine Frau von ihrer Mutter geerbt hatte und das nur zu ganz besonderen Anlässen zum Einsatz kam.

Als er gerade die letzte Gabel platziert hatte, ertönte die Türglocke. Eilig stürzte er in die Diele, um die Gäste zu empfangen. Jan Hendrik drückte ihm eine Flasche Wein in die Hand, dann umarmte er ihn. Danach war Sebastian an der Reihe. Zum ersten Mal umarmte ihn auch der Freund seines Sohnes. Das war Pielkötter nun doch unangenehm, aber ehe er weiter darüber nachdenken konnte, kam Marianne aus der Küche.

»Wie ich mich freue, dass es endlich mit eurem Besuch geklappt hat«, sagte sie zur Begrüßung und legte ihre Arme mit einer Selbstverständlichkeit um die beiden, die Pielkötter immer noch ein wenig überraschte. »Die Rouladen und die Beilagen sind auch schon fertig. Wenn jeder eine Schüssel mit ins Wohnzimmer nimmt, können wir sofort mit dem Essen beginnen. Willibald, bist du so nett und kümmerst dich um den Wein?«

Als sie wenig später am Tisch saßen, fühlte sich Pielkötter so entspannt wie schon lange nicht mehr. Das hatte mehrere Gründe. Das Essen schmeckte vorzüglich, und er genoss den harmonischen Umgangston an diesem Abend, womöglich erfüllte ihn heute sogar ein wenig Stolz auf seine Familie.

»Willibald, du hörst ja gar nicht zu«, nahm er plötzlich Mariannes Stimme wahr. »Was sagst du denn dazu?«

Fragend blickte Pielkötter in die Runde. Hatte er etwas Entscheidendes verpasst?

»Jan Hendrik und Sebastian wollen sich im nächsten Monat verloben.«

»Ja, nun, ja«, stotterte er leicht verwirrt. »Wenn das heute noch so üblich ist.«

»Uns ist herzlich egal, ob andere das passend finden«, erwiderte sein Sohn strahlend. »Hauptsache ist doch, dass wir beide dahinterstehen.«

»Darauf müssen wir jetzt aber anstoßen«, schaltete sich Marianne schnell ein, bevor eine längere Diskussion womöglich die gute Atmosphäre stören konnte.

Pielkötter hatte gerade Wein nachgeschenkt, da ertönte sein Diensthandy. Mit ungutem Gefühl nahm er das Gespräch an und lief in die Diele. Als er zurückkehrte, wirkte seine Miene versteinert.

»Tut mir leid, ich muss sofort los. Ein Toter am Hochofen V im Landschaftspark. Genaues weiß man noch nicht.«

»Willibald«, warf Marianne entrüstet ein. »Du kannst uns doch jetzt nicht von einer Minute auf die andere hier sitzen lassen.«

»Aber das ist meine Arbeit.«

»Die Barnowski heute für dich erledigt. Schließlich hast du frei, und er hat Dienst. Oder gehe ich da von einer falschen Annahme aus?« Inzwischen hatte ihre Stimme einen unangenehmen Unterton. »Höchstwahrscheinlich liegt noch nicht einmal ein Verbrechen vor. Sonst hätte man dir das bestimmt sofort gesagt.«

»Um das zu beurteilen, muss ich unbedingt selbst dahin.«

»Und Barnowski traust du das nicht zu?«

»Zumindest kann der Bursche in dieser Beziehung noch einiges lernen, und zwei Augenpaare sehen mehr als eines.«

»Aber die Spurensicherung ist doch auch vor Ort«, mischte sich Jan Hendrik ein. »Deren Auswertung bekommst du sowieso hinterher.«

Pielkötter seufzte. Den Ausklang dieses Abends hatte er sich wirklich anders vorgestellt. »Es tut mir leid«, erwiderte er. »Den ersten persönlichen Eindruck kann man nicht ersetzen. Unsere gemütliche Runde holen wir so schnell wie möglich nach.«

Während er sich verabschiedete, traf ihn aus Mariannes Augen ein resignierter Blick. Scheiße, dachte er, warum fängt alles wieder von vorne an? Gerade jetzt, so kurz nach der Versöhnung.

3. Kapitel

Barnowski fuhr sich mehrmals durch das volle schwarze Haar und seufzte laut. Fast bedauerte er es, Pielkötter angerufen zu haben. Okay, sein Chef hatte mehr als einmal betont, dass er bei einem neuen Fall sofort hinzugezogen werden wollte, auch wenn er keine Bereitschaft hatte. Big Boss zu übergehen, hätte bestimmt Stunk gegeben.

Würde der Alte wieder einmal aus einer kleinen Maus eine Riesenratte machen und einen großen Arbeitseinsatz auslösen? Aber er hatte mit seiner dicken Spürnase mehr als einmal den richtigen Riecher gehabt. Ob Erwin Lützows Sturz vom Hochofen tatsächlich Ermittlungen erforderte, für die sie zuständig wären, oder es sich um eine etwas spektakuläre Art handelte, sich höchstpersönlich ins Jenseits zu befördern, mochte er kaum beurteilen. Leider waren Barnowski an einem Selbstmord erhebliche Zweifel gekommen, nachdem ihm fast zufällig Gert Gerke über den Weg gelaufen war. Doch das wollte er nicht allein beurteilen, da die Ermittlungen erhebliche Kosten verursachen würden. Er malte sich aus, was allein die Spurensicherung kostete. Der Landschaftspark war nun einmal keine Achtzig Quadratmeter-Wohnung. Selbst wenn man sich auf den Hochofen V und seine unmittelbare Umgebung beschränkte, würde das nicht gerade billig werden. Mit einem Mal huschte ein zufriedenes Lächeln über Barnowskis attraktives Gesicht, dem zwei Grübchen zudem eine besondere Note verliehen. Je weiter er darüber nachdachte, desto mehr gelangte er zu der Einsicht, dass er eine weise Entscheidung getroffen hatte, seinen Chef in diesem Fall hinzuzuziehen.

4. Kapitel

Pielkötter setzte den rechten Blinker, um auf das Gelände des Landschaftsparks Duisburg-Nord einzubiegen, kam aber nur bis zu der Pförtnerloge. Missmutig ließ er das Seitenfenster herunter und zeigte seinen Dienstausweis. »Kriminalpolizei«, erklärte er kurz.

»Ja, ja, weiß schon Bescheid«, antwortete der Pförtner. »Fahren Sie einfach gerade durch.«

Nachdem er links am Gasometer vorbeigerollt war, erkannte er einen Streifenwagen und den Dienstwagen, mit dem Barnowski offensichtlich hierhergefahren war. Dahinter stand ein drittes Auto mit den Buchstaben KT im Kennzeichen. Pielkötter folgerte daraus, dass Karl-Heinz Tiefenbach von der Rechtsmedizin auch schon seine Arbeit aufgenommen hatte. Er fuhr an der kleinen Wagenkolonne vorbei, parkte seinen Golf direkt davor und stieg aus. Neugierig sah er sich um. Bis auf einige in verschiedenen Farben angestrahlte Teile der Hochöfen und Gebläsehallen empfand er das Gelände als ziemlich dunkel. Von seinen Kollegen fehlte jede Spur. Wahrscheinlich befanden sie sich auf der anderen Seite des Hochofens V. Soweit er sich an den kleinen Ausflug mit seinem Sohn erinnerte, der ihn einmal bis nach oben geführt hatte, lag die Aussichtsplattform direkt gegenüber von Pielkötters jetzigem Standort. Barnowski hatte ihm allerdings nicht mitgeteilt, wo das Opfer genau in den Tod gestürzt war. Warum musste der Bursche nur immer so unpräzise sein?

Ärgerlich zog er sein Diensthandy hervor.

»Barnowski, wo steckt ihr denn?«, fragte er in einem nicht gerade freundlichen Ton. »Ich stehe hier an unserem Dienstwagen.«

Nachdem sein Mitarbeiter ihm den genauen Weg erklärt hatte, setzte sich Pielkötter mit schnellen Schritten in Bewegung. Dabei hatte er kaum einen Blick für die faszinierende Szenerie. Nur einmal verschwendete er einen Gedanken daran, wie verloren sich ein einzelner Mensch angesichts dieses riesigen Industriedenkmals vorkommen musste. Sicher gab es nicht viele Orte, an denen Besucher derart hautnah mit solchen Anlagen in Berührung kamen, erst recht nicht in der Dunkelheit.

Plötzlich sah er Barnowski von Weitem. Zwei Streifenpolizisten standen bei ihm. Soweit er das richtig erkennen konnte, winkte sein Mitarbeiter ihm zu. Pielkötter beeilte sich.

»Wer hat Sie informiert?«, fragte er, nachdem er die Gruppe erreicht hatte.

»Ein gewisser Markus Hollenberg und seine Freundin Daniela Lechner. Die beiden Zeugen stehen dort drüben.« Barnowski deutete mit einer Hand zu einer etwa fünfzig Meter entfernten Stelle.

»Und wer ist die Person daneben?«

»Der war hier mit Erwin Lützow verabredet, er heißt Gert Gerke.« Barnowski grinste, als er den Namen nannte. »Wir sind mehr oder weniger zufällig auf dem Gelände über ihn gestolpert. Der hatte angeblich keine Ahnung, was passiert ist, hat aber den Toten inzwischen identifiziert. Allerdings hatte ich noch nicht viel Zeit, mich mit ihm zu unterhalten. Nur so viel: Er hat behauptet, zum Zeitpunkt des Sturzes erst auf dem Weg gewesen zu sein.« Barnowski lächelte hintergründig. »Ich denke, Sie werden bei einer Vernehmung sicher dabei sein wollen.«

Pielkötter brummte irgendetwas Unverständliches.

»Ach ja, und Herr Gerke schließt einen Selbstmord kategorisch aus. Ich kenne ja Ihre Devise: keine voreiligen Schlussfolgerungen. Dennoch werde ich das Gefühl nicht los, der Mann hat Recht. Aber am besten, Sie machen sich selbst ein Bild«, fügte Barnowski schnell hinzu, als Pielkötter ihm einen skeptischen Blick zuwarf und die Augenbrauen leicht hochzog.

»Später. Zuerst sehe ich mir den Toten an und spreche mit Karl-Heinz Tiefenbach.« Damit ließ Pielkötter seinen Mitarbeiter stehen und lief in die Richtung, in der er den Rechtsmediziner vermutete. Er sah ihn neben der Leiche knien. Die Stelle war durch mehrere mobile Leuchten erhellt. Dazu hatte die Streife die unmittelbare Umgebung des Opfers mit dem üblichen Flatterband abgesperrt. Als Pielkötter nah genug herangekommen war, erhob sich Tiefenbach.

»Öfter mal was Neues«, begrüßte ihn der Rechtsmediziner. »Einen Toten vor so einer imposanten Kulisse hatte ich bisher noch nicht.«

Der Tatort am Alsumer Berg vor der Anlage von Thyssen-Krupp war auch nicht schlecht, dachte Pielkötter, aber dann fiel

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