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Der brave Patient schweigt: Tagebuch einer Asthmatikerin

Der brave Patient schweigt: Tagebuch einer Asthmatikerin

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Der brave Patient schweigt: Tagebuch einer Asthmatikerin

Länge:
239 Seiten
3 Stunden
Freigegeben:
Aug 1, 2013
ISBN:
9783897984097
Format:
Buch

Beschreibung

Seit sie denken kann, leidet Alina Aidenberger unter allergischen Hautreaktionen, häufigen Infekten und Migräne. Mit 20 Jahren bekam sie ihren ersten Asthmaanfall. Von da an verschlimmerte sich ihr Asthma bronchiale kontinuierlich, andere chronische Entzündungen kamen hinzu. Mehrmals musste sie ins Krankenhaus, kämpfte ums Überleben. Vor einigen Jahren begann Alina Aidenberger, ihre Klinikerlebnisse einem Tagebuch anzuvertrauen. Zunächst nur, um für sich selbst den Verlauf ihrer Krankheit festzuhalten und wichtige Erkenntnisse zu gewinnen. Nun hat sie sich entschlossen, ihre Aufzeichnungen zu veröffentlichen. Schonungslos dokumentiert das Tagebuch, wie schnell Arzt-Patienten-Gespräche, Behandlungsmethoden oder Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen ein sehr persönliches und dabei nicht gerade schönes Gesicht bekommen. Dieses Tagebuch zeigt, wie oft das Vertrauen in Ärzte und in die Medizin erschüttert wird, aber auch, wie man es wieder aufbauen kann - und wie man selbst als chronisch Kranker neuen Mut schöpft. Ein bewegender Bericht: zweifelnd und hoffend, kritisch und selbstkritisch, doch mit einer großen Portion Humor und Selbstironie.
Freigegeben:
Aug 1, 2013
ISBN:
9783897984097
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Der brave Patient schweigt - Alina Aidenberger

Mein Patienten-Tagebuch

Notfalls: Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt …

Ȁrzte geben Medikamente, von denen sie wenig wissen,

in Menschenleiber, von denen sie noch weniger wissen,

zur Behandlung von Krankheiten, von denen sie überhaupt

nichts wissen.«

Voltaire, französischer Philosoph und Autor (1694–1778)

2. Juni

Mit heftigen kolikartigen Bauchschmerzen, die wohl nichts mit meinem Asthma zu tun haben können, gehe ich am Morgen zu meinem Hausarzt. »Sie müssen trotzdem ein wenig warten, Sie sehen ja, was hier los ist«, murmelt die Helferin. Also übe ich mich in Geduld. Dann endlich öffnet sich die Tür zum Warteraum. Der »Halbgott in Weiß« höchstpersönlich verkündet: »Der Nächste, bitte!«

Im Behandlungszimmer tastet er ziemlich desinteressiert, quasi lustlos, meinen Bauch ab (na ja, vielleicht besser als lustvoll …). Dabei erzählt er mir von seinem eigenen Stress und wie die Krankenkassen die Ärzte beuteln. Er hört aber kaum hin, als ich ihm berichte, wie ich mich in den letzten Tagen mit Koliken und Durchfällen gequält habe, dass ich nachts kein Auge zumache und vor Schmerzen gekrümmt stundenlang auf meinem Bett sitze. Wortlos nimmt er an seinem Schreibtisch Platz, tippt kurz etwas auf der Computer-Tastatur und überreicht mir dann die Krankschreibung: vier Tage wegen starker Oberbauchschmerzen. Dazu verschreibt er mir Schmerztropfen »N-sowieso«. Als ich sie in der Apotheke abhole, wollen mir meine Beine plötzlich nicht mehr gehorchen, ich gerate ins Schwanken. Zum Glück sind meine Eltern dabei, stützen mich und fahren mich nach Hause.

Zu Hause lege ich mich ins Bett, versuche ruhiger zu werden. Doch wieder komme ich nicht in den Schlaf und setze mich deshalb lieber auf die Terrasse in den Schatten. Ich will es nicht wahrhaben, aber die Schmerzen werden kontinuierlich stärker. Die Tropfen möchte ich nicht nehmen. Sie heilen nicht, sondern dämpfen nur den Schmerz – und haben sicher wieder Nebenwirkungen. Ich versuche zu lesen, um mich abzulenken. Das gelingt noch nicht einmal für Minuten. Die Schmerzen sind zu stark. Am frühen Abend, kurz nach 18 Uhr, gebe ich auf: Ich entscheide mich für das verschriebene Schmerzmittel.

Normalerweise studiere ich bei jedem neuen Medikament sorgfältig die aufgelisteten Neben- und Wechselwirkungen bzw. Warnhinweise. Heute fehlt mir jedoch die Kraft dazu. Ich folge einfach der in der Tat schon einige Male gehörten Ärztemeinung: »Schauen Sie am besten gar nicht auf den Beipackzettel … Die Pharmakonzerne müssen sich lediglich juristisch absichern.« Denn ich denke: Mein Hausarzt wird wohl wissen, was er mir verschreibt. Er kennt ja meine Patientenakte und weiß seit Jahren um mein Asthma und meine Allergien.

Sicherheitshalber nehme ich trotzdem erst mal nur das Minimum: 20 Tropfen in etwas Wasser … Aber was ist das? Innerhalb von zwei Minuten zerreißt es mir fast den Oberbauch. Kalter Schweiß perlt über mein Gesicht. Ich schleppe mich zur Toilette: Durchfall. Minuten später ziehen die Schmerzen noch an, mir wird schwindelig und schlecht. Ich taumele zum Waschbecken und übergebe mich. Auch der Schweiß fließt scheinbar literweise. Ich bekomme keine Luft mehr.

Mit letzter Kraft stütze ich mich an der Wand ab. Meine Mutter hat Gott sei Dank alles mitbekommen und läuft aufgeregt herbei. Fast tonlos bitte ich sie, mein Notfall-Asthmaspray zu holen. Schmerzen und Übelkeit quälen mich unendlich. Ich krieche auf dem Boden in den Flur hinaus, kann kaum noch sprechen. Ich versuche kräftig (oder was ich kräftig nenne) auszuatmen, um das Spray danach besser einsaugen bzw. einatmen zu können. Noch einmal und noch einmal. Ich schaffe es nicht. Die erhoffte Linderung bleibt aus. »Ich kann nicht mehr.«

Meine Eltern stützen mich und schleifen mich sozusagen die wenigen Meter von der Haustür bis in ihr Auto. Ich soll ins Krankenhaus. Die eigentlich kurze Strecke wird zur langen Tortur. Es ist heiß. Alle Ampeln scheinen auf Rot zu stehen. Ich bekomme keine Luft mehr, die Schmerzen sind übermächtig. Ich habe das Gefühl, es nicht mehr zu schaffen, und bin fast schon bereit, mit dem Leben abzuschließen. Eine Art Todessehnsucht erfüllt mich: Die Qualen sollen endlich aufhören! Jetzt sofort!

19 Uhr: In Höhe der Notfallaufnahme kommen die Schwestern herausgelaufen, als sie mich in der offenen Autotür sehen. Sie schleppen mich auf eine Trage und bringen mich in die Ambulanz. Eine junge Ärztin eilt hinzu. Ich stammele: »Asthma!«

»Sie bekommen jetzt sofort 250 mg Cortison, eine Riesenportion«, sagt sie. Ein wenig mit Gewalt setzt sie einen Zugang in eine Vene der rechten Hand und spritzt das Cortison. Brennender Schmerz. Dann bekomme ich noch ein Antiallergikum und schließlich Sauerstoff via Nasensonde. Ich ringe immer noch um Luft. Hecheln, später endloser Husten. Der Hals schmerzt, als ob er aufgeschnitten wurde. Ich habe keine Kraft mehr. Mein Schweiß hat das Papier unter mir auf der Trage inzwischen völlig aufgeweicht. Stockend versuche ich zu erzählen, was passiert ist. Die Ärztin schimpft über meinen Hausarzt: »Unverantwortlich!«, ruft sie. »Er kennt doch Ihre Allergieneigung und Ihr Asthma!«

Dann ist die Ärztin einfach weg. Schichtwechsel? Aus der Ferne hört man Stöhnen und Schreien von anderen Notfallpatienten. Ein junger Pfleger, dem die Nase läuft und der sich ständig ins Taschentuch schnäuzt, will bei mir Blut abnehmen. Weiterhin um jeden Atemzug kämpfend, protestiere ich, so gut es geht. Zeige auf meine Venen, die nur schwer anzuzapfen sind. Der junge Pfleger versteht: »Dann hole ich mal besser eine erfahrene Kollegin«, meint er. Gesagt, getan: Die ältere Kollegin braucht nur zwei Versuche, dann endlich fließt das Blut fürs Labor.

22 Uhr: Erstmals nach beinahe vier Stunden habe ich das Gefühl, wieder ein wenig selbstständig atmen zu können. Ich will leben, ich werde es noch einmal schaffen. Meine Eltern dürfen zu mir in den kleinen Raum, in dem ich seit ungefähr drei Stunden sitze – im Liegen bekomme ich noch keine Luft. Die Klimaanlage im Raum trocknet langsam meinen Schweiß. Meinen Eltern steht die Angst ins Gesicht geschrieben, sie haben Tränen in den Augen: ihre einzige Tochter, so nahe am Erstickungstod! »Alles wird gut, macht euch keine Sorgen«, sage ich, ohne wirklich überzeugend zu wirken. Ich habe große Angst um meine Mutter und meinen Vater. Aber wie kann ich sie beruhigen?

Dann stellt sich eine neue Ärztin vor. Sehr resolut nimmt sie meine Beschwerden auf und untersucht mich. Mit meinem Zustand zeigt sie sich »den Umständen entsprechend« zufrieden.

»Wie geht’s Ihnen?«

»Ein wenig besser, aber schlimmer konnte es wohl auch kaum noch werden.« »Stimmt«, sagt sie, »schlimmer bedeutet das Aus.« Sehr lustig.

Früher wollten Ärzte ihre Patienten zu sehr schonen, sprachen mit ihnen nicht immer in der nötigen Offenheit. Heute dagegen sind sie – so mein Eindruck – manchmal zu offen, zuweilen direkt brutal. Ich persönlich kann’s jedoch vertragen …

Die Ärztin hört Herz und Lunge ab. Letztere pfeift gehörig. »Sie müssen sofort zum Röntgen! Abdomen und Lunge.« Und schon rast ein Helfer mit mir und meinem Bett durch die Gänge und haarscharf um die Kurven. Fühlt sich wohl fast wie ein angehender Formel-1-Fahrer. Dann werde ich vor einer offenen Tür geparkt. Es zieht wie verrückt.

»Können Sie aufstehen?«, fragt der herbeikommende Arzt fordernd.

Der riesige Röntgenapparat fährt an einer Schiene entlang auf mich zu. Ich muss die Sauerstoffschläuche für einen Moment aus der Nase nehmen. Dann höre ich das Kommando: »Einatmen, Atem anhalten, weiteratmen …« Ich habe das ungute Gefühl, die Befehle nicht zur Zufriedenheit erfüllen zu können: als ob die eingeatmete Luft im Hals stecken bleibt und es nicht wirklich bis in den Brustkorb schafft. Trotzdem werden zwei Aufnahmen gemacht und ich danach in meinem Bett zurück auf die Station gebracht.

Mitternacht: Ich komme auf ein Zimmer in der inneren Abteilung, in dem bereits zwei alte Damen laut schnarchen. Ich muss noch zur Toilette und schleiche mich mithilfe meiner Mutter dorthin. Doch die Toilette ist von oben bis unten … nun, sagen wir, in einem sehr erbärmlichen Zustand. Auch eine Art Pflegenotstand! Dabei ist mir schon so schlecht genug.

Mein Vater opfert sich, säubert die Brille mit Papierhandtüchern. Aber diese Sauberkeit soll nicht lange anhalten, eine der alten Damen geht bald schon wieder aufs »Thrönchen« …

Nach dem Auspacken der wenigen mitgebrachten Sachen fahren meine Eltern nach Hause. Ich wünschte, jetzt auch hier weg zu können …

»Sie sollten zur Ruhe kommen und versuchen zu schlafen«, redet die Nachtschwester wohlwollend auf mich ein. »Hier ist der Notruf. Hier der Lichtschalter. Rufen Sie mich bei jeder Kleinigkeit. Hören Sie, bei jeder Kleinigkeit! Besser zehnmal zu oft als einmal zu wenig.« Dann verlässt auch sie den Raum.

Das Sauerstoffgerät, an dem ich hänge, blubbert laut (und das soll sich für die nächsten beiden Tage nicht ändern). Halbstündlich fragt die Nachtschwester, wie es geht. Sie bringt mir auch noch ein Schlafmittel. Aber an Schlaf ist nicht zu denken, ich bekomme einfach noch zu wenig Luft. Und dann das ständige Türöffnen und -schließen und das Schnarchen … Die Dame in der Mitte hat einen künstlichen Darmausgang und wird zweimal in der Nacht sauber gemacht. Das heißt: Licht an, zwei Schwestern kommen, Vorhang vors Bett, penetranter Gestank. Und das bei meiner Übelkeit! Ich würge. Die alte Dame jedoch schläft nach der Prozedur gleich wieder ein.

Kurze Zeit später ein Aufschrei! Jemand ruft aufgeregt: »Gehen Sie doch ins Bett!« Ich mache das Licht an. Wieder die alte Dame aus der Mitte! Jetzt steht sie hinter dem Nachttisch ihrer Bettnachbarin und hat sich in die Kabel verwickelt, die sich dort befinden. Ein ungewollt komisches Bild. Sie weiß sich kaum zu entwirren, schlägt um sich, als ob sie nicht mit Kabeln, sondern mit Würgeschlangen kämpft. Bis ich es schaffe, aufzustehen, hat sie sich jedoch bereits selbst entfesselt.

»Wer soll ins Bett gehen?«, frage ich mit Blick in ihre Richtung. Sie deutet auf den langen Bademantel, der an der Wand hängt. »Im Dunkeln habe ich gedacht, da steht jemand«, antwortet sie verlegen. Doch dann beruhigt sie sich und legt sich wieder hin. Kurze himmlische Stille. Wenig später steigert sich das leise Schnarchen erneut in ohrenbetäubendes Sägen.

Plötzlich ein großes Gepolter: Die andere alte Dame ist scheinbar gestürzt. Wieder mache ich Licht und sehe entsetzt, wie sie reglos daliegt. Nur ein leises Wimmern ist zu hören. Durch Drücken des Notfall-Knopfes rufe ich die Schwestern, die sofort herbeieilen und sie aufrichten. Auch sie erholt sich schnell. Kaum auf ihrem Bett sitzend, verlangt sie schon lautstark ein Gitter für das Bett in der Mitte. Die Dame dort müsse zum Schutz aller eingesperrt werden. Schließlich habe diese den Kabelsalat verursacht und dabei wohl auch das Kabel mit dem Lichtschalter herausgerissen. Deshalb habe sie kein Licht machen können und sei prompt gestolpert. Eigentlich logisch, aber die Schwestern verstehen nicht. Wie auch: Sie haben den nächtlichen Kampf mit den »Würgeschlangen« ja nicht mitbekommen. In der Tat erschreckend: Im Alter droht das Bett wieder zu einem vergitterten Laufstall zu werden …

3. Juni

Es ist jetzt 3.30 Uhr nachts. Bis 6 Uhr kommt die Nachtschwester sage und schreibe weitere drei Male in unser Zimmer und fragt, ob ich jetzt schlafen kann …

Nach einer gefühlten Ewigkeit ist es endlich 7.30 Uhr. Erster Punkt der Tagesordnung: erneute Blutabnahme. Die erfahrene Helferin stöhnt: »Bei Ihnen ist das so schwierig.« Erst beim dritten Versuch klappt’s. Alles tut weh. Der Arm ist bereits von gestern Abend ganz blau.

Der Assistenzarzt (den ich als solchen gleich erkenne, weil er noch relativ jung ist) stellt sich vor: »Ich bin Ihr Stationsarzt.«

»Ich sollte doch nur über Nacht zur Beobachtung bleiben«, lautet mein kleinlauter Versuch, ihn sogleich zur Entlassung zu überreden. (Denn ich will nur noch eines: hier raus!) Der Stationsarzt kontert: »Sie müssen sich über die Schwere Ihrer Erkrankung im Klaren sein! Da ist ja nicht nur das Asthma bzw. die allergische Reaktion auf das Schmerzmittel, ein lebensbedrohlicher Anfall, da sind auch noch Ihre Bauchbeschwerden …« Ja, er hat Recht. Ich muss vernünftig sein. Es muss endlich etwas getan werden.

Beim Gang zur Toilette stelle ich fest: Die Putzfrau hat nicht wirklich sauber gemacht. Ich spüre erneut Brechreiz und schleppe mich zu einer anderen Toilette auf dem Flur. Kaum zurück, werde ich zu Fuß zum EKG geschickt. Ziemlich hilflos taumele ich durch die Gänge. Ich fühle mich immer noch sehr schwach. Aber keiner kümmert sich mehr darum. Im Warteraum zieht es wieder wie »Hechtsuppe«, wie meine Großmutter früher immer sagte. Aber ich harre aus und lasse noch einen bedauernswerten Mann im Rollstuhl vor. Dann werde ich zum EKG gerufen.

»Sie sind Frau Aidenberger?«, fragt ein mittelmäßig freundlicher Herr im weißen Kittel. (Seinen Namen erfahre ich jedoch nicht.) Meine Daten werden im Schnellverfahren aufgenommen. Das EKG selbst dauert nur eine Minute, schon überreicht mir der »mittelmäßige« Herr ein paar Blätter mit den Worten: »Hier sind Ihre Papiere, Frau Pflug!«

»Mein Name ist Aidenberger! Nicht, dass ich noch für eine Herz-OP eingeteilt werde, weil Sie die Unterlagen verwechseln.« »Keine Angst, so etwas passiert bei uns nicht. Deshalb habe ich ja nochmals nach Ihrem Namen gefragt.«

Hat er? Da muss ich wohl was verpasst haben.

Zurück im Zimmer nimmt eine Schwester ausführlich meine Allergien und Lebensmittel-Unverträglichkeiten auf: kein Fleisch, Fisch, Ei, Apfel, keine Mango, Kiwi …, vor allem kein Ei, sage ich wiederholt, also auch keine Saucen oder Salatdressings mit Ei usw.

Sie bedauert mich: »Sie können ja überhaupt kein Essen genießen.« Mittags bekomme ich deshalb wohl auch erst einmal gar nichts. Ich warte ab, weil ich denke, Sonderwünsche dauern eben länger. Aber nichts passiert. Dreimal spreche ich verschiedene Schwestern an. Ihre Blicke sagen mir: »Was willst du denn schon wieder? Lass mich in Ruhe.« Eine Stunde später erhalte ich einen ekligen kalten Rest vom Mittagessen: Chili con carne und Salat – mit eihaltigem Dressing. Was soll’s, denke ich mir, dann esse ich eben nicht. Mir ist sowieso noch schlecht. Doch ein Tee wäre jetzt gut. Da öffnet sich auch schon die Tür und eine Praktikantin bringt mir … einen Kaffee, der den Magen ja bekannterweise überhaupt nicht schont. Und was gibt es dazu? Natürlich ein Eier-Plätzchen.

Nachmittags tobt das Chaos weiter! Die beiden alten Damen streiten. Die eine will, dass die andere in ihrem Gitter-Bett »eingesperrt« wird, damit sie kein weiteres Unheil anrichtet. Beide sitzen kerzengerade, wie »aufgestochen«, auf ihren Matratzen. Die Dame vom Mittelbett beteuert, sie sei noch sehr klar im Kopf und lasse sich so etwas nicht bieten. Und sie hat Recht. Die Schwestern wollen mich als Zeugen hören. Ich nehme die Angeklagte in Schutz: »Sie hat sich nur im Dunkeln verlaufen und sich in den Kabeln verheddert. Das kann jedem passieren.«

Die andere Dame protestiert daraufhin noch lauter. »Wollen Sie mich hier umbringen? Frau Sch. ist eine Gefahr für uns alle. Wer weiß, was noch passiert!«

Die Schwestern wollen aber noch immer kein Gitter ans Bett machen – wegen der Freiheitsberaubung. Auch zu Recht. Die anklagende Dame tobt weiter.

»Machen Sie die Tür zu«, schreit sie den Schwestern schließlich hinterher.

Sie ist wegen einer verschleppten Lungenentzündung im Krankenhaus und muss sich eigentlich vor Zugluft schützen. Aber durch die Zimmer zieht es ständig – keine Chance, sich ausreichend zu schützen. Dazu kommt noch die Eiseskälte zwischen den beiden Schwerkranken …

Meine Eltern besuchen mich. Als sie am späten Nachmittag nach Hause gehen, begleite ich sie ein Stück über den Flur und suche bei der Gelegenheit erneut meine Ausweich-Toilette auf. Quasi schon auf halbem Weg, kommt mir der Gedanke, jetzt kurz nach meinem Onkel auf der urologischen Station sehen zu können. Wie so häufig während der letzten beiden Wochen, als ich noch relativ gesund war. Ich frage eine Schwester, ob etwas dagegen spricht. Sie verneint. So mache ich mich auf den Weg. Als ich das Zimmer meines Onkels betreten will, höre ich im Hintergrund jemanden sagen: »Jetzt müssen wir mal aufpassen. Es geht schon wieder jemand in die 35.«

Was soll das? Aber ich habe die Tür schon einen Spalt weit offen und sehe meinen Onkel, der mir zuwinkt. Nein, er winkt mir nicht zu, sondern gibt mir ein Stoppzeichen.

»Bei mir ist gerade eine ansteckende Infektion entdeckt worden«, ruft er. »Meine beiden Mitbewohner werden in andere Zimmer verlegt. Und hier dürfen nur noch Besucher in Schutzanzügen rein.«

»Was für eine Infektion?«

»Ich weiß nicht.«

Ratlos bleibe ich in der offenen Tür stehen.

Schon seit einer Woche geht es meinem Onkel zusehends schlechter. Er isst nicht, trinkt kaum, hat Fieber. Und das, obwohl nach der Krebs-Operation vor zwei Wochen alles ganz gut aussah. Die Ärzte hatten bisher immer nur beschwichtigt. Heute aber hatte sich der Chefarzt der Sache angenommen (der sonst ja fast nur für

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