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Suizid: Umgang mit gefährdeten Personen

Suizid: Umgang mit gefährdeten Personen

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Suizid: Umgang mit gefährdeten Personen

Länge:
221 Seiten
2 Stunden
Freigegeben:
Oct 1, 2013
ISBN:
9783801108489
Format:
Buch

Beschreibung

Jährlich nehmen sich etwa 10.000 Menschen in Deutschland das Leben. Die Anzahl der Suizidversuche liegt um ein Zehnfaches höher. Jeder Suizid und Suizidversuch hat auch Auswirkungen auf andere Menschen. Hierzu zählen auch Polizeibeamte des Wach- und Wechseldienstes und Angehörige von Spezialeinheiten. In Einsätzen treffen sie auf Menschen, die ihrem Leben ein Ende setzen wollen. Genau hier wird von den Einsatzkräften erwartet, besonnen und angemessen zu reagieren.

Mit diesem Buch wollen die Autoren die Handlungssicherheit von Berufspraktikern im Umgang mit Menschen in einer suizidalen Krise stärken und konkrete Hilfestellungen geben. Im ersten Teil nehmen sie eine Einordnung und Beschreibung des psychischen Zustandes gefährdeter Personen vor.

Im zweiten Teil beschreiben sie Einsatzvorbereitung, Abstimmung mit der Leitstelle und den Einsatz vor Ort. Notwendige Gesprächsabläufe für unterschiedliche Problemfelder verdeutlichen sie anhand beispielhafter Dialoge. Durch Problemanalysen und die Darstellung konkreter Handlungsalternativen fördern sie zudem die Fehlervermeidung.
Freigegeben:
Oct 1, 2013
ISBN:
9783801108489
Format:
Buch

Über den Autor


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Suizid - Jens Walkowiak

Autoren

Kapitel I: Die Theorie

1Wissenschaftliche Grundlagen

1.1Begriffsbestimmung

Die Basis des Wortes „Suizid stammt aus dem Lateinischen „sui caedes und ist mit „Tötung seiner selbst" zu übersetzen. Aufgrund seiner Neutralität hat sich dieser Terminus in den Fachbereichen Psychologie und Medizin durchgesetzt (siehe auch Davison und Neale, 2007). Der klassische Begriff „Selbstmord hingegen ist in seinem zweiten Teil mit „Mord verknüpft und weist hierdurch ein starke juristische Betrachtungsweise aus.

Der Begriff „Freitod" unterstellt die freie Wahl zwischen Leben und Tod. In Kapitel 2.1 wird verdeutlicht, dass diese Unterstellung für viele Fälle problematisch ist. Der Begriff „Selbsttötung" ist sicherlich eine neutrale Alternative zu Suizid, allerdings in der Fachwelt eher ungebräuchlich.

Unter einem erweiterten Suizid" ist die Einbeziehung Dritter in die Tötungshandlung gegen deren Willen zu verstehen. Meist werden nahe Familienangehörige (Kinder, Ehepartner) vor dem eigentlichen Suizid getötet. Es gibt den erweiterten Suizid aber auch mit terroristischem Hintergrund oder bei Amoktaten.

Suizide können in vielen Erscheinungsformen auftreten. Die Einteilungen von Brunnhuber (2008) geben einen ersten Überblick:

1.1.1Gemeinsamer Suizid

Zwei oder mehrere Personen verabreden, sich zusammen umzubringen.

1.1.2Bilanzsuizid

Rational durchgeplante und überlegte Handlung, die in einer als aussichtslos erlebten Situation zum Suizid führt.

Hierbei ist es allerdings strittig, ob die Handlung wirklich rational ist. Bei den meisten würde man sicherlich eine depressive Verstimmung, bedingt durch diese aussichtslose Situation, feststellen, die das rationale Denken einschränkt.

1.1.3Kindersuizide

Kommen selten vor. Häufig ist es schwierig, sie von Unfällen abzugrenzen. Vor allen Dingen erkennen Eltern oft nicht die Ernsthaftigkeit der Situation, aber auch Ärzte müssen sehr wachsam sein. Dies soll an einem Beispiel verdeutlicht werden: Wenn eine Mutter mit einem Kind in die Notaufnahme kommt, weil ihr Kind eine Flasche Reinigungsmittel getrunken hat, sollten sich alle Beobachter fragen, ob ein Kind nicht schon nach einem Schluck merken würde, dass man Reinigungsmittel nicht trinken sollte. Wenn es tatsächlich eine ganze Flasche trinkt, drängt sich der Verdacht auf, dass es sich selber schaden wollte. Kritische Wachsamkeit kann hier die Vollendung von Suiziden oder körperliche Schäden verhindern.

Kinder haben ab dem 6. – 7. Lebensjahr ein erstes Verständnis für die Bedeutung des Todes entwickelt. Oft ist der Grund die Angst, nicht von den Eltern akzeptiert zu werden (siehe auch Herrmann et al., 2010).

1.1.4Protrahierter Suizid

Chronisch selbstschädigendes Verhalten, wie z.B. Essstörungen und Suchterkrankungen.

1.1.5Chronischer Suizid

Konstant anhaltende oder sehr häufige suizidale Krisen mit mindestens zwei Suizidversuchen bzw. anhaltenden Suizidankündigungen. Meist sind jüngere Menschen betroffen. Oft spielen Depressionen, Persönlichkeitsstörungen (Borderline) oder Suchterkrankungen eine Rolle (siehe auch Kapitel I, 2.2).

Allein die gerade dargestellte Einteilung macht deutlich, den einen Suizid gibt es nicht, sondern viele Varianten. Es ist wichtig, bei allen Standards und aller Professionalität nicht den Blick für den Einzelfall zu verlieren.

1.2Suizid aus historischer und ethischer Sicht

Suizidfälle wurden schon seit der Antike berichtet. Ob es moralisch zulässig ist, sich das Leben zu nehmen, ist in den verschiedenen Kulturen sehr unterschiedlich bewertet worden.

Philosophen der Antike wie Seneca oder Aristoteles vertraten zum Teil sehr unterschiedliche Ansichten. Der Suizid wurde als gutes Recht oder auch als Ausdruck von Feigheit gewertet (siehe auch Hofmann, 2007).

Kluxen (1998) gibt einen Überblick über die Philosophische Ethik des Thomas von Aquin, der im Suizid eine Todsünde sah. Dies führte zu Verfolgung und Tötung von Menschen, die versucht hatten, sich selbst zu töten. Viele Suizidenten wurden nicht auf, sondern neben dem Friedhof auf einer nicht geweihten Sonderfläche beerdigt. Noch 1823 wurde in London jeder Suizident mit einem Pfahl im Herzen verbrannt. Erst seit 1961 ist Suizid in England kein strafrechtliches Vergehen mehr (Davison und Neale, 2007; Shneidman, 1973). Die wissenschaftliche Untersuchung des Suizids als eine Form der Geisteskrankheit begann durch den französischen Arzt Esqirol im Jahr 1938. Inzwischen ist der Suizid Bestandteil aller umfassenden Klassifikationssysteme psychischer Störungen und Krankheiten (ICD, DSM, siehe auch Kapitel I, 2.). Dennoch bleibt dieser Themenbereich umstritten (Amery, 1976). Ein gesellschaftlicher Wandel im Umgang mit Suizid hält an (Schwerstkranke, Sterbehilfe).

1.2.1Suizid im Christentum

Viele frühe Christen brachten sich in einem Akt des Märtyrertums selbst um. In den ersten Jahrhunderten der Christenheit galt dies vielfach als Aufopferung für den Glauben. Das vierte Jahrhundert brachte einen radikalen Wandel. Augustinus erklärte den Suizid zur Sünde, zum Verbrechen. Er leitete dies vom Gebot: „Du sollst nicht töten!", ab. Nachdem Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert den Suizid zur Todsünde erklärte, wobei er nur Gott das Recht zubilligte, über Leben und Tod zu entscheiden, wurde der Suizid in der Christlichen Welt weithin als verabscheuungswürdige, unchristliche Tat gesehen (Kluxen,1998).

Diese Grundlage führte nicht nur zu einer Diffamierung der Suizidenten, sondern auch zu einer Diskriminierung der Angehörigen und Betroffenen. Weiterhin geht die christliche Kirche davon aus, dass das menschliche Leben heilig und einzigartig sei und besonderen Schutzes bedürfe. Die Bibel verurteilt den Suizid nicht explizit. Beispiele wie Saul (1. Samuel 31,4), Abimelech (Richter 9,54) oder Samson (Richter 16,30) zeigen, dass die Bibel sehr wohl differenziert. Lediglich Judas Ischarioth (Matthäus 27,5) erschien im wirklich schlechten Licht, während z.B. Samson/Simson (Richter 16,30) fast als Märtyrer dargestellt wird, als er seinen Peinigern durch die Selbsttötung entkommt.

1.2.2Suizid im Islam

Im Islam wird der Suizid verboten. Die Überschreitung dieses Verbotes führt zur Verweigerung der Aufnahme in das Paradies. Es droht das ewige Höllenfeuer (siehe auch Spuler-Stegemann, 2007). Hier zeigen sich deutliche Übereinstimmungen mit den christlichen Auslegungen seit dem 4. Jahrhundert.

Mit dem Islam verbunden ist allerdings auch der Märtyrertod. Hier wird der Suizid als Glaubenszeugnis interpretiert. In den letzten Jahren waren Terroranschläge auf „Ungläubige", wie am 11. September 2001 in New York, eine Grundlage massiver Kontroversen. Sind die Kämpfer der Al-Kaida Märtyrer oder Mörder? Es wird in den extremistischen, islamistischen Organisationen zum Teil der erweiterte Suizid propagiert. Oft wird behauptet, dass ein Suizid immer dann direkt ins Paradies führe, wenn dabei Feinde des Glaubens mit in den Tod gerissen würden (Mann, 2003; Mark, 2005).

Eine Kommunikation mit Menschen, die dieser Propaganda folgen, ist kaum möglich. Wenn man als eingesetzter Polizeibeamter überhaupt noch Kontakt bekommt, kann es im Grunde nur um Schadensbegrenzung gehen. Die Evakuierung von Unbeteiligten sollte hierbei Vorrang haben.

1.2.3Suizid in anderen Kulturen

Weitgehend ist die Ablehnung des Suizids in vielen Kulturen, wobei immer wieder Ausnahmen zu beobachten sind. So geht auch der Buddhismus davon aus, dass alles, was man im jetzigen Leben tut, sich auf das nächste Leben auswirkt. Der Tod durch Suizid bedeutet somit in dieser Sichtweise, dass man wieder in die gleichen Probleme hineingeboren wird. Eine Bewältigung der Probleme soll demnach also besser direkt erfolgen, da man vor ihnen nicht davonlaufen kann. Hinterlässt man noch Angehörige oder Kinder, wird man im kommenden Leben ein noch schlimmeres Schicksal erleben. Das Schicksal verfolgt den Suizidenten in das nächste Leben.

Im Hinduismus setzte sich die Ansicht durch, dass die Selbsttötung Lohn der Asketen sei, um deren Frömmigkeit zu besiegeln. In Japan und Indien gibt es auch Selbsttötungen ritueller Art, die von der Gesellschaft akzeptiert werden. Hierzu gehören das japanische Seppuku, ein Ritual der Samurais, das umgangssprachlich eher unter dem Namen Harakiri bekannt ist, und das indische Sati, bei dem sich Frauen, bei der Verbrennung ihres verstorbenen Ehemannes, mit auf den brennenden Scheiterhaufen geworfen haben. Zu nennen sind noch die im 2. Weltkrieg eingesetzten japanischen Kamikaze-Flieger, die den erweiterten Suizid gegen an Japan heranrückende Soldaten der USA einsetzten (siehe auch Krause et al., 2003).

Bei der Betrachtung von Religionen und Suizid lässt sich zusammenfassend kein einfacher Zusammenhang herstellen. Einerseits können extremistische Sichtweisen die Basis von Anschlägen mit der Absicht des erweiterten Suizides sein, andererseits kann ein tiefer Glaube, der bei bestehender Suizidabsicht thematisiert wird, durchaus die entscheidende Basis sein, um am Leben festzuhalten.

1.3Statistik

Das Statistische Bundesamt veröffentlicht in jedem Jahr auf der Basis der Auswertung aller Leichenschauscheine Anzahl und Ursachen der deutschen Todesfälle. Nach dieser Statistik starben im Jahre 2009 (neuere Daten lagen bei Fertigstellung dieses Buches noch nicht vor) insgesamt 854.544 Menschen (404.969 Männer und 449.575 Frauen). In der Bundesrepublik Deutschland sind 9.571 Menschen durch Suizid (vorsätzlichen Selbstbeschädigung) gestorben, das heißt, dass etwas mehr als 1% der Todesursachen auf Suizid zurückzuführen sind.

In den letzten Jahrzehnten ist die Suizidrate gefallen. So sind im Jahre 1980 23,6 Personen je 100.000 Einwohner, im Jahre 2009 hingegen insgesamt 10,6 Menschen je 100.000 Einwohner an Suizid verstorben. Die Suizidrate der Männer beträgt 17,9 je 100.000 Einwohner, bei Frauen hingegen 5,7 je 100.000 Einwohner. Damit ist die Suizidrate der Männer fast dreimal so hoch wie die der Frauen. Während bei Kindern die Suizidrate sehr gering ist, steigen die Suizide ab dem 35. Lebensjahr an. Die höchste altersbezogene Suizidzahl von 1.051 (788 Männer) Menschen lag 2009 in der Gruppe der 45- bis 50-Jährigen.

Neben Alter und Geschlecht ergeben sich auch regionale Unterschiede. Die höchste Suizidrate hatte im Jahre 2009 Bayern mit 12,9 von 100.000 Einwohnern. In absteigender Reihenfolge ergaben sich für die anderen Bundesländer folgende Werte (Angaben jeweils bezogen auf 100.000 Einwohner): Sachsen-Anhalt (12,6), Thüringen (12,4), Sachsen (12,3) und Baden-Württemberg (12,1), Berlin (7,5), Nordrhein-Westfalen (8,5), Niedersachsen und Brandenburg (jeweils 8,9) und Rheinland-Pfalz (9,5).

Die Zahl der Suizide ist auch einer wiederkehrenden jahreszeitlichen Schwankung unterworfen. So nahmen sich während der Frühlings- und Sommermonate mehr Menschen das Leben als während der Herbst- und Wintermonate.

2Erkenntnisse der klinischen Psychologie

International besteht heute Einigkeit, dass der Suizid Gegenstand von Psychologie und Psychiatrie ist. Sowohl das amerikanische Diagnosesystem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (=DSM) als auch das von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) geschaffene System International Classification of Deseases (=ICD) behandeln das Themengebiet Suizid. Der Suizid wird dabei den affektiven Störungen zugeordnet. Dies sind Störungen, die vor allem durch eine klinisch bedeutsame Veränderung der Stimmungslage gekennzeichnet sind (siehe auch Davison und Neale, 2007).

In der Psychologie und der Psychiatrie wurden zahlreiche Theorien aufgestellt, die den Suizid erklären. Einen Überblick geben Davison und Neale (2007) in ihrem Standardwerk zur Klinischen Psychologie: So fand Freud (1920) gleich zwei Erklärungen für den Suizid. Zum einen ging er davon aus, dass der Suizident vorher einen gleichermaßen gehassten und geliebten Menschen verliert. Als Nächstes richtet sich die empfundene Aggression nach innen. Wenn diese Aggression stark genug ist, so kommt es zum Suizid. In einem zweiten Ansatz geht Freud davon aus, dass ein in jedem Menschen vorhandener Todestrieb (Thanatos) Antriebsquelle des Suizids sei. Die Ansätze Freuds sind umstritten. Zusätzlich gibt es Erklärungen aus der Lerntheorie, der Kommunikationstheorie (Mitterauer, 1982), ferner biologische und soziologische Ansätze (Durkheim, 1897).

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