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Maximilian I.: Kaiser - Künstler - Kämpfer

Maximilian I.: Kaiser - Künstler - Kämpfer

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Maximilian I.: Kaiser - Künstler - Kämpfer

Länge:
334 Seiten
4 Stunden
Freigegeben:
1. Dez. 2014
ISBN:
9783902998729
Format:
Buch

Beschreibung

Ein Kaiser zum Anfassen - Der Begründer des habsburgischen Weltreiches
Maximilian I. (1459-1519) ist der Habsburgerkaiser auf der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit. Sein buntes, furchtloses Leben verbunden mit seinen weitreichenden fortschrittlichen Ideen faszinieren bis in die Gegenwart: das glücksstrahlende Liebespaar Maximilian und Marie von Burgund, die verlassene Gemahlin Bianca Maria Sforza, die prachtvolle Doppelhochzeit von Wien - Maximilians Ausstrahlungskraft überdauerte die Zeiten.
Maximilian war ein Kaiser zum Anfassen, seine Popularität, die er gezielt durch Propaganda vermehrte, blieb unerreicht. Der hochintelligente, phantasievolle und lebensfrohe Herrscher, der sein Leben lang von seinen Feinden zu Kämpfen gezwungen wurde, war selbst ein Literat und unterstützte mit Begeisterung Wissenschaftler und Künstler. Maxilmilian begründete mit seiner großen Reichsreform den österreichischen Beamtenstaat, der sich jahrhundertelang bewährte und bis in unsere Tage Gültigkeit besitzt.
Unzählige Geschichten und Legenden geben bis heute Zeugnis von seiner ungebrochenen Popularität. Sie haben den genialen Habsburgerkaiser unsterblich gemacht.
Freigegeben:
1. Dez. 2014
ISBN:
9783902998729
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Maximilian I. - Sigrid-Maria Größing

Die ungleichen Eltern: Friedrich III. und Eleonore

Es war ein merkwürdiger Tag, jener 22. März des Jahres 1459. Hell leuchtend hatte ein Komet seine Bahn über den nächtlichen Himmel gezogen wie einst der Stern von Bethlehem und die Menschen in erwartungsvolles Erstaunen, aber auch in Angst und Schrecken versetzt: Hatte der Himmel selbst ein Zeichen gegeben in dieser wirren düsteren Zeit?

Es herrschte Chaos im Land, denn keinem einzigen Herrscher war es in den letzten Jahrzehnten möglich gewesen, nur einigermaßen für Sicherheit und Ruhe zu sorgen. Brutale Gewalt bestimmte den Alltag und nur der Starke hatte eine Chance, sich in dieser Wirrnis zurechtzufinden. Wegelagerer und Strauchdiebe bedrohten nicht nur die Händler, sie unterbanden mit ihren hinterlistigen Überfällen auf Handelszüge jedwedes geregeltes Leben auch in den Städten. Hunger machte sich breit, denn kaum einer getraute sich mehr, mit seinen Gütern eine größere Wegstrecke im Lande zurückzulegen. Das Geld hatte in den letzten Jahrzehnten stetig an Kaufkraft eingebüßt, so dass König Friedrich III. schließlich keinen anderen Rat wusste, um dieser Misere Abhilfe zu schaffen, als immer mehr Münzen auf den Markt werfen zu lassen. Dabei wurden die Geldstücke Zug um Zug leichter, sie enthielten bei jeder neuen Prägung weniger Edelmetalle und schon sehr bald höhnte man sie ihres geringen Wertes wegen als »Schinderlinge«. Es hätte einer wahrhaft starken Hand bedurft, um all die Missstände zu beseitigen.

Der Habsburger Friedrich, den man im Jahre 1440 zum deutschen König gewählt und zwei Jahre später in Aachen gekrönt hatte, war mit seinen 25 Jahren nicht der Mann, der mit diesen Zuständen hätte fertig werden können. Die Kurfürsten hatten seinerzeit bewusst keinen durchschlagskräftigen Menschen zum König gekürt, denn jeder der deutschen Fürsten und auch der österreichischen Adeligen war einzig und allein daran interessiert gewesen, die eigenen Machtbefugnisse zu behalten, wenn nicht sogar noch auszubauen. Das Reich brauchte zwar einen Monarchen, aber beileibe keinen Herrscher! Und Friedrich würde voraussichtlich keinerlei Ambitionen an den Tag legen, irgendeinem der Großen des Reiches auch nur das Geringste am Zeug flicken zu wollen.

Man hatte richtig spekuliert. Friedrich kämpfte mit viel zu vielen Problemen in den eigenen Ländern, als dass er große Reichspolitik hätte machen können. Zusätzlich litt er ein Leben lang an chronischem Geldmangel und sein eigener Bruder Albrecht machte ihm, wo er nur konnte, das Leben schwer. Von allem Anfang an hatte er den Herrschaftsanspruch Friedrichs in Frage gestellt, denn der eigentliche Nachfolger des früh verstorbenen Habsburgerkönigs Albrecht war dessen nachgeborener Sohn Ladislaus, der allerdings noch in den Kinderschuhen steckte. Man hatte Friedrich, der selber erst die Zwanzig überschritten hatte, zum Vormund des Knaben bestellt und ihm damit eine Aufgabe übertragen, die sich für ihn zu einem lukrativen Geschäft entwickeln sollte, da er die beträchtlichen Einnahmen aus dem reichen Böhmen und dem wohlhabenden Ungarn, aus den Ländern, die seinem Mündel von seinen Eltern vererbt worden waren, in die eigene Tasche streichen konnte, ohne seinen Bruder daran zu beteiligen! Ein nicht enden wollender Bruderzwist bahnte sich an, wobei Albrecht vor keiner listigen Intrige und keiner infamen Schurkerei zurückschreckte, wenn es galt, Friedrich und dessen Familie das Leben schwer zu machen.

Albrecht wäre vermutlich in diesen harten Zeiten der richtige Herrscher gewesen. Stets prunkvoll gekleidet, schien er der Inbegriff von Entschlossenheit und Tatkraft zu sein, von Unerschrockenheit und Kühnheit, ein echter Haudegen und mutiger Kämpfer.

Friedrich III. stellte das genaue Gegenteil seines dynamischen Bruders dar, zurückhaltend, griesgrämig, ein ewiger Zauderer. Während der eine wie ein Spieler alles auf eine Karte setzte, vermied der andere jedes noch so geringe Risiko. In sich gekehrt hätte Friedrich sich am liebsten in eine abgelegene Kammer in seiner Wiener Neustädter Burg zurückgezogen, um sich dort ausschließlich seinen alchimistischen Studien hinzugeben, um in aller Ruhe mit geheimnisvollen Stoffen, die er vermischte und kochte, zu experimentieren, immer in der Hoffnung, einmal einen Klumpen Gold als Ergebnis seiner Bemühungen in einer Schale zu finden. Friedrich verfügte über hohe naturwissenschaftliche und botanische Kenntnisse, die er aufgrund seiner Experimentierfreudigkeit in die Tat umzusetzen versuchte. Er arbeitete nur nachts. Vielleicht galt er deshalb und wegen seiner Geheimniskrämerei, aber auch aufgrund seiner übrigen seltsamen Gewohnheiten als schrullig. Kaum einer konnte sich so recht erklären, warum er Mäusekot sammelte oder niemals eine Tür mit der Hand zumachte, sondern immer mit dem Fuß zuschlug. Neben seinen Liebhabereien war er ein begeisterter Sammler von Edelsteinen. Der sonst so zurückhaltende Mann konnte in wahre Begeisterung ausbrechen, wenn ihm ein besonders funkelnder, kostbarer Stein angeboten wurde. Seine Leidenschaft für alle möglichen wertvollen Mineralien ließ ihn schon als jungen Menschen geradezu über seinen Schatten springen, denn er, der sich so ungern auf Reisen begab, hatte 1436 den weiten Weg ins heilige Land nicht gescheut, um dort – als einfacher Mann verkleidet – von den Händlern besonders seltene Edelsteine zu erstehen. In den vielen Jahren seiner Sammlertätigkeit entstand eine Sammlung, die ihresgleichen in Europa suchte.

Friedrich III. galt bei seinen Zeitgenossen als äußerst misstrauisch. Bei allem was er plante, versuchte er auf Nummer sicher zu gehen, um nicht in irgendein unvorhergesehenes Abenteuer zu schlittern. Deshalb wandte er sich vor allen Entscheidungen, die er zu treffen hatte, an die Sterne. Da er seinen eigenen astronomischen und astrologischen Kenntnissen nicht ganz traute, beschäftigte er an seinem Hof prominente Gelehrte, die als Experten in diesen Wissenschaften galten. Mit dem Blick in die Sterne versuchte Friedrich die engen Bande der irdischen Erkenntnis zu sprengen und über die Grenzen des Menschseins hinauszuschreiten. Es genügte ihm nicht, die Gegenwart zu interpretieren, er wollte Zeichen für später setzen und dazu musste er wissen, was die Zukunft ihm und dem Reich bescheren würde.

Dabei war er ein Herrscher, der den Eindruck erweckte, in entscheidenden Augenblicken oft nicht zu handeln. Aber in diesem Nichthandeln lag vielfach seine Stärke – dies konnten seine Zeitgenossen jedoch nicht erkennen. Für so manche, die in prekären Situationen auf eindeutige Entscheidungen gewartet hatten, kamen viele Beschlüsse zu spät. Dann verglich man »des Reiches Erzschlafmütze«, wie man den König mit einem wenig schmeichelhaften Beinamen bedacht hatte, mit seinem tatkräftigen Bruder, der aus ganz anderem Holz geschnitzt war. Und immer lauter wurden die Stimmen, die forderten, dass dieser dynamische Albrecht den Thron besteigen sollte. Die Situation für Friedrich war ernst geworden. Daher war es für ihn geradezu ein Glücksfall, dass Albrecht VI. im Jahre 1463 völlig überraschend starb.

Friedrich III. lebte aus der Tradition heraus, sein Denken und Handeln fußte noch stark auf den mittelalterlichen Strukturen. Aus allen Teilen Europas waren seine Vorfahren gekommen, sie stammten aus Spanien und Portugal, genauso wie aus England und Italien, aber auch aus dem Osten, wie seine sagenhaft starke Mutter Cimburgis von Masowien. In dieser internationalen Abstammung liegt sicherlich die Wurzel für das Weltbürgertum seines Sohnes Maximilians, für dessen geistige Aufgeschlossenheit und unendliche Phantasie, die ihn ein Leben lang auszeichneten. Während bei Friedrich III. das Blut seiner Ahnen träge durch die Adern rollte, pulsierte es rasch und lebendig bei Maximilian und verlieh ihm Kraft und Elan.

Bei der mangelnden Entschlussfreudigkeit des Königs schien es nicht verwunderlich, dass er bereits die Dreißig überschritten hatte, als er endlich einsah, dass er sich nach einer Frau umsehen musste. Höchstwahrscheinlich erfolgte die seltsame Brautschau mehr aus dynastischen Gründen als aus eigenem Verlangen. Man hatte dem Hagestolz verschiedene Prinzessinnen in heiratsfähigem Alter und von passendem Stand vorgeschlagen, aber er konnte sich für keine ernsthaft erwärmen, zu sehr fürchtete er sich vor einem Hinterhalt, einer Falle, in die er hineintappen konnte. Als ihm allerdings 1448 Herzog Philipp der Gute von Burgund, ein aufrichtiger Freund, der selbst mit der portugiesischen Prinzessin Isabella glücklich verheiratet war, die Tochter des Königs Eduards (Duarte) von Portugal vorschlug, begann er über diesen freundschaftlichen Rat ernsthaft nachzudenken. Zu diesem Zeitpunkt zählte die vorgesehene Prinzessin Eleonore gerade 12 Lenze. Aber Friedrich hatte es – trotz seines fortgeschrittenen Alters – ohnehin nicht eilig, mit einer Frau ins Ehebett zu steigen und so kam ihm das zarte Alter seiner potenziellen künftigen Gemahlin gerade recht. Vorsichtig, wie es seiner Art entsprach, begann er am portugiesischen Hof vorzufühlen, ob der junge König Alphons V., der seinem Vater auf den Thron gefolgt war, geneigt wäre, ihm seine Schwester zur Gemahlin zu geben. Über die Werbung des deutschen Königs um ihre Hand geriet die temperamentvolle, entzückende Eleonore geradezu aus dem Häuschen. Es dauerte nicht lange, da trafen auch schon die Gesandten Friedrichs in Lissabon ein, unter ihnen ein Maler, der ein Bildnis von Eleonore für Friedrich anfertigen sollte. Und Eleonore konnte sich wirklich porträtieren lassen! Ihre unzähligen Bewunderer rühmten die Ebenmäßigkeit ihres zarten Gesichtes, die ungewöhnlich sprechenden Augen und das gold-blonde Haar genauso wie ihre grazile Gestalt. Für viele ihrer Zeitgenossen galt Eleonore als Inbegriff der Schönheit.

Kaum hatte man am französischen Königshof von der Werbung Friedrichs erfahren, schien die kleine Prinzessin auch für Frankreich eine interessante Partie zu sein. Wollte Friedrich bei diesem Wettlauf um das begehrte Mädchen nicht als Verlierer übrig bleiben, musste er sich nun doch bequemen, etwas schneller zu handeln. Was er freilich nicht ahnen konnte, war die Tatsache, dass Eleonore von seiner Stellung als König und zukünftigen Kaiser tief beeindruckt war. Es hatte sich bis Portugal durchgesprochen, dass der Papst kundgetan hatte, Friedrich in Rom zum Kaiser krönen zu wollen und seine Gemahlin zur Kaiserin! Welch eine verlockende Aussicht für ein junges Mädchen! Unmissverständlich erklärte sie daher ihrem Bruder, dass sie nicht daran denke, den französischen Dauphin zu heiraten, Friedrich und sonst keinen wollte sie!

König Alphons V. liebte seine bezaubernde Schwester zärtlich und hatte niemals die Absicht gehabt, sie zu einer Heirat zu zwingen. Aber dass sie sich jetzt mit einer derartigen Bestimmtheit für den deutschen König entschieden hatte, betrachtete er geradezu als Glücksfall, denn Eleonore würde an der Seite Friedrichs unter allen Frauen Europas die höchste Stellung einnehmen.

Nachdem die ersten Vorverhandlungen über die Heirat zwischen Friedrich III. und Eleonore abgeschlossen waren, wurden die genauen Modalitäten zwischen Lissabon und Wiener Neustadt – wo sich Friedrich am liebsten aufhielt – Punkt für Punkt festgelegt: Dazu gehörte nicht nur der Termin der Eheschließungen, denn immerhin würde die Braut schon in Lissabon in Abwesenheit des Bräutigams »per procurationem« getraut werden – d.h. ein Mann seines Vertrauens vertrat Friedrich bei der Zeremonie –, sondern es wurden auch alle Details der reichen Mitgift bestimmt, und dies bildete für Friedrich bei seiner ständigen Geldknappheit einen besonders wichtigen und interessanten Passus. Er achtete peinlichst darauf, dass die Geldsummen auf den Gulden genau fixiert wurden, aber auch die übrige Aussteuer sollte bis zum letzten Hemd registriert werden. Obwohl die Hofbeamten alles zehnmal überlegten, unterlief ihnen bei der persönlichen Kleidung, die Eleonore mit in die neue Heimat nehmen sollte, doch ein schwerwiegender Irrtum. Man hatte im sonnigen Portugal einfach keine Vorstellung von dem rauen Klima nördlich der Alpen, so dass sich viel zu wenig warme Kleidungsstücke in dem überreichen Trousseau befanden. Diesen Mangel sollte Eleonore später am eigenen Leibe bitter erfahren.

Der portugiesische König zeigte sich äußerst großzügig bei der Mitgift seiner Schwester. Er konnte es auch sein, zählte Portugal doch zu den reichsten Ländern dieser Erde. Friedrich machte sich vermutlich nicht einmal eine Vorstellung darüber, in welchem Luxus seine zukünftige Frau aufgewachsen war, während er selber in eher bescheidenen Verhältnissen lebte. Die Märchenprinzessin heiratete einen Bettelkönig! Aber das war nicht die einzige Diskrepanz zwischen den beiden. Friedrich war mehr als doppelt so alt wie seine Braut, ein wortkarger Hagestolz mit festen, durchaus ehrenwerten Prinzipien, während seine kleine Braut ein kapriziöses junges Mädchen war, dem bisher jeder Wunsch von den Augen abgelesen worden war. Denn heiter ging es am Hofe in Lissabon zu, man liebte das Leben und genoss seine Annehmlichkeiten in vollen Zügen. Die unruhigen Zeiten mit ihren permanenten Thronwirren gehörten endlich der Vergangenheit an! Da in der näheren Umgebung Eleonores niemand den zukünftigen Gemahl persönlich kannte, hatte man der Braut nicht viel über Friedrich erzählt, über dessen Charakter, seine Ambitionen, Vorlieben oder seine Fehler. Erstaunt hätte die kleine Prinzessin dann feststellen müssen, dass Friedrich ein ganz seltsamer Mann war.

Wenngleich er bei offiziellen Anlässen mit seinem prunkvollen, kostbaren Königsmantel Aufsehen erregte, so zog er sich ansonsten beinahe leger an, damit er sich frei bewegen konnte, und unterschied sich manchmal kaum von seinen Untertanen. Friedrich III. war weithin als leidenschaftlicher Sammler der verschiedensten Dinge bekannt. Wo es möglich war, erwarb er wertvolle alte Handschriften, die er sorgsam verwahrte und nur ab und zu gestattete er Auserwählten einen Blick auf diese Kostbarkeiten. Auch lebende Künstler gingen bei ihm nicht leer aus, wenngleich er bei der Bezahlung der in Auftrag gegebenen Bilder oder Skulpturen mit den Meistern lange herumfeilschte, um ihnen doch noch ein paar Gulden abzuhandeln. Schon als junger Mensch war Friedrich anders als seine Zeitgenossen. Da er bis in die tiefe Nacht hinein experimentierte, lag er am nächsten Tag noch in den Kissen, wenn die Sonne schon hoch am Himmel stand. Kaum einer seiner Untertanen brachte diesem Verhalten Verständnis entgegen. Wollte der König etwa durch einen verkehrten Lebensrhythmus die Welt auf den Kopf stellen oder war er nur ein Faulpelz, der die kostbarsten Stunden des Tages verschlief? Seine ganze Lebensweise war keineswegs königlich und in ihrer Kargheit beinahe suspekt! Welcher Herrscher bevorzugte schon die derbe heimische Kost, einfaches Obst und Gemüse aus der Umgebung, anstatt sich von ausgebildeten Kochkünstlern delikate Speisen, die den Gaumen erfreuten, kredenzen zu lassen? Selbst die wenigen Gäste, die in Wiener Neustadt empfangen wurden, mussten sich mit saurem Wein aus Niederösterreich begnügen, was dem König und späteren Kaiser manch üble Nachrede einbrachte.

Als der König von Portugal den Ehekontrakt unterzeichnete, bedachte er nicht, dass hierdurch zwei Menschen zusammenkommen sollten, die so gar nicht zusammenpassen würden. Die Prinzessin war ein verspieltes, verwöhntes junges Mädchen, das alles hatte, was das Herz begehrte, teuerste Kleider aus Samt und Seide, mit Perlen bestickte Schuhe und Kappen, pelzbesetzte Mäntel, glitzernden Schmuck und wertvollste Edelsteine. Ihre Gemächer waren mit exotischen Teppichen ausgestattet und die seidenen Kissen, in denen sie des Nachts schlief, ließen sie von märchenumwobenen fernen Ländern träumen. Tagtäglich bogen sich die Tische der königlichen Tafel unter delikaten Speisen, deren berauschender Duft durch fremdartige Gewürze hervorgerufen wurde. Exquisite Süßigkeiten bildeten den Abschluss eines jeden Mahls. Am Hofe von Lissabon lebte man in Luxus pur, darüber waren sich die beiden Abgesandten Friedrichs bald einig und so mancher Zweifel, ob die entzückende Prinzessin das karge Leben in Wiener Neustadt würde ertragen können, regte sich. Sie allein wussten, dass Eleonore durch die Heirat mit König Friedrich in eine andere, keineswegs bessere Welt wechseln würde!

Die portugiesische Prinzessin verkörperte für so manchen Edelmann geradezu das Idealbild einer perfekten Braut. Nicht nur, dass man von ihr eine beachtliche Mitgift erwarten konnte, entzückte sie auch jeden durch ihr gewinnendes Äußeres und ihr liebenswürdiges Wesen. Daneben war sie trotz ihrer Jugend ein gebildetes, kultiviertes Mädchen. Schon sehr früh hatte man Hauslehrer engagiert, die das Kind im Lesen, Schreiben und Rechnen, aber auch in der lateinischen Sprache unterrichteten. Sprachbegabt, wie sie war, bedeutete es für Eleonore keine Schwierigkeit, die lateinischen Schriftsteller im Originaltext zu lesen. Daneben boten Musik und Tanz die nötigen Abwechslungen, eine ideale Erholung von den ernsten Disziplinen. Doch die Ausbildung der Prinzessin sollte vollkommen sein, deshalb wurde sie auch in den weiblichen Tugenden unterwiesen, wobei sie lernte, mit Nadel und Faden umzugehen, um eigenhändig feinste Stickereien herstellen zu können.

Obwohl die Tage und Wochen mit intensiven Hochzeitsvorbereitungen ausgefüllt waren, konnte sie den Tag kaum erwarten, an dem sie dem fernen unbekannten Friedrich angetraut werden würde. Sicherlich hatte sie sich ein Traumbild von ihrer künftigen Rolle als Ehefrau und Kaiserin gemacht, doch vermochte sie sich in ihren kühnsten Phantasien nicht ihre zukünftige Heimat vorstellen, die kalten Winter mit den Schneestürmen, die übers Land tobten – die eisige Kälte, die einem von Kopf bis Fuß unbarmherzig durch den Körper kroch und ihn fast erstarren ließ, die monatelange Düsternis in den feuchten, von nur wenigen Kerzen und rußigen Fackeln erleuchteten Räumen der Wiener Neustädter Burg, wo der Kaiser tagtäglich eindringlich zum Sparen mahnte. Die kleine Prinzessin hatte nur Sonne und Wärme in ihrem kurzen Leben kennen gelernt, Licht und Schönheit. Neugierig sah sie der unbekannten Zukunft entgegen. Sie wollte Friedrich eine gute, verständnisvolle Frau sein, die er mit aufrichtigem Herzen lieben konnte.

Als sämtliche Rechtsverbindlichkeiten geklärt waren, stand der Hochzeit endlich nichts mehr im Wege. Es war vereinbart worden, dass Friedrich seine Braut in Siena treffen sollte. Zuvor fand in Lissabon bereits unter großer Beteiligung der Bevölkerung in einem glanzvollen, tagelangen Fest die Trauung per procurationem statt.

Als die Lustbarkeiten vorüber waren, wartete schon der erste Alptraum auf Eleonore, dem noch viele folgen sollten. Die junge Braut sollte mit Friedrich im März zusammentreffen. Mit dem Papst war für diesen Monat auch die Krönung Friedrichs zum römisch-deutschen Kaiser vereinbart worden, so dass es für Eleonore keine andere Möglichkeit gab, als sich während des Winters auf die Seereise zu begeben. Nicht nur einmal drohten die Schiffe mit der Braut und ihrem Gefolge in den hohen Wellen des stürmischen Meeres zu kentern und nicht nur einmal kam die Rettung in letzter Minute. Es war eine unendliche Strapaze für das knapp 15-jährige Mädchen, aber so wie es Eleonore bisher gehalten hatte, verlor sie auch in diesen zwei Monaten – ständig umgeben von lebensbedrohenden Gefahren – nicht die Zuversicht. Sobald sich die See vorübergehend beruhigte, begann Eleonore, angeleitet von einem Vertrauten Friedrichs, Deutsch zu lernen, so dass sie in Livorno, wo sie endlich an Land gehen konnte, Personen aus dem Gefolge des Königs mit deutschen Worten begrüßte. Einer der aufregendsten Augenblicke ihres bisherigen Lebens stand unmittelbar bevor! Voller Ungeduld und mit einigem Herzklopfen erwartete sie ihren Bräutigam vor den Toren von Siena.

Aber Friedrich hatte sich auch bei dieser so entscheidenden Angelegenheit viel Zeit gelassen, war ohne allzu große Eile nach Italien gezogen und hatte überall, wohin er kam, Privilegien verkauft, um seinen Brautzug und später seinen Romzug finanzieren zu können. Schließlich waren auch für ihn die Türme von Siena in Sicht. Je näher er aber der Stadt kam, in der Eleonore auf ihn wartete, umso mehr Zweifel und Befürchtungen in Bezug auf die Braut befielen den misstrauischen Junggesellen. Hatte man ihm wirklich die volle Wahrheit über Eleonore berichtet? Fast musste man ihn überreden, zu dem vereinbarten Treffpunkt zu reiten. Zitternd und kreidebleich vor Aufregung trat er der reizenden Prinzessin gegenüber, sah in ihr Gesicht und – war entzückt! Aber die Spannung, in der er gelebt hatte, fiel erst allmählich von Friedrich ab, so dass es geraume Zeit dauerte, bis er halbwegs natürlich die Konversation mit seiner Braut aufnehmen konnte.

Die beiden bildeten ein ungleiches Paar: der König maß die stattliche Länge von 1,80 Meter, während Eleonore ihm nicht einmal bis zur Schulter reichte. Außerdem machte sich der beträchtliche Altersunterschied bemerkbar, denn die Braut hätte gut und gerne die Tochter des Bräutigams sein können. Aber trotz dieser äußerlichen Differenzen erschienen sie als attraktives Paar, denn Friedrich war keineswegs ein unansehnlicher Mann, sein schmales Gesicht, von dunkelblondem, lockigem Haar umrahmt, wirkte männlich – zum Glück hatte er nicht das überaus kräftige, leicht vorstehende Kinn seiner Mutter Cimburgis von Masowien geerbt. Vielleicht vermisste Eleonore in seinen Augen das Feuer, das sie bei den Verehrern in ihrer Heimat festgestellt hatte, aber der König galt als Mann ohne Skandale, denn nur von einer einzigen Liebesbeziehung zu der Nürnberger Patriziertochter Katharina Pfinzing hatte man da und dort geflüstert.

Gemeinsam setzte das Paar die Reise nach Rom fort, wo schon die Vorbereitungen zu den bevorstehenden Feierlichkeiten getroffen worden waren. Die offizielle Hochzeit sollte am 16. März in der Stadt am Tiber stattfinden, der Papst hatte sich erbötig gemacht, die Trauung selbst vorzunehmen. Drei Tage später sollte die Kaiserkrönung folgen. Aber selbst nachdem sie den Segen der Kirche empfangen hatten und offiziell Mann und Frau geworden waren, mied Friedrich die Gegenwart Eleonores. Wahrscheinlich berief er sich ihr gegenüber auf die vergangenen und bevorstehenden Strapazen, um zu erklären, warum er alles daran setzte, nicht mit ihr ins Ehebett zu steigen. Für die meisten der geladenen Hochzeitsgäste blieb es unverständlich, dass der König zauderte, mit seiner reizvollen Frau die Ehe zu vollziehen. Die Prinzessin hingegen war von allem, was rund um sie geschah, begeistert. Die köstlichen Speisen und edlen Weine erinnerten sie an zu Hause, genauso wie die duftenden Blumen und die einschmeichelnde Musik, die ihr zu Ehren gespielt wurde. Sie vermisste Friedrich kaum, wenn er hastig, als hätte er Angst, zu etwas Unliebsamem gezwungen zu werden, mitten im Festestrubel verschwunden war.

Die Krönung durch den Heiligen Vater bildete den Höhepunkt in Friedrichs Leben. Noch kein Habsburger vor ihm war in Rom zum Kaiser gekrönt worden und keiner nach ihm erfuhr diese Ehre in der ewigen Stadt. Sein Sohn Maximilian sollte sich jahrelang vergeblich darum bemühen, schließlich ernannte er sich selber in Trient zum römischen Kaiser. Sein Enkel Karl V. wurde zwar von einem Papst gekrönt, aber nicht in Rom, sondern in Bologna, da ein Zug nach Rom bei den gegebenen politischen Verhältnissen nicht besonders ratsam gewesen wäre. Nachdem der Heilige Vater Friedrich die Kaiserkrone aufs Haupt gedrückt hatte, krönte er Eleonore zur Kaiserin. Für die portugiesische Prinzessin war damit ein Traum wahr geworden!

Auf Einladung des Königs von Neapel setzte das Kaiserpaar seine Reise in den Süden fort, obwohl Friedrich lieber endlich nach Hause zurückgekehrt wäre. Aber der Bruder Eleonores, König Alphons, hätte es als Brüskierung aufgefasst, hätte ihm der Kaiser einen Korb gegeben. In Neapel trat dann das ein, worauf alle gehofft hatten, obzwar Friedrich selbst hier inmitten der allgemeinen Lebensfreude den merkwürdigen Abstand zu seiner jungen Frau gehalten hatte. Aber endlich gelang es, den scheuen Gatten zu überlisten! In den Gemächern der Kaiserin wurden berauschende Duftwässer versprüht, auf dem breiten Bett wie zufällig seidene Kissen drapiert und die Kerzen diskret hinter zarten Schleiern verborgen. Dann lockte man den hölzernen Ehemann unter einem Vorwand in diese anregenden Räume, wo Eleonore auf ihn wartete. Wahrscheinlich war Friedrich zunächst verblüfft und fühlte sich überrumpelt. Aber schließlich ließ er sich doch von der romantischen Atmosphäre und von seiner entzückenden Frau verführen.

Nach diesen für Friedrich strapaziösen Nächten in Neapel trennte sich das Paar und traf sich erst in Venedig wieder. Auch hier verhielt sich Friedrich keineswegs wie ein feuriger Liebhaber, denn er war stets von der Furcht beseelt, einen »welschen« Sohn zu zeugen. Er äußerste sich zwar nirgends darüber, was er darunter konkret verstand, aber in seinem ewigen Misstrauen hatte er vielleicht die Vorstellung, dass das Kind, das hier im sonnigen Italien entstehen würde, später leichtlebig sein könnte – eine Eigenschaft, die er von Grund auf verabscheute.

Der Anblick der düsteren Wiener Neustädter Burg musste für die junge Frau geradezu ein Schock gewesen sein. Von einem Tag auf den anderen änderte sich ihr Leben vollständig, vorbei war das »dolce vita«, das sie in Italien noch genießen konnte, vorüber alle Fröhlichkeit und Lebensfreude. Eleonore hatte kaum geahnt, was sie nördlich der Alpen wirklich erwartete, aber der Unterschied zu dem Leben, das sie gewohnt war, erwies sich als riesengroß. Dazu kam, dass Friedrich in seiner Sprödigkeit keineswegs der Mann war, der seiner jungen Frau behilflich war, sich allmählich auf das völlig neue Leben umzustellen. Er zog sich – wie er es immer getan hatte – in seine privaten Räumlichkeiten zurück und überließ Eleonore ihrem Schicksal. Obwohl er seiner jungen Frau durchaus zugetan war und sie auf seine Art auch liebte, war er nicht imstande oder willens, sich so um sie zu kümmern, dass sie

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