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Meine Weltreise nach Indien: 1895-1896

Meine Weltreise nach Indien: 1895-1896

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Meine Weltreise nach Indien: 1895-1896

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3/5 (74 Bewertungen)
Länge:
454 Seiten
5 Stunden
Freigegeben:
1. Juli 2012
ISBN:
9783843800792
Format:
Buch

Beschreibung

Mark Twain konnte mit seinen Büchern ab dem Jahr 1863 den Grundstock für ein großes Vermögen legen. Seine erfolgreiche schriftstellerische Arbeit schien in einer nicht minder erfolgreichen verlegerischen Tätigkeit ihre Fortsetzung zu finden, verschaffte ihm doch die Biographie des Nordstaatengenerals und späteren amerikanischen Präsidenten Ulisses S. Grant für damalige Verhältnisse schier astronomische Gewinne. Gut 30 Jahre sollte diese Glückssträhne andauern, die Twain zu hohem Ansehen verhalf. Zum finanziellen Desaster kam es jedoch im Jahr 1894, als er große Teile seines Vermögens sowie das Erbe seiner Frau in neue, technisch unausgereifte Satzmaschinen investierte. Twain machte binnen kurzer Zeit bankrott. Um seine Schulden abzutragen, begab er sich im Jahr 1895 auf Weltreise - bot ihm doch das britische Empire die Möglichkeit, in zahlreichen Ländern der Erde aus seinen Werken zu rezitieren. Man schätzte und verehrte Twain nach wie vor sehr, so dass er für seine Leseabende recht hohe Honorare vereinbaren konnte. Über diese unruhige Reise reflektierte Twain in einem Buch, das den amerikanischen Titel "Following the Equator", also "Dem Äquator nach" trägt und das er nicht zuletzt aus finanziellen Gründen bereits 1897 herausbrachte. Das Werk ist ein Beweis für Twains kritischironische Beobachtungsgabe. Zugleich tritt er aber mit seinem charakteristischen Esprit dem Sosein von Gott und der Welt entgegen, um neben unzähligen witzigen Äußerungen mit Bonmots wie "Die Quelle des Humors ist nicht die Freude, sondern der Kummer" oder "Die Wahrheit ist das Kostbarste, was wir besitzen. Wir sollten also sparsam mit ihr umgehen" auch Einblicke in sein eigenes Seelenleben zu gewähren. In diesem Band werden Twains Reiseerlebnisse erstmals ungekürzt veröffentlicht.
Freigegeben:
1. Juli 2012
ISBN:
9783843800792
Format:
Buch

Über den Autor

Mark Twain, who was born Samuel L. Clemens in Missouri in 1835, wrote some of the most enduring works of literature in the English language, including The Adventures of Tom Sawyer and The Adventures of Huckleberry Finn. Personal Recollections of Joan of Arc was his last completed book—and, by his own estimate, his best. Its acquisition by Harper & Brothers allowed Twain to stave off bankruptcy. He died in 1910. 


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Buchvorschau

Meine Weltreise nach Indien - Mark Twain

Mark Twain,

eigentlich Samuel Langhorne Clemens (1835–1910), wuchs im amerikanischen Bundesstaat Missouri auf und verarbeitete die Eindrücke seiner Kindheit und Jugend in weltbekannten Werken wie „Auf dem Mississippi oder „Die Abenteuer des Huckleberry Finn. Später arbeitete er als Setzer, Autor, Reporter und Lotse und diente für kurze Zeit in der Armee der Südstaaten. Twain wurde als Satiriker und Humorist zu einer der markantesten Gestalten der Weltliteratur. Er starb am 21. April 1910 in Redding, Connecticut.

Dr. Detlef Brennecke

(Jahrgang 1944) war in seiner Jugend Filmschauspieler in Berlin, lehrte später als Professor für Skandinavistik in Frankfurt am Main nordische Geistesgeschichte und schweift heute noch durch die Toskana, um dort zu malen. Schon lange fasziniert ihn das Leben der Abenteurer und Entdecker. Daher nehmen unter seinen zahlreichen Büchern, die in etliche Sprachen übersetzt worden sind, die Biografien über Roald Amundsen, Sven Hedin und Fridtjof Nansen einen besonderen Platz ein.

Zum Buch

„Eine Weltreise in so kurzer Zeit schien mir eine schöne und große Tat, auf die ich mir heimlich nicht wenig einbildete."

Mark Twain

ls Mark Twain 1895 zu seiner Weltreise aufbrach, war er bereits ein gefeierter Dichter. Gut ein Jahr und zig Tausend Kilometer später hatte er die Welt gesehen und allerhand zu erzählen. Das Werk ist ein Beweis für Twains kritisch-ironische Beobachtungsgabe. Zugleich tritt er aber mit seinem charakteristischen Esprit dem Sosein von Gott und der Welt entgegen, um neben unzähligen witzigen Äußerungen mit Bonmots wie „Die Quelle des Humors ist nicht die Freude, sondern der Kummer oder „Die Wahrheit ist das Kostbarste, was wir besitzen. Wir sollten also sparsam mit ihr umgehen auch Einblicke in sein eigenes Seelenleben zu gewähren.

In diesem Band werden Twains Reiseerlebnisse - gewohnt humorvoll und scharfzüngig - erstmals ungekürzt veröffentlicht.

ark Twain konnte mit seinen Büchern ab dem Jahr 1863 den Grundstock für ein großes Vermögen legen.

Seine erfolgreiche schriftstellerische Arbeit schien in einer nicht minder erfolgreichen verlegerischen Tätigkeit ihre Fortsetzung zu finden, verschaffte ihm doch die Biographie des Nordstaatengenerals und späteren amerikanischen Präsidenten Ulisses S. Grant für damalige Verhältnisse schier astronomische Gewinne.

Gut 30 Jahre sollte diese Glückssträhne andauern, die Twain zu hohem Ansehen verhalf. Zum finanziellen Desaster kam es jedoch 1894, als er große Teile seines Vermögens in neue, technisch unausgereifte Setzmaschinen investierte. Twain machte binnen kurzer Zeit bankrott. Um seine Schulden abzutragen, begab er sich 1895 auf Weltreise - bot ihm doch das britische Empire die Möglichkeit, in zahlreichen Ländern der Erde aus seinen Werken zu rezitieren. Man verehrte Twain nach wie vor sehr, so dass er für seine Leseabende recht hohe Honorare vereinbaren konnte. Über diese unruhige Reise reflektierte Twain in seinem Buch, das den amerikanischen Titel „Following the Equator, also „Dem Äquator nach trägt.

ALTE ABENTEUERLICHE REISEBERICHTE

MARK TWAIN

MEINE WELTREISE

NACH INDIEN

Mit einem Vorwort von

Detlef Brennecke

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im

Internet über

https://dnb.d-nb.de abrufbar.

Es ist nicht gestattet, Abbildungen und Texte dieses Buches zu scannen, in PCs oder auf CDs zu speichern oder mit Computern zu verändern oder einzeln oder zusammen mit anderen Bildvorlagen zu manipulieren, es sei denn mit schriftlicher Genehmigung des Verlages.

Alle Rechte vorbehalten

Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2012

Der Text wurde behutsam aktualisiert, ergänzt und revidiert

nach der Edition Erdmann Ausgabe Lenningen 2003

Lektorat: Dr. Lars Hoffmann, Mainz

Covergestaltung: Nicole Ehlers, marixverlag GmbH,

nach der Gestaltung von Nele Schütz Design, München

Bildnachweis: akg-images GmbH, Berlin

eBook- Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main

ISBN: 978-3-8438-0079-2

www.marixverlag.de

INHALT

Vorwort von Detlef Brennecke

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebentes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

Siebzehntes Kapitel

Achtzehntes Kapitel

Neunzehntes Kapitel

Zwanzigstes Kapitel

Einundzwanzigstes Kapitel

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Vierundzwanzigstes Kapitel

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Achtundzwanzigstes Kapitel

Neunundzwanzigstes Kapitel

Dreißigstes Kapitel

Einunddreißigstes Kapitel

Zweiunddreißigstes Kapitel

Dreiunddreißigstes Kapitel

Vierunddreißigstes Kapitel

Fünfunddreißigstes Kapitel

Sechsunddreißigstes Kapitel

Siebenunddreißigstes Kapitel

Achtunddreißigstes Kapitel

Weiterführende Literatur

Lebensdaten

Reisedaten

VORWORT VON DETLEF BRENNECKE

»Hätte ich die Wahl, ich segelte endlos weiter …«

Der Globetrotter Mark Twain

»I simply state a fact.« Mark Twain in einem Interview

mit dem Melbourne Argus vom 17. September 1895

Der Schriftsteller, von dem nun die Rede sein wird, liebte es, Reiseberichte zu parodieren.

So veröffentlichte er 1875 Einige gelehrte Fabeln für gute alte Knaben und Mädchen – eine Tierdichtung, in der er erzählte, wie die Bewohner des Waldes, die Heuschrecken und Schildkröten, die Eidechsen und Ameisen, die Wühlmäuse und Kuckucke, unter dem Applaus ihrer Artgenossen ausgezogen waren, »um die Wahrheit all dessen zu bestätigen, was an ihren Schulen und Universitäten bereits gelehrt wurde, und ferner, um neue Entdeckungen zu machen«. Es sollte auch nicht lange dauern, bis die Schar, in der vom Zweibeiner zum Tausendfüßler jedermann vertreten war, auf eine Reihe von mysteriösen Phänomenen stieß (dass es sich dabei um einen Schienenstrang, ein Dampfross und eine Neige Whisky handelte, hat der Leser schnell durchschaut!) und begann, das Gesehene zu deuten: als verdinglichte Breitenkreise der Erde, als den Durchlauf der Venus und als geistumwölkenden Sternentau. In einem Scientific Report erklärten die Forscher nach ihrer Rückkehr ins Gehölz alle Rätsel der Welt für gelöst, worauf die Menge diese Großtat feierte. »Natürlich gab es gemeine, unwissende Nörgler, deren es immer gibt und immer geben wird; und natürlich gehörte der obszöne Mistkäfer zu ihnen. Er sagte, alles, was er auf seinen Reisen gelernt habe, sei, dass die Wissenschaft nur einen Löffel voll Voraussetzungen benötige, um daraus einen Berg bewiesener Tatsachen zu bauen, und dass er für die Zukunft gedenke, sich mit dem Wissen zu begnügen, womit die Natur alle Geschöpfe bedacht hat, und seine Nase nicht in die erhabenen Geheimnisse der Gottheit zu stecken.«

Und die Moral von der Geschicht’? Trau niemals fremder Meinung nicht … sondern dem eigenen Urteilsvermögen, wenn du so willst: dem eigenen Mistkäferverstand!

Mit dessen Argwohn bezweifelt der Verfasser, ob uns all die Vorkämpfer, Bahnbrecher und Wegbereiter trotz des von ihnen betriebenen Aufwands an Mensch und Material zu vermitteln wussten, was sich jenseits unseres Horizonts realiter befand. Lohnte ihr Einsatz den behaupteten Gewinn? Oder unterstützte er vielmehr einen schnöden Egotrip? War infolgedessen ihr Reisen- und-Berichten bloß Humbug, Effekthascherei?

Dieser Mutmaßung gemäß schilderte der Verfasser in einer Erinnerung an seinen Bummel durch Europa (1880), wie er nach der Lektüre einer Dokumentation über die Erstbesteigung des Matterhorns im Jahre 1865 durch den Engländer Edward Whymper nun seinerseits den Riffelberg bei Zermatt angehen wollte. »Die Expedition umfasste 198 Personen einschließlich der Maultiere [sic!] oder 205 einschließlich der Kühe.« Sodann folgte eine Aufzählung der leitenden und untergebenen Teilnehmer (mitgerechnet Grob- und Feinwäscherinnen) sowie der Vorräte und Ausrüstungsteile (inbegriffen 143 Krücken).

Der Tross war bestens gerüstet. Und so konnte er sich in der beachtlichen Länge von 936 Metern unter den staunenden Blicken der Bürger von Zermatt, die dergleichen noch nie gesehen hatten, südwärts auf das Monte-Rosa-Massiv zubewegen: Der Riffelberg rief! Nicht, wie der Baedeker informierte, zu einem Ausflug von drei wonniglichen Stunden, sondern zu einem der längsten und gefährlichsten, aber ertragreichsten Feldzüge auf dem Gebiet der Erdkunde.

Es war alles dabei: die Bangigkeit im nicht vertrauten Terrain, das Irrewerden am rechten Kurs, die Hoffnung auf die Ankunft von Entsatzmannschaften (notabene: eines der Lieblingssujets unseres Dichters aus der explorativen Literatur), die Meuterei der kopflosen Mannschaft – doch vor allem: das pausenlose Datensammeln! Zwar vertraut mit den Prinzipien barometrischer Niveaudetermination und irgendwie auch in Kenntnis der Regel von der Siedepunktserniedrigung, wonach Wasser in der Höhe bei geringerer Temperatur kocht als in der Ebene, schmiss der Chef in seiner Anspannung alles durcheinander: Das Quecksilber-Thermometer landete im Kessel bei der Bohnensuppe, veränderte zunächst deren Geschmack und ergab dann eine Altitude von 70 000 Metern über null – was enorm war. Dies umso mehr, als sich beim Abgleich der Notizen herausstellte, dass der Gipfel des nach etlichen Tagen endlich erreichten Riffelbergs unterhalb der vorher von der Kavalkade überschrittenen Matten lag. Welch ein Triumph für die geographische Physik! Ein alles Vorherige über den Haufen werfendes Gesetz ward gefunden und der Nachwelt in Kursivdruck zu Nutz und Frommen mitgeteilt: »Je höher oberhalb eines bestimmten Punktes ein Punkt zu liegen scheint, desto tiefer liegt er in Wirklichkeit

Die Erstürmung des Riffelbergs, diese Hanswurstiade nach dem Motto »Wer’s glaubt, wird selig«, ist ein Kabinettstück, das zeigt, wie vertraut der Schreiber mit der Gattung der Reiseliteratur – sei sie touristischer, sei sie akademischer Provenienz – war. Wer das Œuvre des Mannes studiert, stößt nicht selten auf Bemerkungen über die Suche nach den Quellen des Nils oder nach der Nordwestpassage, mehrfach wird er an John Franklin erinnert … oder an David Livingstone.

Bei einem Dinner im Whitefriar’s Club in London gab sich der Autor 1886 zum Entzücken seiner Zuhörer als Retter jenes Verschollenen aus und korrigierte damit die Fama vom Treffen zwischen Livingstone und Stanley bei Udjidji am 28. Oktober 1871: »Als ich ihn sah, hatte er gerade seinen letzten Elefanten verspeist; und nun seufzte er: ›Weiß der Geier, woher ich einen neuen kriege.‹ Er hatte nichts mehr anzuziehen außer seinem stattlichen Matrosenanzug und nichts mehr zu beißen außer seinem Tagebuch. Da tröstete ich ihn: ›It’s all right. Ich habe Sie jetzt aufgestöbert, und gleich, mit dem Vier-Uhr-Zug, wird auch Stanley eintrudeln, um Sie offiziell zu erlösen. Und sobald er da ist, machen wir einen drauf.‹«

Keine Frage: Der hier sprach, untergrub jedes Pathos. Er hielt nichts von Brimborium und misstraute Berichten, die er nicht überprüfen konnte – hießen deren Urheber auch Stanley oder Baedeker. Er war ein Skeptiker und in seiner ironischen Attitüde kaum greifbar. Das fing bei seinem Namen schon an.

Gesetzt den Fall, wir wären ihm je begegnet, bei Udjidji, auf dem Riffelberg oder im Wald – wie hätten wir ihn anreden sollen? »Mr Twain, I presume«? »Mr Clemens, I presume«?

Samuel Langhorne Clemens hatte am 30. November 1835 in der Siedlung Florida im amerikanischen Bundesstaat Missouri das Licht der Welt erblickt. Die lose Ansammlung von Blockhütten auf einer Böschung neben dem Salt River befand sich ein paar Tagesreisen nordwestlich von St. Louis und zählte hundert Seelen. Seine Mutter, Jane, eine geborene Lampton, galt als exzentrische Kentucky belle, die ihren Stammbaum mir nichts, dir nichts mit dem der englischen Earls of Durham verzweigte (einer von ihnen sollte demnächst als Generalgouverneur in Kanada Furore machen). Vier Kinder hatte sie ihrem Gatten schon geschenkt, dem Settler John Marshall Clemens aus Virginia, der auf keine gleichwertige Herkunft zurückschauen konnte. Oder doch? Als sein kürzlich getaufter Sohn längst ein berühmter Schriftsteller war, wies der in seinem Roman Der Querkopf Wilson 1894 darauf hin, dass die Leute nie anders als mit Ehrfurcht vom »Alten Virginien« gesprochen hätten: »Jeder, der von dort entspross, wurde in Missouri als ein höheres Wesen betrachtet.« Immerhin hatte Virginia neben Massachusetts die Unabhängigkeitsbewegung angeführt.

Aus dem elterlichen Dualismus von Liebe zum Hier und Stolz auf das Dort, von Hochadel und niederem Volk formten sich in Samuel Clemens – niemand nahm mehr das absonderliche »Langhorne« in den Mund – zwei antriebsstarke Eigenschaften: Ambition und Mobilität. Und beide wurden noch gefestigt, als der Vater auf der Suche nach lohnenderer Tätigkeit 1839 mit den Seinen von Florida nach Hannibal, Missouri, zog. Die Kleinstadt lag am rechten Ufer des Mississippi, am Holidayes Hill, wo die Raddampfer täglich auf ihrer Tour stromaufwärts und stromabwärts je einmal am Kai ihre Ladung umschlugen: Da löschten sie Kurzweil und bunkerten Fernweh.

Hannibal, Missouri, die Heimatstadt Mark

Twains an den Ufern des Mississippi

Viele Dichter haben ›ihren‹ Ort. Und so wurde, wie sich später Dublin mit James Joyce verband, Prag mit Franz Kafka und Algier mit Albert Camus, der Flecken Hannibal, Missouri, zum Fluchtpunkt von Samuel Clemens.

Der Vater hatte hier eine Kaufhalle eröffnet, die en gros et en détail zwar nur spärliche Einkünfte abwarf. Aber er konnte im Rückgriff darauf zumindest die begabtesten seiner Kinder zur Schule schicken. Seither wuchs Sam im Wechsel von Unterricht und »Daaampfer kooomt!« und Herumstrolcherei in eine scheinbar heile Welt hinein. Einzig Jenny und Ned, die Sklaven und selbstverständlichen Hausgenossen an der Hill Street, erzeugten zuweilen mit ihren Gute-Nacht-Geschichten ein Gruseln; aber das machte Hannibal nur noch heimeliger. Nie würde Sam jene Männer vergessen, die, »ihre Stühle mit den Flechtsitzen nach hinten gegen die Mauer gekippt, das Kinn auf der Brust, den Hut übers Gesicht geschoben«, in der Wärme eines Sommermorgens gemütlich vor sich hin dösten: Immer blieben sie die Wächter seiner sonnigen Vergangenheit!

Diese verklärte sich umso mehr, als John Marshall Clemens 1847 starb und die Familie über Nacht ihren Ernährer verlor. Seine Witwe war von nun an gezwungen, jeden Cent zwei- und dreimal umzudrehen; und notgedrungen musste sie auch ihren Zwölfjährigen zum Geldverdienen bestimmen. Er konnte sich gut ausdrücken und verfügte über eine saubere Handschrift, weshalb sie seine Zukunft mit dem Stichwort »Zeitung« in Verbindung brachte. Kurzum –: Er wurde Laufbursche bei der Gazette in Hannibal. Eine Karriere vom Tellerwäscher zum Millionär sollte es nicht werden, wohl aber die vom Boten zum Bestsellerautor … und ein langer, verschlungener Weg!

Bereits nach wenigen Wochen wechselte Samuel Clemens zum Missouri Courier, der ebenfalls in Hannibal herauskam; dort machte er – die Laufbahn nahm ihren Anfang – nunmehr eine Druckerlehre. Doch nachdem sein älterer Bruder Orion das Journal, ein Konkurrenzblatt des Courier, gekauft hatte, folgte Sam ihm in dessen Setzerei. Jedoch durfte er gelegentlich einen Beitrag – der Werdegang setzte sich fort – für den Unterhaltungsteil liefern. Der erste, der gut nachweisbar ist, weil er das Kürzel »S. L. C.« trug, erschien am 1. Mai 1852 und hatte die Überschrift The Dandy Frightening the Squatter (»Wie der Dandy den Siedler erschreckte«): eine harmlose Fingerübung über eine steamboat-Prügelei, inklusive »Mann-über-Bord!«.

Wer sich hinreißen lässt, in diesem kleinen Text nach Spuren des ausgereiften Schriftstellers zu suchen, der wird auf den ersten Blick dessen Vertrautheit mit dem Milieu des Old Man River erkennen sowie die Fähigkeit, dem Volk aufs Maul zu schauen: beides typisch für seine weitere Arbeit. So ließ er rasch das Druckerhandwerk fahren, um sich aufs Schreiben zu konzentrieren, ach was: zu werfen, noch mehr: zu stürzen! Er verfasste Glossen, Feuilletons und Short Storys, ging mal als Freelancer, mal als Redakteur nach St. Louis, New York, Philadelphia, nach Muscatine, Iowa, und Washington, D. C., wieder nach Muscatine und St. Louis, dann nach Keokuk, Iowa, abermals nach St. Louis; später nach Chicago und Ende 1856 nach Cincinnati. Als er sich jedoch im April 1857 aus einer Laune heraus zum Koka-Pflücken am Amazonas zunächst nach New Orleans eingeschifft hatte, traf er an Bord der »Paul Jones« den Mississippi-Lotsen Horace Bixby, der ihn für diesen Job begeisterte. Da beschloss der rasende Reporter – oder Erntehelfer – spontan, Lotse zu werden. War es ein Karriereknick?

Mitnichten! Denn was Samuel Clemens in den nächsten vier Jahren erfuhr, gab ihm das Rüstzeug für seinen Autorenberuf – und bald ein Markenzeichen: den selbst gewählten Namen.

Als er sich 1883 in seinem Buch Leben auf dem Mississippi an die Zeit auf dem Fluss erinnerte, schrieb er: »Mit welcher Geringschätzung wurde früher ein Lotse angesehen, der es jemals wagte, den schwächlichen Ausdruck ›Ich glaube‹ anstelle des starken ›Ich weiß‹ zu verwenden. Man kann sich kaum vorstellen, welche ungeheure Anstrengung es kostet, jede geringfügige Einzelheit von zwölfhundert Meilen Stromverlauf zu kennen, und das mit absoluter Genauigkeit. Der Leser nehme die längste Straße von New York, fahre sie auf und ab und studiere geduldig alle ihre Merkmale, bis er jedes Haus, jedes Fenster, jede Straßenlaterne und jedes große oder kleine Schild auswendig kennt, so genau, dass er augenblicklich angeben kann, vor welchem er sich befindet, falls ihn jemand mitten in einer stockfinsteren Nacht auf dieser Straße absetzt – das gibt ihm eine ungefähre Vorstellung vom Umfang und der Genauigkeit des Wissens eines Lotsen, der den Mississippi sozusagen im Kopf mit sich herumträgt. Und wenn der Leser dann noch weiterlernt, bis er jede Straßenkreuzung, die Beschaffenheit, Größe und Lage aller Trittsteine an den Straßenübergängen sowie die unterschiedliche Tiefe des Schlamms an jedem dieser zahllosen Orte kennt, hat er eine Ahnung von dem, was der Lotse wissen muss, um einen Mississippi-Dampfer vor Unheil zu bewahren. Danach nehme der Leser die Hälfte aller Schilder dieser Straße und bringe sie jeden Monat einmal woanders an, und wenn er dann in dunklen Nächten immer noch genau ihren neuen Platz kennt und diese ständigen Veränderungen im Kopf behält, ohne sich zu irren, dann wird er verstehen, welche Anforderungen der launische Mississippi an das unvergleichliche Gedächtnis eines Lotsen stellt.«

Es war diese Schulung, dieses Ständig-mit-der-Nase-auf-Tatsachen-Stoßen, das Samuel Clemens seine Umgebung fortan nicht anders als mit dem Blick des Lotsen beäugen ließ: auf Fakten bedacht, nicht aufs Wähnen oder Glaubenmachen.

Am 9. April 1859 erwarb er sein Lotsenpatent. Und wer weiß, was aus ihm geworden wäre, wenn nicht der Ausbruch des Bürgerkriegs die Schifffahrt auf dem Mississippi lahm gelegt und Samuel Clemens damit arbeitslos gemacht hätte. So schloss er sich aus Geldnot, nicht zur Sklavenhalterrechtfertigung, einer Miliz der Südstaaten an, erkannte, dass er sein Leben für die falsche Sache aufs Spiel setzte … desertierte und kehrte zu seiner Familie zurück, genauer gesagt: Er fuhr mit seinem Bruder Orion, der unterdessen in Carson City, Nevada, eine Arbeit gefunden hatte, nach Westen. Ein Mr. Harris, der sie gerade in der Bretterstadt begrüßen wollte, unterbrach seine Rede, um eben mal eine Schießerei zu beginnen – und fiel ihr zum Opfer. »Mr. Harris ritt, uns höflich zunickend, ab nach Hause, mit einer Kugel in der Lunge und mehreren Löchern in der Hüfte, aus denen kleine Rinnsale von Blut hervorsickerten und dem Pferd an den Seiten herunterliefen, was dem Tier ein recht malerisches Aussehen gab.«

In gewissem Maße passte sich Samuel Clemens den Sitten und Gebräuchen seiner neuen Heimat an, indem er dem Silberfieber verfiel und unter die Miner ging. »Einwandfrei, das war der Weg zum Reichtum.« Welch ein Segen für die Weltliteratur, dass der sich in einer Richtung verlor, in welcher der Lotse a. D. und Autor in spe gerade nicht im Erdreich wühlte!

Der Brief an die Herausgeber der Zeitschrift Golden Era aus

dem Jahr 1863 enthält einen der ersten handschriftlichen Belege

für Samuel L. Clemens’ Pseudonym »Mark Twain«

Zu guter Letzt besann er sich wie der sprichwörtliche Schuster auf seine Leisten und ließ sich 1862 in Virginia City, Nevada, nieder, der »lebhaftesten Stadt, die Amerika je hervorgebracht hatte«. Dort trat er in die Redaktion des Territorial Enterprise ein, vor dessen Räumen die Luft kaum minder bleihaltig war als in Carson City. Ein Paradies für die Revolverpresse! Darum zögerte Samuel Clemens auch nicht, die Randnotiz über eine Reise durch das Indianerterritorium zu einem Aufmacher über ein Gemetzel auszuweiten, das »bis heute noch keine Parallele in der Geschichte gefunden hat«.

Bei einem derart freizügigen Umgang mit der Wirklichkeit empfahl sich die Anwendung eines Feuerschutz gewährenden Pseudonyms. Und so griff Samuel Clemens den Ruf der Lotsen auf, mit dem sie ihren Schiffsführern bekannt gaben, dass ihr Boot an einer gefährlichen Untiefe vorbeischrammte: »Mark Twain!« Zwei Faden Wasser hatten sie da unterm Rumpf, genug, um volle Fahrt aufzunehmen: »Mark Twain!«

Seit der nom de guerre am 3. Februar 1863 im Territorial Enterprise zum ersten Mal im Druck erschienen war¹, wurde er im Handumdrehen zu einem Gütesiegel, zur Signatur eines Schreibers, an dessen Geschichten sich das Publikum nicht satt lesen, satt schmunzeln, satt lachen konnte: »Mark Twain«!

»Mark Twain« stand für köstliche Unterhaltung. Davon wurde schließlich, am 18. November 1865, auch die gesamte Nation überzeugt. Unter diesem Datum nämlich veröffentlichte die New York Saturday Press eine Story »by Mark Twain«, die uns Heutigen nur mehr ein mattes Lächeln und gnädiges »Na ja …« abringt, anno dazumal jedoch zu landesweitem Schenkelklopfen führte. Sie wurde from coast to coast nachgedruckt und zwei Jahre später zur Titelgeschichte von Mark Twains erstem Buch: Jim Smiley and His Jumping Frog, oder: Der berühmte Springfrosch von Calaveras County.

Der Stoff war beileibe nicht neu, er hatte in Kalifornien schon seit langem die Runde gemacht; freilich nicht in der durchkomponierten und nach dem Dandy-and-Squatter-Schema von 1852 auf den Punkt gebrachten Gestaltung von Mark Twain. Es ging um einen Simpel, der Wetten auf die Weitsprungfähigkeit seines Frosches abzuschließen und zu gewinnen pflegt, aber eines schönen Tages an einem gestelzt daherkommenden, doch gewitzt agierenden Halunken scheitert, der dem Vieh heimlich einen Löffel Schrot in den Schlund gestopft hatte.

Obwohl Mark Twain nie sonderlich stolz auf diese, wie er sie nannte, »hundsgemeine Dorfdepp-Posse« war, wurde sie entscheidend für sein weiteres Leben, weil sie ihn mit einem Schlag in der Öffentlichkeit als Autor etablierte. »Es ist«, heißt es an einer Stelle in den Memoiren von Tennessee Williams (1972) in schierer Selbstverständlichkeit, »wie mit dem springenden Frosch von Calaveras County, Sie wissen schon, diese Geschichte von Mark Twain.« (Ganz zu schweigen von dem Long-jump-Wettbewerb der Ochsenfrösche, der bis heute alljährlich im Gedenken an diese Geschichte in Angels Camp, Kalifornien, veranstaltet wird!)

Seit dem 18. November 1865 war Mark Twain mit seiner klaren Sprache, seinem trockenen Witz und seinem gesunden Mistkäferverstand der amerikanische Volksschriftsteller schlechthin.

Und er nutzte seine Popularität! Nach einer Reise zu den Sandwich Islands (= Hawaii) begann er, auf Tournee zu gehen und – stets aus dem Stegreif – seine Schnurren und Schwänke in Roadshows zu präsentieren. Mag sein als »Bühnenclown«, als den ihn sein Biograph Thomas Ayck denunzierte. Doch das tat der Sache keinen Abbruch: Manchmal kassierte er 1 000 Dollar pro Abend. Und die sah er als Lohn für die Monate an, da er in den Gruben von Nevada Erzählstoffe geschürft hatte.

So berühmt war er, dass ihn der Daily Alta California aus San Francisco 1867 als »special travelling correspondent« auf eine Reise ins Mittelmeer und in den Nahen Osten schickte. Das Buch, das daraufhin entstand, Die Arglosen im Ausland (1869), verschaffte Mark Twain aufgrund seiner zahlreichen Übersetzungen nun auch internationale Reputation.

Es war ein Anti-Guide-Book. Kapitel für Kapitel enthält es hinreißende Schilderungen der besuchten Gegenden, Städte und Plätze, doch immer wieder wird die Aura des Bestrickenden von einem mokanten Soupçon unterbrochen und aufgelöst: »An dem Abend, als wir von Gibraltar abfuhren, schwebte dieser schroffe Felsen in einem milchigen Dunst, der so voll, so mild, so zauberhaft verschwommen und traumhaft war, dass sogar Mr. Orakel, dieser unbefangene, dieser begnadete, dieser überwältigende Angeber, den Essensgong nicht beachtete und andächtig verweilte! – Er sagte: ›Also, das ist doch prachtvoll, was? Solche Dinger gibt es in unserer Gegend nicht, oder? Ich bin der Ansicht, dass diese Effekte auf der überlegenen Refragilität, wie man sagen könnte, der diramischen Kombination der Sonne mit den lymphatischen Kräften im Perihelion des Jupiter beruhen. Was denken Sie darüber?‹«

Wogegen sich die Wiedergabe solcher Szenen richtete, war das Gehabe von Touristen, die sich und ihren Zuhörern durch verquastes Gerede das ihnen eigentlich Fremde anverwandeln wollten. Da Mark Twain meinte, derlei Phrasendrescherei auch in den einschlägigen Reiseführern zu finden – er zitierte sie unablässig –, wollte er mit den Arglosen im Ausland zum sachlichen Schauen anleiten: Gleichgültig, ob Napoleon III. in seinem Trachten, es dem unsterblichen Oheim nachzutun, »eine Zielscheibe des mitleidlosen Spottes der ganzen Welt« bot: Die Parade zu seinen Ehren am Arc de Triomphe war ein grandioses Spektakel. Und was gab es für die Leute an dem weitgehend verrotteten Abendmahl (1495–1498) Leonardo da Vincis in Mailand zu bewundern: »Wie können sie sehen, was nicht zu sehen ist?«. Und dann, der Gipfel aller Faxen, die Wallfahrt zur Letzten Ruhestätte Adams in Jerusalem! Die gebotene Andacht ließ sich schwerlich anders als in Ironie aufbringen: »Wie rührend war es, hier in einem Land von Fremden, weit entfernt von der Heimat und den Freunden und allen, die sich aus mir etwas machten, auf diese Weise das Grab eines Blutsverwandten zu entdecken. Gewiss, zwar ein entfernter, aber doch immerhin ein Verwandter.« Grüß dich!

Der Autor bei der Arbeit an Die Arglosen im Ausland

Zweifellos ließ sich gegen die Entweihung geheiligter Plätze und Gemeinplätze einwenden, dass dabei die Kultur mit der Rage in einem allzu großen Schwunge ausgeschüttet wurde. So reflektierte der Literaturkritiker Henry Harland, nachdem er das Buch viele Jahre später nochmals in die Hand genommen hatte, im London Daily Chronicle vom 11. Dezember 1899 seine Eindrücke: »Beim Wiederlesen der Arglosen im Ausland kann man, wie ich meine, nicht anders denn bestürzt sein über die Vulgarität, die einem aus diesem Buch entgegenschlägt, über die Ungebildetheit, die Ignoranz und Inakkuratesse, die Borniertheit und den Provinzialismus und vor allem über diese permanente, diese kolossale Respektlosigkeit.«

Aber lehrte Mark Twain nicht stattdessen auf erheiternde Weise den nüchternen Lotsenblick, die reine Sicht des Kindes aus dem Märchen Des Kaisers neue Kleider (1837) von dem dänischen Dichter Hans Christian Andersen (den Mark Twain sehr schätzte): dass nichts ist, wo nichts ist? Henry Harland kam in seiner Rezension zu einem ähnlichen Schluss: »Was Mark Twain nicht sehen kann, das kann er beim besten Willen nicht sehen, er kann es nicht glauben, buchstäblich nicht ›in Betracht‹ ziehen; du und ich, wir sind Heuchler (oder Irre), wenn wir behaupten, es zu sehen. Nur, was er dann sieht, das sieht er mit den wachen Augen des Barbaren, einen Menschen, für den die Alte Welt neu ist.«

Das Buch wurde ein Erfolg sondergleichen. In den ersten sechs Monaten nach seinem Erscheinen waren 30 000 Exemplare verkauft, und bis zur Jahrhundertwende – zur selben Zeit, als Harlands Artikel erschien – mehr als eine Million. Durch Die Arglosen im Ausland wurde Mark Twain wohlhabend. Und niemand wird seinen Ruf schädigen, der unterstellt, dass dieser Durchbruch mit einer Doppelstrategie erkämpft worden war: Zum einen befriedigte der Autor jene Leser, die sich an seiner erfrischenden Darstellung erfreuten; zum anderen aber auch jene, denen seine Schienbeintreterei ein diebisches Vergnügen machte: die Banausen.

Mark Twain (1868)

Mit von der Partie der »Arglosen« war ein junger Mann gewesen, Charley Langdon, Sohn eines reichen Minenbesitzers und Kohlengroßhändlers aus Elmira, New York State. Der hatte Mark Twain 1867, eines Abends in Smyrna, in der bekannten Wollen-Sie-mal-einige-Bilder-von-meiner-Familie-sehen-Manier ein Porträt seiner Schwester gezeigt. Und in dieses Bildnis so bezaubernd schön verliebte sich Mark Twain augenblicklich… To make a love story short: Am 2. Februar 1870 fand die Hochzeit von Olivia Langdon und Samuel Langhorne Clemens statt, er 35, sie 25.

Anfangs wohnten die beiden in Buffalo, New York State, wo auch ihr erstes Kind geboren wurde, der Sohn Langdon (der mit 18 Monaten starb); dann aber, 1871, zogen sie nach Hartford, Connecticut, und hier kam im Jahr darauf die Tochter Olivia Susan zur Welt. Die Stadt beherbergte zudem Mark Twains Verlag, die American Publishing Company, die seit Monaten auf ein follow-up zu den Arglosen drängte.

Und wirklich, 1872, legte er abermals ein Reisebuch vor – nicht über ferne Länder, sondern über den Westen der USA, in dem er weiland ein paar Lehr- und Wanderjahre verbracht hatte. Es war eine Prosa voller Stage-coach- und Camp-fire-Flair, in dem mitunter zudem die Colts von Cowboys und von Trappern rauchten: nichts Feingewebtes wie Die Arglosen im Ausland, sondern etwas Grobgestricktes für die Handfesten im Inland. Dabei nach wie vor gut für flachsende Aufklärung, denn: »Das Belehrende scheint mir von Natur aus so aus den Poren zu schwitzen wie den Kamelen der Kamelienduft.«

Mark Twain genoss seinen Ruhm, seinen Wohlstand und sein Familienleben. 1874 wurde die Tochter Clara geboren, gerade, als Mr. und Mrs. Clemens in Hartford ein nach eigenen Plänen gebautes Haus bezogen hatten. Es besaß 20 Zimmer und fünf Bäder und war nach Angaben der örtlichen Times »eines der merkwürdigsten Bauwerke« in New England: ein Mittelding zwischen Draculas Karpatenschloss und der Villa Kunterbunt. Von hier aus unternahm Mark Twain regelmäßig Trips nach Europa. Darunter auch jenen vom April 1878 bis zum September 1879, der seinen Bummel durch Europa (1880) inspirierte: ein Reisebuch, doch kein -bericht.

Mark Twain, der immer wieder versicherte, »von Kunst keine Ahnung« zu haben, schmückte seinen Bummel durch Europa mit allerlei Zeichnungen. Zu der hier abgebildeten, die seine Abreise aus Heilbronn im Sommer 1878 illustriert (1. Buch, Kapitel 14), bemerkte er: »Es soll kein Werk sein, sondern nur das, was wir Maler eine ›Skizze‹ nennen – nach ihr wird dann das richtige Bild gemalt.« Angesichts der Qualität des Entwurfs klingt die Erläuterung wie eine Warnung.

Denn im Gegensatz zu den Arglosen im Ausland, wo Mark Twains Komik verhalten und hintergründig war, hatte er im Bummel durch Europa Scherz, Satire, Ironie ohne tiefere Bedeutung die Zügel schießen lassen. Es ist eine seichte Witzelei, die keinerlei Aufklärung bewirkt, sondern purer Selbstzweck bleibt. Mr. Harris, der tumbe Begleiter mit dem Namen des lachhaften Revolverhelden aus Carson City, agiert als Knallcharge, und das angeblich Erlebte – vieles ist glatt weg erfunden – fungiert als Folie für eine Alberei, die etwas Zwanghaftes annimmt: Einfälle wie die Persiflage auf das Entdeckertum werden über 40 eng bedruckte Seiten ausgewalzt, und die Flausen, sich als Kunstmaler aufzuführen oder kauzige Sagen zu erfinden, schlaffen spätestens nach der dritten Wiederholung von Runninggags zu lahmen Späßchen ab. In summa: Statt die Vermittlung von Fremdem im Auge zu haben, diente das Ganze auf Kosten der Europäer offenkundig der Anbiederung an das (notabene: zahlende) Publikum in den USA – was beim Abschied von Europa expressis verbis auch zum Ausdruck kommt: »Ich war froh, dass es wieder nach Hause ging – unermesslich froh – ja, es schien mir unmöglich, dass mich jemals irgendetwas dazu bringen könne, das Land noch einmal zu verlassen. Kein Vergnügen, das ich drüben genossen hatte, schien mir der Freude vergleichbar, die ich verspürte, als ich den New Yorker Hafen wiedersah.«

Der da am 3. September 1879 die Gangway hinunterstieg, hatte sich schon seit langem als ›Heimatdichter‹ ausgewiesen, als ein Autor, der mit demselben Lotsenblick, mit dem er das Geschehen um Die Arglosen im Ausland beobachtet hatte, die Vorgänge im eigenen Lande verfolgte.

Denn dass sich diese Sicht nicht auf lokale Komödien (oder Tragödien) in Carson City oder Calaveras County beschränkte, war bereits zutage getreten, als Mark Twain gemeinsam mit einem seiner Miteinwohner von Hartford, dem Zeitungsverleger und Schriftstellerkollegen Charles Dudley Warner, 1874 ein Buch veröffentlicht hatte, Das vergoldete Zeitalter. Es ist »eine Geschichte von heute« um Korruption und Spekulation, um Lug und Trug und Staats- und Liebesaffären, und hielt den Landsleuten der beiden Urheber einen Spiegel vor, der die Missstände der aufstrebenden Zeit nach

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Rezensionen

Was die anderen über Meine Weltreise nach Indien denken

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Leser-Rezensionen

  • (4/5)
    Of Twain's book length works, this is the most obviously anti-imperialist, but it is also funny. Enlightening and entertaining.
  • (4/5)
    Hawaii, Fiji, New Zealand, Australia and India are all wonderfully described, as well as the platypus! The parts about "recruiting" (slave-catching) are especially powerful! Twain is clearly anti-slavery, anti-politician, and pro woman's suffrage! And his points about education toward the end seem right on for today as well as when he wrote! I wasn't crazy about the chapters on South Africa, but this is one heck of a book!
  • (4/5)
    In the early 1900s, Mark Twain took a journey around the equator, visiting various countries and lecturing there. This is somewhat of his journal, but is mostly composed of his thoughts after the journey .It is interesting to read of the countries, and I found the opinions of Twain to be remarkably modern. For any who have called him a racist, I think they should read this book before they decide. His remarks are biting and sharp on the subject. Where he may be misunderstood is his habit of over-exaggerating an opinion to make a the opposite point. I found most of his writings about the islands in the Pacific, Australia and India to be interesting, and in fact learned much about India I had not known before. I found myself frequently looking things up thinking he was making up stories, but sure enough, it was true! The part on South Africa dragged for me, I did a lot of skimming there. This book is not as bitter and dark as some of his other writings. In fact, it seemed as if he was having the time of his life.
  • (3/5)
    A great slog of a bathroom book. Casual 19th century racism of a genial sort. But great travel insights from another time.
  • (5/5)
    I can hardly imagine anything better than traveling the globe with Mark Twain. His wit and keen powers of observation were abundantly apparent. Sadly, so was his prejudice; although, one must remember that this was written in an entirely different time, and that, thankfully most people have become more evolved and educated since then. One also has to remember that, as Twain reminds us himself in the book, he was brought up during slavery, to accept slavery and denigration of those of different ethnicity as normal.One story, that involved him naming an Indian servant Satan had me exasperated at his presumption at making such a joke at someone else's expense and at the same time had me rolling on the floor laughing when Satan brought Twain God's calling card. That's just the crux of the story, it was a few pages in length, and the funniest passage I think I've ever read. However, the lack of respect for his servant as a human being and for the religion of others in the story, did, as I say, quite leave me feeling exasperated.