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Telepolis special Mensch+: Upgrade-Revolution für Homo sapiens
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eBook338 Seiten3 Stunden

Telepolis special Mensch+: Upgrade-Revolution für Homo sapiens

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Über dieses E-Book

Human Enhancement heißt das nächste große Ding nach der IT-Revolution. Jahrhundertelang hat die Medizin nur geheilt, heute forschen die Labors an einer Fortführung der Evolution mit technischen Mitteln: Genbaukasten, Roboter-Ersatzteile, Stammzellen, Individualmedizin. Diese Veränderungen greift Telepolis in einem Sonderheft auf, zieht Schlüsse und benennt die individuellen und gesellschaftlichen Folgen. Beiträge von bekannten Autoren geben einen Einblick in die Arbeit am Körper, die erreichten Erfolge, die nächsten Ziele und Motive: Das Menschsein ist derzeit ein Abenteuer mit offenem Ausgang.
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum15. Feb. 2012
ISBN9783936931969
Telepolis special Mensch+: Upgrade-Revolution für Homo sapiens
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    Buchvorschau

    Telepolis special Mensch+ - Heise Zeitschriften Verlag

    Inhaltsverzeichnis

    Editorial

    Auf dem Weg zum Cyborg

    „Unsterblichkeit ist durchaus denkbar!"

    Kinderwunsch und Designerbaby

    Personalisierte Medizin

    Synthetische Biologie

    Zelluläre Universaltalente und Ersatzorgane

    Die Telemedizin boomt

    Wir und die Mikroben

    Risiko Neuroimplantate

    Das aufgerüstete Gehirn

    Leistungsbereit in die berauschte Zukunft

    Freiheit und der Blick ins Innerste des Menschen

    Wer entscheidet?

    Christentum 2.0

    Und morgen ein iPhone im Kopf?

    Wettlauf der Neuronenstürmer

    Von der Synästhesie zur Exo-Evolution

    Der Mensch – ein biologisches Auslaufmodell?

    Schöner neuer Mensch

    Welcome to the Machine

    „Meiden Sie prominente Schönheitsmediziner!"

    Das Fremde im Körper

    Methusalems Erben

    Der Übergang des Abendlandes

    Editorial

    Liebe Leserin, lieber Leser,

    die Fluchtgeschwindigkeit der Erde ist ein wichtiger Grenzwert, bei dem ein Gegenstand unwiderruflich seine Heimat verlässt und in die Weiten des Alls entschwindet.

    Was das Verhältnis der Menschen zu ihrem Körper angeht, so nähern wir uns rasant einer solchen Fluchtgeschwindigkeit. Noch haben wir erst abgehoben und es scheint alles fast wie immer zu sein, weil wir die rasanten Veränderungen durch die Technik gar nicht in vollem Ausmaß realisieren. Doch das Paradigma von einem natürlichen Körper, der bis zum Tod bleibt, wie er ist, haben wir im Grunde schon längst verlassen.

    An unzähligen chirurgischen, technischen, genetischen oder pharmakologischen Baustellen wird fieberhaft daran gearbeitet, den natürlichen Körper – gerne auch etwas verächtlich Wetware genannt – zu reparieren, zu erweitern oder auch gleich ganz zu ersetzen – IT-Revolution war gestern.

    Diese Veränderungen greift Telepolis in diesem Sonderheft auf, zieht Schlüsse und benennt die individuellen und gesellschaftlichen Folgen. Beiträge von bekannten Autoren geben einen Einblick in die Arbeit am Körper, die erreichten Erfolge, die nächsten Ziele und Motive.

    Ich hoffe, dass Sie nach der Lektüre des Heftes mit uns der Meinung sind, dass wir uns von der traditionellen Anthropologie und den mit ihr verbundenen Körperbildern trennen müssen. Mit Verboten und Strafen wird gegenwärtig auf politischer Ebene versucht, dieses Körperbild zu erhalten. Wir sollten hingegen eine Anthropologie des Entwerfens entwickeln, die zeigt, wie der Mensch und seine Verkörperung sein könnte. Mehr denn je ist das Menschsein ein Abenteuer mit offenem Ausgang.

    Florian Rötzer

    Matthias Gräbner

    Auf dem Weg zum Cyborg

    Ersatzteile für den menschlichen Körper

    Was nicht mehr funktioniert, wird ersetzt: Noch nie konnten so viele Körperteile ausgetauscht oder zumindest künstlich verbessert werden wie heute. Und ständig werden es mehr. Unsere Grafik auf der übernächsten Seite gibt einen Überblick und zeigt, was heute schon möglich ist oder bereits entwickelt wird.

    Die Prothetik, also die Entwicklung und Herstellung von Prothesen, ist heute ein umfangreiches Forschungsgebiet und konnte besonders bei der Mechanik in letzter Zeit deutliche Verbesserungen erzielen. Künstliche Füße stehen dem natürlichen Vorbild zum Beispiel nicht mehr nach – man spricht sogar schon von „Techno-Doping", weil die Ersatzteile aus dem Labor zumindest das Potenzial haben, bessere Leistungen zu ermöglichen, als die von der Natur geschaffenen Originale. Vorwerfen kann man das ihren Besitzern nicht, die im Zweifel sicher nicht die Technik gewählt hätten.

    Zwei Probleme bleiben aber derzeit noch. Vor Herausforderung Nummer eins steht auch die Robotik: Es ist bisher nicht gelungen, die natürliche Sensorik der Haut zufriedenstellend nachzuahmen. Ein Fortschritt auf diesem Gebiet ist aber nötig, um die Genauigkeit, insbesondere von Fingerprothesen, zu erhöhen. Ein Feedback über die Art des berührten Materials ist für viele simpel erscheinende Tätigkeiten immens wichtig. Problem Nummer zwei betrifft die Steuerung. Stand der Technik ist, dass die Prothesen an vorhandenen Nervenenden andocken. Der Nutzer muss dann neu lernen, seinem Ersatzorgan Befehle zu erteilen. Das erschwert uns einfach erscheinende Vorgänge wie die Hand-Auge-Koordination. Wenn ein Mensch einen Ball fängt, prävisualisiert er den kompletten Vorgang – ohne sich einzelne Etappen davon vorzustellen, etwa das Öffnen aller Finger nacheinander.

    Überbrückung statt Langzeitlösung

    Komplizierter ist der Ersatz bei Organen, die Funktionen ausüben, für die es in der Technik bisher kein Vorbild gibt. Da wäre zunächst das Herz, ein unglaublich effizienter und ausdauernder Muskel, der mit 100 Prozent Uptime ein ganzes Leben lang schlagen muss – beendet er seine Tätigkeit, folgt nach dem Herztod meist auch der Hirntod. Nach einem gewissen Hype um das maschinelle Kunstherz ist heute Stand der Wissenschaft, dass die derzeit angebotenen künstlichen Organe vor allem der Überbrückung bis zu einer möglichen Transplantation dienen. Statt das Herz maschinell nachzubauen, scheint der erfolgversprechendste Weg derzeit eine biologische Rekonstruktion zu sein: Ein totes Spenderherz wird bis auf die Zellwände entkernt, das so zurückbleibende Gerüst versucht man mit Zellen des Organempfängers neu zu besiedeln. Das so entstehende Ersatzherz würde vom Körper nicht mehr abgestoßen.

    Ärzte können aus einer immer größeren Auswahl an künstlichen Implantaten auswählen und Patienten so zu einem angenehmeren Leben verhelfen.

    Ebenso schwierig ist es, die Ausscheidungs- und Entgiftungs-Funktionen von Leber und Niere nachzuahmen. Die derzeit bei Dialysepatienten eingesetzten Maschinen zur Blutwäsche sind weit von der Implantierbarkeit entfernt. Glücklicherweise ist der Mensch mit zwei Nieren ausgestattet, so dass die Chance auf ein Spenderorgan größer ist als bei der Leber. Bleibt noch die Lunge – von einer implantierbaren Atemmaschine ist die Forschung noch weit entfernt. Über den Ersatz für ein einziges Organ denkt die Wissenschaft seltsamerweise bisher nicht ernsthaft nach, obwohl die Technik dafür eigentlich in absehbarer Zeit zur Verfügung stehen müsste. Die Rede ist von dem Organ, das – einzeln betrachtet – im Körper die meiste Energie verbraucht: dem Gehirn. Seine biologischen Strukturen mit dem Ich des Menschen gleichzusetzen ist in etwa so rational, wie dem Herzen den Sitz des Mutes zuzusprechen. Ein bisschen Irrationalität sei den Forschern aber gegönnt.

    Ersatzteile für den Menschen

    Künstliche Linse: Bei Grauem Star oder Fehlsichtigkeit; Routine; ab 2000 Euro

    Netzhautchip: Fotodioden ersetzen die Retina – bisher nur zur Erkennung von Licht und Schatten sowie von Umrissen geeignet, das israelische Produkt „Bio-Retina" etwa erkennt 600 Pixel; in Entwicklung, Marktreife wird ab 2015 erwartet; zum Preis von dann etwa 60.000 Dollar

    Aortenersatz: Zur Erweiterung oder Stabilisierung der Hauptschlagader; Preis vor allem vom Preis der Operation bestimmt; Routine; ca. 7500 Euro inklusive Operation

    Gelenkersatz (fast überall): Vor allem Hüfte (210.000 Operationen im Jahr) und Knie (175.000 Operationen im Jahr) werden bei Abnutzung oder Beschädigung getauscht; Routine; etwa 7500 Euro inklusive Operation

    Fingerprothese: Mechanischer Ersatz von Knochen und Gelenken unproblematisch; Routine; taktiles Feedback in Entwicklung; ab 2000 Euro

    Hirnschrittmacher / Neurostimulator: Gegen Schmerzen, bei Parkinson, Epilepsie oder Depressionen sollen schwache Stromstöße an Hirn oder Rückenmark helfen; Impulsgeber und Batterie meist unter der Brusthaut; in Entwicklung; etwa 20.000 Euro

    Zahnersatz / Zahnimplantat: Aus Titan bzw. mit einer Titanwurzel wird direkt in den Kiefer geschraubt; über 500.000 Operationen jährlich; Routine; ab etwa 1500 Euro

    Schließmuskel (Darmausgang): Ein mit Wasser gefüllter Ring um den Ausgang des Enddarms, der sich auf Knopfdruck öffnet, in Entwicklung

    Beinprothese: Funktionieren schon erstaunlich gut, wie der südafrikanische Leichtathlet Oscar Pistorius beweist; Routine; Preis je nach Gelenk, an dem die Prothese ansetzt – ab Knie ca. 3000 Euro

    Schädel-Plastik: Bei Verletzungen, wurde notgedrungen schon zu Weltkriegszeiten populär; heute meist aus Titan oder Keramik; Routine; Preis vor allem vom Preis der Operation bestimmt

    Ersatz für Gleichgewichtsorgan: Gyroskope, die in Smartphones längst Standard sind, sollen nun auch dem Menschen helfen, das Gleichgewicht zu halten; problematisch ist vor allem die korrekte Weitergabe der Signale; im Tierversuch; Preis noch nicht bekannt

    Cochlea-Implantat: Das Implantat übernimmt die Funktion, Geräusche in elektrische Impulse umzuwandeln und an den Hörnerv weiterzugeben; marktreif; etwa 20.000 Euro

    Kehlkopfersatz: Als Stimmprothese nach Verlust des Kehlkopfes, die aus einem Silikonventil zwischen Luft- und Speiseröhre besteht, das die Schleimhäute statt der fehlenden Stimmbänder vibrieren lässt; Routine; 3500 Euro

    Herzklappenersatz: Ersetzt die Herzklappen bei angeborenen oder erworbenen Fehlbildungen; Preis vor allem vom Preis der Operation bestimmt

    Kunstherz: Bisher nur als temporärer Ersatz, bis ein Transplantat zur Verfügung steht, oft mit maschineller Unterstützung von außen; in Entwicklung; derzeit liegt der Preis bei 50.000 – 100.000 Euro

    Herzschrittmacher: Künstlicher Taktgeber, der den Herzrhythmus stabilisiert; Routine; in der Entwicklung sind batterielose Stimulatoren, die das schlagende Herz selbst mit Strom versorgt; ab 3000 Euro

    Implantierter Defibrillator: Bei Bedarf wird das Herz mit Elektroschocks stimuliert; Routine; etwa 5000 Euro

    Bandscheibenersatz: Stabilisiert die Wirbelsäule und hält sie gleichzeitig beweglich; in Entwicklung, kurz vor der Marktreife; Preis vor allem vom Preis der Operation bestimmt

    Armprothese: In allen Ausprägungen bis hin zum kompletten Kunstarm, von vorhandenen Nervenenden gesteuert, der Patient muss den Gebrauch allerdings erst erlernen; Routine; ab 5000 Euro

    Fußprothese: Neuartige Prothesen wie der Powerfoot messen, welche Belastungen wirken und errechnen die nötigen Gegenkräfte, sodass der Körper im richtigen Moment gehoben wird; marktreif; ältere Ausführungen ab etwa 2000 Euro

    Harnschließmuskel: Künstliches Schließsystem bei Inkontinenz; Routine; inklusive Operation etwa 11.000 Euro

    (Foto © Olivier Favre)

    Harald Zaun

    „Unsterblichkeit ist durchaus denkbar!"

    Andreas Eschbach im Gespräch

    Der deutsche Schriftsteller Andreas Eschbach hat sich für seine Bestseller intensiv mit Zukunftstechnologien auseinandergesetzt und kennt sich auch außerhalb der Fiktion bestens mit diesen Themen aus. Harald Zaun diskutierte mit ihm über die Medizin der Zukunft, Cyborgs, Klone, Nano- und Gentechnologie, Unsterblichkeit und übersinnliche Fähigkeiten.

    Zwischen Medizin und Geschäftmacherei

    • Glauben Sie, dass Anno Domini 2011 die sogenannte moderne Medizin wirklich im 21. Jahrhundert angekommen ist, oder hinkt sie den Erwartungen hinterher, die an sie vor – sagen wir mal – 50 Jahren gestellt worden sind?

    Andreas Eschbach: Ich weiß nicht, inwieweit die Medizin überhaupt dazu verpflichtet ist, Erwartungen zu erfüllen – das können ja auch völlig illusorische Erwartungen sein, nicht wahr? Auf alle Fälle aber scheint es mir ein Wesensmerkmal moderner Medizin zu sein, dass sie viele Krankheiten nicht heilt, sondern lediglich verhindert, dass ein davon Betroffener allzu schnell stirbt. Folglich steigt die Wahrscheinlichkeit, dass eine beliebige Person eine beträchtliche Anzahl von Jahren im Zustand „schwer krank, aber noch am Leben" verbringt, je fortgeschrittener der medizinische Apparat ist. Am Ende der Entwicklung wäre es theoretisch so, dass sämtliche noch Gesunden damit beschäftigt wären, die bereits Kranken zu versorgen und zu pflegen.

    Mir scheint die Heilungsbilanz der modernen Medizin eher ernüchternd: Zwar sind wir in der Tat gesünder als unsere Urgroßeltern, aber das verdanken wir in der Hauptsache hygienischen Maßnahmen, besserer Wasserversorgung und Kanalisationssystemen, geschlossenen Kühlketten und dergleichen. Nimmt man Heilung als Maßstab, war der letzte bedeutende Durchbruch in der Medizin die Erfindung der Antibiotika (Penicillin, Sulfonamide etc.) – doch das ist über achtzig Jahre her, und dank unbedachter Anwendung sind diese gerade dabei, ihre Wirksamkeit wieder einzubüßen. Ich lese immer wieder kritische Studien, wonach die Rückkehr alter, längst besiegt geglaubter Seuchen heute wahrscheinlicher ist als der Ausbruch ewiger Gesundheit. Insofern lautet die Antwort auf die Frage vermutlich „Nein".

    • Mit den Jahren ist der Pschyrembel, sind die medizinischen Lexika immer umfangreicher geworden. Nehmen die Krankheiten zu oder ist nur die Sensibilität für neue Krankheiten gewachsen?

    Eschbach: Ich stoße immer wieder auf Aussagen, wonach heute in zunehmendem Maße Krankheiten regelrecht erfunden werden. Es scheint eine starke Tendenz zu geben, die Widrigkeiten des Alltags in behandlungsbedürftige Krankheiten umzudefinieren, für die dann auch sofort mehr oder minder taugliche, auf jeden Fall aber kostenpflichtige Therapien entwickelt werden. Gleichzeitig findet ein vielfältiges Marketing statt, um mögliche, aber nicht notwendige Behandlungsmethoden – Schönheitsoperationen zum Beispiel – als „normal" erscheinen zu lassen: Die Brustvergrößerung, Nasenkorrektur oder Fettabsaugung als Selbstverständlichkeit des modernen Lebens, bei dem man sich nicht mehr fragen soll, ob, sondern nur noch wann? und wo kriege ich es am billigsten? Zugleich werden Nahrungsmittel in zunehmendem Maße medikamentös aufgerüstet – mit Vitaminen versehen, von als schädlich erachteten Stoffen befreit, auf dezidiert medizinische Wirksamkeit hin umgeformt. In manchen amerikanischen Supermärkten kann man heute schon nichts mehr kaufen, das noch so ist, wie es die Evolution hervorgebracht hat.

    Der Fortschritt der Medizin hilft oft nicht Krankheiten zu heilen, führt aber zu längeren Lebenszeiten (Grafik © Roche)

    • Medizin als knallhartes Geschäft also, so wie man es eigentlich immer schon ahnte?

    Eschbach: Ja. Das zugrunde liegende Problem ist, dass Medizin heutzutage zu einem wesentlichen Teil einfach ein Geschäft ist – ein Geschäft, in dem Geld nur dann verdient wird, wenn jemand krank ist. An gesunden Menschen ist nichts zu verdienen, also ist der ökonomische Anreiz, wirkliche Heilung zu vollbringen, denkbar gering. Es ist auch unübersehbar, dass die medizinische Forschung in erster Linie auf lukrative Bereiche ausgerichtet ist, nicht auf optimales Wohlergehen für eine möglichst große Zahl von Menschen. Deswegen werden für Krankheiten, für deren Behandlung längst unüberschaubar viele Medikamente existieren, trotzdem immer weitere Präparate auf den Markt gebracht, während man sich mit Krankheiten, die vorwiegend in armen Ländern verbreitet sind – Malaria etwa – nur beiläufig beschäftigt.

    Homo sapiens electronicus?

    • Herz- und Gehirnschrittmacher, Kunstorgane, Implantate, Prothesen mit integrierter Sensorik und die zunehmende Computerisierung in der Medizin im Allgemeinen – ist der Homo sapiens nicht längst zu einem Homo sapiens electronicus mutiert?

    Eschbach: Das muss man nicht an Elektronik oder an Prothesen festmachen – wir Menschen leben schon längst in Symbiose mit unserer Technik. Die meisten heute lebenden Menschen – ich selber eingeschlossen – sind ohne technische Hilfsmittel wie elektrischen Strom, Automobile und so weiter praktisch nicht mehr lebensfähig. Uns irgendwelche Apparate in die Körper einzupflanzen ist nur ein weiterer Schritt auf diesem Weg. Ich zum Beispiel bin auf eine Brille angewiesen. Die wird nicht eingepflanzt, aber sie ist trotzdem fast schon ein Körperteil.

    • Inwieweit wird diese Entwicklung den medizinischen Fortschritt prägen?

    Eschbach: Ich zögere, in diesem Zusammenhang den Begriff „Fortschritt zu verwenden. Fortschritt wäre, wenn wir gesünder würden, so gesund, dass wir gar keine Medizin mehr brauchen. Das aber ist nicht in Sicht. Reden wir lieber von „Entwicklung. Die Entwicklung der Medizin wird zweifellos parallel laufen mit der allgemeinen Entwicklung unserer Lebenswelt, die nun einmal dahin geht, uns mit immer noch ausgefeilteren technischen Hilfsmitteln auf allen Seiten zu pampern.

    • Die Borgs aus dem Star-Trek-Kosmos versinnbildlichen wohl am anschaulichsten, was beim Verschmelzen von Mechanik, Elektronik sowie Biologie und Geist für Kunstwesen entstehen können. Wie hoch ist die Gefahr, dass der neue Mensch, der Homo sapiens electronicus, im Zuge der von ihm selbst eingeleiteten Veränderungen zu einer Art Cyborg mutiert?

    Der Übergang zum Homo sapiens electronicus ist fließend: Moderne Körperprothesen sind längst so ausgereift, dass sie selbstverständlich sind (Foto © Otto Bock)

    Eschbach: Aus heutiger Sicht halte ich das für eine nahezu unaufhaltsame Entwicklung. Wir sind auf dem besten Wege dahin, und zwar mit Vollgas.

    • Im Jahr 2029, so prophezeit es der amerikanische Autor und Erfinder Ray Kurzweil, werden das menschliche Gehirn und der Computer eine Einheit bilden. Teilen Sie seinen Optimismus?

    Eschbach: Weder teile ich diese Ansicht, noch halte ich sie für Optimismus. Im Gegenteil.

    Von Klonen, Organhändlern und Wunschkindern

    • Das menschliche Genom ist seit acht Jahren entschlüsselt und die Debatte um die Stammzellenforschung mit all ihren Konsequenzen scheint gerade ihrem Höhepunkt entgegenzusteuern. Inwieweit wird die Anwendung präimplantativer Diagnostik, die Instrumentalisierung embryonaler Stammzellen unsere nahe und ferne Zukunft bestimmen?

    Eschbach: Ich denke, alles, was mit der genetischen Optimierung des Menschen selbst zu tun hat, wird das Thema des 21. Jahrhunderts werden. Wir werden allerhand ethische Diskussionen erleben, aber letzten Endes wird sich, fürchte ich, die Ethik den technisch-medizinischen Möglichkeiten anpassen anstatt umgekehrt. Denn obwohl nichts in unserer Geschichte dies stützt, sind wir nicht von der Überzeugung abzubringen, dass es besser ist, wenn wir etwas selber in die Hand nehmen, anstatt es dem natürlichen Lauf der Dinge zu überlassen.

    • Die Anwendung von Gentechnik hat die natürliche biologische Evolution des Menschen irreversibel beendet. Wir haben unser weiteres biologisches Schicksal selbst in die Hand genommen und könnten schon bald den maßgeschneiderten Menschen massenhaft „herstellen". Wo sehen Sie hier die größte Gefahr?

    Eschbach: Nun, zuerst mal müsste man fragen, wer denn das Maß vorgibt. Und dann, wer die entsprechenden Arbeiten konkret durchführt. Das ist ja nichts, das man daheim in der Küche selber tun könnte; das ist eine Aufgabe für Spezialisten. Es wird dabei um Geld gehen, um Profit – und um Macht. Vielleicht wird man

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