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Zum Kontinent des eisigen Südens: Die erste deutsche Südpolarexpedition 1901-1903

Zum Kontinent des eisigen Südens: Die erste deutsche Südpolarexpedition 1901-1903

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Zum Kontinent des eisigen Südens: Die erste deutsche Südpolarexpedition 1901-1903

Länge:
465 Seiten
6 Stunden
Freigegeben:
Jul 17, 2013
ISBN:
9783843803502
Format:
Buch

Beschreibung

Erich von Drygalskis Schiff "Gauß" verlässt am 11. August 1901 Kiel und gelangt über Kapstadt und die Kergeulen bis zum Antarktischen Festland. Das Schiff bleibt hier fast ein Jahr im Eis stecken und wird kurzerhand zur Forschungsstation umfunktioniert: Die Reise wird so zu einem wissenschaftlichen Erfolg, die geographischen, zoologischen und meterologischen Entdeckungen werden einen 20-bändigen Forschungsbericht abgeben.
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Jul 17, 2013
ISBN:
9783843803502
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Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Zum Kontinent des eisigen Südens - Erich von Drygalski

Erich Dagobert von Drygalski

(1865-1949) wurde in Königsberg geboren. Nach dem Studium der Geographie übernahm er die Leitung zweier Expeditionen der Berliner Gesellschaft für Erdkunde nach Grönland. Im Jahr 1898 wurde er zum Leiter der ersten deutschen Südpolarexpedition ernannt. Von 1901-1903 bereiste er mit der Gauß und seiner Besatzung die Antarktisregionen. Nach seiner Rückkehr arbeite er als Professor für Geographie in München, wo er 1949 starb.

Dr. habil Cornelia Lüdecke

(geb. 1954) ist Privatdozentin für Geschichte der Naturwissenschaften an der Universität Hamburg. Sie leitet die Expertengruppe für Geschichte der Antarktisforschung des Scientific Committee on Antarctic Research und ist korrespondierendes Mitglied der Académie International d’Historie des Sciences in Paris.

Zum Buch

„Es war ein gewaltiger Anblick, wie in dem hellen Licht Eisberge geisterhaft aus der Nacht emportauchten und vorüberzogen. Wer konnte wissen, ob nicht der nächste Berg das Schiff treffen und zerdrücken würde? Fieberhaft arbeiteten die Mannschaften (...). Um 3 Uhr morgens war es vollendet (...). Wir waren frei." Erich von Drygalski

Erich von Drygalski gehörte zu den anerkannten Koryphäen der Südpolarforschung, als ihm die Leitung der ersten Deutschen Antarktisexpedition anvertraut wird. Mit der Gauß verlässt die Expedition 1901 Kiel und dringt über Kapstadt und die Kergeulen bis zur Antarktis vor. Bis 1903 überwintert die Besatzung der zur Forschungsstation umfunktionierten Gauß.

Erich von Drygalskis Schiff Gauß Everlässt am 11. August 1901 Kiel und gelangt über Kapstadt und die Kergeulen bis zum Antarktischen Festland. Das Schiff bleibt hier fast ein Jahr im Eis stecken und wird kurzerhand zur Forschungsstation umfunktioniert: Die Reise wird so zu einem wissenschaftlichen Erfolg, deren geographische, zoologische und meteorologische Entdeckungen am Ende einen 20-bändigen Forschungsbericht abgeben werden.

DIE 100 BEDEUTENDSTEN ENTDECKER

Erich von Drygalski

(Quelle: Gazert-Nachlass, Privatbesitz Gazert, Partenkirchen)

Erich von Drygalski

Zum Kontinent

des eisigen Südens

Die erste deutsche

Südpolarexpedition

1901 – 1903

Herausgegeben

von Cornelia Lüdecke

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

https://dnb.d-nb.de abrufbar.

Es ist nicht gestattet, Abbildungen und Texte dieses Buches zu scannen, in PCs oder auf CDs zu speichern oder mit Computern zu verändern oder einzeln oder zusammen mit anderen Bildvorlagen zu manipulieren, es sei denn mit schriftlicher Genehmigung des Verlages.

Alle Rechte vorbehalten

Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2013

Der Text basiert auf der Ausgabe Edition Erdmann, Wiesbaden 2013

Lektorat: Dietmar Urmes, Bottrop

Covergestaltung: Nicole Ehlers, marixverlag GmbH

nach der Gestaltung von Nele Schütz Design, München

Bildnachweis: Auf dem Inlandeis, nordwestlich vom Gaußberg, Antarktis

eBook-Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main

ISBN: 978-3-8438-0350-2

www.marixverlag.de

Inhalt

Vorwort

Zum Kontinent des eisigen Südens

Mitglieder und Organisation

Der »Gauß« und seine Ausrüstung

Von Kiel nach den Kapverden

Im Südatlantischen Ozean

Kapstadt

Über die Crozetinseln nach den Kerguelen

Auf den Kerguelen

Über Heard Island zur Eiskante

Neues Land

Einrichtung der Winterstation

Die Station in Betrieb

Gaußberg und Inlandeis

Freuden und Leiden der Winternacht

Winterstürme und Frühjahrspläne

Die Frühjahrschlittenreisen

Antarktischer Sommer

Der Aufbruch des Eises

Die Drift im Scholleneis

Im Indischen Ozean; St. Paul und Neu-Amsterdam

In der Kapkolonie

Über St. Helena, Ascension und die Azoren nach Kiel

In der Heimat

Literaturverzeichnis

Vorwort

Endlich war es soweit, als am 11. August 1901 in Kiel auf dem Expeditionsschiff »Gauß« die Segel gesetzt wurden. Nach fast vierzigjährigen Bemühungen hatte Georg von Neumayer, Direktor der Deutschen Seewarte in Hamburg, sein Ziel erreicht, indem eine Forschungsexpedition zur Antarktis ausgesandt wurde. Keiner wusste damals, was sie dort erwartete. Neben ersten Kenntnissen von der Antarktischen Halbinsel lagen bislang nur wenige, völlig vereinzelte Küstensichtungen entlang des Südpolarkreises vor. Nachdem eine britische Expedition bereits am 31. Juli London mit dem gleichen Ziel verlassen hatte, und eine schwedische Expedition am 16. Oktober nach Süden folgte, waren die Erwartungen allseits hochgesteckt. Deutschland sollte als aufstrebende Seemacht unter Kaiser Wilhelm II. dem politischen Rivalen Großbritannien zeigen, dass es bei der Erforschung unbekannter Regionen Ebenbürtiges leisten könne.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war die Zeit reif, um den letzten weißen Flecken auf dem Globus, die »Terra australis incognita« zu erforschen. Neumayer war derjenige, der sich seit 1865 auf der ersten Geographentagung in Frankfurt/Main unermüdlich dafür einsetzte. Allerdings lag zu diesem Zeitpunkt die Erforschung der unbekannten Arktis buchstäblich näher, die vor allem von August Petermann eingefordert wurde, um seine These vom offenen Polarmeer zu verifizieren. Er initiierte die erste deutsche Nordpolar-Expedition, die 1868 die Gewässer zwischen Ostgrönland und Spitzbergen erforschte, weil die damaligen Eisverhältnisse an der grönländischen Küste keine Anlandung zuließen. Die Küste sollte aber unbedingt erreicht werden, sodass die nachfolgende Expedition 1869 mit zwei Schiffen aufbrach, um die unbekannte Ostküste nach einer vorgegebenen Instruktion soweit wie irgend möglich nach Norden zu verfolgen. Allerdings verloren sich beide Schiffe aus den Augen. Die »Hansa« wurde vom Eis zerdrückt, sodass die Mannschaft auf einer Eisscholle überwintern musste, die langsam an der Küste nach Süden driftete. Schließlich konnten sich Männer mit ihren Rettungsbooten zu einer Missionsstation der Herrnhuter Brüdergemeine am Südzipfel Grönlands retten. Das zweite Schiff hatte von alldem nichts gewusst und gelangte zur Küste. Dort wurde der Kaiser-Franz-Josef-Fjord entdeckt und ein weiter Küstenabschnitt bis 77° N kartiert.

Die deutsche Südpolarforschung kam erst in der Osterwoche 1895 in Gang, als der 11. Deutsche Geographentag vom 17.–20. April in Bremen zusammentrat, um aktuelle Forschungsergebnisse und neue Projekte zu diskutieren. Neumayer eröffnete mit seinem Vortrag eine spezielle Sitzung, die sich der wissenschaftlichen Erforschung der Antarktis widmete. Zweiter Redner war der Berliner Geograph Erich von Drygalski, der zusammen mit dem dritten Redner Ernst Vanhöffen, einem Biologen, 1892–1893 in Grönland überwintert hatte, um die Bewegung des Inlandeises und kleinerer lokaler Gletscher zu untersuchen. Drygalski erläuterte die Probleme des Eises und die Aufgaben einer künftigen Südpolarforschung, während sein Freund Vanhöffen das biologische Interesse an dieser völlig unbekannten Region skizzierte. Die Sitzung verlief sehr erfolgreich, sodass anschließend unter Neumayers Vorsitz die Deutsche Kommission für Südpolarforschung (DKSF) mit dem Ziel gegründet wurde, eine deutsche Antarktisexpedition in die Wege zu leiten. Die erste Besprechung der Kommission fand noch in Bremen statt, drei weitere folgten in Berlin.

Ende Juli 1895 lud Sir Clements Markham, Präsident der Royal Geographical Society, Neumayer ein, während des VI. Internationalen Geographen-Kongresses in London einen Vortrag über die Südpolarforschung zu halten. Nach den Antarktisexpeditionen während des sogenannten magnetischen Kreuzzuges, als um 1840 unter der Leitung des Franzosen Jules Sébastian César Dumont d’Urville, des Amerikaners Charles Wilkes und des Briten James Clark Ross der Magnetpol auf der Südhalbkugel gesucht wurde, sowie den Robbenschlag- und Walfangexpeditionen seit den 1880er-Jahren sollte nun die wissenschaftliche Erforschung des Südpolargebietes wieder aufgenommen werden. Damals wusste man ja nicht einmal, ob die Antarktis ein mit Eis bedeckter Kontinent oder ein riesiges mit Eis gefülltes Atoll war. Beispielsweise bezeichneten die damaligen englischen Landkarten das Gebiet um den Südpol herum neutral mit »Antarctica«, während in deutschen Karten »Südliches Eismeer« oder »Unerforschtes Gebiet« geschrieben stand.

Der Kongress in London wurde ein wichtiger Meilenstein für die Polarforschung. Nur zu gerne berichtete Neumayer vor der internationalen Hörerschaft von den neuesten Entwicklungen in Deutschland und dem Plan, dass eine Expedition mit zwei Schiffen von den Kerguelen im Südindischen Ozean aus nach Süden vordringen solle. Außerdem betonte Neumayer die Vorteile einer internationalen meteorologisch-magnetischen Kooperation nach dem Vorbild des Internationalen Polarjahres, als vom Sommer 1882 bis Sommer 1883 zehn Nationen am Rande des Arktischen Ozeans zwölf Beobachtungsstationen für die Dauer von dreizehn Monaten eingerichtet hatten und deren Ergebnisse inzwischen vorlagen. Wissenschaftlich gesehen lag es auf der Hand, dass man ein so großes Gebiet wie die Antarktis nicht mit einer Expedition allein erforschen könnte. Im politischen Zusammenhang durfte aus britischer Sicht eine solche prestigeträchtige Unternehmung nicht anderen Nationen überlassen werden, und schon gar nicht einer aufstrebenden und rivalisierenden Seemacht, wie es Deutschland seinerzeit war. Durch Neumayers Ausführungen versprach sich Markham Unterstützung seiner eigenen Pläne, eine britische Expedition auszurüsten. Sein Plan ging auf, denn die anwesenden Geographen boten Hilfeleistung, indem sie folgende Resolution beschlossen:

»Der zu London 1895 versammelte VI. internationale geographische Kongress hält die Erforschung der antarktischen Regionen für das bedeutendste der noch zu lösenden geographischen Probleme und empfiehlt, in Anbetracht der aus derselben voraussichtlich für alle Disziplinen entstehenden Vortheile, dass die verschiedenen wissenschaftlichen Gesellschaften der ganzen Welt auf dem ihnen am wirksamsten erscheinenden Wege danach streben, diese Aufgabe vor Schluss des 19. Jahrhunderts gelöst zu sehen.«

Allerdings war das britische Engagement zunächst sehr zögerlich. Auch das DKSF kam nicht recht voran, weil der Umfang der Expedition hinsichtlich der Anzahl der Schiffe und der Beschaffung der erforderlichen Geldmittel noch nicht festgelegt werden konnte, denn Neumayers vehemente Forderung von zwei Schiffen trieb die Kosten ums Doppelte nach oben. Die zweite deutsche Nordpolar-Expedition hatte jedoch gelehrt, dass ein zweites Schiff keineswegs die sichere Heimkehr aller Beteiligten garantierte. Schließlich wollte ein Aktionskomitee, das auf der fünften Sitzung der DKSF in Jena (1896) gegründet wurde, die konkrete Suche nach Sponsoren in die Hand nehmen.

Im August 1896 meldeten Schlagzeilen, dass der Norweger Fridtjof Nansen, der 1893 an Bord der »Fram« in Richtung Nordpol aufgebrochen war, gesund heimgekehrt sei. Die »Fram« war planmäßig im Eis eingefroren und nach Norden gedriftet, aber nicht weit genug, sodass Nansen zusammen mit dem Seemann Hjalmar Johansen das Schiff verließ, um mit Schlitten und Kajak zum Pol zu gelangen. Sie mussten jedoch bei 86° 04' N umkehren und auf Franz-Josef-Land überwintern, wo sie schließlich von Frederick Jacksons Expedition (1895–1897) gerettet wurden. Inzwischen war die »Fram« wieder freigekommen und gelangte in derselben Woche nach Tromsø zurück wie auch Nansen.

Im darauffolgenden Jahr brach die belgische Expedition (1897–1899) unter der Leitung von Adrien de Gerlache de Gomery auf, um einen Beitrag zur Lösung der Millenniumsaufgabe der Geographen zu leisten. Er hatte den polarerfahrenen Arzt Frederick Cook an Bord, der 1891–1892 Robert Peary nach Nordgrönland begleitet hatte. Gerlaches Expedition wird nach der Erforschung der Antarktischen Halbinsel überraschend westlich von Graham Land vom Eis festgesetzt und muss dann als erste in antarktischen Gewässern überwintern.

Als die DKSF am 19. Februar 1898 in Leipzig ein letztes Mal tagte, wurde Drygalski schließlich zum Expeditionsleiter ernannt, der ab sofort die konkrete Planung der Südpolarexpedition in die Hand nehmen sollte. Erst drei Tage zuvor wurde er unter Vorlage der Ergebnisse seiner Grönlandexpedition in Berlin habilitiert und hatte dadurch die äußerliche akademische Befähigung erlangt, eine so kostenträchtige Expedition ins Ungewisse zu leiten. Als deutsches Prestigeobjekt konnte sie ja nicht von einem jungen, erst 33-jährigen »Dr.« geleitet werden. Die Teilnehmer der beiden Nordpolarexpeditionen kamen dafür nicht mehr in Frage, und sonst gab es keine Persönlichkeit in Deutschland, die genügend Polarerfahrung mitbrachte. Neumayer zog sich nun von der Planung zurück und überließ dem rund vierzig Jahre jüngeren Expeditionsleiter die weitere Organisation, wobei anfangs noch manche Diskussionen auszufechten waren. Drygalski wurde jedoch volle Handlungsfreiheit gewährt, sodass er zunächst die Verwendung nur eines Schiffes durchsetzte, auf die er seinen Kostenplan abgestimmte. Drygalskis Kostenvoranschlag sah außer dem Bau des ersten deutschen Polarforschungsschiffes »Gauß« auch eine erdmagnetisch-meteorologische Basisstation auf den Kerguelen im Südindischen Ozean vor. Daneben sollte ein kleiner Beitrag für die zusätzliche erdmagentisch-seismologische Station auf Samoa geleistet werden, die von der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften in Göttingen, dem Reich und dem preußischen Staat geplant wurde.

Sowohl Friedrich Graf von Baudissin vom Reichsmarineamt als auch Dr. Friedrich Schmidt vom Königlich Preußischen Kultusministerium, die schon an der Planung und Organisation der Deutschen Tiefsee-Expedition mit der »Valdivia« (1898–1899) beteiligt waren, setzten sich nun auch von Amts wegen für die Expedition ein.

Mittels einer Immediateingabe an S. M. Kaiser Wilhelm II. sollten im Juli 1898 maßgebende Kreise des Deutschen Reichs für die Ausrüstung einer Südpolarexpedition interessiert werden. Die Zeit drängte, denn gerade war eine private britische Antarktisexpedition (1898–1900) unter der Leitung des Norwegers Carsten Borchgrevink aufgebrochen, um erstmals auf antarktischem Boden bei Kap Adare im Victoria Land zu überwinterten. Deutschland sollte aber unbedingt bei der Wiederaufnahme der antarktischen Forschungen mit vertreten sein, galt sie doch der letzten Region der Erdkugel, die noch nicht unter den Großmächten aufgeteilt war. Durch eine große Werbeveranstaltung im Krollschen Theater zu Berlin, zu der Drygalskis Doktorvater und Mentor Ferdinand Frhr. von Richthofen als Präsident der Berliner Gesellschaft für Erdkunde und Prinz Arenberg von der Deutschen Kolonialgesellschaft am 16. Januar 1899 eingeladen hatten, konnten etliche Mitglieder des Reichstags für die Aussendung einer Expedition in die unbekannte Südpolarregion gewonnen werden, denn sie passte gut in den Kontext der auf Expansion ausgerichteten Kolonialpolitik und des Ausbaus der Überseegebiete.

Der persönlichen Initiative des Staatsministers des Reichsamts des Innern, Dr. Graf von Posadowsky-Wehner, ist es zu verdanken, dass im April 1899 1,5 Mio. Mark für die Entsendung einer Expedition im Jahr 1901 bereitgestellt wurden. Aus politischer Sicht galt es, bei der Erforschung der Antarktis nicht zurückzubleiben, denn es handelte »sich um eine nationale Pflicht bei einer internationalen Aufgabe«, »wo Deutschland nicht zurückbleiben dürfe.« (Drygalski 1904, S. 9). Nationale Argumentationen waren damals an der Tagesordnung, als die deutsche Flotte rasant auf- und ausgebaut wurde mit dem Ziel, die Kolonialpolitik zu stützen und ein ernsthafter Rivale der britischen Seemacht zu werden. Unter diesem Gesichtspunkt würde eine erfolgreiche deutsche Expedition durch herausragende Leistungen in Wissenschaft und Seemannschaft das Ansehen im Ausland weiter heben.

In England waren die Vorbereitungen längst nicht so weit fortgeschritten. Erst mit Datum vom 22. April 1899 verschickte Markham einen Spendenaufruf zur Unterstützung der National Antarctic Expedition. Viel Zeit für die Einleitung konkreter Maßnahmen war ihm nicht mehr gegeben, denn vom 28. September bis 4. Oktober 1899 sollte in Berlin unter Richthofens Leitung der VII. Internationale Geographenkongress stattfinden, auf dem wiederum eine ganze Sektion der Polarforschung gewidmet war. Hier bekam Markham die Gelegenheit, seine Ideen über ein gemeinsames Vorgehen in der Antarktis zu präsentieren. Gemäß den damals vorherrschenden imperialistischen Vorstellungen teilte Markham die unbekannte Region um den Südpol in vier Quadranten ein, wobei England aufgrund seiner früheren Forschungsaktivitäten der Victoria- und Rossquadrant auf der australischen Seite zwischen 90° W bis 90° W als Arbeitsgebiet zufielen und Deutschland der Weddell- und Enderbyquadrant auf der Seite von Kap Horn und Kap der Guten Hoffnung zwischen 90° O bis 90° W. Man verständigte sich darauf, dass England die pazifische Seite und Deutschland die indisch-atlantische Seite übernahm, damit die gegenseitige Ergänzung beider Expeditionen in wissenschaftlicher Hinsicht aufs Beste gewährleistet sei. Diese nationalistisch geprägte Aufteilung der Arbeitsgebiete wurde von den Wissenschaftlern, ohne zu hinterfragen, als notwendig akzeptiert.

Anschließend ging Drygalski auf seinen Expeditionsplan ein und erläuterte das Arbeitsprogramm. Nach den Vorträgen gab es eine wohlwollende Diskussion, an der sich namhafte Persönlichkeiten mit zahlreichen Anregungen beteiligten. Unter anderem empfahl Nansen aufgrund seiner Erfahrungen während der »Fram«-Drift, dass Drygalskis Expedition nicht mit zu viel Forschungsaufgaben überschüttet werden solle. Wenn man zu viel Verschiedenes erforschte, würde die Arbeit nicht genau genug gemacht. Es sollten stattdessen mehrere Expeditionen ausgesendet werden, die kleinere Gebiete bearbeiteten. Als einziger Streitpunkt ergab sich im Meinungsaustausch die unterschiedliche Auffassung über die Mitnahme von Hunden, die von Markham kategorisch abgelehnt, von Drygalski jedoch befürwortet wurde. Als es keine Wortmeldungen mehr gab, legte Drygalski mit dem folgenden Antrag den Grundstock für die Verwirklichung einer internationalen Kooperation nach dem Vorbild des Polarjahres:

»Der Kongress nimmt von der für die Erforschung des Südpolargebiets in den erstatteten Berichten vorgeschlagenen Arbeitstheilung Kenntniss und theilt die Erwartung, dass dadurch eine zweckmäßige Grundlage für die internationale Kooperation bei den physisch-geographischen, geologischen, geodätischen und biologischen Forschungen gegeben ist. Für die meteorologisch-magnetischen Arbeiten erklärt der Kongress nähere Vereinbarungen für wünschenswerth und ernennt dazu eine internationale Kommission, deren Aufgabe es ist:

1.   den Umfang und die Forschungsmittel für die magnetisch-meteorologischen Arbeiten der Expeditionen selbst zu erörtern;

2.   die Organisation gleichzeitiger und korrenspondirender Beobachtungen an geeigneten Orten ausserhalb des Südpolargebietes zu erwirken.«

Durch die Verabredung einer koordinierten Erforschung der Antarktis wurden die jahrzehntelangen Bestrebungen der darüber gealterten Protagonisten Neumayer (1826–1909) und Markham (1830–1916) endlich von Erfolg gekrönt. Beide ähnelten sich sehr, denn sie gehörten einer älteren Generation an, deren Vorstellungen in Bezug auf die Ausrüstung von Polarexpeditionen nicht mit der Zeit gegangen waren. Markham plante eine traditionelle Marineexpedition unter der Leitung eines jungen Offiziers, der sowohl über das Schiff als auch über die Expedition an Land das Kommando hätte. In Deutschland wurde eine besondere Lösung geschaffen, indem die Expedition unter der Flagge des Reichsministeriums des Innern segeln sollte und Drygalski als Vertreter des Deutschen Reiches absoluter Expeditionsleiter würde, dem auch der Kapitän unterstellt sei, soweit nicht Schiff und Mannschaft in Gefahr wären. Unter diesen Vorgaben liefen die Vorbereitungen weiter.

Am 24. März 1900 informierte William Speirs Bruce (1867–1921) Drygalski, dass er dabei sei, unter der Schirmherrschaft der Scottish Geographical Society eine Scottish National Antarctic Expedition vorzubereiten und dass er mit der britischen und deutschen Expedition zu kooperieren wünsche. Bruce hatte schon im Südsommer 1892/93 auf einem Walfänger die Nordspitze der Antarktischen Halbinsel kennengelernt und während seiner Überwinterung auf Franz-Josef-Land (1896/97) als Mitglied der Jackson-Harmsmith-Expedition (1894–1897) wertvolle Polarerfahrung gesammelt.

Im selben Monat wurde das britische Polarschiff »Discovery« von den Dundee Shipbuilders auf Kiel gelegt und schließlich am 30. Juni 1900 der Marineoffizier Robert Falcon Scott (1868–1912) offiziell zum britischen Expeditionsleiter bestellt. Weitere Expeditionsmitglieder waren Leutnant Albert Armitage als Navigator, der während Jacksons Expedition astronomische, meteorologische und magnetische Beobachtungen durchgeführt hatte, und der Arzt Reginald Koettlitz als Botanist und Bakteriologe, der die Expedition auf Franz-Josef-Land vor Skorbut bewahrt hatte. Beide waren versierte Hundeschlittenführer und Skifahrer und verfügten durch ihre Überwinterung in der Arktis bei 80° N über unschätzbare Erfahrungen, auf die Scott bei Bedarf zurückgreifen konnte.

Drygalski hatte die Fähigkeit zu delegieren, sodass er ab April 1900 sukzessive Wissenschaftler und Schiffsoffiziere in die konkreten Vorbereitungen einspannte. Nachdem die deutsche Expedition nicht nur eine vielversprechende neue Route beschreiten sollte, sondern auch wissenschaftliches Neuland, mussten erst gewisse Grundlagen dafür geschaffen werden. Zunächst arbeitete sich der Arzt Hans Gazert in bakteriologische Studien ein, die durch den Begründer der modernen Bakteriologie, Robert Koch, ein aktuelles Forschungsgebiet war. Außerdem kümmerte sich Gazert um den Proviant und die sportliche Ausrüstung. Friedrich Bidlingmaier studierte am Meteorologisch-magnetischen Observatorium auf dem Telegrafenberg bei Potsdam die neuesten Messmethoden. Daneben stellte er das Programm für die Internationale Meteorologische Kooperation vom 1. Oktober 1901 bis 31. März 1903 auf, in dem festgelegt wurde, dass um 12 Uhr mittags GMT Luftdruck, Lufttemperatur, Windrichtung und -geschwindigkeit, Art und Stärke der Bewölkung, sowie die Zugrichtung der Wolken in ein eigens für diesen Zweck angefertigtes Büchlein eingetragen werden sollten. Hierzu wurde auch die Mitwirkung deutscher Kriegs- und Handelsschiffe, die südlich von 30° S unterwegs waren, veranlasst. Das Messprogramm der Internationalen Magnetischen Kooperation betraf nur die Antarktisexpeditionen, die zwischen 1. Februar 1902 und 28. Februar 1903 nach einem vorgegebenen Schema gleichzeitige Messungen durchführen sollten. Dafür konnte auch die argentinische erdmagnetisch-meteorologische Station auf Staten Island im südlichen Feuerland gewonnen werden. Der Geologe Philippi hingegen reiste im Sommer 1900 zur Einarbeitung in Tiefseeablagerungen nach Schottland und im Herbst zur Vorbereitung des chemisch-ozeanographischen Messprogramms nach Schweden, Norwegen und Dänemark. Vanhöffen studierte für Fischereizwecke neue Einrichtungen in Dänemark und Norwegen und bestellte in Christiania (heute Oslo) mit Nansens Beihilfe Schneeschuhe (d. h. Skier), Schlitten, Hundegerät und weitere Polarausrüstung. Außerdem erhielten die beiden Matrosen Noack und Wienke zur Unterstützung der Biologen am Museum für Naturkunde in Berlin eine Ausbildung zum Präparieren von Vögeln und Säugetieren.

Indessen nahm die Nautische Abteilung des Reichmarineamts den Bau des Polarforschungsschiffes »Gauß« als Dreimast-Marssegelschoner mit Hilfsmotor in den Howaldtswerken in Kiel in die Hand und überwachte die Fortschritte. Der designierte Kapitän des »Gauß«, Hans Ruser, wurde ab Oktober 1900 hinzugezogen, während der ältere Zweite Offizier im Mai und der Obermaschinist im Januar 1901 hinzutraten. Die ersten Seemänner wirkten ab April beim Bau der vorgefertigten Stationshäuser mit. Außerdem nahm Ruser an einer Reise in das nördliche Eismeer teil, um arktische Eisverhältnisse kennenzulernen. Auf einer Fahrt an Bord des norwegischen Fischereidampfers »Michael Sars« studierte er die neuesten Fischereieinrichtungen. Der erste und Zweite Offizier erhielten einen zusätzlichen astronomisch-magnetischen Kurs, damit sie sich während der Überwinterung an den wissenschaftlichen Arbeiten beteiligen konnten. Es sollten nämlich möglichst wenig Wissenschaftler mitgenommen werden, damit auch für das Schiffspersonal während der langen Winternacht, wenn es voraussichtlich keine Schiffsbewegungen gab und die seemännischen Aufgaben entsprechend entfielen, genügend Arbeit vorhanden war. Diese Ansicht war Drygalskis Überwinterung in Grönland geschuldet, die gezeigt hatte, dass viel Arbeit einen davon abhält, in der dunklen Zeit fern der Heimat Trübsal zu blasen.

Die Mitglieder der Kerguelenstation bereiteten sich unabhängig von der Hauptexpedition vor. Karl Luyken ging zur magnetischen Fortbildung ebenfalls nach Potsdam, während der Apotheker Emil Werth dort für den Zeitdienst zur Synchronisation der meteorologischen und magnetischen Messungen am astrophysikalischen Observatorium und für den biologischen Teil seiner Aufgaben in Kiel ausgebildet wurde. Außerdem ließ er sich in die medizinischen Grundlagen einführen, um auf den Kerguelen als Arzt fungieren zu können. Die meteorologischen Vorbereitungen wurden zunächst von Franz Warthmann getätigt. Auf seinen Posten wurde aber kurzfristig im August 1901 Josef Enzensperger berufen, der gerade als erster Meteorologe allein mit seinem Hund in der Wetterstation auf dem Gipfel der Zugspitze überwintert hatte.

Die Organisation der Expedition geschah in Berlin. Dort liefen alle Fäden aus Kiel, wo die Ausrüstung des Schiffes vor sich ging, und aus Potsdam, wo die Stationshäuser und Observatorien vorgefertigt wurden, zusammen. Bei der Auswahl der Instrumente und der Einübung in ihren Gebrauch gaben die Königlich Preußischen Institute auf dem Telegrafenberg großzügige Unterstützung. Des weiteren half die Königlich Preußische Luftschifferabteilung bei der Ballonausrüstung, die zum Rekognoszieren aus der Höhe mitgenommen werden sollte. Drygalski vermerkte mit gewissem Stolz, dass fast die gesamte wissenschaftliche Ausstattung in Deutschland beschafft werden konnte.

Über die Reiseroute der Expedition herrschte von Anfang an Klarheit, da Neumayer schon in seinen ersten Vorträgen die Anreise über die Kerguelen propagiert hatte. Von diesem Stützpunkt aus könne man sehr gut zum vorgesehenen Arbeitsgebiet in Termination Land, das am Südpolarkreis gesichtet worden war, vordringen. Vielleicht gab es dort sogar einen Meeresarm, der über dem Südpol hinweg mit dem tiefen Einschnitt des Weddellmeeres verbunden war? Dann könnte sich auch im antarktischen Ozean ein Schiff wie Nansens »Fram« einfrieren lassen und mit dem Eis zum Südpol driften. Meeresströmungen südlich der Kerguelen hatten eine solche Möglichkeit angedeutet. Aus diesem Grund bekam der »Gauß« (man hatte damals beschlossen, das Expeditionsschiff – ein Schoner – als männlich zu betrachten) nach dem Vorbild der »Fram« ebenfalls einen rundlichen und mit besonders hartem Holz verstärkten Rumpf, damit er bei starken Pressungen keine Angriffsfläche bot, sondern über das Packeis emporgehoben würde. Die weitere Ausrüstung der Expedition orientierte sich an Drygalskis Grönlanderfahrungen. Als Fortbewegungsmittel für die Landexpedition sah er deshalb Hundeschlitten vor und für die Reisenden Fellkleidung, die zudem in der Antarktis jederzeit ergänzt werden konnte. Nicht umsonst nahm er den norwegischen Eislotsen Paul Björvig mit, der sich nebenbei sehr gut auf das Präparieren und Weiterverarbeiten von Fellen verstand. Die Hunde waren zudem nicht nur als Zugtiere unverzichtbar, sondern während der langen Winternacht auch als Haustiere mit ihrem putzigen Nachwuchs, dem entsprechend viel Zuneigung entgegengebracht wurde. Außerdem sah Drygalski für jedes Expeditionsmitglied einen Platz in einem neuartigen hölzernen Einer- oder Zweierkajak vor, falls der »Gauß« bei einer möglichen Drift im Eis verlassen werden musste, um sich damit über offenes Wasser zwischen den Eisschollen auf eine der bisher bekannten Landsichtungen retten zu können. Die Expedition hatte bei ihrer Ausfahrt genügend Proviant und Ausrüstung für zwei Überwinterungen an Bord und die Wissenschaftler waren hoch motiviert, um nach Drygalskis »Prinzip der Freiheit« ohne die früher üblichen detaillierten Instruktionen ihre Forschungen nach eigenen Gesichtspunkten »im Rahmen des Ganzen« zu betreiben (Drygalski 1904, S. 51f). Es war die letzte Expedition ihrer Art, die noch ganz dem Humboldt’schen Forschungsideal verbunden war, alles von allen Richtungen her zu untersuchen. Spätere Expeditionen spezialisierten sich in ihren Aufgaben immer mehr.

Nachdem Drygalski und Scott schon längst unterwegs waren, brach auch die private schwedische Expedition unter der Leitung von Otto Nordenskjöld (1869–1928) an Bord der »Antarctic« auf, um die Antarktische Halbinsel zu erforschen. Während die Landgruppe auf Snow Hill Island überwinterte, hielt sich die »Antarctic« zum Robbenfang in nördlicheren Regionen auf. Als die Landgruppe am Ende des Winters abgeholt werden wollte, wurde das Expeditionsschiff jedoch vom Eis festgesetzt und schließlich zerdrückt, sodass es im Weddellmeer versank. Glücklicherweise konnten alle Expeditionsmitglieder im November 1903 von dem argentinischen Marineschiff »Uruguay« gerettet werden.

Als der »Gauß« am Südpolarkreis keineswegs auf einem Meeresstrom zum Südpol gelangte, sondern am Polarkreis bei 66° S ortsfest eingefroren wurde, machten sich die umsichtigen Vorbereitungen bezahlt. Damals gehörten Drygalski und Vanhöffen neben Armitage, Koettlitz, Bruce, Cook, und Björvig zu den einzigen Personen, die teilweise mehrfach in der Arktis überwintert hatten und über vielfältige Erfahrungen verfügten. So ließ Drygalski den Speiseplan durch Frischfleisch von Robben und Pinguinen ergänzen, was als Antiskorbutmittel wesentlich zur guten Gesundheit der »Gauß«-Männer beitrug. Das Ausbringen von dunklem Material zur Schnee- und Eisschmelze, um den »Gauß« zu befreien, war eine geniale Anwendung von Beobachtungen auf grönländischen Gletschern. Armitage und Koettlitz hingegen konnten ihre besonderen Kenntnisse bei Scott weniger einbringen, weil sie nicht wie Drygalski oder Bruce die Position des Expeditionsleiters innehatten. Drygalski verstand es auch, alle Männer während des Winters zu beschäftigen. Die sinnlosen Versuche, das Schiff durch Hacken, Sägen und Sprengungen freizubekommen, dienten nebenbei ja auch dazu, den Männern an der frischen Luft Arbeit zu geben.

In seinem Reisebericht stellte Drygalski respektvoll jedes Expeditionsmitglied vor, auch wenn es sich nur um einen Heizer handelte, denn jeder hatte in seinem Bereich zum Gelingen der Expedition beigetragen. Wenn er besondere Fähigkeiten zeigte, wurden sie ebenfalls genutzt, unabhängig von Rang und Ausbildung. Beispielsweise erwies sich der 19-jährige blinde Passagier Lennart Reuterskjöld als Glücksfall, der sich hervorragend als Bidlingmaiers Assistent für die diffizilen magnetischen Messungen eignete. Zudem legte Drygalski eine natürliche Autorität an den Tag, der sich alle bereitwillig unterwarfen. Nur das Verhältnis zum Kapitän war wegen der besonderen Machtverhältnisse etwas komplizierter. Es gab zwar sogenannte »Stimmungen« an Bord, insbesondere als man nicht wusste, ob das Schiff nach einem Jahr der Gefangenschaft im Eis wieder freikäme, aber es gelang Drygalski immer, durch geeignete gemeinsame Feste die Stimmung wieder anzuheben. Daneben wurde auch etwas für die Fortbildung der Männer getan, indem verschiedene Vorträge zu wissenschaftlichen und technischen Themen aus dem Umkreis der Expedition gegeben wurden. Zur Abwechslung konnten die Expeditionsmitglieder in ihrer Freizeit auch kleinere Schlittenreisen durchführen. So wuchsen die »Gauß«-Männer immer mehr zusammen. Nicht nur unter den Wissenschaftlern wie Drygalski, Gazert und Bidlingmaier entstanden lebenslange Bindungen, sondern beispielsweise auch zwischen Gazert und dem Steward Besenbrock.

Nach 52 Wochen kam der »Gauß« endlich wieder frei und nahm Kurs auf das nächste Telegrafenamt in Südafrika, um mit dem Bericht über die erfolgreiche Expedition die Aussendung einer Hilfsexpedition nach dem 1. Juni 1903 zu verhindern. Außerdem wollte Drygalski nach einem Wechsel in der Mannschaft mit neuen Instrumenten ein zweites Mal nach Süden vordringen.

Ohne dass Drygalski in der Antarktis davon erfahren konnte, war die Internationale Meteorologisch-magnetische Kooperation inzwischen um ein weiteres Jahr bis 1904 verlängert worden, weil es die Aussicht gab, noch mehr gleichzeitige Messdaten aus dem Süden zu erhalten. Die ozeanographisch ausgerichtete Scottish National Antarctic Expedition war nämlich erst 1902 in das Weddellmeer aufgebrochen und überwinterte 1903 auf Laurie Island, einer der Südorkney Inseln. Dort unterhielt sie für ein Jahr eine Wetterstation, die anschließend dem argentinischen Wetterdienst übergeben wurde und nun die längste Aufzeichnung von Wetterdaten aus der Subantarktis liefert. Zusätzlich war eine unabhängige Basisstation auf Cape Pembroke, Falkland Islands tätig. Außerdem musste die britische Expedition nochmals überwintern, weil die »Discovery« im Rossmeer immer noch vom Eis festgesetzt war. Schließlich war auch eine französische Expedition unter der Leitung von Jean-Baptiste Charcot (1867–1936) zur Antarktischen Halbinsel unterwegs, um dort ein umfassendes Forschungsprogramm durchzuführen. Hätte Drygalski von der Verlängerung der Messperiode gewusst, wäre er vielleicht nicht nach Kapstadt gesegelt, sondern hätte gleich seine Forschungen weiter westlich fortgesetzt.

In der Zwischenzeit hatte das Entsatzschiff »Morning« Scott nicht nur neuen Proviant und Ausrüstung geliefert, sondern neben einigen abgeschobenen Expeditionsteilnehmern wie Ernest Shackleton auch die Nachricht mit heimgebracht, dass Scott am 30. Dezember 1902 bis auf 82° 17' S vorgedrungen sei. Aufgrund dieser Mitteilung wurde über Drygalskis Expedition in Abwesenheit das Urteil gefällt. Kaiser Wilhelm II. war zutiefst enttäuscht, denn der politische Rivale hatte die britische Flagge in die Nähe des Südpols gesetzt, während der eigene Vertreter es nur bis zum Polarkreis geschafft hatte. Dass dort aber ein Jahr lang hervorragende Beobachtungen durchgeführt und Sammlungen angelegt worden waren, spielte hierbei überhaupt keine Rolle, da sie ja erst noch jahrelang ausgewertet werden mussten. Aber nahe dem Südpol eine Stecknadel in das Weiß einer Landkarte zu stecken, war ein unschlagbares Argument für den geographischen Erfolg einer Entdeckungsfahrt.

Drygalski selbst hatte nie zum Südpol gelangen wollen und hätte ihn von seinem Ausgangspunkt bei 66° S auch gar nicht so leicht erreichen können wie Scott, dessen Winterlager auf der Ross Insel bei 77° 51' S dem Pol wesentlich näher lag. Auch war Drygalski zu sehr Wissenschaftler, als dass er kontinuierliche systematische Untersuchungen zugunsten langer Schlittenreisen auf einer eintönigen eisigen Hochebene unterbrochen hätte, die keinen wesentlichen Erkenntnisgewinn erwarten ließen. Aber allein schon der Name »Südpolarexpedition« implizierte für jeden den Südpol als Ziel der Unternehmung. Auch die zum weiteren Gelderwerb produzierten Grußpostkarten mit der Inschrift »Deutsche Südpolar-Expedition« wirkten in diese Richtung. Eine der Postkarten zeigte sogar eine Boje, auf deren Fähnchen »Zum Südpol« stand. Es wundert nicht, dass alle erwarteten, Drygalski würde hohe Breiten anstreben. Als dies nicht geschah, wurde die Expedition wie eine heiße Kartoffel mit dem Urteil fallen gelassen, dass ja nichts dabei herausgekommen sei. Offiziell wurde Drygalski wegen mangelnder Geldmittel die Heimreise und damit der Abbruch aller weiteren Expeditionspläne befohlen. In seiner Reisebeschreibung reflektierte er ausführlich über alle wichtigen Entscheidungen und seine Beweggründe dafür, um insbesondere darzustellen, dass die Kerguelenroute, die ihn zur Überwinterung am Polarkreis gezwungen hatte, nicht seine Idee gewesen sei. Den Ausführungen im letzten Kapitel seines Buches ist deutlich zu entnehmen, dass er von der fehlenden Anerkennung der wissenschaftlichen Leistung seiner Expedition sehr enttäuscht war. Davon abgesehen gab er noch Verbesserungsvorschläge für ozeanographische Messmethoden und die Ausrüstung für Untersuchungen in polaren und tropischen Gewässern, damit spätere Expeditionen auf seine Erfahrungen zurückgreifen konnten.

1904 bezog Drygalski in kleines Büro im Gebäude des Reichsministeriums des Innern in Berlin, wo er mit der Organisation der Auswertung begann. Insgesamt kümmerten sich 16 Wissenschaftler um die astronomischen, geographischen, geologischen, magnetischen, medizinischen, meteorologischen und ozeanographischen Daten, während sich 89 Wissenschaftler den biologischen Sammlungen widmeten. 1906 wechselte Drygalski von Berlin nach München, wo er der erste Lehrstuhlinhaber für Geographie an der Ludwig-Maximilians-Universität wurde. Er schaffte es, trotz mehrerer Regierungswechsel und der vierjährigen Unterbrechung durch den Ersten Weltkrieg immer wieder, Geld für die Herausgabe der Ergebnisse vom Reichsministerium des Innern zu erhalten. 1932, gerade noch rechtzeitig vor dem nächsten Regierungswechsel, wurde das Südpolarwerk bestehend aus zwanzig Bänden und zwei Atlanten beendet.

Ursprünglich waren zehn Textbände vorgesehen und zwei Atlanten für die meteorologischen und erdmagnetischen Karten. Statt der zwei geplanten Bände für die Zoologie wurden insgesamt zwölf Bände publiziert, um die 4030 gesammelten Arten zu beschreiben, darunter 1470 neue Arten. Man war völlig überrascht, dass es bei den tiefen Temperaturen im Polarmeer so viel Leben gab. Vanhöffen wollte noch den ersten Vergleich zwischen arktischer und antarktischer Fauna und Flora anstellen, aber leider wurde dieses Projekt durch seinen Tod im Jahr 1918 verhindert. Als Gazert 1914 den Bericht über die Beriberifälle auf den Kerguelen herausgab, konnte er den Vitamin-B Mangel als richtige Ursache nennen, weil zwei Jahre zuvor das Beriberi-Vitamin (Vitamin-B) entdeckt worden war. Die Ergebnisse der Internationalen Meteorologischen Kooperation wurden ab 1909 publiziert. Für die Bearbeitung der meteorologischen Daten lagen aus der gesamten Messperiode von 913 Tagen 100 000 Datensätze mit etwa 600 000 Einzelbeobachtungen von allen verfügbaren Stationen vor. Aus der Analyse der Luftdruck- und Temperatur- und Winddatendaten konnte die mutmaßliche Höhe des antarktischen Kontinents zu 2000 ± 200 m abgeschätzt werden. Für die verschiedenartigen synoptischen Wetterkarten des meteorologischen Atlasses mussten ohne Computer aus allen Luftdruckwerten 913 Tagesmittelwerte, 30 Monatsmittelwerte, acht saisonale Mittelwerte und zwei Jahresmittelwerte berechnet werden. Diese Wetterkarten kamen ab 1911 heraus und sollten der Seewarte in Hamburg dazu dienen, die Zugbahnen der südpolaren Tiefdruckgebiete für den Seeweg um Kap Hoorn besser vorhersagen

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