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Was kommt nach der Informationsgesellschaft?: 11 Antworten
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eBook297 Seiten2 Stunden

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Über dieses E-Book

Elfmal Zukunft, bitte!
Die Industriegesellschaft ist noch längst nicht überall angekommen, aber es ist bereits höchste Zeit für einen Ausblick: Was kommt eigentlich nach der Informationsgesellschaft? Anders gefragt: Wird sich die geschichtliche Entwicklung gradlinig von der Industrie- über die Informations- zu einer anderen Bindestrichgesellschaft fortsetzen? Wird es nach Druckerpresse, Dampfmaschine, Automobil und Computer einfach nur eine neue Schlüsseltechnologie geben?
Elf Autoren aus Deutschland, Großbritannien, Dänemark und den USA haben über die Zukunft nachgedacht. Darunter: John Naisbitt, der weltweit gelesene Autor von "High Tech - High Touch", Charles Leadbeater, der in seinem Wohnzimmer für Tony Blair den Dritten Weg erfand, und Matthias Horx, der einst "Die wilden Achtziger" kartographierte und seitdem als Trendforscher reüssiert.
Die elf Autoren analysieren nüchtern oder erzählen Geschichten, sie beschreiben die Zukunft oder wünschen sich eine, sie haben DIE Antwort oder verbinden ganz viele, sie warnen vor Prognosen - und wagen sie doch.
Die Zukunft wird nicht langweilig.
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum23. Juli 2010
ISBN9783867931588
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    Buchvorschau

    Was kommt nach der Informationsgesellschaft? - Verlag Bertelsmann Stiftung

    1

    Wie sieht ein Elefant aus?

    Eckard Minx, Harald Preissler, Burkhard Järisch

    DIE INFORMATIONSGESELLSCHAFT - IDEE ODER REALITÄT?

    Wir haben davon gehört: Prognosen sind schwierig, insbesondere wenn sie die Zukunft betreffen. Aber schon das Hier und Heute weist Tücken auf. So stellt Armin Pongs in seinem gleichnamigen Buch die unschuldige Frage: »In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich?« Beim Versuch einer Antwort kommen wir ins Straucheln. Gesellschaften werden als »kapitalistisch«, »feudalistisch«, »industriell«, »autoritär«, »freizeit- und/oder erlebnisorientiert« bezeichnet. Immer stärker tritt nun der Begriff »Information« als charakterisierende Größe der modernen Welt hervor; viele Autoren haben Länder wie die USA, Japan und Deutschland als Informationsgesellschaften identifiziert.

    Dabei ist die »Informationsgesellschaft« nur eines der Label, mit dem die befragten Zeitdiagnostiker unsere Gegenwart zu beschreiben suchen. Zu den anderen Kandidaten gehören die Verantwortungsgesellschaft, die Wissensgesellschaft, die flexible Gesellschaft, die Mediengesellschaft, die moderne oder gar die postmoderne Gesellschaft.

    Man fühlt sich in die mittlerweile berühmte Gruppe von Blinden hineinversetzt, die gebeten werden, einen Elefanten zu beschreiben. Je nachdem, welche Stellen die tastenden Hände berühren, fällt das Ergebnis aus: Der Blinde, der ein Bein des Elefanten fühlt, ist davon überzeugt, dass es sich um einen Baum handele, die Person, die das Ohr fühlt, erkennt darin den Fächer, und der Schwanz führt zur Vermutung, es handele sich beim Elefanten um ein Seil. Jeder der Blinden hat auf seine Weise recht, und dennoch erfasst keiner von ihnen das gesamte Erscheinungsbild des Elefanten.

    Mit der Frage »Was kommt nach der Informationsgesellschaft?« wird es uns also nicht anders gehen als den Blinden, die den Elefanten beschreiben sollen. In jedem Fall steht fest: Antworten auf Fragen hängen immer davon ab, aus welcher Perspektive wir auf die Frage blicken. Bei der Frage nach der Informationsgesellschaft können mögliche Perspektiven die folgenden sein.

    DIE TECHNISCHE SICHT - DIE DATENAUTOBAHN: Dieses Bild der Informationsgesellschaft ist wesentlich geprägt durch die Leistungssteigerung der Informations- und Kommunikationstechnologie. Die Konvergenz von Rechnerleistung, Telekommunikation und Medien ist unbestritten der Trend der 90er Jahre. Unbeantwortet bleibt jedoch die Frage, wieviel Informations- und Kommunikationstechnologie notwendig ist, um eine Informationsvon einer Industriegesellschaft unterscheiden zu können.

    DIE ÖKONOMISCHE SICHT - DIE »NEW ECONOMY«: Der Internet-Boom führte zur oft geäußerten Meinung, die Wirtschaft habe die Ära der zyklischen Entwicklung überwunden und befinde sich nun in einer Phase des langen Aufschwunges. Das Platzen der Spekulationsblase bestätigte die Kritiker und enttäuschte diejenigen, die in der Tat auf eine »Neue Ökonomie« gehofft und in diese Hoffnung investiert hatten.

    Der Einfluss der elektronischen Informationsverarbeitung scheint dabei übertrieben. Robert J. Gordon zeigte 1999 in einer vielbeachteten Studie, dass dem unbestritten starken Anstieg des Produktivitätswachstums im IT-Hardware-Bereich eine weitgehend indifferente, zum Teil gar stagnierende Entwicklung in allen anderen Branchen gegenübersteht.

    Insgesamt ist die Bedeutung von Informationstechnologien für Wirtschaft und Gesellschaft unbestritten. Jedoch ist die Wirtschaft nach wie vor stark durch die Nutzung bodenständiger Faktoren geprägt, von natürlichen Ressourcen bis hin zu menschlicher Arbeitskraft, die sich nicht ohne Weiteres virtualisieren lassen.

    DIE SOZIALE SICHT - INFORMATION ALS GESELLSCHAFTLICHER MACHTFAKTOR: Aus dieser Perspektive wird versucht, die Informationsgesellschaft über die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologie sowie deren gesellschaftliche Bedingungen zu interpretieren. Was sind die Rahmenbedingungen dieser Nutzung: Kosten, Qualifikation, Demographie? Wie steht es um die mögliche Überwachung von Mitarbeitern mittels Informations- und Kommunikationstechnologie, also etwa die automatische Erfassung der Anschläge pro Minute von Schreibkräften? Trotz weiter steigender Durchdringung der Gesellschaft mit solchen Technologien ist deren Nutzung nach wie vor stark unterschiedlich ausgeprägt.

    ARBEIT - DIE »INFORMATIONSARBEITER«: Die Informationsgesellschaft wird vielfach über die Zahl solcher Erwerbstätiger definiert, deren Arbeit der Umgang mit sogenannter Information ist. Wenn die Zahl der Lehrer, Rechtsanwälte, Finanzdienstleister, Unterhalter die Zahl der Stahl-, Werftund Bauarbeiter übersteige, so konstituiere das die Informationsgesellschaft, so diese Definition.

    Auch sie ist wegen des Zuordnungsproblems umstritten. Ist der Bahnangestellte im Stellwerk, der Zugfahrpläne verarbeitet, mit anderen Stellwerken kommuniziert und die Streckenbenutzung regelt, ein Informationsarbeiter? Laut Statistik ist er bisher ein »Industriearbeiter«.

    KULTUR - DIE SUCHT NACH WENIGER UND MEHR INFORMATION: Der Begriff Kultur bezeichnet einen Satz von gemeinsam getragenen - meist impliziten - Theorien, Meinungen und Anschauungen darüber, wie das gesellschaftliche Leben abläuft.

    In den hochentwickelten westlichen Gesellschaften ist die Alltagserfahrung in einem bisher nie da gewesenen Umfang durch Medien und eine anwachsende Informationsflut gekennzeichnet.

    Paradoxerweise ist es gerade diese starke Zunahme von medialer Information, die Kritiker wie Baudrillard aufgreifen, um vom »Ende der Informationsgesellschaft« zu sprechen. Die schiere Informationsmenge, ihre extreme Vielfalt, Kurzlebigkeit und Widersprüchlichkeit mache sie selbst bedeutungslos. Gleichzeitig würden »Erfahrungen aus erster Hand« zunehmend Mangelware.

    Was also ist die Informationsgesellschaft? Außer der Meinung, dass Information einen zunehmenden Stellenwert in der Gesellschaft einnehme, gibt es kaum Übereinstimmung über deren wesentliche Merkmale. Es muss also offen bleiben, was mit dem Begriff Informationsgesellschaft eigentlich gemeint ist. Wir werden auch künftig mit der Spannung zwischen Euphorie (»Das ist die Zukunft!«) und grundsätzlichen Zweifeln über die Legitimität des Begriffs leben müssen.

    Die Prognose einer Informationsgesellschaft und enthusiastische Reaktionen auf neue Technologien sind kein neues Phänomen. Blicken wir in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts: Die revolutionäre Erfindung hieß damals nicht Internet, sondern Telegraph, doch die Grundidee war dieselbe: Kommunikation und der Austausch von Informationen wurden über ein Netzwerk abgewickelt.

    Schnell überzog ein Netz aus Kupferkabeln Europa, Amerika und Asien. Unternehmen, die Länder und Kontinente mit Überland- und Unterseeleitungen verbanden, schossen wie Pilze aus dem Boden. Viele Kommentatoren sprachen von einer neuen Weltordnung. Philanthropen träumten vom Weltfrieden - wenn jeder mit jedem kommuniziere, so die These, gebe es keine Mißverständnisse mehr. Der Weg zur aufgeklärten, friedlichen Welt schien nicht mehr weit.

    Leider wurden die optimistischen Prognosen nur allzu rasch von der Wirklichkeit eingeholt: Statt zum Instrument der Völkerfreundschaft zu werden, diente die schnelle Informationsübermittlung vorrangig Geschäftsleuten zur Beschleunigung ihrer Transaktionen und Generälen zur modernen Kriegsführung; zudem nutzten kleine und große Gauner das Telegraphennetz für ihre Betrügereien. Auch die Freude der Investoren über das Wachstum der Telegraphenfirmen währte nur kurz, denn die nächste Revolution der Kommunikation - das Telefon - zerstörte schon wenig später viele Hoffnungen und Entwicklungen der Telegraphen-Ära.

    Solche vorschnellen Euphorien haben eine ebenso lange Tradition wie Fehlprognosen. So meinte der berühmte Mathematiker und Erfinder Lord Kelvin im Jahr 1897: »Das Radio hat absolut keine Zukunft.« Eine Mercedes-Benz-Marktanalyse aus dem Jahre 1900 ergab, dass wegen der begrenzten Anzahl von Chauffeuren »die weltweite Nachfrage nach Automobilen die Zahl 5000 nicht übersteigen« werde. Der Flugpionier Wilbur Wright vertrat noch 1901 die Ansicht: »Der Mensch wird es in den nächsten fünfzig Jahren nicht schaffen, sich mit einem Metallflugzeug in die Luft zu erheben.« Thomas J. Watson, Vorstandsvorsitzender der IBM, meinte 1943: »Ich glaube, auf dem Weltmarkt besteht Bedarf für fünf Computer, nicht mehr.« Ken Olsen, CEO des Computerherstellers Digital, sah noch 1977, also mehr als eine Generation später, keinen Grund, »warum einzelne Individuen ihren eigenen Computer haben sollten«. Wie kommt es, dass selbst ausgewiesene Experten mit ihren Prognosen oft so fürchterlich danebenliegen?

    ZUKUNFT WISSEN?

    Das Problem ist zunächst ein systematisches: Exaktes Wissen über die Zukunft ist unmöglich. Ein Gedankenexperiment verdeutlicht diese Tatsache: Stellen wir uns vor, wir führen in einem Auto mit schwarz abgeklebter Windschutzscheibe auf einer Einbahnstraße. Durch den Blick in den Rückspiegel besitzen wir einiges Wissen über den Straßenverlauf der Vergangenheit, die Sicht nach vorne bleibt uns aber verwehrt. Der prognostische Ansatz wäre nun, aus dem Verlauf der Straße, den wir bereits kennen, die weitere Straßenführung abzuleiten. Es ist offensichtlich, dass dies nur bis zur nächsten Kurve gutgehen kann.

    Ein Problem, das mit genügend Erfahrung oder tiefgreifendem Wissen über den Status quo gelöst werden könnte? Nein. Zum einen ist bei den meisten Problemen die Forderung nach Kenntnis aller Fakten schlichtweg nicht zu erfüllen, weil die Datenmenge in kürzester Zeit gigantische Ausmaße annähme. Selbst die Wettervorhersage - eine Betrachtung relativ weniger, gut beschreibbarer Größen wie Luftdruck oder Temperatur - stößt beim Versuch, aus der Kenntnis aller Fakten und Zusammenhänge das Wetter vorherzusagen, schnell an ihre Grenzen.

    Laplace beschwor 1814 seinen berühmten »Dämon«, ein theoretisches Konstrukt einer allwissenden Intelligenz, die »für einen gegebenen Augenblick alle in der Natur wirkenden Kräfte sowie die gegenseitige Lage der sie zusammensetzenden Elemente kennte... [N]ichts würde ihr ungewiss sein, und Zukunft wie Vergangenheit würden ihr offen vor Augen liegen.«

    Diese deterministische Weltsicht und damit die Vision der exakten Prognose wurden jedoch spätestens mit Plancks Quantentheorie und Heisenbergs Unschärferelation hinfällig. Winzige »Unschärfe-Effekte« auf atomarer Ebene pflanzen sich fort und erzeugen makroskopisch erkennbare Unsicherheiten, die mit keiner Prognosemethode der Welt vorherzusagen sind. Seitdem wissen wir, dass das Unwissen über letzte Zusammenhänge und damit das Unwissen über die Zukunft systembedingt und nicht zu durchdringen ist.

    Ist schon der Versuch problematisch, die Dynamik unbelebter Materie vorherzusagen, so wird der Versuch der Prognose menschlicher Entscheidungen oder gar sozialer Systeme vollends absurd. Belastbare Aussagen über die Zukunft sind also im besten Fall von höchster Unsicherheit geprägt, im schlimmsten Fall sind sie reine Scharlatanerie.

    Dennoch leben wir in einer Zeit, die süchtig nach Zukunft ist. Trendforscher, selbst ernannte Zukunftsexperten und Berater erfreuen sich großer Nachfrage. Im gleichen Maße, wie die Frage aus der Mode gekommen ist, was wir aus dem lernen können, was war, hat sich die Aufmerksamkeit auf das verlagert, was kommt. Prognosen sollen Unsicherheiten abbauen, Orientierung vermitteln oder Entscheidungen ersetzen.

    Unser Umgang mit Zukunft hat immer auch eine psychologische Komponente. Selbst der »objektive Experte« ist nicht in der Lage, sich aus seinem Kontext, seinem Wunschdenken und seinen unbewussten Prämissen zu befreien.

    Typische Denkblockaden sind etwa:

    Unsere Wahrnehmung der Außenwelt ist immer selektiv. Selbst bei einfachen Problemen überfordert die Masse der verfügbaren Daten das menschliche Bewusstsein - es trifft eine Auswahl.

    Diese Auswahl von Informationen ist meist nicht durch die Sachlage bestimmt, sondern durch Denkstrukturen: Wir überschätzen bestätigende und erwünschte Informationen und bevorzugen anschauliche Informationen.

    Der Denkapparat kann nur schlecht zwischen zufälligen und nicht-zufälligen Ereignissen trennen: Er sieht Zusammenhänge, wo es keine gibt, oder erkennt sie nicht, wenn sie nicht offensichtlich sind.

    Nichtlineare Beziehungen sind schwer einschätzbar. So überbewerten wir häufig neueste Trends oder überschätzen die Stabilität längerfristig beobachteter Ereignisse bzw. Erfahrungen.

    Die Erfahrung ist ein subjektiver Lehrmeister. Unser Verhalten wird oft als »optimal angepasst« interpretiert, wir unterscheiden nicht zwischen Fähigkeiten und Glück - eine gefährliche Illusion der Kontrolle.

    Unser Wissen über die Vergangenheit ist fragmentarisch, und die Auswirkungen unerwarteter Ereignisse in der Zukunft unterschätzen wir meist.

    Solche Denkblockaden führen dazu, dass Prognosen wie Entscheidungen meist alles andere als objektiv sind. Selbstverständlich gibt es aber Problemstellungen, für die die Prognostik - bei aller Beschränkung - durchaus zweckmäßige Aussagen treffen kann.

    Der Wetterbericht für den kommenden Tag kann die Entscheidung erleichtern, ob wir einen Regenschirm einpacken müssen oder nicht. Auch weisen viele demographische Entwicklungen eine inhärente Trägheit auf, die Extrapolationen mit befriedigender Genauigkeit erlauben. So können wir mit großer Wahrscheinlichkeit vorhersehen, dass der Altersdurchschnitt der Bevölkerung in den westlichen Industriestaaten in den kommenden zehn bis zwanzig Jahren stark zunehmen wird.

    Die Implikationen derartiger Entwicklungen sind jedoch oft weit weniger deutlich. Wie der Prozess der Überalterung Arbeitswelt, Sozialsysteme, Politik und die Gesellschaft als Ganzes beeinflussen wird, können wir heute nur in Ansätzen erahnen.

    Insgesamt entziehen sich also gesellschaftliche Entwicklungen wegen ihrer inhärenten Dynamik, Komplexität und Widersprüchlichkeit der exakten Vorhersage. Wir befinden uns in einer Zwickmühle: Auf der einen Seite wird der Druck, Aussagen über die Zukunft zu treffen, immer größer, auf der anderen Seite sind verlässliche Vorhersagen meist nicht möglich.

    ALTERNATIVE ZUKÜNFTE

    Der Ausweg aus diesem Dilemma bleibt versperrt, wenn man an der Forderung festhält, eindeutige Prognosen über langfristige und komplexe Entwicklungen zu erhalten. Seriöse Zukunftsforschung weiß von vornherein um die Unerfüllbarkeit dieses Anspruches und geht andere Wege.

    Um auf unsere Analogie mit dem Auto zurückzukommen: Der genaue Straßenverlauf mag uns unbekannt sein - aber er ist nicht vollkommen regellos. Beispielsweise gibt es Kreuzungen, Ampeln oder Kurven; das Verhalten an solchen Punkten ist einschätzbar.

    Wir können uns nun daran machen, strategische Optionen für den einen oder anderen Fall zu erarbeiten: Macht die Straße eine Kurve, müssen wir lenken, treffen wir auf eine rote Ampel, müssen wir anhalten. Dadurch, dass wir uns auf derartige Situationen vorbereiten, wissen wir nicht mehr über den Straßenverlauf, aber wir sind auf viele mögliche Situationen vorbereitet. Zudem können wir nach Anzeichen Ausschau halten, die bevorstehende Veränderungen andeuten. Solche »schwachen Signale« könnten Hinweisschilder sein, Wegmarkierungen - oder aber Hinweise anderer Verkehrsteilnehmer, die den Straßenverlauf besser kennen als wir.

    SZENARIEN ALS ALTERNATIVE ZUKUNFTSBILDER

    Auch die Zukunftsforschung bietet Werkzeuge an, mit deren Hilfe man möglichen Entwicklungen »vorausdenken« kann. Eine geeignete Vorgehensweise zum Umgang mit komplexen Themenfeldern ist das Zukunftslabor. Die Leitidee dabei ist nicht: »Was wird geschehen?«, sondern vielmehr: »Was könnte passieren?«

    Die Teilnehmer des Zukunftslabors können aus dieser Fragestellung Handlungsoptionen für die aktuelle Situation ableiten, um auf eben diese Alternativen vorbereitet zu sein, und strategische Optionen für den Fall erarbeiten, dass ein solches Szenario eintritt. In der Regel sind mehrere konsistente Zukunftsbilder oder Szenarien denkbar, die sich schlüssig aus dem Hier und Heute ergeben.

    Das Trichtermodell zeigt die Logik des Szenario-Denkens: Die möglichen Entwicklungen divergieren immer mehr, je weiter der betrachtete Zeitpunkt entfernt ist: Der Optionenraum wird immer größer. Während die in der Mitte des Trichters endenden Linien für die lineare Fortsetzung gegenwärtiger Entwicklungen stehen, sind die weiter am Rand des Trichters aufgetragenen Linien Annahmen über eine extrem veränderte, aber dennoch konsistente Zukunft. Die Entwicklungslinien enden in Szenarien, denkbaren Bildern zukünftiger Entwicklung.

    Die Teilnehmer an einem derartigen Zukunftslabor erarbeiten mit der Szenario-Technik Wissen für und über mögliche Zukünfte. Eines der Hauptziele ist es, bestehendes Wissen in Frage zu stellen und zu neuen Wirklichkeitskonstruktionen anzuregen.

    Das Zukunftslabor eignet sich vor allem für Fragestellungen, die sich durch hohe Komplexität und Unsicherheit auszeichnen und eine langfristige Orientierung erfordern. Typische Anwendungen sind die Entwicklung von Geschäftsfeldstrategien, Unternehmensvisionen und Produkt- oder Dienstleistungsstrategien.

    ZUKUNFT ANDERS DENKEN UND - GESTALTEN

    Die Zukunft ist also kein von vornherein feststehender Endzustand, der uns von außen aufgezwungen wird. Vielmehr gilt: Zukunft wird gemacht. Erst wenn wir die Zukunft als gestaltbar erkennen, statt auf Entwicklungen lediglich zu reagieren, können wir daran gehen, unsere Zukunft bewusst mitzuprägen.

    Der Einfluss, den einzelne Menschen, Organisationen und Institutionen auf den »Prozess Zukunft« haben, ist natürlich unterschiedlich groß und erfolgt auf unterschiedlichsten Wegen. Bewusstes Handeln setzt daher voraus, dass wir uns zunächst unsere Position, unsere Fähigkeiten und unseren Einfluss klar machen. Die Zukunftsarbeit beginnt also - sowohl für das Individuum als auch für die Organisation - bei jedem selbst.

    So geht es auch Lewis Carrolls »Alice im Wunderland«, die im Labyrinth nicht weiter weiß und die Katze fragt: »Würdest du mir bitte sagen, wie ich von hier aus am besten weitergehe?« Die Antwort der weisen Katze bringt es auf den Punkt: »Das hängt davon ab, wo du hin willst.«

    Bevor wir aktiv darangehen, die Zukunft zu gestalten, müssen wir unsere Ziele formulieren. Die Straße, die wir bauen wollen, muß Anfang und Ziel haben - andernfalls endet sie als Bauruine. Vielleicht ist gerade dies eines unserer drängendsten Probleme: Es mangelt nicht an Zukunftsoptionen, es gibt ihrer zu viele. Aber es mangelt an gesellschaftlichen Utopien im besten Sinne des Wortes.

    Der Begriff Utopie ist zwar etwas aus der Mode gekommen, heute ist meist von Vision die Rede, aber gleich ob Utopie

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