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Taxi zum Nordkap: Erstes Buch mit Sigi Siebert

Taxi zum Nordkap: Erstes Buch mit Sigi Siebert

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Taxi zum Nordkap: Erstes Buch mit Sigi Siebert

Länge:
221 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 4, 2015
ISBN:
9783943121933
Format:
Buch

Beschreibung

Ein Mann mit einem Koffer voller Geld erscheint eines Morgens neben Rainers Taxi. Der Essener Taxifahrer zögert nicht lange: Er nimmt den Auftrag an. Einmal Nordkap bitte. Am zweiten Abend wird Rainers Fahrgast - von ihm unbemerkt - durch einen anderen Mann ersetzt. Ebenso an den darauffolgenden Tagen: Aus dem Nichts heraus tauchen die merkwürdigsten Gestalten auf. Tagsüber schlafen sie auf der Rückbank des Taxis, abends servieren sie ihrem Fahrer abenteuerliche Geschichten über das Geld und die Gründe für ihre Nordkapfahrt. Für Rainer wird die Tour zum Alptraum.
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 4, 2015
ISBN:
9783943121933
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Taxi zum Nordkap - Klaus Heimann

2015

VORWORT

Wenn ich die Ereignisse und Bilder dieser unglaublichen Reise vor meinem inneren Auge vorbeispazieren lasse, grenzt es für mich heute an ein Wunder, dass ich nicht verrückt geworden bin. Tagelang war ich mit meinem Taxi unterwegs, erst quer durch Norddeutschland, Dänemark und Schweden und dann durch die Weite Norwegens. Gleich zu Anfang gab mir die Reise Rätsel auf, die sich schnell zu einem Labyrinth aus Täuschungen, Irrwegen und Misstrauen verklumpten.

In Norwegen wurde die Angst zum verlässlichen Begleiter des Rätselratens. Steckt dieses weit in den Norden zeigende Land schon durch seine einzigartige Natur voller Mysterien – Nebel, der auf schwarzem Fjordwasser wabert, dass man sich nicht wundern würde, in seinem dichten Wattemantel Drachenboote oder Urzeitechsen aufsteigen zu sehen, schäumende Wasserfälle, an deren Flanken vom Wind gepeitschte Gischt Fahnen über den Granit spritzt, in denen man mit etwas Fantasie Nymphen tanzen sehen könnte, die Mitternachtssonne, die mehrere Wochen zu einem einzigen Tag verschmilzt, Gebirge und Urwälder, in denen dem Volksglauben nach Trolle leben –, so kam mir das, was ich vor dieser großartigen Kulisse erlebte, bis zu seiner Aufklärung erst recht wie ein Mysterium vor.

Trolle sind mir tatsächlich begegnet während meiner Reise, wenn auch in Menschengestalt. Sie haben ihr dreckiges Spiel mit mir getrieben, Possen auf meine Kosten gerissen. Dann sind sie verschwunden in diesem urwüchsigen Land, wie die Fantasiebilder von Drachenbooten und Urzeitechsen im gleißenden Sonnenschein, wie die Wassernymphen bei Windstille. Mein Kopf aber gibt sie nicht frei und mir werden diese menschlichen Trolle sofort wieder präsent, wenn ich an sie denke. Etwa an einem freien Tag. Wie heute.

*

Mein Name ist Rainer. Freunde nennen mich »Taxi-Rainer«. Damit wäre mein Beruf auch gleich geklärt.

Was soll ich sonst noch von mir berichten?

Siebenundfünfzig Jahre bin ich alt. Ich lebe allein in Essen im Ruhrgebiet. Hinter mir liegen zwei gescheiterte Ehen, Kinder habe ich keine. Wenn ich nicht arbeite, hänge ich vor dem Fernseher ab oder treffe mich mit einem Kumpel auf ein paar Bier in der Kneipe. Nein, ich interessiere mich nicht für Fußball und man wird es kaum glauben, mich hat noch nie ein Fußballstadion von innen gesehen. Mein Wissen über Sport reicht gerade mal für zwei Bierlängen. Eher zieht es mich ins Theater oder ins Kino. Dafür wiederum kann ich leider kaum einen meiner Freunde begeistern. Mein Privatleben darf also in Summe als ereignisarm bis langweilig bezeichnet werden.

Mit der Taxifahrerei habe ich anfangs nur mein karges Studentenbudget aufpeppen wollen. Als die Blütenträume vom Erwerb eines Abschlusses mangels ausreichendem Interesse und wegen einer gewissen Unfähigkeit, mich selbst zu quälen, geplatzt waren, lag es nahe, den Nebenjob zum Beruf zu machen. Ich bin daran kleben geblieben – fünfunddreißig Jahre, hunderttausend Zigaretten und Millionen Kilometer lang.

Heute rauche ich nicht mehr. Der Arzt hat mir dazu geraten und dieses eine Mal im Leben halte ich schweren Herzens Disziplin. Ich mag solche Beeinflussungen nicht, die über das Gewissen laufen.

Was mich ans Taxifahren gebunden hat, ist diese gewisse Freiheit, die der Beruf mitbringt. Deinen Boss kriegst du nur selten zu Gesicht, du treibst dich den ganzen Tag herum, natürlich nur in dem Rahmen, den die Fahrgäste zulassen. Gemessen an anderen Jobs ist das viel. Und ich fahre gerne Auto. Immer noch, auch wenn Verkehr im Ruhrgebiet eher gegenseitiges Schieben als Fortkommen bedeutet.

Das Taxifahren besitzt definitiv weitere angenehme Seiten. Manchmal steigen hübsche junge Frauen in kurzen Röcken ein und du kannst während der Fahrt ein paar Blicke riskieren. Oder es ergibt sich ein interessantes Gespräch mit dem Fahrgast. Einmal habe ich zum Beispiel einen Politiker aus dem Bundestag gefahren und der hat mit mir über das politische Bewusstsein des Ruhrgebiets diskutiert. Wir waren absolut konträrer Meinung und kämpften immer noch für unsere Positionen, als wir bereits lange am Ziel angekommen waren. Der Taxameter lief weiter und wir redeten munter etliche Euros zusammen. Am Ende hat mir der Abgeordnete trotzdem noch ein fettes Trinkgeld spendiert.

Im Grunde kommt es eher selten vor, dass man wirklich unangenehme Zeitgenossen chauffiert. Wenn nachts um zwei eine Horde Besoffener zusteigt und rumlallt: »Ey, Meister, bring uns mal wohin, wo nowat los is’«, und einem aus vier Hälsen ein Geruch entgegenschlägt, der jeder Fäkaliengrube zur Ehre gereichte, dann möchte man am liebsten aussteigen, den Wagen verriegeln und flüchten. Stattdessen verflacht man seine Atmung, bleibt freundlich und steuert die nächste Spelunke an, wo diese Schickermänner ihr Saufgelage im Koma beschließen können.

Ab und zu geschieht es, dass man um den Fahrpreis geprellt wird. Plötzlich springt der Fahrgast aus dem Auto und gibt Fersengeld. Zu Anfang meiner Laufbahn habe ich noch an Recht und Gesetz geglaubt und diese Leutchen bei der Polizei angezeigt. Nie ist etwas nachgekommen. Also klemme ich mir solches Vertrauen in die Obrigkeit heutzutage mit einer geballten Faust in der Tasche.

Gewalt habe ich übrigens die ganzen Jahre über nie erlebt. Sicher, mir hat schon mal einer Schläge angedroht, wenn ihm etwa meine Fahrgeldforderung zu hoch erschien. Ich habe laut und ausfallend zurückgegiftet und er wurde weich. (Besitze ich etwa so etwas wie eine natürliche Autorität?) Man hört und liest ja viel, aber mir gegenüber hat noch niemand eine Waffe gezückt. Für diese Fälle bewahre ich ein Sprühdöschen mit Pfefferspray in der Seitenablage der Fahrertür auf.

Ob ich jemals etwas anderes machen wollte?

Nun ja, dazu fehlte mir irgendwie der Antrieb. Sicher, die ewigen Nachtschichten und öde Wartestunden auf menschenleeren Plätzen haben mir die Taxifahrerei schon manchmal vermiest. Aber sich aufraffen, die Fahne hissen und einen neuen Anlauf nehmen? Wie gesagt, ich kann mich nicht quälen.

Aber das wollte ich eigentlich alles gar nicht erzählen. Erzählen wollte ich von meiner Reise.

Am Küchentisch in meiner Wohnung sitzend, schaue ich in einen grauen Julihimmel, aus dem es jeden Moment regnen wird. Ich grüble über diese grausame Fahrt zum Nordkap nach, eine Tour, wie ich in meinen fünfunddreißig Jahren als Taxifahrer noch keine erlebt habe.

Alles, was mir begegnet ist auf dieser Fahrt, was ich gesehen und gefühlt habe, liegt aufgeschrieben vor mir. Es ist ein Bericht, eine Aufzeichnung aus einer ganz persönlichen Perspektive. Ich habe Wert darauf gelegt, dass die Ereignisse der Reise so beschrieben sind, dass sie von einem unbeteiligten Dritten nachvollzogen werden können. An der Art, wie ich das getan habe, gibt es vielleicht etwas auszusetzen. Aber ich war nur zu dieser einen Form fähig.

Jetzt sitze ich hier, blättere in den College-Heften vor mir, warte auf den Regen und auf die Polizei. Irgendwann wird sie kommen, denn ich glaube nicht, dass die Umstände dieser Fahrt im Dunkeln bleiben werden. Ein Mann ist verschwunden und es geht um viel Geld. Allein das muss die Alarmglocken der Ordnungshüter zum Schrillen bringen. Man wird mich dazu befragen oder sogar verdächtigen, an einem krummen Ding beteiligt zu sein, das ist gar nicht anders möglich. Ich werde mich allen Fragen stellen und sie so beantworten, wie sie mein Bericht beantwortet. Exakt so. Dazu habe ich ihn schließlich verfasst.

Vieles kommt mir beim Lesen erst recht fantastisch und aberwitzig vor. Das muss die Polizei aushalten. Ob sie sich damit zufriedengeben wird, muss sie selbst entscheiden. Ich habe nicht mehr anzubieten.

TEIL I:

Der Bericht

Von Essen nach Halmstad

Ich stand mit meinem Taxi vor dem Hotel Handelshof und wartete auf Fahrgäste. Der schmucke Kasten liegt direkt gegenüber dem Hauptbahnhof in Essen. Hier gibt es immer Leute, die irgendwohin wollen.

Ein schöner Junitag kündigte sich an. Schon jetzt, um halb neun, zeigte der Himmel ein makelloses Blau. Dazu blies eine leichte, angenehme Brise. Nun ja, ein Taxifahrer hat nicht viel vom Wetter. Aber dem Auge und dem Gemüt tut so etwas gut.

Er kam von nirgendwo. Plötzlich wurde meine Tür aufgerissen und da stand er, der Mann, mit dem ich in meine wahnwitzige Reise starten sollte. Ich sah nur den knittrigen, nach meinem modischen Empfinden mindestens zwei Nummern zu großen, Kitt-farbigen Trenchcoat, einen breitkrempigen, hellbraunen Hut und einen riesigen Aluminiumkoffer. Seltsamerweise trug der Mensch bei diesem herrlichen Wetter schwarze Lederhandschuhe.

»Können Sie mich zum Nordkap bringen?«, fragte mich der Typ mit einer sonoren Bassstimme.

Es kommt nicht alle Tage vor, dass man am Hauptbahnhof in Essen einen Fahrgast aufnimmt, der zum Nordkap will, das ist mal klar. Und so war ich im ersten Moment leicht begriffsstutzig und bat den Mann, seine Frage zu wiederholen.

»Zum Nordkap möchte ich. Fahren Sie mich hin?«

Ich witterte ein großes Geschäft, denn solche Exoten sind selten. Und: Die sollte man melken. Blitzschnell ging ich im Kopf den Taxitarif durch. »Bei Fahrten, deren Ziel außerhalb des Pflichtfahrgebietes liegt, hat der/die Taxifahrer/in den Fahrgast vor Fahrtbeginn darauf hinzuweisen, dass das Beförderungsentgelt für die gesamte Fahrtstrecke frei zu vereinbaren wäre«, steht dort irgendwo zu lesen. Die Strecke zum Nordkap lag bildlich vor mir, denn in den vielen Wartestunden durchstöberte ich begeistert Reiseführer über alle möglichen Länder. In Gedanken war ich mindestens ein dutzend Mal zum Nordkap gefahren. Es ist ein typisch menschliches Bedürfnis, irgendwo an ein Ende zu gelangen, etwa die Schule abzuschließen, beim Marathon das Ziel zu erreichen oder eben am nördlichsten Punkt Europas anzukommen. Ich rechnete die Kilometer hoch. Zwischen drei- und viertausend, schätzte ich. Ich fahre gerne Auto.

»Hin und zurück?«, fragte ich den ominösen Kerl, um mehr Zeit zum Überlegen zu gewinnen.

»Nur hin«, antwortete der und wurde ungeduldig, »fahren Sie nun oder nicht?«

»Das wird Sie neuntausend Euro kosten«, beendete ich meine Kalkulation und schaute ihn, während ich ihm den Preis nannte, aufmerksam an, um seine Solvenz zu taxieren.

»Dann los. Aber ich stelle eine Bedingung: Wir fahren ausschließlich über Land und benutzen keine Fähre.«

»Elftausend«, wurde ich leichtsinnig, »plus Spesen.«

»Einverstanden. Ich steige hinten ein.«

Der Mann ging ums Auto herum, riss die Tür hinter dem Beifahrersitz auf und ließ sich ächzend auf das Polster der Rückbank fallen. Das ging mir zu schnell.

»Haben Sie denn so viel Geld dabei?«, fragte ich ungläubig über die Schulter.

»Na klar. Würde ich Sie sonst anheuern?«, kam es sehr überzeugend zurück. Ich hörte, wie die Verschlüsse des Alukoffers aufklappten.

Ein Blick nach hinten nahm mir den Atem. Im Koffer lagen, wie die Sardinen in der Büchse, lauter Geldscheine, sauber mit Banderolen zu kleinen Päckchen gebündelt. Wie viel Zaster mochte das sein?

»Sind die echt?«, zweifelte ich an dem, was ich nicht glauben wollte.

»Sicher sind die echt. Und jetzt fahren Sie bitte los.«

»Wie viel ist das?« Ich ließ nicht locker.

»Fünf Millionen Euro. Reicht das?«, blaffte der Kerl zurück.

»Haben Sie eine Bank ausgeraubt?«, wurde ich ängstlich.

»Ich versichere Ihnen, da steckt nichts Kriminelles dahinter.«

»Na gut.« Ich gab mich dem Mann und dem Anblick des Geldes geschlagen und meldete meine Fahrt bei der Zentrale an: »Wagen einhundertfünf. Habe einen Fahrgast zum Nordkap aufgenommen. Werde ein paar Tage unterwegs sein.«

»Bist du bekloppt«, meldete sich eine blecherne Frauenstimme aus dem Lautsprecher, »solche Fahrten will der Chef erst genehmigen.«

Unser Chef, den wir hinter vorgehaltener Hand »Blechnapf« nennen, hat gerne den Überblick. »Blechnapf« haben wir ihn getauft, weil er mal eingesessen hat. Verknackt haben sie ihn wegen schwerer Körperverletzung. Danach sieht er übrigens auch aus mit seinem kräftigen Körperbau, der stark ins Bullenhafte spielt, und mit den blutunterlaufenen Augen. Ich mag ihn nicht, meinen Boss. Er hat mir bereits drei Mal gekündigt und sieben Mal den Lohn gekürzt aus nichtigen Gründen. Ich habe mir geschworen, dass Blechnapf irgendwann auf meiner Wiese Gras fressen wird.

»Bestell dem Chef einen schönen Gruß von mir. Er wird verstehen, dass ich dieser Fahrt nicht widerstehen kann«, fertigte ich die Frauenstimme ab, knipste den Funk aus und startete den Motor.

Nur wenige Ampeln und wir gelangten auf die Autobahn A40, wo sich die Fahrzeugkolonne einigermaßen zügig fortbewegte. Ungewöhnlich für den Berufsverkehr. Minuten später erreichten wir den Abzweig zur Autobahn A43, die in nördlicher Richtung bis Münster führt. Nach zwei, drei Abschnitten auf der A43 mit etwas dichterem Verkehrsaufkommen ließen wir eine gute halbe Stunde später das Ruhrgebiet endgültig hinter uns.

Mein Passagier hatte bis dahin kein weiteres Wort verloren. Er saß starr auf dem Sitz rechts hinter mir und blickte ausdruckslos aus dem Fenster. Erst auf der Höhe von Dülmen gab er etwas von sich: »Können wir vielleicht kurz anhalten? Ich habe ein menschliches Bedürfnis.«

Bei nächster Gelegenheit scherte ich auf einen Rastplatz aus. Ich stellte den Wagen in einer Parkbucht ab, die dem WC-Häuschen gegenüber lag. Irgendetwas hinter mir klickte blechern und ich verstand: Mein Fahrgast schloss seinen Koffer ab.

»Schaffen Sie mein Gepäck bitte in den Kofferraum. Und unterstehen Sie sich, damit zu verschwinden. Ihre Nummer habe ich mir notiert und ich habe viele wichtige Freunde. Überall!« Der Mann stieg aus und ließ den Alukoffer auf der Rückbank stehen. Dann stiefelte er in einem merkwürdigen Schritt, der mich auf O-Beine schließen ließ, mit wehenden Mantelschößen zum stillen Örtchen.

Ich verließ das Taxi ebenfalls, ging um den Kühler herum und öffnete die hintere Tür auf der Beifahrerseite. Da stand es, das wertvolle Stück. Ich hob den Koffer heraus und schätzte sein Gewicht. So schwer wogen also fünf Millionen Euro. Eigentlich erstaunlich wenig, wenn man das Eigengewicht des Aluminiums bedachte. Mit einem Seufzer schlug ich die Tür zu und beförderte den Koffer ins Gepäckabteil. Dann setzte ich mich wieder hinters Lenkrad.

Mein Fahrgast kam kurz darauf zurück. Er legte weder Mantel noch Hut ab, entledigte sich aber seiner Handschuhe und bezog erneut Stellung im Fond. Dann griff er in die Innentasche seines Trenchcoats und zerrte ein paar Notenbündel mir unbekannten Aussehens hervor.

»Das sind dänische, schwedische und norwegische Kronen. Damit bezahlen Sie bitte alles, was wir im Norden an Ausgaben haben. Organisieren Sie die Reise, wie Sie es für richtig halten, und verwenden Sie das Geld nach Ihrem Gutdünken. Ich werde jetzt versuchen zu schlafen«, raunte mir der Typ gähnend zu, drückte mir die Devisen in die Hand und sich selbst den Hut ins Gesicht. Bereits beim Beschleunigen auf der Autobahnauffahrt fiel er in ein hörbar schläfriges Atmen. Ein komischer Kauz!

Ich fahre zwar gerne Auto, mag aber keine Langweilerstrecken wie das platte Land zwischen Dülmen und Hamburg, unterbrochen nur von einem kleinen Jubelschrei der Landschaft kurz hinter Münster, wo Tecklenburger Land und Wiehengebirge ein paar Höhenzüge gegen die Monotonie setzen. Natürlich gerieten wir in den obligatorischen Stau bei Lotte/Osnabrück und ich schob mich Stoßstange an Stoßstange gemeinsam mit den Brummis an der rechten Leitplanke entlang. Den nervösen Spurwechsel dieser Hektiker, die ständig meinen, auf der anderen Spur ginge es zügiger voran, vermeide ich strikt. Ich weiß aus Erfahrung, dass das alles im Stau nichts bringt. So blieb ich brav, eingekeilt zwischen zwei Sattelzügen, auf der rechten Seite und ergab mich den Verkehrsverhältnissen. Dabei konnte ich wenigstens ohne Stress meinen Gedanken nachhängen. Und davon gab es, im Vergleich zu meinem sonstigen Füllstand im Hauptspeicher, momentan viele.

Was war das für ein merkwürdiger Typ, der da auf meiner Rückbank den Schlaf des Gerechten schlief und den es anscheinend wenig juckte, allein mit mir und seinen Millionen auf Spazierfahrt zu gehen? Ich konnte mir nur schwer vorstellen, dass er nichts auf dem Kerbholz hatte. Warum sollte er sonst das Land verlassen? Um sich einen Lebenstraum zu erfüllen, was ja viele zum Nordkap treibt? Um Sehnsüchte nach Einsamkeit und Natur zu stillen? Um seinen Milliönchen im Köfferchen ein wenig raue Luft um die Banderolen wehen zu lassen? Hallo, was dachte ich da gerade für einen Stuss?

Das Reiseziel fand ich okay – ich freute mich auf die Fahrt. Endlich die Enge der Städte und das Geschiebe auf den Straßen verlassen. Endlich tagelang von dem Kommando der blechernen Frauenstimme befreit sein. Das klang fast wie Urlaub. Wie

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