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Der Spitzel

Der Spitzel

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Der Spitzel

Länge:
248 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
15. Sept. 2014
ISBN:
9783958650497
Format:
Buch

Beschreibung

Nach einer großen Demonstration wird eine Leiche gefunden, verkohlt in einer Feuerstelle. Selbstmord eines Dreißigjährigen, der ein Zeichen setzen wollte? Fritz Pinneberger übernimmt den Fall, der keiner zu sein scheint.
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Freigegeben:
15. Sept. 2014
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9783958650497
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Buch

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Der Spitzel - Jürgen Alberts

werden.

Kurzinhalt

Nach einer großen Demonstration wird eine Leiche gefunden, verkohlt in einer Feuerstelle. Selbstmord eines Dreißigjährigen, der ein Zeichen setzen wollte? Fritz Pinneberger übernimmt den Fall, der keiner zu sein scheint.

1

Ein langer Fußmarsch und kein Ende abzusehen.

Von einer kleinen Anhöhe konnten sie die eingezäunte Wiese betrachten, doppelter NATO-Draht, zwei Meter hohe Betonmauer, davor ein zwei Meter breiter Wassergraben, dahinter nichts als grüne Wiese. Kein Baum. Gräben durchzogen das mehrere Hektar große Areal. Ein paar Lastwagen, ein hoher Kran. Und jede Menge Hundertschaften.

Seitdem der Kampf um Symbole der Macht ging, um Demonstration des Herr-im-eigenen-Land-Standpunktes, um die Frage: Wer hat das Sagen in einer Volksherrschaft, die man mit einem Fremdwort auch Demokratie nannte, seit dieser Zeit kam es zu massenhaften Auseinandersetzungen. Mal waren es fünfzigtausend, die sich an einem Wochenende in Bussen zum Protest in Bewegung setzten, mal waren es hunderttausend. Ziel: die Bauplätze der Atomkraftwerke, die aussahen wie militärische Stellungen.

Über ihnen kreisten Groß-Hubschrauber, die gelegentlich auf dem freien Feld landeten und fünfzig Polizisten mobil einsetzten; der ganze Platz vor den endlosen Zäunen war in geblichen Nebel der Tränengasbomben gehüllt. Überall husteten Demonstranten und Polizisten.

Schon dreißig Kilometer vor dem Ort der Demonstration hatten die Polizeitaktiker eine Sperre errichten lassen, so dass dort die Fußmärsche begannen; schon im Umkreis von zweihundert Kilometern wurden auf den Autobahnen alle Fahrzeuge angehalten, die mit der Nein-Danke-Sonne beklebt waren, die Fahrer überprüft und alle Waffen gegen Bescheinigung sichergestellt. So kam die Polizei 1 zu einer großen Menge von Scheren, Messern, Zitronen, - Motorradhelmen; Motorradbrillen. Seltener fanden sie 1 Bolzenschneider; Stemmeisen, Hämmer, Zwillen oder andere Wurfgeschosse. Viele Busse aus der weiteren Entfernung des Demonstrationszieles wurden gar nicht erst durchgelassen. Eine Möglichkeit, den Teilnehmerkreis zu begrenzen.

Immer wieder versuchten kleinere Gruppen von vermummten Demonstranten, den Graben im Sprung zu überwinden, aber dann standen sie vor dem messerscharfen Stacheldraht, einigen gelang es, dieses Hindernis durchzuknipsen, manche saßen auf der hohen Betonmauer. Aber meistens konnten sie sich dort nicht lange halten, denn sie wurden vom Strahl eines Wasserwerfers von der Mauer, gespritzt.

Sie wollten es wissen, sie wollten ausprobieren, ob durch den massenhaften Protest die. Pläne der Bundesregierung, das Land mit einem Netz von Atomkraftwerken zu überziehen, nicht gestoppt werden konnten. Die Unterschriftenlisten erreichten die Länge von mehreren Kilometern, die anhängigen Einspruchsverfahren vor Gerichten beschäftigten Tausende von Juristen, aber die Regierung bewegte sich nicht. Zwar wurden die Stimmen immer lauter, die ein neues Nachdenken über die Gefährlichkeit der Kerntechnik forderten, aber die Technokraten fanden, dass hier ein Exempel statuiert werden müsse. Für sie stand der Fortschritt auf dem Spiel, das nächste Jahrtausend, der Anschluss an den Weltmarkt, die globale Perspektive gegen die Ängste von ein paar hunderttausend Bürgern, so sahen sie diese symbolische Auseinandersetzung.

Die eingesetzten Polizisten sahen das anders. Sie zählten die Überstunden, trockneten ihre Uniformen und versuchten, den Gestank des Angstschweißes herauszuwaschen. Einige meldeten sich verletzt, weil ihnen übel geworden war, einige wurden tatsächlich verletzt vom Wurfhagel der mitgebrachten Gegenstände. Und sie waren sauer. Einerseits mussten sie stundenlang in Reih und Glied stehen; durften sich nur bewegen, um ihre Plastikschilde über den Köpf zu halten, andererseits hatten sie selbst auf diese sehr eingeschränkte Aktivität oft schon tagelang warten müssen.

Die Einsatzleiter hatten meist gegen Abend ein Einsehen und ließen die Hunde von der Kette.

So war es auch an diesem Tag, im September.

Die Demonstranten befanden sich schon auf dem Rückweg zu den Bussen, erschöpft von den langen Märschen und der erfahrenen Ohnmacht, ihre Gespräche drehten sich um diejenigen, die in vorderster Front der Wasserschlacht standen und in der Abendkühle eine Lungenentzündung riskierten.

»Knüppel frei!«

Die Parole schallte über das Gelände.

Die meisten rannten los, stolperten über den Acker, fielen in Gräben. Ein Demonstrant hieb mit einer Schaufel auf einen Polizisten ein, der im Schlamm steckte.

Die Hundertschaften, die aus dem großen Tor des Baugeländes strömten, verteilten sich in alle Richtungen.

Gejohle.

Geschrei.

Wie Hasenjagen.

Kaum hatten sie einen erwischt, wurde er, noch am Boden liegend, verprügelt. Die aufgestaute Aggression musste sich entladen. Dazu ließ der Einsatzleiter ausrücken.

Außerdem braucht jeder Krieg Gefangene.

Die in der Eile zurückgelassenen Gegenstände wurden von Polizisten zu großen Scheiterhaufen aufgetürmt und verbrannt. In der Abenddämmerung sahen die Demonstranten, die in ihren eingeklemmten Bussen auf die Abfahrt warteten, wie zertrampelt die Äcker waren.

Die eingezäunte Wiese war unbeschädigt.'

In den abendlichen Nachrichten wurde von einem weitgehend ruhigen Verlauf des Tages gesprochen, und dann wurden ein paar bewegte, Bilder von der Hasenjagd gezeigt. Die verantwortlichen Politiker sahen sich die Auseinandersetzungen im Fernsehen an und waren ganz zufrieden.

Gegen dreiundzwanzig Uhr wurde ein Mann gefunden.

Verbrannt.

In einer Feuerstelle.

Das Gesicht verkohlt, der Parka bis auf den Reißverschluss weggebrannt, die schwarzen Reste der Turnschuhe an die Füße geschmort.

Die Leiche wurde durch Zufall von einem Bauern entdeckt, der in Gedanken zusammenrechnete, wie hoch der Verlust der Ernte war.

Die Spätnachrichten meldeten nichts über dieses Ende eines symbolischen Tages.

2

»Passe«, sagte Fritz Pinneberger und sah Marianne an. Er schüttelte den Kopf. So einen Skatspieler hatte er noch nie erlebt.

Sie saßen im >Eck< und versuchten, ihre Vierer-Runde zu komplettieren. Obwohl Skat von drei Personen gespielt wurde, hatte, Fritz Pinneberger, darauf beständen, dass ein vierter Mann her müsse.

Wen hatten sie in den zwei Jahren nicht alles ausprobiert. Kollegen aus allen Dezernaten; die bereit waren, sich mit Lindow an einen Tisch zu setzen. Das waren zwar nicht sehr viele, aber unter denen gab es eine ganze Reihe, von Skatspielern. Joe Davids, mit dem Pinneberger täglich auf dem Kommissariat zu tun hatte, war ihnen zu überlegen. Der spielte Skat mit Messern, da mussten sie sich vorsehen. Ein Kollege von der Wirtschaft, mit dem Lindow gelegentlich arbeitete, brachte es fertig, den ganzen Abend kein Spiel zu machen. Auch der wurde nicht wieder eingeladen.

»Kontra«, sagte Pinneberger, der sich darauf freute, dass er mit einem der nächsten Stiche Horst zur Strecke brachte.

»Re«, erwiderte Horst, »das Blatt wird verteidigt.«

Marianne lächelte. Sie hatte ihn angeschleppt. Obwohl sie mitten in ihrem Sozialpädagogik-Examen stand, durfte der wöchentliche Skatabend nicht ausfallen. Das hätte ihr Fritz Pinneberger nicht verziehen. Außerdem war es eine schöne Ablenkung. Sie hatte sich mit Horst auf die mündliche Prüfung vorbereitet. Thema: >Die Ideologeme im Bewusstsein der westdeutschen Arbeiterschaft<. Horst kannte all die Titel, die zum Standardwissen gehörten.

Auch er war, über den zweiten Bildungsweg an, die Universität gekommen. Und als er gesagt hatte, dass er Skat spielen könne, lud ihn Marianne ein. Aber was sie nicht sagte, war, dass sie mit zwei Polizisten spielte.

So war die erste Bemerkung, die Horst machte; als sie sich begrüßten, auch sehr unpassend: »Eigentlich hätt' ich auf der Demo sein müssen.«

»Da haben wir unsere Hundertschaften hingeschickt:« Lindow lachte. Horst erschrak.

Fritz Pinneberger hatte schon mit dem Gedanken gespielt, mal einen Demonstrationsausflug als Beobachter mitzumachen. Ihm war zwar bei der Aussicht auf eine strahlenverseuchte. Zukunft nicht gerade wohl; aber deswegen würde er nicht dagegen demonstrieren

Es reizte ihn nur, sich mit den Teilnehmern zu unterhalten. Denn anders als die meisten Presseerzeugnisse, hielt er sie nicht für Chaoten und Dummköpfe, Spinner und Altfrustrierte. Einmal hätte er 'sich' sogar mit seinem Vorgesetzten, dem Kriminaldirektor Matthies, gestritten, der behauptete, diese Wanderdemonstranten würden den Staat unterminieren wollen. Pinneberger sah das nicht so und hielt dagegen.

Horst spielte die erste Karte, und sie sollte gleich seine schwierige Lage aufzeigen. Die Herz-Sieben, damit würde er keinen Stich machen, aber er hatte noch eine Herz-Zehn.

Wolfgang Lindow nahm mit der Dame. Dieser, Null-Ouvert deni. Horst, der angekündigt hatte, war ein Gespenst. Was konnten sie mit einem vierten Mann anfangen, der aggressiv versuchte, jedes Spiel zu machen; und dabei, fast immer verlor? Lindow rechnete in Gedanken schon die Verluste zusammen, die Horst zusammengespielt hatte. Hoffentlich traf es keinen Bafög-Studenten.

»Das war's dann wohl«, sagte Fritz Pinneberger, als Horst die Karten auf den Eichentisch legte. Er spielte die Herz-Acht, Horst musste übernehmen; Lindow war blank.

»46; verloren g2, Kontra 184, Re 368«, Lindow notierte mit seinem spitzen Bleistift, addierte und subtrahierte. Die Zahlen waren beeindruckend.

Horst blieb stumm, als würde ihn das gar nichts angehen. Er nahm die Karten, mischte sie und teilte aus. Dann stand er auf und ging zur Toilette.

Marianne steckte sich ihr Blatt: »Tut mir leid. Das konnte ich nicht wissen.«

»Ach was«, sagte Lindow, »ist doch ganz amüsant. Hoffentlich kann er zahlen.«

»Der spielt aber nicht mehr mit«, Pinneberger war verärgert. Er nahm einen großen Schluck Bier. »Wär er besser demonstrieren gegangen und hätte für uns gebetet.«

»Fritz, lass das.« Marianne legte das Blatt hin. »Ich finde es nicht gut, darüber Witze zu machen. Diese Leute sitzen nicht, wie wir, faul auf dem Hintern.«

»Bitte, keine politischen Parolen, Marianne. Wir spielen .Skat!« Wolfgang Lindow sah sie strafend an. »Wer ist vorne?«

Das Ritual begann.

»Geben, hören, sagen. Fritz, los geht's.«

»Aber man kann doch nicht zusehen, wie die mit der Bombe spielen.« Marianne ließ nicht locker.

»Kernkraftwerke sind sicher«, sagte Lindow, »willst du 'ne Mark zahlen?« Er nahm den Bleistift in die Hand. Dem Skat abträgliche Gespräche, ob sie nun über die Arbeit oder seit neuestem über Politik gingen, waren verboten.

Eine Mark in die gemeinsame Kasse war bei Zuwiderhandlungen zu entrichten. Lindow sagte immer, Skat sei ein ernstes Spiel, nicht so was Lächerliches wie Würfeln.

»Wenn ihr wütend seid auf den Horst, dann doch nur; weil er, das gesagt hat, mit dem Demonstrieren, oder?« Marianne hatte ihr. Blatt wieder aufgenommen, sie wollte- keinen Streit provozieren, immerhin war Horst auf ihre Einladung gekommen.

»Das hat damit gar nichts zu tun«, sagte Pinneberger, »der ist mir so lieb wie jeder andere auch. Wir haben eben noch nicht den Richtigen gefunden.«

Horst kam zurück und war ganz grün im Gesicht.

Er hielt zwei Zehnmarkscheine in der Hand, warf sie auf den Tisch, murmelte, das müsse wohl genügen, nahm seine Jacke und ging.

Einen Moment war es im >Eck< ganz leise, die Gespräche an den anderen Tischen verstummten.

Horst stand an der Theke, zahlte. seine Zeche. Marianne sprang auf. »Was ist los mit dir?«

»Ich muss kotzen«, sagte Horst.

»Du verträgst nicht viel«, Marianne fasste ihn an der Schulter.

»Das ist es nicht«, erwiderte Horst ziemlich laut. Er nahm das Wechselgeld.

»Wir sehen uns in der Uni«, sagte er; dann ging er mit schnellen Schritten zum Ausgang.

Fritz Pinneberger und Wolfgang Lindow waren völlig verdattert. »Nicht mal in, Ruhe ein Spielchen kann man mehr machen«, Pinneberger fand als erster seine Worte wieder: Da hatte er diesen Studenten falsch eingeschätzt.

Wolfgang Lindow bohrte in der Nase. »Diese dämliche Politik, und dabei hab' ich so ein gutes Blatt.«

Marianne kam an den Tisch zurück. »Ich hab' keine Lust mehr, trinken wir aus und machen Schluss. Außerdem muss ich morgen wieder ...«

Lindow, der als Ältester von ihnen meist den Ton angab, war gar nicht damit einverstanden, wenigstens noch diese Runde wolle er zu Ende spielen. Und die drei Bockrunden würden auch noch gespielt.

Pinneberger machte einen Kompromiss-Vorschlag. Dann stimmten sie ab.

Immerhin ging es demokratisch bei ihnen zu.

Zur gleichen Zeit saßen vier Herren in fast gleichen Anzügen in einem alten Weinfass und sprachen leise miteinander: Sie hatten den Kellner gebeten, sie in den nächsten beiden Stunden nicht zu stören. In diesem Séparée des Ratskellers waren die Geräusche der großen Halle sehr gedämpft. Die vertraute Atmosphäre für vertrauliche Gespräche.

»Ich denke, es wäre an der Zeit, zu überlegen, ob man nicht jeden Tag einen von diesen Terroristen öffentlich erschießt. Ich weiß, meine Herren, das sind starke Worte, aber ich sehe keinen anderen Ausweg.« Der Chef des Landesamtes für Verfassungsschutz sah in die Runde.

»Ist es nicht etwas zu früh für diesen Gedanken«, meinte der Innensenator, an dessen Jackett ein kleines goldenes Parteiabzeichen prangte.

Sie hatten in den letzten fünfzig Minuten die Lage in der Stadt diskutiert: die Durchsuchung der Wohnungen, kurz kw genannt, was für konspirative Wohnungen stand, das Abhören von rund hundert Personen, die Überprüfung fast sämtlicher Arztpraxen und Rechtsanwaltsbüros, denn seit das Bundeskriminalamt vermutete, dass der entführte Industrielle in der Nähe eines Büros gefangen gehalten wurde, waren entsprechende Anweisungen erfolgt;

»Es ist gar nicht so schwer, wie Sie denken, meine Herren«, der oberste Verfassungsschützer der Stadt nahm seinen Gedanken wieder auf, »der Bundestag ändert unverzüglich Artikel 102, des Grundgesetzes und hebt die Abschaffung der Todesstrafe auf. Danach können Menschen erschossen werden; die durch menschenerpresserische Geiselnahme befreit werden sollen, also Terroristen in diesem Fall. Das Urteil wird durch höchstrichterlichen Spruch gefällt, keine Rechtsmittel möglich.«

Polizeipräsident Mantz stopfte seine Pfeife, umständlich. Wenn er zu viel Tabak hineinpfropfte, dann brannte sie nicht, wenn er zu wenig nahm, gab es ein Strohfeuer. »Ich weiß nicht, Müller, ob wir damit auf dem richtigen Weg sind.«

»Aber wir hätten die Mehrheit der Bevölkerung auf unserer Seite«, gab der Verfassungsschützer zu bedenken.

Die Ausbeute der großangelegten Fahndung; die seit vierzehn Tagen auf Hochtouren lief; war, gleich Null. Auch der Hinweis, der entführte Industrielle sei auf einem Schiff, weil man im Hintergrund des Videofilmes einen Motor zu hören glaubte, löste nur einen neuen Fehlschlag aus. Sämtliche Boote, die im Hafen lagen, mussten überprüft werden. Alle Häfen wurden unter ständige Beobachtung genommen, NATO-Flugzeuge kontrollierten die: Nordsee und das Ijsselmeer und spähten nach einem verdächtigen Boot. >Den Tatort zum Reden bringen<, hatte der Chef des BKA als Parole ausgegeben, durch >Einsatz der Kriminaltechnik und durch Informationsverdichtung< hoffte er, den Entführern auf die Spur zu kommen.

Matthies, der die ganze Zeit geschwiegen hatte, meldete sich zu Wort. Als Kriminaldirektor war er zu dieser vertraulichen Sitzung nur eingeladen worden, weil er sich ständig über die doppelten Einsätze seiner Beamten beschwerte.

»Ich denke, man müsste das Problem ganz anders anpacken: Warum tut man nicht so, als ginge man auf die Forderungen der Entführer °ein, erreicht den Austausch, und dann schlägt man zu. Es kann doch nicht so schwer sein, ein paar Terroristen in einem fremden Land zu erledigen. Schließlich wissen wir doch lange zuvor, wo sie sich hinbringen lassen. Sagen wir mal: Kuba oder, ist ja egal wohin, ein paar rechtzeitig eingeschleuste Touristen und dann haben wir das Problem vom Hals ...«

»Der Kanzler wird dem niemals zustimmen.« Der Innensenator war erstaunt, dass ein Kriminaldirektor solche Vorschläge machte. »Ein Austausch darf auf keinen Fall stattfinden. Das leistet nur weiteren Verbrechen Vorschub. Was jetzt zählt, ist: Härte!«

Die Tür ging auf.

»Wünschen die Herrschaften noch etwas zu trinken?« Der Kellner hielt die runde Öffnung des Weinfasses nur einen Spaltbreit auf.

»Raus!« Der Verfassungsschützer wurde laut. Sofort schloss der Kellner die Tür.

»Es wäre immer noch das Beste«, der Innensenator sah den Verfassungsschützer wütend an, sprach ganz leise, »wir stöbern das Versteck der Entführer auf, auch wenn das den Tod für Geisel und Bewacher bedeutet.' Das wäre die Lösung, denke ich. Und so wird der Kanzler auch denken.« Sie waren eben in der gleichen Partei.

Mantz, dem der bestellte Wein zu sauer war, er hatte dem Innensenator bei der Bestellung den Vortritt gelassen, nickte zustimmend: »Sicher; das wäre die beste Lösung.«

»Aber, wir wissen nicht, wo sie sich aufhalten«, Matthies hatte keine Lust, Traumschlösser zu bauen. »Härte zeigen, gut, aber wir können nicht überall, in jedem Augenblick, zugleich sein. Als ich hörte, dass vom BKA die Überlegung kam, an jeder Telefonzelle einen Polizisten zu postieren; weil die Anrufe der Entführer meist von Telefonzellen kommen, da hab' ich einen .Lachanfall gekriegt. Wissen Sie, wie viele Telefonzellen es in diesem Land gibt?«

»Dann müssen wir eben die Zahl der Telefonzellen künstlich verknappen. Ein paar Schilder >Außer Betrieb< können doch nicht soviel kosten.« Der Verfassungsschützer Müller war dafür bekannt, dass er schnelle Problemlösungen liebte. Oder man konnte auch sagen: einfache Lösungen. Oder unproblematische Problemlösungen.

Matthies, der seit mehr als fünfundzwanzig Jahren bei der Kripo war, hasste diesen jungen Vorlaut, er sprach ihm jede polizeitechnische Kompetenz ab. Aber er sagte: »Alles ganz einfach. Klar. Morgen schnappen wir die

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