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Himmlers Kinder: Zur Geschichte der SS-Organisation "Lebensborn e.V." 1935-1945

Himmlers Kinder: Zur Geschichte der SS-Organisation "Lebensborn e.V." 1935-1945

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Himmlers Kinder: Zur Geschichte der SS-Organisation "Lebensborn e.V." 1935-1945

Länge:
506 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Dec 2, 2013
ISBN:
9783843802048
Format:
Buch

Beschreibung

Nominiert für den Opus Primum Nachwuchspreis 2012 der Volkswagenstiftung.

Wir haben damals keine Liebe bekommen.
Wie krank diese Kinderseelen waren!
Das ist unbegreifl ich! Und daraus
sollte die neue Elite entstehen?!

Ein ehemaliges Lebensborn-Kind

Für die SS waren Kinder, sofern sie bestimmten erbhygienischen und rassenbiologischen Gütekriterien entsprachen, in erster Linie die Garanten für den ewigen Erhalt des deutschen Volkes und die andauernde Erneuerung der arischen Rasse. Nicht ihr Wert an sich oder für ihre jeweiligen Eltern war letztlich entscheidend, sondern einzig und allein ihr Nutzen als sog. Menschenmaterial für die nationalsozialistische Volksgemeinschaft im Besonderen und den deutschen Volkskörper im Allgemeinen.

Der von Reichsführer-SS Heinrich Himmler initiierte Lebensborn e.V. trieb diese Auffassung, der zufolge Kinder hauptsächlich Mittel zum Zweck waren, auf die Spitze und war ein integraler Bestandteil innerhalb des weitverzweigten Herrschaftsapparates des Dritten Reiches. Als vereinsrechtliche Ausgründung und willfähriges Instrument der SS, deren Name schon damals als Synonym für Tod und Terror sowie Hass und Gewalt stand, muss der Lebensborn daher zwingend in diesen Kontext von Auslese und Ausmerze sowie
Pronatalismus (Geburtenförderung) auf der einen und Antinatalismus (Geburtenverhütung) auf der anderen Seite eingeordnet werden. Wer also von den Schrecken und Verbrechen des NS-Regimes als dunkelstes Kapitel deutscher Geschichte spricht, darf daher auch von der Geschichte des Lebensborn nicht schweigen.
Herausgeber:
Freigegeben:
Dec 2, 2013
ISBN:
9783843802048
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Himmlers Kinder - Thomas Bryant

DR. PHIL. THOMAS BRYANT,

1979 in Hanau geboren, studierte an der Humboldt-Universität Berlin Neuere und Neueste Geschichte, Politikwissenschaft und Soziologie und promovierte im Anschluss in Neuerer und Neuester Geschichte. 2002 gründete er die Nautilus Politikberatung GbR. Seit 2011 ist er als Lehrbeauftragter an der Alice Salomon Hochschule Berlin tätig.

Seine Forschungsschwerpunkte sind die deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Historische Demographie und -Friedensforschung sowie die Geschichte der deutsch-indischen Beziehungen.

Zum Buch

Niederkunft auf

Nationalsozialistisch: „Lebensborn"

Der Rassenwahn der Nationalsozialisten äußerte sich nicht nur in der Vernichtung „lebensunwerten Lebens und „minderwertiger Rassen, sondern auch in der „Rassenpflege, deren Ziel die Vermehrung „nordischen Blutes, die Zucht des „reinrassigen arischen Herrenmenschen war. Der von Reichsführer-SS Heinrich Himmler initiierte „Lebensborn e.V. trieb diese Auffassung förmlich auf die Spitze: Kinder waren – sofern sie bestimmten erbhygienischen und rassenbiologischen Gütekriterien entsprachen – in erster Linie die unentbehrlichen Garanten für den ewigen Erhalt des deutschen Volkes und der arischen Rasse. Nicht ihr Wert an sich war entscheidend, sondern einzig und allein ihr Nutzen – als „Menschenmaterial für die nationalsozialistische „Volksgemeinschaft im Besonderen und den deutschen „Volkskörper" im Allgemeinen.

Das Buch rekonstruiert die geschichtliche Entwicklung des „Lebensborn, die maßgebliche Rolle der SS mitsamt ihren ideologischen Maximen und dem daraus abgeleiteten Selbstverständnis des „Lebensborn.

Ein einzigartiges Zeitdokument mit Interviews von ZeitzeugInnen

Dieses Buch rekonstruiert die geschichtliche Entwicklung des „Lebensborn, indem es sowohl auf die Vorgeschichte und Vorüberlegungen, die zur Gründung des Vereins führten, eingeht als auch den eigentlichen Zeitraum seines Bestehens beleuchtet. Die insbesondere für den Verein – aber auch für das „Dritte Reich als Gesamtkomplex – maßgebliche Rolle der SS mitsamt ihren ideologischen Maximen werden erörtert. Dabei wird vor allem die Rolle Heinrich Himmlers einer genaueren Betrachtung unterzogen, um das vereinsinterne und -externe machttechnische Gebaren dieser NS-Organisation, aber auch deren ideologische Grundausrichtung besser verstehen zu können.

Zeitzeugen – und vor allem Zeitzeuginnen – kommen zu Wort, deren Schilderungen sowohl Bestätigung als auch Korrektiv für die von der historischen Forschung geleistete Quelleninterpretation sind. Manchmal sind sie sogar die einzigen überhaupt noch verfügbaren Quellen, die Auskunft über die Vergangenheit geben können. Auch der juristischen Aufarbeitung des „Lebensborn nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges widmet sich der Autor und erörtert dabei namentlich den Nürnberger „Volkstumsprozeß von 1948 sowie den „Münchener Spruchkammerprozeß" von 1950.

Thomas Bryant

Himmlers Kinder

Thomas Bryant

Himmlers Kinder

Zur Geschichte der

SS-Organisation »Lebensborn« e.V.

1935–1945

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

https://dnb.d-nb.de abrufbar.

Es ist nicht gestattet, Abbildungen und Texte dieses Buches zu scannen, in PCs oder auf CDs zu speichern oder mit Computern zu verändern oder einzeln oder zusammen mit anderen Bildvorlagen zu manipulieren, es sei denn mit schriftlicher Genehmigung des Verlages.

Alle Rechte vorbehalten

Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2013

Der Text basiert auf der Ausgabe marixverlag, Wiesbaden 2011

Lektorat: Dietmar Urmes, Bottrop

Covergestaltung: Nicole Ehlers, marixverlag GmbH

Bildnachweis Titelmotiv: ddp images GmbH, Frankfurt am Main

Bildnachweis Innenteil: Bundesarchiv, Koblenz

Lebensspuren e.V., Wernigerode

Stadtarchiv Wiesbaden

Der ausführliche Bildnachweis steht auf S. 351

eBook-Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main

ISBN: 978-3-8438-0204-8

www.marixverlag.de

Inhalt

Danksagung und Widmung
Einleitung
I.Niederkunft auf Nationalsozialistisch

Werden, Wesen und Wirken des »Lebensborn«

1. Völkische Vorspiele

Vom »Mittgart-Bund« zum »Lebensborn«

2. Ordensideologie und Eliteanspruch

Die ideologische Stellung der SS als Trägerin des »Lebensborn« im »Dritten Reich«

3. Geheime Geburten und nordische Namen

Verwaltung und Organisationsstruktur des »Lebensborn«

4. »Nichts anderes als große Familien«

Selbstverständnis und Selbstdarstellung des »Lebensborn«

5. Bigamie und »braunes Blut«

Der »Lebensborn« als Schrittmacher zur Realisierung der biopolitischen und sexualmoralischen Visionen Himmlers und der SS

6. Entbindung, Erholung und Erziehung

Der Alltag in den »Lebensborn«-Heimen

7. Zwischen Auslese und Ausmerze

Der »Lebensborn« als »Todesborn«

8. »Blutzufuhr« aus ganz Europa

Die Aktivitäten des »Lebensborn« im Rahmen der »Eindeutschungsaktionen«

II.»Der Rest ist Schweigen«

Der »Lebensborn« in den Berichten von Zeitzeug(inn)en

III.Nationalsozialistische Nachspiele

Die juristische Aufarbeitung des »Lebensborn« im Nürnberger »Volkstumsprozess« (1947/48) und im »Münchener Spruchkammerprozess« (1950)

Schlussbetrachtung und Zusammenfassung
Bibliographie
Archiv-Quellen
Quellen
Forschungsliteratur
Bildnachweis

Danksagung und Widmung

Im Volksmund heißt es: »Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr.« – Mit dem Verfassen eines Buches wie dieses verhält es sich genau umgekehrt: Es ist nicht allzu schwer, am Ende eines längeren Schreibprozesses Autor zu sein, aber ungleich schwerer, während des noch im Gang befindlichen Prozesses Autor zu werden und ein Buch Stück für Stück zu vollenden. Dass mir beides geglückt ist, verdanke ich zahlreichen Menschen und Institutionen, die den mühseligen Schreibprozess stets interessiert verfolgt haben und auf deren Unterstützung ich mich in vielfältiger Hinsicht verlassen konnte. Insofern ist es nicht zu viel gesagt, wenn ich behaupte, dass dieses Buch in gewisser Weise viele »Väter« und »Mütter« hat, ohne die es in der nun vorliegenden Form niemals – um im Bilde zu bleiben – das »Licht der Welt« hätte erblicken können. Ihnen allen gebührt deshalb mein herzlichster Dank.

Als alleinverantwortlicher Verfasser und damit »geistiger Vater« möchte ich an erster Stelle der Chefin des »Marix-Verlages«, Frau Miriam Zöller, danken. Zu Recht darf ich sie gewissermaßen als »geistige Mutter« dieses Buches bezeichnen, da sie die Idee dazu hatte, das Thema »Lebensborn e.V.« anlässlich dessen Gründung vor nunmehr 75 Jahren neu aufzurollen. Für ihr Vertrauen, das sie in mich gesetzt hat, die Geschichte des »Lebensborn« zu erforschen und zu Papier zu bringen, danke ich ihr außerordentlich.

Das vorliegende Buch behandelt zwar lediglich eine vergleichsweise kleine Episode deutscher Zeitgeschichte, aber zugleich für nicht wenige Menschen auch eine große Epoche ihrer jeweils eigenen, ganz persönlichen Lebensgeschichte. Der Umgang mit beiden Formen der Geschichte ist und bleibt in beiden Fällen schwierig. Umso größeren Dank und Respekt verdienen daher all diejenigen Zeitzeuginnen, die mir ihre private Lebensgeschichte freimütig anvertraut haben, um sie in dem vorliegenden Buch für geschichtswissenschaftliche Zwecke verwerten zu dürfen. Hier zu nennen sind die ehemaligen »Lebensborn«-Kinder Frau Astrid E. (Stollberg b. Aachen), Ursula J. (anonym), Elke S. (Neukirchen-Vluyn), Ingeborg S. (Menden) und Violetta W. (Köln). Dass die Kontaktaufnahme zu den genannten Damen geglückt ist, verdanke ich dem Verein »Lebensspuren e.V. – Interessengemeinschaft der Lebensbornkinder in Deutschland und Vereinigung zur geschichtlichen Aufarbeitung des ›Lebensborn‹ « (Wernigerode) – insbesondere der ehemaligen Vereinsvorsitzenden Frau Hella D., die ebenfalls im »Lebensborn« zur Welt kam. Dem amtierenden Vereinsvorsitzenden, Herrn Matthias Meißner (Wernigerode), danke ich außerdem für seine ausführlichen Auskünfte zum damaligen »Lebensborn«-Heim in Wernigerode sowie für seine großzügige Bereitschaft, dieses Buch mit etlichen Bild-Quellen zu illustrieren.

Das umfangreiche Quellenstudium, auf das sich das vorliegende Buch gründet, wäre ohne die tatkräftige Unterstützung verschiedener Archive in ganz Deutschland nicht möglich gewesen. Deshalb sei den fleißigen Damen und Herren folgender Archive bestens gedankt: Bayerisches Hauptstaatsarchiv (München), Bundesarchiv (Berlin), »International Tracing Service« (Bad Arolsen), Staatsarchiv München und Staatsarchiv Nürnberg. Gedankt sei in diesem Zusammenhang auch dem »Kreisjugendring Ebersberg«, der mir freundlicherweise eine Broschüre zu einer von ihm konzipierten »Lebensborn«-Ausstellung übersandt hat.

Für diverse fachliche Hinweise, Anregungen und sonstige Kommentare gebührt mein Dank Frau Anja Peters (Greifswald/Neubrandenburg), Herrn Uwe Schellinger (Freiburg) sowie insbesondere Frau Dr. Dorothee Schmitz-Köster (Berlin/Bremen) und Frau Prof. em. Dr. Cornelie Usborne (London), die ich beide auf einer Tagung zum Thema »Lebensborn – Mythos und Realität« der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück (Fürstenberg) zu treffen die Ehre hatte. Nicht zuletzt danke ich auch meinen Studentinnen und Studenten an der »Alice Salomon Hochschule Berlin« sowie an der »Leuphana Universität Lüneburg« für ihr anspornendes Interesse an meinem Projekt.

Abschließend sei drei Menschen besonders herzlich gedankt: meinen lieben Freunden und Kollegen Raiko Hannemann (Berlin), Dr. des. Maria Hermes (Bremen) und Dr. Robert Sommer (Berlin). Sie haben den Fortgang dieses Buchprojektes von Anfang an mit großem wissenschaftlichen und persönlichen Interesse begleitet. Ihre kritischen und kompetenten Kommentare in vielen inspirierenden Gesprächen sowie vor allem ihre wertvollen Korrekturarbeiten an der Rohfassung meines Manuskriptes haben mir sehr weitergeholfen. Raiko war außerdem dankenswerterweise so nett, mir bei der Recherche und Beschaffung etlicher Bücher und Aufsätze aus diversen Bibliotheken in ganz Deutschland behilflich zu sein.

Ich darf mich unendlich glücklich schätzen, das Kind der allerbesten Mutter der Welt zu sein. In treuer Dankbarkeit und innigster Verbundenheit ist es mir daher ein Herzensanliegen, dieses Buch ihr – meiner geliebten Mutter – zu widmen.

Dr. Thomas Bryant

Berlin & Indianapolis (USA), im Sommer 2011

Einleitung

»Wo Kinder sind, da ist ein goldnes Zeitalter«, hatte im Jahre 1798 der deutsche Romantik-Dichter Georg Friedrich Philipp Freiherr von Hardenberg alias Novalis (1772–1801) in einem seiner berühmten Blüthenstaubfragmente¹ euphorisch verkündet. Kinder, so ließe sich diese Stimme aus dem ausklingenden 18. Jahrhundert interpretieren, sind nicht nur das Unterpfand eines selbstbestimmten elterlichen Glücks sowie leibhaftiger Ausdruck von familiärer Geborgenheit. Vielmehr sind sie darüber hinaus auch das lebendige Sinnbild für den unvergänglichen Fortbestand des gesamten Menschengeschlechts und damit für die Glück verheißende Zukunft eines größeren, dem einzelnen Menschen und der einzelnen Familie übergeordneten Gemeinwesens.

Mit ihrer »Machtergreifung« im Jahre 1933 glaubten die National-sozialisten ein solches »Goldenes Zeitalter« in Gestalt eines neuen »Tausendjährigen Reiches« eingeläutet zu haben. So waren der fortan immer wieder beschworene »Wille zum Kind« und die variantenreich vorgetragenen Lobeshymnen auf den Kinderreichtum der »deutschen Mutter« und »deutschen Familie« gepaart mit zahlreichen praktischen Maßnahmen wie etwa die Gewährung von »Ehestandsdarlehen« (ab 1933) und »Kinderbeihilfen« (ab 1935), die Verleihung von »Ehrenkreuzen der Deutschen Mutter« (kurz: »Mutterkreuz«) mit der Inschrift »Das Kind adelt die Mutter.« (ab 1938) und die Errichtung diesbezüglicher Organisationen. Neben dem 1934 geschaffenen »Hilfswerk Mutter und Kind« ist in diesem Zusammenhang insbesondere der im darauffolgenden Jahr unter der Ägide der Schutzstaffel (SS)² gegründete »Lebensborn e.V.« zu nennen, der im Sommer 1936 sein erstes Heim im oberbayerischen Steinhöring eröffnete.

symbol »Lebensborn e.V.«

Für die SS, die sich selbst als »germanische Sippengemeinschaft« verstand, waren Kinder – sofern sie bestimmten erbhygienischen und rassenbiologischen Gütekriterien entsprachen – in erster Linie die unentbehrlichen Garanten für den ewigen Erhalt des eigenen (deutschen) Volkes und die andauernde Erneuerung der eigenen (arischen) Rasse. Nicht ihr Wert an sich oder für ihre jeweiligen Eltern war letztlich entscheidend, sondern einzig und allein ihr Wert – besser gesagt: Nutzen – als »Menschenmaterial«³ für die nationalsozialistische »Volksgemeinschaft« im Besonderen und den deutschen »Volkskörper« im Allgemeinen. »Die Geburtenentwicklung wird […] unsere Zukunft bestimmen. Die Anzahl der Wiegen muss weit größer sein als die Zahl der Särge«⁴, hieß es dementsprechend in einer für SS-Führer bestimmten Schulungsbroschüre aus dem Jahre 1941.

Der von Reichsführer-SS Heinrich Himmler (1900–1945)⁵ initiierte »Lebensborn e.V.« trieb diese Auffassung, der zufolge Kinder hauptsächlich Mittel zum Zweck waren, förmlich auf die Spitze. Anhand seines Beispiels lässt sich nämlich besonders eindrücklich nachvollziehen, wie der von Adolf Hitler (1889–1945) errichtete und geführte »totale Staat« – ein Begriff, der von dem rechtskonservativen Staatsrechtler und politischen Philosophen Prof. Dr. Carl Schmitt (1888–1985) geprägt wurde – nicht nur den völkisch-ideologischen Anspruch erhob, sondern diesen auch mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln praktisch-politisch verwirklichte. Ebendieser »totale Staat« nationalsozialistischer Prägung maßte es sich an, über das Leben (und auch das Ableben) seiner »Volksgenossinnen« und »Volksgenossen« im wahren Sinne des Wortes von der Wiege bis zur Bahre nach eigenem Gutdünken frei zu verfügen.

Schwester mit Baby

Wie im Folgenden zu zeigen sein wird, kann der »Lebensborn e.V.« keineswegs als Wegmarke in ein vermeintlich »goldenes Zeitalter« à la Novalis charakterisiert werden. – Im Gegenteil: Als einer von vielen verschiedenen Stützpfeilern, auf denen die nationalsozialistische Rassenpolitik beruhte, war auch er ein integraler Bestandteil innerhalb des weitverzweigten Herrschaftsapparates des »Dritten Reiches«. Als vereinsrechtliche Ausgründung und somit willfähriges Instrument der SS, deren Name schon damals als Synonym für Tod und Terror sowie Hass und Gewalt stand, muss der »Lebensborn« daher zwingend ebenfalls in diesen Kontext der sich wechselseitig ergänzenden bevölkerungspolitischen Antipoden der Züchtung und Vernichtung, »Auslese« und »Ausmerze« sowie des Pronatalismus (Geburtenförderung) auf der einen und des Antinatalismus (Geburtenverhütung) auf der anderen Seite eingeordnet werden. Wer also von den Schrecken und Verbrechen des NS-Regimes als dunkelstes Kapitel deutscher Geschichte spricht, darf daher auch von der Geschichte des »Lebensborn« nicht schweigen – und umgekehrt.

Allerdings ließ und lässt die sachgerechte oder gar wissenschaftlich fundierte Aufarbeitung dieser Geschichte an vielen Stellen schon seit eh und je arg zu wünschen übrig.⁶ Bereits die frühe, einige Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus einsetzende Beschäftigung mit dem »Lebensborn e.V.« offenbarte erhebliche Defizite, die teilweise bis in die unmittelbare Gegenwart hinein nachwirken und sich bis heute in folgenden Grundtendenzen widerspiegeln: Zum einen gibt es diejenigen, für die der »Lebensborn« aus belletristischer bzw. journalistischer Sicht als willkommene Vorlage für mehr oder weniger abenteuerliche »Räuberpistolen« und/oder für sensationslüsterne Enthüllungsgeschichten aus dem Reich unhaltbarer Spekulationen und schlüpfriger Fantastereien herhalten muss.⁷ Ein Beispiel dafür ist ein Artikel, der am 4. Januar 1961 im Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« erschien. Es handelte sich um eine Kritik zu einem neuen Film namens »Lebensborn«, der seinerzeit für Schlagzeilen sorgte:

»Ein bulliger SS-Obersturmbannführer baut sich vor einer Gruppe sommerlich leicht gewandeter BDM-Mädchen auf. ›Kameradinnen!‹, schnarrt er. ›Seid ihr wirklich Nationalsozialisten? Mit heißem Herzen? Mit ganzer Hingabe?‹ ›Ja!‹, jauchzen die Maiden. ›Ich danke euch, Kameradinnen! Wenn ihr euch jetzt in eine Liste eintragt, dann seid ihr ausgewählt, eine neue Rasse zu gründen und dem Führer Kinder zu schenken.‹ Eilfertig treten die Mädchen an einen Tisch, um sich in die Fortpflanzungsliste einzutragen. Mit dieser Szene beginnt ein neues deutsches Lichtspiel, das die Alfa-Produktion des Berliner Filmherstellers Artur Brauner mit einem Bündel Lockfragen (›NS-Striptease? Heißes Eisen? Heikles Thema?‹) als ›die Sensation der Saison 1960/61‹ ankündigt. Der Film soll Mitte dieses Monats [Januar 1961] uraufgeführt werden und die Bundesbürger mit den Praktiken der biologischen Aufnordung vertraut machen, die Adolf Hitler und höhere Parteichargen einst ausgetüftelt hatten, um eine kräftige blonde Fabelrasse zu gründen. ›Was Millionen nicht wußten‹, verheißt ein Filmprospekt, ›bringt Lebensborn.‹ «

Gleichzeitig gibt es zum anderen aber auch diejenigen, die im »Lebensborn« eine der mutmaßlich »guten Seiten« des NS-Staates zu erblicken versuchen, indem sie jenem scheinbar harmlosen Verein einschließlich der ihn tragenden SS gleichsam als »Wohltätigkeitsorganisation« nachträgliche Anerkennung zollen.

Ob sich diese beiden gegenläufigen Tendenzen eher aus einem schieren Halb- bzw. gänzlichen Unwissen oder aber aus einer ewiggestrigen bzw. neonazistischen ideologischen Verblendung heraus speisen, ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Insgesamt ändert dies jedoch nichts an der Tatsache, dass derartige Verklärungen des »Lebensborn« zu einem schaurigen Mysterium einerseits bzw. zu einem sozialpolitischen Mythos andererseits freilich wenig mit dem redlichen Bemühen um historische Wahrheitsfindung zu tun haben. Von einer als seriös und solide zu bezeichnenden »Lebensborn«-Forschung, die wissenschaftlichen Standards genügt und somit jedwede Form der Verklärung wohlbegründet in ihre Schranken weist, lässt sich derweil erst ab etwa Mitte der 1970er Jahre sprechen.

Dem französischen Journalisten-Ehepaar Clarissa Henry und Marc Hillel ist es zu verdanken, sich erstmals mit dem nötigen Ernst des Themas angenommen zu haben. Mit ihrem drei Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs veröffentlichten Buch Lebensborn e.V. – Im Namen der Rassesowie ihrer unter dem Titel Dem Führer ein Kind schenken ausgestrahlten Fernsehdokumentation¹⁰ verhalfen sie der weitergehenden wissenschaftlichen Beschäftigung mit dieser SS-Organisation zum Durchbruch. Doch obwohl sich Buch und Film als Ergebnis einer dreijährigen Recherche in ganz Europa auf eine breite Basis an Dokumenten und Interviews stützen, fehlen oftmals exakte Quellen-Belege. Einige Aussagen haben sich zudem hinterher als falsch oder zumindest unpräzise herausgestellt; den innovativen und öffentlichkeitswirksamen Gesamtcharakter der von Henry und Hillel vorgelegten Studie schmälert das jedoch nicht im Geringsten.

An diese Vorarbeiten von französischer Seite aus konnte ein weiteres Jahrzehnt später vor allem Georg Lilienthal anknüpfen, der mit seinem inzwischen mehrfach neu aufgelegten wegweisenden Buch Der »Lebensborn e.V.« – Ein Instrument nationalsozialistischer Rassenpolitik¹¹ und zusammen mit zahlreichen einschlägigen Aufsätzen¹² zu Recht als Pionier und Wortführer der deutschen »Lebensborn«-Forschung gelten kann. Seine Studien sind bewusst darauf angelegt, »dem geheimnisumwitterten Phänomen ›Lebensborn e.V.‹ schärfere Konturen zu geben.«¹³ Als besonders ergiebig haben sich seine umfangreichen Recherchen im Archiv des »International Tracing Service« (ITS) in Bad Arolsen erwiesen. Dort sind nämlich 113 Ordner mit Akten aus dem Bestand der »Lebensborn«-Zentrale verwahrt (namentlich: »Akten von Einrichtungen des Lebensborn e.V.« zuzüglich 14 »Lebensbornkisten des Kindersuchdienstes«), die nach Abschluss von Lilienthals Recherchen längere Zeit – bis Ende 2007 – für die Forschung ansonsten nicht mehr zugänglich waren.

Unter den neueren zum Thema »Lebensborn« erschienenen Publikationen ist vor allem das von Dorothee Schmitz-Köster erstmals 1997 veröffentlichte Buch »Deutsche Mutter, bist du bereit …« – Alltag im Lebensborn¹⁴ hervorzuheben. Darin rekonstruiert die Autorin anhand zahlreicher aussagekräftiger Interviews, die sie mit früheren »Lebensborn«-Müttern und deren Kindern geführt hat, auf sehr anschauliche Art und Weise die verschiedenen Facetten des alltäglichen Lebens in den damaligen Heimen.

Das vorläufig aktuellste Werk, das Erwähnung verdient, ist die ebenso quellengesättigte wie detailreiche Gesamtdarstellung »Dem Führer ein Kind schenken« – Die SS-Organisation »Lebensborn e.V.«¹⁵, welche 2007 von Volker Koop vorgelegt wurde. Der Autor vermag zwar keine grundlegend neuen Erkenntnisse zu präsentieren, denen zufolge die Geschichte des »Lebensborn« umgeschrieben werden müsste. Dennoch gelingt es ihm, unter Einbeziehung bislang unbeachteter Archivalien zum ersten Mal in besonderer Deutlichkeit die vielfältigen organisatorischen und personellen Vernetzungen, aber auch Konkurrenzkämpfe des »Lebensborn« innerhalb des Kommunikations- und Interaktionsgeflechts des NS-Staates hervorzuheben.

Aufbauend auf den genannten Arbeiten sowie auf den sonstigen bereits vorliegenden Forschungsergebnissen bemüht sich das vorliegende Buch, vor allem zwei Aspekte näher zu beleuchten, die bei den bisherigen Forschungsanstrengungen weitestgehend unterbelichtet geblieben sind: Zum einen soll der Frage nachgegangen werden, wie sich der »Lebensborn« sowohl unter ideengeschichtlichen als auch organisationssoziologischen Gesichtspunkten im Ideologie- und Herrschaftsgefüge des »Dritten Reiches« verorten lässt. Gab es Vorläufer oder Vorbilder, an denen sich Himmler und die SS bei der Gründung und Ausgestaltung ihres Vereins orientieren konnten? Was war das wirklich Besondere oder gar einzigartige Wesens- bzw. Alleinstellungsmerkmal dieser Einrichtung? Und was lässt sich daraus in Hinblick auf ein differenzierteres Verständnis des Nationalsozialismus ableiten?

Zum anderen soll im Folgenden auch dem Komplex der juristischen Aufarbeitung des »Lebensborn« nach 1945 ein größerer Stellenwert eingeräumt werden. Wie ging die alliierte und wie die deutsche Seite nach Kriegsende mit dieser Einrichtung um? Obwohl hier kein Mangel an einschlägigen Dokumenten herrscht, mit deren Hilfe sich dieser Teil der Nachgeschichte des »Lebensborn« recht gut rekonstruieren lässt, hat sich die Forschung bislang kaum zufriedenstellend damit auseinandergesetzt.

Im ersten Kapitel des vorliegenden Buches wird zum einen die geschichtliche Entwicklung des »Lebensborn« rekonstruiert, indem es sowohl auf die Vorgeschichte und Vorüberlegungen, die zur Gründung dieses Vereins führten, eingeht als auch den eigentlichen Zeitraum seines Bestehens genauer in Augenschein nimmt. Dabei geht es insbesondere darum, die für den Verein – aber auch für das »Dritte Reich« als Gesamtkomplex – maßgebliche Rolle der SS mitsamt ihren ideologischen Maximen zu erörtern und das daraus abgeleitete Selbstverständnis des »Lebensborn« zu betrachten. Dies schließt den organisatorischen Aufbau, den alltäglichen Routine-Betrieb, die Beteiligung an speziellen rassenpolitischen Aktivitäten und Maßnahmen im In- und Ausland sowie die propagandistische Selbst- bzw. Außendarstellung mit ein. Namentlich die Rolle Heinrich Himmlers bedarf einer genaueren Betrachtung, um das vereinsinterne und -externe machttechnische Gebaren dieser NS-Organisation, aber auch deren ideologische Grundausrichtung einschließlich vereinzelter Bemühungen um einen grundsätzlichen gesamtgesellschaftlichen Paradigmenwechsel auf dem Gebiet der Sexualmoral besser verstehen zu können. Der »Lebensborn« präsentiert sich aus dieser Perspektive als sittengeschichtlich relevantes Experiment des »Dritten Reiches« im Besonderen sowie der jüngeren deutschen Geschichte im Allgemeinen.

Im zweiten Kapitel kommen Zeitzeugen – und vor allem Zeitzeuginnen – zu Wort. Ihre Sicht der Dinge ist insofern von besonderem Interesse, als ihre Schilderungen sowohl Bestätigung als auch Korrektiv für die von der historischen Forschung geleistete Quellen-Interpretation sind. Manchmal sind sie sogar die einzigen überhaupt noch verfügbaren Quellen, die Auskunft über die Vergangenheit geben können. Zugleich ist es daher aber auch um so mehr geboten, diese stark subjektiven Zeugnisse, derer sich die »Oral History«¹⁶ bedient, besonders kritisch zu hinterfragen. Gerade im Falle des »Lebensborn«, der schon seinerzeit vom Hauch des Mysteriösen umgeben war und Anlass zu mystifizierenden Spekulationen gab, ist dies besonders angezeigt, da die Aussagen hier meist nur wenig differenzierend sind. Freilich ist dies bei geschichtsrevisionistisch motivierten, bewusst beschönigenden Aussagen von besonderer Brisanz.

Während sich das dritte Kapitel der juristischen Aufarbeitung des »Lebensborn« nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges widmet und dabei namentlich den Nürnberger »Volkstumsprozess« von 1948 sowie den »Münchener Spruchkammerprozess« von 1950 erörtert, werden im Schlussteil die in den vorangegangenen Abschnitten gewonnenen Erkenntnisse und getroffenen interpretatorischen Aussagen nochmals zusammengefasst und abschließend bewertet. Dadurch sollen neue Akzente in der Bewertung der gewonnenen historischen Erkenntnisse gesetzt werden, die inspirierend sein mögen für die fortgesetzte wissenschaftliche Beschäftigung mit der Geschichte des »Lebensborn e.V.« im Besonderen sowie des Nationalsozialismus im Allgemeinen.

I. Niederkunft auf Nationalsozialistisch

Werden, Wesen und Wirken des »Lebensborn«

Die »Lebensborn«-Verwaltung war generell sehr darauf bedacht, dass »ihre Heime als Zuhause und nicht als Institution erlebt wurden.«¹⁷ Trotzdem konnten alle diesbezüglichen Bemühungen zur Schaffung und Aufrechterhaltung des von den Vereinsverantwortlichen gewünschten Images nicht über das mit dezidiert nationalsozialistischem Geist erfüllte institutionelle Gepräge hinwegtäuschen. Immerhin hatten die dem eigenen Anspruch nach »heimeligen Heime« mit der Wohnsituation in den eigenen vier Wänden nur wenig gemein. Es lohnt sich daher, an dieser Stelle einen etwas kritischeren Blick hinter die propagandistisch herausgeputzte Fassade zu werfen.

Unter den mannigfaltigen Möglichkeiten, wie sich der institutionalisierte Nationalsozialismus seinen »Volksgenossen« präsentierte und wie er von diesen im Alltagsleben konkret erlebt werden konnte, war der Verein »Lebensborn« als Anhängsel der SS einer von zahlreichen organisatorischen Bestandteilen des NS-Regimes. Da die präzise Grenzziehung zwischen Staat und Partei im »Dritten Reich« aufgehoben wurde, war die SS innerhalb des Einparteienstaates de facto eine paramilitärische Formation der NSDAP als Staatspartei mit quasi-staatlichen Befugnissen. Dementsprechend war auch der »Lebensborn« gleichermaßen Ausfluss und Garant des staatstotalitären Macht- und Herrschaftsgefüges. Man könnte auch sagen: Er war eine von vielen »totalen Institutionen« innerhalb des »totalen Staates«, das heißt eine kleinteilig heruntergebrochene, sich in den größeren Gesamtzusammenhang des von seinem Anspruch her allgegenwärtigen und allmächtigen Staatswesens einordnende Apparatur zur Realisierung bestimmter ideologischer Zielvorstellungen.

Der Begriff »totale Institution«, der in diesem Zusammenhang einen besonderen Erkenntniswert zum besseren Verständnis der theoretischen Grundlagen der nationalsozialistischen Herrschaftspraxis am Beispiel des »Lebensborn« bietet, wurde – aufbauend auf den Gedanken des französischen Architekten Louis-Pierre Baltard (1764–1846) – von dem US-amerikanischen Soziologen Erving Goffman (1922–1982) geprägt. Goffman gilt als einer der prominentesten Vertreter des soziologischen Neoinstitutionalismus bzw. der neoinstitutionalistischen Organisationstheorie.¹⁸ Eine »totale Institution« lässt sich nach dem von ihm Anfang der 1960er Jahre entwickelten sozialtheoretischen Modell ganz allgemein »als Wohn- und Arbeitsstätte einer Vielzahl ähnlich gestellter Individuen definieren, die für längere Zeit von der übrigen Gesellschaft abgeschnitten sind und miteinander ein abgeschlossenes, formal reglementiertes Leben führen.«¹⁹ Der Umstand, dass »totale Institutionen« auf der einen Seite eine Wohn- und Lebensgemeinschaft begründen und auf der anderen Seite formale Organisationen darstellen, verdeutlicht, warum Goffman bei diesen sonderbaren Gebilden auch von »sozialen Zwittern« spricht.

Prinzipiell weisen »totale Institutionen« als besondere »soziale Einrichtungen« bzw. »anstaltsmäßige Betriebe« ein zentrales Merkmal auf, das auch für den »Lebensborn« charakteristisch war: »Totale Institutionen« nehmen in tendenziell allumfassender Weise das gesamte Leben ihrer Mitglieder in Beschlag, was unter anderem »durch Beschränkungen des sozialen Verkehrs mit der Außenwelt sowie der Freizügigkeit« (z.B. über »verschlossene Tore, hohe Mauern, Stacheldraht«) zum Ausdruck kommt.²⁰ Die in modernen Gesellschaften allgemein übliche Trennung zwischen den drei Lebensbereichen des Schlafens (d.h. körperliche und geistige Ruhe und Regeneration), Spielens (d.h. aktive Freizeitgestaltung nach persönlicher Lust und Vorliebe) und Arbeitens (d.h. mehr oder weniger mühselige und verpflichtende Betätigung) – dies jeweils »an verschiedenen Orten« sowie »mit wechselnden Partnern, unter verschiedenen Autoritäten und ohne einen umfassenden rationalen Plan« – ist hierbei gänzlich aufgehoben.²¹ Goffman verdeutlicht dieses spezifische Ordnungsarrangement, das man auch als »intrainstitutionelle Entgrenzung« bezeichnen könnte, in den folgenden vier Punkten:

»1. Alle Angelegenheiten des Lebens finden an ein und derselben Stelle, unter ein und derselben Autorität statt.

2. Die Mitglieder der Institution führen alle Phasen ihrer täglichen Arbeit in unmittelbarer Gesellschaft einer großen Gruppe von Schicksalsgenossen aus, wobei allen die gleiche Behandlung zuteil wird und alle die gleiche Tätigkeit gemeinsam verrichten müssen.

3. Alle Phasen des Arbeitstages sind exakt geplant, eine geht zu einem vorher bestimmten Zeitpunkt in die nächste über, und die ganze Folge der Tätigkeiten wird von oben durch ein System expliziter formaler Regeln und durch einen Stab von Funktionären vorgeschrieben.

4. Die verschiedenen erzwungenen Tätigkeiten werden in einem einzigen rationalen Plan vereinigt, der angeblich dazu dient, die offiziellen Ziele der Institution zu erreichen.«²²

Im Großen und Ganzen lassen sich fünf verschiedene Erscheinungsformen ausmachen, in denen »totale Institutionen« im realen Leben auftreten können. Es handelt sich Goffman zufolge jeweils um besondere bürokratische Organisationen, die

1. »zur Fürsorge für Menschen eingerichtet wurden, die als unselbständig und harmlos gelten« (z.B. Altersheime, Waisenhäuser, Armenasyle);

2. »der Fürsorge für Personen dienen, von denen angenommen wird, daß sie unfähig sind, für sich selbst zu sorgen, und daß sie eine – wenn auch unbeabsichtigte – Bedrohung der Gemeinschaft darstellen« (z.B. Sanatorien, Irrenhäuser, Leprosorien);

3. zum »Schutz der Gemeinschaft vor Gefahren« dienen, »die man für beabsichtigt hält, wobei das Wohlergehen der auf diese Weise abgesonderten Personen nicht unmittelbarer Zweck ist« (z.B. Gefängnisse, Zuchthäuser, Konzentrationslager);

4. »angeblich darauf abzielen, bestimmte, arbeit-ähnliche Aufgaben besser durchführen zu können und die sich nur durch diese instrumentellen Gründe rechtfertigen« (z.B. Kasernen, Internate, Gutshäuser);

5. »als Zufluchtsorte vor der Welt dienen, auch wenn sie zugleich religiöse Ausbildungsstätten sind« (z.B. Abteien, Klöster, Konvente).²³

Um die praktische Umsetzung dieser verschiedenen Spielarten zur Verwaltung und Verwahrung von Menschen und Menschengruppen zu gewährleisten, bedarf es der Führung, Aufsicht, Betreuung, Inspektion und damit vor allem einer umfassenden Überwachung durch das dazu autorisierte Personal. Letzteres hat überdies die Aufgabe, die für die jeweilige »totale Institution« geltende Disziplin aufrechtzuerhalten und etwaige Regelverstöße mit entsprechenden Strafen zu ahnden. Abgesehen von diesem wirkungsvollen Zusammenspiel aus Überwachen und Strafen, wie es der französische Philosoph Michel Foucault (1926–1984) Mitte der 1970er Jahre in seinem gleichnamigen Buch²⁴ nannte, unterscheidet sich das Personal von den gemeinhin als »Insassen« bezeichneten anderen Personen dadurch, dass Letztere für einen längeren Zeitraum oder gar dauerhaft ausschließlich in der »totalen Institution« leben und – wenn überhaupt – lediglich über einen »beschränkten Kontakt mit der Außenwelt«²⁵ verfügen. Das Personal hingegen hat meist einen geregelten Arbeitstag und »ist sozial in die Außenwelt integriert.«²⁶ Beiden Gruppen ist gemein, dass sie der jeweiligen Gegenseite mit einer gewissen feindseligen und distanzierten Haltung begegnen.

Versucht man nun, die von Goffman entwickelten theoretischen Gedankengänge auf das konkrete empirische Beispiel des »Lebensborn« zu übertragen, so ergeben sich in der Tat signifikante Übereinstimmungen:

In Bezug auf seine Heimbewohnerinnen erhob der »Lebensborn« den Anspruch, für die Dauer ihres Aufenthaltes deren gesamtes Leben zu reglementieren. Die Lebensbereiche des Schlafens, Spielens und Arbeitens wurden von den Bewohnerinnen nicht nach selbstbestimmten individuellen Präferenzen ausgefüllt, sondern waren an die vorgegebenen Räumlichkeiten des jeweiligen Heimes sowie an die verbindlichen Anweisungen des Personals gebunden. Dazu gehörte es auch, dass die Freizügigkeit innerhalb des Heimes sowie vor allem die Art und Weise des sozialen Kontaktes mit der Außenwelt keineswegs dem jeweiligen Belieben der Frauen anheimgestellt wurden. Die hohen Hürden hinsichtlich der Auslesekriterien, die es zu überwinden galt, um überhaupt in einem Heim aufgenommen zu werden, fanden in abgewandelter Form ihre Fortsetzung in der vorgeschriebenen Heimordnung sowie im architektonischen Arrangement der Heime. Zum einen wurden Außenkontakte dadurch erschwert oder gar verhindert, dass die Frauen ihr Heim nur nach vorheriger Genehmigung durch das Personal für kurze Zeit verlassen durften und auch der Empfang von auswärtigen Gästen (also etwa dem Kindsvater) einer solchen ausdrücklichen Erlaubnis bedurfte. Zum anderen waren die Heime als in sich geschlossene und von der umliegenden – insbesondere städtischen – Umgebung mehr oder weniger abgeschiedene Sozialräume konzipiert. In ästhetisch ansprechenden ländlichen Gegenden ließ sich dies besonders gut realisieren, zumal dies nicht nur die ungestörte Ruhe und sorglose Entspannung der Frauen während ihrer Niederkunft gewährleisten sollte, sondern damit im Zweifelsfall eine uneheliche Geburt gegenüber der Außenwelt auch besser verheimlicht werden konnte.

Für Clarissa Henry und Marc Hillel war der »Lebensborn« gleichsam »ein eigener kleiner Staat im Staat«, da er beispielsweise über eine eigene Finanzverwaltung sowie über autonome Standesämter verfügte.²⁷ »Jede Institution«, so lässt sich mit Goffman ergänzen, »stellt […] eine Art Welt für sich dar […].«²⁸ Der »Lebensborn« als eine »totale Institution« legte es in der Tat gezielt darauf an, innerhalb seiner Heime die Frauen zu etwas wie einer »Volksgemeinschaft en miniature« zusammenzufassen, die sich freilich nicht als Konkurrenz zur großen »deutschen Volksgemeinschaft«, sondern vielmehr als eine mögliche Spielart ihrer realen lebensweltlichen Ausgestaltung verstand. Was im großen Rahmen lediglich abstrakt propagiert werden konnte, sollte an vielen verschiedenen Stellen mithilfe ebenso vieler verschiedener Einrichtungen und Maßnahmen für unterschiedliche gesellschaftliche Teilgruppen im kleinen Rahmen konkret praktiziert werden.

Standesamt Wernigerode II

Da alle Frauen prinzipiell aus demselben Grund – nämlich der bald bevorstehenden Geburt ihres Kindes – ein »Lebensborn«-Heim aufsuchten, teilte diese Teilgruppe – unabhängig von sonstigen individuellen Beweggründen und Befindlichkeiten – dasselbe »Schicksal«. Damit sie sich

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