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Minus

Minus

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Minus

Länge:
497 Seiten
7 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
5. Aug. 2015
ISBN:
9783990122303
Format:
Buch

Beschreibung

Was treibt Menschen dazu, sich mitten am Tag in finstere, kleine, verrauchte Wettlokale zu begeben, um dort in völliger Monotonie und Abschottung ihren gesamten Lohn, ihr Arbeitslosengeld, ja selbst die Kinderbeihilfe für ihren Sohn, ihre Tochter, in kleine Wettscheine aus Thermopapier umzuwechseln und damit auf Spiele zu setzen, die bereits vor Jahren stattgefunden haben?
Der junge österreichische Autor Ilir Ferra hat sich über ein Jahr dieser Frage gestellt, indem er in einem Wettbüro in der Niederhofstraße selbst die Stelle eines Einschreibers angenommen hat, als Mittelsmann zwischen Spielern und Wettsystem. Seine Erfahrungen und Beobachtungen bündelt er zu einem Roman von filmischer Dichte, in dem der Leser durch das Auge des Ich-Erzählers auf Tuchfühlung mit den sonderbarsten und gleichzeitig alltäglichsten Menschen geht.
Für sie ist die Zukunft, die mit jedem Spiel neu beginnt, allein die Möglichkeit zu gewinnen. Alles andere, Vergangenheit, Gegenwart, hört auf zu existieren. Doch die Zukunft zieht schneller ab, als man denkt, und was bleibt, ist ein substanzielles Minus, ein Mangel auf Lebenszeit.
Herausgeber:
Freigegeben:
5. Aug. 2015
ISBN:
9783990122303
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Minus - Ilir Ferra

MINUS

Ilir Ferra wurde 1974 in Albanien geboren und kam 1991 nach Österreich. Er studierte Übersetzung für die Sprachen Englisch und Italienisch an der Universität Wien. Für seine literarische Arbeit erhielt er verschiedene Preise und Stipendien, darunter auch den renommierten Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis für sein Roman-Debüt »Rauchschatten«. »Minus« ist sein zweiter Roman und, wie er sagt, das Buch, das er schon immer schreiben wollte. Der Autor lebt mit seiner Familie in Wien.

ILIR FERRA

MINUS

Roman

Umschlagbild: Sophie Thun

Umschlaggestaltung: Martin Faiss, Gabriel Fischer

Lektorat: Elvira M. Gross

Layout: Nikola Stevanović

Druck und Bindung: Interpress, Budapest

Ilir Ferra: Minus

Neue, vom Autor überarbeitete Fassung

Der Autor wurde für diesen Roman mit dem Staatsstipendium des BMUKK und dem Arbeitsstipendium der Robert-Bosch-Stiftung unterstützt.

Alle Rechte vorbehalten

© HOLLITZER Verlag, Wien 2015

www.hollitzer.at

ISBN 978-3-99012-228-0 pbk

ISBN 978-3-99012-229-7 pdf

ISBN 978-3-99012-230-3 epub

für Robert

EINSCHULUNG

Hinter dem weißen Schild mit der Aufschrift »Schalter geschlossen« sitzend, wusste ich am ersten Tag nicht, wo ich gelandet war. Als Training tippte ich zerknüllte Zettel ab und konnte nicht nachvollziehen, was um mich herum vor sich ging. Ich sollte mich an den Zahlenblock der Tastatur gewöhnen, mich mit den Abkürzungen der gängigsten Wettarten vertraut machen. Ich gab Spielnummern und Einsätze ein. Der Drucker spuckte einen Wettschein nach dem anderen aus. Danach folgte ein freier Tag. Offenbar war ich fleißig gewesen und hatte mehr als vorgesehen geleistet. Ich hatte ja auch schnell und konzentriert geübt. Nicht, weil ich so erpicht auf diesen Job gewesen wäre, sondern weil ich mir unsichtbar vorkam, wenn ich schnell genug auf die Tasten hämmerte. Am Abend erfasste mich die Leere. Meine Freundin wollte wissen, was ich von meinem neuen Job hielt. Spätestens da war ich gezwungen, selbst darüber nachzudenken. Der erste Tag war zu einer amorphen Masse geworden. Allein die Erinnerung daran wirkte erdrückend. Versuchte ich mir Einzelheiten ins Gedächtnis zu rufen, fühlte ich mich verloren. Die Unmengen an Geld sollten bald mein Arbeitsmaterial sein? Aber das war kein Papier, auf dem ich Sätze aneinanderreihen durfte und hoffen, dass sie irgendwann von jemandem gelesen werden würden. Ein Irrtum bewirkte kein Missverständnis oder sonstige Missstände, die mich nur peripher berührten, sondern kostete Geld, das ich selbst zu ersetzen hätte. Ich würde mit Summen arbeiten, die ich, bei etwaigen Fehlern, nur in Jahren aufbrächte. Ich verstand nicht, weshalb die einzige Chance, Geld zu verdienen, mich so knapp an den Rand des Abgrunds brachte. Das war keine Übertreibung, sondern das Gefühl, das der Gedanke an meinen neuen Arbeitsplatz in mir auslöste. Meiner Freundin antwortete ich: »Ich fühle mich wie jemand, der nach allzu langem Tauchen die Oberfläche erreicht.«

»Wie oft habe ich dich gewarnt«, sprach sie.

Es ging um das Schreiben. Monatelang hatte ich mich mit nichts anderem beschäftigt. Den entstandenen Text hatte ich an alle möglichen Verlage geschickt und bei einigen Literaturwettbewerben eingereicht. Gemeldet hatte sich darauf keiner. Ich hatte bewusst alles auf eine Karte gesetzt. Diese Karte war nicht gekommen. Nun war es an der Zeit einzusehen, dass ich bereits zu viel riskiert hatte. So erklärte ich mir den Hergang, während Georg, der Leiter der Filiale, in welcher ich eingeteilt war, andauernd von seinem Schnurlostelefon unterbrochen wurde, in welches er mit geplagtem Gesichtsausdruck »Ja, bitte« hineinbrüllte. Dann wurden aus der Kassenlade Banknoten geschnappt, gezählt und damit hinausgesprungen. Als er sah, dass ich seine Handlungen neugierig verfolgte, erklärte er, dass er zu den Kojen mit Spielautomaten vor dem Lokal laufe. Draußen befanden sich vier Kabinen mit jeweils zwei Maschinen, und zwei weitere Automaten standen in einer Nische links hinter dem Counter.

»Lass die Finger von dem Scheiß«, mahnte Georg.

»Von den Automaten?«, fragte ich.

»Von allem, was es hier gibt«, rief Georg. »Pferde-, Hundewetten, Fußball, und vor allem von den Automaten. Du kannst dir nicht vorstellen, was diese Maschinen aus den Menschen machen.«

»Oh doch«, unterbrach ich.

Er sah mich prüfend an, und ich fügte hinzu, dass ich mir so ziemlich alles vorstellen könne. Das sei gewissermaßen mein Problem. Er seufzte, als hätte er mich nicht verstanden: »Das sind Teufelsmaschinen. Sie vernichten Tausende von Existenzen. Lass dich von ihren Farben und Klängen nicht täuschen. Du brauchst bloß einmal davorzusitzen und dann bist du verloren. Die meisten sagen, sie hätten sich davon befreit, andere meinen, sie seien vorsichtig, spielten nicht hoch. Ich sage dir bloß eines: Lass die Finger davon. Geh in die Koje, steck oben den Schlüssel rein, um das Buchungsprogramm aufzurufen, schreib den Betrag ab, drück den Knopf, um die Anzeige am Bildschirm wieder auf Null zu stellen. Hör nicht auf das Gelaber der Leute. Es geht ihnen bloß darum, dich abzulenken, damit du nicht das Buchungsprogramm wieder auf Null stellst, nachdem du ihnen den Gewinn ausbezahlt hast. Du kannst ihnen das nicht einmal verübeln. Mag sein, dass sie im Grunde fair sind. Aber wer Automaten spielt, ist nicht menschlich, meistens nicht. Am besten ist, du gehst hinein, schiebst den Schlüssel rein, schreibst ab, stellst auf Null, Schlüssel raus, Geld ausbezahlen, ›Bitte‹, ›Danke‹ und raus. Und ja keinen Blick auf diese Dinger werfen.«

»Gibt es auch Einschreiber, die darauf hereinfallen?«, fragte ich.

Sicher gebe es solche, meinte Georg.

»Was denkst du!«, rief er. »Einschreiber sind auch Menschen. Jeder hofft darauf, das System zu knacken, um dann täglich zu gewinnen, aber von denen, die sich das System ausgedacht haben, ist das nicht vorgesehen. Am besten ist es, das Geld nicht als solches zu betrachten, für dich ist es nicht Knete, Kohle, Knödel, Piepen oder Asche, für dich ist es nur Papier. Zumindest innerhalb dieser Wände. Am besten ist es, wenn du denkst, dass es nicht einmal existiert. Das musst du dir einprägen, wenn du hier in Ruhe arbeiten möchtest.«

Am Ende seiner Schicht riss er die Safes nacheinander auf. Holte die Schachteln mit Geld heraus. Stopfte die Scheine in die Zählmaschinen. Dann sprach er zu sich selber: 4.360 für die Automaten, 532,50 in der Kassa, 15.927,30 im kleinen Safe, 19.719 im großen plus 235 in der Schachtel. Die Getränke: Bier, Cola, Eistee und Energydrinks. Er zählte alles zusammen, zog von der Summe unterschiedliche Beträge ab. Danach erklärte mir Georg seine Handlungen, die ich trotzdem nicht nachvollziehen konnte, weil er nicht nur schnell, sondern auch in steirischem Dialekt sprach. Da ich nicht wusste, was ich machen sollte, lief ich ihm nach, während er umherirrte. Ich wagte es nicht, ihn zu fragen, ob ihm das recht war. Irgendwann schnappte ich auf, dass es um 1.000 Euro ging. »Das kann doch nicht sein«, murmelte er, sich an den Kopf fassend, als versuchte er, dort das Versteck einer Erinnerung aufzuspüren. Meine Bemühungen, etwas mehr zu erfahren, waren vergebens. Wenn er sich an mich wandte, war es unmöglich zu sagen, ob er mir antwortete oder nur laut dachte. Als ich schließlich doch fragte, was los sei, entgegnete er: »Es ist nichts.« Also versuchte ich weiterhin in seiner Nähe zu bleiben, um von ihm zu lernen. Von all dem, was er mir beizubringen hatte, hielt ich die Suche nach fehlendem Geld für das Wichtigste. Nur wirkte er so aufgeschmissen, dass ich fast dankbar war, als Valentina, die stellvertretende Filialleiterin, mich hieß, mein Training an der dritten Kassa fortzusetzen, während sie und Georg zusammen das Geld suchten. Sie war gekommen, um Georg abzulösen, und ich würde mit ihr noch einige Stunden zusammenarbeiten.

»Es ist sicher ein Buchungsfehler«, flüsterte er.

Und sie: »Ja, aber wo ist das Geld?«

Bei 1.000 Euro könne es nur ein Buchungsfehler sein, wiederholte Georg, als er aus dem Hinterzimmer in den Counterbereich trat, welcher mit dem langen, massiven Tischmöbel und seinen Saloontüren an einen ovalen Kampfring erinnerte, auf dem Georg von den fehlenden Geldern wie von einem Gespenst umhergeschleift wurde.

Eine andere Einschreiberin, Sonja, die an der zweiten Kassa Dienst hatte, begann eine ausführliche E-Mail zu schreiben. Ich schielte auf ihren Monitor. Eher lautmalerisch protokollierte sie mit unwahrscheinlicher Geschwindigkeit die Ereignisse. Ich stellte mir vor, dass sie der Maulwurf unter uns wäre, und rätselte darüber, wer der Empfänger der Nachricht sein könnte. Möglich, dass sie jemandem aus der Zentrale Bericht erstattete. Auf jeden Fall musste der Empfänger Zugang zu unserem E-Mail-System haben. Ich fragte mich nur, wen das interessieren sollte, und vor allem in all den Einzelheiten! Da tauchten Valentina und Georg plötzlich wieder auf. Sonja schloss das Programm. Die beiden lachten erleichtert. Georg erläuterte, dass er bei einer Auszahlung mit Bank4U auf Einzahlung geklickt, aber dem Kunden 496 Euro ausbezahlt habe. Womit ihm zusätzlich zu dem Geld, das er ausbezahlte, auch jenes fehle, das er auf das Konto, ohne es zu kassieren, gutgeschrieben habe. Bei dieser Erklärung wurde mir etwas schwindlig, und ich gelobte, bei allen Transaktionen mit dieser Bank4U besonders vorsichtig zu sein. Bank4U ermöglichte den Kunden, gegen Bargeld Guthaben zu kaufen. Bis sie dieses für ihre Wetten aufbrauchten, konnten sie die Bank4U-Karte als eine Art Bankomatkarte benutzen und das erkaufte Guthaben wie auch etwaige Gewinne jederzeit in Form von Bargeld abheben. Der Unterschied zu einer Bank war nicht nur, dass sie bei uns keine Kontoführungsgebühren entrichteten, sondern dass auch keine Angaben zu ihrer Person nötig waren, was den Kunden nur dann zum Nachteil gereichte, wenn sie ihre Karte verloren.

Georg telefonierte hastig mit dem Buchmacher. Dieser verband ihn mit dem Geschäftsführer, Herrn Pülcher. Herr Pülcher war als Einziger befugt, in das System einzugreifen und aus der Einzahlung eine Auszahlung zu machen. Damit war die Sache bereinigt und Georg befreit. Obschon verspätet, lächelte er, erleichtert darüber, dass er seine Tochter doch noch vom Kindergarten abholen konnte.

»Wofür«, musste ich mich fragen, »tut sich ein Mensch so etwas an? Was hätte er gemacht, wenn das Geld weg gewesen wäre? 1.000 Euro. Es ist also schon wahrscheinlich, dass einem am Ende der Schicht ein solcher Betrag fehlt.«

Als mir aufgefallen war, wie leichtsinnig Georg mit Geld hantierte, hatte ich es kommen gesehen, dass ihm ein solcher Fehler unterlaufen würde. Er hatte in die Kassa gegriffen, Automatenspieler ausbezahlt, zeitgleich von anderen Spielern Einsätze entgegengenommen und Wetten getippt. Es handelte sich dabei um alle möglichen Beträge von 1 bis 100 und manchmal um mehrere Hundert Euro. Stets war er dabei völlig entspannt geblieben. Er war rasch hinein- und hinausgelaufen. Immer wieder Scheine gezählt, in die Kassa gegriffen, den Safe geöffnet, um daraus Päckchen mit Zehn- oder Hunderteuroscheinen zu entnehmen. Und all das in einem Tempo, bei dem kein Mensch seine Handlungen hätte überprüfen können. Langsamer wäre das allerdings auch nicht gegangen, denn die Spieler hatten ihn von allen Seiten bedrängt, sich zu tummeln, weil ihre Rennen bald beginnen würden. Nun hatte sich herausgestellt, dass sein Tempo doch nicht angemessen war. Für mich bedeuteten diese Beobachtungen vor allem, dass ich mich abermals der Frage stellen musste, ob ich mich auf einen Job einlassen sollte, bei dem selbst ein erfahrener Vorarbeiter in die Zwangslage geraten konnte, 1.000 Euro aus eigener Tasche zu bezahlen. Georg ahnte nichts von meinen Bedenken, als er mir zum Abschied die Hand schüttelte und lächelnd hinausstürmte. In einem Kindergarten am anderen Ende der Stadt wartete das Mädchen sicher schon ungeduldig darauf, von ihrem Papa abgeholt zu werden.

Ohne Georg fühlte ich mich in dem blauen Dunst der Rauchschwaden und dem lauten Serbokroatisch, das im rechten Flügel des Lokals, in welchem auf zwei großen Bildschirmen Live-Rennen von Pferden und Hunden aus England und Südafrika übertragen wurden, verloren. Die Mehrzahl der Kunden waren Serben, Kroaten, Bosnier, Mazedonier und zwei, drei aus der Türkei. Waren Österreicher anwesend, was kaum vorkam, wurde für die losen Gespräche oft ein Gemisch aus Deutsch, Serbokroatisch und Türkisch benutzt. Dabei beschränkten sich die Ausländer auf kurze Phrasen oder Kommentare, die ihresgleichen erheiterten, aber nicht die Inländer.

»Die kommt jeden Tag hierher.« Bei diesen Worten deutete Georg auf eine schmächtige Gestalt in einem dunklen Kapuzenpullover, die im Begriff war, das Lokal zu betreten. Georg fügte flüsternd hinzu: »Sie behauptet, dass sie bei uns jemanden sucht, aber ich habe keine Ahnung, wen eigentlich, weil sie ihn nie findet.« Die Abgemagerte hatte kaum den Eingang hinter sich gelassen, als Georg in ihre Richtung rief: »Umdrehen!« Ein Befehl, den sie anstandslos befolgte, während sich zur gleichen Zeit ein korpulenter Mann mit grauem Haar und Seitenscheitel der Kassa näherte, um uns aus voller Kehle anzubrüllen und zu erklären, dass das Mädchen Kunden suche.

»Was für Kunden, Mirko?«, fragte Georg.

»Sie puši schwarzen kurac fier Drogen«, erwiderte der Mann. Die restliche Unterredung der beiden verfolgte ich nicht, denn ich hatte bereits beschlossen, mich auf die Geschichten im Wettbüro nicht weiter einzulassen. So bald wie möglich beabsichtigte ich Georg zu sagen, dass ich diesen Job gar nicht wollte. Deshalb wartete ich, bis sich dieser Mirko von dem Counter wieder entfernt hatte, und rollte dann mit meinem Sessel zu Georg hin, um ihm unumwunden zu sagen: »Ich kann das nicht.«

Auf seinen verwunderten Blick hin ergänzte ich: »Du sagst, dass man sich bei diesem Job Respekt verschaffen muss. Aber das ist nicht meine Welt. Ich muss mich hier weder durchsetzen noch beweisen. Wofür sollte ich das auch tun?«

»Damit du ein Gehalt bekommst.«

»Nein, das hat nichts mit einem Gehalt zu tun.«

Er nickte nachdenklich.

»Als wir gestern in der zweiten Koje ausbezahlt haben«, fuhr ich fort, »hat mich einer so angesehen, dass ich dachte, er kennt mich von irgendwoher. Ich konnte diesen Blick den ganzen Abend nicht aus dem Kopf kriegen. Ich hatte keinen Schimmer, wer der Mensch ist und was er von mir will, und doch starrte er mich so an.«

»Das ist Alex«, sagte Georg.

Ich hoffte auf beruhigende Ergänzungen, aber Georg konnte damit nicht dienen, und als er sah, dass ich wartete, fügte er hinzu: »Vielleicht hatte er verloren.«

»Georg«, versetzte ich, »der drohende Blick hat sich eindeutig auf mich bezogen.«

»Vielleicht wollte er dich einschüchtern.«

»Das ist der Punkt! Wie soll ich mit Menschen arbeiten, die mich grundlos einzuschüchtern versuchen?«

Georg hörte sich meine Einwände aufmerksam an, aber er äußerte sich nicht mehr dazu. Nach einer längeren Pause sagte er, dass er mich auf keinen Fall beeinflussen wolle.

»Mit Leuten, die mich ohne jeglichen Grund so ansehen«, bekräftigte ich, »will ich nichts zu tun haben.«

Georg blieb fast über eine geschlagene Stunde still, und durch sein Schweigen begann mein Vorsatz, diesen Job aufzugeben, allmählich zu bröckeln. Ich überlegte, wie ich nun zurückrudern konnte. Denn so obskur manche der Typen, die hier verkehrten, auch waren, so verdorben und gefährlich es hier auch roch, auf mich wirkte diese Umgebung elektrisierend.

Ich spürte, dass hier irgendwo jene Geschichte schlummerte, die ich schon immer schreiben wollte. Jetzt war es aber nicht mehr so leicht, Georg zu zeigen, dass ich bereits dabei war, es mir anders zu überlegen. Er war in ein Gespräch mit einem jungen türkischen Buchhalter namens Sertan verwickelt. Es ging dabei um die Bundesliga-Spiele der vergangenen Woche, um Tennis und österreichische Skifahrer. Manchmal blickten sie zu mir, als wollten sie mich ermuntern, mich an ihrer Unterhaltung zu beteiligen, aber mir kamen die unzähligen Sportlernamen, die sie voller Selbstverständlichkeit von sich gaben, wie Wörter einer mir völlig unbekannten Sprache vor. Außerdem wurden die beiden von jener jungen Frau im dunklen Hoodie unterbrochen, die Georg am selben Tag schon des Lokals verwiesen hatte. Wie aus dem Nichts stürzte sie auf den Schalter zu. Sie war eines jener dürren Wesen, um welche man einen großen Bogen macht, wenn sie einem auf dem Gehsteig entgegentorkeln. Ihr Merkmal sind schwarzblaue Lippen. Solche hatte auch die Frau, die von uns zu wissen verlangte, ob wir einen Mann in roter Jacke gesehen hätten. Wir hatten niemanden gesehen. Sie faselte etwas davon, dass der Gesuchte ihren Freund überfahren habe.

»Er liegt tot auf der Straße«, stammelte sie und bat Georg eindringlich, die Polizei zu verständigen, falls er jemanden mit roter Jacke sehe. Daraufhin entfernte sie sich taumelnd.

»Hast du das verstanden?«, fragte ich Georg.

Er wiederholte die Worte der Frau und fügte hinzu: »Was denken diese Leute eigentlich, dass wir hier machen?«

»Wisst ihr nicht, weshalb sie hierherkommt?«, versetzte Sertan vielsagend. »Denkt einmal scharf über den Namen dieser Straße nach! Was soll eigentlich Niederhofstraße bedeuten? Die Straße zum niederen Hof, zum niedrigen Hof, zu dem Hof darunter, unter der Oberfläche, unter der Erde?« Wir hofften, dass darauf bald eine Pointe folgen würde, um Sertans Einwurf mit einem befreienden Lächeln zu quittieren. Aber von Sertan kam kein Mucks mehr. Im Gegenteil, er blickte in unsere verdutzten Gesichter und seufzte traurig, als wir synchron die Schultern hoben. Und mit gehobenen Schultern durchforstete ich das Lokal, ob sich nicht irgendwo tatsächlich ein Mann mit roter Jacke verkrochen hatte. Niemand war zu sehen außer Georg, Sertan und mir. Auch auf der Kreuzung, die ich durch die Glastür beobachtete, bewegte sich nichts abgesehen von der verwirrten Frau. Ich war nahe daran vorzuschlagen, den Rettungsdienst anzurufen, aber ich wusste nicht einmal, ob es auf der Straße tatsächlich einen Verletzten gab. Es wäre möglich, dass die Arme einen bösen Trip erwischt hatte und sich bloß einbildete, dass ihr Freund tot auf der Straße liege. Wir müssten sie fragen, bevor es zu spät ist, dachte ich. Doch bei der Vorstellung, hinauszugehen, um einen blutüberströmten Körper nach Leben abzutasten, stockte mir der Atem.

»Wisst ihr wirklich nicht, worauf ich hinauswill«, hob Sertan aufs Neue an. Ich folgte seinen Sätzen wie gebannt und konnte ihren Sinn trotzdem nicht erfassen. Ich klammerte mich an seine Stimme, als könnte ich mich durch sie gegen die Bilder wehren, die mittlerweile in meinem Kopf herumspukten. Doch Sertan dachte nicht im Entferntesten daran, mich von meinen eigenartigen Vorstellungen zu erlösen. Ganz im Gegenteil, er steigerte sich in Behauptungen hinein, die so wahnwitzig wirkten, dass selbst ihm die Stimme versagte, während er sie zur Sprache brachte. Auch wenn ich von dem, was er vorbrachte, kaum etwas verstand, unterbrach ich ihn nicht. Ich brannte darauf, zu erfahren, worauf er hinauswollte. Nur gibt es Menschen, die sich mit ihren eigenen Gedanken so eingehend beschäftigen, dass es ihnen einfach nicht gelingen will, diese nachvollziehbar auszudrücken, wenn sie sich mitzuteilen versuchen …

Irgendwann würde ich erkennen, dass Sertan uns gerade sein schauspielerisches Talent vorführte, als müsste er uns unbewusst für die Zukunft warnen. In jenem Moment jedoch bedauerte ich nur, mein Aufnahmegerät vor einiger Zeit meinem alten Freund Klaus geliehen zu haben. Er hatte sich bemüht, einen Artikel über meine Ambitionen, Schriftsteller zu werden, in der Wiener Obdachlosenzeitung Augustin unterzubringen. Es war das erste Mal, dass mir das Aufnahmegerät richtig fehlte. Eigentlich waren es Situationen wie Sertans Redeschwall, wofür ich diesen Apparat überhaupt erworben hatte. Gleichzeitig musste ich aber auch daran denken, dass Menschen anders sprechen, sobald sie merken, dass man ihre Gedanken in irgendeiner Form über den gegenwärtigen Augenblick hinaus festhält. Würde man jemanden darum bitten, die gleichen Gedanken, die er frei heraus von sich gegeben hat, vor einem Mikrofon oder einer Kamera zu wiederholen, bin ich überzeugt davon, dass dabei etwas ganz anderes herauskäme. Vielleicht, weil sich im Bewusstsein des Sprechers instinktiv eine Art Filter einstellt, das im Gehirn ganz andere Kanäle aktiviert. Die Vorstellung, dass man auch zu Menschen spricht, die gerade nicht anwesend sind, scheint zu bewirken, dass man auf das Gegenüber vergisst. Das kann man auch bei Filmszenen beobachten, in welchen zwei Schauspieler sich intensiv ansehen. Ungeachtet ihrer künstlerischen Fähigkeiten, ist es möglich, irgendwo in ihren Augen die Konzentration zu erkennen, die sie anwenden müssen, um zu vergessen, dass sie sich in einer Nachstellung der Wirklichkeit befinden. Selbst bei den glaubwürdigsten Darstellungen gibt es mindestens einen winzigen Moment, in welchem dem Schauspieler seine Rolle entgleitet. Das Leben funkt dazwischen. Das Leben des Menschen, der als Schauspieler arbeitet und sich für den Bruchteil einer Sekunde mit all den Schmerzen zeigt, die ihn gezeichnet haben. Verglichen mit jenen, die er zur Schau stellt, mögen sie kümmerlich wirken, doch in diesem einen Augenblick erscheinen sie dem Zuschauer, der sie zu entdecken vermag, umso wichtiger und nicht nur authentischer, sondern wirklich.

Aber eigentlich kann ich hier nur für mich sprechen. Seit mir dieser Umstand bewusst geworden ist, muss ich gewollt oder ungewollt den Schauspieler hinter der Rolle sehen. Als wäre die Figur nur erfunden, um den Menschen und das Drama, den Alltag zu zeigen. Mit solchen Überlegungen war ich von Sertans Ausführungen abgeschwenkt, während ich seinen Worten eher wie einem belanglosen Geräusch gelauscht hatte. Sertan seinerseits hielt plötzlich inne, um Georg und mich eingehend zu mustern.

»Ihr wisst also nicht, was ich damit sagen will?«

Nein, wir wussten es nicht, und dem skeptischen Gesichtsausdruck Georgs nach zu urteilen, zweifelte er nicht weniger als ich, dass Sertan selbst es wusste. Dieser bemerkte nun auch, dass unsere Aufmerksamkeit nachgelassen hatte, und warf uns einen Blick zu, der wie eine Nadelspitze stach, ehe er in einem fast gruseligen Ton ansetzte: »Der niedere Hof«, flüsterte Sertan, »steht hier für die Hölle.«

Georg blickte verwirrt zu mir auf. Im ersten Moment war er ernst. Er überlegte kurz und schmunzelte dann. Mit einer unterkühlten Handbewegung fragte er Sertan, ob bei ihm eine Schraube locker sei.

»Ihr glaubt mir nicht«, beharrte Sertan, ohne seine Stimme zu heben. Wir mussten uns beide zu ihm beugen, um zu hören, was er nun wieder hervorzubringen hatte.

»Ihr glaubt mir nicht«, wiederholte er, »weil ihr diese Gegend nicht kennt. Ihr wisst nicht, wie es hier früher war. Die Menschen haben sich gut vertragen. Jeder hat jeden gekannt, und es gab hier sogar die Gepflogenheit, nicht nur Freunde zu begrüßen, sondern sogar die Leute, die man nicht mochte. Diese Straße war wie die Hauptstraße eines beschaulichen Dorfes. Hier gab es keine Schlägereien, keine Raubüberfälle, keinen Vandalismus und keine Drogen. Und dann haben sie sich zusammengesetzt und entschieden, aus dieser Straße den Vorhof der Hölle zu machen.«

»Wer sind ›sie‹?«, unterbrach Georg.

»Wer sie sind?«, entgegnete Sertan, um nach einigen Sekunden mit bedeutungsschwangerer Stimme zu rufen: »Dunkle Mächte sind hier am Werk!«

»Und?«, machte Georg.

»Soll ich das wirklich sagen?«, versetzte Sertan.

»Ja«, riefen Georg und ich wie aus einem Mund.

»Und sie geben vor, sich gegenseitig zu bekämpfen, aber sie wollen alle das gleiche.«

Georg und ich schauten einander an, dann wandten wir uns erneut Sertan zu, der uns beide mit funkelnden Augen fixierte.

»So etwas, meine Freunde, entsteht nicht von heute auf morgen. Eine derartige Veränderung, wie sie diese Straße erfahren hat, ist von langer Hand geplant. Vielleicht haben sie bereits bei ihrer Benennung gewusst, was sie daraus machen wollten. Was sage ich: vielleicht?! Gewiss haben sie das gewusst, denn anderenfalls hätten sie dieser Straße einen anderen Namen gegeben. Wahrscheinlich ist aber auch, dass diese dunklen Mächte verzweifelten, als sich die Menschen, die sie hierherbrachten, entgegen allen Erwartungen miteinander vertrugen. Aber dann haben sie diese Wettbüros entdeckt, um ihre Herrschaft wieder zurückzuerlangen. Und glaubt eines nicht, meine Brüder, eines dürft ihr nicht glauben, nämlich, dass ihr zufällig hier seid. Nein, nein, nein. Keiner von uns ist hier aus freien Stücken. Das ist uns vorbestimmt und bis ins kleinste Detail durchdacht. Jeder von uns ist durch eine ausgeklügelte Verflechtung von Umständen hierhergelotst worden, um in dieser kleinen Hölle seine Rolle zu übernehmen.«

»Du spinnst«, entfuhr es mir.

Georg kniff nachdenklich die Augen zusammen und rief: »Du bist krank!«

Sertan klatschte lachend in die Hände. Er stampfte mit den Füßen auf den Boden und tanzte, indem er einige Drehungen um die eigene Achse vollführte und auflachend schrie: »Euch kann man ja alles vormachen!«

»Verarsch wen anderen«, zischte Georg, und nach einer Weile fügte er hinzu: »Wieso haben so viele Giftler diesen blauen Mund?«

Offenbar beschäftigte ihn immer noch diese Eigenheit der Frau, die nach dem Mann in roter Jacke gesucht hatte. Sertan behauptete, auf die Frage eine Antwort zu wissen. Nur kauften wir ihm mittlerweile nichts mehr ab und hörten ihm bloß mit herablassendem Grinsen zu, welches am Ende seiner knappen Erklärung auf unseren Gesichtern gefror.

Als ich die Regale eines Supermarkts in der Nähe des Wettbüros nach dem billigsten Eiskaffee, von dem Georg meinte, dass er am besten schmecke, durchforstete, um einen Becher davon zur Arbeit mitzunehmen, bekam ich einen Anruf von einem Verein, bei dem ich einen Text für einen Literaturpreis eingereicht hatte. Sie luden mich zu einer Autorenwerkstatt ein, die sie organisierten. Obwohl ich meine Schriftstellerambitionen begraben hatte, hatte ich mir einen solchen Anruf in meinen Tagträumen schon so oft vorgestellt, dass ich jetzt nicht einmal überrascht war. Trotzdem hatte ich nicht damit gerechnet, dass er mich auf dem Weg zu meiner Arbeit als Einschreiber ereilen würde. Das machte die Sache umso erfreulicher und irgendwie auch romantisch. Statt meinem ersten Impuls zu folgen und eine Weile innezuhalten, um die Nachricht zu verdauen, damit ich bei Georg nichts ausplauderte, nahm ich für ihn einen zweiten Eiskaffee mit und beschloss, ihm alles zu erzählen. Meinen früheren Chefs gegenüber hatte ich stets alles ausgeklammert, was mit dem Schreiben zu tun hatte, weil ich glaubte, dass sie wie einige Frauen reagieren würden, die zunächst auf mich zugekommen waren, aber nie wieder auftauchten, nachdem ich ihnen meine Texte gezeigt hatte. Georg hingegen nahm die Neuigkeit besser als erwartet auf. Er sah mich an, als würde er sich fragen, was ich eigentlich in diesem Lokal noch suchte, wenn ich so nahe daran war, ein Schriftsteller zu sein. Ich hingegen wollte seit dem Anruf meinen Job um jeden Preis behalten, um diese Aufzeichnungen hier weiterzuführen. Diesen Hintergedanken musste ich jedoch für mich behalten. Ich erklärte nur, dass ich noch lange nicht zu jenen Autoren gehöre, die vom Schreiben leben können. Der Besuch einer Autorenwerkstatt werde daran nicht so bald etwas ändern. Überhaupt wolle ich mich auf keinen Fall in einen Elfenbeinturm zurückziehen, sondern das Leben ergründen, von dem in diesem Wettbüro reichlich geboten werde. Nicht ohne Rührung über meine Antwort ließ Georg seinen Blick langsam über die Tische vor der Kassa schweifen, um in dem Raum links vom Counter hängen zu bleiben. An einem Tisch zwischen vier bespiegelten Säulen saß ein Mann. Seine glatten, schwarzen Haare reichten ihm bis zu den Schultern. Die violetten Lippen, die dunklen Brauen und Augen hoben sich deutlich vom Karamellton seines Gesichts ab. Unbeteiligt und viel zu abgebrüht, um Langeweile zu zeigen, verfolgte er auf dem Hauptbildschirm gegenüber der Hauptkassa die Spielwiederholungen der Deutschen Bundesliga. Seine fleischlosen Lippen lagen so ruhig aufeinander, als hätten sie beschlossen, für alle Zeit so zu verharren. Wie fast alle unsere Gäste trug auch er eine schwarze Lederjacke. Seelenruhig nippte der Mann an seinem Becher, ohne darauf zu achten, dass Georg nun schon seit geraumer Zeit seinen Blick suchte.

»Der Naser will dich nicht hier haben«, rief Georg.

Ich durchstöberte die Namen der Kollegen: Sonja, Babel, Valentina, ich und Georg. Es gab keinen Naser oder jemand anderen, dessen Name ähnlich klang. Kurz fragte ich mich, ob Georg auf eine Abwandlung von einem dieser Namen anspielte? Dann hielt ich das Ganze für einen Scherz und lächelte, zumal der Angesprochene auch so etwas wie ein Lächeln mimte. Georg jedoch starrte ihn immer noch regungslos an und wiederholte lauter, deutlicher und eindringlicher seinen Satz: »Der Nazi will dich nicht hier haben.«

Es gab keinen Zweifel, dass Georg von einem Nazi gesprochen hatte und seine Worte ernst gemeint waren. Georg fixierte den grinsenden Mund des Mannes. Der rekelte sich auf seinem Platz und wandte, als ob nichts wäre, seinen Blick wieder dem Bildschirm zu. Seine Augen schienen dabei aus ihren Höhlen herauszufallen, aber nach außen blieb er still. In seiner Wut wirkte er grauenhaft routiniert.

Ich dachte nur: »Scheiße!«

Kein Wort fiel. Niemand, der ein Cola oder einen Kaffee aus der Lade der Getränkeautomaten hervorholte. Niemand, der sich den Filter einer Zigarette zwischen die Lippen klemmte. Niemand, der seine Wehmut mit dem Rauch des Tabaks nach und nach wegblies. Keine Bewegung, außer dem Flimmern der stumm geschalteten Fernseher, das, aus den Augenwinkeln gesehen, den Rest des Raumes noch mehr erstarren ließ. Sonst schwangen die Echos der Stimmen und die Schatten der Körper, die diesen Raum bevölkerten, auch wenn die Menschen das Lokal verlassen hatten, nach. Jetzt war es stockstill. Als wäre hier nie Leben gewesen. Die Luft verdichtete sich. Ich wollte hüsteln, um überhaupt ein Geräusch zu erzeugen, das die beiden vielleicht ihrer hypnoseartigen Starre entriss. Stattdessen stand ich neben Georg und fragte mich nur: »Wozu bin ich hier?«

Nachdem Georg seine Forderung zum dritten Mal ausgesprochen hatte, fragte der Mann: »Wer ist Nazi?«

»Du meinst, ich sei Nazi«, entgegnete Georg.

»Ich nicht Nazi. Ich Rumäne.«

»Du hast mich hinter meinem Rücken als Nazi beschimpft.«

Der Mann seufzte. Gleichmütig wandte er sich erneut den alten Spielen der Bundesliga zu, als sei das Gespräch reinste Zeitverschwendung.

»Der Nazi will dich nicht hier haben«, wiederholte Georg.

Der Typ sah nicht gerade so aus, als würde er lange fackeln. Er stand langsam auf und durch die Tische steuerte er lautlos dem Fliesengang zu, der zur kleinen Hintertür führte. Einen letzten Schritt vor der Tür hielt er auf einmal inne. Mit seinen Händen klammerte er sich an die Träger seines Rucksacks und pumpte sich wie ein Boxer, der seine Fäuste zur Deckung hebt, die Lungen voll.

»Der Nazi will dich hier nicht mehr haben«, legte Georg nach.

»Ich bin kein Nazi«, lautete die Antwort. »Ich bin Rumäne.«

»Wer ist dann der Nazi?«, fragte Georg.

Der Mann entgegnete: »Kannst du Krieg erinnern?«

Mit diesen Worten, Georgs Antwort abwartend, blieb er vor der schmalen Tür stehen. Georg schwieg.

»Was willst du? Ich warte nur.«

»Warte draußen.« Ihre Stimmen klangen unfassbar ruhig. Keiner murrte, keiner zitterte, keiner brüllte, und auch rot wurde keiner der beiden. Das Gespräch hätte als gediegen gelten können, hätte man dessen Inhalt nicht verstanden. Verstand man ihn aber, erweckte diese Ruhe den Eindruck, als wären da zwei aneinandergeraten, die bereit waren, ohne Weiteres bis zum Äußersten zu gehen.

»Endlich«, dachte ich, als der Rumäne bedächtig hinausging. Das sei Dragosh, der Kopf einer rumänischen Bande, die in dem Haus gegenüber eine Wohnung besetzt halte, und da Rumänien EU-Mitglied sei, habe die Polizei wahrscheinlich nicht einmal das Recht, die Wohnung zu räumen, solange die Bande es bei ihren krummen Touren nicht übertreibe. Lange Zeit hätten sie im Lokal aus mitgebrachten Wodkaflaschen gesoffen, aber bis vor Kurzem nie einen Kunden oder Mitarbeiter belästigt, erzählte mir Georg. Später hörte ich, dass, auch wenn die Rumänen hier ihre Trinkgelage abgehalten, sie sich stets anständig aufgeführt und den Mitarbeitern bei jeder Gelegenheit geholfen hätten, sodass Letztere nie selber putzen oder aufräumen mussten, wenn Dragoshs Bande zugegen war. Dafür habe man ihnen auch das Recht eingeräumt, den Bereich zwischen den vier Säulen, der wegen der schlechten Sicht auf die Bildschirme von den Kunden kaum frequentiert wurde, als eine Art Wohnzimmer zu nutzen. Als sie dort einen Umschlagplatz für Elektrogeräte und Markenbekleidung eingerichtet hatten und Georg eingesehen hatte, dass er diesem Treiben keinen Einhalt gebieten konnte, sei er gezwungen gewesen, gegen sie Lokalverbot zu verhängen. Ausschlaggebend für die Umsetzung des ausgesprochenen Verbots sei jedoch der bloße Verdacht gewesen, dass Dragosh Georg irgendwann einen Fünfziger entwendet habe. Diese Information bekam ich von Sertan, denn mein Chef ließ sich bei seinen Berichten nicht gerne auf solche Einzelheiten ein.

Etwas später läutete das Schnurlostelefon. Der Anruf kam aus der ersten Koje. Georg zeigte auf einen schwarzen 14-Zoll-Röhrenfernseher, welcher sich in einem halbrunden Fach rechts neben dem Computerbildschirm der ersten Kassa befand. Das Fach, dessen runde Rückseite einem kleinen Turm ähnelte, diente Stammkunden, die sich vor der Kassa aufhielten, zum Abstützen. Manchmal streckten sie sich über den Tisch des Counters, um einen Blick auf das Bild des kleinen Fernsehers zu erhaschen. Das war eine ihrer Handlungen, deren Sinn sich mir erst nach und nach erschloss. Bis jetzt hatte ich sie auch immer nur nebenbei wahrgenommen. Nun erfuhr ich von Georg, dass der Bildschirm, der aus einem neunteiligen Raster bestand, der Überwachung diente. Die ersten fünf Bildausschnitte waren den Automaten zugeteilt, sowohl jenen, die sich draußen befanden, als auch den beiden hinter dem Counter. Zwei weitere zeigten jeweils den Tisch zwischen den vier Säulen und den schmalen Korridor, der zum Personalraum und zu den Nassräumen führte, während die letzten zwei Quadrate einfach nur grau flimmerten. Georg tippte mit dem Zeigefinger auf das erste Bild: »Das ist die erste Koje. Jetzt bringe ich dir bei, wie man die Gewinne ausbezahlt.« Ganz am Rande entdeckte ich hinter den zwei Männern, die vor den Automaten saßen, die Spitzen schwarzer Schuhe.

»Das könnte Dragosh sein«, befürchtete ich.

»Und?«

»An deiner Stelle würde ich nicht hineingehen.«

Georg zeigte mir eine Silhouette an dem Milchglas, das die erste Koje von dem Innenraum des Wettbüros trennte: »Dragosh hat lange Haare und der Mann in der Koje nicht.«

Aber Dragosh war tatsächlich in der Koje, nur hatte er seine Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Ich vermutete dahinter eine Art Tarnung. Georg hingegen gab sich unbeeindruckt. Er steckte den Schlüssel in einen Schlitz hinter der Maschine, um den Gewinn zu verbuchen und danach den Betrag in den Auszahlungslisten festzuhalten. Die Spieler sahen wie gebannt auf seine Hände, während er Banknoten blätterte. Als Georg seine Arbeit erledigt hatte, bat er Dragosh, die Koje zu verlassen, und nachdem das Wort »Polizei« gefallen war, folgte Dragosh der Aufforderung, um uns anschließend auf dem Gehsteig nachzustellen.

»Was willst du?«, fragte er, indem er Georg den Weg versperrte.

»Ich will nicht, dass du in mein Lokal kommst.«

»Das nicht dein Lokal«, bäumte sich Dragosh auf. Ihre Köpfe standen so knapp beieinander, dass sich ihre Nasen beinahe berührten. Ich rechnete fest damit, dass nun die Fäuste fliegen würden, und ging dicht hinter Georg in Deckung. Ich hatte Angst und konnte einfach nicht verstehen, was Georg dazu trieb, sich auf eine Schlägerei mit einem solchen Typen einzulassen.

»Was willst du?«

»Dass du gehst.«

»Ich warte auf dich nach Arbeit.«

»Da musst du dich anstellen«, entgegnete Georg, indem er mit mir zum Eingang schritt.

Als wir Platz auf unseren Sesseln eingenommen hatten, fragte ich: »Georg, was passiert, wenn einer meint, gewonnen zu haben, und mit einem Faustring auf den Einschreiber in der Koje wartet?«

»Dann hat der Einschreiber Pech gehabt«, sprach Georg. »Aber bei mir würde so einer nicht ungeschoren davonkommen.«

»Was kannst du machen, wenn er einen Schlagring hat.«

»Ich lasse mich nicht einschüchtern«, beharrte er und drückte mir einige zerknüllte Zettel mit Kombinationswetten, die er aus dem Papierkorb herausgefischt hatte, in die Hand.

»Du musst lernen zu tippen, ohne auf die Tastatur zu schauen, damit du auf die Einsätze, die Leute und den Spielverlauf aufpassen kannst. Sonst kannst hier nicht arbeiten.«

Georg hatte kaum zu Ende gesprochen, als plötzlich ein Pärchen vor dem Counter stand. Ihre Hände, die sie mir zum Gruß entgegenstreckten, drangen so unvermittelt in mein Blickfeld, dass ich zurückschrak. Georg sprang auf und stellte stammelnd Frau Aemesky als Gebietsleiterin und Herrn Hölle als Chef der Sicherheitsabteilung vor. Die Gebietsleiterin schien sich vorgenommen zu haben, an ihrer Erscheinung jegliche Spur von Ausstrahlung zu tilgen. Das war ihr gelungen. Herr Hölle hatte sein Haar zu einem stacheligen Büschel über der Stirn zugespitzt. Durch die breiten Wangen wurde aus dem Kopf ein gleichschenkliges Dreieck, welches durch einen feinen rötlichen Bartstreifen um den Unterkiefer definiert war. Die aufpolierte Haut glänzte von der frisch aufgetragenen Aftershavelotion. Das Gesicht wirkte offen und zuvorkommend, trotz der fast zugewachsenen Augen. Unter den aufgekrempelten Hemdsärmeln kamen mit Sommersprossen und Altersflecken besprenkelte Unterarme zum Vorschein. Obschon deutlich über dreißig, hatte Hölle die Haltung eines spitzbübischen Jungen beibehalten. Er erinnerte an jene jungen Männer, die davon überzeugt sind, ein besseres Leben als alle anderen zu verdienen. Als kleiner Junge habe ich zu solchen Typen aufgesehen und heute kann ich ihnen nicht ohne zu schmunzeln begegnen. Viel mehr als ihr Äußeres bekam ich von ihm und seiner Begleiterin nicht mit, obschon Herr Hölle sich kurz mit mir unterhielt. Der Sinn des Gesprächs blieb dabei aber schleierhaft. Er erkundigte sich, wie ich meinen neuen Job fand. Was sollte ich darauf antworten, als mich dankbar zu zeigen. Es fiel mir schwer, ihm seine Freundlichkeit abzunehmen, zumal seine bloße Anwesenheit meinen Chef, Georg, mächtig ins Schlottern brachte. Hölle kontrollierte die Aushänge rechts und links vom Eingang mit den Ergebnissen der Spiele, die in der vergangenen Woche stattgefunden hatten. Sie waren an den Scheiben aus Milchglas befestigt, welche die Kojen vom Innenraum des Wettbüros trennten. Georg folgte ihm. Es war Georg deutlich anzusehen, dass er Ausreden für die Mängel suchte, während er die Bögen von den Fenstern löste, um sie nach der Begehung mit Herrn Hölle auf meinen Tisch zu legen und mir aufzutragen, sie auf den neusten Stand zu bringen. Er selbst stieg mit seinen Vorgesetzten in das Kellergeschoß, wo sich ein unbenutztes Büro befand. Nach wenigen Minuten kam er wieder zurück und ergriff eine schwarze Mappe, die sich im Fach neben dem Überwachungsbildschirm befand. Er blätterte darin und befreite hysterisch eine Hülle aus den Ringen, entnahm daraus einige Blätter, die er geschwind hinunterbrachte. Auf den Treppen zum Keller hörte ich seine eiligen Schritte. Kurz darauf tauchte er erneut auf und suchte nun etwas in dem massiven Schrank im hinteren Teil des Counters. Offenbar fand er auch dort nichts und legte verzweifelt die Handfläche auf seine Stirn, um sich zu sammeln. Er erweckte den Eindruck, in großen Schwierigkeiten

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