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"Plötzlich und unerwartet …": Selbstmorde nach Wende und Einheit

"Plötzlich und unerwartet …": Selbstmorde nach Wende und Einheit

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"Plötzlich und unerwartet …": Selbstmorde nach Wende und Einheit

Länge:
262 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jan 30, 2015
ISBN:
9783958415089
Format:
Buch

Beschreibung

Der Mauerfall und die deutsche Vereinigung waren überwiegend von Euphorie und Aufbruchstimmung begleitet. Wenig Raum blieb für die Sorgen all jener Menschen, auf die die Ereignisse bedrohlich wirkten: Verlustängste, existenzielle Nöte, Verbitterung über die »Niederlage« im Wettbewerb der Systeme, Verzweiflung ob der öffentlichen Diskreditierung der eigenen Lebensleistung - Motive dafür, keine Wege in eine lebenswerte Zukunft mehr zu sehen und zum Äußersten zu greifen, gab es zuhauf. Sorgfältig recherchiert und ohne Voyeurismus untersucht Klaus Behling erstmals dieses bis heute nicht abgeschlossene Kapitel der Wende. Er greift eine Reihe von spektakulär diskutierten Suizidfällen auf und entwirft eine Typisierung. Gab es eine Selbstmordwelle nach dem Mauerfall? Gab es überhaupt einen signifikanten Anstieg der Freitode im Osten Deutschlands nach 1989/90? Welche Motive waren es, die Menschen freiwillig aus dem Leben scheiden ließen? Und wie wurden die individuellen Schicksale medial vermittelt? Ein berührendes Buch, in Distanz und zurückhaltend verfasst, mit unbequemen Ergebnissen.
Herausgeber:
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Jan 30, 2015
ISBN:
9783958415089
Format:
Buch

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"Plötzlich und unerwartet …" - Klaus Behling

Einheit

»Erdgeister« oder die dunkle Seite

von Wende und Einheit

»Menschen versagen, Ideale bröckeln nur«, sagte Willi Sitte Anfang der 90er Jahre in seinem Atelier in Halle, dessen Adresse »Frohe Zukunft« inzwischen fast nur noch nach Satire klang. Er wies auf eine große, düster wirkende Leinwand: »Es gibt aber auch Menschen, die nicht anders als mit dem Tod auf ihr Versagen reagieren können. Andere stecken nur den Kopf in den Dreck. So wie hier.«

Das 1990 entstandene Werk – »es ist mein letztes Bild zur führenden Klasse, die so schmählich versagt hat« – nannte der sozialistische Schlachtenmaler schlicht »Erdgeister«. Er rammte die einstigen »Sieger der Geschichte« kopfüber in den Boden einer unwirtlichen Landschaft, bitter und aggressiv. Es sind die Weltverbesserer, auf die der Kommunist Willi Sitte gesetzt hatte, der Arbeitertypus, dem er über viele Jahre die unerschöpflich scheinende Kraft des permanenten Vorwärtsstürmens in die Körper malte. Ringsum stecken die »revolutionären Massen« tief in der Erde.

»Ich setze der Arbeiterklasse keine Denkmale mehr, den Menschen schon, wenn sie das Nachdenken befördern«, meinte er ein Jahr später zu einem neuen Bild. Willi Sitte zeigte den jungen Mann darauf so, wie er die meisten Menschen malte: nackt, kräftig, ein Lächeln im Gesicht unter dem frühen Glatzkopf, leicht nach vorn gebeugt und unsichtbar mit den Händen auf die Knie gestützt. Ein Mann im Aufbruch. Aber der Tod sitzt ihm im wahrsten Sinne des Wortes im Nacken, ein Gerippe hockt auf seinen Schultern, dahinter ein bedrohlicher pechschwarzer Schatten, der sich in die rechte obere Ecke erweitert. »Bocksprung« heißt das 1991 entstandene Bild. »Mein Vater wollte damit die enge Verbindung von Leben und Tod darstellen«, bestätigt mehr als 20 Jahre später Sittes Tochter, Sarah Rohrberg.

Als der Maler bei diesem uralten Motiv zwischen Religion und Philosophie anlangte, wusste er von der bei manchen Menschen zum Tod führenden Enttäuschung nach Wende und Einheit. Willi Sitte begegnete ihr mit seinen Mitteln und klagte nicht an.

Damit hielt es der Potsdamer Rechtsanwalt Peter-Michael Diestel, 1990 letzter Innenminister der DDR für die CDU, anders: »Wenn man sieht, wie in diesem Land mit den Stasi-Unterlagen Schindluder getrieben wird, hat man einfach die moralische wie auch die Rechts-Pflicht, dagegen vorzugehen. Das Stasi-Syndrom – das haben meine Recherchen, wie auch die Gleichgesinnter ergeben – forderte inzwischen mehr Todesopfer als die Mauer.« So diktierte er es der Journalistin Gabriele Oertel für die Wochenendausgabe vom 27./28. Mai 2000 der Zeitung »Neues Deutschland« in den Block. Sie stellte daraufhin korrekterweise fest: »Ein abenteuerlicher Vergleich.« Doch das sah ihr Gesprächspartner nicht so: »Ein vergleichbares Problem. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Die knapp 300 Mauertoten sind 300 zu viel. Aber es sind inzwischen weitaus mehr, die durch die Stasi-Hysterie ihr Leben gelassen haben.«

Auf die Frage, ob das auch belegbar sei, verwies der Anwalt auf die selbst gemachten Erfahrungen: »Für mich schon. Wir wissen in dieser einen Kanzlei hier in Potsdam allein von fast 30 Selbstmorden unter Mandanten, die den totalen Ansehensverlust und die Ächtung durch die Gesellschaft nicht verkraftet haben. Menschen, die nach riesengroßen seelischen Konflikten keinen Ausweg mehr fanden und den Selbstmord fatalerweise als Lösung ihres Problems sahen. Rechnen Sie allein diesen kleinen Wirklichkeitsausschnitt hoch, sind über 300 Todesopfer durchaus schlüssig.«

Die »Berliner Zeitung« schien das vorab bestätigt zu haben, als sie am 18. Februar 1991 meldete, dass die Zahl der Selbstmorde in Potsdam von 126 im Jahr 1989 auf 202 im Jahr 1990 angestiegen sei.

Auch Hans Modrow, letzter SED-Ministerpräsident der DDR, sprach in einem Interview mit dem »Stern« am 1. Februar 1990 von einer »dramatisch gestiegenen Zahl von Selbstmorden« im Land. Mit Blick auf die über 80 000 Fälle von juristischem Vorgehen gegen rund 100 000 Angeschuldigte resümierte er 13 Jahre später: »Wer fragt danach, welches persönliche Leid, Demütigung, Depressionen bis hin zu Freitod jene Verfahren ausgelöst haben, die im Sande verlaufen sind, jedoch für immer gezeichnete Menschen hinterlassen haben!«

Die Angst, nach dem Verlust der Arbeit nur noch in der eigenhändigen Beendigung des Lebens einen Ausweg zu finden, wurde bereits während des Zusammenbruchs der DDR geschürt. Auf einer Veranstaltung der Ost-Berliner Friedenskirche Ende Februar 1990 unter dem Motto,»Wenn ich arbeitslos werde . . .« verkündete Klaus Grehn, Chef des DDR-Arbeitslosenverbandes: »Die Angst vor Arbeitslosigkeit, vor einem Abbau der Subventionen und vor der Erhöhung der Mieten führt die DDR-Gesellschaft in die psychische Ohnmacht …Die Zahl der Alkoholiker nimmt ebenso zu wie Selbstmorde und Depressionen.« Rund 30 bis 35 Prozent aller DDR-Bürger wären akut gefährdet, meinte er damals.

Seither gibt es gern zitierte Kronzeugen für jene, die die Implosion der DDR als zeitweiligen Sieg einer weltweiten, konterrevolutionären Verschwörung sehen möchten. Dass Opfer, wo auch immer auf der Welt sie dieses Schicksal zu erleiden haben, nicht gegeneinander aufrechenbar sind, die Gleichsetzung von gegen ihren Willen an der Grenze getöteten Menschen mit jenen, die aus einem Akt individueller Verzweiflung heraus, freiwillig aus dem Leben schieden, ein zynischer Missgriff ist und schließlich weder bei den Suizid-Opfern aus vermeintlich politischen Motiven noch bei den Mauertoten wissenschaftlich fundierte Zahlen vorliegen, wurde ausgeblendet.

Stattdessen war es der Einstieg in eine neue Runde eines alten Spiels: Opfer wurden instrumentalisiert, um verfestigte, eigene Vorurteile nicht in Frage stellen zu müssen.

Das macht Nachforschungen schwierig. Einerseits haben Angehörige und Freunde das Bedürfnis über den meist unfassbaren Akt der Selbsttötung eines der Ihren zu reden. Andererseits möchten sie sich nicht ihre oft unter Schmerzen gefasste Meinung erschüttern lassen. Auch sie sind Opfer geworden, unerwartet, unverschuldet und unverstanden. Das Reden über das Ereignis gerät schnell zur Suche nach dem Tropfen, der das Fass überlaufen ließ. Die vielen anderen, die es voll machten, möchte kaum jemand analysieren. Ohne sie wäre aber der letzte Tropfen eine ebenso harmlose Sache, wie all die vorherigen.

So bleibt als Ausgangspunkt der Suche zunächst erst einmal nur die Tatsache, dass nach dem Ende der DDR und in den ersten Jahren der deutschen Einheit Menschen Hand an sich legten, die es ohne diesen Lauf der Geschichte nicht getan hätten. Sie gegen jene aufzurechnen, die durch eben diesen Lauf ihre Verzweiflung verloren und manchmal schon gefasste Gedanken an den Tod von eigener Hand aufgaben, wäre unredlich. Deshalb kann nur nach Spuren gesucht werden, denn die Betroffenen lassen sich nicht mehr befragen.

Manche dieser Spuren haben sie selbst gelegt. Dem ist Respekt zu zollen, aber auch sie sind zu hinterfragen. Dazu bedarf es eines Gerüstes: Wo liegen die wichtigsten Ursachen, was gab den Ausschlag? Es wird ein fragwürdiges Hilfsmittel bleiben, denn viele Motive vermischen sich miteinander, andere sind nur zu vermuten. Dennoch dient es dem Versuch, der Frage, ob die vergangenen Jahrzehnte der deutschen Geschichte außergewöhnlich viele Opfer gefordert haben, näher zu kommen.

1. Signal und Fanal

Es war die makaberste der ohnehin nicht gerade zimperlichen Boulevard-Geschichten über den Kampf um Grundstücke und Häuser im Osten nach der Einheit. Am 3. Mai 1991 verkündete die Schlagzeile des extra für die ehemaligen DDR-Bürger gegründeten Blattes »SUPER!« mit einem Bild des Opfers und großen Buchstaben: »Angeber-Wessi mit Bierflasche erschlagen«, Unterzeile: »Ganz Bernau ist glücklich, dass er tot ist«.

Es ging um ein Haus des derweil aufgelösten »Freien Deutschen Gewerkschaftsbund« (FDGB) in der Siedlung »Waldfrieden«, zwei Kilometer außerhalb von Bernau, Richtung Wandlitz. Von dort aus wollte Dieter B., angeblich ein Geschäftsmann aus West-Berlin, das große Geschäft mit den nahe gelegenen, biederen Häusern in bester Lage machen, die vormals die Mitglieder des Politbüros des Zentralkomitees der SED in ihrem abgeschotteten Ghetto in Wandlitz bewohnten.

Der damalige Bernauer Bürgermeister Ulrich Gerber erinnert sich an Dieter B., der bereits vor seinem Dienstantritt am 1. Juni 1990 schon Fäden zum Liegenschaftsamt gesponnen hatte: »Ein alter klappriger BMW, der merkwürdigerweise ein Diplomatenkennzeichen hatte, stand vor dem Rathaus, B. ging dort ein und aus, war laut, aufdringlich und interessierte sich vor allem für Grundstücke.«

Es waren Monate im gefühlten rechtsfreien Raum. Die früheren Verantwortlichen trauten sich nicht mehr, Entscheidungen zu treffen und die »Leihbeamten« aus dem Westen wurden als Besatzer empfunden, die auch noch »Buschzulage« kassierten. Für Dieter B. reichte die scheinbar goldene Rolex am Handgelenk als Ausweis, um mit dem Geld der Einheimischen eine Reihe von unübersichtlich verflochtenen Immobilienfirmen zu gründen. Als wenig später durchsickerte, dass der 49-jährige in Frankfurt am Main und West-Berlin bereits Ärger wegen Betrugs, versuchter Erpressung und Nötigung hatte, wuchs das Misstrauen. Argwöhnisch wurden die wilden Partys in »Waldfrieden« beobachtet. B.’s rund 20 Jahre jüngerer, homosexueller Freund Jürgen K. war dort inzwischen mit eingezogen. Dessen vorherige Aktivitäten im Frankfurter Drogen- und Rotlichtmilieu waren ebenfalls kein Hinweis auf seriöse Geschäfte.

Anette Bargenda, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) erinnert sich: »B. wurde am 15. April 1991 im Haus gefunden. Getötet mit mindestens neun Bier- oder anderen Spirituosenflaschen, die der Täter auf seinem Kopf zerschlagen hatte.« Unter dringendem Tatverdacht: Der derweil verschwundene Jürgen K. Befragt werden konnte er nicht mehr, denn am 5. Mai 1991 fand man seine Leiche in Frankfurt am Main. Eine Spritze mit dem »Goldenen Schuss« steckte noch in seinem Arm. Die Akten wurden geschlossen.

Was blieb, waren die Gerüchte, die durch Bernau zogen. Natürlich fehlte auch der »Stasi-Auftragsmord« dabei nicht. Staatsanwältin Bargenda dazu: »Es gab und gibt bis heute keinerlei Hinweise darauf, dass Jürgen K. kein Einzeltäter war.«

Der Mord blieb unaufgeklärt. Das war bei einem anderen Todesfall, bei dem es ebenfalls um Haus und Hof in der märkischen Kleinstadt ging, nicht der Fall.

Am 4. März 1992 nahm sich Dr. Detlef Dalk das Leben. Mit dem Aufbruch in der DDR war er in dem Örtchen Zepernick bei Bernau Gemeindevertreter für »Bündnis 90« und Kreistagsabgeordneter geworden. Als ein »Alteigentümer« aus dem Westen Ansprüche auf sein Haus anmeldete und damit Recht bekam, begann Detlef Dalk seinen Kampf, der mit seinem angekündigten Selbstmord endete, als öffentliches Fanal.

Abschiedsbrief an Helmut Kohl

Der im Einigungsvertrag zwischen der DDR und der Bundesrepublik vereinbarte Grundsatz »Rückgabe vor Entschädigung« bedrohte Anfang der 90er Jahre viele ostdeutsche »Neu-Bundesbürger« in ihrer Existenz, weil nach DDR-Recht bis zur Wende Grund und Boden, der enteignet worden war, nur »Volkseigentum« sein konnte, auch wenn darauf mit offizieller Genehmigung der Behörden ein privates Haus gebaut worden war. Nun fühlten sich deren Besitzer von Vertreibung bedroht. Übergangsregelungen, wie etwa der nachträgliche Kauf des Grundstücks zu einem bevorzugten Preis, kamen oft wegen Kapitalmangels nicht in Frage. Die Nichtberücksichtigung der meist über Jahre oder gar Jahrzehnte ins Haus gesteckten Arbeit wurde als ungerecht empfunden.

Die »Regelung offener Vermögensfragen« betraf das gesamte Gebiet der vormaligen DDR und führte besonders in den Gemeinden rings um Berlin nach und nach zum Wechsel erheblicher Teile der Bevölkerung. In Orten wie zum Beispiel Kleinmachnow lag er am Ende bei weit mehr als drei Vierteln der früheren Bewohner. Die Hamburger »Zeit« kommentierte im März 1992: »Vielleicht ist dies einer der Gründe dafür, dass nicht wenige Ostdeutsche heute zumindest das Gefühl haben, sie hätten es im alten Unrechtsregime besser ausgehalten als in der neuen Demokratie.« Insgesamt bearbeitete das zuständige Bundesamt für Offene Vermögensfragen nach der Einheit rund 2,3 Millionen Anträge.

Detlef Dalk entschied sich als Betroffener, mit einem von ihm selbst als Opfer empfundenen Suizid, auf diese Problematik aufmerksam zu machen.

Deshalb schrieb er einen »Offenen Brief« an den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU): »Ich bin soweit. Ich werde mein Leben opfern, damit meine Familie und andere Familien in den so genannten Beitrittsgebieten ihr Leben friedlich dort verbringen können, wo sie heute leben. Die Entscheidung fiel mir nicht leicht. Ich hänge am Leben, einem Leben in Wahrheit, in Selbstachtung und eigenen Gestaltungsmöglichkeiten … Ich bin Fraktionsvorsitzender des Neuen Forum/Bündnis 90 der Gemeinde Zepernick und Mitglied des Kreistages Bernau. Was ich in diesen Parlamenten erlebte, ist das Aufgeben jeder eigenständigen Politik. Ich erlebte nur Anpassungsvorgänge an die Strukturen der alten Bundesrepublik, eine einfache Umschichtung ist im Gange … Das ist nach meiner Auffassung auch der Kern in den so genannten ›offenen Vermögensfragen‹. Ein Vermögensabfluss von Ost nach West größten Ausmaßes wurde von Ihrer Partei, den hinter dieser Partei stehenden Kräften und Ihnen persönlich eingeleitet … Wir werden gar nicht mehr gefragt. Aus diesem Grunde, Herr Bundeskanzler, opfere ich mein Leben. Alle anderen Wege des Wachrüttelns bin ich gegangen. Als Familienvater habe ich die Pflicht, meine Familie vor Unheil zu schützen …«

Dalk hatte sein Grundstück im August 1988 nach DDR-Recht redlich gekauft. Im Juli 1991 meldete sich der Alteigentümer und beschuldigte ihn per Brief, Haus und Grund »wissentlich zu Unrecht erworben« zu haben. Acht Monate später erhängte sich Detlef Dalk am Balkon seines Hauses. Nicht um sein eigenes Schicksal sei es ihm bei seinem öffentlichen Freitod gegangen, sondern darum, die »Überstülpungspolitik« des Westens zu verhindern, berichtete seine Witwe.

Eine Antwort auf den »Offenen Brief« des 48-jährigen Mannes gab es nicht. Kanzleramtschef Friedrich Bohl wiegelte ab. Der Selbstmord sei »nicht symptomatisch« für die Lage im Osten, ließ er nebenbei verlauten.

War Detlef Dalk typisch für den Osten? Er selbst bezeichnete sich einmal als »verunsicherten Marxisten«, der 1989 in der Evangelischen Studentengemeinde in Berlin nach Wegen für eine demokratische Veränderung der DDR suchte. Das führte ihn in die Politik, in der er sich selbst als »Politiker mit hohen moralischen Ansprüchen« sah. Über Moral in der Politik wurde nach Herstellung der Einheit kaum diskutiert. Auch die Frage, welche Hintergründe der Grundsatz »Rückgabe vor Entschädigung« eigentlich hatte, blieb ausgespart. Über viele Betroffene kam er nun wie ein Gottesurteil.

Ausgangspunkt der »offenen Vermögensfragen« war der politische Neuanfang im Osten nach dem Krieg. Er ging mit einer Neuordnung der Eigentumsverhältnisse einher, Voraussetzung dafür bildeten umfangreiche Enteignungen. Sie begannen unter der sowjetischen Besatzungsmacht und setzten sich nach der Gründung der DDR am 7. Oktober 1949 fort.

Diese Enteignungen erfolgten nicht als reine Willkürakte, sondern auf der Grundlage von in der DDR geschaffenen Gesetzen und Verordnungen. Die wichtigsten dabei waren die »Verordnung zur Sicherung von Vermögenswerten« vom 17. Juli 1952, die »Verordnung vom 6. September 1951 über die Verwaltung und den Schutz ausländischen Eigentums in der Deutschen Demokratischen Republik« und die »Anordnung Nr. 2 vom 20. August 1958 über die Behandlung des Vermögens von Personen, die die Deutsche Demokratische Republik nach dem 10. Juni 1953 verlassen«.

Enteignungen von DDR-Bürgern zur »Schaffung des Volkseigentums« waren in der Regel mit einer Entschädigung verbunden. Betrafen sie jedoch Bürger der Bundesrepublik, erfolgten sie zunächst entschädigungslos, dann zu Ausgleichszahlungen, die unter denen für DDR-Bürger lagen.

Nach DDR-Verständnis, das die überwiegende Mehrheit der DDR-Bürger teilte und als »gerecht« empfand, wurde deren Eigentum »in den Schutz des Volkseigentums überführt«.

Ab dem 11. Juni 1953 setzte die DDR bei verlassenen Grundstücken und Häusern staatliche Verwalter ein, formal blieben die Rechte am Eigentum bestehen. Auch dafür gab es bei den Zurückgebliebenen Verständnis: Wer Haus und Hof bei Nacht und Nebel verließ, gab es freiwillig auf, war die vorherrschende Meinung.

Zu den Aufgaben der Verwalter gehörte eine planmäßige Überschuldung des fremden Eigentums, um es dann ohne weitere Entschädigung in Volkseigentum überführen zu können. Das wurde in der »Verordnung vom 11. Dezember 1968 über die Rechte und Pflichten des Verwalters des Vermögens von Eigentümern, die die Deutsche Demokratische Republik ungesetzlich verlassen haben« festgelegt. Dazu flossen einerseits die Erträge aus dem Eigentum an den Staat, der andererseits die Erhaltungskosten trug. Da die Werte des Eigentums auf Vorkriegsniveau festgeschrieben und die Mieten staatlich unveränderlich festgelegt waren und keine »Verkehrswerte« existierten, war diese ein plan- und berechenbarer Prozess.

Dass aus diesem Vorgehen Probleme entstanden, war in beiden deutschen Staaten bekannt. Diesen Umstand belegt ein Protokollvermerk der DDR zum Grundlagenvertrag vom 21. Dezember 1972, in dem es heißt: »Wegen der unterschiedlichen Rechtspositionen zu Vermögensfragen konnten diese durch den Vertrag nicht geregelt werden.«

Die Lage änderte sich mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik. Begründet wurde der Grundsatz »Rückgabe vor Entschädigung« zunächst mit der Notwendigkeit der Gleichbehandlung bereits Enteigneter und jener, die nach Aufhebung der DDR-Verwaltung ihren Besitz zurückbekamen. Die maßgeblich rechtliche Grundlage dazu schuf die Volkskammer mit dem »Gesetz zur Regelung offener Vermögensfragen« (Vermögensgesetz) vom 23. September 1990. Zur Ausführung gelangte es als »fortgeltendes Recht der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik« im vereinigten Deutschland.

Die Tatsache, dass der Grundgedanke des von Detlef Dalk beklagten »Vermögensabflusses von Ost nach West« in den Aktivitäten der letzten gewählten Volksvertreter der DDR lag, spielte in den vielen stillen Kämpfen um Haus und Hof keine Rolle. Dass sich dabei die Meinungen von potentiellen Gewinnern und Verlierern grundsätzlich unterschieden, ist nachvollziehbar, macht den Streit aber nicht sachlicher.

Das erklärte Ziel des Vermögensgesetzes der DDR-Volkskammer bestand im Ausgleich von Vermögensnachteilen, die BRD-Bürger und Ausländer durch die DDR hinnehmen mussten. Betrafen Enteignungen Bürger beider deutscher Staaten gleichermaßen, griff das Gesetz nicht. Der Grund für die Rückübertragung von Eigentum war nur dann gegeben, wenn für die Enteignung keine oder eine geringere Entschädigung gezahlt worden war als die, die DDR-Bürgern normalerweise zustand.

Zusätzlich nannte das Gesetz Fälle, in

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