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Die reuelose Gesellschaft

Die reuelose Gesellschaft

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Die reuelose Gesellschaft

Länge:
314 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 1, 2013
ISBN:
9783701743735
Format:
Buch

Beschreibung

Es existieren Wege zu einer besseren, humaneren Gesellschaft.Wir leben in einer Gesellschaft, in der Korruption, Betrug und Gewalt, rücksichtsloser Karrierismusund grenzenlose Gier von vielen unhinterfragt akzeptiert werden. Doch muss es so sein? Wo ist das individuelle und kollektive Verantwortungsgefühl geblieben? Wieso existiert immer weniger Unrechtsbewusstsein?

Rotraud A. Perner begibt sich auf die Suche nach dem verlorenen Mut zur Verantwortung. Sie analysiert die Ursachen und beschreibt die Wege zu einer besseren, humaneren Gesellschaft. Perner hat nicht nur eine der spannendsten Analysen der heutigen Zeit geschrieben, sondern zeigt die reinigende Kraft der Reue und die Vielfalt der Möglichkeiten einer Kultur der Wahrhaftigkeit auf.
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 1, 2013
ISBN:
9783701743735
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Die reuelose Gesellschaft

Buchvorschau

Die reuelose Gesellschaft - Rotraud A. Perner

Literaturangaben

Der Verlust der Wahrheit

Es gibt Zeiten, in denen die einfachsten und klarsten Wahrheiten der Menschheit genötigt sind, sich zu vernebeln und zu verkleiden, um zu den Menschen zu gelangen, da die humansten und heiligsten Gedanken verhüllt und vermummt wie Diebe durch Hintertüren sich einschmuggeln müssen, weil die offene Pforte von den Schergen und Zöllnern der Machthaber bewacht ist.

STEFAN ZWEIG¹

Das Verbot der Wahrnehmung

Es war einmal … es war einmal eine Zeit, in der Fehlverhalten nicht übersehen, nicht verharmlost und nicht vorauseilend verteidigt und entschuldigt wurde. Ich meine die Zeit der 1960er-Jahre, in denen erstmals Menschen, die keine Macht hatten, von denjenigen, die Macht hatten bzw. gehabt hatten, Verantwortung einforderten. Sie benützten dazu wissenschaftliche Methoden wie den beabsichtigt »herrschaftsfreien Diskurs«² statt traditioneller Anprangerungen und Blutgerichte und suchten durch Analysen und Alternativkonzeptionen Machtmissbrauch künftighin obsolet zu machen.

Das Dichterwort sagt, wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.³ Ich sage: leider auch umgekehrt. Wo etwas Rettendes, Befreiendes, Reinigendes auftaucht, wächst gleichzeitig die Gefahr der gezielten Vergiftung, der Fixierung und der Verunreinigung – und das vor allem dann, wenn sich damit Gewinn machen lässt.

Wenn es um unseren physischen Verdauungsapparat geht, erfahren wir schon in frühester Kindheit, dass man bei Vergiftungen eine Entgiftung oder ein Gegengift braucht; wir erfahren, dass Fixierungen nicht nur Bewegungsfreiheit, Entwicklungsraum nehmen, sondern oft auch Schmerzen und Striemen verursachen (auch wenn diese verborgen oder abgestritten werden) und dass man sich nach Verunreinigungen säubern sollte – und meist schätzen wir auch das wohltuende Gefühl nach solch einer Reinigungsprozedur. Wir kennen dieses Gefühl von Sauberkeit nicht nur hinsichtlich des eigenen Körpers, sondern auch was die Umwelt betrifft: Wenn wir den Schreibtisch frei bekommen haben oder die Wohnung entmüllt, Auto oder Kühlschrank geputzt und postalische Altlasten erledigt haben, und wir kennen es aus dem psychischen Bereich, wenn wir Konflikte be-reinigt und uns von seelisch Bedrückendem ent-sorgt haben.

Ich ziehe dazu gerne den Vergleich mit einem Gewitter: Zuerst lädt sich die Atmosphäre mit Plus-Ionen auf – es herrscht »dicke Luft« –, bis es blitzt und donnert und so endlich zur Entladung kommt und dann ein reinigender Regen (sofern er nicht radioaktiv verseucht ist) »frische«, nämlich saubere Luft zuführt; dann pflegen wir uns zum Durchatmen aufzurichten und öffnen Herz und Lungen … Das braucht allerdings mehr Zeit als flaches oder verhaltenes Atmen.

Den Atem halten wir automatisch zurück, wenn wir attackiert werden oder uns gegen andere Gefahren schützen wollen: Wir machen uns dann klein, verringern die Angriffsfläche unseres Körpers und versuchen auch, uns unhörbar zu machen; wir stellen uns gleichsam tot wie manche Tiere und zeigen damit eine uralte Überlebensstrategie. Sie sollte jedoch keinesfalls chronisch werden (müssen).

Eine andere Überlebensstrategie bezeichne ich mit »clever und smart«. Dabei meine ich nicht die beiden Comic-Helden, sondern das klassische Verteidigungsverhalten vor Gericht: Man behauptet erstens, gar nicht dabei gewesen zu sein, wenn das aber nachgewiesen wird, als zweites nicht gewusst zu haben, worum es geht, und falls man auch dieser Kenntnis überführt wird, dann drittens, eigentlich doch etwas ganz anderes beabsichtigt zu haben.

Wir kennen diese Reaktionen von Kindern – dort lauten sie: Ich war es nicht – ich hab das nicht gewusst – ich hab das nicht gewollt. Auch diese Strategie stammt aus dem Tierreich – nur dort ist es der Vogel Strauß, der seinen Kopf in den Sand steckt und vermutlich wähnt, nun könne man ihn nicht sehen, weil er nichts mehr sieht – oder aber möglicherweise nur den wichtigsten Körperteil vor Verletzungen schützen will. Ähnliches zeigen die sogenannten drei heiligen Affen von Benares, die sich Augen, Ohren und Mund »zu«halten: nicht sehen, nicht hören und – sich oder andere – nicht durch Laute verraten, übrigens auch das Motto in den dunklen Gefilden der Gesellschaft und überall dort, wo dunkle Geschäfte das Licht der Wahrheit scheuen.

Eigentlich liegt der Ursprung dieser Affendarstellung im positiven Sinn des vorbildlichen Umgangs mit Schlechtem: Man solle nicht auf das schauen, nicht auf das hören und nicht von dem reden, was nicht dem Gesetz der Schönheit entspricht.

Manchmal wird auch noch ein vierter Affe dazugesellt, der mit seinen Händen sinnigerweise seinen Unterleib bedeckt, was bedeuten soll, nichts zu tun, was nicht dem Gesetz des Guten entspricht.

Für mich ist dieser Bezug auf ein altes fernöstliches Sprichwort kein Gegensatz zu der westlichen Interpretation von Verleugnung des Schlechten und mangelnder Zivilcourage, sondern Warnsignal für ein Verhalten, das nicht nur die Gesundheit von anderen und der Gesellschaft überhaupt schädigt, sondern auch die eigene.

Wenn alle diesem Affen-Motto folgen – und das tun nicht nur Unterweltler, sondern auch viele in der anderen ehrenwerten Gesellschaft –, fällt damit die Möglichkeit zur Bereinigung von Konflikten und die Verbesserung von Störendem, Krankmachendem weg. Vor den bereits zitierten 1960er-Jahren hieß es oft, wenn Kinder »vorlaut« mit ungeliebten Wahrheiten herausplatzten: »Das sagt man nicht! Ich werde dir gleich den Mund mit Seife auswaschen!«, und so geschah es dann auch. Oder es hieß – und heißt es auch heute noch: »Das gehört sich nicht!« und »Was werden die Leute sagen?« und schließlich »Schau da nicht hin, sonst wirst du blind!« (Alles selbst noch erlebt!).

Umgekehrt kennen die meisten heute keinen »Genierer«, wenn sie sich im Ton vergreifen, am Körper oder an fremdem Eigentum. Sie wähnen das manchmal berechtigt, manchmal lustig oder auch sportlich, auf jeden Fall aber unbedenklich, da ihnen kaum Grenzen gesetzt werden oder wenn doch, dann ohne Erklärung oder aber in einer solch gewalttätigen Weise, dass Unrecht gegen Unrecht steht.

Wen wundert es also, wenn Wahr-Nehmung und Wahr-Sagung schon von den Bezugspersonen der frühesten Kindheit im Keim erstickt und Lügensame gesät wird, wenn späterhin die Medien an deren Stelle treten und Botschaften suggerieren, für die PR-Abteilungen von Industrie und Politik und professionelle Rumpelstilzchen – das sind die, die aus (geistigem) Stroh Gold machen können – viel Geld bewegen, damit möglichst nur Goldseiten von Botschaften ankommen und nicht die Abfallseiten.

Sich da die eigene Wahrnehmung zu bewahren und auch ausdrücklich zu ihr zu stehen erfordert Zeit und – Mut. Schon Goethe lässt Faust im Studierzimmer auf die Wissbegierigkeit seines Famulus Wagner hin sinnieren:

»Wer darf das Kind beim rechten Namen nennen?

Die wenigen, die was davon erkannt,

Die töricht g’nug ihr volles Herz nicht wahrten,

Dem Pöbel ihr Gefühl, ihr Schauen offenbarten,

Hat man von je gekreuzigt und verbrannt.«

Wahr-Nehmung braucht Zeit

Meine Erfahrung aus über vierzig Jahren beratender und psychotherapeutischer Berufstätigkeit lautet: Das, was Menschen krank macht, ist die Lüge – das, was sie heilt, ist die Wahrheit.

Zur Lüge zähle ich aber nicht nur die vielfältigen Täuschungsversuche von anderen, sondern vor allem das Sich-selbst-Belügen. »Das kann doch nicht ich gewesen sein!«, lautet die übliche Distanzierung von sich selbst, wenn man schockiert vor den Folgen seines Tuns steht. Wenn man Lügen nur lange genug wiederholt, glaubt man auch wirklich, dass man das nicht gewesen sein kann. Wir haben Idealvorstellungen von uns selbst – und auch von den Menschen, die uns etwas bedeuten – und wollen nicht enttäuscht werden, nicht von ihnen, vor allem aber nicht von uns selbst. Es ist kein schönes Gefühl, wenn man auf die eigene Verblendung gestoßen wird, aber es ist notwendig, diese Übelkeit auszuhalten, um zu mehr Realitätssicht zu gelangen.

Das, was Menschen krank macht, ist die Lüge –

das, was sie heilt, ist die Wahrheit.

Ich vergleiche diesen Schmerz gerne mit einem Brechvorgang: Man möchte die eruptive Entleerung »nach oben« vermeiden, legt sich hin, trinkt Wasser, schluckt Tierkohle, wartet auf Entspannung – aber der Körper will den Kotzbrocken aus sich herausbringen und lässt nicht nach, den Druck nach oben zu verstärken. (Entleerung »nach unten« ist zwar ebenso schmerzhaft, jedoch für viele Menschen während des Vorgangs irgendwie auch anregend, weil dabei der Urogenitaltrakt in Bewegung versetzt wird und die Erinnerung an lustvollere Empfindungen in den unteren Regionen wachgerufen wird.) Wenn aber das Herauswürgen der »Giftbrocken« endlich abgeschlossen ist, verbreitet sich ein Gefühl der Erleichterung: Leere und Reinheit. Man fühlt sich wieder lebendig. Ich nenne das den Schneewittchen-Effekt.

Psychotherapie ist auch solch ein Reinigungsvorgang, ein primär seelisch-geistiger, hat aber auch Wirkungen auf den Körper. Deswegen weise ich oft bereits im Erstgespräch darauf hin, dass mit unangenehmen Emotionen zu rechnen sei und es daher ganz normal (im Sinne von Eigenschonung) ist, wenn man diesen Prozess vorerst wie beim Erbrechen vermeiden will – aber man darf frohe Erwartungen hegen: Wenn man den verdorbenen Seelenmüll draußen hat, folgt ein ähnlich herrliches Befreiungsgefühl wie bei jeder anderen Entgiftung.

Manche Menschen reagieren dann pikiert auf meinen drastischen Vergleich; das sind diejenigen, denen im Laufe ihrer Erziehung jeglicher »Entzug« von Giftstoffen – nämlich vor allem die Befreiung von toxischen Beziehungen – verboten wurde und die daher die Erkenntnis von deren ungesunder Beschaffenheit fürchten. Ich erinnere mich da an einen Ehemann, der die dringlich angeratene Psychotherapie ablehnte, weil er, wie er sagte, fürchtete, er könnte sonst vielleicht draufkommen, dass er gar nicht verheiratet sein wolle. Er sagte dies mit einer Betonung, die zeigte: Zumindest einer der Giftklumpen in dieser Leiden schaffenden Ehebeziehung war er selbst. In meinem gleichnamigen Buch habe ich solche giftigen Personen »Kaktusmenschen« genannt und geraten, zu ihnen schützende Distanz zu halten – aber genau das fällt schwer, wenn es sich um Verwandte und Vorgesetzte handelt, von Lebenspartnern ganz zu schweigen.

So wie die körperliche Entgiftung nicht in Sekundenschnelle bewältigbar ist, bei Drogenentzug sogar Tage und langfristig Wochen dauert, braucht auch die seelische ihre Zeit: Zeit des Erkennens, Zeit des Entschließens, Zeit des Herangehens, Zeit des Durchhaltens und Zeit des Genießens der Leere, wenn der Reinigungsprozess abgeschlossen ist. Und Zeit, sich gegen die Anfechtungen derer zu behaupten, die einen in die Gemeinschaft der Giftschlucker zurückholen wollen – professionelle Verführer inbegriffen.

Kleine Kinder, die bei der Erkundung der Welt sich noch die »richtige«, nämlich ihre Eigenzeit nehmen wollen, leben ein anderes Tempo als ihre Erziehenden oder besser: Ziehenden. Die ziehen nämlich das Kind weg, wenn es mit seinem »Nasenpinsel« jedes Blümchen, jedes Steinchen mit den Augen betasten will. Sie schreiten voll aus und ziehen das Trippelkind so rasant hinter sich her, dass oft ein Fliegen (Hinfliegen) oder Nachschleifen daraus wird. Und sie drängen, und oft schimpfen sie auch. Sie denken nicht daran, welche Erfahrung von Lebensstil sie damit dem Kind vermitteln, weil sie in Gedanken schon an ihrem Ziel sind und nicht im Hier und Jetzt. Aber authentisch leben kann man nur in der Gegenwart.

»Niemand hat mehr Zeit«, so sprach der Zeitpoet Martin Lammerhuber⁴ und betonte das »mehr«: Wir haben alle die gleiche Quantität von Zeit, aber wir leben und (v)erleben sie in unterschiedlichen Qualitäten.

Je »schnelllebiger« wir versuchen, immer mehr in unseren Lebenstag hineinzupacken, desto weniger bleibt Zeit zur Besinnung dessen, was wir tun oder unterlassen. Da können wir noch so viele Phrasen von uns geben, wie sehr wir Nachhaltigkeit befürworten, ja auch umsetzen wollen. Wir schätzen damit nur die Folgen von objektivierten Handlungen ab, also von Taten ohne Bezug auf die Leute, die sie setzen – quasi für eine anonyme Allgemeinheit. Wir vergessen dabei, dass auch wir in unserem eigenen konkreten Tun (Denkmuster inbegriffen) Folgen auslösen, die Schaden anrichten können.

Zivilcourage

Auch denken wir selten darüber nach, wem die steigende Beschleunigung nutzt – wer damit Vorteile für sich daraus zieht und womöglich noch viel Geld damit verdient. Ich antworte: all jene, die nicht wollen, dass wir nachdenken.

Wir denken selten darüber nach,

wem die steigende Beschleunigung nutzt.

Würden wir nachdenken und nachfühlen, würde sich vielleicht unser Ethiksinn melden und nach Zivilcourage verlangen; damit meine ich nicht das körperliche Eingreifen in Raufereien oder gar das organisierte Protestieren wider Gegenmeinungen, sondern das innere Aufrichten und die ruhige Bedachtsamkeit, die jeder Widerstandshandlung vorausgehen muss, wenn diese nicht in Gewalt münden soll.

Ich bin von meinem Ursprungsberuf und Berufsstart her Juristin und Nationalökonomin – das wird gerne ignoriert, obwohl es achtbarer und gefährlicher ist als Gesundheitspsychologin und Psychotherapeutin. Als Juristin gehört es zu meiner Identität, Gesetze zu respektieren. Aber ich nehme für mich auch das »Recht« in Anspruch, Gesetze für überprüfbar, ja sogar regelmäßig überprüfungspflichtig zu halten und, wenn nötig, mit allen gewaltverzichtenden Methoden an der Verbesserung zu arbeiten; dazu zählen für mich vor allem publizistische Tätigkeiten, Projektarbeit und das Werben um Unterstützung, in der Bevölkerung wie bei Politikern. Als ich Rechtswissenschaft studierte,⁵ gab es weder ein Politologie- noch ein Soziologiestudium; was es gab, war Staatswissenschaft – frei von jedem kritischen Gedankengut. Im Rechtsstudium erfuhren wir, wie Gesetze »gemacht«, d. h. legistisch verabschiedet werden, wir erfuhren nicht, wie es überhaupt zu einem Gesetzesvorhaben kommt. Da hieß es nur: Der oder jener Regent erließ dieses oder jenes Gesetz.

Wie man legal, d. h. mit demokratischen Mitteln, an der Veränderung der Rahmenbedingungen – die man ja erst überhaupt als solche verstehen muss – arbeitet, lernte ich erst Jahre später als Kommunalpolitikerin in den diesbezüglichen Schulungen. Während ich dieses Buch verfasse, befinde ich mich bereits im Masterstudium evangelische Theologie. Hier und heute vermitteln die Kirchengeschichtler Unmengen an politischem Hintergrundwissen, mehr als ich vorher je vermutet hätte. Aber Zivilcourage ist ja auch für Protestanten kein Fremdwort, sondern historisches Erbe. Als solches Hintergrundwissen wird auch aufgezeigt, wie gedankliche Inhalte vermittelt wurden und werden – in welcher Sprache, mit welchen Bildern, mit welchen Ritualen, mit welchen Inszenierungen.

Zivilcourage besteht vor allem darin, sein Denken und Fühlen offenzulegen. Das zeigt sich bereits in der Wortwahl.

In der unterschwelligen Militärsprache des Alltags, die eigentlich aufdeckt, dass wir uns in unseren Beziehungen vorwiegend in einem kriegerischen Dauerzustand befinden, heißt das dann »Flagge zeigen«; diese entpuppt sich allerdings oft als eine Piratenflagge.

Von Heraklit stammt der Satz »polemos pater panton«, der zumeist mit »Der Krieg ist der Vater aller Dinge« übersetzt wird. Ich übersetze ihn mit »Der Konflikt ist der Vater aller Dinge«, denn ich meine, man muss ihn nicht zum Krieg anwachsen lassen. Krieg schafft nur Angst, Leid und Tote. Aber genau solch ein Spiel mit Angst und Leid ist heute das Allerweltsrezept zur Auflagensteigerung der Boulevard-Zeitungen. Wer da, beispielsweise als Experte, nicht mitspielt, wer seriöse Information geben, sinnentstellte Verkürzungen vermeiden und auf Publicity verzichten will, wird aus dem Kreis der Medienorgelspieler ausgeschlossen – oder auch bedroht: Wenn man kein Interview gäbe, würde eben etwas geschrieben, was einem dann gar nicht recht sein würde.

Professionelle Verführer

Medien werden oft als »Vierte Macht im Staat« (neben Gesetzgebung, Rechtsprechung und Verwaltung) bezeichnet. Ihre Macht ist die Macht der Sprache, und die gehört besonders verantwortungsvoll verwaltet, denn Sprache besitzt weitreichende Suggestivkraft. Verantwortlichkeit bedeutet in diesem Fall, dass man sich der Suggestivkraft von Worten und Sätzen und mehr noch von laufenden Bildern bewusst ist. Das ist aber nicht einmal bei den – Selbstbezeichnung – Qualitätsmedien immer der Fall; dies hängt einerseits mit den persönlichen Ressentiments der Gestalter zusammen – aus meiner Beobachtung kommt dies vor allem bei Männern vor, die sich »kraftvoll« ausdrücken wollen, Frauen sind überwiegend sensibler für Diskriminierungen, und seien sie noch so geschickt getarnt –, andererseits mit dem Konkurrenzdruck und bei tagesaktuellen Medien mit dem Zeitdruck der Produktion. Viele Journalistinnen und Journalisten – wie auch mein verstorbener Ehemann, Pressereferent von Stadträten und Bürgermeistern – opfern ihre Gesundheit auf dem Altar, der vom jeweiligen Herausgeber oder Chefredakteur errichtet wurde, um nur ja zeitgerecht oder aber wunschgemäß abzuliefern – nicht nur die Texte, sondern auch ihre Gelassenheit. Bei meinem Mann waren es erst der Magen, dann das Herz (im Zuge einer ignorierten Grippe – es war ihm wichtiger, den damaligen Bürgermeister zum Städtetag zu begleiten, um ihm auf Abruf Reden schreiben zu können), dann die Lunge und zuletzt die Stimmbänder, die ihm vergebens signalisiert hatten »Stopp! Hör auf deinen Körper! Schon dich!«.

Verantwortung fängt bei sich selbst an. Da steckt das Wort »Antwort« drin, und daher gilt es zu lernen, den »inneren Dialog« wahrzunehmen. »Was mir widerfährt, ist Anrede an mich«, formulierte der in Österreich geborene jüdische Religionswissenschaftler Martin Buber (1878–1965).⁶ Damit ist aber nicht »papanca«, der plappernde Affengeist⁷, gemeint oder der jeweilige »Kopfbewohner«⁸, wie das Phänomen der inneren Stimme in der Transaktionsanalyse, einer psychotherapeutischen Schule, bezeichnet wird, sondern die wohlwollend-kritische Selbstreflexion (es gibt ja auch eine nörgelnd-miesmachende): Man überprüft möglichst einfach, ob man sich nicht etwa irrt, täuscht oder belügt – oder sich verwirren, täuschen und belügen lässt.

Verantwortung fängt bei sich selbst an.

Professionelle Pseudologen – dieser aus der Sprache der Psychiatrie stammende Begriff bezeichnet krankhafte Lügner, hier wird er aber auf »Sportlügner« angewendet – wissen aus Erfahrung, dass sie ihren behaupteten Wahrheitsanspruch nur vehement genug immer wieder aus Neue repetieren müssen, bis der andere sich selbst nicht mehr glaubt, und freuen sich dann über ihre Überzeugungskraft und ihren Sieg. Und meist ist es ihnen auch egal, was sie bei den Belogenen auslösen.

So lehnte einmal ein Journalist, der entgegen der Wahrheit geschrieben hatte, ich hätte mich im Zusammenhang mit einem Missbrauchsskandal »zu Wort gemeldet« und im selben Artikel einen Bekannten von mir als meinen Klienten bezeichnet hatte, mein Begehren nach einer Richtigstellung mit den Worten ab, ich solle das Ganze einfach »sportlich« nehmen. Gottlob hatte ich diese Kommunikation per Mail geführt und daher den Nachweis, dass ich mich gegen diese Verkehrung der Tatsachen gewehrt hatte. Ich bekam nämlich mit einiger Zeitverzögerung prompt eine kritische Anfrage meines Berufsverbandes, weil irgendjemand aus der Kollegenschaft entsprechend der irrigen Formulierung in der Zeitung geglaubt hatte, ich hätte meine Verschwiegenheitspflicht verletzt, und mir eine Anzeige anhängen wollte.

Mir sagte schon früher einmal ein ehemaliger Journalist und späterer Spitzenpolitiker, bei dem ich mich wegen einer anderen Medienhatz gegen mich beklagte, die Zeitung von heute sei das Klopapier von morgen und dementsprechend zu verwenden. Leicht gesagt, wenn man nicht selbst betroffen ist – und die unbeteiligte Familie mit dazu. Nur mit dem neuerdings stereotypen Hinweis »Selbstverständlich gilt die Unschuldsvermutung« kann man dem Vorwurf der Gewissen- und Reuelosigkeit nicht die Berechtigung entziehen.

Im Gegensatz zu demjenigen, der aus der neuronal eingespeicherten Angst des kleinen Kindes vor grausamer Bestrafung lügt, üben sich die professionellen »Verführer zum Aberglauben« in performativer Sprachkunst: Sie wollen verunsichern, um damit den Verkauf ihrer Produkte und Dienstleistungen zu steigern.

Solche Strategien zielen

•erstens auf Angst vor Ausgrenzung sowie

•zweitens auf die Suche nach Erklärungen, Neu-Gier und Wissensdurst zur Kompensation der Gefühle von Hilflosigkeit und

•drittens auf die Hoffnung, die Ratlosigkeit in Selbstsicherheit zu verwandeln (was oft auch in Selbstgefälligkeit und Überheblichkeit mündet).

Und weil das eher gelingt, wenn man die anderen überrumpelt, inszenieren sie Zeitdruck – so wie der Vertreter an der Haustür, der seinen Fuß erst wieder von der Schwelle nimmt, wenn man unterschrieben hat.

Die Schwelle in den Überredungskämpfen wird mit »Memen« besetzt. Die Wortneuschöpfung Mem stammt von dem britischen Zoologen und Evolutionsbiologen Richard Dawkins (*1941) und bezeichnet Informationseinheiten, die sich wie Gene im Genpool in einem gedanklichen »Mempool« vermehren. Er erklärt seine Gedankenkreation am Beispiel von Melodien, Schlagworten, Kleidermoden oder der Art, Töpfe zu machen oder Bögen zu bauen; all diese geistigen Inhalte sieht er von Gehirn zu Gehirn überspringen wie Spermien von Körper zu Körper. Für diesen Prozess, den er als Imitation bezeichnet, gibt er ein Beispiel: »Wenn ein Wissenschaftler einen guten Gedanken hört oder liest, so gibt er ihn an seine Kollegen und Studenten weiter. Er erwähnt ihn in seinen Aufsätzen und Vorlesungen«, und »so setzt er mir im wahrsten Sinn des Wortes einen Parasiten ins Gehirn und macht es auf genau die gleiche Weise zu einem Vehikel für die Verbreitung des Mems, wie ein Virus dies mit dem genetischen Mechanismus einer Wirtszelle tut …«

Der von mir angeführte Vergleich mit dem Fuß des Vertreters in der Haustür entspräche auch der täglich wiederholten Berieselung mit kompakten Werbebotschaften mittels Bild, Wort und Melodie im heimeligen Wohnzimmer; wenn einen dann solch ein Slogan quasi als »Ohrwurm« immer wieder überfällt, entspricht das durchaus den Flashbacks von traumatischen Erlebnissen (Fachausdruck: Intrusionen¹⁰). Der Werbeprofi freut sich dann über die Wirksamkeit seiner Botschaft, nur: Kaufentscheidung folgt daraus keine, sondern eher die Anfrage an Fachleute wie mich, wie man sich von solch unerwünschten Zwangsgedanken befreien kann (Techniken dazu – die natürlich auch Meme bilden – folgen im letzten Kapitel »Seelenreinigung konkret«).

Unter den Begriff des Mems summiere ich aber nicht nur kognitive Inhalte, sondern auch die nonverbal erfahrenen Bewertungen: Es beeinflusst einen, wenn Bezugspersonen die Brauen runzeln oder die Nase rümpfen, schnaubend Luft holen oder sich angeekelt abwenden. All diese »Parasiten« verführen uns zur Imitation, wie man sehr genau bei Kleinkindern beobachten kann oder bei Jugendlichen oder auch bei Erwachsenen in Umbruchszeiten wie besonders in Identitätskrisen.

Namensgebungen

Meme bestehen nicht nur in kompletten Gedankengängen, sondern können auch Verhaltensweisen – z. B. die erwähnten Stile, Moden, Verfahrensweisen etc. – sein. Aber erst wenn diese einen Namen bekommen und damit in ihrer Wirksamkeit begrenzt werden, kann so etwas wie Selbststeuerung und damit Verantwortung für das eigene Tun und Lassen beginnen.

Solange solche »Stile« namenlos bleiben, bestehen sie nur in einem diffusen Gefühl und sind schwer kommunizierbar –

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