Genießen Sie diesen Titel jetzt und Millionen mehr, in einer kostenlosen Testversion

Nur $9.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

Stille: Roman

Stille: Roman

Vorschau lesen

Stille: Roman

Länge:
251 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 7, 2013
ISBN:
9783905951257
Format:
Buch

Beschreibung

Eine morsche Hütte im Nirgendwo. Ein Mann wird dort festgehalten. Seit Jahren.Weder weiß er von wem, noch warum. Seine einzige Gesellschaft: die Trugbilderseiner Erinnerung. Ein heftiger Sturm zieht auf, als könne auch dies Nirgendwonoch gelöscht werden.Zur selben Zeit versucht eine Frau an einem anderen namenlosen Ort die Stücke ihreszerbrochenen Lebens zusammenzuhalten und wehrt die aufflutende Vergangenheitvergeblich ab.Ihrer beider Leben kannte eine gemeinsame Zeit: Sie waren ein Paar. Sie gingen einanderverloren. Und ihre Liebe hört nicht auf zu zerbrechen, immer wieder, getrenntin Ort und Zeit.In dunkel funkelnder Sprache zeigt Peter Zimmermann mit Stille nicht allein dieTrümmerreste einer gescheiterten Beziehung auf, er läßt die Brüchigkeit von Erinnerungselbst spürbar werden, kein Kompaß ist verloren gegangen, Unsicherheit ziehtihre Kreise, Vergangenheit bedroht das gegenwärtige Leben: Und unter allem pochtdas Herz einer Sprache, deren Schönheit dem Verlorenen gilt, dem Einsamen, derWehmut im Wissen um alle Vergeblichkeit.
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 7, 2013
ISBN:
9783905951257
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Stille

Ähnliche Bücher

Ähnliche Artikel

Buchvorschau

Stille - Peter Zimmermann

Es glich einer Explosion, zuerst ein Knall, dann unerträgliche Helligkeit. Es schleuderte Jan auf den Boden. Die Tür stand offen, Sonne drang ein. Dann ein Schatten. Nichts Ungewöhnliches.

»Es wird Regen geben«, sagte der Mann in Pfadfinderuniform, der in der Tür stand und seine weißen Arme kraftlos wie die Tentakel eines angespülten Tintenfisches von den Schultern hängen ließ.

»Guten Morgen«, sagte Jan und stand vom Boden auf. Der Mann sagte nichts mehr. Sein Mund, aufgeklappt, als hätten sich zwischen Zunge und Gaumen ein paar grundsätzliche Fragen gezwängt, offenbarte zusätzlich zu einer rührenden Hilflosigkeit eine Ahnung von Freiheit. So jedenfalls sah Jan es, nachdem er an den Uniformierten herangetreten war: Auf dem feuchten Fleisch seiner Unterlippe spiegelte sich als kleiner, glimmernder Punkt das ferne Zentralgestirn.

»Man könnte glauben, das Wetter meine es gut mit uns«, sagte Jan. Er hielt sich mit einer Hand die Hose fest, mit der anderen rieb er sich ein Auge. Das Licht, das an dem Mann vorbei in die Hütte drang, schmerzte ihn. »Der Tag könnte also schöner nicht sein auf der Türschwelle von Vaters Mühle«, murmelte er, dann begann er zu singen: »Wisch dir den Schlaf aus den Augen und hab es fein im warmen Sonnenschein.« Er wusste, dass der Mann es mochte, wenn er so tat, als freue er sich über den Besuch. Aber er wollte ihm einen Strich durch die Rechnung machen: »Der Rücken tut mir weh. Lauter Ameisen.« Der Uniformierte schaute ihn weiterhin mit offenem Mund an, tat aber nichts. Seit einiger Zeit plagten Jan Geschwüre. Er fühlte eine Reihe entzündeter Hautstellen, wenn er mit den Fingern sein Steißbein abtastete. Er nahm Haltung an, er bestätigte unaufgefordert, was zu bestätigen war: »Gefangener 64979324. Auf seinem Platz.«

Der Mann schwieg weiterhin. Die grundsätzlichen Fragen zwischen Zunge und Gaumen, dachte Jan, was für eine Tragödie! Das Leben, erzählte ihm das Gesicht des Mannes, ist eine verschlüsselte Botschaft, deren Code immer nur die anderen knacken; nur Freddie schaute so, der alternde Cowboy, das zeitlebens staunende Kind einer aus Kuhmist und Spiritusdelirien gewachsenen Familie. Dieser endzeitliche Blick, dachte Jan, wenn dem alten Mann Tag für Tag nach dem Aufwachen klar wurde, dass der Schlaf die Geister nicht vertreibt und er den Brocken in seinem Mund nicht werde herunterschlucken können. Vergeblich, Herr, erweitern wir unseren Blick in die himmlischen Räume und erspähen das Innere der Erde, hörte er den Prediger aus Freddies Küchenradio flöten, und er sah, dass der Cowboy sich verstanden fühlte, wie er da in seinen langen Baumwollunterhosen das Frühstück bereitete für sich, für die leise schnarchend durch den Morgenschlaf segelnde Iris und für ihn, Jan, als er noch einen Namen hatte und eine Zukunft. Ein anderes Leben, dachte Jan, eine andere Zeit. Jetzt ist es eben der Hüter, in dessen Gesicht ein Loch klafft, und ich derjenige, der die frommen Lieder singt für dieses dick gewordene Kind eines lachhaft sich selbst überschätzenden Systems. Wie absurd ist diese ins Gesicht geschriebene Unentschiedenheit, dachte er. Erstickt da gerade jemand? Muss er sich gleich erbrechen? Ein offener Mund lässt unschöne Gedanken in beide Richtungen zu, und wie man die Sache dreht und wendet, die Leute machen einen Bogen um einen. Gern hätte Jan sich seinem Gegenüber anvertraut, und möglicherweise hätte der Mann ihn verstanden, aber er hatte hier nichts zu sagen. Bestenfalls zu wünschen, aber das Wünschen half niemandem, das wusste er, und auch nicht das Hoffen, aber das hatte er sich gar nicht erst angewöhnt, das Hoffen, nachdem man ihn hierhergebracht hatte, direkt aus dem Hotel Krok, zur einstweiligen Verwahrung, wie es hieß. Eines Tages hatte man ihm den Kopf geschoren und ihn in Anstaltskleidung gesteckt, die ihm nicht passte. Aus hygienischen Gründen, hatte man ihm gesagt. Aber man hatte viel gesagt damals und zugleich nichts, und Jan hatte nicht gefragt. Er hatte sich gefügt, oder vielleicht war es ihm auch gleichgültig gewesen. Was immer dazu geführt haben mag, dass er nun ein Gefangener war, es kümmerte ihn nicht mehr. Seit der Verhaftung waren unzählige Tage und Nächte vergangen, irgendwann hatte niemand mehr das Wort an ihn gerichtet, man hatte ihm den Uniformierten in die Hütte geschickt, einmal täglich, vermutlich um anzuzeigen, dass man ihn eines Tages vielleicht doch noch brauchte. Er jedenfalls würde dann erzählen, was sie nicht hören wollten: wie Paul aus dem Boot gefallen und ertrunken war, wie Camilla das Kind verloren hatte, vielleicht sein Kind, vielleicht auch nicht, wie Iris auf ihn gewartet hatte, während Freddie im Zimmer darunter im Sterben lag, wie Katharina neben ihm im Bett gelegen und sich vor ihm geekelt hatte. Das war seine Geschichte. Und sie war vorbei.

Die Fahne aus Schweiß und heißer Luft, die der Uniformierte ausströmte, sorgte für Unruhe in der Hütte. Jan beobachtete, wie Käfer, Spinnen und Asseln Rettung in den Spalten der Wände suchten. Warum bloß alle so an ihrer Existenz hängen, fragte er sich, ohne sich mit möglichen Antworten aufzuhalten, denn er wusste, dass derjenige leicht ins Zweifeln gerät, der zum Namen eine achtstellige Zahl hat, mit der er tägliche Meldung erstatten musste. Nur deshalb gab es ihn noch. Fürs Protokoll. Und er malte sich aus, dass Wärter wie Bewachter auf eine Unterbrechung der Routine hofften. Der eine auf die kurzweilige Jagd nach dem Entfliehenden, der andere auf den geglückten Ausbruch. Oder wenigstens auf die Entlassung. Aber fang jetzt bloß nicht an zu hoffen, sagte er sich und wiederholte den einzigen Satz, der ihm zustand: »Gefangener 64979324 auf seinem Platz.«

Deshalb hängt einer an seiner Existenz, dachte er, weil er sie jeden Tag bestätigen darf. Weil seine Anwesenheit in den Büchern verzeichnet wurde: Gefangener 64979324 existiert. Wie angenehm wäre es gewesen, hätte er in seinem früheren Leben nach dem Aufwachen laut und deutlich seinen Namen gerufen und sein Dasein bestätigt, um danach wieder in Ruhe gelassen zu werden. Sein Leben hätte Sinn gehabt.

Vielleicht.

Der Uniformierte flüsterte, dass es gut sei. Jan glaubte, ihm eine Träne übers Gesicht rinnen zu sehen. Er sagte nichts. Einer achtstelligen Zahl, die nicht den Mut hatte zu fliehen auf die Gefahr hin, sich in einem elektrischen Zaun zu verfangen oder von Stolperdrähten zu Fall gebracht zu werden, würde einer in Pfadfinderuniform ohnehin nur eine Geschichte erzählen, weil ihm danach wäre. Oder weil die achtstellige Zahl sowieso nichts dagegen tun kann. Vielleicht litt er aber auch nur ganz einfach unter der Hitze, seiner Arbeit, unter dem System. Wer konnte das wissen?

»Es wird Regen geben«, sagte der Mann und blickte zu Boden.

Das alte Lied von den geöffneten Himmelsschleusen also, die nur in den Heiligen Büchern etwas in Bewegung setzen, nicht aber hier, wo nichts geschah, was der Routine entgegenliefe. Und doch war irgendetwas anders an diesem Tag. Der Mann war anders. Die Träne. Sie war das andere, das Unerklärbare, der Bruch mit der Gewohnheit.

So let it come down, sagte sich Jan, aber es war eigentlich egal. Der andere hatte eine geladene Waffe im Gürtel stecken, er selbst, er musste die löchrige Hose am Bund festhalten, um sich einen Rest von Würde zu bewahren. So unterschiedlich war die Welt. Und zugleich so eindeutig. Nur die Krähe vor der Hütte nahm jedes Mal bei Sonnenaufgang Anlauf, breitete die Flügel aus, ohne sich einen Zentimeter vom Boden zu lösen. Jan wusste, dass der Wunsch, übers Meer zu entschweben zwischen der Sonne und ihrer Spiegelung auf einer Unterlippe, vergeblich wäre. Wohin sollte er auch entschweben? Da waren keine Gärten mehr zu bestellen, keine Türen zu öffnen, keine Zimmer zu betreten, keine Münder zu küssen, keine Kinder zu umarmen, keine Geschichten zu erzählen. Jan war die Welt abhandengekommen, ohne dass er viel dazu beigetragen hätte. Er hatte sich nie vorstellen können, dass so etwas möglich ist, aber es war ihm passiert.

Und nun ließ sein einziges Gegenüber in diesem Rest von Leben, das ihm geblieben war, nicht ab von diesem Blick, der nichts verriet von seinen Gedanken an Regentagen, der sich kaum änderte an heißen Sommertagen oder im Winter, bei zwanzig Grad unter null, oder an Tagen, die den Nächten glichen, nachdem er geräuschvoll den Schlüssel im Schloss gedreht und den Gefangenen aus unruhigem Schlaf oder aus der Betrachtung eines Spalts in der Wand gerissen hatte; wenn er also die Tür zur Hütte, der Dreyfus-Hütte, der Teufelsinsel-Hütte, der Hütte ohne Wiederkehr und was sonst an Zuschreibungen auf die Wände gekritzelt stand, aufgestoßen und den schweren Schritt in die Mitte des Zimmers gemacht hatte, wo er von Mal zu Mal innehielt, als müsse er sich erst zurechtfinden an einem Ort, an dem sich, seit er existierte, nichts verändert hatte: ein Tisch, ein Sessel, eine Pritsche, eine Lampe, die dann genau über seinem Kopf von der Decke hing. Manchmal stand die Sonne höher, manchmal tiefer, manchmal verdampfte sie hinter den Wolken, das war alles. Da machte eine einzige Träne einen Unterschied.

Auch der Gefangene wollte sich nicht verwandeln, in Wirklichkeit nicht einmal mehr in den Menschen, der er einmal war. Aber wer sonst hätte er sein sollen? Man wird konservativ, wenn einem Zeit und Name verloren gehen, dachte Jan. Er wollte nicht mehr ausbrechen, das glaubte er hinter sich zu haben, stattdessen hielt er inzwischen seine löchrige Hose auf immer gleiche Weise am Bund fest, indem er die Arme hinter dem Rücken verschränkte und den Zeigefinger einer Hand in die Gürtelschlaufe über dem Steiß steckte und so den Eindruck größter Entspanntheit vermittelte. Das schien den Uniformierten doch zu beruhigen, rechnete er anscheinend noch immer mit einem ungewöhnlichen Ereignis, das seiner Aufgabe, diesen Ort vor allen Zeitläuften zu sichern, widersprochen hätte. In seinem Erstaunen unterschied er sich nicht von der Krähe, die nach jedem gescheiterten Flugversuch die Flügel hängen ließ und mit geöffnetem Schnabel ratlos das Stück Welt bestaunte, in dem der Wille der Kreatur an der Schwerkraft zerschellte. Dann stakste sie vor der Hütte auf und ab und pickte die Insekten vom Boden auf, die sonst Tisch und Bett mit Jan teilten. Manchmal aber kämpfte sie sich in einem Anfall von Übermut oder Verzweiflung das ganze Stück bis zur Lichtung vor und streckte sich, ein schwarzer Fleck im trockengelben Gras, in der Sonne aus. Im Traum fragen wir beide uns, wer sich als Erster von diesem Flecken Erde lebend verabschieden wird, dachte Jan, und gegen alle Vernunft habe ich mich gegen mich entschieden.

Vielleicht glaubte die Krähe, wie der Uniformierte auch, an die Verwandlung in ein Lebewesen höherer Ordnung, vielleicht nahm das Tier auch nur Maß an Jans Existenz, um dieser etwas entgegenzusetzen, und vielleicht liebte der Mann in der Uniform einfach nur den Klang des Wortes Regen. Warum nicht? RegenRegenRegen. Die Krähe hätte ein besseres Vorbild verdient.

Warum aber weinte der Mann?

Die Endlosschleife der Ereignislosigkeit hatte ihn vermutlich melancholisch werden lassen, und Melancholiker, war Jan überzeugt, neigen zur Überbewertung schlechten Wetters. Denn das Wort Regen bedeutete nicht zwangsläufig, dass am Himmel über der Hütte, über den er sich selbst kein Bild machen konnte, weil die Bäume rundherum zu dicht standen, tatsächlich dunkle Wolken aufzogen. Regen bedeutete in der – wie Jan meinte – melancholiefreien Zuchtmeisterei des Gefängnisses zumeist, dass der Ausgang gestrichen wurde. So wie manchmal das Essen gestrichen wurde, die Dusche oder die Entsorgung des Fäkalieneimers. Unsinnige Sanktionen, die zu befolgen dem Melancholiker offensichtlich leichter fielen, wenn er ihnen eine Begründung beifügte, die ihn überzeugte, sofern er sie, auch wenn sie jeglicher Grundlage entbehrte, nur oft genug wiederholte. So kündigte er eben Regen an, wenn er in Wirklichkeit dem Gefangenen Unannehmlichkeiten zu bereiten hatte.

Doch manchmal, wenn er sagte, es würde regnen, regnete es tatsächlich, und Jan musste nicht selten trotzdem den Gang mit ihm durch den Wald hinunter zum See und wieder zurück unternehmen, unter glücklicheren Umständen ein Spaziergang von einer halben Stunde. Doch in der Gefangenschaft wollte sich die Liebe zur Natur, die schon in Freiheit nur wenig ausgeprägt war, nicht recht einstellen, oh zusammenklingende Ruhe von Wiesen, Wasser und blauer Ferne! Erhaben scheint die Landschaft nur dem, der seine Hose fest um die Mitte zu schnüren vermag. Weil er aber nicht die ganze Zeit die Hose am Bund festhalten konnte und der Mann ihm weder Gürtel, Schnur, Draht noch sonstiges würgetaugliches Material aushändigen durfte, hatten sie sich wortlos auf den Gebrauch einer Wäscheklammer geeinigt.

Der Uniformierte drückte Jan ins Freie. Satt hing die heiße Luft vom Himmel, fettige Vorhänge unter einem bleiernen Plafond, gegen die sich beide im Gehen stemmten, die Sonne über den Köpfen ein glühendes Auge, ihr Blick hingegen kalt und teilnahmslos. Die Wäscheklammer im Rücken rieb unangenehm.

Der Mann hatte sie eines Tages hervorgezogen aus der Brusttasche seiner Pfadfinderjacke, eine Geste, die er seitdem vor jedem Ausgang wiederholt, während Jan ihm den Rücken zukehrt, damit er die Handlung vollenden kann. Dann ist Zeit zu gehen.

Es geht, es ging, es ging doch, wie ging das gleich? Es ging doch der Blume, versuchte sich Jan zu erinnern und glaubte zu spüren, wie sich Camilla an seinem Arm festhielt. Ob sie sich noch manchmal an ihn erinnerte? Er konnte es sich nicht vorstellen. Wenn er an sie dachte, sah er ein feingliedriges Insekt vor sich, das zu Staub zerfiel, trat man auf es drauf. Und nicht selten hatte sie den Mund so hübsch offen stehen, als wartete sie auf die passende Gelegenheit, das Männchen aufzuessen. Also, wie war das gleich? Es ging doch der Blume gläubige Seele nimmer verloren, und schon ließ ihn die Erinnerung im Stich, als müsste er sich in ein früheres Jahrhundert zurückversetzen. Wie lange war das her? Er hatte die Zeit verloren, und auch die Sätze von früher kamen nicht wieder, nur die Bilder. Bilder in Pastellfarben, wie nachgemalt, gefälscht. Camilla hatte nie ein Gedicht rezitiert. Sie war nie phantasievoll gewesen. Sie hatte kaum je den Mund aufgemacht.

Der Weg stieg anfangs leicht an, zwischen Gebüsch und Laubbäumen hindurch, deren Kronen sich hoch über ihren Köpfen berührten.

Camilla war unter den Bäumen, neben ihm, jetzt, so wie Iris in der Hütte war, wenn er manchmal nachts nach kurzem Schlaf aufwachte und einen Augenblick lang überzeugt davon war, nicht allein unter der Decke zu liegen. Dann bewegte er sich nicht, um die Illusion nicht zu zerstören und ins Leere zu greifen. Wenn er ganz still war, wie er es als Kind gewesen ist, um zu hören, wie die Träume von der Zimmerdecke auf ihn zu schneien begannen, hörte er ihre gleichmäßigen Atemzüge. Immer aber war Katharina da oder wenigstens in der Nähe, auch wenn er sie fast nie sah, und wenn, dann mit abgewandtem Gesicht.

Der Uniformierte atmete schwer. »Und ob es regnen wird«, keuchte er, »und ob.« Sie gingen unter dem Dach der Bäume, über die Lichtung hin zur Schotterstraße, die zum See führte. Auch das ein Ritual ohne Abweichung, wäre da nicht die der Schwerkraft ausgelieferte Krähe gewesen, die ihnen in einigem Abstand ohne erkenntlichen Grund folgte. Da ist noch der Wechsel der Jahreszeiten, dachte Jan, und der nie innehaltende Gedankenfluss. Gehen und Denken ist eins. In der Hütte war das Denken ausgesperrt, da war alles Empfindung, ununterscheidbar, wie für ein Kind. Etwas duftete oder stank, jemand war da, irgendwer sprach immer unverständlich aus den Wänden oder durch die Wände hindurch. Ein Riss in der Wand erstrahlte im Licht, aber nur für einen Augenblick. Dann war der Riss nicht mehr da oder das Licht leuchtete am Horizont noch einmal auf, ehe es hinter der Erdkrümmung verglomm.

»Das Laub verfärbt sich noch nicht«, flüsterte Jan seiner Vorstellung von Katharina zu, »die Nächte sind noch kurz.« Camilla war rasch abgeschüttelt, vielleicht hatte sie selbst von ihm abgelassen, als sie Katharina sah. Der Weg zum See, zu Hause, nicht hier, nur einmal sind wir beide ihn gegangen. »Aber die Hütte, Katharina, ist das Kaninchenloch, tiefer kann einer nicht fallen. Man wächst in die Länge und wird dann klein wie eine Fliege, alles kann mit einem geschehen. Aber allein ist man nie, wenn auch sonst niemand da ist. Und der Himmel, Katharina, trägt noch nicht das frische Blau des frühen Herbstes. Unzählige Male, du weißt, sind wir durch die Weinberge gewandert, und einmal im Herbst vor einem halben Menschenleben haben wir eine verspätete Maus mit Schokolade gefüttert.«

Der Uniformierte an seiner Seite wankte durch die Hitze und beachtete ihn nicht. Er schien mit sich beschäftigt zu sein, mit Gefängniswärtergedanken oder mit der Erwartung des vorausgesagten Regens. Vielleicht aber hörte er Jan zu und meinte, die Worte gälten ihm. Vielleicht konnte er sich vorstellen, dass einer in der Einsamkeit sich gewissermaßen vervielfachte, sich in Gedanken zu lauter körperhaften Vergangenheiten formte, die miteinander ins Gespräch gekommen waren.

»Was sagt man dazu!«, rief Jan. Der Uniformierte zuckte zusammen und legte seine Hand um den Griff seines Revolvers. »Eine verspätete Maus, Herrgottnochmal! Jetzt geht mir das nicht mehr aus dem Kopf! Eine verspätete Maus!«

Der Uniformierte entspannte sich und lächelte.

Jan wollte sich nicht mehr erinnern, weil ihm dann alles, woran er sich erinnerte, zu fehlen begann. Das Füttern einer Maus ebenso wie das Stehen unter einem Vordach, wenn sie vom Regen überrascht worden waren, und Katharinas ständiges Zuspätkommen, wenn sie sich fürs Kino verabredet hatten. Es gab nichts, woran er nicht schon gedacht hätte in all den Monaten oder vielleicht auch Jahren. Er hatte gehofft, dass eines Tages die Bilder gelöscht sein würden. Dass er so zermürbt wäre, dass der Bilderspeicher auch nicht von der größten Einsamkeit angezapft werden könnte. Doch jeder Baum konnte der Auslöser einer Erinnerung sein, und dann war alles wirklich, alles nahm Gestalt an und war da, hier, vor ihm, zum Anfassen nah. Und wenn es dämmerte, war in der Hütte aus den Augenwinkeln die Bewegung eines Schattens zu erhaschen. Ständig drehst du dich um dich selbst und schaust und sperrst die Ohren auf und holst zögernd Luft durch die Nase, dachte Jan, oder du ziehst die Decke über den Kopf und hörst dieses gleichmäßige Atmen an deiner Seite oder du spürst den Griff auf deinem Arm oder du weißt um Katharinas abgewandten Blick. Sie waren immer da, alle gleichzeitig, alle, die er zurückgelassen hatte.

»Entschuldigen Sie«, sagte er zum Uniformierten. Und sie mühten sich weiter durch die Hitze des Tages. Grundlos, wie immer.

Noch bläst der Nordwind keinen Korridor in die heiße Luft, dachte Jan, und die Mückenschwärme sind nicht dem Nachtfrost erlegen. Ich kann ihr Gesicht nicht mehr erkennen, das ist so lange her. Als ob sie mir vom Grund eines Teiches entgegenschaut. Der Tau hängt noch nicht schwer in den Spinnennetzen, man könnte bei Sonnenuntergang im Freien sitzen und das weiche Wachs am Rand der Kerze eindrücken.

Es gab aber keine Kerze, kein Licht, wenn es dunkel wurde. Jan ging nun mit geschlossenen Augen. Er zählte die Schritte. Eins. Zwei. Drei. Es ging noch eine Weile. Fünf. Sechs. Sieben.

Wenn es dunkel geworden war, wenn er nicht allein in der Hütte war oder glaubte, nicht allein in der Hütte zu sein, dann konnte er in seiner Angst nicht einfach ins Freie flüchten, die Tür war versperrt. Zwölf. Dreizehn. Wenn etwas von außen an der Tür rüttelte, wusste er jedoch nie, ob sie tatsächlich versperrt war, zumindest redete er sich ein, es nicht zu wissen. Und er traute sich nicht nachzuschauen, sondern drückte sich an die Wand, die nachzugeben schien, als wäre sie aus frischem Lehm. Vierundzwanzig. Fünfundzwanzig. Oder etwas drückte dagegen und fraß sich durch. Wenn es doch geschehen würde, dachte er dann und fürchtete sich davor, dass tatsächlich etwas geschehen könnte. Aber es geschah nichts. Seit Jahr und Tag dieselbe Angst, und es geschah nichts. Nur wenn der Mann in der Pfadfinderuniform den Riegel zurückschob, geschah etwas. Siebenunddreißig. Achtunddreißig.

Sie haben das Ende dieser Vorschau erreicht. Registrieren Sie sich, um mehr zu lesen!
Seite 1 von 1

Rezensionen

Was die anderen über Stille denken

0
0 Bewertungen / 0 Rezensionen
Wie hat es Ihnen gefallen?
Bewertung: 0 von 5 Sternen

Leser-Rezensionen