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Hanseaten unter dem Hakenkreuz: Die Handelskammer Hamburg und die Kaufmannschaft im Dritten Reich

Hanseaten unter dem Hakenkreuz: Die Handelskammer Hamburg und die Kaufmannschaft im Dritten Reich

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Hanseaten unter dem Hakenkreuz: Die Handelskammer Hamburg und die Kaufmannschaft im Dritten Reich

Länge:
512 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 23, 2015
ISBN:
9783529092152
Format:
Buch

Beschreibung

Die »Firma Hamburg« in schwerer See
Für die mittlerweile 350-jährige Geschichte der Handelskammer Hamburg verlief keine Zeit so folgenschwer wie die Jahre von 1932 bis 1948. Wie haben sich die wirtschaftlichen Eliten der Hansestadt in der Endphase der Weimarer Republik und während der nationalsozialistischen Herrschaft verhalten, welche Rolle haben die Kaufleute und die Handelskammer als ihr institutioneller Mittelpunkt gespielt?
Uwe Bahnsen beschreibt das Verhalten der Kaufmannschaft und zeichnet die Rolle und Funktion der Handelskammer in der wohl dramatischsten und schwersten Phase der ham -
burgischen Stadtgeschichte nach. Vor dem Hintergrund eines gesamthistorischen Umfeldes liefert der Autor unverzichtbare Erkenntnisse über die Kaufleute und ihre wichtigste Institution, die so eng mit Staat und Politik verbunden war wie nur wenige andere. Eine spannende Lektüre über die Gründe politischen und wirtschaftlichen Handelns der Hamburger Kaufmannschaft sowie über die Abgründe, aber auch über Lichtblicke von Menschlichkeit in schweren Zeiten.
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 23, 2015
ISBN:
9783529092152
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Buch

Über den Autor


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Hanseaten unter dem Hakenkreuz - Uwe Bahnsen

2014

ERSTES KAPITEL

Hamburg 1932 – eine Stadt in Not

Etwas missmutig blätterte Reichspräsident Paul von Hindenburg am Vormittag des 22. November 1932 in der schmalen Akte, die ihm Dr. Otto Meißner, der Staatssekretär des Reichspräsidialamtes, soeben vorgelegt hatte. Es war eine Eingabe mit stark vergrößertem Schriftbild, damit das 85-jährige Staatsoberhaupt den Text persönlich lesen konnte. Die 16 Unterzeichner (drei weitere Unterschriften wurden nachgereicht), überwiegend Persönlichkeiten der Finanz- und Agrarwirtschaft, unter ihnen der frühere Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht und fünf namhafte Hamburger Überseekaufleute, forderten »Eure Exzellenz« in diesem auf den 19. November 1932 datierten Brief¹ so höflich wie nachdrücklich auf, den Parteiführer der NSDAP, Adolf Hitler, zum Reichskanzler zu ernennen. Sie begrüßten Hindenburgs Politik, unabhängig vom Reichstag mit Notverordnungen zu regieren, und bejahten eine »vom parlamentarischen Parteiwesen unabhängige Regierung«.

Der Reichspräsident wurde mit der Eingabe gebeten, dass »die Umgestaltung des Reichskabinetts in einer Weise erfolgen möge, die die größtmögliche Volkskraft hinter das Kabinett bringt … Wir erkennen in der nationalen Bewegung, die durch unser Volk geht, den verheißungsvollen Beginn einer Zeit, die durch Überwindung des Klassengegensatzes die unerlässliche Grundlage für einen Wiederaufstieg der deutschen Wirtschaft erst schafft … Die Übertragung der verantwortlichen Leitung des … Präsidialkabinetts an den Führer der größten nationalen Gruppe« werde die »Schwächen und Fehler, die jeder Massenbewegung notgedrungen anhaften, ausmerzen und Millionen Menschen, die heute noch abseits stehen, zu bejahender Kraft mitreißen«.

Hindenburg empfand das Schriftstück als einen jener unerbetenen Ratschläge, die er im Herbst 1932 von Hitler-Anhängern aus allen Teilen des Reiches erhielt, so vom erzkonservativen Hamburger Nationalklub von 1919, der Hitler im Februar 1926 zu einem Vortrag eingeladen und ihm damit für die rechten Parteien und Verbände zur politischen Salonfähigkeit verholfen hatte. Durch das Ansinnen, den Parteiführer der NSDAP in das höchste Regierungsamt zu berufen, fühlte er sich unter Druck gesetzt. Täglich hatte er den offenkundigen Marasmus der Republik vor Augen. Aber er misstraute Hitler, der für ihn noch immer der »böhmische Gefreite« war und allenfalls »zum Postminister« tauge, wie es in Hindenburgs Umgebung hieß, und der gesamten NS-Partei. Bei dem großen Berliner Verkehrsarbeiterstreik Anfang November 1932 hatten die Nationalsozialisten mit den Kommunisten gemeinsame Sache gemacht. Dieses Zweckbündnis von Todfeinden war ihm zutiefst suspekt. Auch war offenkundig, dass in der Führung der NSDAP ein Konflikt um wirtschaftspolitische Richtungsentscheidungen ausgetragen wurde. In dessen Mittelpunkt stand der Reichsorganisationsleiter Gregor Strasser, der über die Machtfülle eines Generalsekretärs verfügte und sozialrevolutionäre Tendenzen vertrat, die ihn zu einem ernsthaften Rivalen Hitlers werden ließen. Überdies gab es durchaus Indizien für die These, die von Hitler entfachte und geführte »Bewegung« habe ihren Höhepunkt überschritten und stehe möglicherweise sogar vor dem Zerfall. Bei der Reichstagswahl vom 6. November 1932 hatte die NSDAP einen schweren Rückschlag hinnehmen müssen und mit 33 statt zuvor 37 Prozent deutlich weniger Stimmen erhalten als bei der Wahl vom 31. Juli 1932.

Hindenburg entschied sich jedenfalls gegen einen Reichskanzler Hitler und ernannte am 3. Dezember 1932 den Reichswehrminister Kurt von Schleicher zum Regierungschef. Zwei Millionen Stimmen für Hitler und seine mit massiven finanziellen Problemen ringende Partei weniger – das führte im linken Spektrum sogleich zu frohlockenden und erleichterten Kommentaren, auch im Ausland. In London entwarf der Politologe Harold Laski, einer der intellektuellen Wortführer der britischen Linken, bereits ein Szenario von Hitler als politischem Ruheständler: »Von Zufälligkeiten abgesehen, ist es heute nicht unwahrscheinlich, dass Hitler seine Laufbahn als ein alter Mann in einem bayrischen Dorf beschließen wird, der abends im Biergarten seinen Vertrauten erzählt, wie er einmal beinahe das Deutsche Reich umgestürzt hätte.«² Und in der Hansestadt diagnostizierte ein Kommentator des SPD-Organs »Hamburger Echo« eine »Hitlerdämmerung«: »Der Zauberbann, in dem Millionen standen, ist gebrochen, die Fluten sinken. Der Faschismus wird Deutschland nie erobern. Das ›Dritte Reich‹ kommt niemals. Die NSDAP hat sich politisch als eine Episode erwiesen, deren Überwindung nur noch eine Frage der Zeit ist.«³

Die Unterzeichner der Eingabe an Hindenburg hielten dagegen die Regierungsparteien der Weimarer Republik für unfähig, die schwere Krise des Reiches zu meistern. Die fünf Hamburger Kaufleute, die das von Hjalmar Schacht entworfene Schreiben mit ihrer Unterschrift versehen hatten, waren Männer von Ansehen und Gewicht in der Wirtschaft:

Emil Helfferich, früherer Generaldirektor des Straits und Sunda Syndikats, einer Gründung deutscher Banken und Überseehäuser, ein überaus erfolgreicher und einflussreicher Überseekaufmann mit exzellenten Beziehungen in Südostasien, aber auch in den USA und Westeuropa, Aufsichtsratsmitglied der HAPAG, Vorstandsmitglied der Deutsch-Amerikanischen Petroleum-Gesellschaft (Vorläufer der ESSO AG), ein Bruder des damals führenden Finanzexperten Karl Helfferich;

Franz Heinrich Witthoefft, Mitinhaber der Außenhandelsfirma Arnold Otto Meyer, Aufsichtsratsvorsitzender der Commerzbank AG, Altpräses der Handelskammer Hamburg, Präsident des Übersee-Clubs;

Kurt Woermann, Chef eines auf den Afrika-Handel spezialisierten bedeutenden Unternehmens;

Carl Vincent Krogmann, Mitinhaber der Außenhandelsfirma Wachsmuth & Krogmann, Mitglied der Handelskammer Hamburg;

Erwin Merck, Chef des traditionsreichen Handelshauses Merck & Co.

NSDAP-Mitglied war zu diesem Zeitpunkt nur Kurt Woermann. Emil Helfferich, Carl Vincent Krogmann und Franz Heinrich Witthoefft waren Mitglieder des Keppler-Kreises, den der süddeutsche Industrielle Wilhelm Keppler im Frühjahr 1932 als »Studienkreis für Wirtschaftsfragen« zur wirtschaftspolitischen Beratung Hitlers und der Führung der NSDAP gegründet hatte. Im März 1932 war Keppler im Auftrag Hitlers in Hamburg erschienen, um mit führenden Unternehmern die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit mit Hitlers Partei zu sondieren. Das Projekt der Industrielleneingabe entstand im Herbst 1932 in diesem Kreis.

Die fünf Hamburger Großkaufleute, die sie unterschrieben hatten, verband ein elementares Interesse – eine vor allem auf die Belebung des deutschen Außenhandels gerichtete Wirtschaftspolitik. Gewiss standen sie der NSDAP auch politisch nahe, und bei ihnen mag die illusionäre Überlegung eine Rolle gespielt haben, es könne gelingen, den Radikalismus von rechts durch eine Einbindung der NSDAP und die Beratung Hitlers zu bändigen. Aber vor allem hofften sie, mit Hilfe dieser Partei könne eine neue, antizyklische Wirtschaftspolitik eingeleitet werden. Die Auffassung, dass dies dringend notwendig sei, teilten sie mit etlichen jüngeren Kaufleuten aus großbürgerlichen Familien.

In der Kaufmannschaft insgesamt hatte die NSDAP als Partei nur einen geringen Rückhalt.⁴ Man störte sich an ihrem plebejischen Auftritt, ihrer Gewaltbereitschaft, ihrer Radaurhetorik, dem gesamten Mangel an politischer Kultur. Jedoch gab es Unternehmer, die über all das hinwegsahen, zum Beispiel die Zigarettenfabrikanten Hermann, Philipp und Alwin Reemtsma. Deren Einstellung zum Nationalsozialismus und zur NS-Prominenz, den Nichtraucher Hitler eingeschlossen, beruhte ausschließlich auf kühlen konzernstrategischen Überlegungen. Hitler war für sie der »kommende Mann«, und im Juli 1932 vereinbarte Philipp Reemtsma mit ihm bei einem Treffen im Berliner Hotel »Kaiserhof« eine aufwendige Anzeigenkampagne des Hauses Reemtsma in der Parteipresse, vor allem im NS-Organ »Völkischer Beobachter«. Die NS-Führung wusste, dass jedenfalls Hermann und Philipp Reemtsma persönlich keine Anhänger des Nationalsozialismus waren. Aber die finanzielle Unterstützung durch die Reemtsmas war für sie wichtiger – die »Bewegung« brauchte Geld, und zwar dringend.⁵

In einem zentralen Punkt stimmten fast alle Kaufleute mit Hitler und seiner Partei überein: Den Versailler Vertrag, den die Nationalsozialisten so erbittert bekämpften, hielt man in der Hamburger Wirtschaft für ein Siegerdiktat, aus dessen Fesseln Deutschland sich befreien müsse. Die Reparationen, der Verlust der Kolonien, die Ablieferung des größten Teils der deutschen Handelsflotte, die Beschlagnahme des deutschen Auslandsvermögens und der Patente, die dem Reich auferlegten Handelsbeschränkungen und -benachteiligungen – das und vieles mehr waren Wunden, die auch nach einem Jahrzehnt noch bitter schmerzten. Die Folge war, dass 1932 die »Harzburger Front«⁶ als »Nationale Opposition« auf beträchtliche Sympathien in der Kaufmannschaft stieß.

Symptomatisch war, dass der Werftunternehmer Rudolf Blohm, ein Anhänger der konservativen Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), und Blohm + Voss-Direktor Carl-Gottfried Gok zu den Teilnehmern der Harzburger Tagung gehörten, die allerdings fast an Hitlers usurpatorischem Machtanspruch gescheitert wäre. Gok war Reichstagsabgeordneter der DNVP und galt ebenso wie Blohm als konsequenter Gegner der parlamentarischen Demokratie. Hitlers Verachtung für das Weimarer »System« fiel jedenfalls bei vielen Unternehmern auch in Hamburg insoweit auf fruchtbaren Boden, als sie dem »Parteienstaat« nichts mehr zutrauten.

Hamburg war nach Berlin die andere deutsche Metropole, in der sich 1932 das Schicksal der Weimarer Republik entschied. Hitler und sein Chefpropagandist Joseph Goebbels waren sich dessen völlig bewusst. Erst wenn die braune Partei das »rote Hamburg« dauerhaft erobert hatte, wo der KPD-Vorsitzende Ernst Thälmann in der Arbeiterschaft so populär war und die Sozialdemokratie und die Gewerkschaftsbewegung auf eine lange, festgefügte Tradition zurückblicken konnten, war die Weimarer Republik besiegt.

Insgesamt vier Großkundgebungen mit Hitler als Hauptredner veranstaltete die NSDAP 1932 in Hamburg – am 1. März in Sagebiels Festsälen zur Wahl des Reichspräsidenten am 13. März, am 23. April auf der Motorrad-Rennbahn in Lokstedt anlässlich der Landtagswahl in Preußen und der Bürgerschaftswahl in Hamburg, die beide am 24. April stattfanden, am 20. Juli auf dem Victoria-Sportplatz an der Hoheluft-Chaussee zur Reichstagswahl am 31. Juli und am 28. Oktober in den Ausstellungshallen in Altona zur erneuten Reichstagswahl am 6. November. Jedes Mal war das Publikumsinteresse enorm. In Lokstedt sprach Hitler vor 120 000 Zuhörern. Auf dem Victoria-Sportplatz hatten sich 50 000 Menschen versammelt. Hitler bediente ihr Misstrauen gegenüber dem parlamentarischen System und der Parteienherrschaft, und er prangerte im Hinblick auf die drückenden, wirklich existenziellen Probleme, mit denen jeder Einzelne zu kämpfen hatte, den Weimarer Verfassungsstaat an, dem er in maßloser, beißender Schärfe Rat- und Hilflosigkeit vorwarf.

Die breite Resonanz auf einen Politiker, dessen demagogische Skrupellosigkeit jeder Zuhörer erkennen konnte, ließ auf einen politischen Fieberzustand schließen, dessen furchtbarer Höhepunkt der folgenschwere »Altonaer Blutsonntag« am 17. Juli 1932 mit 18 Todesopfern war. Kurz darauf, am 9. August, hob die Polizei bei einer Großrazzia mit 1500 Beamten im Gängeviertel in der Neustadt die Zentrale des illegalen Roten Frontkämpferbundes der KPD für die gesamte Küste aus und stellte ein umfangreiches Waffen- und Munitionsarsenal sicher. Der Senat konnte die öffentliche Sicherheit und Ordnung nicht mehr gewährleisten. Blutige Zusammenstöße zwischen der Polizei, Kommunisten und NS-Anhängern auf den Straßen und in den Versammlungslokalen, die berüchtigten »Saalschlachten«, waren an der Tagesordnung.

Am 14. Februar hatte ein Kommunist an der Ecke Pilatuspool / Kurze Straße einen Flugblattverteiler der NSDAP erschossen. Am 10. April töteten fanatische KPD-Anhänger zwei Nationalsozialisten im Ausschläger Weg. Am 19. Mai starb ein Nationalsozialist bei Zusammenstößen zwischen Anhängern der NSDAP und der KPD am Schaarmarkt. Am 17. Juni kamen in St. Georg bei Schießereien zwischen Kommunisten und der Polizei drei Menschen ums Leben. Am 1. August starben am Rademachergang bei einem Schusswechsel ein KPD-Funktionär und ein Polizeimeister. Am 29. Oktober erschossen Nationalsozialisten in der Fruchtallee einen Angehörigen der SPD-nahen Wehrorganisation »Reichsbanner«, der Plakate klebte. Am 30. Oktober töteten Nationalsozialisten in der Holstenstraße einen Kommunisten. Abgerundet wurde diese (keineswegs vollständige) Bilanz des alltäglichen Bürgerkriegs auf Hamburgs Straßen durch eine Entscheidung der Hamburger Hochbahn vom 6. April 1932, ihre Bediensteten ab sofort mit Revolvern auszurüsten, nachdem Personal und Fahrgäste wiederholt überfallen und ausgeraubt worden waren.

Die Dauerkrise der inneren Sicherheit war schlimm genug. Zutiefst besorgniserregend aber war die Lage des Stadtstaates in politischer, wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht. Bei der Bürgerschaftswahl vom 27. September 1931 hatte der Mitte-Links-Senat aus SPD, Deutscher Staatspartei und Deutscher Volkspartei seine Mehrheit verloren. Die NSDAP war nun mit 26,2 Prozent der Stimmen und 43 von 160 Sitzen zur zweitstärksten Partei geworden – nach der SPD mit 27,8 Prozent und 46 Mandaten. Zugleich hatte die KPD mit 21,9 Prozent und 35 Sitzen ihr bestes Wahlergebnis während der gesamten Weimarer Republik erzielt.

Schon diese Wahl war insgesamt ein politisches Wetterleuchten. Der Senat trat zurück, blieb aber der Verfassung entsprechend geschäftsführend im Amt, da ein neuer Senat nicht gebildet werden konnte. Daraufhin wurde am 24. April 1932 eine neue Bürgerschaft gewählt – mit einem für das demokratische System verheerenden Ergebnis: Die NSDAP stieg erstmals mit 31,2 Prozent zur stärksten Partei auf und erhielt 51 Mandate, gefolgt von der SPD mit 30,2 Prozent und 49 Sitzen. Die NSDAP hätte mit den bürgerlichen Parteien einen Senat bilden können. Doch die Verhandlungen darüber scheiterten, weil die Deutsche Staatspartei an ihrem Bündnis mit der SPD festhielt. Der alte Senat blieb also weiter geschäftsführend im Amt. Das wurde ihm durch eine Notverordnung des Reichspräsidenten vom 24. August 1931 erleichtert, mit der die Landesregierungen ermächtigt wurden, ohne Mitwirkung der Landesparlamente alle Maßnahmen in Kraft zu setzen, die zur Sicherung der Staatsfinanzen erforderlich waren.

Das betraf vor allem die Haushaltspläne. Deren Zustand aber war katastrophal, auch in Hamburg: wegbrechende Steuereinnahmen, dramatisch steigende Sozialausgaben. Die Haushaltspolitik bewegte sich ständig am Abgrund des Staatsbankrotts. Dieser konnte Mitte September 1931 für die Hansestadt Hamburg nur durch ein auf 14 Tage befristetes Darlehen des Bankhauses Warburg über 3,5 Millionen Reichsmark abgewendet werden, das dann vom Reichsfinanzministerium abgelöst wurde. Ende September fehlte in der Staatskasse sogar das Geld für die Unterstützungsleistungen, auf die 35 000 Wohlfahrtsempfänger, wirklich die Ärmsten der Armen, einen Anspruch hatten.

Die Weltwirtschaftskrise, die mit dem New Yorker Börsenkrach vom 24. Oktober 1929 begonnen hatte, traf Hamburg mit einer aus heutiger Sicht kaum noch vorstellbaren Härte – vor allem deshalb, weil die Wirtschaftsstruktur des Stadtstaates überwiegend auf den Außenhandel ausgerichtet war. Das führte zu spektakulären Firmenzusammenbrüchen, etwa am 11. Juni 1931, als die bedeutende Überseefirma Schlubach, Thiemer & Co. ihre Zahlungen einstellen musste; es fehlten sechs Millionen Reichsmark.

Der Hafenumschlag ging von 1929 bis 1932 von 27,0 auf 19,5 Millionen Tonnen zurück.⁷ In der Schifffahrt waren die Folgen der Krise so massiv, dass die Zahlungsunfähigkeit der großen Reedereien, insbesondere der HAPAG, am 19. März 1932 nur durch eine Kreditgarantie der Reichsregierung von 77 Millionen Reichsmark abgewendet werden konnte. Davon wurden 70 Millionen RM für die großen Gesellschaften genutzt, der Rest für die Tramp- und Küstenschiffer. Die Frachttarife fielen bis 1932 auf fast 70 Prozent des Standes von 1913. Anfang April 1932 waren 460 Schiffe mit einer Gesamttonnage von 1,3 Millionen BRT stillgelegt. Das war mehr als ein Drittel der gesamten deutschen Handelsflotte. Im Hafen fanden 1932 nur noch rund 10 000 Beschäftigte täglich Arbeit, aber nur zu erheblich herabgesetzten Löhnen. Vor Beginn der Krise waren es mehr als 20 000. In der Metallindustrie ging der Beschäftigungsstand auf unter 50 Prozent zurück, in der Werftindustrie sogar auf nur noch 40 Prozent.

Blohm + Voss traf die Krise besonders schwer. Das Unternehmen beschäftigte 1929 im Jahresdurchschnitt knapp 11 000 Mitarbeiter. Ende 1930 waren es noch knapp 5000, Ende 1932 weniger als 2500, für die überdies die 24-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich galt. Insgesamt ging die Zahl der Beschäftigten in der gewerblichen Wirtschaft der Hansestadt bis 1932 auf nur noch 60 Prozent zurück, im Baugewerbe sogar auf rund 25 Prozent. Schwere Einbußen mussten auch die meisten Handwerkszweige hinnehmen. Dramatisch waren die Folgen für den Einzelhandel, der Umsatzeinbußen von durchschnittlich fast 50 Prozent erlitt.

Ende 1930 waren in Hamburg, also ohne Altona, Wandsbek und Harburg-Wilhelmsburg, fast 100 000 Arbeitslose registriert, Ende 1932 fast 165 000. Diese Menschen litten doppelt Not. Materiell, weil die mehrfach gekürzten Sozialleistungen ihnen in der Regel nur ein Leben am Rande des Existenzminimums erlaubten, und seelisch, weil sie keine Perspektive sahen, um diesem Los aus eigener Kraft zu entkommen. Diese Verelendung ließ die Betroffenen anfällig werden für radikale Parolen, aber sie mobilisierte auch Energien zur Selbsthilfe. So im August 1932, als sich in einer Baracke der Maschinenfabrik Nagel & Kaemp in der Jarrestraße die »Erwerbslosen-Selbsthilfe-Küche« etablierte, eine von 15 Initiativen dieser Art im ganzen Stadtgebiet. Mitglieder erhielten für 30 Pfennige eine warme Mahlzeit, Erwerbslose zahlten 15 Pfennige, was nur möglich war, weil diejenigen, die Arbeit hatten, für die Arbeitslosen spendeten.

13. Juli 1931: Die Bankenkrise hatte ihren Höhepunkt erreicht, die Danat-Bank war zusammengebrochen. Die Reichsregierung ordnete eine vorübergehende Schließung der Geldinstitute an, um einen Zusammenbruch des gesamten Bankensystems zu verhindern. Das Bild zeigt besorgte Sparer vor der geschlossenen Vereinsbank.

Der von der SPD geführte Senat vollzog die von der Reichsregierung Brüning mit doktrinärer Verbissenheit betriebene Deflationspolitik, weil er finanziell vom Reich abhängig war und dessen Bedingungen akzeptieren musste. Überdies fehlte der Stadtregierung aber das finanzpolitische Instrumentarium, das für einen grundlegenden Kurswechsel erforderlich gewesen wäre. Die krisenverschärfenden Auswirkungen einer Politik des immer weiter reduzierten Staatsverbrauchs und einer permanenten Kaufkraftdrosselung sah der Senat sehr wohl, wie die folgende Äußerung von Bürgermeister Rudolf Ross (SPD) in der Bürgerschaft zeigte: »Augenblicklich erleben wir den merkwürdigen Vorgang einer sich selbst herunterstufenden Wirtschaft, immer weitere Einschränkungen, die sich wechselseitig bedingen. Diese Schrumpfung, dieses Absteigen kann man eine Zeitlang fortsetzen, aber schließlich ist man am Ende der Treppe, es heißt ›halt‹, oder man stürzt in den Abgrund.«

Das wirkte wie die Beschreibung eines bislang unbekannten, quasi naturgesetzlichen Phänomens. Für die akademische Nationalökonomie war die Frage, welchen Beitrag sie für die Bewältigung dieser bis dahin schwersten Krise der Weltwirtschaft und ihrer dramatischen Folgen nicht nur in Deutschland leisten konnte, kein die Gelehrten umtreibendes Thema. Jedoch gab es durchaus Nationalökonomen, die sogar noch vor den bahnbrechenden Arbeiten des britischen Ökonomen John Maynard Keynes Theorien zur Krisenbekämpfung durch expansive Kreditpolitik und staatliche Nachfragesteuerung entwickelt hatten.⁹ Nur fanden sie in der Reichsregierung und in der hohen Staatsbürokratie kein Gehör und in den Universitäten nur geringen Widerhall. Dabei spielte die Erinnerung an die erst wenige Jahre zurückliegende Inflation gewiss eine große Rolle.

Das galt auch für die Handelskammer Hamburg. Der Keynesianismus war im Übrigen »Planwirtschaft«, die bei den tonangebenden hanseatischen Außenhandelskaufleuten auf unverhohlene Skepsis stieß. Das war insofern unverständlich, als Keynes wegen seiner scharfen Kritik an den alliierten Reparationsforderungen und seiner Warnungen vor deren Folgen in der deutschen und vor allem in der hamburgischen Öffentlichkeit große Sympathie genoss. Er hatte seine Thesen am 25. August 1922 in einem Vortrag vor dem gerade gegründeten Übersee-Club bekräftigt. Für die Öffentlichkeit war das damals ein großes Thema.

Für die Handelskammer war dagegen die Hafenpolitik und vor allem die Hamburgisch-Preußische Hafengemeinschaft von 1928 und deren Vollzug erkennbar wichtiger. Das entsprach wohl auch den persönlichen Prioritäten der beiden Kammerpräsiden Anton Hübbe (1927–1930) und Carl Ludwig Nottebohm (1931–1933), die sich nach ihrer ganzen Persönlichkeitsstruktur sicherlich schwergetan hätten, den erforderlichen Paradigmenwechsel zu vollziehen und wirtschafts- und finanzpolitisches Neuland zu betreten.

Jedenfalls hat die Handelskammer Hamburg in den damaligen Krisenjahren keine Gesamtkonzeption als Alternative zur Deflationspolitik vorgelegt. Das hätte ihre Leitung vermutlich als nicht mit ihrem Auftrag vereinbar betrachtet. In der traditionellen Jahresschlussveranstaltung der Handelskammer zur Jahreswende 1930/31 erklärte Präses Anton Hübbe in resignierender Tonlage: »Wenn der Einzelne von uns auch den Wiederaufstieg nicht mehr erleben sollte: darauf kommt es nicht an, sondern einzig und allein auf die Zukunft unseres Volkes.« Sein Amtsnachfolger Carl Ludwig Nottebohm bekannte am 25. August 1931 in einer Plenarsitzung, deren Thema die schwere Wirtschaftskrise war, »wesentlich Neues« wüsste auch er zur wirtschaftlichen Lage nicht zu sagen.¹⁰

Kurz vorher hatte die Kammer ein auf den 15. August 1931 datiertes Schreiben erhalten, dem zu entnehmen war, dass dieser Immobilismus in der Kaufmannschaft auf deutliche und bittere Kritik stieß:

»Wenn den Erwerbslosen von Staats wegen ein kleiner Abzug gemacht wird, so rotten sie sich auf den Straßen zusammen und demonstrieren in der radikalsten Weise. Wenn Beamten oder Angestellten wegen der Not der Zeit gewisse Abzüge gemacht werden müssen, werden prompt große Protestversammlungen veranstaltet und alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die beabsichtigten Maßnahmen zu unterbinden oder wenigstens zu mildern. Die Kaufmannschaft aber … bricht in stiller Duldung aller Ungerechtigkeiten ohnmächtig zusammen.«¹¹

Die Radikalisierung der Wählerschaft stieg massiv, je länger die Krise andauerte. Bei der Bürgerschaftswahl vom 19. Februar 1928 war die NSDAP noch eine Splitterpartei: 14 760 Stimmen, 2,15 Prozent, drei Mandate. Als am 27. September 1931 ein neues Landesparlament gewählt wurde, hatte sich die Lage dramatisch verändert: Nun entschieden sich 202 506 Wahlberechtigte für Hitlers Partei, 26,25 Prozent. Die NSDAP zog mit 43 Abgeordneten in das Rathaus ein. Bei der nächsten Wahl am 24. April 1932 konnte sie ihr Ergebnis noch einmal verbessern: 233 750 Stimmen, 31,2 Prozent, 51 Mandate, die stärkste Fraktion. Rechnete man die 16 Prozent für die KPD hinzu, so hatte sich fast die Hälfte der Wählerinnen und Wähler an der Urne für den politischen Extremismus von rechts und links entschieden.

Spätestens dieses Wahlergebnis hätte die bisherigen Regierungsparteien zu einer grundlegenden Kurskorrektur veranlassen müssen. Doch es fehlte die politische Kraft, es fehlte angesichts der faktischen Abhängigkeit von der Reichsregierung der politische Spielraum, und es fehlte auch das Bewusstsein für die tödliche Gefahr, in die das »rote Hamburg« und der Rechtsstaat geraten waren.

Lange hatten die Parteien des demokratischen Spektrums Hitler und seine Partei nicht ernst genommen. Noch im Herbst 1932, als die NSDAP bereits zur Massenpartei geworden war, verhöhnte das SPD-nahe »Hamburger Echo« Hitler mit einem Spottvers:

»Adolf der Deutsche,

Er grüßt nach ›Römischer‹ Art,

›Englisch‹ trägt er seinen Bart,

Das Haar ›französisch‹, Napoleon gleich.

Geboren ist er in Österreich.«¹²

Auch mit einem ausgelobten Preis von 500 Reichsmark für die richtige Antwort auf die Frage, wie viele Mandate Hitler bei der November-Wahl 1932 verlieren werde, glaubte das »Echo« die Nationalsozialisten verunsichern zu können. Die NSDAP hatte man lange als eine Zusammenrottung wirrköpfiger Desperados betrachtet. Sie sei »keineswegs eine politische Partei, sondern ein Haufen gewissen- und gesinnungsloser Landsknechte, die auf Kosten des deutschen Bürgers Beute machen« wollten, so die Deutsche Staatspartei 1930.¹³

Hitler äußerte sich über seine politischen Widersacher nicht weniger abfällig. »Das sind ja alles keine Männer, die Macht begehren und Genuss im Besitz der Macht verspüren. Sie reden nur von Pflicht und Verantwortung, und sie wären hochbeglückt, wenn sie in Ruhe ihre Blumen pflegen, wenn sie zur gewohnten Stunde angeln gehen und im Übrigen ihr Leben in frommer Betrachtung verbringen könnten«.¹⁴ Seine Gegenspieler im Hamburger Rathaus nahm er von diesem überheblich-verächtlichen Urteil mit Sicherheit nicht aus.

Als ernsthafte Gefahr für die parlamentarische Demokratie wurde die NSDAP auch in Hamburg allzu lange nicht wahrgenommen. Das mag auch eine Folge ihrer permanenten Finanznöte gewesen sein. Eine Partei, die die Gehälter ihrer hauptamtlichen Funktionäre immer wieder herabsetzen und ständig damit rechnen musste, dass nach dem Ende einer Veranstaltung der Gerichtsvollzieher erscheinen würde, um sich die Abendkasse aushändigen zu lassen, wurde entsprechend eingeschätzt. Auch die Reemtsma-Anzeigen in der NS-Parteipresse, die zudem vor allem in der SA auf scharfe Kritik stießen, weil sie von einem Großkonzern stammten, veränderten die finanzielle Misere der Partei nicht.

Am 18. Dezember 1932 kam Hitler noch einmal nach Hamburg, um in einer nichtöffentlichen Rede vor Funktionären der NSDAP, der SA und der SS aus den Gauen Hamburg, Schleswig-Holstein und Ost-Hannover deren Durchhaltewillen zu stärken und den zu seinen Gunsten entschiedenen Machtkampf während der Strasser-Krise für beendet zu erklären. Sein Chefpropagandist Joseph Goebbels hingegen war zutiefst deprimiert. In seinem Tagebuch notierte er: »Das Jahr 1932 war eine ewige Pechsträhne. Man muss es in Scherben schlagen … Alle Aussichten und Hoffnungen vollends entschwunden.«¹⁵

Anmerkungen

1 Dieser Vorstoß für eine Kanzlerschaft Hitlers wird als »Industrielleneingabe« bezeichnet, obwohl unter den 19 Unterzeichnern mit Fritz Thyssen nur ein prominenter Name der Schwerindustrie vertreten war. Wortlaut der Eingabe in: Michalka, Wolfgang / Niedhart, Gottfried (Hrsg.): Die ungeliebte Republik. Dokumente zur Innen- und Außenpolitik Weimars 1918–1933. München 1980, S. 340 ff.

2 Fest, Joachim C.: Hitler. Eine Biographie. Frankfurt, Berlin, Wien 1973, S. 495.

3 Paschen, Joachim: Hamburg zwischen Hindenburg und Hitler. Bremen 2013, S. 207.

4 Bielfeldt, Hans: Vom Werden Groß-Hamburgs. Citykammer, Gauwirtschaftskammer, Handelskammer. Politik und Personalia im Dritten Reich. In: Staat und Wirtschaft. Beiträge zur Geschichte der Handelskammer Hamburg. Hamburg 1980, S. 153 ff.

5 Vgl. dazu Lindner, Erik: Die Reemtsmas. Hamburg 2007, S. 82 ff.

6 Die »Harzburger Front« war ein auf die »Harzburger Tagung« vom 11. Oktober 1931 zurückgehender Zusammenschluss der NSDAP, der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), der Veteranenvereinigung »Stahlhelm« und anderer Verbände unter Führung Hitlers, Alfred Hugenbergs und Franz Seldtes gegen die Reichsregierung unter Reichskanzler Heinrich Brüning und die Weimarer Republik insgesamt. Das Bündnis forderte die Auflösung des Reichstags und des preußischen Landtags, zerbrach aber 1932, als die DNVP es ablehnte, die Kandidatur Hitlers für das Amt des Reichspräsidenten zu unterstützen. Im Frühjahr 1933 diente die »Harzburger Front« noch einmal als politische Kulisse für den Beginn Hitlers als Reichskanzler.

7 Weinhauer, Klaus: Handelskrise und Rüstungsboom. In: Hamburg im »Dritten Reich«. Herausgegeben von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg. 2. Aufl. Hamburg 2008, S. 197.

8 Büttner, Ursula: Errichtung und Zerstörung der Demokratie in Hamburg: Freie Gewerkschaften, Senatsparteien und NSDAP im Kampf um die Weimarer Republik. Landeszentrale für politische Bildung. Hamburg 1998, S. 172.

9 Vgl. dazu Bahnsen, Uwe: Karl Schiller. Hamburg 2008, S. 24 ff. (Reihe »Hamburger Köpfe«).

10 Mitteilungen der Handelskammer Hamburg Nr. 1 vom 3. Januar 1931. Commerzbibliothek Z/126 4° 1931. Protokoll über die Plenarsitzung vom 25. August 1931, Archiv der Handelskammer Hamburg.

11 Archiv der Handelskammer Hamburg, 29.A.3.5.12.2.

12 Paschen, Joachim (2013).

13 Büttner, Ursula (1998), S. 180.

14 Fest, Joachim C. (1973), S. 494.

15 Ebd., S. 495.

ZWEITES KAPITEL

Die gleichgeschaltete Handelskammer. Der Beginn des NS-Regimes

Als das deutsche Schicksalsjahr 1933 begann, hatte Hitler seine Hoffnungen, an die Macht zu kommen, fast schon aufgegeben. Zwar hatte er die Strasser-Krise für sich entschieden und sich für den Weg zur Kanzlerschaft mit seiner radikalen Parole »Alles oder nichts« durchgesetzt. Doch sah er überall nur Intrigen und Widerstände, eine zerstrittene, völlig überschuldete Partei, die schwere Stimmenverluste bei der Reichstagswahl des 6. November 1932 erlitten hatte, und wieder einmal hatte er sein endgültiges Scheitern als Politiker, nach seiner eigenen Diktion »Alternativen des Seins oder Nichtseins«, vor Augen. Doch dann geschah, was sein Chefpropagandist Joseph Goebbels bald darauf als »Wunder« in quasi übernatürliche Sphären zu rücken trachtete: Ein streng geheimes Treffen Hitlers mit Franz von Papen, der das Vertrauen des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg besaß und von ihm den Auftrag erhalten hatte, ein neues Kabinett zusammenzustellen, ebnete ihm den Weg in die Reichskanzlei. Papen war bis zum 17. November 1932 Reichskanzler und Reichskommissar für Preußen gewesen und hatte als Wortführer der konservativen Kamarilla unverändert beträchtlichen Einfluss. Der katholische Herrenreiter und elegante Salonplauderer, ein Reaktionär, der die Weimarer Republik abschaffen und die Monarchie wieder einführen wollte, gedachte Hitler und seine Partei dafür zu instrumentalisieren.

Eingefädelt hatten diese Zusammenkunft Papens mit Hitler dessen Wirtschaftsberater Wilhelm Keppler und der Kölner Bankier Kurt Freiherr von Schröder, der die Industrielleneingabe an Hindenburg für eine Kanzlerschaft Hitlers mit unterzeichnet hatte. In seiner Villa am Stadtwaldgürtel 35 im vornehmen Stadtteil Köln-Lindenthal erschien Hitler am 4. Januar 1933 in Begleitung von Heinrich Himmler und Rudolf Heß. Das mehrstündige Treffen endete mit einer Vereinbarung, nach der Papen und Hitler das Kabinett des Reichskanzlers Kurt von Schleicher stürzen und durch eine von Hitler geführte Rechtskoalition unter Beteiligung Papens und der Deutschnationalen Volkspartei und ihres Vorsitzenden Alfred Hugenberg ersetzen wollten. Flankiert werden sollte dieses Vorhaben durch Hugenbergs mächtigen Pressekonzern. So geschah es, und die damalige Begegnung gilt seither zu Recht als die eigentliche Geburtsstunde des Dritten Reiches.

Über den darauf folgenden Weg Hitlers zur Kanzlerschaft und die verwirrenden Begleitumstände hat sein Biograf Joachim Fest geurteilt: »Selten in der modernen Staatengeschichte ist eine Wendung von so unabsehbarem Gewicht stärker von persönlichen Faktoren, von den Launen, Vorurteilen und Affekten einer winzigen Minderheit bestimmt worden, selten nur waren die Institutionen im Augenblick der Entscheidung unsichtbarer.« Und über die Rolle der Gegenspieler Hitlers: »Unschwer war zu erkennen, dass der Nationalsozialismus der Feind aller war: der Bürger, der Kommunisten und Marxisten, der Juden, der Republikaner; aber daraus folgerten, in Blindheit und Schwäche, die wenigsten, dass alle auch der Feind der Nationalsozialisten sein mussten.«¹

Auch in Hamburg war das für die politische Lage im Frühjahr 1933 ein Wort für Wort zutreffender Befund. Sie alle, die Wegbereiter wie die Widersacher Hitlers, unterschätzten völlig den brutalen Machtwillen dieses aus Österreich zugewanderten Demagogen und seiner Partei. Als Papen mit konservativen Bedenken gegen ein Bündnis mit Hitler konfrontiert wurde, erwiderte er auftrumpfend: »Sie irren sich, wir haben ihn uns engagiert.«² Im Jahr darauf musste er sich, nachdem er bei Hitler zeitweise in Ungnade gefallen war, während der Röhm-Krise Ende Juni 1934 gegen die Mordkommandos der SS schützen, indem er sich auf Anraten Görings, der die Exekutionslisten kannte, in seiner Wohnung verbarrikadierte. Sein Sekretär Herbert von Bose hingegen entging den Mördern ebenso wenig wie Kurt von Schleicher, der mit seiner Ehefrau kaltblütig erschossen wurde, und viele andere.

Ähnliche Illusionen über den Machtanspruch der Hitler-Partei, wenngleich sie nicht so pointiert formuliert wurden, waren in der Hamburger Kaufmannschaft anzutreffen, die zunächst überwiegend skeptisch und abwartend auf die neue Reichsregierung und ihren Gestaltungsanspruch reagierte. Mit überzeugenden wirtschafts- und finanzpolitischen Konzepten war die NSDAP bislang nach ihrer Wahrnehmung noch nicht hervorgetreten.

Hitlers erster Auftritt als Reichskanzler in Hamburg. Er sprach am Abend des 3. März 1933 auf einer überfüllten NSDAP-Kundgebung in der Ausstellungshalle auf dem ehemaligen Zoo-Gelände am Dammtorbahnhof zur Reichstagswahl am 5. März. Wenige Stunden zuvor waren die SPD-Senatoren zurückgetreten.

Am 3. März 1933 kam Hitler zum ersten Mal als Reichskanzler nach Hamburg. Er sprach auf einer Kundgebung im Zoo aus Anlass der bevorstehenden Reichstagswahl vom 5. März und äußerte sich auch zur Wirtschaftspolitik. Grundlage nicht nur der Wirtschaft, sondern der Nation überhaupt sei »ein gesunder Bauernstand, der lebenskräftig auf eigener Scholle sitzt«. Das sei »die sicherste Bürgschaft gegen eine ständig steigende Verproletarisierung des ganzen Volkes«. Aber eine gesunde Agrarpolitik solle »nicht dazu führen, Handel und Industrie zu zerstören«. Die gesunde Landwirtschaft solle »die Grundlage sein, auf der sich die Volkswirtschaft aufbaut«. Ein starker Binnenmarkt sei die Plattform für einen gesunden Außenhandel. Die »Hamburger Nachrichten« garnierten ihren Bericht über Hitlers Rede mit einer maliziösen Mahnung an die Adresse der Hamburger Wirtschaft: »Diese Worte des Reichskanzlers sollte die Hamburger Kaufmannschaft in ihrem Herzen bewegen, damit die Nervosität, die sich ihrer allgemach bemächtigt hat, sich etwas abreagiert.«³

Nach der Reichstagswahl vom 5. März erzwang die nun NS-geführte Reichsregierung eine Neubildung des Senats nach dem Vorbild des Reichskabinetts, die am 8. März 1933 vollzogen wurde. Für das Amt des Ersten Bürgermeisters nominierte die NSDAP nach vorheriger, zunächst nur zögernd erteilter Zustimmung Hitlers den angesehenen Außenhandelskaufmann Carl Vincent Krogmann, der zwar zu diesem Zeitpunkt noch kein NSDAP-Mitglied war, jedoch dem Keppler-Kreis angehörte. Keppler selbst, Himmler und Emil Helfferich hatten zugunsten Krogmanns bei Hitler interveniert. Diese Personalentscheidung sollte der Beruhigung des Bürgertums und der Wirtschaft dienen.

Krogmann, der sich im Widerspruch zur hamburgischen Tradition »Regierender Bürgermeister« nannte, musste bald erkennen, dass er in Wahrheit, wie der Volksmund spottete, ein »Regierter Bürgermeister« war, da der Gauleiter und Reichsstatthalter Karl Kaufmann der eigentliche Machthaber war. Als Krogmann nach Übernahme des neuen Amtes am 31. März 1933 aus dem Plenum der Handelskammer ausschied, verabschiedete Präses Carl Ludwig Nottebohm ihn mit der Feststellung, die Kammer rechne es sich zur besonderen Ehre

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