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Holopsychologie: Ein Handbuch der Seele mit Geschichten, Gedanken & Gebrauchshinweisen

Holopsychologie: Ein Handbuch der Seele mit Geschichten, Gedanken & Gebrauchshinweisen

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Holopsychologie: Ein Handbuch der Seele mit Geschichten, Gedanken & Gebrauchshinweisen

Länge:
517 Seiten
6 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 6, 2014
ISBN:
9783990381595
Format:
Buch

Beschreibung

Der analytische Psychotherapeut Wilhelm Schmidt setzt sich intensiv mit dem alten schamanischen Menschheitswissen auseinander und erkennt darin ein weithin unbekanntes spirituelles Potenzial, das unsere westliche Sichtweise von der menschlichen Seele entscheidend erweitert und dadurch hilft, persönliche wie gesellschaftliche Krisen zu verstehen und zu bewältigen.
In seine neue Sichtweise führt der Autor mit fünf Geschichten von Menschen ein, bei denen es um unterschiedliche seelische Themen geht. Die im zweiten Teil des Buches dargestellte Holopsychologie wird mit Gedanken aus verschiedenen Wissensgebieten, darunter der Quantenmechanik, untermauert. In einem dritten praktischen Teil geht es um individuelle Schritte hin zu einem glücklicheren Leben.
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 6, 2014
ISBN:
9783990381595
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Holopsychologie - Wilhelm Schmidt

Literatur

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2014 novum publishing gmbh

ISBN Printausgabe: 978-3-99038-158-8

ISBN e-book: 978-3-99038-159-5

Lektorat: Mag. Barbara Büchel

Umschlagfoto: Dr. Joachim Lehmann, Erfurt

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

Innenabbildungen: Bild 1 © Carmen Ensslen, 2008, Bild 2, 6, 12, 25 © Dr. Wilhelm Schmidt, München, Bild 3, 4, 5, 13, 14, 16,17, 18, 19, 20, 21, 22, 23 © Peter S. Zöller, München, Bild 15 © Karin Furtmeier, München, Bild 7, 8, 9, 10, 11, © Direktor Verlag, Kerkrade (vormals Hoppers Verlag), Bild 24 © Dr. Joachim Lehmann, Erfurt

www.novumverlag.com

Vorwort

Den Anstoß für das vorliegende Buch gab die wiederkehrende Beobachtung, dass Patienten, die meine psychotherapeutische Praxis aufsuchen, meist nur vage Vorstellungen davon haben, was ihre Seele ihnen durch entstandene Probleme oder Krankheiten eigentlich sagen will. Ihnen fehlt ein allgemeines Wissen über die Seele; was sie ist, wie sie funktioniert und worauf seelische Entwicklung hinausläuft. Dazu im Gegensatz beobachtete ich bei meinen Patienten ein dringendes Bedürfnis zu funktionieren, die stärker werdenden Ansprüche unserer modernen Gesellschaft zu erfüllen, sich in effiziente Arbeitsabläufe einzufügen oder sich in komplizierter werdenden Beziehungsdramen zurechtzufinden. Beide Beobachtungen ergänzen sich wie zwei Seiten einer Medaille. Die meisten Menschen haben in sich eine mechanistische Weltsicht aufgenommen. Sie versuchen, ein Rädchen in einem großen Uhrwerk zu sein, das keine Schwierigkeiten macht, und verfügen entsprechend über ein sehr großes technisches Können. Diese Weltsicht lässt zu wenig Spielraum für die seelischen Wünsche und Entwicklungsprozesse, deretwegen wir auf Erden sind.

Die unausweichliche Folge davon ist ein Zunehmen seelischer Erkrankungen sowie vielerlei gesellschaftlicher Symptome, die darauf hinweisen, dass auch unsere Gemeinschaftsseele sich unwohl fühlt und krankt. Die Zusammenballung dieser kollektiven Symptome im Rahmen von Krisen aller Art führt umgekehrt dazu, dass der Einzelne eine untergründige Angst verspürt und oftmals Gefahr läuft die Hoffnung auf eine Zukunft zu verlieren, in der wesentliche seelische Bedürfnisse verwirklicht werden können.

Auf meinem persönlichen Weg habe ich das aus der modernen Psychologie stammende Wissen ergänzt um das Wissen von Heilern und Schamanen, deren Aufgabe seit jeher darin besteht, einträchtige Beziehungen unter den Menschen und zwischen dem Menschen und seiner Umwelt herzustellen. Dieses bei uns allmählich stärker zur Kenntnis genommene spirituelle Wissen birgt einen großen Schatz in sich, der unsere westlichen Sichtweisen der menschlichen Seele in faszinierender Weise erweitern kann. Die Aufnahme der „nativen Psychologie in mein therapeutisches Denken und Handeln fügt sich in einen übergeordneten Veränderungsprozess ein, innerhalb dessen nicht nur Wirtschaftsabläufe globalisiert werden, sondern der exponentiell wachsende Zugang zu Wissen und Information zu einem Austausch von Bewusstseinsinhalten führt, der als „mentale Globalisierung bezeichnet werden kann. Diesem Prozess einer unmerklichen, doch stetigen Bewusstseinsveränderung kann sich auf Dauer kein Mitglied unserer Gesellschaft seelisch entziehen, was bisher nur wenig reflektiert wurde.

In der meinen persönlichen Weg begleitenden wissenschaftlichen Arbeit stellte ich fest, dass das alte schamanische Wissen und seine Heilverfahren gut mit modernen wissenschaftlichen Ansätzen in Einklang zu bringen sind. So haben Erwin Lazlo oder David Bohm das aus der Physik stammende „holografische Paradigma" gedanklich weiterentwickelt und zahlreiche Arbeiten vorgelegt, die vermuten lassen, dass das Universum über einen holografischen Aufbau verfügt. Das menschliche Gehirn arbeitet als Teil dieses Universums in seiner Funktionsweise ebenfalls holografisch und bildet die Welt in holografischer Art ab. Aus diesem Ansatz heraus lässt sich erklären, dass unsere Seele als ein geistiges Gebilde Ähnlichkeiten mit dem Kosmos selbst aufweist, was Schamanen schon immer vermuteten. Es ist faszinierend, die menschliche Seele nicht nur aus dem traditionellen, nativen Blickwinkel, sondern auch vor dem Hintergrund moderner Erkenntnisse aus der Quantenmechanik zu betrachten. Unverhofft hatte mich der Weg zu den alten Sichtweisen der menschlichen Seele zu sehr modernen wissenschaftlichen Betrachtungsweisen geführt, die in der westlichen Psychologie noch weniger zur Kenntnis genommen werden als das spirituelle Wissen der Schamanen.

Meine inzwischen über ein Jahrzehnt dauernden Bemühungen um eine umfassendere Sicht der menschlichen Seele werden in diesem Buch vorgestellt. Es ist – meinen persönlichen Weg nachzeichnend – in drei Teile unterteilt.

Da für die meisten Menschen alle Theorie grau ist, habe ich im ersten Teil den bewährten schamanischen Weg des Geschichtenerzählens gewählt, um in die gleichermaßen alte wie moderne Sicht der menschlichen Seele einzuführen. Fünf Geschichten werden erzählt von Menschen, die mir auf unterschiedliche Weise einen Einblick in ihre Seele schenkten. Bestimmte Details mussten dabei abgewandelt werden, um die Anonymität der Personen zu wahren. Im Rahmen des Erzählflusses stelle ich meine Erfahrungen, Gefühle und Gedanken dar, und der Leser kann sich ein eigenes Bild machen, wie beispielsweise eine schamanische Heilung aussieht und was sie über unsere menschliche Seele und ihre Einbettung in ein großes Ganzes erzählt. Es werden Themen berührt wie Burn-out, persönliche Krisen und ihre Zuspitzung oder traumatische Erfahrungen und ihre Bewältigung. Im Verlauf der Geschichten gehe ich auf übergeordnete Zusammenhänge ein und skizziere nebenbei das hier vorgestellte holopsychologische Verständnis der Seele. Ich berühre immer komplexere Themen, wie zum Beispiel die Frage der Wiedergeburt oder die Frage, wohin sich unsere Gemeinschaft zu bewegen scheint.

Der zweite Teil des Buches stellt meine Gedanken über die menschliche Seele dar. Dies ist der theoretische Teil. Während ich zuerst das schamanische Wissen von der Seele umreiße und es in respektvoller Weise in unsere Sprache zu übersetzen versuche, vertrete ich danach die Auffassung, dass unsere moderne Psychotherapie in vielerlei Hinsicht auf dieses alte Wissen zurückgreift, ohne sich dessen bewusst zu sein. Der Rückgriff auf das alte Wissen macht zudem deutlich, dass die moderne Psychologie bestimmte Bereiche unserer Seele verkürzt – vor allem ihr spirituelles Potenzial. Der Mensch erschuf schon immer spirituelle Sichtweisen der Welt – vor denen die Wissenschaft Angst zu haben scheint. Ich untersuche, woher diese Angst kommt und formuliere einen eigenen psychologischen Ansatz, den ich als Holopsychologie bezeichne. Dieser ergänzt bestehende Betrachtungsweisen und wird unserer menschlichen Seele – vor allem ihren geistigen Anteilen – besser gerecht. So gehe ich davon aus, dass unsere Seele sich umfassend bemüht, sich im Leben selbst zu erfahren; sie erschafft ihren eigenen Seelenfilm. Dieser Seelenfilm hat bestimmte Gesetzmäßigkeiten, mit denen sich nicht nur Psychologen, sondern auch Dramaturgen und Drehbuchautoren beschäftigen. Ich vergleiche den individuellen Seelenfilm mit Kinoproduktionen, deren sich wiederholende Grundstruktur auch in unserem persönlichen Lebensfilm auftaucht. Darauf aufbauend zeige ich, dass auch unsere Kollektivseele im globalen Geschehen an einem großen Film arbeitet, der auf einen dramatischen Höhepunkt zusteuert. Dieser kollektive Film dient dazu, uns selbst zu erfahren, unser Bewusstsein zu erweitern und – so wir es wollen – diese Welt zu verändern. Denn die Krisen unserer heutigen Gesellschaft sind weniger politische und ökonomische als seelische und geistige Krisen, die danach verlangen, als solche verstanden zu werden.

Bei der Darstellung meiner holopsychologischen Gedanken über die menschliche Seele war mir ihre Anschaulichkeit besonders wichtig. Da alle hier niedergelegten Ausführungen ursprünglich von meiner psychotherapeutischen Tätigkeit ausgingen, lag es nahe, meine Gedanken – insbesondere zum Seelenfilm – mit vielen Fallbeispielen von Patienten zu illustrieren, die mir dankenswerterweise ihr Einverständnis für diese Veröffentlichung gaben. Der Leser, der den theoretischen Betrachtungen des zweiten Teils folgt, wird durch ungewohnte, unvermeidbarerweise auch anspruchsvolle Gedankengänge herausgefordert werden. Er wird belohnt dadurch, dass meine Ausführungen ihn zuletzt zu einer völlig neuen Betrachtung der menschlichen Seele führen, die voller praktischer Relevanz ist. Diese praktische Relevanz betrifft sogar den politischen Bereich.

Im dritten Teil vertrete ich die Auffassung, dass sich unsere Welt nicht „von oben, sondern nur durch seelische Arbeit und Bewusstseinsveränderung jedes Einzelnen verändern lässt. Ich hoffe, dass ich den Leser an jener Stelle bereits davon überzeugen konnte, dass sich Individual- und Kollektivseele ähneln – entsprechend dem Prinzip: „Wie im Großen, so im Kleinen. Veränderungen „im Kleinen wirken auf das große Ganze zurück. Ich erlaube mir deshalb, fünf „Gebrauchshinweise zu formulieren, die dazu dienen sollen, Schritte in ein glücklicheres Leben zu unternehmen – und damit auch die Welt, in der wir leben, zu verändern. Dabei geht es um die Handhabung seelischer Prozesse. Auch der Aufbau unserer Hand folgt holografischen Prinzipien. Indem ich anhand der Hand fünf einzelne Veränderungsschritte beschreibe, veranschauliche ich die ebenfalls holografische innere Struktur der Seele. Das Ziel dieser Hinweise ist, zu einer größeren seelischen und geistigen Freiheit zu gelangen, damit das Leben wieder Spaß und Freude machen kann.

Im Sinne der Selbstanwendung habe ich mich bemüht, das holografische Prinzip „Wie im Großen, so im Kleinen" auf den Text dieses Buches anzuwenden. Der Leser kann, wenn er möchte, nur Teile des Textes lesen. Er wird trotzdem einen Eindruck seiner Gesamtinformation erhalten. Durchgängig habe ich mich darum bemüht, eine Sprache zu finden, die sowohl den Laien anspricht, der etwas über seine Seele erfahren möchte, als auch den Fachmann, der sich mit neuen Gedankengängen anfreunden will.

An dieser Stelle möchte ich mich bei allen Patienten, Coachees und Trainees bedanken, die den Mut aufbrachten, die neuen Heilverfahren kennenzulernen und mir damit Gelegenheit gaben, den geschilderten Ansatz zu entwickeln. Besonderer Dank gilt jenen Klienten, die sich mit der Veröffentlichung ihrer Geschichte einverstanden erklärten. Unseren schamanischen Lehrern Don Agostin, Alberto Villoldo, Don Sebastian Succle Apaza und Donna Paulina aus Qispe, Peru, sowie allen weiteren schamanischen Lehrern und compadres, die uns auf dem schamanischen Weg begleiteten, möchte ich meinen aufrichtigen Dank aussprechen, dass sie uns in der gemeinsamen Arbeit mit einer anderen Sicht der Seele und des Universums vertraut machten. Jenen psychotherapeutischen Kollegen, die meinem Prozess eines Umdenkens mit Verständnis begegneten, möchte ich an dieser Stelle danken. Das vorliegende Buch bildet den gemeinsamen Erkenntnisweg meiner Frau, Dipl. Psych. Carmen Ensslen, Psychoanalytikerin und Schamanin, und meiner Person ab und nahm seine Form in unzähligen gemeinsamen Diskussionen an, wofür ich tief dankbar bin. Wichtige Anstöße gaben die Rückmeldungen zu Rohfassungen des Manuskripts von Karin Furtmeier und Alexandra Prochaska. Herrn Peter S. Zöller danke ich für seine bereichernde Unterstützung als Fotograf. Frau Tanja Ferscha vom novum Verlag danke ich für ihre organisatorischen Hilfestellungen im Zuge der Veröffentlichung, Frau Barbara Büchel schulde ich meinen aufrichtigen Dank für ihre Geduld und Aufmerksamkeit bei der Lektorierung des Textes. Nicht zuletzt danke ich unseren Kindern Laura, Jacob und Clara, dass sie über viele Jahre hinweg meine Arbeit an diesem Buch, die auch die gemeinsam verbrachten Ferien betraf, mit Langmut und Humor akzeptierten.

Erster Teil 

Geschichten von der Seele

1 Pavels Heilung

Der Wecker gab ein anderes Signal als sonst von sich – ein Pfeifen, hoch und langgezogen, etwa wie der Pfiff eines Vogels aus großer Entfernung. Ich blickte auf das Ziffernblatt und sah, dass es zwanzig vor sieben war – kurz vor der Zeit, auf die ich den Wecker gestellt hatte. Der kleine Schalter stand immer noch auf Rot. Ich wunderte mich, wie präzise ich noch vor dem Klingeln des Weckers von alleine aufgewacht war und schaltete den Wecker aus.

Ich hatte Kopfschmerzen. Meine ganze Schädeldecke tat weh. Das konnte nur von meinem gestrigen Ärger kommen! Am Vorabend hatte ich lange mit Carmen über die Fortschritte beim Umbau unseres Tagungshauses gesprochen. Ich war sehr unzufrieden: Pavel, unser Schreiner und Allround-Handwerker, schien in letzter Zeit nur noch Fehler zu machen und Stunden zu schieben! Meine Überlegungen gipfelten darin, Pavel einfach hinauszuwerfen, obwohl mir solche Schritte zutiefst zuwider sind. Pavel arbeitete schon seit sieben Jahren immer wieder für uns und wir waren inzwischen fast zu Freunden geworden. Jetzt aber schien die Zeit gekommen zu sein für ein Ende mit Schrecken. Vielleicht war das besser als ein Schrecken ohne Ende.

Als ich hinüberfuhr nach Bernried, kamen mir Erinnerungen an meine Eltern und ihre Firma. Ich hatte das Gefühl, dass sie in ihrer Art der Personalführung vor über vierzig Jahren ein glücklicheres Händchen gehabt hatten, als ich es als Psychologe heute mit meinen Auftragnehmern hatte. Während ich diesen düsteren Gedanken nachhing, sah ich aus kurzer Entfernung eine Gabelweihe, die für einen langen Augenblick regungslos in der Luft schwebte und – wie ich meinte wahrnehmen zu können – einen lang gezogenen Pfiff ausstieß. Wenn ich auf der Fahrt zu unserem Tagungshaus Raubvögel sah, war das immer ein gutes Zeichen!

Ein bisschen später als verabredet traf ich in Bernried ein, parkte auf unserem Kieshof und lud meine Sachen aus. Am Nachmittag würden wir ein Seminar für unsere schamanische Ausbildungsgruppe halten, und so hatte ich alles Handwerkszeug, das man als Schamane braucht, bei mir. Der Termin war ein weiterer Grund, warum ich auf Pavel sauer war. Er schien sich um meinen Zeitplan einen feuchten Kehricht zu scheren. Ich wollte, dass am Wochenende die Stube mit der neuen Eckbank fertig ist, aber scheinbar war nichts vorangegangen.

Pavel begegnete mir in dem neuen Durchgang, den wir vor zwei Wochen gemeinsam gemauert hatten. Ich begrüßte ihn mit „Hallo Pavel! und sparte mir das obligatorische „Wie geht’s?

„Hallo Wilhelm, wie geht’s?", antwortete Pavel und sah mich etwas überrascht an. Er schien meine schlechte Laune sofort zu merken.

Pavel war ein bisschen kleiner wie ich, aber ungefähr doppelt so breit. Er stand da in seiner verschlissenen Arbeitshose und seinem verschwitzten T-Shirt, dieses Mal in Himmelblau, und schaute mich unsicher an.

„Ich mache heute die Fliesen", sagte Pavel nach einer Pause, in der ich geschwiegen hatte.

Ich knurrte und machte mich daran, den Baufortschritt des gestrigen Tages in Augenschein zu nehmen. Pavel hatte die Fußbodenfliesen im neu entstandenen kleinen Bad verlegt, genau um neunzig Grad verkehrt. Alles, was ich ihm nicht hundertprozentig, bis ins kleinste Detail, vorgab, ging – im Gegensatz zu früher – schief. Ich wusste genau, dass mir dieser Schönheitsfehler in den nächsten zwanzig Jahren bei jedem Blick auf den Fußboden auffallen würde.

„Wilhelm, weißt du, wo der Schwamm für die Fugen ist?", fragte er mich.

Ich ging in die Werkstatt. Pavel hatte meine mit viel Mühe aufgeräumte Werkstatt in den letzten drei Wochen in ein unbeschreibliches Chaos verwandelt, in dem nichts, aber auch gar nichts, wiederzufinden war. Mir war schleierhaft, wie er sich so zurechtfinden konnte. Ich zog einen Schwamm aus einem Eimer voller Werkzeug heraus. Er war völlig verklebt, weil ihn jemand nach dem letzten Gebrauch nicht ausgewaschen hatte.

Pavel schüttelte nur den Kopf. Ich hatte das Gefühl, er wollte mir sagen, dass er diesen Schwamm auch selber gefunden hätte.

Ich brachte ihm einen anderen Schwamm, mit dem das Verfugen notdürftig gehen konnte. Damit hatte Pavel mich zu seinem Handlanger gemacht, der ihm sein Werkzeug brachte.

***

Ärgerlich ging ich ins Haus, um mir einen Kaffee zu machen. Ich ärgerte mich darüber, dass ich mich überhaupt auf das Thema eingelassen hatte, was heute gearbeitet wurde, anstatt Pavel wegen seiner bisherigen Arbeit zur Rede zu stellen.

Als ich mit dem Kaffee in der Hand nach draußen trat, sah mich Pavel mit traurigen, wässrigen Augen an und fragte:

„Warum, Wilhelm, kommst du heute so?" Er zog dabei tief die Augenbrauen herunter, um mich zu imitieren.

„Letzten Samstag kamst du so: Ciao, hallo Pavel, wie geht’s? Pavel winkte, wie ich es sonst bei unserer Begrüßung immer getan hatte. „Hast du heute keine gute Laune!?

Darauf hatte ich gewartet. Jedes Mal, wenn Pavel Stress hatte, wurde sein Deutsch schlechter. Er sollte ruhig ein bisschen Stress haben, fand ich.

„Ich bin auch nicht besonders zufrieden", eröffnete ich und ging mit ihm in die Stube. Ich warf einen Blick auf die Eckbank, die Pavel in vier Tagen gebaut hatte. Es war eine komplizierte Arbeit, das wusste ich. Alle Wände in unserem über dreihundert Jahre alten Haus waren schief, und es war eine zeitraubende Geduldsarbeit, genaue Einbauten vorzunehmen. Ich hatte das auch einkalkuliert, dennoch hatte alles doppelt so lange gedauert, wie ich veranschlagt hatte. Es dauerte so auffallend lange, dass ich den Verdacht hegte, Pavel bringe die Hälfte der Zeit auf einer anderen Baustelle zu und schreibe mir diese Stunden auf.

Ich blickte auf die Eckbank, die mich auf diese Weise viel Geld kostete und mir trotzdem nicht richtig gefiel. Die geschnitzten Kassetten, die noch von meinem Großvater stammten, waren nicht in der Mitte der Täfelung angebracht, sondern nur zwei Zentimeter über der Sitzfläche. Das wirkte unproportioniert. Ich wusste, dass es mir damit in den nächsten zwanzig Jahren genauso gehen würde wie mit den Fußbodenfliesen im Bad: jeder Blick eine Erinnerung an den Moment, an dem ich die Arbeiten abgenommen und nicht den Mut gefunden hatte, dazu Nein zu sagen.

Eine Holzverkleidung für die knapp über dem Fußboden verlegten Heizungsrohre gefiel mir ebenfalls nicht. Er musste schief sein, vermutete ich. Der Heizkörper darüber verlief zur Verkleidung nicht parallel, sondern bildete einen spitz zulaufenden Winkel. Nichts schien zusammenzupassen.

Ich machte Pavel darauf aufmerksam.

„Der Koffer ist nicht schief, der Heizkörper ist schief!" Siegessicher ging Pavel in die Werkstatt, kam triumphierend mit einer Wasserwaage zurück und legte sie auf die Holzverkleidung.

„Siehst du, Wilhelm! Der Koffer ist gerade! Du hast mir gesagt, dass ich alles im Wasser bauen soll! Und der Koffer ist genau im Wasser! Der Heizkörper ist schief! Der Installateur hat den Heizkörper schief montiert, das ist nicht mein Problem!"

Soweit ich es ohne Lesebrille sehen konnte, war Pavels Werk tatsächlich ziemlich genau im Wasser. Der Heizkörper war auch ziemlich genau im Wasser, nur eben in die andere Richtung. Es war richtig, dass ich von Pavel irgendwann verlangt hatte, alles nach der Wasserwaage zu bauen. Das hatte er auch brav getan. Dass die Verkleidung mit dem schiefen Heizkörper nicht zusammenpasste, war nicht sein Problem! Ich hatte das Gefühl, Pavel machte Dienst nach Vorschrift. Zu erwarten war eigentlich, dass er als gelernter Schreiner seinen Auftrag möglichst zur Zufriedenheit seines Kunden ausführte, noch dazu eines Kunden, den er eigentlich fast seinen Freund nennen musste nach all den Jahren. Aber Pavel machte mich zum unzufriedenen Buhmann und sich selbst zum Unschuldslamm!

„Was hast du denn am Donnerstag gemacht?", fragte ich Pavel direkt.

Pavel schaute mich an, als habe er auf die Frage schon gewartet. Er erklärte mir, dass er für den einen Meter langen Koffer vier Stunden benötigt hatte. Den restlichen Tag habe er alles gründlich geschliffen und aufgeräumt. Das habe lange gedauert.

Ich hatte große Mühe, mir vorzustellen, dass ein ganzer Arbeitstag für diese Arbeiten draufgegangen war.

Pavel erklärte mir, dass er gründlich sauber gemacht hatte. „O.k.", dachte ich, vor vier Wochen hatte ich mit dem Ausbau der Stube begonnen, all die Arbeiten hatten eine Menge Dreck gemacht … Ich gab mich innerlich bereits geschlagen, wie ich es schon viele Male getan hatte.

Um ein wenig Zeit zu gewinnen, ging ich in die Küche und goss mir noch einen Kaffee ein. Ich fragte mich, ob ich nicht im Begriff stand, meinem tschechischen Schreiner, der sich in Deutschland als selbständiger Unternehmer durchschlug, unnötig das Leben schwer zu machen?

Ob ich wollte oder nicht, an dem Umstand, dass Pavel Tscheche war, hing eine ewige Geschichte. Mein Vater wurde im Sudetenland geboren, das heute zu Tschechien gehört. Als junger Soldat war er mit seiner Einheit bei der Besetzung des Sudetenlandes beteiligt, das wusste ich, obwohl er nie viel vom Krieg erzählt hatte. Ich fand es immer eine Art ausgleichende Gerechtigkeit, dass ich bei unserem Umbau mit Vorliebe tschechische Handwerker beschäftigte. Umgekehrt konnte aber aus der ewigen Geschichte nicht resultieren, dass ich als Auftraggeber den Mund halten musste, wenn mir etwas nicht passte.

Als ich wieder in der Stube trat, hantierte Pavel mit der knallroten Wasserwaage mit der Aufschrift „German level". Er zeigte mir, dass die Eckbank sich genau im Wasser befand, ebenso die Täfelung und auch die Senkrechte der Fensterlaibung. Alles war im Wasser, nur dass es zusammengenommen ziemlich schräg aussah.

Ich unternahm noch einen zweiten Anlauf.

„Warum hast du die Schnitzereien nicht in der Mitte eingebaut? Ich hatte dir gesagt, dass du sie ungefähr hier einbauen sollst."

Pavel sah mich mit großen Augen an. Er kam innerlich in tiefe Wallung, sein Atem begann zu stocken: „Wilhelm!, brach es aus ihm heraus, als gelte es, sich gegen die ungerechteste Anschuldigung zu wehren, die es überhaupt geben konnte. „Wilhelm! Wir haben doch gesprochen … Ich soll die Täfelung so machen! Du hast mir gezeigt, so und so und so!

Tatsächlich hatten wir gelegentlich lange Diskussionen darüber, wie etwas am besten anzufertigen war. Ich konnte mich dunkel erinnern, dass ich Pavels Vorschlag irgendwann zugestimmt hatte, alles auf dieser – im Nachhinein dämlichen – Höhe einzubauen. Pavel hatte recht, das spürte ich! Vielleicht war es wirklich so, dass ich ihm aus einem mir unerfindlichen Grund unrecht

tun wollte.

„Ich habe es mir genau gemerkt, was du gesagt hast!"

In Pavels Worten schwang eine umfassende Anklage mit – das „Du" richtete sich an einen Adressaten, der für alles Unrecht verantwortlich war, das Pavel angetan worden war. Ich hörte den Anflug einer Aggression, was bei Pavel sonst nie vorkam. Wie alle Übergewichtigen hatte er eine empfindliche Riesenseele, die man – auch ohne es zu wollen – mit einem falschen Wort für Wochen beschädigen konnte.

Ich gab mich geschlagen! Statt fruchtloser Diskussionen war es besser, mit der Arbeit weiterzumachen: Pavel mit seinen Fliesen, ich mit meinen Sachen. Diskussionen, die zu keiner gemeinsamen Lösung führten, waren verlorene Schlachten! Pavel war es trotz seines sprachlichen Defizits gelungen, mich gegen die Wand zu argumentieren. Ausgerechnet mich, der ich den ganzen Tag entweder mit allem erforderlichen Geschick seelische Probleme behandelte oder Veränderungsprozesse coachte, nicht selten bei Selbständigen und Unternehmern mit Personalverantwortung, die dadurch ziemlich erfolgreich wurden und mit ihren Leuten besser umgingen, als ich es tat! Aber es war zu spät um beizudrehen. Offensichtlich war etwas Unwiderrufliches passiert.

„Wilhelm! Wilhelm! Pavels Stimme wurde höher und riss ab. Ein Damm stand im Begriff zu brechen. Tränen schossen ihm in die Augen. „Alles nur Mist!, stieß er mit Blick auf die Eckbank hervor und machte eine wegwerfende Handbewegung. Mit schweren Schritten rannte er nach draußen, um die aufbrodelnden Gefühle mit einer Zigarette niederzurauchen.

Ich war zu seinem Gegner oder sogar Feind geworden.

***

Tränen auf der Baustelle waren selten. In zwei Jahren Bauzeit hatte es ein Mal Tränen gegeben, als Tomáš Sohn schwer erkrankt war und in die Klinik musste. Ansonsten war der Bau eine harte Männersache. Die vier Männer aus unterschiedlichen Gewerken, die bei mir beschäftigt waren, ertrugen gemeinhin praktisch alles mit stoischer Ruhe. Unser Haus war noch fast eine Ruine, ohne Fenster, ohne fließendes Wasser, ohne Heizung und funktionierende Toilette, da übernachteten die „Jungs, wie wir sie zu Hause anerkennend nannten, schon mit Luftmatratzen auf dem Fußboden, um sich das Benzin fürs Hin- und Herfahren zu sparen. Wenn ich morgens zur Besprechung kam, saßen sie in einem verrauchten Zimmer, vor sich ein aufgeschnittenes Brot und selbst gemachte Wurst. Es war wichtig, immer mit guter Laune einzutreffen, fast wie ein Entertainer. Ich hatte jede Arbeit bei ihrer Handwerkerehre uneingeschränkt zu loben, was mir manchmal wie ein Ritual vorkam. Es war ein rhetorisches Kunststück, irgendeine Kritik unterzubringen. Jede Störung des – wie sich herausstellte – sensiblen Gleichgewichtes mit meinen Auftragnehmern musste möglichst zeitnah durch einen von Carmens Kuchen ausgeglichen werden. Auf diese Weise waren wir eine eingespielte Mannschaft geworden, die das uralte, denkmalgeschützte Bauernhaus im Rekordtempo renoviert hatte. Am Tag des „offenen Denkmals war unser Haus eine der großen Attraktionen gewesen. Inzwischen gaben wir unsere ersten Seminare darin. Jeder Besucher fühlte sich wohl, trotz oder vielleicht wegen der niedrigen Decken und Türstöcke. Pavel hatte diesen Weg von Anfang an begleitet und die Arbeiten, um die es jetzt ging, waren eigentlich nur noch Schönheitsarbeiten. Es wäre zu schade, wenn das Ende unserer Zusammenarbeit mit einem Krach enden würde.

Ich wollte Pavel Zeit lassen, um sich wieder zu sammeln. Er sollte nicht das Gesicht vor mir verlieren. Ich sah mich in der frisch aufgeräumten Stube um. Ihre Atmosphäre war etwas Besonderes: seit über dreihundert Jahren saßen Menschen in diesem Raum und aßen und wärmten sich und redeten und lachten. Es war dem Raum anzumerken, dass hier über Generationen hinweg Menschen nach getanem Tagwerk zufrieden den Abend begingen. In diesen Räumen waren die Erinnerungen an den Dreißigjährigen Krieg noch lebendig, als das Haus gebaut worden war. Es lag am Dorfrand mit Blick auf den wunderbaren Starnberger See. Unsere Gruppen nahmen die Atmosphäre schon beim ersten Mal auf: Es ging immer lustig zu. Die Eckbank, die Pavel gerade gebaut hatte, war vermutlich der komfortabelste Einbau, den dieser Raum in den letzten dreihundert Jahren gesehen hatte. Und er würde noch in hundert Jahren Menschen Platz bieten, mit den Kassetten, die mein Großvater als Bildhauer selbst geschnitzt hatte als Rückenlehne.

Ich konnte mich noch genau erinnern, wie ich vor mehr als zwanzig Jahren die vier Kunstwerke aus ansonsten überhaupt nicht kunstvollen Schränken ausgebaut hatte, damals schon mit der Vision, dass ich sie eines Tages in die Eckbank eines Bauernhauses einbauen würde. Jetzt war es so weit. Die Stube nahm Gestalt an, nächste Woche würde sie gestrichen werden. Die unproportioniert eingebauten Kassetten würden dann nicht mehr so auffallen …

Die Atmosphäre wirkte sich auch auf mich beruhigend aus. Ich wusste, dass Arbeiten gegen Abschluss eines Baus immer länger dauerten als geplant, dass sie teuer wurden als gedacht – und wenn man nicht höllisch aufpasste, wurden sie nie fertig. Es gab eine Art asymptotischen Verlauf, das heißt: ganz fertig wurde man nie. Insgesamt, so tröstete ich mich, war alles gut gegangen. Und das Drama, das jetzt gerade lief, würde sich auch wieder beruhigen.

Ich spürte, dass Pavel jetzt wieder reden konnte, und ging zu ihm hinaus. Zu meiner Überraschung war er immer noch aufgebracht, er zitterte und keuchte, dass er jetzt nach Hause fahren würde. Er könne heute nicht mehr arbeiten.

„Komm, lass uns reden", schlug ich Pavel mit einem Klaps auf die Schultern vor, und wir gingen zusammen in die Küche.

Das war ebenfalls neu. Wir redeten nie. Vor einem Jahr hatten wir ebenfalls Zoff gehabt – damals hatten wir die Dauer irgendwelcher Arbeiten zu kritisieren gewagt. Pavel konnte daraufhin tagelang nicht schlafen; jedes Mal, wenn er mich sah, geriet sein riesiger Körper in Wallung und er konnte sich vor Stottern nicht mehr verständlich machen. Ich hatte das Gegenteil meiner Absicht erreicht: Alle Arbeiten dauerten danach länger, und eine Wende zum Guten fand sich erst, nachdem alle beschäftigten Handwerker eine längere Pause gemacht hatten. Wie würde es ausgehen, wenn wir diese alterprobte Vermeidungsstrategie aufgeben würden?

„Wilhelm, du hast gesagt, ich soll die Eckbank so bauen! Ich frage mich die ganze Zeit immer, was du sagst! Ich denke immer, dass ich ja nicht so viel Zeit brauche. Ich werde heute nicht mehr arbeiten, ich gehe nach Hause!"

„Nein, Pavel, wir werden jetzt reden!"

Pavel war froh, dass ich ihn nicht einfach gehen ließ. Er verschaffte seiner riesigen, schon viel zu lange leidenden Seele Luft. „Ich arbeite immer hundertprozentig! Auf jeder Baustelle! Ich komme jeden Morgen und immer denke ich nur, was Wilhelm sagt!" Dieses Mal versuchte er erst gar nicht, die Tränen zurückzuhalten.

„Pavel!, sagte ich entschieden, „das ist nicht das, was ich sage. Ich habe dir oft erklärt, dass wir sehr zufrieden sind. Ihr habt alle zusammen ein wunderbares Haus renoviert. Ganz Bernried hat sich gefreut, was aus dem alten Hof geworden ist. Alle sind begeistert. Aber ich möchte auch in der Lage sein, dass ich sagen kann, wenn mir etwas einmal nicht gefällt.

Pavel war innerlich tief aufgebracht. Er war innerlich ganz woanders, das spürte ich. Schon längst war klar, dass es um weit mehr ging als um meine Kritik. Sein Blick klebte am Boden und ich spürte, dass sich seine riesige Seele erleichtern wollte. Mir war nur unklar, wohin dies alles führen würde. Plötzlich brach es aus ihm heraus: „Mein Vater hat immer zu mir gesagt: Pavel! Du musst immer alles hundertprozentig machen! Hundertprozentig! Hundertprozentig! Keine Fehler machen!"

Pavel weinte.

Alle Achtung, da platzte aber etwas heraus! Nun, ich kenne das schon, dass alle möglichen Leute mich zu ihrem Vater machen. In meinem Beruf als Psychotherapeut bin ich es gewohnt, dass meine Klienten mir alle möglichen Rollen zuschreiben und mich oft nach eigenem „Schlechtdünken" interpretieren. Dort ist es sogar erwünscht, dass sie in mir einen guten oder schlechten Vater sehen und aussprechen können, was bisher unausgesprochen war. Erstmals lässt sich in Worte fassen, was sie hassten, was sie vermissten, welche Kränkungen sie heruntergeschluckt hatten. Wenn dasselbe aber in meinem Privatleben passierte, war ich immer von Neuem überrascht, wie komplett die Wirklichkeit einem solchen seelischen Thema zum Opfer fallen konnte.

Wir standen in der Küche, Pavel lehnte an der Spüle; er war jetzt ganz in dem Film, der wohl schon lange von ihm Besitz ergriffen hatte.

„Mein Vater hat immer zu mir gesagt: Pavel! Du musst immer alles hundertprozentig machen! Du darfst keine Fehler machen!"

Pavel rang um Worte. Die Sätze seines Vaters schienen sich in ihm festgefressen zu haben. Die Wucht, die sie damals gehabt hatten, hallte immer noch nach.

„Ich war ein so kleiner Junge", sagte Pavel und hielt seine Hand in die Höhe etwa der Küchenspüle. Er musste damals also vielleicht vier oder fünf Jahre alt gewesen sein.

Ich nickte Pavel zu und blickte ihn fragend an, aber Pavel schaute nach innen. Mir dämmerte, warum sich Pavel von meiner Kontrolle, die eigentlich keine Kontrolle war, so verfolgt gefühlt hatte. Und warum in letzter Zeit nie etwas richtig rund gelaufen war. Pavel hatte mich zu seinem Vater gemacht und protestierte gründlich dagegen. Ich hatte Pavels Vater einmal kennengelernt; er war ein älterer, freundlicher Mann, der seinen Jungs die unterschiedlichsten Fertigkeiten beigebracht hatte. Alle sind zu hervorragenden Handwerkern geworden, die es geschafft hatten, die Enge des tschechischen Bergdorfes zu verlassen, um anderswo Arbeit zu finden. Pavel hatte seinem Vater eine Menge zu verdanken, und ich war sicher, dass er das genauso sah. Nichtsdestotrotz kam da ein ganz Anderer zum Vorschein als jener freundliche Herr, der seinerzeit stolz seine Söhne auf unserer Baustelle besucht hatte. Ich konnte es buchstäblich sehen, wie Pavels Vater den Kleinen schon frühzeitig durch die Gegend gescheucht hatte und der Kleine versucht hatte, alles recht zu machen. Ich war gespannt, ob sich ein Fenster öffnen würde und Pavel endlich darüber sprechen konnte, was ihn seit Langem belastete.

Pavel schaute vor sich hin, und ich spürte wieder die Kopfschmerzen, rasende Gedanken und den Druck, unter den Pavel sich selbst und damit auch mich setzte.

Pavel schien ein Selbstgespräch zu führen: „Ich denke immer, was Wilhelm sagt. Dass ich nicht so viel Zeit brauche. Und ich denke immer an das Finanzamt, wie ich da machen soll."

Pavel zündete sich eine Zigarette an. Im Haus wurde nicht geraucht, aber Pavel war so unter Druck, dass ich darüber hinwegsah. Vor vier Wochen hatte er Post vom Finanzamt erhalten. Der Steuerbescheid hatte Pavel für viele Tage grau im Gesicht gemacht. Ich fragte Pavel, was los sei, und er hatte mir alles erzählt. Anstatt einmal zu überprüfen, wie viel er denn verdient hatte – um vielleicht für die Steuern Rücklagen zu bilden –, hatte er immer weiter gearbeitet und seinen Steuerberater bei irgendeiner Gelegenheit so verstanden, dass er sich um nichts zu kümmern brauchte. Angesichts des Steuerbescheids hatte er ein Gefühl von großer Ungerechtigkeit: Er arbeitete und arbeitete – immer hundertprozentig –, und das Geld reichte trotzdem nicht. Er war brav und machte alles so, wie es sein Vater verlangt hatte – oder auch nicht –, und dann kam Vater Staat und wollte noch mehr von ihm. Er übersah dabei geflissentlich, dass sein treues Bekenntnis, hundertprozentig brav zu sein, nicht ausreichte, um damit sein Leben als Erwachsener über die Runden zu bringen.

Pavels ganze Anklage gegen die Welt, in der er lebte, brach aus ihm heraus, und zugleich ein Bekenntnis. „Ich bin richtig krank mit den Nerven!"

Ich wusste nicht, was er damit meinte.

Aufgebracht rannte er hinaus und kramte in seiner Tasche mit den Arbeitsklamotten. Er kam mit einer Tupperware-Dose zurück, die er vor meinen Augen öffnete. Mein Blick fiel auf viele verschiedene Blister.

„Mein Arzt in Tschechien verschreibt mir die Medikamente für meine Nerven!, sagte er und hielt mir einen Blister hin. „Kennst du die?

Ich setzte die Brille auf und las „Lexotan". Ich war verblüfft! Da ließ sich Pavel in Tschechien jedes Mal von seinem Hausarzt Psychopharmaka aufschreiben, damit er die Zeit in Deutschland durchhielt! Lexotan – ein Benzodiazepin, das ich noch aus der Zeit kannte, als ich in einer psychiatrischen Klinik arbeitete – ist eines der beliebtesten Beruhigungsmittel. Wenn eine Seele richtig havariert war, alles durcheinander geraten und ein gründliches Aufräumen angesagt war, dann verschrieb ein rettender Doktor Lexotan, damit die Havarie nicht mehr wehtat. So handhabte es auch Pavel mithilfe seines Hausarztes: Er versuchte, das Unerträgliche erträglich zu machen, indem er es einfach nicht mehr fühlte.

„Wie lange nimmst du das schon?", fragte ich ihn.

„Drei Jahre", antwortete Pavel.

Drei Jahre – vom Hausarzt verschrieben! Drei Jahre, so begann ich zu verstehen, in denen Pavel immer dicker geworden war, in denen er immer weiter arbeitete, um sich dennoch im Kreis zu drehen. Es war in meinen Augen völlig verantwortungslos, dass der Hausarzt Pavel mit diesem Medikament munitionierte, um ihm bei der Abschaffung seines Leidens behilflich zu sein. Pavels Seele lehnte sich gegen die Knechtschaft auf, indem sein Körper immer schwerer und langsamer wurde, sein Geist immer träger und unkonzentrierter. Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht, und in meiner Gegenwart, an diesem Samstagmorgen, war er nun zerbrochen! Pavel ahnte, dass er sich mit seinen Medikamenten genauso betrog wie mit seinen Bilanzen, die er nicht las, und den Arbeiten, die er nicht richtig ablieferte. Aber er wusste keinen Ausweg; er war ausgebrannt.

„Soll ich die Medikamente nicht nehmen?"

Ich blickte in Pavels Augen. Jetzt hatte er mich zu seinem Arzt gemacht. Seine havarierte Seele rief um Hilfe, und da konnte ich nicht weghören.

***

Die Klagen und Anklagen waren vorbei, nun war der Zeitpunkt für ein ehrliches Gespräch gekommen.

„Pavel, du kannst so nicht weitermachen, sagte ich, nachdem wir uns beide einen Kaffee eingeschenkt hatten. „Du musst etwas anders machen. Du bist jetzt achtunddreißig Jahre alt. Wie willst du weitermachen, wenn du dauernd doppelt so viel Energie verbrauchst wie nötig, weil du immer alles herunterschluckst? Jede Kritik, und sei sie noch so gering, geht dir tagelang nach, und du bist darauf gepolt, dass du nur das Schlechte hörst. Überall hörst du deinen Vater! Und damit es dir nicht so dreckig geht, nimmst du diese Tabletten! Ich hatte mir vorgenommen, die Gelegenheit beim Schopf zu packen und etwas Neues in Pavels Gedankenkreisläufe hineinzubringen. „Die Tabletten verändern natürlich nichts, im Gegenteil."

Etwas zu verändern bedeutete für Pavel, der sein Leben zu einem Rennen im Hamsterrad gemacht hatte, dasselbe wie weniger zu arbeiten – und das hieß für ihn: weniger Geld zu haben. Deshalb war der Gedanke, etwas zu verändern, der schlimmste, den es für Pavel überhaupt geben konnte.

„Ich muss jeden Monat die Miete bezahlen. Und die Steuern. Und das Haus in Tschechien, Auto, Versicherung, Benzin, fünf Kinder, und für meinen Vater zahle ich auch noch."

Das war eine besondere Härte, dass er seinen Vater auch noch unterhalten musste!

„Weißt du, Wilhelm, und in Tschechien arbeite ich auch nur. Ich mache das Holz für den Winter, ich koche, mache die Wurst selber, jeden Tag geht das so."

„Wissen die überhaupt, wie es dir geht?"

Die Frage war rhetorisch gemeint, denn ich wusste, wie schwer Pavel damit herausrücken konnte, wo ihn der Schuh drückte. „Meinst du, ich sollte mit meinem Vater reden?", fragte Pavel, und es klang

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