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Gesundheit! Was die Medizin so alles kann (GEO eBook)
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eBook322 Seiten4 Stunden

Gesundheit! Was die Medizin so alles kann (GEO eBook)

Von GEO

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Über dieses E-Book

Wie funktioniert unser Körper? Was können wir tun, wen er es mal nicht tut? Und wie ergründen Forscher die Mechanismen von Krankheit und Gebrechen, um sie immer besser bekämpfen zu können? Das sind Themen, denen die Wissenschaftsjournalisten von GEO immer wieder nachgehen.

In diesem eBook haben wir eine Auswahl der besten Reportagen zu Themen der Medizin zusammengestellt. Von neuen Therapie-Ansätzen gegen Allergie oder Schmerzen über ungewöhnliche Grundlagenforschung zur Alzheimer-Demenz - bis hin zu der Frage: Was können Heilkräuter für unsere Gesundheit leisten, und was nicht?

Kapitel:
Allergien: Neue Wege im Kampf gegen eine Volkskrankheit
Schmerztherapie 1: Wege aus der Pein
Schmerztherapie 2: Der durch die Hölle geht
Alzheimer: Beginnt der Sieg über die Demenz in Kolumbien?
Organspende: Tatort Klinik Madrid
Medizin-Forschung: Die neue Heilkunst
Muskeln: Die Motoren des Lebens
Darmleiden: Ein neuer Bauch für Lenie
Naturheilkunde: Die neue Kraft der Kräuter
Traumaforschung: Der Terror in den Köpfen
Krankenhäuser 1: Halbgötter in Not
Krankenhäuser 2: Gute Ärzte Schlechte Ärzte
SpracheDeutsch
HerausgeberGEO
Erscheinungsdatum9. Okt. 2012
ISBN9783652001663
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    Buchvorschau

    Gesundheit! Was die Medizin so alles kann (GEO eBook) - GEO

    Gesundheit!

    Zwölf GEO-Reportagen aus

    dem Reich der Medizin

    Herausgeber:

    GEO

    Die Welt mit anderen Augen sehen

    Gruner + Jahr AG & Co KG, Druck- und Verlagshaus,

    Am Baumwall 11, 20459 Hamburg

    www.geo.de

    Titelbild: Andreas Reeg

    Liebe Leserin, lieber Leser,

    es ist vielleicht das Privileg eines Monatsmagazins, sich bei Texten über neue Erkenntnisse der Wissenschaft nicht von der Atemlosigkeit der Aktualität treiben lassen zu müssen. Wir müssen nicht jeden Tag unsere Seiten mit Meldungen über diese oder jene Studie füllen, um dann wenig später von einer Untersuchung zu erzählen, die vielleicht das Gegenteil oder etwas ganz anderes hervorgebracht hat. Unsere Wissenschaftsreporter versuchen eher, einem Phänomen als Ganzes auf den Grund zu gehen, es von allen Seiten zu beleuchten, Neuigkeiten abzuwägen und einzuordnen. Dem Leser einen Überblick zu verschaffen.

    So ist das auch bei Reportagen über den menschlichen Körper und dessen medizinische Erforschung. GEO-Redakteurin Hania Luczak etwa hatte die Zeit, sich über Monate hinweg immer wieder mit den Schicksalen von Menschen mit extremen Darmkrankheiten zu befassen, um dann eingebettet in diese zutiefst anrührende Geschichte jene unfassbaren medizinischen Fortschritte zu erklären, die den Kranken helfen sollen: darunter die erste Darmtransplantation, die an einem Kind in Deutschland vorgenommen wurde. Reporter Bernhard Albrecht konnte ein Team von Wissenschaftlern bis in die Berge Kolumbiens begleiten, wo sie einen höchst ungewöhnlichen Ansatz verfolgen, der Alzheimer-Demenz künftig beizukommen. Und unser Kollege Malte Henk konnte sich wochenlang vertiefen in die neuesten Forschungen zu den Muskeln – und zu den Erkenntnissen, wie diese Motoren des Lebens bei Laune zu halten sind.

    Und natürlich werden Sie in den zwölf Geschichten dieses eBooks vielen Ärzten ganz persönlich begegnen – Vertretern jenes hochspezialisierten Berufsstandes, die im Zehnminuten-Takt qualifizierte Äußerungen abgeben müssen zu Hämoglobinwerten, Herzkathetern, Neurodermitis, Antibiotika, Innenohr-Schwerhörigkeit. Und die binnen Sekunden Leben mit Luftröhrenschnitten retten können, oder über Jahre mit einer Insulintherapie. Nicht verwunderlich, dass es in diesem eBook auch um Grenzerfahrungen geht. Für beide Seiten, für Patienten und Ärzte.

    Herzlich Ihr

    Peter-Matthias Gaede

    Chefredakteur GEO

    Inhalt

    Allergien

    Neue Wege im Kampf gegen eine Volkskrankheit

    von Klaus Bachmann, Fred Langer und Susanne Krieg

    Schmerz 1

    Wege aus der Pein

    von Klaus Bachmann

    Schmerz 2

    Der durch die Hölle geht

    von Constanze Kindel

    Alzheimer

    Beginnt der Sieg über die Demenz in Kolumbien?

    von Bernhard Albrecht

    Organspende

    Tatort Klinik Madrid

    von Martina Keller

    Medizin-Forschung

    Die neue Heilkunst

    von Petra Thorbrietz

    Muskeln

    Die Motoren des Lebens

    von Malte Henk

    Darmleiden

    Ein neuer Bauch für Lenie

    von Hania Luczak

    Naturheilkunde

    Die neue Kraft der Kräuter

    von Claus Peter Simon

    Krankenhäuser 1

    Ärzte in Not

    von Hania Luczak

    Krankenhäuser 2

    Gute Ärzte Schlechte Ärzte

    von Volker Stollorz

    Traumaforschung

    Der Terror in den Köpfen

    Von Ines Possemeyer

    Allergien

    Endlich aufatmen?

    Allergien – schon jeder dritte Europäer leidet unter ihnen. Und sie breiten sich rasant weiter aus. Die Wissenschaft geht nun neue Wege und verspricht bessere Rezepte für Vorbeugung und Therapie. Ein dreiteiliger Report

    von Klaus Bachmann, Fred Langer und Susanne Krieg

    1. Das Leiden der Moderne

    Es gab Zeiten, da fiel es Carola Sigrist schwer, die unsichtbaren Feinde in ihrem Leben richtig einzuschätzen. All jene Widersacher, die manchmal kaum zu umgehen sind und das körpereigene Abwehrsystem der 41-jährigen Biologin immer wieder dazu bringen, augenblicklich aufzurüsten. So massiv, dass es sich selbst außer Gefecht setzt. Die Folgen: schwellende Schleimhäute oder Kopfschmerz, manchmal Ausschlag, triefende Augen, explosionsartige Niesanfälle oder Juckreiz an unerreichbaren Stellen in Rachen und Ohr. Am schlimmsten aber ist das Gefühl, zu ersticken. Wenn sich die Bronchien bedrohlich zuschnüren und der Husten in ein unheimliches Pfeifen übergeht.

    „Zum Glück bin ich noch nie sofort umgefallen." Sigrist sagt es mit einer Gelassenheit, die erstaunlich erscheint für einen Menschen, dem sein Körper seit Jahrzehnten feindselige Beziehungen zu vermeintlich harmlosen Substanzen aufzwingt. Doch inzwischen ist Carola Sigrist gewappnet. Sie hat gelernt, strategisch vorzugehen. Denn vor allem weiß sie nun, wer ihr Gegner ist, wann und wie er angreifen wird.

    Im Laufe ihres Lebens hat ihre Immunabwehr nicht nur überbordend auf Reizstoffe reagiert, die von Hausstaubmilben und Katzen stammen, sondern auch auf Süßgräser (darunter viele Getreidesorten), auf Birke und andere Frühblüher wie Haselnuss und Erle. Wenn deren Sporen in milden Wintern schon ab Februar in dichten Wolken in die Welt hinausgeschleudert werden, dringen sie über die Schleimhäute in den Körper ein und lösen bei manchen Betroffenen über einen Großteil des Jahres Heuschnupfen aus. Doch damit nicht genug: Die fliegenden Allergene aus der blühenden Landschaft bilden auch noch kriegerische Allianzen mit vielen Lebensmitteln. Weil die Allergie auslösenden Eiweiße mancher Pollen bestimmten Nahrungsmittelproteinen ähneln, kann Sigrists irregeleitete Körperabwehr auch beim Essen häufig nicht zwischen Freund und Feind unterscheiden. Sogenannte Kreuzallergien haben dazu geführt, dass sie obendrein mit Soja, Sellerie, Fenchel, Avocados, Äpfeln, Birnen, Kirschen, Kiwis, Nektarinen, Pfirsichen, Pflaumen, Litschis, Mandeln, Thymian und Rosmarin auf Kriegsfuß steht.

    „Essen ist Kopfsache geworden statt Genuss, sagt Carola Sigrist. Besonders fatal für jemanden wie sie sei, dass in industriell hergestellten Lebensmitteln nur die wenigsten Allergie auslösenden Inhaltsstoffe gekennzeichnet werden müssen. Und auch auf den Speisekarten vieler Restaurants versucht sie vergeblich, ihre Widersacher rechtzeitig aufzuspüren. „Besonders Soßen sind wie russisches Roulette. Am Ende bleibe oftmals nur Verzicht.

    Was ist das für eine Verirrung des Immunsystems, die immer mehr Menschen heimsucht und zu einem der großen chronischen Leiden der Moderne geworden ist? Laut der Weltallergieorganisation WAO breitet sich die Krankheit wie eine Seuche rund um den Erdball aus, schneller noch als Herzinfarkt oder Krebs. Und endet mitunter ähnlich verheerend: Schon die Spur einer Erdnuss oder der Stich einer Wespe genügt bei manchen Menschen, um einen anaphylaktischen Schock auszulösen, jenen allergischen Extremfall, bei dem innerhalb weniger Minuten Atmung und Herz-Kreislauf-System versagen.

    Wie stark eine Allergie ausgeprägt ist, ob sie Lebensgefahr bedeutet oder nur ein lästiges Jucken, ob sie eine einmalige Erfahrung bleibt oder regelmäßig wiederkehrt, variiert von Mensch zu Mensch. Studien gehen davon aus, dass inzwischen bis zu 30 Prozent der Weltbevölkerung einen mehr oder minder schweren Amoklauf der Antikörper am eigenen Leib erfahren haben. Allein in Deutschland hat sich die Häufigkeit allergischer Reaktionen innerhalb nur einer Generation fast verdoppelt. Atemraubender Spitzenreiter unter den hierzulande etwa 30 Millionen Leidtragenden ist der Heuschnupfen, nicht selten die Vorstufe zu Asthma. Nimmt man Insektengift-, Nahrungsmittel-, Kontakt-, Licht-, Medikamenten- und alle weiteren Allergien hinzu, könnte bis 2015 schon jeder zweite Europäer betroffen sein.

    Die zunehmende Macht der Allergene stellt Forscher und Ärzte vor Rätsel. Zwar sind die biochemischen Prozesse hinter jenem Fehlalarm des Körpers weitgehend entschlüsselt. Doch unklar bleibt, warum er immer mehr Menschen heimsucht und andere dennoch verschont.

    Dass Erbanlagen eine Rolle bei der Entstehung von Allergien spielen, gilt als gesetzt. Doch sie allein können den extremen Anstieg der vergangenen Jahrzehnte nicht erklären. Und so versuchen Wissenschaftler auch weiterhin fieberhaft, begünstigende Faktoren und mögliche Schutzmechanismen zu verstehen (siehe Teil 2), um Diagnose und Therapie (siehe Teil 3) vorantreiben zu können.

    „Nur einer von zehn Allergikern wird korrekt behandelt", erklärt Torsten Zuberbier, Carola Sigrists Arzt und Direktor der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie an der Charité in Berlin. Einem Dermatologen, moniert Zuberbier, stünden für die Behandlung eines Allergikers pro Quartal nur 18 Euro zur Verfügung – oft nicht einmal genug, um die Substanzen für einen ganz normalen Allergietest bezahlen zu können. Viele Ärzte, beklagt die Deutsche Gesellschaft für Allergologie, hätten es daher aufgegeben, Allergien überhaupt zu behandeln. Und weil Medikamente wie bestimmte Antihistaminika oder Hautcremes bei Neurodermitis von gesetzlichen Krankenkassen immer seltener erstattet werden, haben inzwischen auch Millionen Patienten resigniert – und nehmen zusätzliche Kehrseiten ihres Leidens in Kauf: Untersuchungen in Großbritannien etwa ergaben, dass die Leistungsfähigkeit von Schülern mit einem unbehandelten Heuschnupfen um bis zu 30 Prozent sinkt. Ein schlecht oder gar nicht therapierter Allergiker läuft zudem große Gefahr, als Spätfolge Asthma zu entwickeln.

    So produziert das System Langzeitkranke, deren Beschwerden die Volkswirtschaft enorm belasten: Allergien sind inzwischen der Grund für jede zehnte Krankschreibung in deutschen Firmen, allein Heuschnupfen für Fehlzeiten von über einer Million Arbeitstagen pro Jahr. Die Europäische Union schätzt, dass die Folgen der Allergien bereits jetzt jedes Jahr 100 Milliarden Euro an Wirtschaftskraft kosten – „Einbußen, die wir drosseln könnten, wenn Allergien nicht mehr unterschätzt würden", so Zuberbier.

    Carola Sigrist hat Glück. Ihr immunologischer Notstand wird ernst genommen. Bei Zuberbier ist sie in einem der renommiertesten Allergiezentren Europas in Behandlung. An der Universität steht Geld zur Verfügung. Über ein Jahr lang beobachteten die Ärzte Sigrist detektivisch genau, um jeden einzelnen Auslöser ihrer Qualen entlarven zu können. Verdächtige Stoffe wurden ihr auf die angeritzte Haut getropft (Pricktest) und anhand dann auftauchender Rötungen oder Quaddeln überführt. Die Mediziner untersuchten das Blut der Patientin auf bestimmte Antikörper, deren Werte bei Allergikern verräterisch hoch sind, maßen, wie viel Luft durch Sigrists Atemwege strömt, um eine mögliche Erkrankung an Asthma ausschließen zu können, und überprüften, ob ihre häufigen Hustenattacken in den Bronchien Entzündungen hinterlassen hatten.

    Als das Urteil gefällt und die Widersacher dingfest gemacht worden waren, wurde Sigrist zu Ernährungsberatern geschickt, die sie über ihre komplexen Kreuzreaktionen aufklärten. Sie bekam ein Antihistaminikum verschrieben, bronchienerweiternde Mittel und Kortison zum Inhalieren, um die Symptome zu lindern. Und schließlich wurde das größte Übel, die Allergie gegen Frühblüher, an der Wurzel gepackt: mit einer Hyposensibilisierung, die das Abwehrsystem durch regelmäßig gespritzte Allergendosen in einigen Jahren, wenn alles gut geht, auf den richtigen Weg geführt haben wird.

    Es scheint, als werde Carola Sigrists Körper Frieden finden. Rückblickend betrachtet, habe der Umzug ihrer Familie von Göttingen nach Berlin so durchaus sein Gutes gehabt, sagt sie. Doch noch vor drei Jahren hatte es eine Zeit gegeben, in der Sigrist dem Ortswechsel wenig hatte abgewinnen können. Als ihrem Mann eine Professur in Berlin angeboten worden war, als die Familie schließlich aus dem beschaulichen Göttingen in die Hauptstadt gekommen war, da standen Leben und Immunsystem gleichermaßen Kopf.

    Die Söhne Paul, 12, und Philipp, 10, und Tochter Elisabeth, 5, verkrafteten den Umzug schlecht. Die Kinder vermissten ihre Freunde, waren angespannt, ständig krank. Kein Kitaplatz für die Jüngste, dazu eine endlos lange Suche nach neuen Schulen für die Jungs – eine seelische Last, die auf Carola Sigrist drückte und sie für den Angriff der Allergene empfindlicher werden ließ als je zuvor. Schließlich wurde auch Paul wie seine Mutter im Frühling von heftigen Niesattacken geschüttelt. Nun wird der Junge ebenfalls an der Charité mit Spritzen immunisiert, nun muss er sich jedes Mal die Pollen aus den Haaren waschen, wenn er vom Fußballspielen kommt.

    Eigentlich hatten er und seine Geschwister sich eine Katze gewünscht. Doch weil schon ein einziges Tierhaar den Körper der Mutter lahmlegen kann, haben sie sich für zwei große Aquarien entschieden. Darin Guppys, Neons, Goldmollys, Garnelen, Kardinalfische und Antennenwelse. Zwischen Steinen versteckt: ein Krebs, Pauls großer Stolz. „Einmal dachten wir schon, er wäre tot", erzählt er. Dabei hatte das Tier nur reglos dagelegen, um sich zu häuten. In einer Mon-Chéri-Dose verwahren die Geschwister nun die abgelegte Hülle wie einen Schatz.

    Aus seiner Haut herauszukönnen wie ein Krustentier – eine Gabe, die sich womöglich Millionen Menschen schon einmal gewünscht haben, wenn sie von geschwollenen Schleimhäuten und brennenden Quaddeln heimgesucht wurden.

    Aber ist das Schicksal eines Allergikers wirklich unausweichlich? Bei der Suche nach einem Schutzfaktor sind Wissenschaftler auf eine heiße Spur gestoßen. Und die führt aufs Land.

    2. Verheissung aus dem Kuhstall

    Die Fahnder rückten mit elektrostatisch geladenen Tüchern aus, mit Staubsaugern, Probenfläschchen, Fragebögen. Ihr Ziel: Tausende von Bauernhöfen in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz. Das Suchobjekt: winzig klein. Ein verborgenes Etwas, das Kindern ein Leben unbeschwert von Allergien schenken könnte. Ein Erreger vielleicht – einer allerdings unter vielen Millionen, die dort zu finden wären.

    Die Wissenschaftler kratzten Dreck von den Stallwänden und nahmen Proben von der Frühstücksmilch. Vor allem auf die Kinderbetten hatten sie es abgesehen: 8000 Matratzen wurden nach genauen Vorgaben abgesaugt – je einen Quadratmeter, stets eine Minute lang. Laboranten und Programmierer werden noch Jahre mit der Auswertung der enormen Datenmengen zu tun haben.

    Erika von Mutius ist Mit-Koordinatorin des Großprojekts, an dem sich 150 Forscher aus 15 Ländern beteiligen. „Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen, haben fünfmal seltener Asthma und Heuschnupfen als Stadtkinder, so ihr Befund. Mehr als 30 Studien, von Finnland über Kanada bis Neuseeland, bestätigen diese „Bauernhof-Hypothese mittlerweile. „Was aber genau es ist, das die Kinder in traditioneller ländlicher Umgebung schützt, das wissen wir nicht, sagt von Mutius. „Wenn wir das herausfänden, könnten wir so vielen allergiegeplagten Kindern das Leben erleichtern.

    Immer mehr Kinder vor allem in den wohlhabenden Regionen der Erde, und dort besonders in den Städten, erkranken an Allergien. Weltweit suchten die Immunologen nach Gründen für dieses Phänomen – und gewannen so in den vergangenen Jahrzehnten allmählich ein Bild vom Werden und Gedeihen dieser „Zivilisationskrankheit".

    In den USA etwa nahm das Leiden mit Micky Maus zu. „Vor 1955 sind die Kinder nach der Schule zum Spielen nach draußen gegangen", erklärt Thomas Platts-Mills, Ex-Präsident der Amerikanischen Akademie für Allergie, Asthma und Immunologie. Dann eroberten die beliebten Comicfiguren den Fernsehbildschirm. Und aus kleinen Strolchen wurden Couch-Potatoes in zunehmend steriler Umwelt.

    Und die Menschen im Westen schufen in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur völlig neue, künstliche Lebenswelten, sie krempelten auch die Familienstrukturen um. Der britische Wissenschaftler David Strachan entwickelte daraus 1989 die „Hygiene-Hypothese". Seine Studie an 17 000 Kindern ergab: Je kleiner die Geschwisterzahl, desto größer die Heuschnupfen-Häufigkeit. Mehr Kinder = mehr Keime = weniger Allergien, folgerte Strachan.

    Und während das traute Heim zur Hygienezone geformt wurde, verdreckten zunächst noch zunehmend Luft und Wasser. Umweltverschmutzung – das war deshalb Erika von Mutius’ erstes Suchfeld, um sich den Allergienvormarsch zu erklären. „Als die Mauer fiel, sahen wir unsere Chance, im direkten Ost-West-Vergleich nachzuweisen, dass die verschmutzte Luft Allergien und Asthma auslöst", sagt sie. In Bitterfeld, Merseburg, Leipzig und Halle an der damals giftig bunt schillernden Saale sammelte sie ihre Daten.

    Das Ergebnis: ein spektakulärer Fehlschlag. In der stark mit Schwefeldioxid belasteten Leipziger Luft litten statistisch weniger Kinder an Asthma und Allergien als im vergleichsweise sauberen München. Nach der Wende wurde die Luft im Osten stetig besser – doch nun erkrankten dort immer mehr Kinder.

    Was steckte hinter diesem Paradox?

    In Ostdeutschland ging die Geburtenrate nach der Wende drastisch zurück. Das erinnert an David Strachans Beobachtungen über Familiengröße und Allergiehäufigkeit. Und es wurden nicht nur weniger Kinder geboren, sie verbrachten auch weniger Zeit in der Krippe. Kinder aber, die schon als Säuglinge eine Tagesstätte besuchen, zeigen eine geringere Neigung zu allergischen Reaktionen als solche, die später oder gar nicht in der Krippe waren.

    Erika von Mutius reicht das als Erklärung für die Zunahme der kindlichen Allergien aber nicht aus. „Für mich ist das Ost-West-Phänomen nach wie vor unverstanden, sagt sie. „Etwas in der Umwelt war neu – oder ist verloren gegangen.

    Also zurück zum Bauernhof. Welche bislang unbekannten Schutzfaktoren könnte es dort geben?

    Das Biotop, in dem Kinder weitgehend unbehelligt von Allergien aufwachsen, kann Erika von Mutius mittlerweile detailreich beschreiben: „Kühe gehören auf jeden Fall dazu. Und am besten möglichst viele weitere Nutztierarten. Ein Stall, der mit Stroh eingedeckt ist. Heu in der Scheune. Eine Geschwisterschar. Und die täglich getrunkene Milch sollte direkt aus dem Kuhstall kommen."

    Bauernhof-Idylle – doch von Mutius warnt vor romantischen Trugschlüssen: Einfach wieder naturbelassene Milch zu trinken, sei für Städter keine Option. Denn Rohmilch kann mit potenziell lebensgefährlichen Keimen belastet sein; gefährlich für Städter – die Bauernhofkinder sind daran gewöhnt.

    Starken Schutz vor Allergien genießen vor allem jene Kinder, deren Mütter während und nach der Schwangerschaft täglich im Stall und in der Scheune gearbeitet haben. Und regelmäßig Rohmilch tranken. Offensichtlich bildet sich die segensreiche Immunreaktivität in der frühesten Lebensphase am wirkungsvollsten aus.

    Kinder von Vollzeitbauern sind besser geschützt als die von Teilerwerbslandwirten. Und wer nur auf dem Land wohnt, aber kein Bauer ist, dessen Kinder sind genauso gefährdet wie jene in der Stadt. Deshalb mag Urlaub auf dem Bauernhof zwar schön sein, hilft jedoch nicht gegen Allergien. Offenbar muss man mitten in die mikrobielle Artenvielfalt traditioneller Bauernhöfe hineingeboren werden, damit der Schutzschild sich entfalten kann.

    Eine neue Studie stützt diesen Befund: Die Wissenschaftler wiederholten ihre Untersuchungen, die sie zuvor auf Schweizer Höfen vorgenommen hatten, in der extrem rückwärtsgewandten Bauernwelt der Amischen in den USA. Ergebnis: Die Kinder jener christlichen Glaubensgemeinschaft, die sich dem technischen Fortschritt weithin verweigert, in vielköpfigen Großfamilien lebt und ein ländliches Dasein wie vor 200 Jahren führt, sind nochmals sehr viel besser gegen Asthma und Allergien geschützt als „moderne" Schweizer Bauernkinder.

    Das Immunsystem vieler Stadtkinder hat in der mikrobiell verarmten Stadtluft wahrscheinlich verlernt, Freund und Feind unter den Keimen zu erkennen. Es ist, als fehle es ihm an Trainingsmöglichkeiten. Denn in entwicklungsgeschichtlichen Zeitdimensionen betrachtet, haben wir Menschen unser Zuhause quasi von heute auf morgen verlassen. Wir sind abrupt ausgebrochen aus jenem vertrauten Landwirtschaftsmilieu, das uns seit 10 000 Jahren umgibt – seit wir sesshaft geworden sind, seit aus Jägern Viehzüchter und aus Sammlern Bauern wurden. Dagegen ist unser Organismus offenbar immer noch auf die Gesellschaft der alten Hausgenossen eingestimmt, findet seine Orientierung zwischen Kühen und Ziegen, Pollen und Bakterien, Geschwistern und Darmparasiten.

    Und da wir nicht zurückkönnen oder wollen in diese verlorene Welt, die uns doch immer noch auf den Leib geschneidert ist: Ließe sich nicht ein Substrat entwickeln, das dem überschießenden Immunsystem ein beruhigendes Gefühl von Heimat vorgaukelt? Und müsste dieses Wundermittel nicht irgendwo im Biotop aufzustöbern sein?

    „Es ist uns in der Tat gelungen, zwei vielversprechende Bakterien aus der Stall-Luft zu isolieren", erklärt Erika von Mutius. Mäusen wurde dieses Elixier als Nasenspray verabreicht. Und bei den Nagern konnte es den Ausbruch von allergischem Asthma zuverlässig verhindern.

    Dennoch klingt die Wissenschaftlerin nicht gerade euphorisch, als sie von ihrem Erfolg berichtet. „Mit einzelnen Erregern werden wir beim Menschen nicht weit kommen", ahnt von Mutius. Wahrscheinlich müsste man einen Cocktail aus vielen Zutaten mixen. Und jeder einzelne Bestandteil dieses Zaubertranks gegen Allergien hätte ein aufwendiges – und in der Summe dann sehr teures – Zulassungsverfahren zu durchlaufen. Zumal das Mittel ja für Schwangere und Kleinkinder gedacht wäre.

    „Wir müssen in neuen Dimensionen denken", sagt von Mutius. Denn seit Louis Pasteur im 19. Jahrhundert die Mikrobiologie begründete, hat die Wissenschaft stets nur einzelne Mikrobenarten im Visier: einige wenige Krankmacher, die es auszuschalten galt. Aber da ist unendlich viel mehr. Jeder Erwachsene beherbergt etwa 100 Billionen Bakterienzellen – das sind bis zu zehnmal so viele, wie unser eigener Körper Zellen hat. Sie leben in Kolonien, die miteinander interagieren, im Verdauungstrakt und in der Lunge, auf der Haut, im Mund. Es ist eine sensible Gemeinschaft, mit der wir unsere gesamte Evolutionsgeschichte teilen.

    Das Mikrobiom – die Gesamtheit aller in und mit uns lebenden Mikroorganismen – beeinflusst grundlegend die Funktionen unseres Körpers. Die meisten Bakterien übernehmen wir von der Mutter und anderen Familienangehörigen in den ersten Lebensjahren; der andere Teil unserer Mitbewohner wird durch den Lebensstil geprägt.

    Wenn wir unser Mikrobiom verstehen, seine verschachtelten Dimensionen, seine vielschichtigen Verknüpfungen, dann erst werden wir auch das Rätsel der Allergien vollständig lösen können. Bis dahin gilt:

    Es ist mit Überraschungen zu rechnen – auch mit positiven.

    In der Münchner Universitätsklinik, im Dr. von Haunerschen Kinderspital, leitet Erika von Mutius die Asthma- und Allergieambulanz, wo sie sich geerdet fühlt und daran erinnert, „dass ich Wissenschaft nicht als Selbstzweck betreibe".

    Fast beiläufig berichtet sie von einer neuen, verblüffenden Entdeckung. Einer, mit der sie „sehr viel Hoffnung" verbindet:

    Es geht immer noch um die Bauernhof-Studie. Bei dieser wurden auch 800 Milchproben gesammelt, manche aus der Tüte, andere aus dem Euter der hofeigenen Kuh. Pasteurisiert und homogenisiert, das war klar, büßt Milch ihren antiallergischen Effekt ein, wie bereits frühere Auswertungen ergeben hatten. Nur dachten die Wissenschaftler, Rohmilch entfalte ihre schützende Funktion über die in ihr enthaltenen Mikroben; ausgerechnet über jene pathogenen Keime also, die abgetötet werden müssen, damit die Milch ohne Bedenken verzehrt werden kann.

    Neue Analysen aber zeigen nun: Es sind gar nicht die Mikroben, die den Schutzmechanismus in Gang setzen. Die Molkenproteine sind es.

    Wenn Kinder Milch trinken, die diese kleine, aber wichtige Eiweißfraktion enthält, so von Mutius, dann sinke deren Asthmarisiko um 40 bis 50 Prozent. „Wir müssten die Milch nur anders verarbeiten, sagt sie. „Es wären nicht einmal Zulassungsprozeduren notwendig und auch keine klinischen Tests.

    Ein Verfahren, das die Keime abtötet, aber diese Proteine erhält? Oder fügt man sie nach dem Erhitzen wieder hinzu?

    Details verrät von Mutius nicht. Sie will diesen letzten Schritt selber gehen, auch wenn es noch Jahre dauern sollte.

    Es wäre zu schön, durch einen Eiweiß-Drink dem Immunsystem zu helfen, die Balance zu halten. Doch eine Reduzierung des Asthmarisikos um 40 bis 50 Prozent lässt immer noch 50 bis 60 Prozent des Problems ungelöst. Prävention kann also nur ein Pfeiler in der Allergiebekämpfung sein. Denn auch die, die es trotzdem erwischt, brauchen eine Option auf

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