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Das Richtige geschieht ganz von allein: Alexander-Technik, Zen und der lebendige Augenblick

Das Richtige geschieht ganz von allein: Alexander-Technik, Zen und der lebendige Augenblick

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Das Richtige geschieht ganz von allein: Alexander-Technik, Zen und der lebendige Augenblick

Länge:
389 Seiten
7 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 1, 2013
ISBN:
9783899017496
Format:
Buch

Beschreibung

Das Buch stellt die Alexander-Technik als eine Kunst des Nicht-Tuns vor. Nicht-Tun bezeichnet eine Qualität in der Bewegung, die sich als Leichtigkeit, Freiheit und Natürlichkeit in allen Aktivitäten des täglichen Lebens zeigen kann. Diese Qualität können wir durch eine bewusste Ausrichtung in unsere Handlungen bringen.
Das Buch beschreibt einen Weg der Achtsamkeit, der mit seinem ganzheitlichen Ansatz auf der natürliche Koordination des Körpers aufbaut. Die zahlreichen Parallelen zum Zen und den Lehren von Eckhart Tolle sind aufschlussreich und helfen die Balance zwischen klarer Intention und Absichtslosigkeit zu finden. Sei es die Meditation oder die Zen-Kunst des Bogenschießens, immer geht es darum, durch das eigene Wollen einen Prozess nicht zu stören, der unsere Präsenz, aber nicht unser Bemühen braucht.
Viele anschauliche Beispiele und Experimente runden die Darstellung ab. Zahlreiche Abbildungen helfen die Körperwahrnehmung zu erweitern. Ergänzt wird das Buch durch einen umfangreichen Anhang, der die natürliche Balance von Kopf und Wirbelsäule im Detail beschreibt und vertiefende Informationen zu Muskeln, Nerven und den Steuerungsvorgängen im Nervensystem liefert.
Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 1, 2013
ISBN:
9783899017496
Format:
Buch

Über den Autor


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Das Richtige geschieht ganz von allein - Helmut Rennschuh

Rubinstein

I NICHT-TUN: EINE QUALITÄT, DIE ALLES VERÄNDERT

Um dem geheimnisvollen Phänomen »Nicht-Tun« auf die Spur zu kommen, betrachten wir im Folgenden ganz unterschiedliche Bereiche unseres Lebens, in denen das Thema wie in einem Kaleidoskop in immer neuen Formen und Farben erscheint. Zusammen mit den Literaturhinweisen mögen die folgenden Abschnitte als eine Art Materialsammlung dienen, die zu einer tiefer gehenden Beschäftigung mit einzelnen Themen einlädt. Im darauf folgenden Kapitel II werden wir uns dann der Alexander-Technik zuwenden, als einem praktischen Weg, das Nicht-Tun zu erlernen.

Das Sprichwort »Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg« verkennt, dass uns unser Wille oftmals den Weg zum gewünschten Ziel verbaut. Die unterschiedlichen Kapitel zeigen, in wie vielen Bereichen sich das Nicht-Tun als der Königsweg erweist. So mögen die folgenden Ausführungen an der weit verbreiteten Überzeugung rütteln, dass wir Problemen am besten mit Anstrengung und ernsthaftem Bemühen begegnen sollten, und den Glauben erschüttern, dass wir uns bei Misserfolgen eben noch nicht genug angestrengt haben.

Vieles mag dabei geheimnisvoll und neu erscheinen. Die Kapitel II und IV.3 werden einige der dabei auftretenden Fragen beantworten und Erklärungen liefern. Wichtiger als das Verstehen bleibt es jedoch, die weiter unten beschriebenen Erfahrungen selber zu machen, zu viel Tun in seinen eigenen Handlungen wahrzunehmen und damit zu experimentieren, sich weniger anzustrengen.

Wir tun Dinge am besten,

wenn wir uns selbst nicht als diejenigen sehen,

die die Dinge tun.

Plotin

1 NICHT-TUN IST ETWAS ANDERES ALS NICHTS-TUN

In der Ruhe liegt die Kraft, sagt ein Sprichwort. Dennoch sind Hektik und angestrengtes Tun in unserer Gesellschaft weit verbreitet, sie liegen sozusagen in der Luft. Wir verlieren uns in die Aktivität und gelangen so in einen Zustand der Unruhe. Dabei handeln wir nach der Überzeugung, Anstrengung sei der Preis für ein gutes Resultat. Wir haben daher das Gefühl, wenn sich der gewünschte Erfolg nicht einstellt, uns nicht genug bemüht zu haben. So geschieht es, dass wir uns umso mehr anstrengen, je erfolgloser unsere Handlungen sind. Ein solches Verhalten beruht auf gewohnten Handlungen und auf Glaubenssätzen, die uns oft nicht bewusst sind.

Nehmen wir einmal an, unsere alten Überzeugungen haben uns in die falsche Richtung geführt und die unterschiedlichsten Probleme bei Alltagsbewegungen, beim Spielen eines Musikinstruments oder beim Sport sind eben nicht Hindernisse, die es zu überwinden gilt, sondern selbstgebaute Hürden, die wir wieder abbauen können. Dann ist die Frage nicht, was wir tun können, um das Problem zu überwinden, sondern was wir lassen können, um es aufzulösen. Damit kommen wir der Bedeutung des Nicht-Tuns auf die Spur, denn es soll nicht heißen, nichts zu tun, im Bett liegen zu bleiben, Bewegungen zu vermeiden oder Gedanken zu unterdrücken. Im Gegenteil: Wenn wir uns in einen Sessel fallen lassen und dort zusammensinken oder resigniert ein Vorhaben aufgeben, so lässt sich das besser als eine Art unnatürliches »Tun«, ein Sich-schwer-Machen verstehen, das uns von unseren natürlichen Lebenskräften abschneidet.

Jeder von uns hat schon die Erfahrung gemacht, dass weniger Tun hilft, eine kritische Situation zu lösen. Fahren wir mit dem Auto eine glatte Straße bergauf, so geben wir am besten nur so viel Gas, dass die Räder nicht durchdrehen. Stecken wir fest im Schnee oder Schlamm, so fahren sich durch zu starkes Gasgeben die Räder noch tiefer fest. Es gibt zahllose andere Beispiele, bei denen das Nicht-Tun oder auch Weniger-Tun offensichtlich die erfolgreiche Strategie ist: Die Mühelosigkeit, mit der Artur Rubinstein bis ins hohe Alter Klavier spielt und mit der Fred Astaire scheinbar frei von den Einflüssen der Schwerkraft tanzt, sind wesentliche Merkmale ihrer Meisterschaft. Selbst Sportler und deren Trainer machen oft die Erfahrung, dass zu viel Angestrengtheit und zu viel »ich will« nicht zum Erfolg führen (I.3). Sollten die Lösung vieler Probleme und die Entwicklung von besonderen Fähigkeiten weit öfter durch Weniger-Tun oder Nicht-Tun möglich werden, als wir vermuten?

Ein Segelflugzeug erfährt einen Auftrieb, wenn Luft über die Tragflächen strömt. Es braucht keinen Motor, um zu fliegen, nur beim Start benötigt es Hilfe. Zur Kunst des Fliegens gehört es, die vorgegebenen Windverhältnisse geschickt zu nutzen, um das gewünschte Ziel zu erreichen. Das bedeutet jedoch nicht, sich mit dem Wind treiben zu lassen. Genauso sind die Verhältnisse im Wasser. Schwimmen wir im Meer, so können wir versuchen, uns in einem festen Rhythmus unangepasst an die Strömung zu bewegen. Das wäre blindes Tun. Wir können uns passiv treiben lassen, das nenne ich Nichts-Tun. Wir haben aber auch die Möglichkeit, die Strömung oder die Wellen zu nutzen, um unser Ziel zu erreichen. Wir vergeuden so keine Kraft und kämpfen nicht mit dem Wasser. Ein solches Handeln besitzt die Qualität des Nicht-Tuns.

So wie viele dieser Beispiele Vorgaben in der äußeren Welt beschreiben, die wir zu unserem Vorteil nutzen können, so gibt es Vorgaben in unserer inneren Welt, deren Beachtung uns das Leben leichter machen kann. So wie ein Auto mit angezogener Handbremse oder in einem zu niedrigen Gang mit hohem Verschleiß und ineffektiv fährt, so behindern wir uns selbst durch zu viel Anstrengung und ungünstige Gewohnheiten, deren wir uns meist nicht bewusst sind. Wir stören dabei ein feines Gefüge von Vorgängen, die ohne unsere Einmischung reibungslos ablaufen könnten.

Der Vergleich mit dem Auto kann uns veranschaulichen, wie gravierend wir natürliche Abläufe in unserem Körper stören können; dieser Vergleich darf uns aber nicht darüber hinwegtäuschen, wie viel komplexer unsere Situation ist. Wir sind lebendige Wesen, die sich selber steuern, auch wenn dabei vieles unbewusst und automatisiert geschieht. Die Muskeln reagieren auf die Impulse der Nervenzellen. Diese werden durch unsere Gedanken beeinflusst, die stets mit Gefühlen verknüpft sind. Viele Bewegungen laufen nach eingeübten Programmen ab, oft mit zu viel Anspannung in gewissen Muskelgruppen und zu wenig Unterstützung von anderen. Auch unser Denken läuft überwiegend in eingespielten Mustern ab. Diese können Emotionen wachrufen, die sich dann wiederum in körperlichen Reaktionen spiegeln. F. M. Alexander hat den Begriff des Selbst benutzt, um diese psycho-physische Einheit zu beschreiben.

Beim angestrengten Tun wollen wir ein bestimmtes Ergebnis erreichen. Wir sind dabei auf ein Ziel fixiert und abgetrennt vom Gewahrsein des Augenblicks und vom natürlichen Fluss der Dinge. Unser Wille versucht mit Gewalt, das Ziel gegen auftretende Widerstände zu erreichen. Das Nicht-Tun hingegen ist eine angemessene Reaktion des ganzen Menschen, des Selbst, bei der alle Teile in günstiger Weise zusammenspielen. Verbunden ist dieses Geschehenlassen nicht mit einem dämmernden Zustand schlummernder Bewusstheit, sondern mit hellwacher Präsenz. In Jahrmillionen der Evolution entwickelte Mechanismen können dann ungestört arbeiten. Dabei geschieht alles mit Leichtigkeit, wie von allein, jedes angestrengte Bemühen wird überflüssig, ja sogar störend.

Doch wie können wir in einen Zustand des Nicht-Tuns gelangen? Die Abläufe und Zusammenhänge sind viel zu kompliziert, als dass unser Verstand die unzähligen Körperfunktionen direkt steuern könnte. Wenn eine Steuerung auf direkte Art nicht möglich ist, dann vielleicht in einer indirekten Weise? Statt unser Gesamtsystem durch direktes »Besser-machen-Wollen« negativ zu beeinflussen, können wir uns darauf beschränken, störende Einflüsse auf natürliche Abläufe zu kontrollieren und immer weniger auftreten zu lassen. Dies ist der Ansatz von F. M. Alexander, dessen über hundert Jahre alte Methode sich in unserem immer weiter beschleunigten Leben als wertvoller denn je erweisen kann.

»If we stop doing the wrong thing, the right thing will do itself.«

»Wenn wir aufhören, das Falsche zu tun, geschieht das Richtige von ganz alleine.«

Solche Missgriffe … sind unvermeidlich,

seitdem wir vom Baum der Erkenntnis gegessen haben.

Doch das Paradies ist verriegelt und der Cherub hinter uns;

wir müssen die Reise um die Welt machen, und sehen,

ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist.

Heinrich von Kleist »Über das Marionettentheater«² (vgl. IV.1.4)

2 SIND TIERE MEISTER DES NICHT-TUNS?

Nicht-Tun heißt, natürliche Gegebenheiten in optimaler Weise zu nutzen. Für Tiere, die im Wasser leben, sind dessen Eigenschaften von entscheidender Bedeutung. Weich umfließt das Wasser eines Baches alle Hindernisse, Wasser gibt uns beim Schwimmen Auftrieb, doch wenn wir aus großer Höhe hineinspringen, erleben wir es als hart. Je schneller sich etwas durchs Wasser bewegt, desto mehr Widerstand scheint es zu leisten. Man kann das spüren, wenn man eine Hand beim Motorbootfahren ins Wasser hält.

Die Meeresbewohner haben gelernt, all diese Eigenschaften in optimaler Weise zu nutzen. Delfine scheinen mit dem Wasser zu spielen. Kleinste Bewegungen lassen sie schnell dahingleiten. Sie erreichen dabei Geschwindigkeiten bis zu 60 km/h. Dies ist in etwa die Geschwindigkeit, die wir beim Sprung aus 14 m Höhe ins Wasser beim Eintauchen haben. Der Widerstand des Wassers kann sich uns dabei als schmerzhafter Aufprall zeigen, doch die Delfine scheint diese Eigenschaft des Wassers nicht zu behindern. Auch Schwertwale mit ihren 2600 bis 9000 kg Gewicht können sich bis zu 55 km/h schnell fortbewegen. Selbst riesige Tiere wie die Blauwale scheinen sich mühelos fortzubewegen, sie werden vom Auftrieb des Wassers getragen, langsame Bewegungen der riesigen Schwanzflosse geben ihrem 100 000 kg schweren Körper eine Geschwindigkeit von bis zu 30 km/h, was einem Widerstand des Wassers entspricht, den wir bei einem Sprung aus 3,5 m Höhe erleben.

Die Tiere haben offensichtlich im Laufe ihrer Evolution gelernt, die Natur des Wassers für ihre Fortbewegung zu nutzen, statt gegen seinen Widerstand anzukämpfen. Ähnliches gilt für die Luft. Beim Rad- oder Autofahren können wir den Widerstand schnell strömender Luft erfahren. Vögel lassen sich von diesen Luftströmungen tragen. Ein Adler segelt nach einigen Flügelschlägen mühelos durch die Lüfte und ist uns damit ein Inbegriff für grenzenlose Freiheit geworden.

Auch Katzen bewegen sich mit großer Leichtigkeit und Eleganz. Anders als die meisten Menschen scheinen sie die Schwerkraft nicht als eine Kraft zu erleben, die schwer macht. Sie bewegen sich mit minimalem Aufwand, ohne dabei schwer zu wirken. Beim Jagen sitzen sie aufmerksam, hellwach, ohne sich zu bewegen und ohne Verspanntheit, bis sie im entscheidenden Moment zielsicher reagieren.

Die Tiere und ihr Verhalten wurden durch die Evolution über Tausende von Jahren hindurch geformt und optimiert. Sie leben angepasst an ihre Umgebung. Ihre Bewegungsmuster haben sich über lange Zeiträume gebildet. Wir könnten sie Meister des Nicht-Tuns nennen. Doch verstehen wir nicht unter wahrer Meisterschaft eigentlich das bewusste Einsetzen der eigenen Mittel? Die Tiere treffen jedoch keine bewusste Entscheidung, sie reagieren automatisch in instinktiver Weise.

Vor fast 200 Jahren hat Heinrich von Kleist in hellsichtiger Weise Tier und Mensch in schönen Bildern gegenübergestellt. Ein sehr geübter Fechter liefert sich ein Duell mit einem Bären:

Der Bär stand, als ich erstaunt vor ihn trat, auf den Hinterfüßen, mit dem Rücken an einen Pfahl gelehnt, an welchem er angeschlossen war, die rechte Tatze schlagfertig erhoben, und sah mir ins Auge: das war seine Fechterposition. … Ich fiel, da ich mich ein wenig von meinem Erstaunen erholt hatte, mit dem Rapier auf ihn aus; der Bär machte eine ganz kurze Bewegung mit der Tatze und parierte meinen Stoß. … Nicht bloß, dass der Bär, wie der erste Fechter der Welt, alle meine Stöße parierte; auf Finten (was ihm kein Fechter der Welt nachmacht) ging er gar nicht einmal ein.³

Der Mensch scheint hier durch seinen Verstand, der ihn reflektierend denken lässt, im Nachteil. Die Geburt des menschlichen Verstandes – in der Bibel als Kosten vom Baum der Erkenntnis beschrieben – führt zur Vertreibung aus dem Paradies. Eine unbewusste, natürliche Leichtigkeit und Einfachheit – Kleist nennt es Grazie – ist dem Menschen dadurch verloren gegangen. Wir können die Bewegungen der Tiere bewundern, in deren Unbewusstheit können wir nicht zurück. So stellt sich die Frage: Können wir den Weg des wachsenden Bewusstseins weitergehen, um die verlorene Einfachheit und Anmut wiederzugewinnen?

Kleist gibt uns am Ende der Schrift »Über das Marionettentheater« eine visionäre Antwort:

Wir sehen, dass in dem Maße, als, in der organischen Welt, die Reflexion dunkler und schwächer wird, die Grazie darin immer strahlender und herrschender hervortritt. … so findet sich auch, wenn die Erkenntnis gleichsam durch ein Unendliches gegangen ist, die Grazie wieder ein; so, dass sie, zu gleicher Zeit, in demjenigen menschlichen Körperbau am reinsten erscheint, der entweder gar keins, oder ein unendliches Bewusstsein hat.

Kapitel II und III werden uns Möglichkeiten zeigen, einen solchen Weg zu gehen.

… müssten wir wieder vom Baum der Erkenntnis essen,

um in den Stand der Unschuld zurückzufallen?

Heinrich von Kleist »Über das Marionettentheater«

3 LÄSST SICH NICHT-TUN SELBST IM SPORT FINDEN?

Wenn Menschen Sport treiben, so haben sie ein bestimmtes Ziel vor Augen. Meist wollen sie gewinnen, schneller laufen oder etwas besser machen als zuvor. Die Einstellung – die Gedanken und Gefühle –, die ein Mensch in die sportliche Aktivität mitbringt, kann dabei förderlich oder hinderlich sein.

Das menschliche Bewusstsein, das sich selbst erkennt und sagt, »ich bin«, ist eine Errungenschaft der Evolution. Es hilft uns, Probleme zu lösen, uns unsere Welt zu gestalten, doch scheint es oft gegen uns zu arbeiten. Auch hierfür gibt uns Kleist in unvergleichlicher Weise ein Beispiel. Er lässt seinen Erzähler ein unscheinbares Ereignis schildern, bei dem ein junger Mann durch einen Moment der Selbstbeobachtung die Anmut in seinen Bewegungen verliert:

Ich sagte, dass ich gar wohl wüsste, welche Unordnungen, in der natürlichen Grazie des Menschen, das Bewusstsein anrichtet. Ein junger Mann von meiner Bekanntschaft hätte, durch eine bloße Bemerkung, gleichsam vor meinen Augen, seine Unschuld verloren, und das Paradies derselben, trotz aller ersinnlichen Bemühungen, nachher niemals wieder gefunden.

Darauf erzählt Kleist die Geschichte eines jungen Mannes, der den Fuß hebt, um sich abzutrocknen, und der sich beim Blick in den Spiegel der Ähnlichkeit seiner Grazie mit einer bekannten Statue bewusst wird:

Er errötete, und hob den Fuß zum zweitenmal, um es mir zu zeigen; doch der Versuch missglückte. Er hob ihn wohl noch zehnmal: umsonst! Er war außerstande, dieselbe Bewegung wieder hervorzubringen. … Er fing an, tagelang vor dem Spiegel zu stehen; und immer ein Reiz nach dem anderen verließ ihn. Eine unsichtbare und unbegreifliche Gewalt schien sich, wie ein eisernes Netz, um das freie Spiel seiner Gebärden zu legen, und als ein Jahr verflossen war, war keine Spur mehr von der Lieblichkeit in ihm zu entdecken, die die Augen der Menschen sonst, die ihn umringten, ergötzt hatte.

Wem Kleists Schilderung zu poetisch klingt, der sei auf das Buch »The Inner Game of Tennis« von Timothy Gallwey verwiesen. Er beschreibt ähnliche Phänomene aus seiner Praxis als Spieler und Trainer: Spieler, die einfach nur Tennis spielen, ohne dabei reflektierend nachzudenken, vollbringen oft Höchstleistungen. Sie sind präsent, wissen, wo der Ball im gegnerischen Feld landen soll, denken aber nicht über Schlägerhaltung oder den Schlag nach. Fangen sie an zu reflektieren oder versuchen sie einen erfolgreichen Schlag zu wiederholen, so scheitern sie oft kläglich, da ihnen die Unbefangenheit und Natürlichkeit fehlt. Diese lassen sich durch direktes Tun und Wollen nicht wiederholen.

Timothy Gallwey nennt unseren reflektierenden und zweifelnden Anteil Selbst 1 und den unbewusst automatisch funktionierenden Anteil Selbst 2. Seine Hauptaufgabe als Trainer und Spieler sieht er darin, Selbst 1 zur Ruhe zu bringen und Selbst 2 ungestört arbeiten zu lassen. Dieses Modell ist einfach und leicht anwendbar, kann jedoch darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei diesen beiden Anteilen um zwei qualitativ sehr verschiedene Dinge handelt. Selbst 1 ist unsere Ich-Identität (Anhang 9) und der menschliche Verstand, eine im Zeitrahmen der Evolution betrachtet erst vor kurzem entwickelte Kraft. Selbst 2 bezeichnet das Erbe der Evolution in uns: ältere unbewusste Muster und Instinkte, unseren Zugang zu einer Urkraft, die sich schwer benennen lässt. Das Vertrauen auf diese Kräfte, die Gallwey Selbst 2 nennt, kann uns helfen, natürliche Abläufe nicht zu stören. Wenn wir darauf vertrauen, dass etwas in uns den perfekten oder angemessenen Schlag kennt, können wir uns dem Moment überlassen. Unser Bewusstsein hat dann die Aufgabe, diesen Prozess nicht zu stören. Um Selbst 1 aus dem Spiel herauszuhalten, schlägt Gallwey unter anderem vor, sich auf die Nähte des Balles zu konzentrieren, seine eigenen Schläge nicht zu beurteilen und außerdem Topspieler zu kopieren, indem man sich mit ihnen identifiziert.

Auch F. M. Alexander bezieht sich in »Universal Constant in Living« an einer Stelle auf den Tennissport. Er schildert ein Erlebnis des Tennisspielers W. H. Austin, das zeigt, welche Steine wir uns durch unser Denken oft selbst in den Weg legen:

(Beim Turnier) in Wimbledon habe er einmal so schlecht gespielt, dass er sich entschied, nicht mehr versuchen zu wollen, den Satz zu gewinnen. Sobald er jedoch diese Entscheidung getroffen hatte, begann er wieder gemäß seiner normalen Form zu spielen. Als Folge dieses verbesserten Spiels entschied er sich, jetzt zu versuchen, den Satz nach all dem doch noch zu gewinnen. Sogleich kehrte er dabei wieder zu seiner mittelmäßigen Spielweise zurück, die ihn zuvor veranlasst hatte, das Gewinnenwollen aufzugeben.

Spiele wie Tennis und Golf konfrontieren uns als Individualsportarten besonders stark mit unserem Wollen und angestrengten Versuchen. Nach anfänglichen schnellen Fortschritten und Spaß erleben viele Golfer Unzufriedenheit und Frustration bei ihrem Sport. Werden wir mit unseren Leistungen unzufrieden, dann versuchen wir, uns durch mehr Bemühen und angestrengtes Tun zu verbessern. Wir entfernen uns damit von der Quelle unserer Kraft. Der daraus folgende Misserfolg treibt uns zu noch größeren Bemühungen. Dies ist ein sich selbst verstärkender Prozess. Wir befinden uns in einer Spirale der Leistungsfähigkeit nach unten.

Nichts ist so erfolgreich wie der Erfolg, sagt man. Wenn wir zufrieden mit unseren Leistungen sind, können wir uns ungestört dem Moment und dem Spiel überlassen. Spaß und Freude führen zu unverkrampften Muskeln. Wir strengen uns nicht an und versuchen nicht, etwas besser zu machen. Vielleicht lassen uns weitere Erfolge immer müheloser agieren. Wir sind in einer Spirale nach oben, die uns zum Erlebnis großer Leichtigkeit führen kann. Es scheint alles zu gelingen, ganz von alleine.

Befindet sich ein Sportler in einem Zustand, in dem ihm alles ohne eigenes Bemühen, spielerisch wie von selbst zu gelingen scheint, so spricht man von »Flow« oder von »Being in the zone«. Roy Palmer gibt in seinem Buch »Zone Mind, Zone Body« zahlreiche Beispiele für diesen geheimnisvollen Zustand:

Der Basketballer Michael Jordan erlebte ein Spiel, in dem ihm alles mühelos gelang. Er hatte das Gefühl, dass nichts schiefgehen konnte. Doch der auftauchende Gedanke, wahrscheinlich in »the zone« zu sein, vertrieb diesen Zustand.

Sebastian Coe konnte die Laufzeit bei seinem 800-Meter-Weltrekord 1979 nicht glauben. Er war ohne Anstrengung gelaufen und hatte kein Gefühl für seine Schnelligkeit. Sein um 1,1 Sekunden verbesserter Weltrekord hatte 16 Jahre Bestand.

Eine Schwimmerin, die offensichtlich das Rennen ihres Lebens schwamm, gab bei einem großen Vorsprung auf der letzten Bahn auf. Sie berichtete später, das Wasser nicht mehr gespürt zu haben. Die Leichtigkeit, mit der sie sich durchs Wasser gleiten ließ, fühlte sich für sie falsch an.

Die wichtigsten Merkmale, die Roy Palmer für diesen Zustand angibt, sind:

• Ganz präsent, vollständig im Hier und Jetzt zu sein, mit einem Gefühl von verlangsamt ablaufender Zeit.

• Völlige Mühelosigkeit, alles kann ohne eigenes Zutun ablaufen.

• Ohne Angst und ohne nachdenkendes Ich (Anhang 9) zu sein.¹⁰

Sportler geraten unerwartet in diesen Zustand und fallen heraus, wenn sie sich dieser besonderen Momente bewusst werden.¹¹ Selbst Spitzensportler, die viel Erfahrung damit gemacht haben, gelangen öfter im Training als im Wettkampf in diesen Zustand. Ihr Siegeswille und das stärkere Zielstreben (II.3.4) im Wettkampf scheinen dem geheimnisvollen Zustand im Wege zu stehen.

Siegeswille und Versagensängste eines Golfers sind im Film »Die Legende von Bagger Vance« eindrucksvoll geschildert. Auch wenn es sich hierbei um eine Fiktion handelt, macht der Film deutlich, in welchem Auf und Ab sich Sportler oft befinden, und zeigt einen Ausweg aus der Falle des verzweifelten, erfolglosen Bemühens: Ein viel bewundertes, legendäres Nachwuchstalent verliert durch traumatische Kriegserlebnisse seine Fähigkeit, einen Golfball erfolgreich zu schlagen. Verzweifeltes Üben bis in die Nacht hinein bringt keine Verbesserung. »You lost your swing. We got to find it«¹², sagt Bagger Vance, der aus dem Dunkel der Nacht erscheint und sich der ehemaligen Golfhoffnung als Caddy anbietet.

Bagger übernimmt im Weiteren die Rolle eines Trainers und Zenlehrers: »Es gibt nur einen Schlag, der in vollkommener Harmonie mit dem Feld ist. … Es gibt einen perfekten Schlag, der jeden von uns finden will. Alles, was wir tun müssen, ist, aus dem Weg zu treten und uns von ihm auswählen zu lassen.«¹³

In dem folgenden Turnier, dem der Held sich nicht entziehen kann, erleben wir ihn zunächst als von Selbstzweifeln gelähmt. Als er seine Schlagtechnik wiederfindet, oder besser ausgedrückt, als er frei wird vom Versuch, es richtig zu machen, und der richtige Schlag durch ihn geschieht, ist er im »Flow«. Dieser hält an, bis sein Ich zu triumphieren beginnt, er übermütig wird und erst nach vielen misslungenen Schlägen und Verzweiflung wieder zu einem selbstlosen Spiel zurückfindet.

Golf ist ein Spiel, das man spielen,

aber nicht gewinnen kann.

Aus dem Film »Die Legende von Bagger Vance«¹⁴

4 BEISPIEL DENKEN: KREATIVITÄT AUS DER STILLE

Unsere Gedanken spiegeln unseren Zustand und unser Handeln, sie werfen uns oft aus dem natürlichen Fluss. Betrachten wir noch einmal die Beispiele des letzten Kapitels:

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