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Jesus - mein jüdischer Bruder: Roman

Jesus - mein jüdischer Bruder: Roman

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Jesus - mein jüdischer Bruder: Roman

Länge:
345 Seiten
4 Stunden
Freigegeben:
25. Okt. 2013
ISBN:
9783761560488
Format:
Buch

Beschreibung

Im nächsten Moment hatte er sein Opfer im Würgegriff, das Messer zum Todesstoß erhoben. "Stecht zu!", flüsterte Barabbas heiser. Judas hörte den Befehl, aber seine Hand gehorchte ihm nicht. Erfüllt von dem Wunsch, das Himmelreich herbeizuführen, ist Judas sogar bereit zu töten. Doch er trifft auf Jesus, der eine ganz andere Botschaft für ihn hat. Liebe, nicht Gewalt sei die Antwort. Judas folgt Jesus, denn er ist überzeugt davon, dass er sich als Messias offenbaren wird. Doch die religiöse Oberschicht der Juden scheint in Jesus nichts weiter als einen Aufrührer zu sehen. Es kommt zu politischen Machtspielen zwischen Pontius Pilatus und dem Hohepriester Kaiphas, und Jesus ist in Gefahr. Dabei hat Judas miterlebt, wie Jesus von Nazareth als Prediger und Wunderheiler tätig war. Warum erkennen die anderen denn nicht, dass sie es mit dem Messias zu tun haben? Nur Maria Magdalena scheint zu begreifen, worum es Jesus geht. Judas zweifelt und hofft zugleich - und vor allem will er seinem Meister seine Treue zeigen. Dass daraus Verrat wird, sehen nur die anderen … Die Figur des Judas lässt den Leser dieser Erzählung mitfiebern, sie offenbart ihre Beweggründe, Ängste und Fragen und führt uns die entscheidende Frage vor Augen: War Jesus der Messias?
Freigegeben:
25. Okt. 2013
ISBN:
9783761560488
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Jesus - mein jüdischer Bruder - Rolf Gompertz

Inhaltsverzeichnis

Geleitwort

I. Kapitel: DIE KREUZIGUNG

II. Kapitel: DER MESSIAS

III. Kapitel: DIE MISSION BEGINNT

IV. Kapitel: DAS VERLORENE SCHAF

V. Kapitel: PROBLEME

VI. Kapitel: DIE HURE

VII. Kapitel: DIE ENTSCHEIDUNG

VIII. Kapitel: HINAUF NACH JERUSALEM

IX. Kapitel: AUF DER LAUER

X. Kapitel: ROM SPRICHT

XI. Kapitel: JUDAS

XII. Kapitel: PAX ROMANA – RÖMISCHER FRIEDEN

Epilog

Danksagung

Lebenswerkstatt Rolf Gompertz

«Blitzlichter eines Lebens» / Snapshots of a Life

Literaturnachweis

Geleitwort

Rabbi Moshe J. Rothblum (Adat Ari El, North Hollywood, CA) schreibt über Gompertz’´ Jesusbuch und seinen Verfasser: «Sie sind, davon bin ich überzeugt, ein überzeugter Vertreter der jüdischen Tradition. Man merkt das auch daran, dass Sie die große Gabe haben, Geschichte lebendig zu erzählen.

Der Gegenstand der Erzählung fasziniert den Leser, lässt sein Herz schneller schlagen und lässt den Adrenalinspiegel steigen. Die Beschreibung der Gerichtsverhandlung und Verurteilung Jesu kann man nur mit Anteilnahme lesen, und das gerade deshalb, weil sie aus jüdischer Perspektive erzählt ist.

Ich nehme an, dass der Geschichtsschreibung gerade auch mit einer solchen Version besonders gedient ist.»

William Sanford Lasor, Professor für Altes Testament am Fuller Theological Seminary in Pasadena, California, schreibt:

«Der Autor nutzt seine Vorliebe als Erzähler und verändert einerseits den biblischen Zugang zur Geschichte Jesu mit durchaus ungewohnten dramatischen Effekten, benutzt aber andererseits auszugsweise das biblische Material und folgt seinem Duktus. Er verfügt über einen leichten und gut lesbaren Stil. Er vermittelt uns einen guten Eindruck davon, dass er ‹dem Leser einen tieferen Zugang zu den jüdischen Wurzeln Jesu und zu deren Verständnis vermitteln› möchte.

Der Autor hat uns eine eindrückliche und zugleich ermutigende Arbeit vorgelegt, mit der er uns einmal mehr daran erinnert, woran zu erinnern notwendig ist, nämlich, dass Jesus und seine Jünger Juden waren …»

Das sind nur zwei (von zahlreichen) Stimmen aus jüdischer wie christlicher Perspektive, die das Erscheinen des vorliegenden Buches auf dem amerikanischen Buchmarkt begleitet haben. Sie machen deutlich, wie Rolf Gompertz mit seinem Jesusbuch seine bleibende Herkunft aus dem Judentum begründet und zugleich eine Brücke zu Christen und ihrer Botschaft schlägt. Er weiß, dass das Herz seines jüdischen Glaubens in der Gottes- und Nächstenliebe schlägt. Er sieht, dass Jesus als Jude eben darin das Herzstück seiner Lehre begründet. So sei es, sagt er, dann auch zum Herzen der Christenheit geworden.

Daraus hat er, das ist ihm sehr wichtig, nicht die Absicht abgeleitet, Judentum oder Christentum in ihrem je eigenen Wert zu relativieren. Ihn leitet nicht das Streben danach, Juden zu Christen zu machen, auch dann nicht, wenn er Jesus als einen Menschen und Lehrer schildert, der sich selbst – aus Gompertz’ Sicht – für den Messias gehalten hat. Ihm als Autor liegt mit seiner Erzählung vielmehr entscheidend daran, wechselseitiges Verständnis von Juden und Christen zu fördern, damit beide «miteinander und in gegenseitigem Respekt voreinander in Würde und Frieden» leben können.

Der Hintergrund solcher Absicht ist nicht zuletzt sein eigenes Staunen darüber, dass er (der heute über achtzig Jahre alt ist) mit seinen Eltern den Nationalsozialismus überlebt hat. Rolf Gompertz hat sich in seinem Leben lange mit der Frage beschäftigt, welchen Sinn sein Dasein habe. Er hat darauf nicht nur eine Antwort gefunden. Aber eine seiner wesentlichen lautet, dass er mit seinem Buch eine Antwort auf Hitler und den Nationalsozialismus geben konnte und wollte. Er sieht das Ergebnis seines Bemühens als aktuelle Bekräftigung und Verlebendigung dessen an, was der Faschismus vollständig zerstören wollte: die Ehre und die Wurzeln des Judentums und, als dessen Folge, des Christentums. Er versteht seine Arbeit zugleich als eine Stärkung seines Glaubens an die Überwindung von Verfolgung und Unterdrückung durch den Geist – im heidnischen Rom damals wie im Nazi-Deutschland des 20. Jahrhunderts.

Einen solchen Zugang zu Jesus von Nazareth in einem Verlag zu veröffentlichen, der auf dem Boden der Evangelischen Kirche im Rheinland zuhause ist, liegt wirklich nahe und ist nur zu begrüßen. Ich verstehe es als einen lebendigen Schritt auf dem Weg, den diese Kirche seit 1980, seit ihrem Beschluss zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden, zu gehen sich Mühe gegeben hat, immer noch gibt und in Zukunft weiter geben wird.

Darum wünsche ich dem Buch, nicht zuletzt vor dem Hintergrund der nicht hoch genug zu schätzenden Arbeit der Gesellschaften für Christliche-Jüdische Zusammenarbeit und der zahlreichen lebendigen Kontakte zwischen vielen jüdischen und christlichen Gemeinden im Rheinland wie in anderen Landeskirchen der EKD, viel Erfolg.

Nikolaus Schneider

Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland

Düsseldorf, im Mai 2009

I. Kapitel: Die Kreuzigung

Judas war schon den ganzen Morgen auf den Beinen und näherte sich erst gegen Mittag seinem Ziel. Er war in Galiläa unterwegs und sah vor sich die Stadt, in die er wollte: Magdala.

Als er näher kam, nahm er ein ungewöhnliches Geschehen vor dem Stadttor wahr. Bald fand er heraus, was es war. Die Juden Magdalas waren vor die Stadt gekommen, um Zeugen einer Kreuzigung zu sein. Es war ein junger Mann aus Magdala – Ruben ben Jakob, neunzehn Jahre alt, der Sohn von Rahel und Jakob –, der zum Kreuz geführt wurde.

Die Juden Magdalas hatten sich hier versammelt, um dem jungen Mann und seinen Eltern ein Zeichen zu geben. Stille Zeugen des Protests wollten sie sein, gegen die Macht Roms und vor Gott.

Eine Gruppe römischer Soldaten ging geschäftig ans Werk. Einige vergewisserten sich, dass der fast zwei Meter hohe, senkrechte Pfosten fest im Erdreich verankert war. Andere – jeweils zwei an einem Ende – legten den etwa fünfzehn Kilo schweren Kreuzbalken auf den Boden, als Vorbereitung für den Gefangenen, der – streng bewacht – ein paar Schritte entfernt stand.

Mehr als Schrecken und stillschweigende Verachtung lag auf den Gesichtern der Umstehenden, denn hier, in dem für sie zutiefst befremdlichen Bild des Kreuzes, begegnete ihnen die ganze Würdelosigkeit Roms und seiner Demütigung des Menschen. Die langsame und menschenverachtende Folterqual der Kreuzigung offenbarte den Kern römischer Herrschaft, den Gräuel und die Abscheulichkeit vor Gott und den Menschen. Das war römische Art, ganz und gar.

Angekommen, stellte sich Judas zu den stummen Beobachtern. Sie bemerkten ihn kaum, denn ihre Aufmerksamkeit richtete sich vielmehr auf das Geschehen.

Die Soldaten bildeten nun einen Kreis um Ruben, während seine Eltern entsetzt auf die Szene starrten, sich gegenseitig stützten, einander umarmten, das Gesicht von Tränen überströmt.

«Nein!» Rahel schrie es heraus.

Jakob umfasste seine Frau fest und versuchte, sie wegzuführen.

«Sieh nicht hin!», flüsterte er.

Aber es gelang nicht. Rahel starrte wie angewurzelt und gelähmt auf ihren Sohn.

Rubens Gesicht zitterte vor Furcht, als die Soldaten ihm die Kleider abnahmen und mit einem Tuch seine Scham bedeckten. Bis auf zwei Soldaten zogen sich alle zurück. Für die Kreuzigung war nun alles vorbereitet.

«Oh Gott! Mein Sohn! Mein Sohn», schrie Rahel verzweifelt, «helft ihm doch, irgendjemand! Bitte, helft ihm!»

Die angstvolle Stimme der Mutter traf Judas ins Mark. Er spürte das Verlangen in sich, nach vorn zu springen und den Gefangenen seinen römischen Peinigern zu entreißen. Aber er blieb, wo er war, wie jeder andere auch, entsetzt, fassungslos, hilflos.

Die Exekution begann nach gründlicher Überprüfung der Vorbereitungen. Dann nickte der Henker den beiden Soldaten an jeder Seite des Gefangenen zu. Sie griffen Rubens Handgelenke und warfen ihn rücklings auf den Boden. Der Kreuzbalken passte exakt unter seinen Nacken. Sie streckten seine Arme nach beiden Seiten aus und knieten sich auf die Innenseite des Ellenbogens.

Der Henker holte zwei fünf Zoll lange Nägel heraus und hockte sich neben den Gefangenen. Einer der Soldaten hielt den rechten Unterarm dicht an den Kreuzbalken. Der Henker setzte die Spitze des quadratisch geschmiedeten Eisennagels in die leichte Vertiefung dicht beim Handgelenk und trieb den ersten Nagel in den Kreuzbalken.

Ruben schrie auf vor Schmerz. Der Henker wechselte unbeeindruckt auf die linke Seite und machte es dort genauso. Rahel und Jakob hörten ihren Sohn, konnten sie ihn doch durch ihre strömenden Tränen kaum noch sehen.

Der Henker vergewisserte sich, dass der Hingerichtete ordnungsgemäß fixiert war und warf dann seine Hände in die Luft, zum Zeichen, dass die Soldaten den Balken mit dem angenagelten Körper hochheben sollten.

Sie griffen das jeweilige Ende des Balkens und stemmten ihn hoch. Ruben hing daran herunter, seine Beine zappelten noch in der Luft. Die Soldaten hoben den Balken auf den senkrechten Pfosten, trafen das Zapfenloch und brachten ihn in Position.

«Was hat er getan?», fragte Judas einen der Umstehenden.

«Er hat den dort geschlagen», antwortete jener und nickte in Richtung eines sehr beleibten, feist aussehenden Mannes, der abseits der anderen stand und das Geschehen mit offensichtlicher Genugtuung beobachtete.

«Wer ist das?», wollte Judas wissen.

«Necho ben Obadjah, der Zolleinnehmer», war die Antwort.

«Er hat ihn lediglich geschlagen?», fragte Judas ungläubig.

«Das ist die römische Gerechtigkeit für dich, Jude!», war die sarkastische Antwort seines Nebenmannes.

Judas war nicht wirklich überrascht. Es war wieder einmal ein typischer Fall römischen Rechts. Über die genaueren Umstände konnte er natürlich nur Vermutungen anstellen. Rom ließ die Juden durch ständig neue und steigende Steuern ausbluten, und die Zoll- und Steuereinnehmer schlugen etliche Prozente zusätzlich als eigenen Gewinn auf die Waren auf. Die Höhe bestimmten sie selbst. Judas vermutete, dass der junge Ruben in seiner Erregung den Zolleinnehmer geschlagen hatte, als der zu hohe Steuern von seinen Eltern verlangte, womit er sie finanziell ruiniert hätte.

Nun griffen zwei Soldaten nach den Unterschenkeln des Gefangenen und legten den rechten Fuß über den linken. Sie schoben den Körper nach oben, um das Sterben zu verlängern, während der Henker einen einzelnen Nagel nahm und ihn durch die Füße schlug. Sie verzichteten darauf, die kleine Fußstütze unter der Ferse anzunageln, die sie manchmal anbrachten, um dem Hingerichteten Erleichterung zu verschaffen. Bei diesem jungen Mann sahen sie dazu keine Notwendigkeit.

Zufrieden blickte der Henker auf sein Werk. Das t-förmige Kreuz stand, wie es stehen sollte. Der Henker schloss die Hinrichtung ab und befestigte am Balken die Tafel mit dem Namen des Täters und des Verbrechens, das ihn ans Kreuz gebracht hatte.

Der Gefangene würde in einigen Stunden tot sein. Bis dahin jedoch würde er sich am Kreuz auf und ab winden, um sich irgendwie Erleichterung zu verschaffen. Er würde sich hochdrücken, um die Schmerzen in seinen Armen und Beinen erträglicher zu machen und um atmen zu können. Er würde in seinen Armgelenken hängend herabsacken, um den unsäglich stechenden Schmerz in seinen Beinen und Füßen zu mildern. Bis der Tod eintrat, würde es eine Ewigkeit dauern.

Die Gruppe der Anteilnehmenden begann sich aufzulösen, um ihren eigenen Angelegenheiten nachzugehen, so dass nur noch die Soldaten zurückbleiben würden, um den Toten zu bewachen – und die Fliegen.

«Kommt, wir bringen euch nach Hause», wandten sich einige Freunde an Rahel und Jakob.

«Nein», jammerte Rahel, «wir bleiben.»

Sie würden bleiben, auch sie – sie, die Soldaten und die Fliegen.

«Er kann nicht wahrnehmen, dass ihr hier seid», versuchte einer ihrer Freunde ihnen zuzureden, «quält euch selbst nicht noch länger, indem ihr hier bleibt. Behaltet ihn nicht auf diese Art in Erinnerung. Versucht euch an ihn zu erinnern, wie er war.»

«Wir bleiben!» Rahel bestand darauf.

Vielleicht würde er ihre Anwesenheit spüren, dachte sie. Vielleicht würde er sie ein- oder zweimal sehen, sie erkennen… Vielleicht würde es ihm helfen, nur für einen Moment.

Aber es gab keine wirkliche Hilfe für ihren Sohn. Nur und letztlich der Tod, mit dem Ruben ben Jakob rang, konnte ihm auch Befreiung geben.

«Ihr seid nicht aus dieser Gegend», stellte Judas’ Nebenmann fest, «woher kommt Ihr?»

«Jerusalem», erwiderte Judas und blickte den Mann an, «Könnt Ihr mir zufällig sagen, wo ich Barabbas finde?»

«Barabbas? Sicher. Dort steht er», entgegnete der Mann. Dabei nickte er in die Richtung eines Mannes von mittlerer Größe, der strotzend vor Kraft dastand. Auf seinem Gesicht lag ein harter Ausdruck. Judas hatte ihn schon vorher bemerkt, verwundert und fasziniert von der Tatsache, dass Barabbas unverwandt den Zolleinnehmer Necho ben Obadjah beobachtete, während die Aufmerksamkeit der meisten anderen durch die Hinrichtung gefesselt war.

«Danke», sagte Judas und ging hinüber zu Barabbas.

Bevor sich die bis dahin stumm gebliebene Menge gänzlich auflöste, erhob sie noch einmal ihre Stimme und sang den alten Segensspruch, der das Angesicht des Todes mildern sollte:

«Der Herr ist König!

Der Herr war König!

Der Herr wird König sein auf ewig.»

Dreimal sangen sie ihn.

Dann den zweiten Spruch:

«Gesegnet sei sein Name, die Herrlichkeit seines Königreiches währet ewig.

Gesegnet sei sein Name, die Herrlichkeit seines Königreiches währet ewig.

Gesegnet sei sein Name, die Herrlichkeit seines Königreiches währet ewig.»

Siebenmal sangen sie es:

«Der Herr ist Gott.

Der Herr ist Gott.

Der Herr ist Gott.

Der Herr ist Gott.

Der Herr ist Gott.

Der Herr ist Gott.

Der Herr ist Gott.»

Die Wachen griffen nach ihren Waffen, denn sie fürchteten sich vor der singenden Menge.

«Schma Jisrael, adonaj elohejnu, adonai ächad.»

«Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der eine Herr.»

Dann wandte sich die Menge ab vom Kreuz. Einige gingen. Einige gingen später. Einige blieben. Aber in ihrem Inneren hofften sie alle, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis Israel über Rom triumphieren würde. Der Messias würde kommen, so war es geweissagt worden. Gottes Königreich würde auf Erden Wirklichkeit werden und das Ende der Tage wäre da!

Judas hatte Barabbas erreicht.

«Barabbas?», fragte er.

«Ja?»

«Schalom. Mein Name ist Judas», erklärte Judas.

Barabbas nickte, er drehte sich um, machte sich auf den Weg zurück in die Stadt Magdala und Judas folgte ihm.

sep

Judas sah zu, wie Barabbas sich im Hofe seines Hauses zu schaffen machte. Er war der ortsansässige Schlachter, der jetzt nach seinen Messern griff, um sie zu schleifen.

«Warum seid Ihr gekommen?», fragte Barabbas seinen Gast.

Judas sah zu, wie er das erste Messer schärfte.

«Um für Euch zu arbeiten», erwiderte Judas

«Als Schlachter?», fragte Barabbas und ließ eindeutig eine Zweideutigkeit durchklingen, die Judas nicht entging.

«Ja», sagte Judas knapp.

«Hier», sagte Barabbas daraufhin und reichte Judas eines der Messer, «zeigt, was Ihr könnt!»

Er wies auf ein Lamm, das in einem Verschlag im Hofe stand.

Judas inspizierte das Messer. Die Schneide hatte eine Kerbe.

«Es ist unbrauchbar», meinte er.

«Unbrauchbar?», fragte der Schlachtermeister.

«Nach unseren Vorschriften unbrauchbar für rituelles Schlachten», erläuterte Judas ruhig, «es hat eine Kerbe.»

«Dann macht es brauchbar!», rief Barabbas ungeduldig.

Judas ging, um die Klinge zu schärfen, dann tastete er sie gründlich mit Fingernagel und Fingerkuppe ab und zeigte sie schließlich Barabbas, der sie prüfte und zustimmend nickte.

Judas ging zum Verschlag hinüber, öffnete ihn und holte das Lamm heraus. Das Lamm sah ihn sonderbar ruhig und geradezu vertrauensvoll an. Judas legte beruhigend eine Hand auf dessen Kopf und sprach den rituellen Segen:

«Gesegnet seiest Du, o Herr, unser Gott, der Du uns durch Deine Gebote geheiligt und uns über die Schlachtung unterwiesen hast.»

Das Messer fuhr blitzschnell durch die Kehle des Lammes, perfekt in der vorgeschriebenen Bewegung. Das Lebensblut schoss heraus, das Lamm brach zusammen und lag, aus glasigen Augen starrend, auf dem Boden. Der Lebensodem hatte den Körper verlassen.

Judas blickte zu Barabbas auf, der mit einem weiteren Nicken seine Zustimmung zu erkennen gab.

«Ich bin nicht der einzige Schlachter in Galiläa», meinte Barabbas, «warum seid Ihr ausgerechnet zu mir nach Magdala gekommen?»

Er hatte die erste Probe bestanden, dachte Judas. Jetzt kam die zweite, die entscheidende.

«Ich will für die Bewegung arbeiten!», sagte er. Er entschied sich für den direkten Weg. Er wusste vom Hörensagen, dass man mit Barabbas besser keine Ratespielchen machte.

«Die Bewegung?», fragte Barabbas zurückhaltend.

«Die Revolution – gegen Rom!», brach es aus Judas heraus.

«Ihr versteht zu schlachten», sagte Barabbas leise, «aber, könnt Ihr auch töten?»

«Ich denke, ja», erwiderte Judas.

«Ihr könnt bleiben.» Seine Antwort war knapp. Bevor Judas eine Gelegenheit hatte, sich zu bedanken, fuhr Barabbas fort:

«Ihr seid in Karioth geboren. Eure Familie zog nach Jerusalem. Euer Vater, der Sohn eines Kaufmanns, ist Arzt und in höheren Kreisen hoch geschätzt. Er behandelt die Wohlhabenden und Mächtigen. Er ist der Leibarzt des Hohepriesters Kaiphas und Rabbi Gamaliels, der dem Synhedrion vorsitzt. Euer Vater sieht sich mit den Sadduzäern in einer Linie. Er ist kein Freund der Zeloten oder der Bewegung gegen die Herrschaft Roms. Eure Mutter schätzt ihren sozialen Status. Ihre Freundin aus Kindertagen, Maria, lebt in Nazareth und hat fünf Söhne und zwei Töchter. Sie haben Euch während der drei Festtage besucht. Einer ihrer Söhne heißt Jesus. Er ist Euer Freund.»

Das alles klang wie eine Abhandlung über Judas’ Leben, und er war froh, dass er sich entschieden hatte, offen zu Barabbas zu sein. Es war mehr als deutlich, dass Barabbas über einen effizienten Geheimdienst verfügte und längst über Judas Bescheid gewusst hatte.

«So ist es», sagte Judas, nachdem Barabbas seine Aufzählung beendet hatte. Judas wusste nun seinerseits, dass er dem brillanten Zelotenführer gegenüberstand, dem Führer der militanten Untergrundbewegung gegen die römischen Besatzer.

«Wie gut kennst du Jesus», fragte Barabbas unvermittelt, «auf welcher Seite steht er? Wie steht er zu uns?»

«Ich weiß es nicht», sagte Judas ehrlich, «ich habe ihn seit drei Jahren nicht gesehen.»

Plötzlich wurde hinter Judas eine Tür geöffnet und eine Frauenstimme drang zu ihnen heraus.

«Ist hier jemand?»

«Ja, ja!», rief Barabbas. «Hier draußen sind wir!»

Judas war von der Schönheit der jungen Frau, die nun in der Tür auftauchte, verblüfft. Nie hätte er erwartet, so einer Perle im Hinterhof eines Schlachters zu begegnen.

«Ich brauche Fleisch für morgen!», erklärte die Frau übergangslos.

«Du könntest wenigstens Schalom sagen», knurrte Barabbas, den das Auftauchen der Frau eher unangenehm berührte als fröhlich stimmte.

«Ich hab’s eilig!», gab sie zurück.

«Und ich habe zu tun!», konterte Barabbas.

«Na gut. Schalom!», gab sie nach, als sie erkannte, dass sie so nicht weiterkommen würde.

Jetzt erst ließ sie ihre Augen zu Judas hinüberwandern, der immer noch neben dem geschlachteten Lamm stand.

«Oh», hauchte sie, «Schalom!»

«Schalom», antwortete er.

Sie war eine bildschöne Jüdin. Ihre blauen Augen kontrastierten faszinierend mit ihrem langen, rabenschwarzen Haar, das in weichen Wellen bis auf ihre Hüften herabfiel. Sie hatte volle, verlockende Lippen. Ihr Gesicht verfügte über jene vornehme Blässe, die nur Frauen hatten, die es sich leisten konnten, es vor der Sonne zu schützen. Keine der Marktfrauen hätten so ausgesehen, die oft trockene, gebräunte oder gar verbrannte Haut hatten.

Die teure Kleidung, die sie trug, bedeckte gerade eben so die zarte Haut ihres Körpers, und der Stoff ließ mehr die aufregenden Rundungen und weiblichen Linien erahnen, als dass er sie verbarg.

«Mein Gehilfe, Judas Ischariot», sagte Barabbas erklärend zu der Frau. Zu Judas gewandt sagte er: «Das ist Maria von Magdala, meine Kusine.»

«Schalom», wiederholte Judas noch einmal mit etwas festerer Stimme, lächelte ein wenig und wies entschuldigend auf das Lamm zu seinen Füßen, auf die Blutlache, das Messer und seine blutverschmierten Hände.

«Schalom», erwiderte nun auch Maria etwas einladender als zuvor. Ihr Blick blieb erst an Judas’ Händen haften, dann wanderten ihre Augen zu dem Lamm am Boden. Ein Lächeln legte sich auf ihr Gesicht.

«Gut», sagte sie zu ihrem Cousin, «dann nehme ich eine Lammkeule.»

«Warte einen Moment, dann kannst du sie gleich mitnehmen!», brummte Barabbas unwirsch.

«Nein», sagte Maria und das Lächeln auf ihrem Gesicht wurde breiter, «lass sie morgen von Judas in mein Haus liefern!»

Barabbas knurrte. Judas konnte das Verhalten des Schlachters nicht verstehen, war doch Maria ausgesprochen höflich gewesen.

«Schalom, Judas», rief sie, «wir sehen uns morgen.»

«Schalom», antwortete Judas und spürte eine merkwürdige Vorfreude in sich, diese Frau schon morgen wiederzusehen.

«Sie ist wunderschön, nicht wahr», sagte Barabbas mehr als Feststellung denn als Frage.

Judas lachte verlegen.

«Alle Männer finden sie wunderschön», brummte Barabbas, der sich zu dem Lamm am Boden herunterbeugte.

Beide Männer begannen nun, das Fleisch von den Knochen zu lösen und das Tier zu zerlegen.

«Ihr zwei scheint einander nicht gerade grün zu sein», meinte Judas.

«Sie ist eine Närrin!», platzte es wütend aus Barabbas heraus. «Wenn Ihr einen Rat wollt, dann lasst die Finger von ihr.»

«Ihr versucht sie zu schützen?», fragte Judas.

«Nein», schnaubte Barabbas, «ich versuche, Euch zu schützen! Bislang hat es den Männern, die sich mit ihr eingelassen haben, mehr geschadet als gutgetan.»

«Ich denke, ich kann auf mich selbst aufpassen», sagte Judas zögernd.

«Sie ist Abfall, Müll, Abschaum!», wütete Barabbas weiter. «Ich sage es Euch, macht Euch Eure Hände nicht mit der schmutzig!»

«Wie könnt Ihr so etwas Abscheuliches über eure Kus …», begann Judas entgeistert, wurde jedoch abrupt von Barabbas unterbrochen.

«Bleibt ihr fern, Judas», Barabbas Worte wurden zum Befehl, «sie ist eine Hure!»

Judas war wie vor den Kopf geschlagen. Ehe er sich überlegen konnte, wie er antworten sollte, fuhr Barabbas im gleichen Ton fort: «Ihr habt morgen zweierlei zu tun. Erstens, Ihr liefert bei Maria die Lammkeule aus. Zweitens, am Abend, werdet Ihr Necho ben Obadjah, dem Steuereinnehmer, auf seinem Heimweg auflauern und ihn töten.»

Judas war perplex. Das es so schnell losgehen würde, das hatte er nicht erwartet. Seine Gedanken wirbelten durcheinander. Sein Verstand versuchte zu begreifen, was alles in dieser kurzen Zeit, seit er Magdalas Tore durchschritten hatte, geschehen war und was noch vor ihm lag und kommen sollte.

sep

Unsicher näherte sich Judas am nächsten Tag Marias Haus. Seltsam, Seltsam, er fühlte sich zu ihr hingezogen, obwohl er nun wusste, dass sie eine Hure war. Er hatte solche Frauen immer verachtet. Doch bei Maria verhielt es sich anders. Sie war schön. Sie war aufreizend und er hatte Angst vor seiner eigenen Unfähigkeit, ihr widerstehen zu können.

Er erinnerte sich, wie er sich gestern gefühlt hatte, wie ein Begehren in ihm aufgestiegen war, das er lange nicht gekannt, eigentlich noch nie gekannt hatte. Aber da war noch mehr, er wusste, dass da mehr war als Begehren. Ein seltsames, geheimnisvolles Gefühl stieg in ihm hoch, als ob es eine Bestimmung gäbe, dass sie einander begegnen und kennenlernen sollten, als ob ein gemeinsamer Lebenszweck, ein gemeinsames Schicksal auf sie wartete.

Judas versuchte, beide Gefühle schnell abzuschütteln. Barabbas hatte recht. Es war besser, nichts weiter mit Maria zu tun zu haben.

Vor dem Haus hielt er an. Vorhänge hingen vor den Fenstern und verwehrten ihm den Blick ins Innere.

«Schalom!», rief er leise und klopfte zaghaft an die Tür.

Die raue Stimme eines Mannes antwortete: «Ja?»

Judas vermutete, dass es einer von Marias Kunden war. Er war überrascht, dass der Mann antwortete, und Judas revidierte seine Meinung. Anscheinend war es eher Marias Zuhälter, der nun die Tür öffnete. Vor Judas stand ein ungewöhnlich schöner Mann mit empfindsamen Gesichtszügen, die ihm auf den ersten Blick freundlich gesonnen schienen.

Judas maß den Mann vor sich mit Geringschätzung, seine Abneigung gegen Elieser ben Jochanan stand ihm offen ins Gesicht geschrieben, denn trotz der Freundlichkeit lag auch etwas Hinterhältiges in seinem Lächeln,

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