Genießen Sie diesen Titel jetzt und Millionen mehr, in einer kostenlosen Testversion

Nur $9.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

Drehe die Herzspindel weiter für mich: Christine Lavant zum 100.

Drehe die Herzspindel weiter für mich: Christine Lavant zum 100.

Vorschau lesen

Drehe die Herzspindel weiter für mich: Christine Lavant zum 100.

Länge:
195 Seiten
1 Stunde
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 30, 2015
ISBN:
9783835327474
Format:
Buch

Beschreibung

Zum 100. Geburtstag der großen Kärntner Autorin am 4. Juli 2015

Das Werk der Christine Lavant wurde, obwohl sie lange als Außenseiterin galt, mit den höchsten literarischen Preisen bedacht. Dass der nicht gerade für Respekt vor Kollegen bekannte Thomas Bernhard eine Gedichtauswahl besorgte, erregte Aufmerksamkeit. Heute, mehr als vierzig Jahre nach ihrem Tod, hat die Dichterin nichts von ihrer Anziehungskraft eingebüßt, ihre Erzählung »Das Wechselbälgchen" etwa (2012 neu bei Wallstein veröffentlicht) erreichte in kurzer Zeit vier Auflagen.
Immer sagt es viel über den Rang von Literatur, wenn Autorinnen und Autoren nachfolgender Generationen sich anhaltend und nachdrücklich auf sie beziehen. Bei Lavant ist das in bemerkenswerter Weise der Fall. Der Band zum 100. präsentiert Originalbeiträge von Andreas Altmann, Konstantin Ames, Christoph W. Bauer, Ann Cotten, Dorothea Grünzweig, Maja Haderlap, Peter Hamm, Kerstin Hensel, Gabriele Kögl, Michael Krüger, Sibylle Lewitscharoff, Friederike Mayröcker, Julian Roman Pölsler, Steffen Popp, Teresa Präauer, Ilma Rakusa, Arne Rautenberg, Monika Rinck, Hansjörg Schertenleib, Evelyn Schlag, Ferdinand Schmatz, Kathrin Schmidt, Silke Andrea Schuemmer, Ulf Stolterfoth, Marlene Streeruwitz, Raphael Urweider und Uljana Wolf.
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 30, 2015
ISBN:
9783835327474
Format:
Buch

Ähnlich wie Drehe die Herzspindel weiter für mich

Ähnliche Bücher

Ähnliche Artikel

Buchvorschau

Drehe die Herzspindel weiter für mich - Wallstein Verlag

Herausgeber

I

FRIEDERIKE MAYRÖCKER

»das Selfie der Christine Lavant«

(unter Tränen unter Palmen:

ist wie Erdbeben wenn du auf

Reisen gehst und mich ver-

lassest : eruptiv, schmeckt

wie Zitronen : amour fou mit

Werner Berg, hinfällig starre

ich ins Rad der Zeit)

»eigentlich heisze ich Christine Thonhauser, trage 1 Kopftuch von Wolle gegen Kopfneuralgie, bin stigmatisiert. Meine Andacht ist eine Lanze, will nicht dasz das Lamm Gottes geschoren wird, wandele unter verdorrenden Apfelbäumen, abnehmender Tagmond und frühe Schwalben. Heute wurde ich wach ohne zu wissen wer ich sei, geblendet sind meine Augenhöhlen, der Schlange hab’ ich den Schlüssel entrissen, wer haucht so kalt in mein Genick, Engel steh’ auf und verschaff’ mir die Ortschaft Paris, ich verlege die Ortschaft von links nach rechts, Vater ich bringe den FUNKER zurück, Kunst ist Rhythmus, so Kurt Schwitters. Bisweilen Eppich und Pfaffenhut, fremd geht der Schlaf an mir vorbei, mein Schatten kann über Wasser gehen, Liebfrauenhaar und Ingeräusch, »cool kitsch«, so Martin Kubaczek, hinfällig starre ich ins Rad der Zeit, 1 feines blondes, Nest von Hahnenfusz = ich war ganz baff . . . . . . . . . . . .

ich weisz dasz ich vergangen bin und mich

auch noch vergangen habe,«

17.7.2014

CHRISTINE LAVANT

Immer näher dem Milchstraßenrand

dreht sich der Hundsstern die Steppe zurecht,

während mein Halbtraum durch Mondviertel schleicht

und vor der Wachsamkeit flüchtet,

die im Steppenwind nachkommt.

Gestern warf ich mein Herz hinauf,

als Hundekuchen war es noch gut,

aber der Tiefschlaf verfehlte die Zeit,

weil er die Blätter der Milchsterne fragte:

Für keinmal, für einmal, für immer?

Gierig schaut mir der Hundsstern heut zu,

wie ich die Knochen des Rückgrates rüttle,

doch keiner will mir vom Leibe gehn,

denn jeder ist wachsam und listig und bellt

eine Botschaft hinauf, die der Steppenwind schluckt,

bevor er das Mondviertel abreißt.

MAJA HADERLAP

unter dem hundsstern

nicht gottverlassen, denn gott stand

am gartenzaun, als man ihn anderswo

vermutete. nicht verrückt, auch wenn

das mädchen sah, wie der mann

die gestirne musterte und eine zigarette

rauchte. du musst gar nichts glauben,

diesen satz legte er in ihre gedanken,

ohne sich umzudrehen. er werde sich

unter die südlichen berge zum schlafen

legen wie ein hund vor sein herrenhaus,

erklärte der nächtliche gast und ging

quer über das feld. im wortfieber liegend

fand man das mädchen, kontaminiert

mit abwesenheit. ihre augen zogen den

mond als blasse worthülse an den tag

und die gräser tasteten aus dem dunkel

nach ihr. himmel und erde lasteten schwer

auf der zunge. es roch nach schnee.

CHRISTINE LAVANT

Das ist die Wiese Zittergras

und das der Weg Lebwohl,

dort haust der Hase Immerfraß

im roten Blumenkohl.

Die Rosenkugel Lügnichtso

fällt auf das Lilienschwert,

das Herzstillkräutlein Nirgendwo

wird überall begehrt.

Der Hahnenkamm geht durch den Tau,

das Katzensilber gleißt,

drin spiegelt sich die Nebelfrau,

die ihr Gewand zerreißt.

Der Mohnkopf schläfert alle ein,

bloß nicht das Zittergras,

das muß für alle ängstlich sein,

auch für ein Herz aus Glas.

CHRISTOPH W. BAUER

zittergras

vaganten-ekloge

erklär mir keiner das landleben

stacheldrahtzäune gab es und

bauern auf der jagd nach fußbällen

unter den reifen ihrer traktoren

zerplatzen träume eine jugend lang

inspizierte ich mehr kaulquappen als

mädchen krötenaugen umrundeten

meine lippen wenn der mond ins

regenwasser sprang und eins wurde

mit meinem gesicht nachts lag ich

im zittergras die sterne zu zählen

lediglich geröll flimmert heute dort

oben selbst im hintersten winkel

wissen telefone über alles bescheid

werden befindlichkeiten global

schwärmt der phrasenteufel von

welthaltigkeit da stehe ich nun

in dummgeschwätzter zeit

über mir nur wolkenbatzen die

zur befürchtung sich verdichten

schwarz wird mir vor augen

vom nahen dorf glockenstimmen

im bannkreis der kröte rieselt

eine dichterin mir in den sinn und

vergils achte ekloge freilich schön

könnten carmina den mond auch

wieder an den himmel locken

CHRISTINE LAVANT

Ich verlege die Ortschaft von links nach rechts,

dann mußt du nimmer im Beinhaus wohnen,

das bleibt für immer am Aber-Ort

und ohne ewige Ampel.

Vielleicht wirst du rechterhand frieren,

weil anfangs die Sonne noch nicht gehorcht,

vielleicht braucht sie sieben Gezeiten,

um über den Brustkern zu kommen,

der so vielfältig hart ist?

Drüben hat noch kein Mond gewirkt,

es ist dort alles wie vor der Zeit;

wir werden linksseitig werben müssen

sanftmütig-dämonisch und halbschlaf-klug

um jeden dienstbaren Atem,

der noch halbwegs getreu ist.

Um meinetwillen geschieht das nicht,

ich würde auch links wie im Schoße Gottes

erwachen ohne zugrunde zu gehn

und Blei oder Strohhalme kauen.

Du aber, der du im Beinhaus wohnst

und das Öl der ewigen Ampel verzehrst,

du mußt dich unter den Lungenflügeln

insgeheim über die Grenze bringen

ins Land, das noch nichts von der Sündflut weiß

und wo der Mond noch nie aufging.

KERSTIN HENSEL

Ortschaft

für C. Lavant zum 100. Geburtstag

Ich verlege die Ortschaft nicht mehr

Von links nach rechts Noch und noch

Finden wir uns

In gedengelten Welten des Glaubens

Aber mein Gott

Brät mir keine Sünden über

An allen Früchten vergehe ich mich ungestraft Ein Kerl

Kommt und sagt er sei ein Kerl

Das ist das ganze Geheimnis

Ich habe keinen dienstbaren Atem für irgendwen

Und kein Begehr mich über Gnade zu freuen

Verlegte Ortschaft: mein Kopf darin

Haut die Sense links rechts

CHRISTINE LAVANT

Versuche den winzig gewordenen Mond

aus dem Himmel zu blasen.

Dein Atem reicht nicht einmal dafür noch aus!

Wie willst du dann die aufgeloderte Sonne

über deinem Herzen kühler machen

oder gar sie verschieben?

Sage zu deinem Herzen, daß früher oder später

alle Hexen verbrennen müssen.

Auch die guten entgehen dem Feuer nicht,

weil Gott ihre magische Asche braucht,

um seine Erwählten damit zu salben.

Sage, er haßt diese Asche nicht,

weil sie trotz allem aus Unschuld kommt

und vielen gemeisterten Leiden.

Lehre, wenn du jetzt Atem holst,

dein Herz in die Mitte der Sonne treten

und tilge gänzlich aus deinem Blut

den Namen der Hölle.

Niemand glaubt dir das Wort –;

und das, was dich brennt,

weiß allein seinen eigenen großen Namen,

der erschütternder ist als alle Zeichen am Himmel.

ARNE RAUTENBERG

versuch über den winzig gewordenen mond

wie kleinlaut sich die tage neigen

die sichel ab und zu

nen kopf rollen lässt

was bleibt? ich kenne einen

der sammelt rituelle schädelschalen von menschen

für menschen beschnitzt

mit skeletten feuer knochen

und aasfressern dunkel ist diese kapala

vom jahrhundertealten grind

bitte um eine handvoll reis

bitte um eine handvoll sterne

am nachthimmel bettelnde hände

der unaufhaltsame tag beginnt

der nächste innere shitstorm

will überstanden sein weil

ich nicht bei mir bin

aus niederlagen siege mache

kann ich nicht bei dir sein

zurück am nachthimmel der einschlafhammer

benutzt du nicht zu große worte?

ich lese sie auf (wie reiskörner)

du öffnest derweil die letzte matroschka

und von der seele bleibt nurmehr ein see

(spiegel des anderen)

CHRISTINE LAVANT

Herbst

In den feuchten Gründen

Wogen Nebelschleier

Sturmgepflügte Blätter

Wirbeln um den Weiher

Durch die Wolkenfetzen

Brechen Sonnenstrahlen,

Jene letzten, schönen,

Die so golden malen

Und die Wipfel schweigen

Und die Bäume neigen

Lebensmüd ihr Haupt.

Schweigend liegt ringsum das graue Land

Der Regen nur rauschet sein Lied

Ein Frösteln die Fluren durchzieht.

Die triefenden Zweige hängen so müd

Gealtertes Laub sie umfällt.

Gar vieles liegt in dem ewigen Lied,

Das der Regen den Fluren erzählt.

Drum schweigen sie auch so unentwegt

Und wollen nur hören und lauschen,

Was alles der Regen hineingelegt

In sein melancholisches Rauschen.

HANSJÖRG SCHERTENLEIB

Herbst – reloaded

Regen Regen

nichts als Regen

das ewig gleiche Lied

seit ungezählten Tagen

Am Kamm des Hügels

ziehen Schafe

Müd die Büsche

Müd die Bäume

ihre Äste schreiben Worte

auch wenn sie keiner

jemals lesen wird.

Schweigend liegt ringsum das graue Land

Den Dohlen reicht der Himmelsstreif

uns ihre Künste vorzuführen.

Im Flur aus Gras steht schon die Nacht

sie wartet still jedoch auf wen?

Ein dunkles Rauschen

steht in unsren Köpfen.

Der Weiher wird zum Spiegel

der Wald zum lichten Dom

die Äste liegen wie Gebein doch

durch die Wolkenfetzen schimmert: nichts.

SILKE ANDREA SCHUEMMER

Kreuzaufladung

für Christine Lavant

Krummbucklig ich

die Nachzehrerin die Zeterin zertretene

heb ich Krumen klaub sie auf

Finsterung Behausen in den Klauen

Krumm vor Krumenbuckelei mein Wiedergang

das Wiederverhängnis am Gängelband

die Kreuzwegbeugung leinengleich geführt

stellvertretend hebt das Bücken nichts

Bleibt das Kummerbündnis hier zu glauben

dass im Scharren nur ein Knöchel

von der andren Seite nach mir greift

dass mir ein Keimling zustößt

wie Gewölbe diese Wurzel mich durchschlägt

dass sich vielleicht

auf allen Vieren eine Hand mir reicht

STEFFEN POPP

Hunde und Schlitten

Hunde und Schlitten gleit ich durch Abendliche

über Städte die auch in der Luft sind – herleuchten –

eine Steinform

und in der Luft

auf der Gegenschräge, Sangskrümme, schwebend

die Kartause, kübelnder Napf, den die Getriebene

glänzend, gescheuerte

Leere, dem Firmament hinstellt

Kanülen durchfährt sie, gelöste, krampfende Glieder

Spinnlein, in deren Schwebespur Tropfen hängen

Demante, ein erdnahes

Licht- und Tropentandem

auf der Gegenschräge, mit Glockenfüßen – Gott –

Treten, schwarz radelt ET im Mond über Hollywood

das blanke Rasiermesser

wo er Auge ist blickt nichts

Hunde und Schlitten gleit ich durch Abendliche

mir Komplizierte, sie zwinkern, ich übertrete, -kufe

aber das ist wie Meere

glätten mit Menschenhänden

II

CHRISTINE LAVANT

Wie pünktlich die Verzweiflung ist!

Zur selben Stunde Tag für Tag

erscheint sie ohne jede List

und züchtigt mich mit einem Schlag.

Dann stieben Funken um mich her,

mein Herz ruft alle Engel an,

der Himmel aber ist ein Meer

und Jesu treibt in einem Kahn

sehr weit am andern Rand der Welt,

dort, wo die Helfer alle sind,

und meine letzte Hoffnung bellt

am Ufer durch den Gegenwind.

Ich spür dann, daß mich niemand hört,

und sammle still die Funken ein,

mein Herz – das knisternd mich beschwört –

wird nach und nach zum Feuerstein.

RAPHAEL URWEIDER

ich nehme eine zeile mit nur eine zeile

auf eine reise und behalte sie ganz weise

nur für mich und teile sie nicht teile

nichts an keinem ort wo ich verweile

auf meine weise lese ich dann diese zeile

und frage mich nicht wer und wessen

und ob ich atem hätte diesen mond vergessen

zu machen oder sonnen zu vermessen

ein atmen ist ja an sich ein geschenk

wie auch das leben jedes gelenk

jede bewegung nicht selbstverständlich

und jede geduld ist wie alles endlich

Wie pünktlich die Verzweiflung ist!

zur blauen

Sie haben das Ende dieser Vorschau erreicht. Registrieren Sie sich, um mehr zu lesen!
Seite 1 von 1

Rezensionen

Was die anderen über Drehe die Herzspindel weiter für mich denken

0
0 Bewertungen / 0 Rezensionen
Wie hat es Ihnen gefallen?
Bewertung: 0 von 5 Sternen

Leser-Rezensionen