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Schweizer Literaturgeschichte: Die deutschsprachige Literatur im 20. Jahrhundert

Schweizer Literaturgeschichte: Die deutschsprachige Literatur im 20. Jahrhundert

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Schweizer Literaturgeschichte: Die deutschsprachige Literatur im 20. Jahrhundert

Länge:
952 Seiten
8 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 7, 2015
ISBN:
9783861899716
Format:
Buch

Beschreibung

Beispielloser Überblick über die gesamte deutschschweizer Literaturentwicklung
Die bisher einzige zusammenfassende Darstellung der gesamten Literaturentwicklung in der Deutschschweiz nach dem Tod Gottfried Kellers 1890 verbindet die Beschreibung des literarischen Lebens mit der Vorstellung einzelner Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie Robert Walser, Adolf Muschg, Urs Widmer oder Peter Bichsel und der wichtigsten Werke in den verschiedenen literarischen Gattungen.
Namhafte Schweizer Fachleute beantworten spezifische Fragen wie die nach der besonderen Sprachsituation des deutschschweizer Autors, nach der Rolle der Mundartliteratur sowie nach dem Verhältnis zu den anderssprachigen Literaturen in der Schweiz.
Die Darstellung der Literaturentwicklung wird bis in die frühen 1990er Jahre weitergeführt, als mit dem Tod von Dürrenmatt und Frisch und einer sich grundlegend ändernden Weltsituation auch für die Schweizer Literatur das "kurze 20. Jahrhundert" (Hobsbawm) sein Ende fand.

Ein gleichermaßen intelligentes Lesebuch und umfangreiches unterhaltsames Nachschlagewerk.
Mit zahlreichen s/w-Abbildungen
Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 7, 2015
ISBN:
9783861899716
Format:
Buch

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Buchvorschau

Schweizer Literaturgeschichte - Militzke Verlag

Klaus Pezold (Hg.)

Schweizer

Literaturgeschichte

Die deutschsprachige Literatur

im 20. Jahrhundert

Die »Schweizer Literaturgeschichte. Die deutschsprachige Literatur

im 20. Jahrhundert« wurde herausgegeben von Klaus Pezold, Leipzig.

Die Texte wurden von einem Leipziger Autorenkollektiv verfasst:

Christa Grimm

Armin Gerd Kuckhoff †

Birgit Lönne

Klaus Pezold

Klaus-Dieter Schult

Wladimir Sedelnik

Ilona Siegel

mit Spezialbeiträgen von

Michael Böhler

Dieter Fringeli †

Manfred Gsteiger

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen

Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über

http://dnb.ddb.de abrufbar.

© Copyright gebundene Ausgabe: 2007, Militzke Verlag, Leipzig

© Copyright Ebook: 2012, Militzke Verlag GmbH, Leipzig

Alle Rechte vorbehalten.

Lektorat: Julia Lössl

Schlussredaktion: Oliver Tekolf

Register: Andreas Förster, Sascha Kranz

Umschlaggestaltung, Layout und Satz: Ralf Thielicke

ISBN 978-3-86189-971-6 (Ebook)

ISBN 978-3-86189-734-7 (Buch)

Besuchen Sie den Militzke Verlag im Internet unter:

http://www.militzke.de

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Der schwierige Weg ins neue Jahrhundert Vom Tod Gottfried Kellers bis zum Ende der zwanziger Jahre

Literatur und Gesellschaft (Klaus-Dieter Schult, Ilona Siegel, Wladimir Sedelnik)

Insel im Sturm – die Schweiz in den Jahren des Ersten Weltkriegs

Zwischen Aufbruch und Krise – die zwanziger Jahre

Hauptlinien der literarischen Entwicklung von der Jahrhundertwende bis zum Ende des Ersten Weltkriegs (Ilona Siegel)

Heimatliteratur und traditionelles Erzählen – Ernst Zahn, J. C. Heer, Alfred Huggenberger und andere

Ansätze zu Sozialkritik in Bauernroman und Dorfnovelle bei Heinrich Federer und Jakob Bosshart

Geschichte und Gegenwart im Frühwerk von Maria Waser und Robert Faesi

»Ein klassischer Sonderfall« – Carl Spitteler

Die »epische Dekade«

Ein verkannter Klassiker der Moderne – Robert Walser

»Aufbruch des Herzens« – die Lyrik

Theatersituation und Dramatik

Die Literatur der zwanziger Jahre (Wladimir Sedelnik)

»Rufer in der Wüste« – das Spätwerk Jakob Bossharts

Expressionismus in der Schweiz

Die große Unruhe des »halben Menschen« – der frühe Albin Zollinger

»Dichter im Abseits«

Zwischen Enge und Weite – Felix Moeschlin, Meinrad Inglin, Jakob Schaffner

»Rebellen gegen den Seldwylergeist« – Jakob Bührer, Robert Walser, Friedrich Glauser und andere

Zwischen Selbstbehauptung und Selbstbeschränkung Die Literatur der Jahrzehnte vor und nach dem Zweiten Weltkrieg (Klaus-Dieter Schult)

Literatur und Gesellschaft unter den Konstellationen der Geistigen Landesverteidigung

Entwicklungslinien der Literatur in den dreißiger und frühen vierziger Jahren

Auf der Suche nach dem neuen Menschen – Maria Waser, C. I. Loos, Cécile Lauber, Traugott Vogel

Arbeiterliteratur zwischen Emanzipation und Selbstaufgabe

Wende nach links – Jakob Bührer, R. J. Humm, Hans Mühlestein, Albert Ehrismann

»Ich schreie Protest« – Albin Zollinger

Meinrad Inglins »Schweizerspiegel"

Romane in der Gunst der Leser

Aspekte der Lyrikentwicklung

Dominanz des Historischen im Drama

Außenseiter und Außenseiterinnen – Ludwig Hohl und Adrien Turel, Annemarie Schwarzenbach und Lore Berger

Die literarische Situation des Nachkriegs

Der Roman nach 1945

Traditionen und Neuansätze in der Lyrik (Birgit Lönne)

Der Durchbruch zur Welt Werk und Wirkung Max Frischs und Friedrich Dürrenmatts

Max Frisch (Christa Grimm)

Frühe Publizistik und literarische Anfänge

Die Erfolge des Epikers in Tagebuch und Roman

Der Aufstieg des Dramatikers zum Welterfolg

Kontinuität und Diskontinuität im Spätwerk

Friedrich Dürrenmatt (Armin-Gerd Kuckhoff)

Frühe Prosa

Kriminalromane und -erzählungen

Die Hörspiele

Die Kette der Dramen

Die ›inkommensurablen‹ Arbeiten des Spätwerks

Die Jahrzehnte des Aufschwungs Literatur und literarisches Leben in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren (Klaus Pezold)

Die neuen Konstellationen im Verhältnis von Literatur und Gesellschaft

Der Zürcher Literaturstreit

Ein Roman als »offen umkämpftes Politikum«

1968 und die Folgen

Positionen beim Übergang in die siebziger Jahre

Eine neue Autorengeneration und ihre Aktivitäten

Veränderungen in der Verlagslandschaft

Notwendigkeit und Grenzen der Literaturförderung

Theater und Film als Partner der Literatur

Die Erzählprosa der sechziger und frühen siebziger Jahre

Stufen des Übergangs zu neuem Erzählen bei Hans Boesch, Herbert Meier und Gertrud Wilker

Erste Höhepunkte des zeitgenössischen Romans – Otto F. Walter und Hugo Loetscher

Früher Ruhm und weiterer Weg des Erzählers Peter Bichsel

Konsequente Gesellschaftskritik und rigorose Selbstbefragung – Walter Matthias Diggelmann

Erfahrungen und Schreibanlässe der neuen Autorengeneration

»Schreibpassion« und »autobiographische Chronik« – Paul Nizon

Lebenszeichen und groteske Todesbilder – Jürg Federspiel

Arbeiter und Arbeiterbewegung als Gegenstand erzählender Prosa

Verpflichtung auf die Wirklichkeit – die sprachbewußte und gesellschaftskritische Lyrik seit den sechziger Jahren (Birgit Lönne)

Religion und Revolte

Die Lust an der Wirklichkeit

Neue Tendenzen im Naturgedicht

Veränderungen im Wechselspiel von Literatur und Gesellschaft seit Mitte der siebziger Jahre

Schriftstellervereinigungen, Literaturförderung und literarisches Leben

Verlagslandschaft und Medien

Hauptlinien der Literaturentwicklung seit Mitte der siebziger Jahre

Gewandelte Wirkungsstrategien und neues Traditionsbewußtsein

Die Stellung der Prosa und ihr thematisches Spektrum

Genreentwicklung und Vielfalt der literarischen Handschriften

Die wachsende Rolle experimenteller Prosa

Formen und Leistungen zeitgenössischen Erzählens

Der Erzähler Gerhard Meier

Adolf Muschg als Repräsentant der mittleren Autorengeneration

Die Stunde der Autorinnen

Selbsterkundungen eines »Über-die-Grenzen-Gehers« – Walter Vogt

Zwischen Komik und Groteske – Formen phantastischen Erzählens bei Serge Ehrensperger, Gerold Späth, Urs Widmer und Franz Hohler

Schreiben als »lebensrettende oder –verlängernde Langzeitmaßnahme« – Hermann Burger

Individuelle Erfahrung und Gesellschaftsbezug in der Prosa E. Y. Meyers, Gertrud Leuteneggers, Christoph Geisers und Franz Bönis

Der Beitrag der jüngsten Generation zur Erzählliteratur der achtziger Jahre

Versuche auf dem Feld der Dramatik – Bemühungen Deutschschweizer Autoren um das Theater seit den frühen sechziger Jahren

Der Dramatiker und Erzähler Thomas Hürlimann

Literatur und Gesellschaft »am Ende einer Epoche«

Agonie und neue Blüte Die Mundartliteratur im Wandel (Dieter Fringeli)

Das Verhältnis der Deutschschweizer Autoren zur Schriftsprache (Michael Böhler)

Die Sprachsituation in der deutschen Schweiz

Die Frage nach einer Schweizer Literatursprache

Die Beziehungen der deutschschweizerischen zu den anderssprachigen Literaturen in der Schweiz (Manfred Gsteiger)

Vom Helvetismus bis zur Geistigen Landesverteidigung

Eigenständigkeit und Wechselbeziehungen der Literaturen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Anhang

Autoren des Bandes

Verzeichnis der Abkürzungen

Anmerkungen und Zitatnachweise

Personen- und Werkregister

Bildnachweise

Vorwort

Die hier in durchgesehener und erweiterter Fassung wieder vorgelegte Literaturgeschichte erschien erstmals 1991 bei Volk und Wissen (Berlin). Die Unterstützung durch die Schweizer Kulturstiftung »Pro Helvetia« hatte es dem Verlag noch ermöglicht, das seit Ende 1989 vorliegende Manuskript zu veröffentlichen. Die damals bereits einsetzenden Veränderungen seiner Struktur und Arbeitsbedingungen führten jedoch dazu, daß er den Titel nur wenige Jahre im Programm halten konnte. Die Autoren der Literaturgeschichte sind daher dem Militzke Verlag Leipzig besonders dankbar für seine Entscheidung, ihre Arbeit nun in sein Programm zu übernehmen und sie so interessierten Lesern auch wieder auf dem Buchmarkt zugänglich zu machen.

Die deutschsprachige Literatur aus der Schweiz hatte in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zunehmend Beachtung gefunden. Und dies nicht nur im deutschen Sprachraum, wie etwa die intensive Forschungs- und Publikationstätigkeit von Literaturwissenschaftlern vor allem in den Niederlanden, in Großbritannien und Russland auf diesem Gebiet belegt. Auch in den literaturgeschichtlichen Überblicksdarstellungen der Zeit wurde diesem Umstand auf verschiedene Weise Rechnung zu tragen versucht. Allerdings erwiesen sich dabei alle Varianten als problematisch, bei denen Schweizer Autoren mehr oder weniger direkt der Literatur der Bundesrepublik zugeordnet wurden, während gleichzeitig die Literatur in der DDR und zumeist auch die Österreichs gesondert abgehandelt wurde. Die hierüber geführten Debatten machten deutlich, daß deutschsprachige Literatur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht durch die Beziehung zwischen einem Zentrum und verschiedenen Randbereichen zu definieren ist, sondern – um mit dem slowakischen Spezialisten für vergleichende Literaturwissenschaft Dýoniz Ďurišin zu sprechen – nur als »interliterarische Gemeinschaft« aller Literaturen deutscher Sprache. Daher erschien die zuerst in Kindlers Literaturgeschichte der Gegenwart (Zürich/München 1974 ff.) praktizierte Lösung am überzeugendsten, bei der Betrachtung der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg die literaturgeschichtliche Entwicklung in Ost- und Westdeutschland, in Österreich und in der deutschsprachigen Schweiz als methodologisch gleichwertige Gegenstände zu behandeln. Denn erst auf der Grundlage einer Erforschung und Darstellung ihrer jeweiligen Spezifik wird es möglich, zu einem realen Begriff jener übergreifenden Einheit »deutschsprachige Literatur« zu gelangen und ihre inneren Zusammenhänge und Wechselbeziehungen erfassen zu können.

Als eine Besonderheit der literarischen Situation in der Schweiz fällt von vornherein ins Auge, daß das Jahr 1945 für sie aus naheliegenden Gründen keine vergleichbare Bedeutung gehabt hat wie für die anderen Teile des deutschen Sprachgebiets. Parallel zu den Darstellungen innerhalb der zuvor schon im Verlag Volk und Wissen erschienenen Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart (Bd. 11: Literatur der DDR, Berlin 1976; Bd. 12: Literatur der BRD, Berlin 1983) eine Geschichte der deutschsprachigen Schweizer Literatur seit Ende des zweiten Weltkrieges zu schreiben, erschien daher wenig sinnvoll. Die Entscheidung, statt dessen einen literaturgeschichtlichen Überblick über das 20. Jahrhundert anzustreben (bei besonderer Akzentuierung der Literatur seit Frisch und Dürrenmatt), gründete auf folgenden Überlegungen:

Die seit etwa 1960 in der Deutschschweiz entstandene Literatur (und zuvor schon das Werk von Frisch und Dürrenmatt) hat ein eigenes Traditionsverständnis entwickelt, das nachdrücklich auf Namen aus der ersten Jahrhunderthälfte wie Robert Walser, Albin Zollinger, Friedrich Glauser oder Jakob Bührer hinwies und der Literatur »zwischen Keller und Frisch« (Beatrice von Matt) zunehmend einen bedeutenden Platz im literarischen Leben der Gegenwart verschafft hat, woran Bemühungen der Schweizer Germanistik seit den siebziger Jahren einen wesentlichen Anteil gehabt haben. Diese im allgemeinen auch außerhalb der Schweiz wenig bekannte ›Vorgeschichte der Gegenwart‹ mit bewußt zu machen, erschien daher unumgänglich. Daß bei diesem notwendigen Rückblick auf das ganze 20. Jahrhundert nicht formal mit dem Jahr 1900 eingesetzt werden konnte, wurde in der Diskussion über das Projekt – nicht zuletzt auch mit Kollegen aus der Schweiz – schnell klar. Die eigentliche literaturgeschichtliche Zäsur lag in den frühen neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts; der Tod Gottfried Kellers bot sich dafür als innerliterarischer Fixpunkt ebenso an wie die 600-Jahrfeier der Eidgenossenschaft als ein solcher unter historisch-gesellschaftlichem Aspekt. Ein vergleichender Blick auf die literarischen Zentren des deutschen Kaiserreichs (mit der Entfaltung des Naturalismus in Berlin) und der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie (mit dem Fin-desiècle in Wien) ließ die Besonderheit der Schweizer Situation in jener Zeit besonders deutlich hervortreten. Von da aus leitete sich der Versuch ab, drei größere literaturgeschichtliche Phasen der weiteren Entwicklung voneinander abzuheben: die Zeit bis Ende der 1920er Jahre, die Jahrzehnte vor und nach dem Zweiten Weltkrieg und schließlich die ›Gegenwart‹ seit etwa 1960, dazu – zwischen dem zweiten und dritten Teil stehend – ein spezielles Kapitel, das den Weg von Frisch und Dürrenmatt zum Weltruhm nachzeichnet. Der für den letzten Teil ursprünglich gesetzte Schlußpunkt resultierte aus der Terminierung der Arbeit an der Literaturgeschichte, die im Herbst 1989 abgeschlossen sein sollte, und war damals mit »Ende der achtziger Jahre« des 20. Jahrhunderts nur sehr vage zu bestimmen. Bereits 1991, im Jahr ihres Erscheinens, zeichnete sich dann jedoch eine neue Situation auch für die Deutschschweizer Literatur ab, der weit eher der Charakter einer literaturgeschichtlichen Zäsur zuerkannt werden kann. Dem Tod Friedrich Dürrenmatts und Max Frischs kommt dabei eine ähnlich zeichenhafte Bedeutung zu wie hundert Jahre zuvor dem Tod Gottfried Kellers. Selbstverständlich nicht in dem Sinne, daß hiermit das Ende der deutschsprachigen Schweizer Literatur angezeigt worden wäre – dieser voreiligen und oberflächlichen These in einigen publizistischen Beiträgen vor und nach den Solothurner Literaturtagen 1991 ist mit Recht von kompetenten Stimmen aus Literaturkritik und Literaturwissenschaft sofort widersprochen worden. Die Literatur der 1970er und 1980er Jahre war zwar keine nach, sondern immer noch eine mit Frisch und Dürrenmatt, aber beide waren, auch wenn ihr Gesamtwerk einen einmaligen Höhepunkt der Schweizer Literatur im 20. Jahrhundert darstellt, zu dieser Zeit schon nicht mehr in vergleichbarer Weise bestimmend für diese wie in den 1960er oder gar so allein repräsentativ wie in den 1950er Jahren. Für sich allein genommen, hätte ihr Tod also noch keine literaturgeschichtliche Zäsur bedeuten müssen. Doch fiel er mit einer veränderten welthistorischen Situation, dem Ende des »kurzen 20. Jahrhunderts« (Eric Hobsbawm), zusammen, was auch Konsequenzen für die Schweiz hatte und nicht zuletzt jene Autoren, die sich in ihrer Grundhaltung Frisch und Dürrenmatt verbunden fühlten, vor veränderte Bedingungen ihres Wirkens stellte. Der Zusammenbruch der staatssozialistischen Gesellschaften Ost- und Mitteleuropas, die Beendigung des Kalten Krieges durch einen politischen und ökonomischen Sieg des Westens und der damit verbundene »Anschluß, der Beitritt genannt wurde« (Günter Grass) der DDR an die BRD kamen nicht nur überraschend, sondern schufen auch neue Realitäten, denen nicht mehr mit alten Denkmodellen beizukommen war. Eine für die Neuauflage möglich gewordene gewisse zeitliche Erweiterung der Literaturgeschichte bot Gelegenheit, diese widerspruchsvolle Situation zu Beginn der 1990er Jahre zumindest skizzenhaft zu erfassen und so die Darstellung zu einem organischeren Abschluß zu führen, als das 1989/ 1990 möglich gewesen ist. Außerdem konnten nun bei einzelnen Autoren noch wichtige Werke aus der Zeit des Übergangs zu den 1990er Jahren mit berücksichtigt werden.

Bei der Erarbeitung der vorliegenden Literaturgeschichte als einem Projekt universitärer Forschung hatten die Autoren in erster Linie die Studenten als Adressaten im Auge, dazu den interessierten Leser neuerer Literatur generell, der »alles mögliche liest« und der sich darüber informieren möchte, »was das Gelesene in einem größeren Zusammenhang bedeutet« (Werner Krauss). Dies verlangte, um eine nach wie vor gültige Unterscheidung zu bemühen, die Goethe 1806 in einer Rezension in der Jenaischen Allgemeinen Literaturzeitung getroffen hat, Geschichte nicht »für die Wissenden«, sondern »für die Nichtwissenden« zu schreiben:

»Bei der ersten setzt man voraus, daß dem Leser das Einzelne bis zum Überdruß bekannt sei. Man denkt nur darauf, ihn auf eine geistreiche Weise, durch Zusammenstellungen und Andeutungen an das zu erinnern, was er weiß, um ihm für das zerstreute Bekannte eine große Einheit der Ansicht zu überliefern oder einzuprägen. Die andere Art ist, wo wir, selbst bei der Absicht, eine große Einheit darzustellen auch das Einzelne unnachläßlich zu überliefern verpflichtet sind.«

Dies gilt für die Vielzahl der in ihrer Gesamtheit das literarische Leben eines Landes prägenden Autorinnen und Autoren und literarischen Werke ebenso wie für das, was der bedeutende Romanist Werner Krauss die »spezifisch literarischen Umweltverhältnisse« genannt hat, die verschiedenen Faktoren, die die komplexe Einheit von Produktion, Distribution und (vor allem innerliterarischer) Rezeption beeinflussen. Eine diffizile Analyse der wesentlichsten literarischen Texte kann demgegenüber von einer – zudem an einen begrenzten Umfang gebundenen – literaturgeschichtlichen Darstellung nicht erwartet werden. Jedoch versucht die hier vorliegende zumindest von ihrer Anlage her, die Aufmerksamkeit des Lesers auch auf besonders wichtige Einzelleistungen zu lenken und diese wenigstens ansatzweise in ihrer ästhetischen Eigenart zu würdigen.

Die hier in durchgesehener und erweiterter Neuauflage wieder vorgelegte Literaturgeschichte entstand in den 1980er Jahren an der damaligen Sektion Germanistik und Literaturwissenschaft der Karl-Marx-Universität Leipzig. Sie war Ergebnis längerer gemeinschaftlicher Arbeit von Lehrkräften, Nachwuchswissenschaftlern und Doktoranden, an der die verantwortliche Redakteurin des auftraggebenden Verlages Volk und Wissen Hannelore Prosche aktiven Anteil hatte. Als Spezialist für die Literatur der zwanziger Jahre übernahm Wladimir Sedelnik vom Moskauer Gorki-Institut für Weltliteratur das entsprechende Kapitel der Literaturgeschichte. Auch haben zahlreiche unserer Studenten dieser Zeit mit ihren Diplomarbeiten einen Beitrag zu dem Projekt geleistet; genutzt werden konnten darüber hinaus – dank der Vermittlung von Michael Böhler – am Deutschen Seminar der Universität Zürich entstandene studentische Arbeiten. Zwei 1983 und 1988 in Leipzig veranstaltete wissenschaftliche Arbeitstagungen boten die Möglichkeit, unsere Sicht auf die deutschsprachige Schweizer Literatur in der Diskussion mit Fachkollegen aus verschiedenen Ländern kritisch zu überprüfen. Besonders wichtig war dabei das Mitwirken der direkt als Verfasser von Spezialkapiteln bzw. als Konferenzteilnehmer beteiligten Schweizer Kollegen Michael Böhler, Dieter Fringeli, Manfred Gsteiger, Peter von Matt, Christoph Siegrist, Martin Stern und Hellmut Thomke – ebenso aber auch der Einsatz von Elsbeth Pulver, Peter André Bloch, Karl Fehr und Christiaan Hart Nibbrig, die unser Vorhaben damals durch Gastvorträge an der Universität Leipzig gefördert haben. Elsbeth Pulver hat darüber hinaus zusammen mit Dominik Müller im Mai 1991 an der Vorstellung unserer Literaturgeschichte bei den Solothurner Literaturtagen mitgewirkt, was für deren positive Aufnahme in der Schweiz sehr förderlich gewesen ist. Für all das schulden wir diesen Kolleginnen und Kollegen großen Dank.

Klaus Pezold

Der schwierige Weg ins neue Jahrhundert Vom Tod Gottfried Kellers bis zum Ende der zwanziger Jahre

Literatur und Gesellschaft

(Klaus-Dieter Schult, Ilona Siegel, Wladimir Sedelnik)

Tausende Schweizerinnen und Schweizer machten sich im Sommer des Jahres 1891 auf den Weg in das Städtchen Schwyz, um auf historischem Boden den 600. Jahrestag der Gründung der Eidgenossenschaft feierlich zu begehen. Dort, wo einst die Waldstätten Uri, Schwyz und Unterwalden ihren Bund im Kampf gegen die Habsburger beschworen hatten, ließ man nun in einem großen Festspiel Geschichte wieder lebendig werden.

Wenige Wochen später veranstaltete Bern, zugleich zurückblickend auf 700 Jahre Stadtgeschichte, eine viertägige Feier, die ebenfalls in einem Festspiel ihren Höhepunkt fand. Über 1.100 kostümierte Darsteller, 500 Sängerinnen und Sänger und ein hundertköpfiges Orchester boten dem Zuschauer eine Folge historischer Bilder, die zur Identifikation mit den heldenhaften Ahnen verführen konnten, die es vermochten, Gefühle von Größe und Erhabenheit zu wecken.

Wie in Bern und Schwyz, so feierte man im ganzen Land. Erstmals wurde in diesem Jahr der 1. August als offizieller Bundesfeiertag begangen. Stolz und Selbstbewußtsein prägte die Reden, die historischen Umzüge und die Festspiel-Inszenierungen. Überall erhielt der nationale Gedanke belebende Impulse. Daß er nicht zu einem solch aggressiven Nationalismus entartete, wie man ihn zur gleichen Zeit in der Innen- und Außenpolitik des deutschen Kaiserreiches und der k.u.k. Monarchie Österreich-Ungarn beobachten konnte, war der Kleinstaatlichkeit der Schweiz, vor allem jedoch dem Vorhandensein starker demokratischer Traditionen und darauf gegründeter Gesellschaftsstrukturen geschuldet.

Über 500 Jahre existierte die Schweizerische Eidgenossenschaft als oft sehr lockerer Staatenbund, in dem die kleinstaatlichen Interessen der Kantone zumeist über denen der Gemeinschaft standen. Erst 1847/48 – nachdem im »Sonderbundskrieg«¹ die bürgerlich-liberalen Kräfte den entscheidenden Sieg über das konservative Lager errungen hatten – ging man mit Konsequenz an die Schaffung eines Bundesstaates. Am 12. September 1848 wurde eine Verfassung angenommen. Sie sicherte fortan nicht nur die zumeist in den dreißiger Jahren bereits erstrittenen demokratischen Grundrechte und Freiheiten, sondern bot mit der Festschreibung des föderalistischen Prinzips auch die Rahmenbedingung, um dieses vielgestaltige und widersprüchliche Staatsgebilde mit seinen vier Sprachgebieten, mit seinen differenzierten wirtschaftlichen, sozialen, religiösen und kulturellen Interessensphären zusammenzuhalten. Während die Kantone weiterhin in allen Belangen des Gerichtswesens, der Schulbildung, der Presse, in Kultur- und Kirchenangelegenheiten die Entscheidungshoheit behielten, sollte der Bund mit Bundesversammlung (Legislative) und Bundesrat (Exekutive) von nun an alle Grundsatzentscheidungen der Innen-, Wirtschafts- und Finanzpolitik treffen. In seinen Kompetenzbereich fielen auch, bei Pflicht zur Wahrung der auf dem Wiener Kongreß von 1815 völkerrechtlich verankerten »immerwährenden Neutralität« der Schweiz, die Belange der Außen- und Militärpolitik.

Die Schweizerinnen und Schweizer haben ihr Land immer wieder als ›Willensnation‹ gesehen, als empfindlichen Mechanismus aus gegenseitigen Übereinkünften, geschaffen zum allgemeinen Nutzen. Dieser Mechanismus bedurfte der Veränderung und Vervollkommnung, sollte er, bei sich wandelnden inneren und äußeren Bedingungen, funktionstüchtig bleiben. Bereits 1874 verabschiedete man eine neue, total revidierte Verfassung, die sowohl den Interessen der erstarkenden Wirtschaft nach mehr Zentralisation wie den Forderungen der Bürger nach mehr Mitspracherecht (Einführung des Referendums) genügen sollte. Seitdem hat es zahlreiche Korrekturen – eine der wichtigsten betraf die Sicherung des Volksinitiativerechts –, jedoch keine neuerliche Totalrevision der Verfassung mehr gegeben. Das spricht für die Flexibilität der ursprünglichen Staatskonzeption, für ihre tatsächliche Liberalität, das spricht aber auch für ein gehöriges Maß an Konservatismus im politischen Leben der Schweiz.

Die Sorge, der empfindliche Mechanismus ›Willensnation‹ könnte durch Unbedachtsamkeit zerstört werden, war immer groß. Sie zog eine teilweise übertriebene Bereitschaft zum Kompromiß nach sich, sie beförderte die Neigung, auf dem einmal Erreichten mit Selbstgenügsamkeit zu beharren. Gegen dies »plump zierliche Behagen im eigenen Felle«² und die davon ausgehende Gefahr, an den Realitäten des Alltags wie an den Forderungen der Zukunft vorbeizusehen, haben sich nicht zuletzt zahlreiche Schriftstellerinnen und Schriftsteller der Schweiz immer wieder ausgesprochen. So machte GOTTFRIED KELLER (1819-1890) noch in seinem Altersroman Martin Salander (1886) seine Landsleute darauf aufmerksam, daß sich die bürgerliche Gesellschaft bereits weit von ihren einstigen Idealen entfernt habe, daß – bei aller Demokratie – auch in der Schweiz Geldgier und Profitsucht, politische Gesinnungslosigkeit und Gefühlskälte in zwischenmenschlichen Beziehungen immer mehr die Oberhand gewinnen könnten.

Als KELLER 1890 starb, blieb die Position des politisch aufmerksamen Schriftstellers für Jahre unbesetzt. Und auch CONRAD FERDINAND MEYER (1825–1898), der ähnlich wie KELLER, jedoch mit einer akzentuierten Absage an die »brutale Aktualität zeitgenössischer Stoffe«³, in seinen Novellen einen wachsenden Widerspruch zwischen Politik und Sittlichkeit reflektiert hatte, fand keine Nachfolge.

Für gut eineinhalb Jahrzehnte wurde die deutschsprachige Literatur des Landes von Autorinnen und Autoren repräsentiert, deren Romane und Erzählungen über das Niveau einer »biedermeierlichen Feierabendkunst«⁴ kaum hinausgelangten. Dominanz gewann die Heimatkunst, die sich durch ihre Einbindung in die national-patriotischen Aktivitäten im Umfeld der 600-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft ebenso legitimiert fühlte wie durch die Anerkennung, die ihr von der deutschen Heimatkunstbewegung gezollt wurde. So gingen Autoren wie ERNST ZAHN, JAKOB CHRISTOPH HEER oder ALFRED HUGGENBERGER immer wieder daran, die alpine Bergwelt mit ihren dörflichen Gemeinschaften als einen von den ›Krankheiten‹ der Zivilisation noch unberührten Lebensraum zu gestalten. So ›gesund‹ aber, wie in ihren und in den Büchern anderer beschrieben, war die gepriesene ›Heimat‹ durchaus nicht mehr. Längst war damit begonnen worden, die Schweiz in einen modernen Industriestaat zu verwandeln. Die Bauernschaft spielte dabei nur eine untergeordnete Rolle. Allein zwischen 1888 und 1910 sank der Anteil der ländlichen Bevölkerung von 41 % auf 29 % (in Deutschland betrug er 1907 immerhin noch 34 %, in Frankreich 1911 sogar noch 41 %). Viele Bauern verließen das Land, um besonders in Amerika eine neue Existenzmöglichkeit zu suchen. Andere hofften, in der aufblühenden Industrie, in Städten wie Genf, Zürich oder Basel, ihr Glück zu finden. 1880 lebten in Zürich 24.400 Menschen, zwanzig Jahre später waren es, auch durch Eingemeindungen, etwa 150.000. In Basel wuchs die Einwohnerzahl im gleichen Zeitraum von rund 64.000 auf 112.000. Der Prozeß der Verstädterung vollzog sich überall recht schnell, zwischen 1850 und 1910 vervierfachte sich die Anzahl der Gemeinden mit mehr als 10.000 Einwohnern.⁵ Mitbestimmt wurde diese Zahl durch die für die Schweiz typische Dezentralisierung der Produktion. Kleine und mittlere Unternehmen behaupteten lange Zeit ihren Platz im wirtschaftlichen System, sicherten doch gerade sie den für das rohstoffarme Land so notwendigen hohen Verarbeitungs- und Veredlungsgrad in der Industrie. Die spezialisierte ›Fabrik im Dorf‹ war überall zu finden. Nicht selten gehörte zu ihrer Belegschaft eine große Zahl von Heimarbeitern. Um 1900 waren noch 14,3 % aller abhängig Arbeitenden mit Heimarbeit beschäftigt.

Die besondere Struktur der Schweizer Wirtschaft hat auf den Formierungsprozeß der Arbeiterklasse einen gravierenden Einfluß ausgeübt. Bevor sie als eigenständige politische Kraft in Erscheinung treten konnte, waren stark differenzierte berufliche, kulturelle, religiöse und wirtschaftliche Interessen auszugleichen. Hinzu kam, »daß in der Demokratie die Kapitalisten zwar die Wirtschaft«, anscheinend aber nicht »die Politik beherrschten [...] In den Räten dominierte der Mittelstand, und da auch der Arbeiter an den politischen Rechten und Freiheiten vollen Anteil hatte und an der Wahlurne und in der Gemeindeversammlung seinem Arbeitgeber gleichberechtigt gegenüberstand, fühlte er sich nie so entrechtet und von der Gesellschaft ausgestoßen wie in den autoritär regierten Ländern«.

Die stets vorhandene Neigung der schweizerischen Arbeiterbewegung zum Reformismus hat in eben diesem Sachverhalt ihren tieferen Grund. Schon der 1838 gegründete Grütli-Verein – »ein patriotisch-demokratischer Verein der ›kleinen Leute‹, anfänglich hauptsächlich der Gewerbetreibenden [...], später mehr und mehr der Arbeiter«⁷ – suchte das Wohl der Werktätigen auf friedlich-reformistischen Wegen zu erreichen. So war er an der Durchsetzung zahlreicher sozialer Errungenschaften maßgeblich beteiligt – etwa am Kampf um das Fabrikgesetz von 1877 (Festsetzung des Arbeitstages auf 11 Stunden, Verbot der Kinderarbeit u. a.) –, seiner Existenz ist es aber auch mit geschuldet, daß sich die Gründung einer schweizerischen Arbeiterpartei nur nach Überwindung zahlreicher Schwierigkeiten realisieren ließ. Ein erster Versuch 1870 scheiterte, erst 1887/88 gelang es, die Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SPS) ins Leben zu rufen. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges war sie (seit 1893 in »Kampfgemeinschaft« mit den Grütli-Verein, der 1925 dann in der Partei aufging) eine »sozialistische Partei reformistischer Prägung« mit einer »durchaus positiven Einstellung zum Staat«.⁸

Das angestrengte Ringen um eine politische und organisatorische Einheit hatte zur Folge, daß Fragen einer eigenständigen proletarischen Kultur erst sehr spät auf die Tagesordnung der Arbeiterbewegung rückten. Als einer der ersten bemühte sich der aus Kirchberg bei Zwickau stammende, 1870 in die Schweiz emigrierte ROBERT SEIDEL (1850–1933) darum, zumindest der Literatur einen bescheidenen Platz in den sozialdemokratischen Zeitungen Arbeiterstimme und Volksrecht einzuräumen. Eine intensivere Kultur- und Bildungsarbeit entwickelte die schweizerische Sozialdemokratie erst in den Jahren vor dem Weltkrieg. 1912 rief sie ihre Arbeiterbildungszentrale ins Leben.

Da weder die (wenigen) Arbeiterdichter noch die bürgerlichen Autoren mit ihrer Ausrichtung auf die Heimatkunst der veränderten Realität im Lande mit Aufmerksamkeit begegnen konnten oder wollten, blieben wesentliche Problemfelder der Schweizer Gesellschaft am Übergang zum 20. Jahrhundert von der Literatur unreflektiert. Die »Schweiz der raschen Industrialisierung, des expandierenden Fremdenverkehrs, des Alkohol- und Tuberkuloseproblems in den Vorstädten und verstädterten Landgemeinden, die Schweiz der Auswanderer und Söldner in fremden Diensten, der Verdingkinder und der zu langen und schlecht bezahlten Fabrik- und Büroarbeit«⁹ – in der Literatur gab es sie nicht.

Die vom Bund nach 1880 mit größerer Intensität betriebene Kulturpolitik beförderte derartige Entsagungshaltungen, war sie doch vorrangig auf Aktivitäten zur Vertiefung des vaterländischen Bewußtseins gerichtet. Die Arbeit der 1887 geschaffenen eidgenössischen Kunstkommission, die über einen jährlichen Kredit von 100.000 Franken verfügen konnte, »ließ eine gewissermaßen amtlich abgesegnete nationale Kultur entstehen. Besonders in der Malerei manifestierte sich, nach dem Durchbruch Ferdinand Hodlers, dessen Fresken im Landesmuseum noch zu vehementen öffentlichen Auseinandersetzungen geführt hatten, eine gesellschaftspolitisch verdichtete Nationalkunst, geprägt von pathetischem Idealismus und kriegerischem Patriotismus«¹⁰. Ergänzt wurden diese Aktivitäten durch die Gründung der »ersten großen Kulturinstitutionen des Bundes, dem 1898 in Zürich eröffneten Landesmuseum und der 1900 in Bern errichteten Landesbibliothek«¹¹. Mit den Bemühungen des Bundes gingen zahlreiche Versuche einher, auch in den Kantonen und Gemeinden das geistig-kulturelle Leben zu befördern.

Beispielhaft gelang dies mit dem »Lesezirkel Hottingen«. Gegründet 1882 als Lesemappen-Verleih im Zürcher Vorort Hottingen, entwickelte sich der Zirkel zu einer literarischen Vereinigung, die ab 1896 regelmäßig der Literatur und Kunst gewidmete Abende durchführte und 1902 zudem noch einen »Literarischen Club« ins Leben rief. Im »Lesezirkel Hottingen« vortragen zu dürfen galt als Ehre; das Gästebuch verzeichnet die Namen von CARL SPITTELER, ROBERT WALSER, PAUL VALERY, RAINER MARIA RILKE, THOMAS MANN, ARTHUR SCHNITZLER, HUGO VON HOFMANNSTHAL, KARL KRAUS und anderen. Eher bieder verliefen die Kränzchen im Muraltengut und die Dichterfeiern an historischen Stätten, die aber von vielen Mitgliedern als die eigentlichen Höhepunkte des Vereinslebens gesehen wurden. In seinem 1906 veröffentlichten Roman Imago hat CARL SPITTELER diese Biedermeierei mit viel Ironie bedacht, zugleich Kunde gebend davon, daß sich nun offensichtlich neben der weiterhin dominierenden Heimatkunst eine vorrangig epische Literatur zu entwickeln begann, die sich der veränderten Wirklichkeit stellen wollte.

Bestätigung fand diese Ahnung in den folgenden Jahren, als Autoren wie HEINRICH FEDERER, PAUL ILG, FELIX MOESCHLIN, JAKOB SCHAFFNER oder ROBERT WALSER nun Arbeiten – zumeist Debüts – vorlegten, in denen zum Teil »schon eindrückliche sozialkritische Gegenpositionen aufgebaut«¹² wurden. Was diese ›Robert-Walser-Generation‹ einte, war die Einsicht – von Walser selbst am überzeugendsten im Roman Der Gehülfe (1908) dargeboten –, daß »das denkende und fühlende Individuum seine gesellschaftliche Geborgenheit verloren hatte und das besitzbesessene Bürgertum seines seelischen Sinns und seiner inneren Selbstgewißheit beraubt war«¹³.

Neuansätze gab es zeitgleich auch im Bereich des Buchmarktes, der Literaturvermittlung und -förderung. 1906 wurde der Paul Haupt Verlag gegründet, 1908 folgte der Verlag Rascher & Cie. mit Sitz in Zürich und Leipzig. Gerade dieser Verlag machte sich um die Förderung der schweizerischen Literatur verdient – etwa mit dem von KONRAD FALKE (1880–1942) betreuten Jahrbuch Schweizer Art und Kunst (1910/12); er widmete sich aber auch der europäischen Literatur. Dies besonders in den Jahren des Krieges. Um unbeeinflußt von reichsdeutschen Stellen agieren zu können, gründete Rascher 1917 ein zweites Verlagshaus nur in Zürich, in dem die von RENÉ SCHICKELE (1883–1940) betreute Reihe »Europäische Bücher« ediert wurde. Hier erschienen ANDREAS LATZKOs Menschen im Krieg, LEONHARD FRANKs Der Mensch ist gut, YVAN GOLLs Requiem für die Gefallenen von Europa und viele andere bedeutende Werke dieser Kriegsjahre. Mit seinem zweigeteilten Programm bot der Rascher-Verlag im Grunde ein getreues Bild des literarischen Lebens, das Bild »eines weitgehenden Nebeneinanders von schweizerischer und deutscher ›moderner Literatur‹ in diesem Land, eine Gleichzeitigkeit in getrennten Lagern«¹⁴.

Neben den neuen existierten zahlreiche traditionelle Verlagshäuser weiter; zumeist besaßen sie nur regionale Bedeutung. Deshalb suchten deutschsprachige Autorinnen und Autoren immer wieder den Anschluß an die großen, leistungsstarken Verlage im benachbarten Deutschland, hoffend, dort auch eine größere Leserschaft zu finden. Für Unterhaltungsschriftsteller wie HEER und ZAHN erfüllte sich diese Hoffnung in einem überraschenden Maße, aber auch andere Autoren wußten durchaus Erfolge zu verbuchen. Ganz besonders interessiert an Schweizer Literatur zeigte sich der Leipziger Grethlein Verlag, der nach dem Krieg sogar eine Filiale in Zürich eröffnete und Autoren wie JAKOB BÜHRER, ROBERT FAESI, MEINRAD INGLIN, FELIX MOESCHLIN, MAX PULVER, REGINA ULL-MANN oder ALBIN ZOLLINGER betreute. 1929 wurde aus der Filiale ein selbständiges Unternehmen, aus dem 1935 dann der Morgarten Verlag entstand.

Als bedeutende Vermittlungsinstanz zwischen Autor und Leser fungierten zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften. Dabei nahm das von JOSEPH VICTOR WIDMANN (1842–1911) zwischen 1880 und 1910 geleitete Sonntagsblatt der Berner Tageszeitung Der Bund eine herausragende Stellung ein. WIDMANN, selbst Schriftsteller, setzte sich mit viel Sachverstand für die zeitgenössische Literatur ein. Bei ihm kamen die Naturalisten zu Wort, als einer der ersten erkannte er die Größe IBSENs, er würdigte die Arbeiten von NIETZSCHE, SPITTELER und WALSER, er veröffentlichte Texte von GORKI und TOLSTOI, bot aber durchaus auch Schweizer Unterhaltungsschriftstellern eine Publikationsmöglichkeit.

Stark an der Förderung einheimischer Literatur interessiert zeigte sich EDUARD KORRODI (1885–1955). Als Feuilletonredakteur der Neuen Zürcher Zeitung agierte er über Jahrzehnte (1915/50) »nicht nur als Kritiker post festum; er versuchte, den Kurs der Schweizer Literatur zu steuern, indem er Autoren auf bestimmte Themen ansetzte und den Jungen beizubringen trachtete, was als Literatur Gültigkeit habe«¹⁵. Gefördert wurden von ihm unter anderen ROBERT WALSER, KARL STAMM, CÉCILE LAUBER, TRAUGOTT VOGEL, ALBIN ZOLLINGER und der junge MAX FRISCH. Nicht selten aber hat KORRODI auch restriktiv auf die Literaturentwicklung gewirkt. Das stets vorhandene »Mißtrauen gegen politisch orientierte Autoren«¹⁶ ließ ihn besonders in den dreißiger und vierziger Jahren zum Exponenten einer konservativen Literaturauffassung werden.

Über wichtige Ereignisse des literarischen Lebens konnte sich der Leser aber nicht nur in den Feuilletonspalten der Tageszeitungen, sondern auch anhand verschiedener kultureller Zeitschriften informieren. Am Ende des ersten Weltkrieges gab es davon in der deutschsprachigen Schweiz mehr als zwanzig, bei nicht wenigen arbeiteten Schriftsteller in den Redaktionen verantwortlich mit: MARIA WASER bei der in Zürich erscheinenden renommierten Monatsschrift Die Schweiz (1897/1921), FELIX MOESCHLIN bei Schweizerland (1914/21) in Chur, HEINRICH FEDERER bei Alte und Neue Welt (1867 ff.) in Einsiedeln.¹⁷ Dabei war es zumeist nicht allein das Interesse an Kultur und Literatur, was diese und andere Schriftstellerinnen und Schriftsteller veranlaßte, journalistisch zu arbeiten. Es standen dahinter auch immer ökonomische Zwänge. Vom Schreiben allein konnte – bis auf wenige Ausnahmen und bis weit in die Gegenwart – in der Schweiz kaum jemand leben. Man betrieb die Schriftstellerei als ›Nebenbeschäftigung‹ und ging damit zugleich dem Mißtrauen aus dem Weg, mit welchem das schweizerische Bürgertum im allgemeinen dem künstlerisch Tätigen zu begegnen pflegte. Wie sehr solch Mißtrauen auch verinnerlicht worden ist, wird aus einer Aussage von CARL SPITTELER deutlich:

»Wir schämen uns alle im Grunde unseres Dichternamens, wohlverstanden nicht etwa der Dichtertätigkeit oder gar der Dichtkunst, wohl aber der landläufigen Vorstellung, die an dem Dichternamen haftet. Dieser Vorstellung nicht zu entsprechen, ihr vielmehr zu widersprechen, einen kräftigeren, männlicheren und von dem übrigen arbeitsamen Volke weniger verschiedenen Typus darzustellen, ist unser aller eifrige, ja ängstliche Sorge. Keine willkommenere Schmeichelei, als wenn man uns versichert, daß man uns den Dichter nicht ansehe, noch anmerke.«¹⁸

Der Schweizer Literatur mehr Anerkennung im gesellschaftlichen Leben des Landes zu sichern, war in Anbetracht derartiger Umstände ein vordringliches Anliegen der Autoren selbst. Um ihre Interessen besser durchsetzen zu können, gründeten einige von ihnen – CARL ALBERT LOOSLI, HEINRICH FEDERER, HERMANN AELLEN und andere – im Jahre 1912 den Schweizerischen Schriftstellerverein (SSV).

Das Auftreten der ›Robert-Walser-Generation‹ in der »epischen Dekade« nach 1905, die Verlagsgründungen, die Intensivierung von Literaturkritik und -diskussion, die Suche nach neuen Organisationsformen im literarischen Leben – all das waren wichtige Ansätze, um der Schweizer Literatur den Charakter einer

»Gau- und Lokalliteratur [...], darin die Kantonsfähnlein in allen Farben flatterten oder gar der Gockel auf dem Kirchturm den Ton angab«¹⁹,

zu nehmen. Sie endgültig aus den Fesseln der Heimatkunst zu befreien, dazu bedurfte es stärkerer Impulse.

Insel im Sturm – die Schweiz in den Jahren des Ersten Weltkriegs

Die Hochstimmung, mit der die europäischen Völker den Kriegsbeginn geradezu feierten, machte auch vor den Grenzen der neutralen Schweiz nicht halt. Mobilmachung und Grenzbesetzung wurden begrüßt als Aufbruch zu neuen Ufern, man zeigte sich inspiriert von demselben »Gefühl, das die jubelnden Scharen der beiden Kriegsparteien und deren ›Sänger‹ beherrschte: Nun geschah endlich Großes; nun kam Bewegung in die europäische Geschichte; nun war der Alltag mit seinem lähmenden Einerlei aufgehoben; [...] nun war wieder Gemeinschaft, wenn auch angesichts des Todes«.²⁰

Der Erneuerungsgedanke, überall zum Ausdruck gebracht, lief in der deutschsprachigen Schweiz letztendlich darauf hinaus, es dem »vermeintlich im Aufbruch befindlichen nördlichen Brudervolke«²¹ irgendwie gleichtun zu wollen. Mit unverhohlener Sympathie und ungeachtet der Sorge, mit der man in der französischsprachigen Schweiz an Frankreich dachte, feierte man die anfänglichen Erfolge des deutschen Heeres im Westen. »Die geistige, kulturelle und stammesmäßige Verbindung mit den Deutschen schien vielen wichtiger als die geschichtlich-vertragliche zu den anderssprachigen Miteidgenossen.«²² Ein tiefer Graben tat sich auf, der empfindliche Mechanismus ›Willensnation‹ drohte zu zerbrechen. Mahnende Stimmen wurden kaum gehört. Bereits im Oktober 1914 appellierte KONRAD FALKE in der Neuen Zürcher Zeitung, die Gemeinsamkeiten nicht aus den Augen zu verlieren. Am 14. Dezember dann trat CARL SPITTELER in Zürich ans Rednerpult, um Vernunft, Menschlichkeit und nationale Einheit einzufordern:

»Bei aller herzlichen Freundschaft, die uns im Privatleben mit Tausenden von deutschen Untertanen verbindet, bei aller Solidarität, die wir mit dem deutschen Geistesleben pietätvoll verspüren, bei aller Traulichkeit, die uns aus der gemeinsamen Sprache heimatlich anmutet, dürfen wir dem politischen Deutschland, dem deutschen Kaiserreich gegenüber keine andere Stellung einnehmen als gegenüber jedem anderen Staate: die Stellung der neutralen Zurückhaltung und freundnachbarlicher Distanz diesseits der Grenzen.«²³

Was von SPITTELER als Unser Schweizer Standpunkt formuliert wurde, fand vorerst nur ein geringes Echo, erst 1915/16 konnte die akute Gefahr einer Spaltung der Eidgenossenschaft allmählich beigelegt werden. Die Informationen und Bilder vom millionenfachen Sterben ringsum wirkten ernüchternd, Selbstbesinnung setzte ein. Der Patriotismus wurde in »Wahrheit und Dichtung wieder eine wirkliche Macht«²⁴. Am auffälligsten artikulierte er sich in der ›Grenzbesetzungsliteratur‹ dieser Jahre, in welcher das »Heer […] zu einer Art Sinnbild der Eidgenossenschaft«²⁵ stilisiert wurde. 1915 gab der SSV das Sammelbuch Grenzwacht heraus, von KARL STAMM und MARCEL BROM erschienen die Gedichte Aus dem Tornister (1915), von KONRAD BÄNNINGER der Band Stille Soldaten (1917). Großen Erfolg erzielte ROBERT FAESI mit Füsilier Wipf. Eine Geschichte aus dem Schweizer Grenzdienst (1917), die man zwanzig Jahre später, den Zweiten Weltkrieg bereits vor Augen, dann auch verfilmte. Zahlreiche Erlebnisberichte von Soldaten, gedruckt in Zeitungen und Zeitschriften, ergänzten das breite Spektrum der »Grenzbesetzungsliteratur«, mit deren Hilfe nun nicht nur vaterländisches Bewußtsein aktiviert, sondern auch ein aufbrechendes soziales Spannungsfeld eingeebnet werden sollte. Immer sichtbarer wurde, daß »Hochkonjunktur, Kriegslieferungen und Schiebergeschäfte die Profite steigerten und eine hauchdünne Schicht maßlos bereicherte«, während auf der anderen Seite »die Teuerung, der Lebensmittelmangel und verhängnisvolle Fehler der damaligen Kriegswirtschaft und Ernährungspolitik [...] die Arbeiterschaft in Not und Elend (stürzte). Die Einrichtung der Lohnausgleichskassen für die sich im Militärdienst befindlichen Lohnbezüger fehlte damals, ebenso die Institution der Preiskontrolle, die Rationierung war mangelhaft, ungerecht und unsozial.«²⁶

Zahlreiche Demonstrationen und Streiks waren besonders in den letzten Jahren des Krieges eine deutliche Antwort der Arbeiter auf die rigorose Beschränkung ihrer Lebensmöglichkeit. An die Spitze des Kampfes stellte sich neben die Gewerkschaften (1880 war mit nur 133 Mitgliedern der Schweizerische Gewerkschaftsbund gegründet worden, der sich aber nach der Jahrhundertwende sehr schnell zu einer Massenorganisation entwickelte) auch die Sozialdemokratische Partei, die 1914 noch vorbehaltlos für die Landesverteidigung und ein entsprechendes Vollmachtenregime des Bundes gestimmt hatte. Zwar favorisierte die SPS weiterhin einen reformistischen Weg, schloß aber angesichts der Lage im Land und unter dem Eindruck der internationalen Arbeiterkonferenzen in Zimmerwald (1915) und Kiental (1916) eine Gesellschaftsveränderung mittels Revolution nicht mehr prinzipiell aus. Inwieweit LENIN, der sich seit Kriegsbeginn in der Schweiz aufhielt, auf diesen Wandlungsprozeß Einfluß gehabt hat, ist kaum zu beantworten. Zwar gab es eine intensive Zusammenarbeit mit WILLI MÜNZENBERG, FRITZ PLATTEN oder FRITZ BRUPBACHER, die dem linken Flügel der Partei angehörten, die um ROBERT GRIMM vereinte zentristische Mehrheit aber wahrte Distanz. Nicht zuletzt die Debatten in Zimmerwald machten das deutlich.

Wie im politischen, so gab es auch im geistig-kulturellen Leben bemerkenswerte Tendenzen einer Distanzierung von fremden Einflüssen. Zwar bot die Schweiz, anders als zwanzig Jahre später, den Kriegsgegnern aus ganz Europa großzügig Asyl, um eine Integration der Pazifisten, Sozialisten, avantgardistischen Künstler, die da ins Land gekommen waren, bemühte sich nur eine Minderheit von Schweizern. Dazu gehörten der Verleger MAX RASCHER, der Arzt und Schriftsteller CHARLOT STRASSER und der Sozialdemokrat FRITZ BRUPBACHER, der neben seiner Tätigkeit als Mediziner von Januar 1915 bis August 1916 die Zeitschrift Der Revoluzzer herausgab, für die er auch selber Texte schrieb. HUGO BALL (1886– 1927) veröffentlichte darin sein beeindruckendes Antikriegsgedicht Totentanz 1916.

Im großen und ganzen aber lebten Emigranten und Schweizer unbeachtet voneinander; RICHARD HUELSENBECKs (1892–1974) Bonmot »Schweizer sind damals in Zürich gar nicht vorhanden gewesen« veranschaulicht die Situation recht deutlich. Die Emigration blieb unter sich, das Café Odeon in Zürich avancierte zu einem Zentrum der europäischen Moderne. Dort saß man zusammen, dort wurden Pläne geschmiedet für eigene Zeitschriften und künstlerische Aktionen. Dort, oder vielleicht im Café Terrasse, könnte auch der Plan einer Künstlerkneipe mit eigener Bühne entstanden sein. Am 5. Februar 1916 jedenfalls wurde sie in der Spiegelgasse 1, in der ehemaligen »Holländerschen Meierei«, nur wenige Schritte von Lenins Zürcher Domizil, eröffnet. Das abendliche Programm im »Cabaret Voltaire«, wie die Kneipe bald hieß, bestritten hauptsächlich HUGO BALL und EMMY HENNINGS (1885–1948), TRISTAN TZARA (1896–1963), MARCEL JANCO (1894–1984), HANS ARP (1887–1966), RICHARD HUELSENBECK. Vorgetragen wurden eigene Texte, dazu deutsche und französische Chansons, russische Volkslieder, Gedichte, Lieder und Szenen von WEDEKIND, RIMBAUD, SCHICKELE und anderen. Mit dem Leitgedanken, den Bürger zu verblüffen und zu provozieren, löste man sich allerdings bald von traditionellen Formen und Inhalten. In den Vordergrund rückten experimentelle Aktionen mit Tanz, Musik, Rezitation, Maskenspiel. Dada war geboren. Am 13. Juli 1916 gab es die erste Dada-Soiree, schon außerhalb der »Meierei« im Zunfthaus zur »WAAG«, sieben weitere öffentliche Veranstaltungen folgten bis zum April 1919. Zunehmend wandte man sich auch der bildenden Kunst zu, in der Bahnhofstraße entstand die »Galerie Dada«. Jahre später bilanzierte ARP:

»Angeekelt von den Schlächtereien des Weltkrieges gaben wir uns in Zürich den schönen Künsten hin. Während in der Ferne der Donner der Geschütze grollte, sangen, malten, klebten, dichteten wir aus Leibeskräften. Wir suchten eine elementare Kunst, die den Menschen vom Wahnsinn der Zeit heilen und eine neue Ordnung, die das Gleichgewicht zwischen Himmel und Hölle herstellen wollte«²⁷.

Der Anteil der Schweizer an Dada war gering. Allein einige bildende Künstler, etwa die mit Arp befreundete Kunsterzieherin SOPHIE TAEUBER (1889–1943), auch der Zürcher Komponist HANS HEUSSER (1892–1952), stellten einen engeren Kontakt zu den Dadaisten her. Der junge FRIEDRICH GLAUSER gelangte über die Bekanntschaft mit dem Wiener Maler MAX OPPENHEIMER (1885–1954) in diesen Kreis. Im »Cabaret Voltaire« bereitete er hin und wieder »Sprachsalat«, übernahm Statistenrollen und betätigte sich als Hilfskassierer. Auf seine späteren literarischen Arbeiten – sieht man einmal ab von einigen autobiographischen Aufzeichnungen, die von Oktober 1931 bis 1935 in lockerer Folge im Schweizer Spiegel erschie-nen²⁸ – hat die Begegnung mit Dada-Zürich keinen Einfluß mehr gehabt.

Das trifft auf die Schweizer Kunst und Literatur insgesamt zu. Als die Dadaisten nach dem Krieg Zürich verließen, blieb dort kaum eine Spur; Fortentwicklungen gab es in Berlin, Paris, New York, nicht aber in der Schweiz. Schon von den letzten Veranstaltungen im »Cabaret Voltaire« hatte die Öffentlichkeit kaum mehr Notiz genommen. In den Zeitungsredaktionen konzentrierte man sich ganz auf die innenpolitischen Ereignisse. Die Schlagzeilen lieferte der Generalstreik vom November 1918. Mit ihm fanden die sozialen Auseinandersetzungen dieser Kriegsjahre, die unter dem Einfluß der revolutionären Ereignisse in Rußland und Deutschland mehr und mehr auch politische Brisanz erhalten hatten, ihren Höhepunkt. Erstmals seit 1847 sah der Liberalismus sein gesellschaftliches System prinzipiell in Frage gestellt. »Der bürgerliche Bundesrat (sechs Freisinnige und ein Katholisch-Konservativer) gab sich zwar mit Hilfe seines Vollmachtenregimes überlegen autoritär, vermochte aber in keiner Weise die sozioökonomische Krise in den Griff zu bekommen.«²⁹ Im Juni 1918 zählte man rund 700.000 »notstandsberechtigte Personen« in der Schweiz, das Fabrikgesetz war außer Kraft gesetzt, Preissteigerungen weiterhin an der Tagesordnung. Bereits im November 1917 gab es bei Barrikadenkämpfen in Zürich drei Tote und zahlreiche Verletzte. Im Verlauf der nächsten Monate verschärfte sich die Situation. Der von einem Aktionsausschuß der Arbeiter (Oltener Komitee) aufgestellte Forderungskatalog (Neuwahl des Nationalrates auf Grundlage des Proporzes, 48-Stunden-Woche, Sicherung der Lebensmittelversorgung, Alters- und Invalidenversicherung, aktives und passives Wahlrecht für Frauen u. a.) wurde vom Bund abgelehnt (das Frauenstimmrecht wurde auf Bundesebene erst 1971 eingeführt). Schließlich rief das Oltener Komitee für den 12. November den Landesgeneralstreik aus. Der Bund reagierte mit einem verstärkten Truppenaufgebot. Da diese Maßnahme von der eilig einberufenen Bundesversammlung legitimiert wurde, konnte der Bundesrat in die Offensive gehen: Er stellt die ultimative Forderung nach bedingungslosem Widerruf des Streiks. In der Nacht zum 14. November beschloß das 0ltener Komitee den Abbruch des Kampfes. Am nächsten Tag schrieb ERNST NOBS im Volksrecht: »Es ist zum Heulen! Niemals ist schmählicher ein Streik zusammengebrochen. Zusammengebrochen nicht unter den Schlägen des Gegners, nicht an der Entkräftung, nicht an der Mutlosigkeit der eigenen Truppen, sondern an der feigen, treulosen Haltung der Streikleitung.«

Die Kraftprobe war zugunsten des bürgerlichen Staates ausgefallen. Wesentliche Forderungen der Arbeiter wurden jedoch in den Folgejahren, in denen bei Wirtschaftskrise und teilweise hoher Arbeitslosigkeit die sozialpolitischen Kämpfe weitergingen, nach und nach erfüllt. Früher als geplant, wählte man 1919 einen neuen Nationalrat, im Juni des gleichen Jahres wurde ein neues Fabrikgesetz verabschiedet, das den Acht-Stunden-Arbeitstag vorschrieb, 1925 schließlich der Grundsatz der Altersversicherung in die Verfassung aufgenommen. Das Verhältnis der Parteien blieb bis in die dreißiger Jahre »durch das Landesstreikressentiment be-stimmt«³⁰. Die SPS lehnte 1920, nach heftigen innerparteilichen Auseinandersetzungen und Abspaltung linker Kräfte – diese gründeten im März 1921 die Kommunistische Partei der Schweiz –, den Beitritt zur Dritten Internationale ab, gab sich gleichzeitig aber ein Programm, das die Errichtung der Diktatur des Proletariats als Schritt auf dem Weg zu einer angestrebten sozialistischen Gesellschaft vorsah. Zwar wurde dieses Konzept im Verlauf der zwanziger Jahre von einer reformistischen Tagespolitik verdrängt, dennoch betrachteten die bürgerlichen Parteien die SPS als einen Gegner, vor dem »eine (nicht existierende) ›bürgerliche Sozialord-nung‹ zu verteidigen«³¹ war.

Zwischen Aufbruch und Krise – die zwanziger Jahre

Die bürgerliche Schweiz überstand den Krieg und die innenpolitische Krise, aber die geistige Erregung in diesen Jahren war derart groß, daß es vielen schien, als würden »Schalen und Krusten«³² zerbrochen. Überall erklangen Stimmen, die zur Veränderung riefen. Bereits 1917 veröffentlichte der Theologe LEONHARD RAGAZ (1868–1945) sein Buch Die Neue Schweiz, in welchem er, religiöse und sozialistische Ideen verbindend, eine die Würde aller Menschen achtende Gesellschaft forderte. Ein Jahr später erschienen die Schweizer Literaturbriefe, mit denen EDUARD KORRODI die Schriftsteller des Landes aufrief, die Schule KELLERs, in der man so lange sitzengeblieben sei, zu verlassen, um künftig »auf die weiße Fläche der Zukunft ein schöpferisches Wort der Hoffnung und des Glaubens an eine Weltveränderung«³³ mitschreiben zu können. Nicht länger bedürfe es einer ästhetisch anspruchslosen Heimatdichtung, nötig sei die Hinwendung zu europäischen Horizonten. Die Literaturwissenschaft und -kritik forderte er auf, »auch den linken Flügel unserer Literatur mehr leben und gelten zu lassen oder ihn eigentlich wieder zu entdecken, um zu wissen, daß neben dieser Schweizerliteratur die andere Schweizerliteratur besteht, in der es sogar beträchtliche Rebellen gegen den Seldwylergeist gibt, angeführt von dem Tasso unter Demokraten in Spittelers ›Imago‹ bis zum ›Landstürtzer‹ Paul Ilgs und Moeschlins ›Hermann Hitz‹.«³⁴

Um dieser »andere(n) Schweizerliteratur« mehr Geltung zu verschaffen, gab KORRODI 1919 dann den Sammelband Die junge Schweiz mit Arbeiten von oder über ROBERT WALSER, JAKOB SCHAFFNER, ALBERT STEFFEN, MAX PULVER, SIEGFRIED LANG, ROBERT FAESI, FRITZ ERNST und andere heraus. Was hier und anderswo von den ›Jungschweizern‹ an Kritik geäußert wurde, galt vorrangig der Heimatliteratur. Ausgespart wurde aber auch nicht das KELLERsche Werk. »GOTTFRIED KELLER ist uns zu beschaulich geworden«³⁵ – verkündete HANS GANZ. Und JAKOB SCHAFFNER meinte seinem literarischen Ahnen bescheinigen zu müssen, daß er »Novellen von dem dämonischen Glanz, wie sie heute von einigen unter uns existieren«³⁶, nie hätte schreiben können. – Es war ein vorgetäuschtes Selbstbewußtsein, was sich hier artikulierte. Nur zu deutlich spürten die ›Jungschweizer‹ ihre eigene Unsicherheit vor dem Werk KELLERs, nur zu deutlich spürten sie auch, daß ein beachtlicher Teil der nach wie vor zumeist bürgerlichen Leser die drei großen Realisten des 19. Jahrhunderts durchaus noch als Zeitgenossen betrachtete. So mag es niemanden verwundert haben, daß bereits wenige Jahre später die traditionelle Schweizer Literatur wieder in ihre Rechte gesetzt wurde. Überraschender war da schon, daß ausgerechnet KORRODI mit seiner Aufsatzsammlung Die moderne Schweizer Literatur (1924) diesen Umkehrprozeß einleitete, daß er darüber hinaus sogar bereit war, der Heimatkunst wieder Tür und Tor zu öffnen.

Die Literatur selbst folgte diesem Umkehrprozeß in einem gewissen Abstand. Zu groß war vorerst der Drang nach Veränderung, der aus der »ganz besondere(n) Art von Opfern« erwuchs, die der Krieg den Schweizern abverlangt hatte: »Opfer eines scheinhaften, leeren Lebens, eines verzweifelten Gefühls, zu altern, bevor es zur Tat komme«³⁷. So suchte man den Anschluß an die Welt, so hoffte man auf den »Aufbruch des Herzens«, den der Titel eines Gedichtbandes von KARL STAMM verkündete. Über die Grenzen tönte der Expressionismus herüber, von dem sich nicht wenige Schweizer Autoren beeindrucken ließen. Den teilweise extremen Sprach- und Formversuchen der Moderne aber wollte oder konnte man sich nicht anschließen. Behutsamer suchte man in Prosa und Lyrik – sie erlebten in diesen Jahren eine kurze Blütezeit – ein eigenes Wort des Neuanfangs zu formulieren.

Ohne Zweifel spielten bei der ästhetischen Neuorientierung der Schweizer Literatur zu Beginn der zwanziger Jahre auch die in einer Atmosphäre der ›Metaphysik der Ruinen‹ der Nachkriegszeit sich aktivierenden Tendenzen und Strömungen der deutschen idealistischen Denkschule (die Lebensphilosophie, die westeuropäischen Spielarten der ›östlichen Weisheit‹, die Lehren OSWALD SPENGLERs und SIGMUND FREUDs) eine Rolle. Ergänzt wurde dieses Angebot durch eine Reihe tradierter Errungenschaften schweizerischen Denkens, etwa durch den historisierenden Ästhetizismus JACOB BURKHARDTs (1818–1897), die Symbolik des Muttermythos von JOHANN JAKOB BACHOFEN (1815–1887) oder die ›Archetypen‹-Lehre von CARL GUSTAV JUNG (1875–1961). Die von diesen Wissenschaftlern gepflegte Kunst des literarisch wie inhaltlich anspruchsvollen Essays fand übrigens in der Schweiz bis in die Gegenwart eine überzeugende Fortsetzung. Markiert wird diese bedeutsame Traditionslinie unter anderem durch die Arbeiten von CARL JACOB BURCKHARDT (1891–1974), FRITZ ERNST (1889–1958) oder MAX RYCHNER (1897–1965), durch essayistische Texte von Literaturwissenschaftlern wie FRITZ STRICH (1882–1963), WALTER MUSCHG (1898–1965), EMIL STAIGER (1908–1987) oder KARL SCHMID (1907–1974). Nicht zuletzt haben sich zahlreiche Schriftsteller des Landes immer wieder des Essays bedient.

Trotz weitgreifender Ansätze – bereits um die Mitte der zwanziger Jahre ist ein »Versanden geistiger Wagnisse«³⁸ zunehmend spürbar. Für ROBERT WALSER oder JAKOB SCHAFFNER, für MEINRAD INGLIN ODER MAX PULVER wird jetzt die Suche nach einem Ausweg aus der Sackgasse geistiger Isolation und intellektuell-ästhetischer Unbeweglichkeit zu einem qualvollen Ringen. Ihre Werke und die anderer, die zum Überdenken der Situation und zur Veränderung aufriefen, stießen mehr und mehr auf Befremden und Unverständnis. Jegliche Polemik mit dem Bestehenden erregte Verdacht. Teilweise nimmt die Suche nach »Privatwege(n) aus dieser Stagnation«³⁹ tragische Formen an. ROBERT WALSER verstummte und verbrachte die letzten Lebensjahre in einer Heilanstalt, JAKOB SCHAFFNER suchte außerhalb der Schweiz nach Erhabenheit und Größe, andere wichen aus in die Historie, die Exotik oder den Sprachrausch. Nicht wenige wandten sich völlig von der Literatur ab: »Pulver wird Graphologe, Fankhauser Astrolog, Straßer immer ausschließlicher Psychoanalytiker. Man glaubt(e) vielerorts nicht mehr daran, daß Literatur, gestaltete Sprache, die Welt bewegen könnte«⁴⁰.

Hauptlinien der literarischen Entwicklung von der Jahrhundertwende bis zum Ende des Ersten Weltkriegs

(Ilona Siegel)

Am Ausgang des 19. Jahrhunderts war es in Europa zu einer raschen Industrialisierung und Verstädterung gekommen, die ein Anwachsen der Bevölkerung und der Arbeiterbewegung, verstärkte Mobilität und soziale Umschichtung nach sich zogen. Daß mit dem Aufschwung von Naturwissenschaft und Technik, dem materiellen Fortschritt überhaupt, ein Defizit an moralischen und geistigen Werten zu beobachten sei, beklagte nicht nur JAKOB SCHAFFNER in der Geschichte der schweizerischen Eidgenossenschaft (1915). Auf künstlerischem Gebiet schlugen sich die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen zuerst in Frankreich nieder, wo mit dem Auftreten von Naturalismus, Impressionismus und Symbolismus die Entwicklung der künstlerischen Moderne eingeleitet wurde. In Deutschland setzte die Phase literarischer Erneuerung etwa zwischen 1886 und 1896 ein, in Österreich zwischen 1895 und 1904, in der Schweiz zuletzt, etwa ab 1904/05.

Der Österreicher HUGO VON HOFMANNSTHAL sprach in seinem Vortrag Der Dichter und diese Zeit (1906) von der »Vieldeutigkeit und Unbestimmtheit«, der Innerlichkeit als Wesen seiner Epoche, vom schöpferischen Austausch des Gleichzeitigen.⁴¹ Im Europa der Jahrhundertwende spiegelte sich das in einem Nebeneinander verschiedenster literarischer Bewegungen; auf kritischen Realismus und Naturalismus folgten gegennaturalistische und symbolistische Tendenzen, Stilkunst und Heimatkunst, später Futurismus, Expressionismus und Dadaismus, dazu eroberte sich die Trivialliteratur immer mehr an Terrain. Die mit dem Fin de siècle verbundene Unruhe- und Erwartungshaltung ergriff nicht nur die Literatur, sondern ebenso Malerei, Architektur, Tanz, Musik, Theater oder Philosophie und Geisteswissenschaften.

Ursachen für die ›literarische Verspätung‹ in der Schweiz sind vor allem in den bereits skizzierten gesellschaftspolitischen, ökonomischen und kulturellen Besonderheiten des viersprachigen, föderalistisch organisierten Landes zu suchen. Da Großstädte und kulturelle Zentren fehlen – Zürich oder Basel sind trotz Bevölkerungsexplosion mit Paris, Berlin, Wien oder Prag als Metropolen nicht zu vergleichen –, ist der Boden weder für Naturalismus noch Formen der Bohemekultur bereitet, die Arbeiterliteratur steckt in den Anfängen. Arbeiterführer wie HERMANN GREULICH, MAX TOBLER, FRITZ BRUPBACHER oder WILLI MÜNZENBERG schrieben selbst oder bemühten sich um Sammlung und Herausgabe von literarischen Zeugnissen der proletarischen Bewegung. Zu den beeindruckenden Arbeiten gehören zumeist autobiographisch angelegte Berichte, die Einblick in die Alltagswelt der Arbeitenden geben, zum Beispiel ANNELIESE RÜEGGs (1879–1934) Erlebnisse einer Serviertocher. Bilder aus der Hotelindustrie (1914) oder PAUL HALLERS (1882–1920) Mundartschauspiel Marie und Robert (U. 1917, Aargau), das mit großer Wucht die Härte proletarischen Schicksals gestaltet. Der einzige Autor, der sich – zwischen KELLER und der Robert-Walser-Generation stehend – zum Naturalismus bekannte, ist der heute vergessene WALTER SIEGFRIED (1858–1947) mit dem Roman Tino Moralt. Kampf und Ende eines Künstlers (Jena 1890, 2 Teile in einem Band; durchges. Neuausg. 1911). Bemerkenswert an diesem autobiographisch grundierten Werk ist weniger die (halbherzige) naturalistische Basis als vielmehr die Verteidigung der künstlerischen Individualität, die ihren Ganzheitsanspruch durch schöpferische Arbeit und individuelle Freiheit legitimiert. Auseinandersetzungen mit dem Vater, der eine solide bürgerliche Lebensbahn fordert und die künstlerischen Fähigkeiten des Sohnes nicht anerkennt, die zu späte Ausbildung als Maler, die ein Mißverhältnis von Anspruch und Ergebnis nach sich zieht, lassen den Protagonisten im Wahnsinn enden; in der zweiten Fassung vertauscht Tino Moralt den Pinsel mit der Feder und sucht seine Probleme schreibend zu bewältigen. Siegfrieds folgende Werke passen sich inhaltlich immer stärker der Heimatkunst an.

Während die Tradition des Naturalismus so gut wie ausgespart und der Dadaismus das Werk von Emigranten blieb, konnte sich der Expressionismus in der Schweiz – zwar verspätet und weniger kühn – aber durchsetzen.

Heimatliteratur und traditionelles Erzählen – Ernst Zahn, J. C. Heer, Alfred Huggenberger und andere

Charakteristisch für die Jahre zwischen 1895 und 1905 war nicht das Widerspiel der Ismen, sondern die Dominanz der Heimatkunst. Diese hatte in der Schweiz und in Süddeutschland schon immer ein Zentrum. Mit der Agrarkrise einerseits, die vor allem Deutschland und besonders Preußen betraf, und der gegennaturalistischen Bewegung andererseits verlagerte sich dieses Zentrum nach dem Norden Deutschlands. Hier sammelten sich die agrarisch-konservativen, liberalen und deutschvölkischen Schriftsteller und Theoretiker der Heimatkunst und propagierten bäuerliche Probleme als Lebensfragen der Nation. ADOLF BARTHEL, zur letzen Richtung zählend, entdeckte in den neunziger Jahren JEREMIAS GOTT-HELF für das deutsche Publikum wieder und feierte ihn als »Vater der Heimatkunst«, da in seinem Werk der »konservative Geist« und der »soziale Geist« paradigmatisch hervortreten würden – das heißt eine Verbindung von Antikapitalismus und Antisozialismus auf konservativer Basis.⁴² Krisen- und Zerfallserscheinungen wie Wucher, Bodenspekulation, Industrialisierung und Massentourismus werden im Heimatkunstroman – wenn beschrieben – moralisch oder psychologisch motiviert (vgl. ALFRED HUGGENBERGER: Die Bauern von Steig, 1913; oder J. C. HEER: Felix Notvest, 1901). Sozialökonomische Faktoren erscheinen als von außen hereinbrechende unberechenbare Mächte, die die ehrbaren Bauern und Dorfbewohner ›verführen‹, ausschließlich nach Macht und Reichtum zu gieren. Zur positiven Gegenwelt wird die enge Verbindung von Mensch und Natur/Bergen, die im Biologischen und Religiösen, nicht im Sozialen verankert ist. Der bäuerliche und bürgerliche Mittelstand, aus dem sich die meisten Helden rekrutieren, erweist sich als Hort strenger Arbeitsethik, von Sitte, Brauchtum und Glaube oder als der Ort, von den Schäden der Zivilisation zu gesunden – wie in LISA WENGERs (1858–1941) Er und Sie und das Paradies (1918). Obwohl Nationalbewußtsein und Patriotismus während der 600-Jahr-Feiern genügend Nahrung erhielten, prägten sich in der Heimatkunst Schweizer Provinienz – im Unterschied zu Deutschland – keine chauvinistischen oder antisemitischen Elemente aus, geschuldet wohl auch der besonderen Stellung der Bauern und dem Demokratieverständnis in der Eidgenossenschaft.

ROBERT FAESI kam in seinem wohlwollenden Resümee zu Beginn der zwanziger Jahre nicht umhin, den Blick auf die künstlerischen Mängel dieser Literatur zu lenken:

»Zu engbegrenzt ist diese Heimatkunst schon stofflich geblieben, und innerhalb ihrer kleinstädtisch-ländlichen Welt sieht sie selten groß genug. Sie richtet wie der Bauer beim Säen das Auge auf die Scholle nieder und läßt sich dadurch den Zusammenhang entgehen, sie stellt Einzelfälle als solche losgelöst von allgemeinen Fragen dar; sie ist ganz auf Gegenstände, aber gar nicht auf Probleme eingestellt. Und jene Einzelfälle frappieren weder durch den Reiz der novellistischen Seltenheit, noch durch eine zwingende Typisierung. Zwar kann auch den unscheinbarsten und alltäglichsten Gestalten Großes begegnen, aber in unserer Literatur geschieht es zu wenig. Sie beschränkt sich allzu behaglich darauf, auf Dutzenden von Seiten auszumalen, wie der Heiri beim ersten Kuhhandel übers Ohr gehauen wird, wie Hans die

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