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Mann ohne Pflichten: Roman
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eBook130 Seiten1 Stunde

Mann ohne Pflichten: Roman

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Über dieses E-Book

Er wähnt sich als Mann ohne Pflichten. Peter Meander, ein Mittfünfziger, hat seine Stelle als Kurator an den Nagel gehängt und will endlich herausfinden, was den Menschen ausmacht. Der eigenen Widersprüchlichkeit immer wieder geschickt aus dem Weg gehend, befällt ihn das Leben plötzlich von mehreren Seiten – und er gerät buchstäblich außer Tritt. Seine Gefühle schlagen Purzelbäume, machen Kopfstand. Seiner eigenen (sympathischen) Unzulänglichkeiten ziemlich bewusst, versucht da einer einzuholen, was nicht mehr einzuholen ist: das bereits
gelebte Leben.

Dem tiefen Ernst der Frage steht freilich ein »Held« gegenüber, der wahlweise Luftgitarre spielt oder aus Versehen einem Kaktus das Genick bricht. Und den man ob solcher Peinlichkeiten und ob solcher Missgeschicke einfach mögen muss: querdenkend eigen.

Da sind aber auch noch der kleine Robert, der einmal die Woche zum Mittagessen zu ihm kommt, seine Stieftochter Anja, der verstorbene Onkel Felix, der nach wie vor zu ihm spricht, und noch der Nachbar Kellermann, dessen Verschwinden Meander keine Ruhe lässt – und nicht zu vergessen ist da Carmen, die Galeristin. Und »gegen all das«, gegen die gegebenen Umstände, gegen den Status quo noch einen Rest Selbstbestimmung hochzuhalten, das weiß Meander, das ist die Kunst, die Lebenskunst.
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum24. Aug. 2015
ISBN9783863512453
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    Buchvorschau

    Mann ohne Pflichten - Markus Bundi

    HARDEKOPF

    1Sie tragen Stiefel und Handschuhe. Nicht weil es kalt ist. Die Stiefel sind fest geschnürt und verhindern das Umknicken. Die Handschuhe groß und weich, um möglichst lange einstecken und noch länger austeilen zu können. Sie schlagen sich die Köpfe ein, vorsätzlich, und tragen deswegen keinen Helm. Sie tänzeln im Viereck, belauern sich, gehen aufeinander los, verhaken sich ineinander, klammern, bis der Schiedsrichter unterbricht, der Tanz von neuem beginnt, dieses Spiel auf Zeit, oder bis einer fällt. Nur wenige Boxer werden fürs Kopfhinhalten gut bezahlt.

    Peter Meander hatte es sich auf der Couch eingerichtet, die Fernbedienung im Anschlag, unschlüssig, ob er dem Kampf ein vorzeitiges Ende setzen sollte. Eine letzte Willensanstrengung, und er hatte die Kündigung unterschrieben, sich als Kurator entlassen. Meander musste nichts mehr entscheiden. Der Dunkelhäutige glitt aus, schlug hart auf die Seite und wurde, obwohl er nur ausgeglitten war und sich gleich wieder aufgerappelt hatte, vom Schiedsrichter angezählt. Vielleicht hätte er nicht kündigen sollen. Warum hatte er aus freien Stücken sein Auskommen weggeworfen, den sicheren Platz geräumt, so mir nichts, dir nichts das Handtuch geworfen? Oder auch nicht.

    Die Gewissheit, hier und jetzt auf der Couch zu sitzen, beruhigte ihn nicht, wenngleich er genau das tat, was er tun wollte. Die Gegenwart war so vage wie sonst nichts, doch es war die Gegenwart. Meander hatte die Nase voll von Verpflichtungen, die nur scheinbar verpflichtend sind, denen man sich ergibt, sobald einem Verantwortung überantwortet wird, man sich auf diese altbekannte Art hat austricksen lassen. Fortan bliebe er sich selbst. Unbehelligt. Kein Lächeln mehr, wenn er nicht dazu in Stimmung war, keine Geduld aufbringen, wenn nicht aus sich heraus. Die Sätze hatte Peter sich zurechtgelegt. Er wusste nicht mehr, wie oft er sie schon wiederholt hatte, still für sich aufgesagt in der Hoffnung, dass sie wahrer würden, voller Angst, dass sie verblassten. Er griff nach der Bierdose. Außer für sich selbst würde er für nichts und niemanden mehr zuständig sein. Mit einer Ausnahme. Einmal die Woche kam sein Enkel Robert. Freitags, über Mittag.

    Ein guter Kampf, die Gegner waren einander ebenbürtig; der Ausrutscher von eben war ein Ausrutscher gewesen. Die Boxer klammerten mehr und mehr. Für einen Sprung in die Kneipe war es zu spät. Er würde öfter wieder in Kneipen gehen, zu seinem Vergnügen, das hatte er sich vorgenommen. Und eine Frage trug Meander mit sich herum, die sich auch mit der Kündigung nicht hatte abschütteln lassen, die über die Jahre hinweg immer drängender geworden war, für deren Beantwortung er einiges aufzuwenden sich vorgenommen hatte. Die Frage lautete: Was macht den Menschen aus? Er wusste um die Anmaßung, die in der Frage steckte, die jeden Versuch einer Antwort begleitete; schlimmstenfalls würde er verzweifeln, den Rest seines Lebens in einer Anstalt zubringen. Das war nicht der schlechteste Ort. Das war besser, als im Ring zu stehen. Wenn zwei sich prügeln, braucht es einen Dritten. Gäbe es keine Zuschauer, gäbe es solche Kämpfe nicht, sondern nur jene, die aus der Not oder im Affekt entbrannten.

    Fürs Erste genügte es, wenn er versuchte, nicht gleich zum Trinker zu werden. Noch war Meander der nüchternen Gedanken nicht überdrüssig geworden. Und der Mann ohne Pflichten nahm einen weiteren Schluck. Die Boxer saßen in ihren Ecken. So leicht würde er den Verstand nicht verlieren, so wichtig nahm er sich nicht. Meander spürte, wie ihm Luft zugefächelt wurde. Der Gong für die nächste Runde ertönte. Er erhob sich, ballte vor seinem Gesicht die Fäuste und begab sich ins Arbeitszimmer, wo das kleine Notizbuch lag, das er vor wenigen Tagen im Supermarkt hatte mitgehen lassen.

    Peter berührte das Büchlein mit dem Zeigefinger, hielt inne, dachte an den göttlichen Funken und war erstaunt über diesen Gedanken. Indem er sich setzte, das Notizbuch öffnete und den Bleistift senkte, spürte Meander in der Kehle ein Lachen aufsteigen. Was du dir vormachst, machst du dir nach, schoss es ihm durch den Kopf, stattdessen notierte er, die Mundwinkel unter strenger Kontrolle: Der Mensch ist ein unbeschriebenes Blatt.

    Die Euphorie war verflogen, und im ersten Nachdenken wollte Meander die Seite herausreißen, überzeugt, mit einem Fehler begonnen zu haben, einer Falschaussage. Streichen Sie den letzten Satz des Zeugen aus dem Protokoll. Der Ex-Kurator erhob sich schuldbewusst. Er fürchtete, die Fassung zu verlieren, doch es war nur das Gleichgewicht, aus dem er zu kippen drohte, der Blutdruck. So schnell sollte er sich nicht mehr aufrichten, der Schwindel hatte mit zunehmendem Alter etwas Bedrohliches bekommen. Allerdings. Er war nicht der Angeklagte, nur ein Zeuge. Und so falsch lag er vielleicht nicht. Was sich da über die Jahrhunderte über den Menschen alles angesammelt hatte, ließ sich womöglich mit einem Handstreich wegwischen. Und als Meander erneut auf sein Büchlein schaute, las er: Der Mensch ist ein unbeschriebenes Blatt.

    Wäre der Mensch tatsächlich ein unbeschriebenes Blatt, er hätte dem Verdikt nichts mehr hinzuzufügen, das Kapitel wäre abgeschlossen. Er würde künftig vorsichtiger sein. Was du dir vormachst, machst du dir nach, das hatte er eben schon gedacht, der Sinn, den er dahinter vermutet hatte, schien verflogen. Meander verließ, die Stirn wohl in Falten gelegt, den Tatort.

    Nahaufnahmen von geschwollenen Gesichtern, glänzender Schweiß im Scheinwerferlicht, und in den Pausen Werbung für Babynahrung oder Zahnpasta, für die Darmkrebsvorsorge oder gegen Tierversuche. Oder dann Aufnahmen in Zeitlupe von Treffern, so genannten Wirkungstreffern, die den Kopf verformten. Fleischliche Knautschzonen im Härtetest. Meander mochte diese Nahaufnahmen. Das war die Kunst, die sich gegen den Tod wandte, das eigentliche Spektakel. Man begrenzt die Zeit, steckt den Raum ab und vereinfacht die Spielregeln. Das machte ein Erleben menschenmöglich, ohne dass gleich alles ausfranste, sich in tausend Erinnerungsfäden verstrickte. Die Bilder in Zeitlupe, sie wirkten der Fragmentierung entgegen, ließen das sehen, was im Moment des Geschehens nicht zu fassen gewesen war, die prekäre Gegenwart als nachgereichte Illusion.

    Rührseligkeiten sind fehl am Platz oder dann gewünscht, wenn sie der Erheiterung des Gemüts zuträglich sind. Darin lag der Sinn der offenen Wunden eines andern, das wusste Meander, echte Verletzungen, die in der Ecke behandelt und mit Heftpflastern verklebt wurden, gut sichtbar für die Zuschauer. Damit der Gegner ein konkretes Ziel vor Augen hatte.

    Genau auf diese Stelle wird er in den kommenden Runden schlagen, immer wieder wird der Boxer danach streben, Treffer zu landen, auf dass die Zuschauer mitfiebern, selbst die Hände zu Fäusten geballt, selber zuschlagen, bis es mit Pflastern nicht mehr getan ist, weiter verletzen, dem andern Schmerzen zufügen, bis dieser ausgetanzt hat und zu Boden geht, am Boden zerstört ist oder der Trainer zuvor, einer andern Gefühlswallung folgend, das Handtuch wirft.

    Es tat gut, wenn jemand einsteckte, und es tat gut, wenn jemand austeilte. Es war einerlei, ob Meander sich eine Aufzeichnung anschaute oder nicht. Sie arbeiteten unverdrossen an der Quadratur des Kreises. Der Mann ohne Pflichten unterdrückte den Impuls, erneut aufzustehen, heute würde er nichts mehr notieren. Er zerquetschte die Bierdose, und das Bild erlosch.

    Er starrte auf die dunkle Fläche, wo eben noch zwei Boxer zu sehen gewesen waren. Während die Mattscheibe vor Meanders Augen immer schwärzer wurde, erinnerte er sich an ein Streitgespräch, das er vor Jahren in der Galerie mit seinem Assistenten geführt hatte. Es hatte sich an der Frage entzündet, auf was man, wenn man denn müsste, in der Galerie eher verzichten würde, auf den Kühlschrank oder die Kaffeemaschine.

    Ein absurder Streit, das dachte Meander auch jetzt, auf Kaffee konnte man verzichten oder sich halt mit löslichem begnügen. Doch der Reiz des Disputs lag in den Emotionen, es ging um Genuss und um Stil, inwiefern es unabdingbar war, in einer Galerie mit einem exzellenten Ruf eben auch exzellenten Espresso anzubieten, wohingegen Peter darauf pochte, eine Vernissage ohne gekühlten Weißwein und Champagner sei ein Desaster, verdiene den Namen Vernissage nicht mehr und läute das Ende der Galerie ein.

    Zora, Volontärin und eigentliche Ursache des Disputs damals, hatte den geforderten Schiedsspruch verweigert, lediglich bemerkt, dass man im Haus sowohl über eine der neuesten Kaffeemaschinen als auch über einen Kühlschrank verfüge, der ausreiche, um für eine Hundertschaft Getränke zu kühlen. Das wiederum gab dem Assistenten den Anlass, Zora einen Vortrag über die Zenturien in der römischen Armee zu halten. Während des Monologs aber schaute die junge Frau nur den Kurator Meander an, denn sie wussten beide, dass der Assistent ihr die Sache mit der Hundertschaft am liebsten unter vier Augen erklärt hätte, abends, bei Kerzenlicht oder auch ohne.

    Peter blinzelte, schaute verunsichert um sich, er war wohl kurzzeitig weggetreten, sah jetzt, wie das Bild Zoras auf der Mattscheibe verschwand. Sie hatte das Volontariat damals frühzeitig abgebrochen. Nicht wegen der Nachstellungen. Zora hatte abgebrochen, weil sie sich am falschen Ort wähnte; sie müsse in die Welt hinaus, in die noch nicht eingerahmte, hier habe sie den Eindruck, an Krücken zu gehen und nicht vom Fleck zu kommen.

    – Ich sehe mir die Bilder an, doch da bewegt sich nichts, nur in ausgesuchten Momenten, wenn es mir gelingt, mir etwas einzubilden, dann öffnet sich die Welt für kurze Zeit. Glücklich werde ich so aber nicht, die Tür öffnet sich jeweils einen Spaltbreit, trete ich dann näher, schlägt sie jedes Mal zu. Die Kunst will mich nicht, noch nicht. Das ist kein Drama, Meander, es gibt genügend Türen, die offen stehen. Ich muss hinaus ins Leben, hinein in die Welt.

    Peter starrte noch immer auf den Bildschirm. Wie gegenwärtig ihm

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